Falcone und Borsellino

08. Februar 2012

Hier ein Audio-Mitschnitt der Podiumsdiskussion “20 Jahre Attentate auf Falcone und Borsellino” in Stuttgart, an der unter anderem der Bruder von Paolo Borsellino anwesend war: Salvatore Borsellino, Begründer der Antimafia-Bewegung “Agende Rosse”, die diesen Namen in Anspielung auf Paolo Borsellinos roten Taschenkalender trägt, in dem er sich Notizen machte und Verabredungen eintrug. Es gibt ein Foto von dem Carabiniere, der Borsellinos Aktentasche an den noch rauchenden Autowracks vorbeiträgt. Von diesem Tag an blieb der rote Kalender verschwunden – und wurde zur Metapher für die Verbindungen zwischen Politik und Mafia. Für Salvatore Borsellino war es das erste Mal, dass er in Deutschland an die Ermordung seines Bruders erinnert hat.

Mit ihm war der Antimafia-Staatsanwalt Antonio Ingroia aus Palermo gekommen. Ingroia ist ein einstiger “giudice-ragazzo”, einer der sogenannten “Richterjungs”, wie die jungen Staatsanwälte Ende der 1980er Jahre genannt wurden, die mit großen Engagement den Kampf gegen die Mafia in Sizilien aufnahmen. Ingroia war ein Zögling von Borsellino und hat viele aufsehenerregende Mafia-Prozesse geführt, darunter gegen den ehemaligen Geheimagenten Bruno Contrada oder gegen Marcello Dell’Utri, die rechte Hand von Berlusconi. Zur Zeit führt Antonio Ingroia die Ermittlungen über die Hintergründe der sogenannten “Trattativa”, den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia Anfang der 1990er Jahre.

Auf deutscher Seite saß der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Helmut Krombacher, der auf eine lange Erfahrung als Ermittler von Mafia-Delikten zurückblicken kann und der Polizist Anton Hönig vom LKA Stuttgart. Krombacher hat schon in den 1980er Jahren gegen die Mafia in Stuttgart ermittelt – die damals noch, wie er so schön ausdrückte, von den Ermittlern als “Hühnermafia” betrachtet wurde.


In memoriam Vincenzo Consolo. Die Reise, die nie zu Ende geht.

21. Januar 2012

Heute ist der Schriftsteller Vincenzo Consolo gestorben. Ich traf ihn einmal durch reinen Zufall, auf der Terrasse des Hotel Palace in Palermo. Er saß da, im Abendlicht und sagte, ja, er kehre immer in sein Ithaka zurück, “und jedes Mal sehe ich, wie ein Stück meines Ithaka verschwindet. Viele Dinge verschwinden, das ist fatal, nichts bleibt fest, nichts kristallisiert sich, alles ist in Bewegung, alles verändert sich. Derjenige, der weggegangen ist, wünscht sich immer, dass diese Veränderungen allmählich vor sich gehen, er wünscht sich, dass sie Bereicherungen sind und keine Verluste. Aber das, was in Sizilien geschieht, passiert überall in der Welt. Wir sind alle Odysseus in dem Sinne, dass wir in unserer Welt unsere Fixpunkte verloren haben, wir haben unser Ithaka verloren, die Insel, auf die wir zurückkehren können, und deshalb sind auf der Welt von heute zu einer ewigen Wanderschaft verdammt, wir sind immer bereit, zu einer Reise aufzubrechen, die nie endet.”


Überwintern in Kalabrien.

16. Januar 2012

So schön kann die Mafia sein. Jedenfalls für deutsche Rentner.

“Dieter Esch poliert seinen Mercedes, den er in Kalabrien überall unbesorgt stehen lassen könne, wie er meint. Hier sorge schließlich die Mafia dafür, dass zahlungskräftige Gäste aus Deutschland in Ruhe gelassen werden.‘Wir sind geschützt durch diese ‘Organisation’. Und deshalb fühlen wir uns hier wohl und sicher. Sehr sicher. Also das ist schon im Prinzip gut. Auch wenn man hier in die Stadt reinfährt, auf den Markt, und man stellt den Wagen ab, man kriegt ihn wieder, wenn man zurückkommt.’ Rosarno: Süditalienisches Alltagsfair. Dieter und Gudrun Esch haben ihren Mercedes irgendwo in einer Nebenstraße geparkt. Und weil sie davon ausgehen, dass die Mafia jedem auf die Finger haut, der sich an deutschem Eigentum vergreift, genießen sie das bunte Treiben. Und sprechen so viel Italienisch, wie sie können.”

