Viva l’Italia

05. Dezember 2016

Also es war so: Getreu der italienischen Lebensweisheit “Nimm das Schlechteste an, und du liegst richtig” (cit. Andreotti – oft auch in der Variation “Schlecht zu denken ist Sünde, trifft aber zu”) übte ich meinen bewährten Zweckpessimismus – ungeachtet des Horoskops der Woche der Umfrageergebnisse, in denen das “No”, seit Monaten vorne lag. Weshalb ich, die im Unterschied zum Italiener an meiner Seite, kein Fernsehen schaute, sondern auf dem Sofa lag, den Roman meiner Freundin Rosemarie Bus las („Eisige Engel„) las, und es nicht fassen konnte, als der Italiener an meiner Seite sagte: „Schau mal“, und ich sah, dass das „NO“ zur Verfassungsreform fast zwanzig Prozentpunkte vor dem „SÌ“ lag.

Was soll ich sagen? Grande!

Ein toller Tag für Italien, für alle, die ihre Energien dafür eingesetzt haben (unentgeltlich, im Unterschied zur Propaganda für das „Sì“, die mit den Steuergeldern der Italiener bezahlt wurde): Juristen, Intellektuelle, Künstler wie Gianna Nannini – und, nicht zu vergessen: Sekretärinnen, Hausfrauen, Schüler, die per Fahrrad Flugblätter für das „No“ verteilt haben: Ihnen allen ist dieser Sieg zu verdanken.

Renzi wurde in der EU überschätzt:  In Verkennung der italienischen Innenpolitik wurde er zum „Anti-Berlusconi“ hochgejazzt, obwohl er nichts anderes wollte, als Berlusconis Politik mit jungen, frischen und unbelasteten Gesichtern durchzusetzen.

Der Ausgang des Referendums ist nicht nur eine Niederlage für Renzi, sondern auch für all die deutschen Politiker (Merkel, Schäuble, De Maizière etc.pp), die ohne Not in beschämender Weise den Italienern Tipps gaben, wie Sie abzustimmen hätten. Ganz zu schweigen von dem Trauerspiel der deutschen Presse, die sich bereitwillig vor Renzis Karren spannen ließ.

Einerseits. Andererseits ist der Ausgang des Referendums ein Beweis dafür, dass die italienische Demokratie so schnell nicht totzukriegen ist, und darauf bin ich stolz.


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Renzi will der Bestimmer sein

03. Dezember 2016

Und dann habe ich noch etwas für die Zeit online über das Verfassungsreferendum in Italien geschrieben.

Nando Dalla Chiesa weiß, warum so viele junge Italiener ihr Heimatland verlassen. Er ist sicher: Die von Ministerpräsident Matteo Renzi angestrebte Verfassungsreform, über die Italien am Sonntag abstimmt, wird an den Missständen nichts ändern – obgleich der Kampf um sie derzeit so entschlossen geführt wird wie eine endzeitliche Entscheidungsschlacht.

Dalla Chiesa ist Professor für die Soziologie der organisierten Kriminalität und Sohn eines von der Mafia ermordeten Generals. Durch seine Arbeit hat er viele junge Auswanderer getroffen, die jede Hoffnung aufgegeben haben, jemals wieder nach Italien zurückzukehren. Er sagt: Die jungen Leute gehen wegen der Bürokratie, die es aus ihrer Sicht unmöglich macht, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Sie klagen über die Klientelwirtschaft, die politische Korruption, den Mangel an Bürgersinn. Sie nennen die Mafia, die Camorra und die ‚Ndrangheta, die jede Menschenwürde mit Füßen trete, als Grund für ihren Weggang. Doch sie reden nicht über die Verfassung.
Die Regierung Renzi präsentiert ihr Vorhaben dennoch als das Allheilmittel schlechthin. Sie nennt als wesentlichen Grund der Reform, dass die Abschaffung des Senats Ersparnisse bringen und zu einer Beschleunigung der Regierungsgeschäfte führen würde. Tatsache aber ist, dass der Senat gar nicht abgeschafft wird, sondern lediglich die Möglichkeit, die Senatoren direkt zu wählen. Gerade diese Direktwahl aber war für die Italiener die letzte Möglichkeit, ihren politischen Willen noch zum Ausdruck zu bringen.

Im Parlament sitzen lediglich Kandidaten, die nicht direkt gewählt, sondern von den Parteien bestimmt werden. So sieht es sowohl das alte, Porcellum, „Schweinerei“, genannte Wahlrecht vor, als auch das neue. Im Italicum bleiben alle Ferkeleien des alten Wahlgesetzes bestehen. Auch weiterhin können die Italiener ihre Stimme nur den Parteien geben – und diese ernennen nach der Wahl jeden zum Abgeordneten, der ihnen genehm ist, ob Aktmodell oder Mafioso.

Weniger Demokratie

Im neuen Senat werden nach der Reform sitzen: 21 Bürgermeister, 74 regionale Abgeordnete und 5 Vertreter des Präsidenten. Sie alle werden parlamentarische Immunität genießen. Ohne die Verfassungsreform würde sie ihnen nicht gewährt. Giorgio Orsoni zum Beispiel, der ehemalige Bürgermeister Venedigs, der im Juni 2014 wegen eines Korruptionsskandals zurücktrat und derzeit vor Gericht steht, hätte gar nicht angeklagt werden können.
Nach der Verfassungsreform wären die Senatoren nur noch Teilzeitsenatoren. Zusätzlich müssten sie weiter als Bürgermeister oder Regionalabgeordnete arbeiten – was nicht nur eine Mehrbelastung an Arbeit und Kosten (etwa für Transport und Hotels) darstellt, sondern auch eine Schwächung ihres Engagements für ihre Städte und Regionen.

