Thüringer Palmen

26. Mai 2017

Heute ist der TAZ ein sehr aufschlussreicher Artikel erschienen, mit der schönen Überschrift „Thüringer Palmen“, der von dem Schmerzensgeldprozess des italienischen Gastronomen gegen den MDR handelt, der auch mich verklagt hat. Das mit den Palmen war eine schöne Metapher von Leonardo Sciascia: Aufgrund der Erderwärmung würden Palmen in absehbarer Zeit auch an Orten wachsen, an denen sie heute undenkbar seien. Und genau so verhalte es sich mit der Verbreitung der Mafia.


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In memoriam Giovanni Falcone (1939 – 1992)

25. Mai 2017
DIENSTAG, 23. MAI 2017
FAZ-FEUILLETON
In Deutschland gehört selbst die Mafia zum Markt
Die Mafia-Morde von 1992 beben bis heute nach, aber hierzulande wird die Gefahr immer noch sträflich unterschätzt / Von Petra Reski

Wie jedes Jahr wird in Palermo heute um 17.56 Uhr und 48 Sekunden Nini Rossos Trompetensolo „Il silenzio“ ertönen. Als die 572 Kilo schwere Bombe am 23. Mai 1992 in einem Abflussrohr unter der Autobahn vom Flughafen in die sizilianische Hauptstadt unweit von Capaci explodierte und den Richter Giovanni Falcone zusammen mit seiner Frau und drei Leibwächtern tötete, verzeichneten die Messstationen sizilianischer Seismographen die Bombenexplosion als ein kleines Erdbeben, mit Epizentrum bei Capaci. 57 Tage später, am 19. Juli 1992, wird Falcones Freund und Kollege Paolo Borsellino vor dem Haus seiner Mutter in die Luft gesprengt – zusammen mit seinen fünf Leibwächtern.

Die Nachbeben dieser Attentate sind in Italien bis heute zu spüren. Für viele Italiener sind die Morde an Falcone und Borsellino das Kainsmal der Republik. Niemand glaubt ernsthaft daran, dass ein halbes Dutzend Analphabeten in der Lage war, Attentate mit einer Präzision auszuführen, die selbst die Sprengstoffexperten des CIA vor Neid erblassen ließ. Wie immer wird an der Magnolie unter Falcones Wohnhaus in der Via Notarbartolo in Palermo die Nationalhymne gesungen, wie immer werden Politiker Reden halten – und wie immer werden sich viele Anti-Mafia-Staatsanwälte von diesem „Schaulaufen“ fernhalten.

In Deutschland erinnert sich kaum jemand daran, dass der letzte anonyme Brief mit einer Morddrohung für Falcone in Wuppertal abgestempelt wurde. Und dass Paolo Borsellinos letzte Reise vor seinem Tod nach Deutschland führte, wo er einen der Killer des jungen sizilianischen Staatsanwaltes Rosario Livatino verhörte, die in Leverkusen, Mannheim und Köln lebten. Sowohl Giovanni Falcone als auch Paolo Borsellino versuchten bis zu ihrem Tod die Hintergründe der Ermordung Livatinos zu ermitteln, der stets davon gesprochen hatte, dass man nach Deutschland gehen müsse, um die „neue Mafia“ zu verstehen. 1990 war Giovanni Falcone mit seinem neapolitanischen Kollegen Franco Roberti nach Düsseldorf gereist, um einen Waffen- und Sprengstoffhandel zwischen Italien und Solingen aufzuklären. Roberti, der heute Italiens nationale Anti-Mafia-Ermittlungsbehörde leitet, erinnert sich daran, dass es Falcone bereits damals um mehr ging: Er wollte verstehen, wie es der Cosa Nostra gelungen war, in Deutschland Wurzeln zu schlagen. Mit der ihm eigenen Weitsicht habe Falcone dafür plädiert, gemeinsam zu ermitteln und dauerhaft einen Informationskanal einzurichten, sei aber auf „eine Mauer aus eisiger Höflichkeit und totaler Kommunikationslosigkeit“ gestoßen: „Das Ergebnis unseres Rechtshilfeersuchens waren drei Verhörprotokolle, ausgeführt von einem deutschen Richter, gestempelt und versiegelt – und komplett nutzlos“, sagte Roberti. Die einzige Sorge der Deutschen sei die Angst vor einem Attentat gewesen, weshalb man bemüht gewesen sei, Falcone in einer Kaserne unterzubringen – was dieser aber rüde ablehnte und auf einem Hotelzimmer bestand.

