Die heiße Kartoffel. Ein #Aufschrei

10. Februar 2017

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Ich habe mich bis jetzt, wie es überhaupt nicht meine Art ist, zurückgehalten, das Virginia-Raggi-Bashing seitens der deutschen Korrespondenten zu kommentieren. Auch weil es mich langweilt, mich zu wiederholen. Über das Copy&Paste-Prinzip der Italien-Berichterstattung habe ich schon so oft (zuletzt hier) geschrieben, dass ich es singen kann. Erst gestern wieder in der Süddeutschen, ein mit Fussball-Termini (der Korrespondent, so heißt es, war mal Sportreporter, wobei: Nichts gegen Sportreporter!) gespicktes Copy-Paste-Bravourstück:

Nun droht ein eklatantes Scheitern, eine Art Kanterniederlage. (…) Die Grillini regieren die Hauptstadt wie ein Provinznest (…) Da war plötzlich diese junge Frau, die niemand kannte und die keine Verpflichtungen zu haben schien. Feenhaft leicht wirkte sie, anders. (…) Nur stellte sich bald heraus, dass sie nicht feenhaft leicht und frei war, sondern eher federleicht. Raggi umgab sich mit Leuten aus der ehemaligen Entourage des Postfaschisten Alemanno. Sie bedachte sie mit fragwürdigen Beförderungen und Lohnerhöhungen, deretwegen nun ermittelt wird. Warum sie das tat, ist ein Rätsel. Das Ehrlichkeitsgelübde klang jedenfalls plötzlich hohl.

Mehr passierte bisher nicht.

Und genau das ist das Problem. Dass man Virginia Raggi bislang immer noch nichts anhängen kann. Außer, dass sie sich auf einen Schlag die gesamte italienische und römische Führungsklasse zum Feind gemacht hat, nachdem sie beschlossen hat, Rom nicht für die olympischen Spiele kandidieren zu lassen und dem Vatikan, dem größten Immobilienbesitzer in Rom, Grundsteuer zu berechnen. Das bedeutet: Sie hat sich zur politischen Führungsklasse, die die Fünfsterne-Bewegung hasst wie der Teufel das Weihwasser, auch die beiden Machtcliquen Roms zum Feind gemacht: die Baulöwen und den Vatikan. Was in der Süddeutschen natürlich ganz anders klingt:

Große Entscheidungen schiebt Raggi vor sich her, oder sie sagt einfach Nein, wie zu Olympischen Sommerspielen. Nun möchten private Investoren ein Fußballstadion bauen, dazu ein Geschäftsviertel, neue Infrastrukturen: ein Milliardenprojekt, alles selbstfinanziert. Natürlich gibt es immer gute Gründe, große Bauprojekte zu hinterfragen. Doch in diesem Fall geht es um Tausende Jobs, mehr Steuereinnahmen, eine neue Dynamik. Und da die Cinque Stelle an der Macht sind, könnten sie zeigen, dass so etwas legal und umweltfreundlich geht. Vor dem Gestalten aber scheint man sich zu fürchten.

Halbfinale also. Wenn es so weitergeht, droht der Spielabbruch.

Genau das lese ich täglich hier in der italienischen Presse, die mehrheitlich Industriellen, Baulöwen, Parteien oder Milliardären mit eigener Partei gehört. Heute kam es zu einem besonderen Höhepunkt: „Patata bollente“ titelte das Berlusconi-Hausblatt Libero über dem Bild von Virginia Raggi – was man mit „heiße Kartoffel“, aber auch mit „heiße Möse“ übersetzen kann.