Nach der Verfassungsreform wäre der neue Senat kein Gegengewicht mehr zum Parlament. Dadurch wird den Wählern die Möglichkeit genommen, bei politischen Entscheidungen mitzubestimmen, und die Gewaltenteilung wird beschränkt. 56 ranghohe italienische Verfassungsrechtler kritisieren, dass durch die faktische Gleichschaltung von Senat und Parlament die Unterscheidung zwischen Exekutive und Legislative entfalle.
Nun argumentiert die Regierung gar nicht mit der Demokratie, sondern lobt die angeblichen Effizienzvorteile ihres Reformvorhabens. Doch selbst die sind fraglich. Auch nach der Reform werden die Bürgermeister und regionalen Abgeordneten im Senat ihre Zustimmung zu Gesetzen geben müssen. Das ist dann zwar nur noch eine Formsache, aber auch Formalitäten dauern. Die vermeintliche Beschleunigung sieht so aus, dass jedes Gesetz auch künftig durch zehn neue Genehmigungsverfahren muss. 22 Gesetzesnormen benötigen nach wie vor die Zustimmung von Parlament und Senat. Das braucht Zeit, selbst bei kompletter Gleichschaltung beider Gremien.

Sinnvoller: den Senatoren die Bezüge kürzen

Wie der italienische Rechnungshof ausgerechnet hat, wird es auch nicht billiger. Die Ersparnis durch die Veränderungen im Senat sind lächerlich gering: Derzeit kostet er 540 Millionen Euro pro Jahr. Durch die Reform würden weniger als 40 Millionen Euro gespart – das Gleiche wäre erreicht worden, wenn man den Senatoren zehn Prozent der Bezüge gekürzt hätte, ohne dafür die Verfassung anzurühren.

Im Wesentlichen geht es Renzi um die Macht. Ein Kind würde das Ziel der italienischen Verfassungsreform schlicht so erklären: Einer will der Bestimmer sein.
Dank der Verbindung von Verfassungsreform und neuem Wahlrecht Italicum kann der Ministerpräsident die Person zum Staatspräsidenten ernennen, die ihm genehm ist. Er kann die Mitglieder des obersten Richterrats und des Verfassungsgerichtshofs bestimmen – und nicht zuletzt auch den Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RAI. Er kann die Verfassung ändern, wann und wie es ihm in den Sinn kommt.

Berlusconi hätte davon geträumt

Gewinnt Renzi die Abstimmung am Sonntag, hat sein Amt eine Machtfülle, die mit einer parlamentarischen Republik nicht vereinbar ist, so wie die italienische Verfassung sie in ihrem ersten Teil definiert. Silvio Berlusconi hat davon vergeblich geträumt. Vor zehn Jahren schlug seine Regierung ähnliche Reformen vor. Wäre sie durchgekommen, hätte Berlusconi alle seine Kritiker und die ermittelnden Staatsanwälte ausschalten können. Die Italiener lehnten sein Ansinnen in einer Volksabstimmung ab. Damals war die Partito Democratico in der Opposition und geißelte Berlusconis Verfassungsreform als gefährlich – heute drückt sie selbst etwas Ähnliches durch.
Umso unverständlicher ist der vorauseilende Jubel im Ausland. Barack Obama, Jean-Claude Juncker, Angela Merkel, Thomas De Maizière und Wolfgang Schäuble sind Renzi beigesprungen. Auch zahlreiche deutsche Medien kommentieren die Verfassungsreform, als säßen sie in Renzis Fankurve. Sie jubeln über die vermeintliche Stabilität, die sie sich erhoffen – und übersehen, dass die häufigen Regierungswechsel in Italien keineswegs ein Zeichen für Unbeständigkeit sind, denn die Personen an der Macht sind seit Jahrzehnten die gleichen.
Italien wurde fast fünfzig Jahre lang ununterbrochen von der Democrazia Cristiana regiert. Der verstorbene Senator auf Lebenszeit Giulio Andreotti war an 33 Regierungen beteiligt, sieben Mal davon als Ministerpräsident. Der ehemalige italienische Staatspräsident und jetzige Senator Giorgio Napolitano gehört seit 1953 dem italienischen Parlament an, unter anderem als Parlamentspräsident und Innenminister.
Selbst Matteo Renzi ist keineswegs ein Newcomer, sondern schwimmt seit 1999 in den Gewässern der italienischen Politik, als er Provinzsekretär der Partito Popolare wurde. Die Regierung Letta stürzte, weil Renzi hinter den Kulissen gegen ihn so glanzvoll intrigierte. Die letzte Regierung Berlusconi stürzte, weil die Europäische Zentralbank, die EU und die anderen europäischen Staaten Berlusconi nicht mehr trauten, weshalb Staatspräsident Napolitano, stets ein großer Freund der Amerikaner, Berlusconi aus dem Amt beförderte.

