Endlich etwas Gotteslästerung

21. Mai 2016

Wolfgang Michal hat mit seinem sehr lesenswerten Text „Darf man investigativen Journalismus kritisieren oder ist das ein Sakrileg?“ endlich etwas Blasphemie und ein paar Fragen eingebracht, zu den ‪#‎Panamapapers‬ – und zum ‪#‎Politik‬ machen mit Medienkartellen.

Bereits der nationale Rechercheverbund der Leitmedien WDR, NDR und SZ prägt in zunehmender Penetranz die heimische Nachrichtenagenda. Das macht den Medienmarkt nicht etwa vielfältiger, sondern ärmer. Denn solche Recherche-Verbünde verschärfen den Konzentrationsprozess. Sollte es irgendwann kein kritisches Correctiv mehr geben, könnte es passieren, dass kleine Meldungen nach Belieben gepuscht und politisch instrumentalisiert werden. Es würde dann niemanden mehr geben, der vernehmbar dazwischenruft: Habt ihr keine anderen Sorgen?

 

(Und wenn ich das noch mal hervorheben darf: Auch Wolfgang W. Wieneke, der mir ans Herz gewachsene Investigativreporter, hat so seine Probleme mit der Idee mit den Investigativreporterpools: Mir gegenüber hat er sich mal darüber beklagt, dass er die großen Geschichten früher ganz allein gestemmt habe, und jetzt schwärme für jeden klitzekleinen Bauskandal eine ganze Schulklasse aus.)


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Lutscher-Journalismus

17. Mai 2016

IMG_4592

Wer die letzten Jahre im Busch oder im Koma verbracht hat und jetzt zum ersten Mal wieder deutsche Zeitungen liest, der muss Matteo Renzi für den Papst oder den König von Deutschland halten. Nahezu täglich wird der italienische Ministerpräsident zur Lichtgestalt, zum Messias und Erlöser nicht nur Italiens, sondern ganz Europas verklärt.

Das Rennen um die beste Hofberichterstattung wird siegreich von der süddeutschen Zeitung angeführt, dicht gefolgt von der  Wirtschaftswoche, dem Handelsblatt und der ZEIT (leider ist das letzte Interview mit Maria Elena Boschi noch nicht online, eine Perle). Die FAZ gibt sich noch hin und wieder mäkelig, wegen des italienischen Haushaltsdefizits, das sie trotz aller Charme-Offensiven nicht zu schlucken vermag, der Spiegel lobte sich wieder tapfer und stetig vor, nachdem er vorübergehend leicht abgeschlagen schien und ich schon kurz davor war, mir Sorgen zu machen – bis ich merkte, dass die Abgeschlagenheit des Spiegel nicht einer Immunität gegenüber der allseits grassierenden Renzitis geschuldet war, sondern eher der Tatsache, dass man sich an der Ericusspitze für Italien nur ganz am Rande, vorzugsweise in Form von mit Pistolen garnierten Spaghetti interessiert.

Jetzt aber hat sich der Außenseiter mit einer von Giuliano Ferrara verfassten Renzi-Eloge ganz nach vorne geputscht: Eine derart speichelleckerische Jubelarie („Einer wie Berlusconi. Warum mich in unseren Premier Matteo Reni verguckt habe“) hätte sich nicht mal die notorisch renzitreue Repubblica zu veröffentlichen getraut. Weiterlesen »


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Overbooked

04. Mai 2016

IMG_4237

 

Es mag Zufall sein, dass ich täglich an den Satz „Entweder kontrollierst du den Tourismus oder der Tourismus kontrolliert dich“ denken muss – gelesen in dem luziden und extrem empfehlenswerten Buch von Elizabeth Becker: „Overbooked: The Exploding Business of Travel and Tourism„.


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Tischgespräch

30. April 2016

reski102~_v-gseagaleriexl

Wer sich für Venedig, das Ruhrgebiet, ostpreußische Familien und die Mafia interessiert (im Wesentlichen das Gleiche, bis auf winzige Unterschiede …), dem sei das kurzweilige Tischgespräch empfohlen, das Gisela Steinhauer mit mir in Venedig für WDR 5 geführt hat. Nachzuhören hier.


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Willkommen im Club der geschwärzten Bücher

22. April 2016

Gestern las ich, dass das Buch „Emanzipation im Islam“ von Sineb El Masrar auf Geheiß des Landgerichts München geschwärzt werden müsse. Die islamische Organisation Milli Görüs erwirkte die einstweilige Verfügung. DIE WELT hat darüber berichtet und auch ein schönes Foto von der geschwärzten Passage veröffentlicht:

Unknown

Mich hat das Urteil natürlich neugierig gemacht, auf das Buch (leider ist es erst am 28. April wieder lieferbar, weshalb es vielleicht ganz nützlich ist, bis dahin die vom Freitag veröffentlichte Leseprobe zu lesen) und auf die Autorin, Tochter marokkanischer Einwanderer und, wie ich dem Wikipedia-Eintrag entnehme, Gründerin des ersten deutschen multikulturellen Frauenmagazins Gazelle (sehr interessante Texte, unbedingt mal einen Blick reinwerfen!).