Und von all denjenigen, die sonst bei jeder Gelegenheit Sexismus! Sexismus! schreien – etwa wenn die ehemalige „Reforministerin“ und jetzige Staatssekretärin Boschi beschuldigt wird, Insiderwissen an ihren Bankdirektoren-Vater weitergegeben zu haben (Näheres nachzulesen hier): Stille. Kein Pussy Hat-Marsch für Virginia Raggi. Nichts. Auch nicht die klitzekleinste Solidaritätserklärung, als der jetzt der im Abflug befindliche Stadtplaner  Weiterlesen »


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Hinter amerikanischen Büschen

01. Februar 2017

Jetzt, wo auf allen Kanälen wie verrückt herumgetrumpt wird und Strickanleitungen für #Pussyhats die Runde machen, fiel mir wieder der Roman meiner geschätzten Kollegin Zora del Buono ein, der den wunderbaren Titel „Hinter Büschen an eine Hauswand gelehnt“ trägt (hier eine lesenswerte Kritik, und hier weitere Kritiken auf Perlentaucher). Es ist die Geschichte einer fatal attraction zwischen einem jungen amerikanischen Studenten und einer doppelt so alten deutschen Dozentin inmitten der watteweichen Welt einer amerikanischen Universität.

Über allem wabert der Konformismus umgedrehter Baseballmützen und die permanente Angst der Dozenten vor Schadensersatzklagen – weil sie eine zu schlechte Note zugemutet, beim antiharassment-Test versagt, einen Studenten im Auto mitgenommen oder religiöse Gefühle missachtet haben könnten: „Die Religiösen waren nicht bedrohlich, nur lästig. Kränkungen mussten vermieden und Ankündigungen ausgesprochen werden, bevor Verstörendes oder sexuell Explizites gezeigt oder verhandelt wurde, in Filmen zum Beispiel, damit die Studenten die Hände vor die Augen legen oder rechtzeitig den Raum verlassen konnten, homosexuelle Szenen etwa, da mochten die Filme kulturgeschichtlich noch so relevant sein, Coming out oder so“, schreibt Zora – und verwebt den Sommer auf dem amerikanischen Campus geschickt mit dem Edward Snowden-Sommer: der Terror der Wohlgesinnten mit dem Terror des NSA.

So dass am Ende nicht der Staat, der seine Bürger ausspioniert, der Skandal ist, auch nicht die Paranoia der amerikanischen Universität, auch nicht der Eifer des deutschen Verfassungsschutzes und des Bundesnachrichtendiensts, dem NSA zur Hand zu gehen, sondern eine Liaison einer doppelt so alten Frau mit einem jungen Mann.

Trump ist da eigentlich keine große Überraschung mehr.

 


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Endlich: Das Warten hat ein Ende.

22. Januar 2017

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Hochverehrte Blogleser, natürlich konnten Sie es kaum erwarten: „Die Gesichter der Toten“ jetzt als Taschenbuch, hurra, hurra, hurra. Druckfrisch, yesss.

Und wenn ich bei dieser Gelegenheit noch mal auf die herzerwärmenden Kritiken hinweisen dürfte:

»So gewinnt man ein weibliches Lesepublikum für Mafia-Thriller, die übrigens, wie Reski beweist, auch komische Passagen haben dürfen, ohne dass der Ernst der Lage verharmlost würde.« Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 9.11.2015

«Klartext-Prosa auf hohem Niveau, Faktentreue und Brisanz – und eine umwerfende Hauptfigur.« Günter Keil, literaturblog, 20.09.2015

»Selbstbewusst, sexy, schlagfertig: Staatsanwältin Serena Vitale aus Palermo leitet die Fahndung nach Alessio Lombardo, dem untergetauchten Mafia-Boss. Und Cosa-Nostra-Expertin Reski brilliert mit einem komplexen Plot, einer starken Hauptfigur und ironischen Metaphern. Ein intelligenter Kriminalroman über Geldwäsche, Korruptionsnetzwerke, die Verbindungen der Mafia nach Deutschland und den Untergang des Qualitätsjournalismus.“ Playboy 1/2016

»Die palermitische Staatsanwältin mit dem Hang zu scharfen Fragen und Heiligenfiguren ermittelt in Petra Reskis gerade erschienenem Krimi „Die Gesichter der Toten“ in jener „Zwischenwelt“, die ihre Schöpferin so penibel erforscht: Netzwerke aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi also, die voneinander profitieren.» Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 12. 2015