Die neoliberale Troika entscheidet

Die Kritiker der Verfassungsreform – zu denen nicht nur der ehemalige Präsident des italienischen Verfassungsgerichts zusammen mit weiteren 56 Verfassungsrechtlern gehört, sondern auch zahllose andere namhafte Juristen, Intellektuelle, Journalisten, Schriftsteller und Künstler – sehen in ihr nichts anderes als ein gigantisches Hütchenspiel.
Zum Beispiel Roberto Scarpinato, Generalstaatsanwalt von Palermo: Er zeigte, dass Gesetze, die im Interesse der Regierung sind, schon jetzt in Rekordzeit durchgepeitscht werden. Gesetzesdekrete brauchen 46 Tage, Finanzgesetze 88. Alle Gesetze der europäischen Zentralbank wurden in kürzester Zeit durchgesetzt; für die italienische Arbeitsrechtsreform brauchte die Regierung eine Rekordzeit von nur 16 Tagen.
Die Reform ersetze die Macht der Bürger durch die Macht der Oligarchien, bemerkte Scarpinato – und wenn es wirklich ums Sparen ginge, würde durch die Bekämpfung der Korruption in Italien sicher mehr Geld gespart als durch die Reform des Senats. Auch sieht Scarpinato in der Verfassungsreform keine Antworten auf die Fragen der Globalisierung, unter der Italiens Wirtschaft leidet wie keine Zweite.

Wer jung und klug ist, geht

Ob nicht viel mehr die Abwesenheit jeglicher Wirtschaftspolitik für den Niedergang verantwortlich sei? Die großen italienischen Unternehmen Pirelli, Pininfarina, Indesit, Ansaldo Breda, Italcementi, Edison, Buitoni, Parmalat, Fendi, Bulgari, Gucci, Valentino: Alle sind ins Ausland verkauft worden. Es herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 40 Prozent – wer jung und qualifiziert ist, verlässt Italien; „Hirne auf der Flucht“ wird der Exodus genannt.

Scarpinato stellt fest, dass ein Land nur dann seine die Wirtschaftspolitik bestimmen könne, wenn es über die entsprechenden Werkzeuge verfüge, zu denen eine souveräne Geldpolitik, Währungs- und Bilanzpolitik gehören. Doch die werden nicht mehr von der italienischen Regierung entschieden, sondern von der europäischen Kommission, der europäischen Zentralbank und dem internationalen Währungsfonds. Kurz: von der Troika, der Wallfahrtsstätte des neoliberalen Gedankenguts.

J.P. Morgan gegen „sozialistisches Gedankengut“

Folgerichtig überrascht es nicht, dass die italienische Verfassung der größten Bank der Welt schon lange ein Dorn im Auge war, der amerikanischen Bank J.P. Morgan. In ihrem 2013 erschienen Bericht über die europäische Wirtschaftskrise rät J.P. Morgan, den Süden Europas politisch zu reformieren und nicht wirtschaftlich – zum Beispiel durch eine Reform der Verfassungen. Denn die Verfassungen von Spanien, Italien und Portugal, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Fall der Diktaturen geschrieben, wiesen einen starken Einfluss „sozialistischen Gedankenguts“ auf. Den die Bank offenbar dringend beseitigen möchte.
Eines der wenigen ausländischen Blätter, die sich der Jubelarie um die italienische Verfassungsreform verweigern, ist der wirtschaftsliberale britische Economist. Er rät den Italienern, mit Nein zu stimmen, weil die geplanten Reformen die Schaffung eines „starken Mannes am Ruder“ zur Folge hätten – was in einem Land, das bereits Mussolini und Berlusconi hervorgebracht hat, nichts Gutes verheiße. Gewinnt Renzi die Volksabstimmung am Sonntag, wäre er der nächste starke Mann.


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Immer noch und mehr denn je: No!

03. Dezember 2016

Wir befinden uns im Jahre 2016 nach Christi. Alle deutschen Redaktionen sind von Renzi-Freunden besetzt? Nein! Unversehens tauchen aus dem Nichts hier und da Unbeugsame auf. Zum Beispiel in der TAZ, wo Marco D’Eramo versucht hat, den Deutschen das Referendum zu erklären, nachzulesen hier.

Von zehn jungen Italienern sind vier arbeitslos; das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) bewegt sich gerade so auf dem Niveau von vor 15 Jahren; die Neueinschreibungen an den Universitäten haben sich zwischen 2004 und 2015 um 20 Prozent verringert; gemessen am BIP, liegen die Ausgaben für Forschung und Innovation bei weniger als der Hälfte von denen in Deutschland und Österreich und bei einem Drittel der Ausgaben in Schweden; der Sekundäranalphabetismus nimmt zu; das Land deindustrialisiert sich; die Korruption frisst nach vorsichtigen Schätzungen 60 Milliarden Euro im Jahr, die Steuerhinterziehung nimmt sich noch mal 90 Milliarden. Und erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nimmt die Lebenserwartung der Italiener nicht zu, sondern ab. (…) Keines der eingangs aufgezeigten dramatischen Probleme wird von dieser Reform angegangen. (…)

Und doch wird dieses Referendum in den ausländischen Medien – mit der bemerkenswerten Ausnahme der britischen Wochenzeitung The Economist – als entscheidend angesehen, in seiner Bedeutung gleichauf mit der Abstimmung über den Brexit oder mit den französischen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr.
Doch am Sonntag stehen sich nicht ein Votum „für das bestehende System“ und für ein „populistisches“ gegenüber. Wenn das Nein bei dem Referendum siegt – dann ändert sich erst mal gar nichts. Die Italiener stimmen nicht über den Italexit ab, auch wenn die Panikkampagne der Finanzindustrie via Wall Street Journal und Financial Times die Katastrophe ausruft: Austritt aus dem Euro, Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems et cetera. Dass man mit solchen Warnungen vor der Apokalypse einen Wahlausgang beeinflussen könnte, hat sich schon beim Brexit als Irrtum erwiesen. Wie der Economist sagte: „Die Italiener dürfen sich nicht erpressen lassen.“

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NO! Zur italienischen Verfassungsreform und zum Lobbyjournalismus meiner deutschen Kollegen.