Als der sizilianische Generalstaatsanwalt Roberto Scarpinato 22 Jahre später auf Einladung des Bundes deutscher Kriminalbeamter nach Deutschland kommt, berichtet er zum Erstaunen der anwesenden Presse von einem Italiener, der in Solingen als Unternehmer glänzte, in Italien als international tätiger Drogenhändler zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde – und dessen Unternehmen in Deutschland weiter florierte. Die Deutschen erwiesen sich als beratungsresistent und verteidigten ihre heiligen Kühe: Abhören ist praktisch unmöglich und Mafia-Zugehörigkeit kein Strafdelikt. Anders als in Italien, wo die alleinige Zugehörigkeit bereits bestraft wird, muss in Deutschland die konkrete Vorbereitung einer Straftat nachgewiesen werden.

In der Praxis bedeutet das, dass die heutige, neoliberal geprägte, „marktwirtschaftliche“ Mafia, die zum internationalen Anbieter illegaler Güter (Drogen, Waffen, billige Arbeitskräfte) und Dienstleistungen (Investitionskapital, illegale Giftmüllbeseitigung) aufgestiegen ist, in Deutschland als Bestandteil des Marktes geschätzt wird. Dass niemand nachfragt, woher das Geld kommt, dafür sorgt die Beweislastumkehr: Der Polizist muss nachweisen, dass das Geld aus schmutzigen Quellen stammt, kann aber nicht einfach auf Verdacht ermitteln, anlassunabhängige Finanzermittlungen sind in Deutschland nicht erlaubt. Mafia-Güter zu beschlagnahmen ist nur theoretisch möglich, praktisch aber nicht, denn anders als in Italien, wo Güter bereits konfisziert werden können, wenn nur der Verdacht auf Mafia-Zugehörigkeit besteht, kann das in Deutschland erst dann geschehen, wenn ein definitives, letztinstanzliches Urteil wegen Mafia-Zugehörigkeit vorliegt. Was bei Mafiosi, die seit vierzig Jahren in Deutschland leben und gegen die in Italien nicht ermittelt wird, gar nicht der Fall sein kann. Aber nicht nur italienische Strafverfolger wundern sich, auch deutsche: „Für die Verbrecherkartelle ist Deutschland das gelobte Land, weil unsere Justiz die Aktivität der Mafia völlig unterschätzt“, schreibt Egbert Bülles, langjähriger Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität des Kölner Justizzentrums, in seinem Buch „Deutschland, Verbrecherland?“.

Im Juli 2015 wurden acht mutmaßliche ’ndranghetisti im Bodenseeraum festgenommen, Männer im Alter zwischen vierzig und 69 Jahren. Die Ermittlung hieß „Rheinbrücke“, die ersten Verhaftungen gingen zurück auf die Operation Crimine, als 340 Mitglieder der kalabrischen Mafia in der ganzen Welt verhaftet und ’ndrangheta-Zellen in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz entdeckt wurden. Im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz, in Singen, Rielasingen und Radolfzell, aber auch in Ravensburg und Frankfurt sowie in Frauenfeld und Zürich wickelten voll funktionstüchtige Clans ihre Geschäfte ab.

„Wichtiger Schlag gegen Mafia-Schläfer“ war in der deutschen Presse zu lesen. Tatsächlich ist es aber nicht die Mafia, die schläft, sondern Deutschland. Denn vier Monate später wurden sieben der mutmaßlichen ’ndranghetisti vom Oberlandesgericht Karlsruhe wieder freigelassen, weil die Verjährungsfrist für die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung in Deutschland nur fünf Jahre beträgt.