Im Ausland ist man über die deutsche Praxis, missliebige Bücher dank des Persönlichkeitsrechts zu schwärzen (wie es auch bei den Büchern von Francesco Forgione „Mafiaexport“ oder von Jürgen Roth „Mafialand Deutschland“ der Fall war) sehr erstaunt – ich habe darüber bereits mehrmals geschrieben, unter anderem hier, anlässlich der einstweiligen Verfügung gegen den MDR-Film über die ‘Ndrangheta in Erfurt, oder auch in der taz:

Mit der vermeintlichen Verletzung des Persönlichkeitsrechts lassen sich nicht nur Berichte über mutmaßliche Stasi-Kontakte eines Politikers stoppen, sondern auch über Mafiosi und ihre Verbindungen in Politik und Wirtschaft. Wer gegen einen Artikel oder ein Buch klagen will, kann sich das Gericht und sogar den Richter aussuchen – und wendet sich dabei an Gerichte, die für ihre Pressefeindlichkeit bekannt sind. Ende der Berichterstattung. Als mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ erschien, verklagten mich mehrere italienische Gastronomen – und weder diverse BKA-Berichte, Aussagen hochrangiger Antimafia-Ermittler noch kiloweise Ermittlungsunterlagen italienischer und deutscher Staatsanwaltschaften reichten aus, um die Gerichte zu überzeugen, dass die eigentliche Aufgabe eines Journalisten in der Verdachtsberichterstattung besteht – und nicht darin, lediglich erfolgte Urteile zu referieren. Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.

In dem Zusammenhang finde ich die Ausführungen von Hamed Abdel-Samad interessant, der sich in seinem Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ die Frage stellte: „Sind der Islam und die Mafia vergleichbar?“ und erstaunliche Parallelen im Hinblick auf Entstehungsgeschichte, Strukturen, Freund und Feind, Raubüberfälle und Schutzgelderpressung, unbedingter Gehorsam und die Abstrafung von Abtrünnigen und Kritikern feststellte.

Und wer jetzt hier – auch angesichts der seit drei! Wochen! andauernden! Böhmermann-Staatskrise in Deutschland anti-islamische Gefühle wähnt und sofort was lostwittern möchte, dem sei zur Beruhigung gesagt, dass ich in meinem geschwärzten Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern„, das in der italienischen Übersetzung übrigens den schönen Titel „Santa Mafia“ trägt, die Gemeinsamkeiten zwischen der Mafia und der katholischen Kirche aufgeführt habe.


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Grazie Gianroberto

14. April 2016

Gianroberto_Casaleggio

Gianroberto Casaleggio

1954 – 2016

Heute wurde Gianroberto Casaleggio in Mailand beigesetzt. Er war einer der beiden Gründerväter der Fünf-Sterne-Bewegung – und starb mit nur 61 Jahren „nach einer langen, schweren Krankheit“ – wie man in solchen Fällen sagt.

Sein Tod ist ein großer Verlust. Nicht nur für die Fünf-Sterne-Bewegung, sondern für ganz Italien.

Ich bin Gianroberto Casaleggio nur ein Mal begegnet, 2009 in seinem Büro in Mailand. Ein John-Lennon-Typ, dachte ich, als ich ihn sah. Lange, lockige Haare, runde Brille. Mehr Nerd, als Manager. Wir saßen im Konferenzraum seines Büros an einem rechteckigen Tisch und sprachen über Deutschland und über die Mafia. Er empfahl mir ein Buch über Banken und Geldwäsche – nur mal so, zum Thema #Panamapapers.

 Als ich ihn in Mailand traf, war mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ gerade unter dem Titel „Santa Mafia“ in Italien erschienen, ich war nach Mailand gekommen, um für Beppe Grillos Blog interviewt zu werden. Zwei Straßen von Casaleggios Büro entfernt, in der Galleria Vittorio Emanuele nahmen wir das Video auf. Die Fünf-Sterne-Bewegung war mir da schon lange vertraut, ich hatte Beppe Grillo im Dezember 2005 bei seinem ersten Meet-Up-Treffen in Turin  kennengelernt und darüber in der ZEIT geschrieben. Weiterlesen »


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Palermo und Berlin, Gianroberto und Heimweh.

12. April 2016

Von Palermo

IMG_0367 IMG_0366 IMG_0375

nach Berlin,

IMG_0319

Ryanair sei Dank. Aber trotzdem komisch. Fühle mich irgendwie so hingebeamt. Wie Indianer, die sich hinsetzen mussten, wenn sie mit dem Zug gereist waren, weil ihre Seele noch nicht mitgekommen war.

Das Deutschlandradio hat ein Interview mit mir geführt, nachzuhören hier.