27. November 2016

Jetzt mal echt. Ich hatte wirklich die Absicht, mich nicht mehr zu äußern, zur geplanten Verfassungsreform in Italien. Eigentlich ist dazu alles gesagt. Aber leider bombardieren mich meine geschätzten deutschen Kollegen derart mit ihrer –  ja, wie soll ich es nennen? Lobbyjournalismusarbeit? – dass ich mich noch mal aufgerafft habe, kurz zur Erinnerung die wesentlichen Argumente aufzuführen, die gegen die Verfassungsreform sprechen:

Nicht der Senat wird abgeschafft, sondern die Möglichkeit, die Senatoren direkt zu wählen.
Die Verfassungsreform beschleunigt auch nicht die Regierungsgeschäfte: Der Senat existiert nach wie vor, nur nicht mehr in der ursprünglichen Form: Im „neuen“ Senat sitzen Bürgermeister und regionale Abgeordnete, die nicht gewählt, sondern von den Parteien bestimmt werden und die nach wie vor ihre Zustimmung zu den Gesetzen geben müssen – was zwar nur noch eine Formalität ist, weil die Zustimmung sicher ist, aber dennoch Zeit kostet. Überdies kommen auf diese Weise Bürgermeister und regionale Abgeordnete in den Genuss der parlamentarischen Immunität, der venezianische Bürgermeister Orsoni etwa, der wegen des Schmiergeldskandals der venezianischen Hochwasserschleuse vor Gericht steht, hätte gar nicht verklagt werden können.
Und wie der italienische Rechnungshof ausgerechnet hat, wird es auch nicht billiger: Durch die Reform würden weniger als 40 Millionen Euro gespart – das Gleiche wäre erreicht worden, wenn man den Senatoren 10 Prozent der Bezüge gekürzt hätte, ohne dafür die Verfassung anrühren zu müssen.

 

Über die grassierende Renzimanie in den deutschen Medien habe ich mich ja schon öfter gewundert, zuletzt hier, wo ich mein Erstaunen darüber äußerte, wie sehr sich die deutsche Presse für einen Ministerpräsidenten einsetzt, dessen Königsmacher und engster Vertrauter Denis Verdini ist, der bereits wegen Korruption verurteilt wurde und gegen den fünf weitere Klagen laufen: Verdacht auf kriminelle Vereinigung, Korruption, betrügerischer Bankrott, einfacher und schwerer Betrug zu Lasten des italienischen Staates. So weit, so schrecklich.

Aber da ahnte ich noch nicht, zu welcher Höchstform meine Kollegen auflaufen würden, je näher der Wahltag des Referendums zur Verfassungsreform, der 4. Dezember rückt: Man könnte meinen, es würde nicht in Italien, sondern in Deutschland gewählt.

Italiens Schuldendrama wird zur Bedrohung für Europa“ weiß Spiegel online. Die Süddeutsche warnt: „Bitte anschnallen„, wobei sich der SZ-Korrespondent verdient gemacht hat, von Renzi  für seinen unverdrossenen Agitprop mit der goldenen Feder ausgezeichnet zu werden, allein für sein „Renzi droht in dem Sumpf zu versinken, den er trockenlegen wollte“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung warnt vor der nächsten Eurokrise, für den Fall, dass die unbelehrbaren Italiener es wagen sollten, gegen die Verfassungsreform zu stimmen, für die Tagesschau handelt es sich um nichts Geringeres, als um eine Abstimmung über „Renzi und die Mutter aller Reformen“, und ich könnte jetzt noch stundenlang weiter Artikel auflisten, in denen deutsche Journalisten Renzi und seine Verfassungsreform so lobpreisen, wie ich es zuvor bereits in der italienischen Presse gelesen habe – einer Presse, die in überwältigender Mehrheit Parteien, parteinahen Unternehmensverbänden, parteinahen Industriellen und vorbestraften Multimilliardären mit eigener Partei gehört. Und die zudem staatlich subventioniert wird, was zu gewissen Liebesdiensten gegenüber den Geldgebern stimuliert. Selbst der deutsche Innenminister (Innenminister!!) Thomas De Maizière fühlte sich genötigt, „Matteo Renzis Mut“ zu loben, die italienische Verfassung zu ändern, was zwar die Italiener befremdete (De Maizière wollte offenbar nicht hinter Obama, Angela Merkel, Jean-Claude Juncker zurückstehen, die alle bereits Renzi beigesprungen sind) nicht aber die deutschen Medien.

Als Journalistin finde ich die (nicht gekennzeichnete) Parteinahme der deutschen „Qualitätsmedien“ im Hinblick auf das bevorstehende Referendum in Italien beschämend. Keiner meiner Kollegen (ich lasse mich aber gerne belehren, falls jemand EINEN, auch nur einen Artikel gelesen hat, der die Gründe benannt hat, die GEGEN die Verfassungsreform sprechen) hat den Lesern erklärt, welche Interessen sich hinter dieser „Reform“ verbergen.

Etwa die von J.P. Morgan, keine Geringere als die größte Bank der Welt. Die gibt in ihrem 2013 erschienen Bericht über die europäische Wirtschaftskrise ein paar Tipps, wie diese zu meistern sei. Der Süden Europas müsse nicht wirtschaftlich, sondern politisch reformiert werden:

In the early days of the crisis, it was thought that these national legacy problems were largely economic: over-levered sovereigns, banks and households, internal real exchange rate misalignments, and structural rigidities. But, over time it has become clear that there are also national legacy problems of a political nature. The constitutions and political settlements in the southern periphery, put in place in the aftermath of the fall of fascism, have a number of features which appear to be unsuited to further integration in the region. When German politicians and policymakers talk of a decade-long process of adjustment, they likely have in mind the need for both economic and political reform.

