Katzen in Venedig

28. Juni 2016
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Fotograf: Klaus 5979

Eine Leserin meines Blogs fragte mich, warum es in Venedig keine Katzen mehr gäbe. Die Antwort ist ganz einfach: Weil es keine Venezianer mehr gibt.

Früher gab es in Venedig alte Damen, die irgendwo Futter für die irgendwelchen Schuppen hausenden Katzen hinterlegt haben. Heute sind die alten Damen tot, ihre Erben haben die Wohnung zur Ferienwohnung umfunktioniert – und irgendwelche Schuppen, in denen Katzen hausen können, gibt es auch nicht mehr, weil alles bewohnbare an Touristen vermietet wird – wenn es nicht als Lagerraum von chinesischen Taschenhändlern und pakistanischen Regenschirm- und Glibberball-Verkäufern angemietet ist.

Als ich 1991 nach Venedig zog, hatte die Stadt noch 76 664 Einwohner. Heute morgen waren es nur noch 55 166, nachzulesen nicht nur an der Leuchtanzeige der Apotheke Morelli am Campo San Bartolomeo – sondern online auch hier, auf dieser erstaunlichen Seite, die Venedig in seinen nüchternen Zahlen erfasst.

Es war Fabio Carrera, ein Venezianer, der in Boston an der Eliteuniversität MIT Informatik lehrt, der mit seinen Studenten das Venice Dashboard entwickelt hat: ein Online-Kontrollzentrum, das Venedig in Echtzeit erfasst – von der Zahl der Kreuzfahrtschiffe (in dieser Woche 13) über die der Tagetouristen, bis hin zu den Mehrkosten für Müllabfuhr, die Zahl der Airbnb-Wohnungen oder die Kosten für die Befestigung der durch den Wellenschlag beschädigten Ufer.

Heute, am 28. Juni, wird Venedig von 35 096 Touristen besucht werden. Für Katzen ist da kein Platz ..


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Der Bankautomat der Mafia

27. Juni 2016

Ich wollte auch noch was zum #Brexit sagen, ja, Leute, tut mir leid, da müsst Ihr durch, zumal ja schon eifrig über den vermeintlichen Euroskeptizismus der Italiener berichtet wurde und wird,  wobei die SZ es hinkriegte, die römische Bürgermeisterin der Fünfsternebewegung mit der Rechten zusammenrühren (Le Pen, AfD, etc.pp.): Wenn es um Fünfsterne-Bashing geht, ist man ja vor nix fies.

Bis vor wenigen Jahren waren die Italiener nicht nur Ah-La-Germania-Eiferer, sondern auch glühendste Europaverfechter: Nur Europa kann uns retten, hieß es. Retten vor der Mafia, einer korrupten Politikerkaste, der Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst, der Jugendarbeitslosigkeit von 42 Prozent und einer Pressefreiheit, um die es nur in der Mongolei oder Bulgarien schlechter bestellt ist. Solo in Italia! Die Italiener verlangten nicht weniger, sondern mehr Europa, weil Europa da noch kein Theorem der Hochfinanz war, sondern ein Synonym für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Vielfalt. Weiterlesen »


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Hey, happy Weekend!

26. Juni 2016

„Guten Morgen, wir hoffen, du bist gut in dein Wochenende gestartet“, hieß es gestern, am Samstag, was mich an den Gute-Laune-Terror der Radiosender erinnert, die ihre Hörer schon am Donnerstag darauf vorbereiten, sich endlich am Freitagmittag in das wohlverdiente Wochenende fallen lassen zu können. Heute wird es heißen: „Hallo und guten Morgen, wir hoffen, du hast bisher einen tollen Sonntag“, morgen: „Hey, guten Morgen! Wir hoffen, du hattest ein gutes Wochenende. Falls du es nicht auf Blendle verbracht hast: Die Titelgeschichte aus dem neuen SZ-Magazin hat super viele tief berührt …“

Der Blendle-Mensch lebt im Grunde nur von Freitagmittag bis Sonntagabend richtig auf, den Rest der Woche verbringt er angekettet in einem Kellerloch und hofft darauf, dass Blendle ihm einen Longread hinwirfteinen faszinierenden Deep-Dive oder einen dramatischen, neuen Must-Read, der ihm hilft, das Leben auch während der Woche zu ertragen, speziell in der nach dem B-Day: #Brexit: Diese Analyse wird dir helfen.