»Wie das erste Buch ist die wiederum sehr spannende Geschichte nicht dem Genre der klassischen Krimiliteratur zuzuordnen. Es ist bei Petra Reski ganz und gar nicht so, dass der Böse dem Guten etwas antut und dann der Aufrechte den Bösen der Gerechtigkeit zuführt. Die sehr glaubwürdig gezeichneten Figuren bewegen sich immer irgendwo dazwischen. Sie sind richtige Charaktere in einem richtigen Leben.« Salzburger Nachrichten, 02.01.2016

»Geradezu schreiend komisch sind die ironischen Seitenblicke und -hiebe auf die Welt und die Arbeitsbedingungen des Journalismus. Es gibt neben der Staatsanwältin Vitale nämlich noch einen zweiten Helden bzw. eher Antihelden: den deutschen Reporter Wolfgang Widukind Wieneke, dem die Mafia mehr oder weniger passiert, der sich dann aber – auch wenn ihn und Vitale sonst nicht viel verbindet – auf seine Weise ebenso in das Thema verbeißt wie die Italienerin. Und so erfährt man ganz nebenbei mehr über den Journalismus als in einem Roman, der ihn wie Tom Rachmans „Die Unperfekten“ explizit zum Thema macht.» Die Presse, 13.02.2016

Und, ja, natürlich, die nächste Folge ist in Arbeit.

P.S.: Die nächste Gelegenheit, sich das Buch von mir höchstselbst signieren zu lassen, haben Sie am 14. März 2017 um 18 Uhr, in Dortmund im Industriemuseum Zeche Zollern!


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Und dann kam der grobe Klotz zum Einsatz

09. Januar 2017

Ich musste nicht mal bis drei zählen, da hatte sich das Establishment schon wieder gefangen: Verhofstadt hat sich gegen den Eintritt der Fünfsterne-Bewegung in ALDE ausgesprochen. Die Seilschaften funktionieren eben immer. Martin Schulz&Co waren wohl kurz vor dem Herzkasper, wie sagte er doch so schön:

„Wir beobachten, dass die Zerstörer Zulauf habe“und: „Den Parolen der Populisten und Rechtsextremen kommt man nicht bei durch fein ziselierte Argumente. Auf einen groben Klotz gehört manchmal auch ein grober Keil“.

Gesagt, getan.

Jetzt bleibt der Fünfsterne-Bewegung nur, nach der nächsten Europawahl eine eigene parlamentarische Gruppe zu gründen: „Direct Democracy Movement“. Und wie heißt es in Italien: „Si chiude una porta e si apre un portone“: Es schließt sich eine Tür, und ein Tor geht auf.


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Smart Move

09. Januar 2017

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Gestern, als ich an meinem Manuskript herumfummelte und wie gewöhnlich im Hintergrund das Radio lief (Ich brauche zur Inspiration immer so ein Grundrauschen um mich herum, deshalb schreibe ich auch gerne in Hotelhallen oder in Zügen), hörte ich, wie schätzungsweise siebzigmal in sechzig Minuten auf Radio Capital (das mal mein Lieblingsradio war, jetzt aber leider voll durchrenzisiert ist: Radio Capital gehört wie die gesamte Espresso-Repubblica-Pressegruppe dem italienischen Industriellen – mit Schweizer Pass, zur Sicherheit – Carlo De Benedetti, der das Sprachrohr der PD etabliert hat) vom europäischen Parlament und von den Fünfsternen die Rede war.

Mann, was ist da los?, fragte ich mich, haben die Abgeordneten der Fünfsterne das europäische Parlament gekapert? Peitschen sie Martin Schulz aus? Ist Virginia Raggi mit blutverschmiertem Mund im europäischen Parlament aufgetaucht und frisst kleine, unschuldige europäische Kinder? Ich habe aber dennoch ungerührt weitergeschrieben, weil das Fünfsterne-Bashing (In der Art: „Starke Schneefälle in ganz Italien – nur nicht in Rom: Ermittlungen gegen Virginia Raggi“) inzwischen zur italienischen Presse gehört wie der Wetterbericht. Oder wie der Mafioso Marcello Dell’Utri zu Berlusconi. (Übrigens war in den italienischen Radios oder Fernsehnachrichten nie davon die Rede, dass Marcello Dell’Utri eine Zeit lang Mitglied im Justizausschuss (!!) des Europäischen Parlaments war.)