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Schöne Grüße von der Urenkelin

27. November 2016

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Ehrlich gesagt, fühle ich mich etwas zu jung, um als Urenkelin Goethes durchzugehen, aber: Ich fühle mich geehrt, aus Sicht der Repubblica zu diesem illustren Kreis deutscher Schriftsteller zu gehören, die als Schauplatz für ihre Romane Sizilien gewählt haben! Grazie, grazie, grazie!


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Der vermeintliche Türöffner

22. November 2016

Über die Umtriebe von Francesco Sbano, dem „Mafia-Experten“ der anderen Art, habe ich in diesem Blog schon öfter geschrieben. Sbano war nicht nur geschätzter Mitarbeiter des SPIEGEL, von Spiegel-Online und dem BR, sondern in Berlin auch zu Gast im Haus der Kulturen, was die Antimafia-Organisation Mafia? Nein danke! dazu veranlasste, einen Protestbrief zu verfassen.

Heute hat die Taz über Sbanos Verurteilung in Reggio Calabria berichtet:

ROM taz | „Saugefährlich“ sei das, was er tue – als Mafiakenner, der ganz nah dran ist: So inszenierte sich Francesco Sbano im Spiegel-Online-Interview, aber auch sonst immer gern als einer, der genau Bescheid weiß über die in Kalabrien aktive ‚Ndrangheta und ihre Bosse.

In Deutschland hat der 53-jährige Kalabrese angeblich 150.000 Stück seiner drei CDs mit Songs der ‚Ndrangheta verkauft – Liedgut, in denen sich die Bande ihrer Mordtaten brüstet. Vor allem aber fungierte Sbano als Fotograf und „Türöffner“ für Spiegel-Autoren. In deren Texten, die auch auf Spiegel Online erschienen, wurde er als Vermittler zitiert. Auch der Bayerische Rundfunk nutzte seine Dienste. Mehr oder minder naiven deutschen Journalisten nämlich vermittelt Sbano gern mehr oder minder pittoreske ‚Ndrangheta-Bosse zum Interview, in dem sie richtig auspacken, ganz so, als gebe es in ihrem Verein kein Schweigegebot – oder als sei es kurz mal ausgehebelt, wenn Herr Sbano hilft.

Nicht umsonst trägt ein Buch Sbanos den widersinnigen Titel: „Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“. Dabei heißt einer der Songs, die Sbano auf CD veröffentlichte, eben „Omertà“ , und in einem anderen Lied erfahren wir: „Es gibt keine Gnade für den, der verraten hat“. Und irgendwie hat der Mafiaexperte sich wohl anstecken lassen von dem Ton, der bei jenen bösen Burschen herrscht, die er so gut zu kennen behauptet. Am 28. Februar 2012 (die taz berichtete) jedenfalls tauchte er im Anti-Mafia-Museum von Reggio Calabria auf, wo gerade eine Schulklasse erfahren wollte, was die Bosse ihrer Region so treiben. Experte Sbano hätte da etwas beitragen können, doch ihn trieben andere Sorgen um.

„Ich mache euch fertig, euch und diese Hure!“, brüllte der Ausnahme-Investigativ-Journalist. Ungerechtfertigt habe das Museum seine Songs auf Veranstaltungen genutzt, ohne für die Rechte zu zahlen. Doch offenkundig saß das Problem tiefer: „Diese Hure“ – die Journalistin Francesca Viscone – hatte es sich erlaubt, Sbanos Werk in Zweifel zu ziehen, hatte die Frage gestellt, ob er nicht ganz leise dabei sei, die ‚Ndrangheta zu verherrlichen: als wahren Ausdruck kalabresischer Kultur und Lebensart.

Und dann lobte er sich, nach Aussagen aller Zeugen, auch noch dafür, was für ein Star er dagegen in Deutschland sei. Die Kinder im Hof des Anti-Mafia-Museums dürften diesem Auftritt eines Möchtegernbosses wohl einigermaßen fassungslos zugeschaut haben. Sbano trug sein immerhin anderthalb Stunden langer Wutanfall („du weißt nicht, wen du vor dir hast!“) nun am 5. Oktober die Verurteilung zu 40 Tagen Gefängnis ein, wegen Verleumdung.

In Italien konnte man die Faszination, die dieser Experte auf die Deutschen ausübte, nie nachvollziehen. Mal schauen, wie es der BR (der gegenüber der taz betont, Sbano nur einmal beschäftigt zu haben) und vor allem der Spiegel , der Sbano mehrfach einsetzte, zuletzt 2014, seitdem aber keinen Kontakt mehr zu ihm habe, wie ein Sprecher sagt – wie es all die deutschen Medien eben, die ihm bisher ein Forum geboten haben, in Zukunft mit dem Kenner und seinen schaurig-schönen Bossen in Kapuzenshirts halten.


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Mafia&Literatur

20. November 2016

Eines meiner Lieblingsmärchen war das von den Bremer Stadtmusikanten. Es ist eine Geschichte über Mut in einer scheinbar aussichtslosen Situation. Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn – die machtlos, hilflos und nutzlos sind, genau wie man sich als Kind – und manchmal auch als Erwachsener fühlt. Der Satz „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal“ leuchtete mir als Kind sofort ein. Es war eine Haltung, die ich überzeugend fand und die ich mir zu eigen machte.

