In memoriam Hans Bokelmann 1931 -2016

20. Juli 2016

Gerade noch, als ich ein gutes Buch las, dachte ich: Ach, das muss ich dem Bokelmann empfehlen.

Ich sage immer „Der Bokelmann“, wenn ich von ihm spreche, so wie man unter Studenten über den Professor spricht – schließlich habe ich tatsächlich bei ihm studiert, genauer bei Prof. Dr. Hans Bokelmann – am Institut für allgemeine und historische Erziehungswissenschaft, Abteilung für Erziehungstheorie und Bildungstheorie.

Ich habe keine Ahnung, ob es ein Pro- oder Hauptseminar war, als ich mich für Bokelmann entschied, es ging um irgendwelche Scheine. Unsere ganze Existenz drehte sich um Scheine – zu erwerben mit möglichst wenig Aufwand und möglichst viel Spaß. Mehr als das Thema interessierte uns die Uhrzeit (nichts, was am Freitagnachmittag stattfand), ob eine Freundin mit von der Partie war und ob der Prof als ok galt.

Also keiner, der uns triezte oder kompetent&weltfremd war oder einer war von diesen Kuschlern, die uns das „Du“ anboten und Scheine mit Einheitsnoten wie Karamellbonbons verteilten. So einer war Bokelmann nicht. Er sprach und dachte so schnell, dass mir schwindlig wurde – besonders, wenn ich gerade der Vorlesung über die „Einführung in die Hauptströme des Marxismus“ am Institut für Soziologie entronnen war.

Ich erinnere mich noch genau daran, dass in meinem ersten Seminar bei Bokelmann der Roman „Schöne Tage“ von Franz Innerhofer Pflichtlektüre war. Ein Roman, in dem Innerhofer seine schreckliche Kindheit beschreibt – als Leibeigener auf dem Bauernhof seines Vaters, dessen unehelicher Sohn er war – und es schaffte, seinem Schicksal zu entkommen.

Der Wille des Menschen sich selbst zu bestimmen.

Am Institut für Soziologie herrschte das Dogma der Sozialisationstheorie – die mich an das indische Kastensystem erinnerte: als Unberührbarer geboren und als Unberührbarer gestorben. In Bokelmanns Seminaren hingegen war die Rede von Selbstbestimmung. Von Selbstbefreiung.

Es ging um Schleiermachers Hermeneutik, um Kant, Thomas Bernhard, Kafkas Verwandlung, Dürrenmatt – Literatur war für ihn mehr als ein ästhetisches Experiment. Er sah den Menschen und seine Geschichten. Für den er sich mehr interessierte als für den akademischen Überbau. Mehr als für die Anzahl veröffentlichter Aufsätze.

Ja, er war ein Menschenwissenschaftler.

Einmal lud er das ganze Seminar zu sich nach Hause ein. Wir saßen auf dem Boden vor seiner Bücherwand, tranken den von Bokelmann gestifteten Wein (eine ganze Kiste), aßen Nudelsalat (von den Pädagogik-Studenten zugerichtet), mousse au chocolat (die waren wir unserem Ruf als Romanistinnen schuldig) und blickten auf Münster herab: Bokelmann wohnte nicht wie andere Professoren in einer gemütlichen Altbauwohnung im Kreuzviertel, sondern in dem einzigen Hochhaus im ganzen Münsterland. Und redete über das Fliegen.

Er hatte tatsächlich einen Pilotenschein gemacht.

Daran dachte ich immer, wenn ich mit ihm sprach.

Ein Mann, der fliegen konnte.

Gegen Ende meines Studiums arbeitete ich bei ihm als studentische Hilfskraft. Manchmal saßen wir mit ihm „beim Griechen“, einem Restaurant am Schlossplatz, wo wir den Abschluss eines Semesters feierten, die wissenschaftlichen Hilfskräfte und ich, wobei manche Doktoranden weihevoller und gespreizter auftraten als der Doktorvater selbst – der wunderbar über Studenten lästern konnte, etwa über die Frau mit dem „Pack-und-Wandertrieb“, die ständig Tüten mit sich herumtrug, in denen sie nicht nur ihre Bücher transportierte, sondern auch Wollknäuel in verschiedenen Farben: Es war nicht nur die Epoche des Nato-Doppelbeschlusses, sondern auch der entfesselten Strickerinnen.