Später am Abend war die Hauptmeldung (!!) sämtlicher italienischer  Fernsehnachrichten, ja was: Dass die Fünfsterne-Bewegung im europäischen Parlament die Fraktion wechseln will.

Ist ja nicht so der Aufreger, dachte ich. Weiterlesen »


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Die Kartoffelchips der Literatur

06. Januar 2017
Mondello im Winter (Foto: ©Rosario Riina)

Mondello im Winter (Foto: ©Rosario Riina)

Manchmal werde ich auf Lesungen gefragt, welche Krimis ich am liebsten lese. „Ich lese keine Krimis“, sage ich dann. Klingt jetzt snobistischer, als es gemeint ist. Wobei: Nichts gegen Snobismus.

Tatsächlich habe ich meine Lektüre nie nach Genres ausgesucht, sondern weil mich eine Geschichte neugierig gemacht hat oder ein Autor. Zumal die Bezeichnung „Krimi“ für Romane, die im weitesten Sinne mit Verbrechen zu tun haben, nicht mal ein Genre ist, sondern vor allem eine Vermarktungsstrategie. Gegen die nichts einzuwenden ist –  auch wenn sie wenig aussagekräftig, wenn nicht sogar kontraproduktiv ist, weil sie Erwartungen weckt, die viele Autoren gar nicht zu befriedigen beabsichtigen. Der Krimi gilt als die Tüte Kartoffelchips der Literatur: Unterhaltung, leicht konsumierbar. Ein vorschneller Stempel, der vor allem in Deutschland aufgedrückt wird: Als ich nach meiner allerersten Reportage in Palermo Leonardo Sciascia entdeckte und mit meinen noch dürftigen Italienisch-Kenntnissen Jedem das Seine las, einen Roman über die Mafia in einem kleinen, sizilianischen Dorf, wusste ich gar nicht, dass Sciascia in Deutschland als „Krimiautor“ galt. In Italien wurden seine Romane nie als „Krimi“ bezeichnet.

In Deutschland gilt auch Graham Greene als Krimiautor  (Ich sage nur: Unser Mann in Havanna – ein Staubsaugervertreter als Geheimdienstagent Weiterlesen »


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Postfaktische Funksignale

31. Dezember 2016

Eins muss ich noch loswerden, bevor sich das Jahr zu Ende neigt. Die Geschichte mit dem „Populismus“, dem „Postfaktischen“ und dem „Narrativ“, aargh.

(Gott sei Dank bin ich mit meiner Narrativ-Allergie nicht allein, Hermann Unterstöger hat auch etwas gegen den Narrativ und so) Also: Der Narrativ ist eine Hülse, ein Scheißdreck – würde jetzt an dieser Stelle der von mir sehr geschätzte, in seiner Branche aber unbeliebte und auch unterbezahlte Wolfgang W. Wieneke sagen. Und wo der Narrativ ist, darf der  „Populismus“ nicht fehlen- meist in Zwangskoppelung mit dem „Postfaktischen“. Zuletzt heute morgen in der Repubblica. Gerne auch in der Kombination des „postfaktischen Narrativs des Populismus“.