*

Santa Rosalia. Nachts in Palermo

Santa Rosalia. Nachts in Palermo

Nachdem ich mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ geschrieben hatte, habe ich mehr als drei Jahre mit Prozessen verbracht. Beim letzten Prozess, als das Münchener Oberlandesgericht dem Kläger ein Schmerzensgeld zugesprochen hat, wegen der von mir zugefügten „schweren Verletzung des Persönlichkeitsrechts“, bin ich nicht mehr persönlich erschienen. Das Urteil war von der Richterin erlassen worden, die bereits im einstweiligen Verfügungsverfahren das Schmerzensgeld heraufgesetzt hatte, weil es ihr „a bissl gering“ erschienen war, und die den Kläger der Form halber noch gefragt hatte, ob er denn nun Mafiamitglied gewesen sei oder nicht, so wie es in allen BKA-Berichten (die Richterin sagte: „BAK-Berichten) vom Jahr 2000 bis 2008 dokumentiert wurde. Er sagte, dass er sich das auch nicht erklären könne.

*

Ich habe in der Zeit noch ein Sachbuch zum Thema Mafia veröffentlicht, mit dem Titel „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“. Bevor es erschien, hatte ich mit dem Justiziar des Verlages dagesessen und war mit ihm Satz für Satz meines Manuskripts durchgegangen – um es „wasserdicht“ zu machen, also auf mögliche Formulierungen zu überprüfen, die neuerliche Prozesse gegen mich und mein Buch hätten auslösen können. Und natürlich hatte ich schon beim Schreiben meines Buches peinlich genau darauf geachtet, bei Zitaten aus Ermittlungsakten keine Namen zu nennen, keine Umstände genauer zu schildern, die mich juristisch angreifbar hätten machen können. Ich hatte eine Schere im Kopf.

*

Als anthropologische Recherche war die Geschichte mit der Mafia in Deutschland sehr nützlich für mich. Ich habe gewissermaßen so etwas wie „method acting“ gemacht, nur eben auf Literatur übertragen: Ich habe nachvollziehen können, wie sich Menschen fühlen, die in das Visier der Mafia geraten sind – die bedroht, verklagt und verleumdet werden – und die nicht nur juristische, sondern auch sehr aufreibende menschliche Erfahrungen machen: enttäuschende, aber auch unverhofft ermutigende.

*

Die anthropologische Recherche – und die Schere im Kopf waren es, die mich letztlich dazu gebracht haben, mich der Mafia in Romanform zu nähern: Wenn ich ohnehin keine Namen nennen kann, warum soll ich mich dann der durch die Zwänge eines Sachbuchs einengen lassen? Ich wollte nicht mehr mit angezogener Handbremse schreiben – und erinnerte mich an Louis Aragon. Er nannte es mentir vrai, das Wahr-Lügen: Ein Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet.

*

Allerdings klingt das einfacher, als es war. Wie immer hatte ich nichts anderes als ein bestimmtes Gefühl im Bauch, als ich anfing zu schreiben. Oder besser: Ich fing keineswegs an zu schreiben, ich dachte nach. Und zwar ziemlich lange. Und erinnerte mich wieder daran, dass die grenzenlose Freiheit der Literatur Segen und Fluch zugleich ist. Ich wollte einen Roman schreiben, der zwar einen nachvollziehbaren, realen Hintergrund hat, aber keineswegs ein Schlüsselroman sein sollte, wo sich die Kreativität darauf beschränkt, jemandem blaue Augen zu geben, obwohl er in Wirklichkeit braune hat. Mein größtes Problem war die Moral. Die wirft sich beim Thema Mafia immer in den Weg. Und Moral wird in der Literatur oft als ein großes Hindernis angesehen. Ich fühlte mich eingeengt, als Schriftstellerin. Bis ich Quentin Tarantinos Film „Inglorious Basterds“ sah: Eine Gruppe jüdischer Partisanen bekämpft die Nazis mit Nazi-Brutalität.

In der ZEIT wurde sie als „Grandiose Rachefantasie von brutaler Frivolität“ bezeichnet. Und genau das wollte ich auch. Ich wollte mich an der ungerechten Wirklichkeit rächen und gewinnen. Wenn schon nicht im wirklichen Leben, dann wenigstens im Roman. Ich wollte die Mafiosi skalpieren, so wie es die jüdischen Partisanen in Tarantinos Film mit den Nazis gemacht haben. Ich wollte auch kein heiliges Erschaudern vor den Zeichen und Riten der Mafiosi schildern – und die Parallele zwischen den Nazis und den Mafiosi ist kein Zufall, weil dieser Vergleich der einzige ist, der Deutschen vor Augen führt, was die Mafia wirklich bedeutet. Ich wollte auch keinen Mafiakitsch erzählen, so wie es Mario Puzo mit dem Paten gemacht hat, an dem sich die Mafia noch heute erfreut. Ich wollte die Mafia auch nicht als das „absolut Böse“ erzählen, das all diejenigen ihrer Verantwortung enthebt, die ihr die Hand halten – weil sie sich mit ihr Interessen teilen. Ich wollte die Mafiosi nicht weiterleben lassen als Monster und faszinierende Unholde, ich wollte sie in die Luft sprengen.

Ich war so berauscht von der Idee. Ich sah  die Truppe schon vor mir:  angeführt von einer schönen Antimafia-Staatsanwältin würden sie mordend durch Italien und Deutschland ziehen – wie Tarantino sagte: „Ein Haufen Mistkerle mit einer Mission“.