In Rosarno herrscht seit der Vertreibung der Afrikaner in der Tat Feierlaune.


02. Januar 2012

Man kann es ja nicht oft genug sagen.


Der Anti-Italiener

27. Dezember 2011

Giorgio Bocca 1920-2011

Ich wette, dass er Weihnachten nicht ausstehen konnte. Vielleicht fand er es deshalb passend, sich genau an diesem Tag von der Welt zu verabschieden. Bocca wurde in Italien als Monument der Unbeugsamkeit verehrt, einer, der sich immer schon der Schönfärberei, dem Weihrauch und der Absolution verweigert hat. Und der nur in Ausrufungszeichen redete: Mit der Beichte und den Sündenerlässen habe die katholische Kirche die Italiener rettungslos verdorben! Geblieben sei ein Volk von Dieben, ehrlos bis aufs Mark! Selbst im faschistischen Italien habe es noch einen Moralkodex gegeben, den alle mehr oder weniger respektierten! Jemand, der gestohlen hatte, war ein Dieb und sei verachtet worden. Und heute klauten selbst die Dilettanten. Diebe beklauten Diebe. Und die Jungen? Gleichgültig. Wollten einfach nur bequem leben. Nicht mal anständige Anarchisten gebe es mehr! Wie sonst sei zu erklären, dass Berlusconi immer noch lebt?

Das rief Bocca zum Warmwerden, das letzte Mal, als ich ihn im April dieses Jahres in seiner Wohnung in Mailand interviewte.  Kein anderer Journalist zeichnete die zwischen Katholizismus, Kommunismus und okkulten Mächten schwankenden Gesichter Italiens so genau wie Giorgio Bocca. In zahllosen Büchern und Artikeln beschrieb er Italiens Häutungen: Nach dem Faschismus, als alle Widerstandskämpfer gewesen sein wollten. Nach dem Fall der Mauer, als der Democrazia cristiana das Gespenst des Kommunismus abhanden kam und den Kommunisten das Geld aus Moskau. Nach dem Schmiergeldskandal der 1990er Jahre, der die etablierten Parteien in seinen Schlund riss. Bocca kannte sie alle aus der Nähe, den siebenfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, den „Göttlichen“, laut späterem Urteil mafianahe, immer noch Senator auf Lebenszeit. Bettino Craxi, den verblichenen Sozialistenchef, der mit seinen Regierungsdekreten in den 1980er Jahren den Weg frei machte für Berlusconis Privatsender, das Fundament der Berlusconischen Familienholding „Fininvest“. Und der dafür sorgte, dass Berlusconi in die Geheimloge „Propaganda Due“ aufgenommen wurde – wo er sich an der Seite von Militärs, Geheimdienstlern, Mafiabossen und anderen Spitzen der Gesellschaft befand, die einen Rechtsputsch planten. Unter Berlusconi hatte Giorgio Bocca in den 1980er Jahren den Versuch einer Fernsehkarriere gemacht, die er beendete, als er merkte, wer Berlusconi ist: Ein Aas, ein Mann ohne Moral, ohne Ernsthaftigkeit, ohne Kultur! Vom klinischen Standpunkt aus gesehen: Ein Größenwahnsinniger!

Das Arbeitszimmer in Mailand sah mit seinen verschiebbaren Bücherregalen aus wie der Saal einer Universitätsbibliothek. Boccas Blick entging nichts, das Alter hatte noch keinen Schleier über seine Augen gelegt, funkelnd lauerten sie in den Augenhöhlen. Bis zu seinem Tod schrieb er  wöchentlich zwei Kolumnen, im „Espresso“ und in der „Repubblica“. Die Espresso-Kolumne trug den programmatischen Titel „Der Anti-Italiener“ und wurde an jenem Vormittag von dem Assistenten gegengelesen, einem bärtigen jungen Mann, der füllig wie ein Sofakissen in seinem Sessel ruhte und den hageren und aufrecht sitzenden Bocca auf einen sinnlosen Satz hinwies.