Und als die italienische Polizei vor wenigen Wochen aufdeckte, dass der kalabrische Clan Arena Millionen an einem Flüchtlingszentrum in Crotone verdiente, erinnerte sich in Deutschland niemand mehr daran, dass derselbe Clan hier seit langem ungestört glänzende Geschäfte macht: 2008 fiel der Clan in der Wahlfälschungsaffäre um den Senator Nicola di Girolamo auf, der nur durch die Stimmen der ’ndrangheta in Deutschland 2008 als Abgeordneter der Auslandsitaliener in den Senat einziehen konnte. Im Frühjahr 2010 wurde der Senator als Protagonist eines gigantischen Geldwäscheskandals festgenommen. Di Girolamo war dank der tatkräftigen Vermittlung des Clans Arena gewählt worden, dessen Wahlhelfer die Wahlzettel fälschten. So war es dem bis dahin völlig unbekannten, politisch zuvor nie aktiven römischen Rechtsanwalt Di Girolamo gelungen, sich als Kandidat der in Europa lebenden Auslandsitaliener aufstellen zu lassen und auf Anhieb 25000 Stimmen zu erlangen – darunter auffallend viele aus Stuttgart und Umgebung.

Und im Jahr 2012 fiel der Clan Arena in den Ermittlungen rund um den Windpark Isola Capo Rizzuto auf: Die mit Steuergeldern gerettete HSH-Nordbank hatte mit 200 Millionen Euro den Windpark in Kalabrien finanziert, der vom Clan Arena betrieben wurde, worüber der für Deutschland zuständige Staatsanwalt Carlo Caponcello vor der italienischen Anti-Mafia-Kommission berichtete: „Den Deutschen muss klargemacht werden, dass die Gefahr nicht abstrakt, sondern ganz konkret ist. Die ’ndrangheta ist auch in der Schweiz und in Belgien präsent – aber ohne die Situation zu überschätzen, können wir sagen, dass Deutschland das bevorzugte Ziel ist.“

Wie günstig sich die deutschen Gesetze für die Mafia auswirken, wissen in Deutschland alle Journalisten, die einmal den Versuch unternommen haben, Ross und Reiter zu nennen. Falls sie nicht bereits von den Justitiaren daran gehindert wurden, werden sie sich vor Gericht wiedergefunden – und ihren Prozess verloren haben.

Wenn man bei Google den Suchbegriff „Falcone Deutschland“ eingibt, lautet das Ergebnis übrigens: „Moto Guzzi Falcone-Club Deutschland“. Seliges Deutschland, könnte man meinen.

Petra Reski hat mehrere Bücher und viele Zeitungsartikel über die Mafia geschrieben. Unlängst verlor sie vor einem deutschen Gericht, weil sich ein von ihr namhaft gemachter Erfurter Restaurant-Besitzer in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sah.

Das Grab von Giovanni Falcone befindet sich übrigens in Palermo seit kurzem in der Kirche von San Domenico. Die Schwester von Giovanni Falcone hat darauf bestanden, ihren Bruder in das „Pantheon der berühmten Sizilianer“ umzubetten – wo er nun an der Seite von sizilianischen Heimatdichtern und sizilianischen Juristen des Risorgimento ruht – und so von seiner Frau Francesca Morvillo getrennt wurde, Staatsanwältin auch sie. Mit der Falcone nicht nur im Leben, sondern auch im Tod vereint war: Sie ist bei dem Attentat auf Falcone ebenfalls ums Leben gekommen.

Tja. Feinfühligkeit ist nicht jedem gegeben.


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Tja.

25. Mai 2017

Dieses Bild von Paolo Borsellino hängt auf dem Flur der Antimafia-Staatsanwaltschaft im Justizpalast von Palermo. Am letzten Tag meiner Recherche habe ich (mal wieder) den Antimafia-Staatsanwalt Antonino Di Matteo interviewt. Am Rande des Interviews habe ich ihm vom Erfolg meiner Crowdfunding-Aktion erzählt. Er war begeistert von der Anteilnahme – und konnte kaum glauben, dass Journalisten, die über die Mafia in Deutschland geschrieben haben und verklagt wurden, systematisch ihre Prozesse verlieren.