Wenn wir nicht rauchten, strickten wir. Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, dass ich in den Seminaren nicht gestrickt hätte. Aber vielleicht verkläre ich das jetzt auch. Ich müsste Bokelmann fragen.

Wir blieben auch nach Ende meines Studiums in Kontakt. Immer war Bokelmann da und nahm Anteil an meinem Leben, mit seinen mit dunkelblauem Filzstift geschriebenen Briefen, voller Komposita (Wollenkönnen! Sichselbsterlernen! Könnenchancen!) und Gerundien: sich in Welt einarbeitend und diese ausarbeitend, seinen Maskenwechsel durchschauend! Er liebte Ausrufungszeichen!

Und ich liebte ihn dafür. Für seine Weltsicht, für seinen unaufdringlichen Gottesglauben, für seine unstillbare Neugier.

Wenn wir uns sahen, trafen wir uns in Münster bei Stuhlmacher am Prinzipalmarkt. Bokelmann aß eine Kartoffelsuppe, ich ein Wiener Schnitzel, und wir redeten über die Welt.

Und erst jetzt, als ich das Buch beiseite legte und kurz davor war, den Bokelmann anrufen, um es ihm zu empfehlen und mit ihm über die aus den Fugen geratene Welt zu reden, fiel mir ein, dass das gar nicht mehr geht.

Weil mein Freund Hans Bokelmann am 8. Juli gestorben ist.

In seinem letzten Brief schrieb er mir: Ich werde wieder ein Zeichen geben!

Daran glaube ich.


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Il mondo veneziano – nichts für Eintagsflügler

18. Juli 2016

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Ich bin immer voller Bewunderung für Menschen, die sich vornehmen, ein Buch über Venedig zu schreiben. Und gleichzeitig auch skeptisch. Weil die meisten Sachbücher nichts anderes sind als ein mehr oder weniger gut geschriebener Reiseführer. Um so mehr freut es mich, mal eine tolle Entdeckung gemacht zu haben: Mondo Veneziano von Heidrun Reinhard. „Nichts für Eintages-Ausflügler!“ schreibt jemand sehr treffend in seiner Amazon-Rezension.

Genau so habe ich es auch empfunden. Kein Buch für Eintagsfliegen, denen es um ein Selfie am Marktplatz geht, sondern für diejenigen, die Venedig lieben. Liebe heißt, den anderen zu verstehen versuchen. Dieses Buch wird Ihnen dabei helfen: Venedig wird sehr lebendig und sachkundig über Menschen und Palazzi beschrieben, die die Stadt geprägt haben – von der Ca‘ Foscari bis zur Casetta Rossa. Wobei der Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert liegt, das, wie die Autorin feststellt, sowohl für unsere Vorstellung von Venedig als auch für die Realität der Stadt entscheidend war.

Und ja, darunter sind natürlich auch einige übliche Verdächtige wie Lord Byron oder John Ruskin (dem Autor von „Die Steine von Venedig„) – der an den Fassaden der Palazzi herumkletterte (nach eigenen Aussagen nahm er 2000 Spitzbogenfenster in Augenschein), während seine junge Ehefrau Effie sich in der venezianischen Gesellschaft verlustierte. Ruskin liebte die Steine von Venedig definitiv mehr als seine Ehefrau: Nach sechs Jahren wurde die Ehe annulliert, Effie ließ sich ihr intaktes Jungfernhäutchen von einem Arzt attestieren, heiratete und bekam acht Kinder. Aber nicht nur das weiß die Autorin zu berichten, sondern auch, dass John Ruskin schon damals das beklagte, was klingt, als würde er die Touristenhorden von heute beschreiben: „arme moderne Sklaven und Einfaltspinsel, die sich wie Vieh durch die Länder treiben lassen, die sie zu besuchen meinen.“