Bis ich merkte, dass es nicht funktionierte. Weil auch das mafiosen Todeskitsch bedeutet hätte. Und weil es die Rolle der Mafia überhöht hätte, wie es in unendlich vielen Romanen der Fall ist: Sehr häufig werden die Schriftsteller selbst zum Opfer ihrer eigenen Faszination. Andrea Camilleri hat seinem Freund, dem sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia vorgeworfen, die Mafia als zu sympathisch, zu faszinierend daherkommen zu lassen, etwa wenn er Don Mariano in „Der Tag der Eule“ darüber schwadronieren lässt, dass er die Menschheit in „Menschen, Halbmenschen, Menschlein, Arschkriecher und Blablablas“ einteilt. Ich stelle eine ähnliche Faszination bei Giancarlo De Cataldo fest, die im übrigen auch von den von ihm beschriebenen Mafiosi geteilt wurde, was sogar zu einer Zurechtweisung des Obersten Richterrats führte, weil De Cataldo eine gewisse Nähe zu den Personen pflegte, die ihm als Vorlagen für seine Romanfiguren dienten, er tauschte nicht nur sms mit einem der Angeklagten des römischen Mafiaskandals aus, sondern telefonierte auch mit ihm , was für einen Schriftsteller kein Problem sein mag, für einen Richter wie De Cataldo aber eine heikle Sache ist. Und auch Roberto Saviano scheint vom Mafia-Zauber oft so geblendet zu sein wie viele Jungs in Neapel – ohne zu merken, dass er der Mafia einen Gefallen tut, wenn er sie als unbesiegbar darstellt. Mächtig ist sie nur dank ihrer Unterstützer, die die Mafia für ihre Zwecke benutzten, gewissermaßen als Dienstleistungsgesellschaft. Ohne sie würde die Mafia schon lange nicht mehr existieren.

Das wirklich Spannende an der Mafia ist für mich nach wie vor die sogenannte „Grauzone“: Die ist literarisch unendlich ergiebig. Interessanter und facettenreicher als die Mafia. Ohne die Grauzone hätte die Mafia nie existiert. Ohne die Unterstützung der vermeintlich Guten, ohne die Feigheit vieler und den verschlossenen Mündern all denjenigen, die für sich einen persönlichen Vorteil aus der Mafia ziehen können, ohne ihre Sympathisanten – Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – wäre die Mafia schon längst besiegt.

Alle diejenigen, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten, sind literarisch unfassbar lohnend. Finde ich.

*

Und so habe ich die Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale erfunden – die Serena genannt wird, aber eigentlich mit dem Vornamen Santa Crocifissa geschlagen ist: heilige Kruzifixin. (Sie wurde nach ihrer im Kindbett verstorbenen Großmutter benannt.) In Palermo Connection  führt sie einen Prozess gegen einen Minister, der angeklagt ist, mit Mafia zusammenzuarbeiten. Und muss die Erfahrung machen, dass im Grunde niemand an der Wahrheit interessiert ist. In Die Gesichter der Toten wird sie mit der Suche eines nach seit Jahrzehnten untergetauchten Boss beauftragt.

Und zur Zeit ermittelt sie in einer Geschichte, zu der ich Ihnen nicht allzuviel Details verraten kann: Über laufende Ermittlungen will Serena Vitale nicht sprechen, hat sie mir gesagt. Aber so viel habe ich doch aus ihr herausgekriegt (wir waren mal wieder zusammen essen, in ihrer Lieblingstrattoria in Palermo, Piccolo Napoli): Sie ermittelt wieder in Italien und Deutschland, und Wolfgang Wieneke ist auch wieder mit von der Partie. Investigativ, sozusagen.

Ich lüge, um die Wahrheit zu erzählen.


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#ErectionNight

13. November 2016

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(„Er nennt sich Trump. Aber in Wirklichkeit ist er es immer noch.“)

Dieses Bild ging am Morgen nach dem Trump-Sieg durch die (italienische) Social-Media-Welt. Hashtag: #ErectionNight.

Zwanzig Jahre Berlusconi haben uns gestählt. Weshalb am Morgen danach in Italien fast jeder an B. und an Bunga-Bunga dachte.

Als B. damals gewählt wurde, habe ich auch gedacht: Die haben einen Knall, die Italiener. Und auch damals war jedem klar (selbst vielen, die B. gewählt haben), dass B. bei jedem Atemzug log und seine Geschichte vom Selfmademillionär, Verzeihung, ein Scheißdreck war. Damals wussten zwar nur wenige gut informierte Menschen von Berlusconis Verbindungen zur Mafia und von den Ermittlungen zu ihm und seinem Mafia-Buddy Marcello Dell’Utri. Ermittlungen, von denen übrigens der Antimafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino in seinem letzten Interview gesprochen hat – bevor er in die Luft gesprengt wurde. Aber ob es die Berlusconi-Wähler abgeschreckt hätte? Nicht unbedingt. Viele hätten einfach nur gesagt: Was spricht gegen gute Beziehungen?

Ich hätte mir damals auch gewünscht, dass die Italiener anders gewählt hätten. Aber sie haben nicht auf mich gehört.