„Wie kann es sein“, fragte er, „dass dafür jegliche Sensibilität fehlt? Es handelt sich doch ganz eindeutig um eine Drohkulisse. Das muss man doch verstehen.“

Tja. Sagte ich.

 


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Muttertag (Womit man meine Mutter wirklich glücklich machen kann)

14. Mai 2017

Früher stand meine Mutter nachts auf und guckte Cassius Clay gegen Joe Frazier (Punktsieg für Clay in der 15. Runde). Wobei gesagt werden muß, daß sie Punktsiege langweilig findet und den Frazier schon damals für eine Knalltüte hielt. Sie hat keinen einzigen Henry-Maske-Kampf verpasst, wenngleich er für ihren Geschmack viel zu gentlemanlike war. Und für Axel Schulz hatte sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig, sie ließ keinen Zweifel daran, dass er für sie ein Weichei war. „Man nannte ihn ja ‚der weiche Riese‘, haha“, sagt sie mit einem kleinen, verächtlichen Lächeln. „Aus dem konnte nichts werden! Der konnte machen, was er wollte! Von wegen – es reicht, groß und kräftig zu sein!“ Ganz anders war das mit Dariusz Michalczewski. Wenn Tiger Michalczewski boxte, verließ meine Mutter unter fadenscheinigen Vorwänden sogar Geburtstagsfeiern. Während meine Tanten  Erdbeerbowle tranken, goutierte meine Mutter Kopfhaken und zählte die Geraden, Clinchs und Knock-outs.

Und wenn ich sie auf die fatalen Spätfolgen des Boxkampfes hinweise – entweder wackelt man im Alter mit dem Kopf oder bringt seine Ehefrau um – sieht mich meine Mutter mitleidig an und sagt: „Ist doch nur ein Spiel!“ Mir wird schon schlecht, wenn mir ein Zehennagel herausoperiert werden soll, sage ich, warum soll ich mir dann angucken, wie einer zum Pflegefall geprügelt wird? „Ist doch schön, zu sehen, wenn einer gewinnt“, sagt meine Mutter. „Und beim Fußball machen sie sich doch auch die Knochen kaputt!“

The one and only sind für meine Mutter die Klitschkos. Heute natürlich nur noch Wladimir. Wenn er Nasenbeine in das Gehirn treibt, Unterkiefer bricht und Augenbrauen zu Brei schlägt, lächelt meine Mutter so entrückt, als sähe sie gerade einen einzigartigen Liebesfilm und sagt: Ein wunderbarer Kampf!

Deshalb war Klitschkos technisches K.O. in der elften Runde gegen Anthony Joshua neulich natürlich ein harter Schlag für meine Mutter. Am Morgen danach telefonierte sie mit einer Freundin und sagte: „Hast du den Klitschko gesehen? Ja, das ist das Alter. Auch bei ihm. Der andere war ja zwanzig Jahre jünger! Drei Mal war er am Boden, ich hätte fast einen Herzschlag gekriegt. Aber das war der selbst in Schuld, der hat viel zu lange gewartet, als der andere getaumelt ist! Der hat gewartet, und da war der andere schon wieder aufgestanden, der hat sich ja schnell wieder erholt. Wenn die angeschlagen sind, muss man das ausnutzen, der hätte so lange weiter schlagen müssen, bis der andere gefallen wäre! Daran siehst du das Alter. Auch bei einem wie ihm. Der andere hat ihm einen Kinnhaken gegeben, und dann war es aus. Aber es war ein fairer Kampf. Spannend. Sicher, als der so apathisch dastand, da tat er mir schon leid. Aber so ist das eben im Sport.“

Mütter.


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Pressefreiheit ist kein Wort. Es ist eine Tat.

12. April 2017

Wer auf die Idee kommt, über die Mafia in Deutschland zu berichten, soll es bereuen: „Einen treffen, um hunderte zu erziehen“.

Mit Ihrer Unterstützung tragen Sie dazu bei, dass die Pressefreiheit in Deutschland nicht nur auf dem Papier besteht – und das Thema „Mafia in Deutschland“ nicht weiter ein Tabu ist .

Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr,“ sagte mir einmal Alberto Spampinato, der Bruder eines von der Mafia ermordeten sizilianischen Journalisten. Wie wahr, dachte ich, als die Redaktion des „Freitag“ mich in dem Rechtsstreit mit einem „erfolgreichen italienischen Geschäftsmann“ fallen ließ, weil die Rechtskosten „für einen kleinen Verlag wie unseren eine ziemliche Belastung sind“ und mich danach noch öffentlich verhöhnte.

Für freie Autoren sind die Rechtskosten eine ungleich größere Belastung. Und da mir die Gewerkschaft Verdi ebenfalls den Beistand versagt hat, bleibt mir nichts anderes, als auf Ihre Unterstützung zu hoffen. Denn hier geht es mehr als um mich und „meinen Fall“ – es geht darum, dass jeder Journalist, der wegen seines Berichts über die Mafia in Deutschland verklagt wurde, den Prozess zwingend verliert.

Das deutsche Recht macht es der Mafia leicht, Journalisten zu verklagen – und diese Prozesse auch zu gewinnen. Mit Gerichtskosten, Anwaltskosten, Schadensersatzklagen wird eine Drohkulisse aufgebaut, die auf Journalisten, Autoren, Filmemacher, Verlage und Sender wirken soll.

Mit dem gesammelten Geld möchte ich meine Rechtskosten bezahlen. Wenn (hoffentlich!) etwas übrig bleibt, werde ich das einer Antimafia-Organisation zukommen lassen – all das werde ich selbstverständlich öffentlich machen. Mit Ihrer Spende tragen Sie nicht nur dazu bei, dass ich meine Rechtskosten bestreiten kann, sondern Sie fördern damit auch den Austausch über ein Thema, das die Aufmerksamkeit aller verdient.

Hier geht es zum Schwarmsammeln für die Pressefreiheit. 

 


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Vermasselt

10. April 2017

Übrigens: Die Chance, eine goldene Ehrennadel für 30 Jahre Mitgliedschaft bei Verdi zu bekommen, habe ich mir auch noch vermasselt. Jahrzehntelang habe ich, wie viele andere freie Journalisten auch, meine Beiträge in der Hoffnung gezahlt, dass mir die Gewerkschaft Verdi  im Fall der Fälle beistehen würde. Ich dachte: Hey, denen geht es ja auch um den Kampf für das freie Wort! Tja, mein Fall gehört in ihren Augen wohl irgendwie nicht dazu. Die Gewerkschaft Verdi könne mir keinen Rechtsschutz gewähren, weil ich mir einen „externen“ Rechtsanwalt selbst ausgesucht habe, wurde mir beschieden. Ansonsten wünschten sie mir alles Gute, viel Kraft, Erfolg und Glück.

Ende meiner Mitgliedschaft bei Verdi. Keine Ehrennadel.

Aber weil sich die Rechtskosten mit guten Wünschen allein nicht bezahlen lassen, werde ich in Kürze ein Crowdfunding starten. Schwarmsammeln. Alles was über meine Rechtskosten hinaus geschwarmsammelt wird, werde ich einer Antimafia-Organisation zukommen lassen. Dazu bald mehr.


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Die Mafia dankt ihren freundlichen Unterstützern …

10. April 2017

 

für ihren selbstlosen Einsatz.  Hier weiterlesen


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Wie ich meinen Glauben an den Journalismus wiederfand.

01. April 2017

So geschehen dank des FAZ-Feuilletons, in dem heute dieser von Andreas Rossmann verfasste Artikel erschienen ist, mit der schönen Überschrift:

Von der Mafia lernen heißt schweigen lernen
Eine investigative Reporterin wird eingeschüchtert und von der Wochenzeitung „Der Freitag“ im Stich gelassen: Der Fall Petra Reski ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich.