Dann gibt ihm halt Sinn, schreib ihn um!, knurrte Bocca und versuchte sich der Haushälterin zu entziehen, die ihm den Pullover hochzog, um ihm vor dem Mittagessen eine Injektion in den Bauch zu jagen, ganz nebenbei. Doch nicht in Gegenwart einer Dame!, rief Bocca empört und zog sich den Pullover wieder zurecht.

Er selber sei jedenfalls gescheitert, sagte Bocca, als Journalist und was die Aufklärung der Italiener betreffe. Denn Berlusconi sei ja nicht Ursache, sondern Symptom. Das Illegale halte die italienische Gesellschaft zusammen, die Verschlagenheit! Nichts anderes. Alle anderen Werte der italienischen Einheit, das Militär, der Patriotismus seien verschwunden. Die Geschichte Italiens sei stets von einer Minderheit geschrieben worden, von den tausend Kämpfern unter Garibaldi und den Partisanen im Krieg. Sie haben es geschafft, ein bleiernes und egoistisches Volk zu bewegen! Italien braucht eine Reform der Italiener!, rief Bocca, Ausrufezeichen ausstoßend, bis es ihn kaum noch auf seinem Stuhl hielt.

Boccas bärtiger Assistent schnaufte. Und raschelte mit Papier.

Aber Sie waren es doch, der über die Existenz der beiden Italien schrieb, des anständigen und des betrügerischen, hörte ich mich sagen und fühlte mich wie eine harmoniesüchtige Moderatorin des Frühstücksfernsehens auf RAI Uno.

Ja, sagt Bocca, aber das habe ich nur geschrieben, um mir selbst Mut zu machen. In Wahrheit habe ich dieses anständige Italien nicht gefunden, nie.

Das stimmte zwar nicht, klang aber schön. Bocca war der letzte, der Palermos Polizeipräfekten Dalla Chiesa vor seiner Ermordung interviewte. Und seine Einsamkeit beschrieb.

Später aßen wir dann noch zu Mittag, Boccas Haushälterin war eine ausgezeichnete apulische Köchin. Bocca trank drei Gläser piemontesischen Rotwein, ich etwas weniger.


23. Dezember 2011

Frohe Weihnachten


Zum Thema Mafia in Deutschland

07. Dezember 2011

Der Verlag Droemer legt gegen die Zensur meines Buches “Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern” Verfassungsbeschwerde ein.


Santa Maria della Salute

23. November 2011


Die Kerze in der Mitte ist meine. Viel hilft viel, dachte ich. Heute wurde die schwimmende Brücke zur Salutekirche wieder abgebaut. Bis gestern war die Stadt voll von heimwehkranken Venezianern, die nun in Mestre, Meolo, Dolo oder sonstwo in der Diaspora des Veneto leben und jedes Jahr zur Santa Maria della Salute pilgern. Weil sie von einer Festlandsmaria, zumal wenn sie einen wenig verheißungsvollen Namen trägt (Santa Maria di Dolo: die Schmerzensreiche) nichts Gutes erwarten.


B.

14. November 2011

Das ist hoffentlich mein letzter Beitrag über den Untoten.


Er zappelt noch

13. November 2011

Gestern Abend wurde in Italien gefeiert und vor dem Präsidentenpalast “Halleluja” gesungen. Aber so lange B. noch zappelt, glaube ich an nichts. Er soll Mario Monti bereits das Versprechen abgenommen haben, weder ein neues Wahlrecht einzuführen, noch die Telekommunikationsgesetze anzurühren. Außerdem wird im Ausland immer etwas unterschätzt, dass B. keineswegs ein Fremdkörper in Italien war. Sondern seine schwarze Seele.

Der Journalist des Fatto Quotidiano Marco Travaglio hat sich heute die Mühe gemacht, in seiner Kolumne noch mal Heucheleien, Ehrenworte und Gelöbnisse aus 17 Jahren zu zitieren, von “Ich werde nie in die Politik eintreten” über “Ich werde alle meine Fernsehsender verkaufen” bis hinzu “Ich gehe weg aus diesem Scheißland “. Heute sang Angelino Alfano, B.’s Kronprinz und Generalsekretär der “Partei der Liebe”, auf RAI 3 das hohe Lied auf B., den “großen Staatsmann”. Da wurde mir schon wieder schlecht.