Habt Ihr sie noch alle?

Natürlich wünscht sich jeder Journalist so viele Leser wie möglich, aber muss das in diesem Dumm-Deutsch sein, das klingt wie Leute sprechen, die eine Überdosis Latte intus haben und die Welt nur aus google street view kennen?

Sicher, die Situation ist dramatisch, umsonst geht nicht, im Journalismus, andererseits will sich nicht jeder mit einem Blatt verheiraten (paywall klingt wie Kalter Krieg), nur weil er mal hier und da ein paar Artikel lesen möchte. Und da hatte ein kluger Niederländer (Remember: Wer hat den Kupferdraht erfunden? Zwei Holländer, die sich um einen Pfennig stritten) die Idee mit Blendle.

Tunes für Journalismus, meinen die einen, die anderen sehen darin mehr Airbnb oder Uber – der die Redaktionen, die sich jetzt Blendle an die Brust schmeißen, langfristig auffressen wird.

Journalismus wird von Blendle kuratiert, was ein schöneres Wort dafür ist, dass man nur das liest, was man schon gelesen hat – vulgo, sich in einer Filterblase befindet. Die Kuratoren schreiben mich immer persönlich an, am Anfang lang war es Marten selbst („Hey, ich bin der Gründer von Blendle, und wollte dir kurz ein Geschenk schicken“ – Hey, Marten, an der Zeichensetzung müssen wir noch arbeiten: Komma nur vor einem Nebensatz, der aus Subjekt, Prädikat und Objekt besteht). Marten wurde von einem Michaël mit zwei Punkten über dem e abgelöst, von dem ich jetzt allerdings auch schon lange nichts mehr gehört habe. Wahrscheinlich habe ich nicht genug klasse Texte gekauft, weshalb ich in der unpersönlichen „Das Beste auf Blendle“-Kiste gelandet bin.

Und in Italien gibt es das auch schon, in Form von Blasting News, wo mich eine Irma Galgano mit Mails bombardiert, deren Foto aussieht wie diese Fake-Profile auf Facebook, die ich immer sofort in dem Spam-Ordner versenke, wenn sie mich um Freundschaft bitten.

Ja, schwere Zeiten für den Journalismus. Aber: Egal. Jedenfalls für Blendle: Hey, happy Weekend. Wir hoffen, du hast bisher einen tollen Sonntag.


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Die ewige Wiederkehr des Gleichen

31. Mai 2016

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In jenem Sommer, in dem ich mich in den Italiener verliebte, erzählte man sich am Strand von Bettino Craxi Betrügereien, und ich dachte: Komisches Land, wo sogar die Bademeister wissen, wie der Sozialistenchef betrügt! Es war der Sommer 1989, ich lag im Liegestuhl und hörte dem Bademeister zu, der so gleichmütig über das System der illegalen Parteienfinanzierung von Sozialisten und Christdemokraten, über Amtsmissbrauch und Bestechungsgelder referierte, über Mafiaverwicklungen und Mordkomplotte, als handele es um das nächste Boccia-Strandturnier.

Und jetzt war ich wieder da, an dem selben Strand und dachte: Es würde reichen, „Sozialisten und Christdemokraten“ durch „Demokratische Partei und Forza Italia“ zu ersetzen, und ich könnte genau das Gleiche schreiben.

Ich lebe in einer Zeitfalle.


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Endlich etwas Gotteslästerung

21. Mai 2016

Wolfgang Michal hat mit seinem sehr lesenswerten Text „Darf man investigativen Journalismus kritisieren oder ist das ein Sakrileg?“ endlich etwas Blasphemie und ein paar Fragen eingebracht, zu den ‪#‎Panamapapers‬ – und zum ‪#‎Politik‬ machen mit Medienkartellen.

Bereits der nationale Rechercheverbund der Leitmedien WDR, NDR und SZ prägt in zunehmender Penetranz die heimische Nachrichtenagenda. Das macht den Medienmarkt nicht etwa vielfältiger, sondern ärmer. Denn solche Recherche-Verbünde verschärfen den Konzentrationsprozess. Sollte es irgendwann kein kritisches Correctiv mehr geben, könnte es passieren, dass kleine Meldungen nach Belieben gepuscht und politisch instrumentalisiert werden. Es würde dann niemanden mehr geben, der vernehmbar dazwischenruft: Habt ihr keine anderen Sorgen?