Weiterlesen »


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Erfolgreiche italienische Unternehmer und ich

15. März 2017

Nachdem ich mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ geschrieben habe, habe ich drei Jahre mit Prozessen verbracht. Eines der letzten Urteile war in München von einer Richterin erlassen worden, die bereits im einstweiligen Verfügungsverfahren das Schmerzensgeld heraufgesetzt hatte, weil es ihr „a bissl gering“ erschienen war, und die den Kläger der Form halber noch gefragt hatte, ob er denn nun Mafiamitglied gewesen sei oder nicht, so wie es die BKA-Berichte (die Richterin sagte: „BAK-Berichte) nahelegen. Er erwiderte, dass er sich das auch nicht erklären könne. Als das Oberlandesgericht dem Kläger ein Schmerzensgeld zugesprochen hat, wegen der von mir zugefügten „schweren Verletzung des Persönlichkeitsrechts“, bin ich nicht mehr persönlich erschienen, weil ich es zu demütigend empfand, vor Gericht bedroht zu werden, ohne dass jemand eingreift.

Vom Standpunkt der anthropologischen Forschung war die Erfahrung jedoch sehr nützlich. Sie hat mich letztlich dazu gebracht, mich der Mafia in Romanform zu nähern: Wenn ich ohnehin keine Namen nennen kann, weil ich sofort verklagt werde, warum soll ich mich dann durch die Zwänge eines Sachbuchs einengen lassen? Die Klagen, die Drohungen, die Prozesse waren so etwas wie „method acting“ für meine Romane: Robert De Niro lernte für seine Rolle als Jake LaMotta in „Wie ein wilder Stier“ boxen, ich saß in Gerichtssälen herum und lernte, wie es sich anfühlt, bedroht, verklagt und verleumdet zu werden – und nicht nur juristische, sondern auch sehr aufreibende menschliche Erfahrungen zu machen: enttäuschende, aber auch unverhofft ermutigende.

Literarisch lohnend, geradezu unfassbar ergiebig ist für mich die sogenannte „Grauzone“ der Mafia: Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – alle diejenigen, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten, finde ich psychologisch interessanter und facettenreicher als die Mafia. Denn ohne die Feigheit vieler und die verschlossenen Münder, ohne ihre Sympathisanten wäre die Mafia schon längst besiegt.

In diesen Tagen habe ich gerade das dritte Manuskript für einen neuen Mafia-Roman abgeschlossen, der im Juli bei Hoffmann&Campe erscheinen wird. Protagonisten sind wie bereits in den beiden anderen Romanen auch die sizilianische Antimafia-Staatsanwältin mit deutschen Wurzeln Serena Vitale und der (meist) tapfere deutsche Investigativjournalist Wolfgang W.Wieneke. Praktisch parallel zu meiner Romanhandlung verklagte mich ein italienischer Geschäftsmann am Landgericht Leipzig. Ich hatte seinen Namen in einem Artikel für den FREITAG genannt, der von dem am Landgericht Leipzig ergangene Urteil gegen den MDR handelte, das nach einer MDR-Dokumentation über die Mafia in Erfurt erlassen worden war. Gerichtsberichterstattung. In diesen Tagen ist das Urteil gegen mich ergangen: Laut Gericht habe ich das Persönlichkeitsrecht des erfolgreichen italienischen Unternehmers verletzt.

Niemand liest meine Artikel über die Mafia in Deutschland und meinen Blog aufmerksamer als gewisse erfolgreiche italienische Geschäftsmänner in Deutschland, besonders diejenigen aus Duisburg und Erfurt, mein Blog verdankt ihnen vermutlich die meisten Clickzahlen. Interessanter aber als das Verhalten dieser erfolgreichen italienischen Geschäftsmänner in Deutschland, ist die bizarre Haltung des FREITAG – dem Blatt eines Herausgebers, der sich, wenn ich es richtig verstehe, doch einiges für sein gesellschaftliches Engagement zugute hält.