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In Italien wabert der Populismus-Vorwurf schon lange herum: Nicht erst seit Beppe Grillo die Fünfsterne-Bewegung gründete, wird die Populismuskeule hier nahezu täglich geschwungen – immer jedoch gegen diejenigen, die gerade nicht mitspielen dürfen, wenn es um die Macht geht. Was einmal die Lega war, dann die sogenannten girotondisti (die „Ringelreihen“ genannten Demonstrationen gegen Berlusconi), später die Partei des ehemaligen Staatsanwalts Antonio Di Pietro, die extreme Linke und eben jetzt die Fünfsterne-Bewegung. (Wenn jemand wie Berlusconi der Fünfsterne-Bewegung vorwirft populistisch zu sein, ist das ungefähr so, als würde ein Fleischesser einem Vegetarier vorwerfen, Salatblätter zu ermorden)

Aber in den letzten Monaten hat der Populismus-Vorwurf eine kometengleiche Karriere auch außerhalb von Italien hingelegt, nach Trump&Brexit und den Erfolgen der AfD schwingt auch die deutsche Presse die Populismuskeule. In den Jahresrückblicken der Tageszeitungen fehlt er ebensowenig wie in den Vorausschauen in das neue Jahr und in den Prognosen der Zukunftsforscher. Und dann das schöne Wort „postfaktisch“, haha, auf Italienisch „post-verità“, auf Englisch „post-truth“, und sogar in Frankreich ist die postfaktische Ära mit der „Ère post-factuelle“ angebrochen. (Hier übrigens ein sehr interessanter, tendenziöser, wie ich finde französischer Wikipedia-Eintrag dazu). Nachdem post-truth vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres ernannt wurde, wollten die Deutschen nicht nachstehen, zumal Angela Merkel es doch selbst gebraucht hatte: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“

Ich hatte mal einen französischen Freund, der jeden Deutschen, der bei Rot an der Fußgängerampel stehen blieb, als Faschisten bezeichnete. Das war damals so, in den Achtzigerjahren, da war alles irgendwie fascho (un peu facho), was nicht links war. Fiel mir wieder ein, als ich neulich im ZDF den Film „Die Wutbürger – Europa und die Populisten“ sah (leider nicht mehr online). Weiterlesen »


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Don Pino

31. Dezember 2016

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Don Pino, der Pfarrer von San Luca, der in Duisburg nach dem Mafiamassaker eine „Versöhnungsmesse“ abhielt (und dem ich in meinem Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern ein ganzes Kapitel gewidmet habe) steht laut der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria im Verdacht, ein Gehilfe der Mafia zu sein. Hat mich jetzt nicht wirklich überrascht.

Don Pino ist auch geistiger Vater des Wallfahrtsortes Santa Maria di Polsi, wo dieses Foto aufgenommen wurde, während meiner Recherchen für mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern„. Auf meine Frage, ob der Wallfahrtsort, wie die Staatsanwälte vermuteten, auch der Ort sei, an dem sich die ‚Ndrangheta zu einer Art jährlichen Betriebsversammlung trifft, sagte Don Pino damals:

Versammlungsort der ‚Ndrangheta? Sehen Sie, wir leugnen nicht, dass das in der Vergangenheit geschehen ist. Aber nicht weil sich die Leute da versammelten, um … wer weiß was zu verwirklichen. Es geht hier um eine Art von Frömmigkeit, eine Art von populärer Gottesfürchtigkeit der negativen Art. Das Abbild der Madonna zu verehren und gleichzeitig Verbrechen zu begehen, ist nicht miteinander zu vereinbaren. Es ist eine Todsünde. Aber in Polsi werden im Angesicht der Madonna auch die härtesten Herzen weich – und lösen sich in Tränen auf. Ich habe dort Männer gesehen, die den Boden zum Altar der Madonna mit der Zunge abgeleckt haben. Natürlich erlaubt die Kirche so etwas nicht mehr. Wieviele Wunder vollbringt diese Madonna – indem sie Herzen wieder belebt! Und dann wird sie immer noch als Madonna der ‚Ndrangheta bezeichnet! Und für uns Kalabresen ist die Madonna di Polsi der Bezugspunkt unseres Glaubens.

Bei der Ermittlungsaktion „Crimine“ 2010, in deren Verlauf über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz – filmten die Ermittler auch ein Treffen der Bosse im Wallfahrtsort Polsi.