Und hier in Berlin habe ich heute erfahren, dass Gianroberto Casaleggio heute gestorben ist, einer der beiden Gründerväter der Fünfsterne-Bewegung. Mit nur 61 Jahren.

Ciao Gianroberto. Mit Dir hat Italien einen Menschen verloren, der sein Land wirklich liebte.

Und plötzlich hatte ich Heimweh nach Italien.

 


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Deutschland offshore.

08. April 2016

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade in Palermo bin.

IMG_0363

(hier die etwas deprimierende Ansicht des Justizpalastes von hinten)

Jedenfalls klingt es hier so, als wollte man in Deutschland gerade mal ganz schnell das Rad neu erfinden, dank #PanamaPapers. Vulgo, die Geldwäsche in Deutschland spitzkriegen. (Auf Italienisch nennt man das: „Die Entdeckung des heißen Wassers.“) Auf allen Kanälen wird knallhart recherchiert: Spiegel online entdeckt „Deutschlands Kämpfchen gegen die Geldwäsche“ (schöne Überschrift, muss man ihnen lassen):

Nicht zuletzt wegen laxer Geldwäschekontrollen gilt Deutschland inzwischen als beliebte Destination für die italienische Mafia. Sie soll beispielsweise in Erfurt Drogenerlöse in Restaurants und Unternahmen gesteckt haben. „Wenn ich Mafioso wäre, würde ich meine Gelder in Deutschland anlegen“, sagte der italienische Staatsanwalt Roberto Scarpinato. Lange konnten Mafiosi für Geldwäsche nicht zusätzlich belangt werden, wenn sie schon für das zugrundeliegende Delikt wie etwa Drogenhandel bestraft wurden. Erst vor Kurzem wurde ein Gesetz gegen diese sogenannte Eigengeldwäsche auf den Weg gebracht – auch darauf hatte die FATF (die Anti-Geldwäschegruppe der OECD) gedrungen.

 

Maybritt Illner wirft Deutschland vor, ein Hort der Geldwäsche zu sein, und die Süddeutsche Zeitung stellt fest, dass wir „Steuerkriminellen den roten Teppich ausrollen„:

SZ: Gerade reden alle über das mittelamerikanische Land Panama. Sie bezeichnen auch Deutschland als Steueroase. Warum?

Markus Meinzer: Steueroasen ermöglichen Ausländern, Gesetze ihrer Heimatländer zu brechen. Nach dieser Definition ist Deutschland eine Steueroase. Wir rollen Steuerkriminellen den roten Teppich aus, etwa weil Ausländer keine Steuer auf Zinserträge in Deutschland bezahlen müssen und eine Meldung ans Heimatfinanzamt unterbleibt. Außerdem haben deutsche Banker keinerlei Sanktionen zu befürchten, selbst wenn sie wissentlich und vorsätzlich bei der Hinterziehung ausländischer Steuern behilflich sind. Alle verfügbaren Studien zeigen: Wenn Menschen ihr Geld über die Grenze bringen, ist Steuerhinterziehung die Regel und nicht die Ausnahme. Damit ist Deutschland nicht nur Opfer von Steueroasen, sondern Teil des Problems.

Weiterlesen »


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Italien. Mal anders.

04. April 2016

Ein hörenswertes Feature über Beppe Grillo und die Fünf-Sterne-Bewegung. Von Aureliana Sorrento.

 


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone

Es gibt Hoffnung

01. April 2016

Ich muss jetzt mal was loswerden: Die Welt ist nicht ganz schlecht.

Habe ich heute Morgen festgestellt, als ich im Bett das SZ-Magazin las.

Und an der Geschichte über Steffi Graf hängen blieb. Sport interessiert mich normalerweise null. Aber ich las weiter, weil es nicht um Sportler ging, sondern um Helden und ihrem Weg.  Als ich ungefähr in der Mitte war, also an der Stelle mit Mohammad Ali, der, als er die olympische Flamme entzündete, den Arm mit dem anderen stützte, musste ich schlucken. Und dachte: Verdammt, wer hat das denn geschrieben, das kann nicht sein, das kriegt nur einer hin. Und er war es denn auch: Holger Gertz. Mein all-times-favourite. Der mir den Glauben an meinen Berufsstand immer wieder zurück gibt.

Und dann las ich noch das grandiose Interview mit Noel Gallagher. Zum Beispiel diese Stelle:

„Über Adele haben Sie vor Kurzem gesagt, sie mache Musik für Großmütter.“
„Korrekt. Warum singt die Frau ständig diese Balladen? Wer braucht bitte Balladen? Da draußen brennt die Welt, Terroristen nieten Menschen um, halb Syrien ist auf der Flucht nach Europa, das reinste Armageddon, und was macht Adele? Singt Hello, buhuu, mein Freund hat mich verlassen, schnüff.“

„Mag sein, aber …“
„Kein Aber.“

Und schon war ich bester Laune.

(Die beiden Artikel sind übrigens nicht online, ja, so ist das, guten Journalismus kriegt man nicht umsonst.)


Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someone