Stattdessen begriff ich nach und nach, dass zumindest die erste Wahl von B. auch eine Protestwahl war. Ein Protest gegen Weiterlesen »


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Venezianische Maulwürfe und venezianischer Exitus

12. November 2016

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Venezianische Erfolgserlebnisse: Ein Mal die Gassen so zu blockieren, dass die Touristen nicht mehr durchkommen. Immerhin das haben wir heute geschafft. (Hier im Bild Paolo Lanapoppi, emeritierter Anglistikprofessor und Aktivist des Kulturschutzbundes Italia Nostra – der gegen den Verkauf und den Umbau der deutschen Handelsniederlassung klagte, verlor und sich dennoch nicht beirren lässt: Italia Nostra hat konkrete Pläne zum Überleben in diesem Death Valley entwickelt, ein „Manifest für Venedig“: herunterzuladen hier.)

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Bei exzellentem Demo-Wetter sind wir mitsamt unserer Rollenkoffer oder Einkaufswägelchen vom Campo San Bortolomio

14937243_998176716960534_3316604312973054624_nbis zum venezianischen Rathaus gezogen. Matteo Secchi, der Organisator von #Venexodus hat es geschafft, viele verschiedene venezianische Bürgerinitiativen für diese Demonstration zu vereinigen – was angesichts des italienischen Individualismus ein Wunder ist : Drei Italiener haben fünf verschiedene Meinungen. Inzwischen gibt es dreißig Bürgerinitiativen in der Stadt, die alle versuchen, Venedigs Schicksal zu wenden.

Allerdings haben nicht nur Venezianer an der Demonstration teilgenommen: Einige venezianische Stadträte haben Gelegenheit genutzt, um die Demonstration zu unterwandern. Eine gute Gelegenheit zum Stimmenfang läßt sich schließlich kein Politiker entgehen – worauf die demonstrierenden Venezianer „consiglieri infiltrati!“ skandierten und wir uns natürlich fragten: Wogegen demonstrieren die Stadträte? Etwa gegen ihre eigene Politik? Dagegen, die Stadt an den Meistbietenden verhökert zu haben? Dagegen, die Stadt in eine gigantische Zimmervermietung verwandelt zu haben? Gegen den venezianischen Exitus, an dem sie seit Jahren unermüdlich arbeiten? Dagegen, unzählige Nutzungsänderungen für Wohnungen erlassen zu haben, von privat zu hotelgewerblich? Etwa für die Stadträtin, die ihre fünf Wohnungen erst an ihren Ehemann vermietete, der eine Agentur für Luxus-Ferienwohnungen betreibt, und dann für ihre Wohnungen eine Nutzungsänderung beantragte, im venezianischen Stadtrat, in dem sie selbst sitzt?

Sind natürlich alles Fragen, die ein bißchen wie Rotkäppchen klingen: „Stadträte, Stadträte, warum seid Ihr zur Demonstration gekommen? Damit wir Euch besser fressen können!“

Eine Stadträtinn postete danach sofort das obligatorische Selfie auf Facebook, unter dem in schönstem Pfarrgemeinde-Duktus zu lesen war: „Inmitten der Bürger, um über die Zukunft der Stadt zu diskutieren“. Eigentlich hätte nur noch der Bürgermeister gefehlt, der gegen seine eigene Politik demonstriert.

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(Hier im Bild: Massimo Cacciari, der sogenannte und von den Medien viel geliebte „Philosophenbürgermeister“, Luigi Brugnaro, der jetzige Bürgermeister und diverse andere Spießgesellen, denen eine gute Reise gewünscht wird.)

Nachtrag: Hier auch noch kleine Presseschau auf Französisch und Deutsch.


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#VENEXODUS

10. November 2016

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Am Samstag geht es hier wieder los. Mit Rollenkoffern werden wir gegen die Vertreibung der letzten Venezianer demonstrieren: #VENEXODUS. Inzwischen sind wir nur noch: contooggive

54 927 Venezianer – allein in den letzten 20 Jahren verließen mehr als 20 000 Venezianer ihre Stadt. Endgültig.

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Nicht, dass diese Tatsache einen venezianischen Politiker beunruhigt hätte, ganz im Gegenteil. Der jetzige Bürgermeister hat noch nie in Venedig gewohnt, sondern in Mogliano Veneto. Wie seine Vorgänger auch betrachtet er die letzten Venezianer als widerborstigen Rest, den es noch zu beseitigen gilt, damit die Stadt endlich ungestört von Kreuzfahrtschiffsbetreibern und Airbnb bespielt werden kann.

A apropos Airbnb: Unser Haus hat sich ja in ein Hotel verwandelt. Und wir werden als Portiers betrachtet, die es auch hinnehmen müssen, dass ein Mal im Monat Wasser durch die Decke kommt, weil die Ferienwohnungen nicht für ihre Belastung ausgerichtet sind.

Noch mal apropos: Im sizilianischen Trapani ist vor kurzem ein Tourist in einem Airbnb durch eine Kohlenmonoxidvergiftung ums Leben gekommen, sein Mitbewohner liegt im Koma – infolge eines nicht ordentlich gewarteten Schornsteins. Denn anders als ein Hotel, dessen Betreiber ständig vom Gesundheitsamt, vom Ordnungsamt etc.pp. kontrolliert werden, wird eine Ferienwohnung von niemandem kontrolliert – man mietet sie auf eigene Gefahr. Und Kohlenmonoxidvergiftungen kommen in Italien häufiger vor, als man vermuten könnte. Das nur so, als Tipp, für alle, die demnächst mal wieder für ihre Ferien günstig eine Wohnung mieten wollen. Könnt Ihr gerne machen. Kann nur sein, dass Ihr am nächsten Tag nicht mehr aufwacht … Ja, ja, gemein. Aber eben auch wahr. Weiterlesen »


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