Don Pino war mit seinem guten Freund und Bischof von Locri zur „Versöhnungsmesse“ in Duisburg angereist, Monsignor Bregatini. Dem Don Pino mitgeteilt hatte: „Nach Polsi gehen nicht die Menschen, die in Diskotheken gehen wollen. Nach Polsi kommen Menschen, die Tränen in den Augen haben. Und wer kann die Tränen besser trocknen als eine Mutter? Die Mutter Gottes? Und der Bischof sagte dann im Fernsehen: Wenn das hier in Polsi eine Versammlung der ‘Ndrangheta ist, dann bin ich der erste Mafioso.“

Bald darauf wurde Bischof Bregantini von Locri nach Campobasso versetzt. Ein kalabrischer Staatsanwalt sagte damals: „Die Kirche ist immer schneller als wir.“

 


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Nessun dorma.

30. Dezember 2016

 

Palermo im Winter

Palermo im Winter (Foto: Rosario Riina)

Heute mal wieder mit Serena Vitale telefoniert. Um zu hören, was es so Neues gibt. Sie hielt sich ziemlich bedeckt, logisch, ist ja auch keine gute Idee, am Telefon über laufende Ermittlungen zu reden. Zumal sie einen neuen Chef hat, der alte ist ins Justizministerium weggelobt worden. Was sie über den neuen gesagt hat, kann ich hier nicht schreiben, nicht jugendfrei. (Und da fand ich es, unter uns gesagt, ziemlich erstaunlich, wie offen sie über ihn geredet, nein, gelästert hat, am Telefon, ich will jetzt nicht übertreiben, aber ich hatte fast den Eindruck, dass es ihr ein gewisses Vergnügen bereitete, nach dem Motto: Ein offenes Geheimnis, dass R. eine Nulpe ist, genau aus diesem Grunde wurde er für diesen Job ausgesucht.)

Letztes Jahr  ist Serena Vitale zu Silvester übrigens mit ihrer Mutter und ihrer Tante in das Teatro Massimo gegangen, es gab Turandot von Puccini. Serenas Mutter und ihre Tante fanden, dass die Geschichte an sich hahnebüchen sei, vor allem das Ende, wenn Prinzessin Turandot gesteht, dass sie den Prinzen Kalaf von Anbeginn gehasst und zugleich geliebt habe – zumal das Ganze von einem moppeligen Tenor und einer strammen Sopranistin interpretiert wurde, die vergeblich versuchten, sich zu umarmen. Es sei ihnen lediglich gelungen, die Bäuche gegeneinander zu reiben. Serena, ihre Mutter und ihre Tante aber fielen Mutter keineswegs vor Lachen von den Stühlen, sondern sahen der Annäherung ergriffen zu. Um jetzt ihren Ausdruck zu benutzen: „Bis in die Nackenhaare bewegt, erfüllt von zu Herzen gehenden Taktwechseln, verzweifelten Todesgesängen und gläsernen Orchestersätzen. Das ist das wahre Wunder der Musik: zwei Zeppeline zu sehen und an die Liebe zu denken.“

Bei Nessun dorma fing Serena Vitale an zu heulen. Was nicht so erstaunlich ist, wie es klingt. Sie bricht sogar bei Nationalhymnen in Tränen aus, selbst bei der nicht singbaren italienischen, sie heult bei Militärmärschen, bei Blechmusik ohnehin, und bei Trauermärschen, so wie man sie auf den Karfreitagsprozessionen in Sizilien hört, etwa  „Una lacrima sulla tomba di mia madre“ ist bei ihr kein Halten mehr.

Hätten Sie jetzt nicht gedacht? Tja, an Serena Vitale gibt es eben noch viele Seiten zu entdecken. Wir haben uns für das neue Jahr verabredet, sie will mir ein paar Sachen erzählen. Und das, was sie mir angedeutet hat, klang schon so unfassbar, na ja, mehr will ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Fortsetzung folgt.