Wunderbar unterhaltsam die Anekdoten – sehr schön übrigens das Kapitel „Greek Love“ über die angloamerikanische Szene im Palazzo Barbaro, gelungen fand ich auch, wie die Autorin das Historische immer wieder auf die Gegenwart herunterbricht, etwa indem sie Elsa Maxwell als „Erfinderin der Spaßgesellschaft“ bezeichnet oder die Marchesa Luisa Casati als „Performance-Künstlerin“. Aber das Buch ist gleichzeitig auch sehr klug und  informativ: Besonders interessant für mich war das Kapitel über das Problem des Restaurierens der Palazzi in Venedig. Der Leser erfährt von den verschiedenen Glaubensschulen der Denkmalpflege und ihren Auswirkungen auf Venedig – etwa im Fondaco dei Turchi, der bereits im 19. Jahrhundert totrenoviert wurde. Das jüngste Bespiel für eine „Totrenovierung“ kann übrigens ab diesem Herbst besucht werden: der Fondaco dei tedeschi, die ehemalige Handelsniederlassung der Deutschen, die nun dank der tatkräftigen Hilfe des Ex-Bürgermeisters Orsoni, der obersten Denkmalschützerin und dem Star-Architekten Rem Kohlhaas in ein Luxuskaufhaus verhext wurde. Auch seiner Geschichte und seinen Protagonisten, darunter kein Geringerer als Albrecht Dürer, hat die Autorin gedacht.

Heidrun Reinhard ist nicht nur studierte Kunsthistorikerin, sondern auch eine Veneziana di adozione – was sich unter anderem in ihrem Schlusswort widerspiegelt, als sie feststellt:

Alle, die Venedig in seiner Einzigartigkeit lieben, können für die Zukunft nur hoffen, dass seine Erhaltung nicht auf Dauer allein inkompetenten und überforderten Lokalpolitikern überlassen wird, die nur kurzfristige wirtschaftliche Interessen bedienen.

 

Also: Lesen!

 


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Das Ultimatum

15. Juli 2016

Seufzerbrücke

Heute hat die Unesco der italienischen Regierung ein Ultimatum gestellt: Das zur Zeit in Istanbul tagende Welterbe-Komitee hat offiziell angekündigt, Venedig im nächsten Jahr auf die Rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes zu setzen – falls bis Februar 2017 seitens der italienischen Regierung keine entscheidenden Maßnahmen zur Rettung von Venedig und seiner Lagune unternommen werden. Die UNESCO hebt mit dieser Roten Liste solche Kultur- und Naturdenkmäler hervor,

deren Bestand und Geltung durch ernste und spezifische Gefahren, wie Beschädigung, Zerstörung oder Verschwinden, bedroht sind. Die UNESCO mahnt für diese Stätten außerordentliche Schutzanstrengungen an.

Im vergangenen Herbst hat eine Unesco-Kommission Venedig besucht, sich über den Zustand Venedigs informiert und mit offiziellen Stellen und Vertretern von Bürgerinitiativen und des Kulturschutzbunds Italia Nostra geredet. Das Welterbe-Komitee fordert unter anderem ein Verbot für  „largest ships„,

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in die Lagune einzudringen, fordert nicht nur Geschwindigkeitsbeschränkungen für den Wasserverkehr, Regelungen dafür, welche Schiffe und Boote und welche Motoren (allein die Abgase von Lastkähnen enthalten hundert Mal mehr giftige Schwefelsäure als die von Autos – Venedig ist die Stadt mit der höchsten Lungenkrebsrate in Italien), sondern auch konkrete Maßnahmen für eine „sustainable turism strategy“ Das offizielle Dokument mit den Forderungen der Unesco kann hier nachgelesen werden. Hier auch dazu die Stellungnahme von Italia Nostra, eine Pressemitteilung der Bürgerinitiative Gruppo 25 aprile und eine Zusammenstellung des Pressechos.

Wenn nichts passiert, wird Venedig der „Welterbe“-Status entzogen, was für die Stadt Venedig und die italienische Regierung ziemlich peinlich wäre – die Aberkennung des Titels wäre ein Gesichtsverlust, eine Blamage ähnlich wie in Dresden, als das Dresdner Elbtal den Weltkulturerbe-Status verlor.