 

(Und wenn ich das noch mal hervorheben darf: Auch Wolfgang W. Wieneke, der mir ans Herz gewachsene Investigativreporter, hat so seine Probleme mit der Idee mit den Investigativreporterpools: Mir gegenüber hat er sich mal darüber beklagt, dass er die großen Geschichten früher ganz allein gestemmt habe, und jetzt schwärme für jeden klitzekleinen Bauskandal eine ganze Schulklasse aus.)


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Lutscher-Journalismus

17. Mai 2016

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Wer die letzten Jahre im Busch oder im Koma verbracht hat und jetzt zum ersten Mal wieder deutsche Zeitungen liest, der muss Matteo Renzi für den Papst oder den König von Deutschland halten. Nahezu täglich wird der italienische Ministerpräsident zur Lichtgestalt, zum Messias und Erlöser nicht nur Italiens, sondern ganz Europas verklärt.

Das Rennen um die beste Hofberichterstattung wird siegreich von der süddeutschen Zeitung angeführt, dicht gefolgt von der  Wirtschaftswoche, dem Handelsblatt und der ZEIT (leider ist das letzte Interview mit Maria Elena Boschi noch nicht online, eine Perle). Die FAZ gibt sich noch hin und wieder mäkelig, wegen des italienischen Haushaltsdefizits, das sie trotz aller Charme-Offensiven nicht zu schlucken vermag, der Spiegel lobte sich wieder tapfer und stetig vor, nachdem er vorübergehend leicht abgeschlagen schien und ich schon kurz davor war, mir Sorgen zu machen – bis ich merkte, dass die Abgeschlagenheit des Spiegel nicht einer Immunität gegenüber der allseits grassierenden Renzitis geschuldet war, sondern eher der Tatsache, dass man sich an der Ericusspitze für Italien nur ganz am Rande, vorzugsweise in Form von mit Pistolen garnierten Spaghetti interessiert.

Jetzt aber hat sich der Außenseiter mit einer von Giuliano Ferrara verfassten Renzi-Eloge ganz nach vorne geputscht: Eine derart speichelleckerische Jubelarie („Einer wie Berlusconi. Warum mich in unseren Premier Matteo Reni verguckt habe“) hätte sich nicht mal die notorisch renzitreue Repubblica zu veröffentlichen getraut. Weiterlesen »


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Overbooked

04. Mai 2016

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Es mag Zufall sein, dass ich täglich an den Satz „Entweder kontrollierst du den Tourismus oder der Tourismus kontrolliert dich“ denken muss – gelesen in dem luziden und extrem empfehlenswerten Buch von Elizabeth Becker: „Overbooked: The Exploding Business of Travel and Tourism„.


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Tischgespräch

30. April 2016

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Wer sich für Venedig, das Ruhrgebiet, ostpreußische Familien und die Mafia interessiert (im Wesentlichen das Gleiche, bis auf winzige Unterschiede …), dem sei das kurzweilige Tischgespräch empfohlen, das Gisela Steinhauer mit mir in Venedig für WDR 5 geführt hat. Nachzuhören hier.


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Willkommen im Club der geschwärzten Bücher

22. April 2016

Gestern las ich, dass das Buch „Emanzipation im Islam“ von Sineb El Masrar auf Geheiß des Landgerichts München geschwärzt werden müsse. Die islamische Organisation Milli Görüs erwirkte die einstweilige Verfügung. DIE WELT hat darüber berichtet und auch ein schönes Foto von der geschwärzten Passage veröffentlicht:

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Mich hat das Urteil natürlich neugierig gemacht, auf das Buch (leider ist es erst am 28. April wieder lieferbar, weshalb es vielleicht ganz nützlich ist, bis dahin die vom Freitag veröffentlichte Leseprobe zu lesen) und auf die Autorin, Tochter marokkanischer Einwanderer und, wie ich dem Wikipedia-Eintrag entnehme, Gründerin des ersten deutschen multikulturellen Frauenmagazins Gazelle (sehr interessante Texte, unbedingt mal einen Blick reinwerfen!).