 


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Über Männer. Und historische Fehleinschätzungen

27. Dezember 2016

„Eine digitale Rampensau“, so hat mich neulich eine Freundin (wozu Feinde, wenn man Freundinnen hat?) genannt, als ich sie mal wieder zum Bloggen peitschen wollte und sie mich bei der Gelegenheit daran erinnerte, dass sie es war, die mich im fernen Jahr 2008 dazu überredet hat, mit der supereinfachen WordPress-Software einen Blog zu schreiben. Perfiderweise brachte sie auch einen meiner Texte zur Sprache, in dem sie ein beeindruckendes Beispiel einer historischen Fehleinschätzung sah: Ein Text, den ich im noch ferneren Jahr 1997 über Mobiltelefone (so nannte man das damals noch, liebe Kinder, es waren Geräte, groß und schwer wie Dampfbügeleisen, wenn man damit zu lange telefoniert  hatte, glühte das Ohr) geschrieben habe, eine gut bezahlte Auftragsarbeit, was soll ich sagen: Ich war jung und brauchte das Geld.

Der Italiener an meiner Seite reibt mir übrigens bis heute unter die Nase, dass ich mich über sein erstes Handy (es war ein Motorola und sah aus wie ein Satellitentelefon, mit dem man auch in den Bergen Afghanistans eine Konferenzschaltung hinkriegt) aufgeregt habe, ich hätte angeblich sogar dafür plädiert,  den Gebrauch von Handys in Restaurants zu verbieten, ähnlich wie das Rauchen. Meine Handy-Aversion legte sich schlagartig, als mir meine Mutter das erste Handy schenkte, welches ich kurz darauf in einem Münchener Taxi verlor, weshalb ich in Tränen aufgelöst den Italiener an meiner Seite anrief, der dann seinerseits mein Handy so lange anrief, bis der Münchener Taxifahrer es endlich unter dem Autositz klingeln hörte und mir zurückbrachte. Ich habe ihm fünfzig Mark geschenkt, dem Taxifahrer.

Hier also der Text:

Nach dem Pferdeschwanz, dem Knopf im rechten Ohr und Calvin Kleins Unterhosen sind die Männer wieder mal einer geschmacklichen Verirrung erlegen: dem Funktelefon, kurz und neckisch „Händi“ genannt. (öbrigens: Heißt der Computer bei solchen Männern Compi, der Mercedes Merci und ihre Frau Susi?? Etwa so: „Gerade hab‘ ich Susi aus dem Merci mit dem Händi angerufen“?)

Eine Frau mit Stil jedenfalls hat einen Sekretär oder mindestens einen Anrufbeantworter und denkt nicht im Traum daran, jeden Anruf selbst und noch dazu in jeder Lebenslage entgegenzunehmen. Aber Männer sind sich ja für nix zu blöd. Kein Herrenmagazin von Rang kommt mehr ohne eine Doppelseite mit den neuesten 113-Gramm-Modellen aus, jeder Gemüsehändler glaubt sich unersetzlich und will immer und für alle erreichbar sein.

Seither klingelt es überall: im Bett, im Restaurant, auf der Straße, im Beichtstuhl, auf dem Klo.

Natürlich ist die Welle aus Italien nach Deutschland geschwappt, einem Land, in dem das Mitteilungsbedürfnis existentiell („Ich telefoniere, also bin ich“) ist. Umberto Eco meinte zwar, dass nur drei Kategorien von Menschen das Recht auf ein Telefonino haben: Behinderte, Politiker und Ehebrecher, aber diese Erkenntnis ist noch nicht nach Deutschland vorgedrungen. Hier sind die Männer, die normalerweise nicht mehr als „Hm, hm, hm, aha, aha“ am Telefon rauskriegten, und es nicht mal schafften, die Grundgebühr zu vertelefonieren, neuerdings von einer ungermanisch zu nennenden Geschwätzigkeit befallen. Kein Mann kann sich mehr vorstellen, dass es mal ein Leben ohne Händi gab. Was man sich da hatte alles verkneifen müssen! Im Flughafenbus wird gleich nach der Landung, klapp-klapp, das kleine schwarze Monstrum ans Ohr gehalten, um was mitzuteilen? Die unverzichtbare Botschaft: „Hilde, ich bin jetzt im Bus. Gerade gelandet.“ Weiterlesen »


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