Sehr schön auch die Reaktion der italienischen Unesco-Vertreterin: «Abbiamo volontà e capacità, si guardi a Pompei», was so viel heißt wie: „Wir sind fähig und guten Willens, wie man am Beispiel Pompei sehen kann.“ Nun ist Pompei ungefähr das schlechteste Beispiel, das sie finden konnte – ungefähr so, wie wenn eine Krankenschwester einem Krebskranken damit Hoffnung zu machen versucht, indem sie auf die erfolgreiche Therapie an dem unter dem Sauerstoffzelt röchelnden Sterbenden hinweist.

Für uns hier in Venedig jedenfalls ist das Ultimatum der Unesco eine Hoffnung. Man fühlt sich nicht länger allein.

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Lokomotive oder Waggon?

10. Juli 2016

„Die Menschen sind entweder Lokomotiven oder Waggons. Aber du kommst nicht als Lokomotive oder Waggon zur Welt. Du musst dich entscheiden, was du sein willst“ – dieser Satz hat mich am meisten beeindruckt – in diesem Dokumentarfilm über Kalabrier, die sich entschlossen haben, sich nicht der ‚Ndrangheta zu beugen, sondern mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Männer und Frauen mit Mut, Wut und Haltung. Das ist das Italien, das ich immer bewundert habe.

Cose nostre“ heißt die neue Sendereihe der RAI, mit wirklich guten Dokumentarfilmen zum Thema Mafia. In diesem Fall sogenannte „Testimoni di giustizia“.

(Unbedingt ansehen – leider nur auf Italienisch …)


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Die Wirklichkeit der Literatur

08. Juli 2016

„Ich liebe Currywurst, rief Serena noch, aber da waren sie schon angekommen, am Ufer eines Sees, der aussah wie aus dem Katalog gefallen. Da, wo ihr Vater einst als Stahlarbeiter malocht hatte, glitten Segelboote über schwarz schillerndes Wasser, spazierten Gänse über Wiesen, lagen Mädchen mit Bauchnabelpiercings auf den Bootsstegen und tranken Cocktails.
Toll, oder?, fragte Martina.
Super, sagte Serena und dachte an Phosphor, Benzol und Dioxine im Boden. Pensi il peggio, pensi bene. Nimm das Schlechteste an, und du liegst richtig. Sagte man jedenfalls in Italien. Déformation professionnelle. Eine ihrer letzten Ermittlungen hatte dem Giftmüll gegolten, der unter der Autobahn Palermo–Catania vergraben worden war.“

(Auszug aus: „Die Gesichter der Toten. Serena Vitales zweiter Fall.“)

 

Das war eine der Passagen, die ich bei meiner letzten Lesung im Literaturhaus Herne gelesen habe – um am nächsten Tag im WDR von den Krebsfällen in Dortmund Torsten zu hören. Zufälle gibt’s.

Zumindest, was den Giftmüll betrifft.


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A Very Sicilian Justice

07. Juli 2016

Al Jazeera hat einen tollen Dokumentarfilm („A Very Sicilian Justice“) über den Prozess und den Staatsanwalt Di Matteo gedreht, der sich der „Trattativa“ widmet, der Geschäftsbeziehung zwischen dem italienischen Staat und der Mafia – über den ich nicht nur Reportagen und etliche Male in diesem Blog, etwa hier und hier, geschrieben habe, sondern der mich auch zu meinem Roman „Palermo Connection“ inspiriert hat.

Unbedingt ansehen!


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#Venicemyfuture

02. Juli 2016

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Residenti resistenti“ hängt nun an unserem Balkon, was so viel heißt wie „Renitente Residenten“ oder „Bockige Bewohner“ – denn als solche verstehen wir uns hier in Venedig: als rebellischer Rest gegen den Ausverkauf der Stadt. Heute haben sich die letzten Venezianer zu einem Aktionstag zusammengerottet, um zu protestieren: gegen Korruption und Vetternwirtschaft und gegen den Zynismus, mit dem diese Stadt versucht, auch noch ihre letzten Bewohner zu vertreiben. Hier, für diejenigen unter Euch, die des Italienischen mächtig sind, auch noch ein Video von den Vorbereitungsarbeiten. ‪#‎Venicemyfuture‬.