Im Ausland ist man über die deutsche Praxis, missliebige Bücher dank des Persönlichkeitsrechts zu schwärzen (wie es auch bei den Büchern von Francesco Forgione „Mafiaexport“ oder von Jürgen Roth „Mafialand Deutschland“ der Fall war) sehr erstaunt – ich habe darüber bereits mehrmals geschrieben, unter anderem hier, anlässlich der einstweiligen Verfügung gegen den MDR-Film über die ‘Ndrangheta in Erfurt, oder auch in der taz:

Mit der vermeintlichen Verletzung des Persönlichkeitsrechts lassen sich nicht nur Berichte über mutmaßliche Stasi-Kontakte eines Politikers stoppen, sondern auch über Mafiosi und ihre Verbindungen in Politik und Wirtschaft. Wer gegen einen Artikel oder ein Buch klagen will, kann sich das Gericht und sogar den Richter aussuchen – und wendet sich dabei an Gerichte, die für ihre Pressefeindlichkeit bekannt sind. Ende der Berichterstattung. Als mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ erschien, verklagten mich mehrere italienische Gastronomen – und weder diverse BKA-Berichte, Aussagen hochrangiger Antimafia-Ermittler noch kiloweise Ermittlungsunterlagen italienischer und deutscher Staatsanwaltschaften reichten aus, um die Gerichte zu überzeugen, dass die eigentliche Aufgabe eines Journalisten in der Verdachtsberichterstattung besteht – und nicht darin, lediglich erfolgte Urteile zu referieren. Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.

In dem Zusammenhang finde ich die Ausführungen von Hamed Abdel-Samad interessant, der sich in seinem Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ die Frage stellte: „Sind der Islam und die Mafia vergleichbar?“ und erstaunliche Parallelen im Hinblick auf Entstehungsgeschichte, Strukturen, Freund und Feind, Raubüberfälle und Schutzgelderpressung, unbedingter Gehorsam und die Abstrafung von Abtrünnigen und Kritikern feststellte.

Und wer jetzt hier – auch angesichts der seit drei! Wochen! andauernden! Böhmermann-Staatskrise in Deutschland anti-islamische Gefühle wähnt und sofort was lostwittern möchte, dem sei zur Beruhigung gesagt, dass ich in meinem geschwärzten Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern„, das in der italienischen Übersetzung übrigens den schönen Titel „Santa Mafia“ trägt, die Gemeinsamkeiten zwischen der Mafia und der katholischen Kirche aufgeführt habe.


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Grazie Gianroberto

14. April 2016

Gianroberto_Casaleggio

Gianroberto Casaleggio

1954 – 2016

Heute wurde Gianroberto Casaleggio in Mailand beigesetzt. Er war einer der beiden Gründerväter der Fünf-Sterne-Bewegung – und starb mit nur 61 Jahren „nach einer langen, schweren Krankheit“ – wie man in solchen Fällen sagt.

Sein Tod ist ein großer Verlust. Nicht nur für die Fünf-Sterne-Bewegung, sondern für ganz Italien.

Ich bin Gianroberto Casaleggio nur ein Mal begegnet, 2009 in seinem Büro in Mailand. Ein John-Lennon-Typ, dachte ich, als ich ihn sah. Lange, lockige Haare, runde Brille. Mehr Nerd, als Manager. Wir saßen im Konferenzraum seines Büros an einem rechteckigen Tisch und sprachen über Deutschland und über die Mafia. Er empfahl mir ein Buch über Banken und Geldwäsche – nur mal so, zum Thema #Panamapapers.

 Als ich ihn in Mailand traf, war mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ gerade unter dem Titel „Santa Mafia“ in Italien erschienen, ich war nach Mailand gekommen, um für Beppe Grillos Blog interviewt zu werden. Zwei Straßen von Casaleggios Büro entfernt, in der Galleria Vittorio Emanuele nahmen wir das Video auf. Die Fünf-Sterne-Bewegung war mir da schon lange vertraut, ich hatte Beppe Grillo im Dezember 2005 bei seinem ersten Meet-Up-Treffen in Turin  kennengelernt und darüber in der ZEIT geschrieben. Weiterlesen »


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