Auf meine Anfrage, ob beim FREITAG denn auch eine Klage eingegangen sei, antwortete eine Redakteurin: „Huch – nein, es ist noch nichts hier eingegangen, so weit ich weiß“ und schrieb später: „Also das klingt ja echt übel, ich hoffe, Sie haben jetzt nicht zu viel Ärger mit diesem Mafia-Anwalt …?“ Auch in den folgenden Monaten hörte ich von der Redaktion des FREITAG – nichts. Keine Nachfrage, wie „es denn so läuft“, ganz zu schweigen von dem Angebot, vielleicht den Justiziar des FREITAG zu bemühen – oder in welcher Weise auch immer die Redaktion ihre „Solidarität“ hätte zum Ausdruck bringen können. Im September schrieb mir die Redakteurin, dass die Unterlassungsforderung inzwischen auch beim Verlag eingegangen sei, woraufhin sie vorschlug, meinen Text kurzerhand zu löschen: „Was schade wäre, ja. Aber die Anwaltskosten sind für einen kleinen Verlag wie unseren eine ziemliche Belastung“.

Dass die Gerichts- und Anwaltskosten für eine kleine Autorin wie mich, die an dem Artikel ganze 321 Euro brutto verdient hat, auch eine ziemliche, wenn nicht sogar größere Belastung sind, darauf scheint beim FREITAG allerdings niemand gekommen zu sein. Einen Artikel in vorauseilendem Gehorsam zu löschen, hätte ich, gerade von einem Blatt wie den FREITAG nicht erwartet. Ein unerträglicher Kotau – um vom journalistischen Ethos jetzt mal ganz zu schweigen.

Im November wurde mir die Unterlassungsklage nach Venedig zugestellt. Daraufhin schrieb ich eine lange Mail an den Chefredakteur und Herausgeber des FREITAG, Jakob Augstein. Und Jakob Augstein, der sich auf allen möglichen Kanälen so ziemlich zu allem äußert, von A wie „Atomwaffen in Deutschland“ bis „Z“ wie „Zuwanderung“ – schwieg.

An seiner Stelle wurde mir von der Redakteurin beschieden: „Wie in vergleichbaren Fällen – wenn ein Beitrag also von einer Unterlassungsklage betroffen oder aus anderem Grund juristisch strittig ist – nehmen wir den betreffenden Text von der freitag.de-Seite herunter. Dabei bleibt der FREITAG auch in diesem Fall. Für etwaige weiterführende Rückfragen bitte ich Sie, sich an die Geschäftsführung des Verlags, an Frau Dr. Düts zu wenden, deren Kontaktdaten ich Ihnen hier anhänge.“

Zwei Mal rief ich Frau Düts an. Niemand meldete sich. Dann hatte ich die Botschaft verstanden.

Ich erinnerte mich an einen Satz, den ein renommierter Medienanwalt anlässlich der Schwärzungen meines Mafia-Buches geschrieben hat: „Dass die Presse ihrer Aufgabe als Wächter und Mahner unter solchen Voraussetzungen nicht effizient nachkommen kann, liegt auf der Hand. Das Ergebnis ist eine lückenhafte und damit illusionäre Darstellung der Realität zugunsten von lichtscheuen Gestalten. Während Boulevardmedien Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte aus der Portokasse zahlen, werden seriöse Autoren durch diese Rechtsprechung hart getroffen.“ Wie wahr.

Und noch an einen anderen Satz musste ich denken: „Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr.“ Das sagte mir einmal Alberto Spampinato, der Bruder eines von der Mafia ermordeten sizilianischen Journalisten. Er meinte das ganz wörtlich. Denn mit „auf eigene Gefahr“ meinte er nicht nur Gefahr für das Leben, sondern auch für die Integrität. Denn der Siegeszug der Mafia in der Welt beruht keineswegs allein auf Gewalt, sondern vor allem auf Geld und dem Schweigen vieler.

Auf der Unterlassungsklage, die mir nach Venedig geschickt wurde, stand kurioserweise das Stockwerk als Zusatz zu meiner Adresse. Abgesehen davon, dass meine venezianische Adresse über geneigte Quellen leicht in Erfahrung zu bringen ist, kriegt man das Stockwerk nur heraus, wenn man vor der Wohnungstür gestanden hat.

Das sind so kleine Feinheiten – die man allerdings nur goutieren kann, wenn man auf die Idee kommt „auf eigene Gefahr“ über die Mafia zu schreiben.