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Deutschland – Italien

01. Juli 2016

Fußball Venedig Petra Reski

Sie möchten jetzt gerne wissen, zu wem ich morgen Abend halten werde. Die Antwort ist einfach: zu Deutschland natürlich.

Ich halte immer zu den Schwächeren.

Und erinnere mich noch an den Horror mit Balotelli 2012, da habe ich das Spiel zusammen mit deutschen Freunden in einer Bar auf der Giudecca gesehen, und danach wurden wir von den Italienern bemitleidet. Auch schwer zu ertragen.

Oder das Ende des Sommermärchens 2006, als mich danach halb Venedig  tröstete: Mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt drückte mir mitten auf der Piazza San Marco sein Mitgefühl aus, der griesgrämige Gemüsehändler aus der Calle della Mandola hätte mir ein Anstandstor gegönnt, und mein Schreibwarenhändler bedauerte, nicht früher gewusst zu haben, dass ich Deutsche bin, weil er dann selbstverständlich zu Deutschland gehalten hätte.

Und der Italiener an meiner Seite sagte: Was für eine Heuchelei.


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Katzen in Venedig

28. Juni 2016
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Fotograf: Klaus 5979

Eine Leserin meines Blogs fragte mich, warum es in Venedig keine Katzen mehr gäbe. Die Antwort ist ganz einfach: Weil es keine Venezianer mehr gibt.

Früher gab es in Venedig alte Damen, die irgendwo Futter für die irgendwelchen Schuppen hausenden Katzen hinterlegt haben. Heute sind die alten Damen tot, ihre Erben haben die Wohnung zur Ferienwohnung umfunktioniert – und irgendwelche Schuppen, in denen Katzen hausen können, gibt es auch nicht mehr, weil alles bewohnbare an Touristen vermietet wird – wenn es nicht als Lagerraum von chinesischen Taschenhändlern und pakistanischen Regenschirm- und Glibberball-Verkäufern angemietet ist.

Als ich 1991 nach Venedig zog, hatte die Stadt noch 76 664 Einwohner. Heute morgen waren es nur noch 55 166, nachzulesen nicht nur an der Leuchtanzeige der Apotheke Morelli am Campo San Bartolomeo – sondern online auch hier, auf dieser erstaunlichen Seite, die Venedig in seinen nüchternen Zahlen erfasst.

Es war Fabio Carrera, ein Venezianer, der in Boston an der Eliteuniversität MIT Informatik lehrt, der mit seinen Studenten das Venice Dashboard entwickelt hat: ein Online-Kontrollzentrum, das Venedig in Echtzeit erfasst – von der Zahl der Kreuzfahrtschiffe (in dieser Woche 13) über die der Tagetouristen, bis hin zu den Mehrkosten für Müllabfuhr, die Zahl der Airbnb-Wohnungen oder die Kosten für die Befestigung der durch den Wellenschlag beschädigten Ufer.

Heute, am 28. Juni, wird Venedig von 35 096 Touristen besucht werden. Für Katzen ist da kein Platz ..


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Der Bankautomat der Mafia

27. Juni 2016

Ich wollte auch noch was zum #Brexit sagen, ja, Leute, tut mir leid, da müsst Ihr durch, zumal ja schon eifrig über den vermeintlichen Euroskeptizismus der Italiener berichtet wurde und wird,  wobei die SZ es hinkriegte, die römische Bürgermeisterin der Fünfsternebewegung mit der Rechten zusammenrühren (Le Pen, AfD, etc.pp.): Wenn es um Fünfsterne-Bashing geht, ist man ja vor nix fies.

Bis vor wenigen Jahren waren die Italiener nicht nur Ah-La-Germania-Eiferer, sondern auch glühendste Europaverfechter: Nur Europa kann uns retten, hieß es. Retten vor der Mafia, einer korrupten Politikerkaste, der Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst, der Jugendarbeitslosigkeit von 42 Prozent und einer Pressefreiheit, um die es nur in der Mongolei oder Bulgarien schlechter bestellt ist. Solo in Italia! Die Italiener verlangten nicht weniger, sondern mehr Europa, weil Europa da noch kein Theorem der Hochfinanz war, sondern ein Synonym für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Vielfalt. Weiterlesen »


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