Super Geschichte. Also so als Inspiration für kommende Romane gedacht.


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Petra für die PETRA (heute: Freundinnen)

11. März 2017

Conny Liedtke und ich waren das, was man beste Freundinnen nannte, unsere Wohnungen grenzten im Erdgeschoss aneinander, wo ich mit meiner Mutter wohnte und Conny mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder. Conny und ich waren unzertrennlich, wir waren gleichaltrig, trugen die gleiche Frisur (die Haare zu einem kleinen Knoten hochgebunden), die gleichen Schuhe (sonntags Lackschuhe mit Riemchen und kleinem Absatz), den gleichen silbernen Freundschaftsring (mit einem kleinen roten Marienkäfer) und besuchten die gleiche Schule. Ahnungslose Erwachsene hielten uns für zwei kleine Mädchen, die mit Puppen spielten, tatsächlich waren wir zwei Supermächte, spezialisiert auf psychologische Kriegsführung.

Es hatte damit begonnen, dass Conny am ersten Schultag einen roten Mädchen-Tornister trug, ich hingegen einen soliden braunen. Natürlich war ich neidisch auf Connys roten Tornister – was ich selbst dann nicht zugegeben hätte, wenn man mir jeden Fingernagel einzeln herausgezogen hätte: Nie dem Gegner eine Flanke zeigen! Stattdessen wies ich darauf hin, dass mein Tornister in Hamburg gekauft worden war, in einer echten Großstadt, von deren Existenz Conny zu diesem Zeitpunkt nichts ahnte, geschweige denn, sie besucht hätte. In der Feldherrenkunst nennt man so etwas: Sieg durch Demoralisierung des Gegners.

Ständig waren wir auf der Suche nach operativen Informationen, die wir im Kriegsfall einsetzen konnten. Dazu gehörte das Wissen um die Schwächen des Gegners, etwa dass Conny Liedtke darunter litt, rote Haare zu haben und lieber blond gewesen wäre, weshalb sie, wenn ich ihre Haare mit rotem statt mit gelbem Filzstift malte, drei Tage lang nicht mit mir sprach und sich damit rächte, mir triumphierend „Deine Mutter ist ja eine Witwe!“ entgegenzuschleudern, was allerdings folgenlos verpuffte, weil ich nicht begriff, was daran schlimm sein sollte. Conny konnte schneller rennen als ich, ich besiegte Conny beim Stadt-Land-Fluss-Spielen: Stadt mit A: Allenstein, Fluss mit A: die Alle, was mir zehn Punkte und Connys Neid einbrachte, die lediglich auf Aachen und Alster kam, was magere fünf Punkte wert war. Jedes Mal wurde lange darum gefeilscht, ob ich eine Stadt und einen Fluss geltend machen könnte, deren Existenz ich nicht beweisen konnte, weil sich die Alle und Allenstein in Ostpreußen befanden, einem Land, dass schon untergegangen war, als ich noch gar nicht geboren war. Ich beneidete Conny um ihren deutsch klingenden Nachnamen, revanchierte mich aber damit, dass ich mich mit meinem russischen Urgroßvater brüstete. Ihre Verwandtschaft reichte nur bis Essen, wo ein Onkel wohnte.

Wenn wir allein waren, waren wir so etwas wie die USA und Russland oder China und Japan, oder Irak und Iran, aber wenn man uns angriff, schlossen wir uns blitzschnell zu Alliierten zusammen, vor allem wenn es darum ging, Connys kleinen Bruder loszuwerden, dem wir Wäscheklammern an die Ohrläppchen klemmten, bis er weinend zurück nach Hause lief. Oder wenn es um die frechen Fritsches aus der Fritz-Erler-Straße ging, fünf Geschwister, die allein auf Stärke setzten: Gegen sie wendeten wir alle Propagandatricks an, die wir gelernt hatten, weshalb wir ihren Kampfeswillen schnell brechen konnten.

Später, als wir größer wurden, verwandelte sich meine kämpferische, rothaarige Freundin Conny in eine nachgiebige, blonde Ehefrau, und wir verloren uns aus den Augen. Aber den Freundschaftsring mit dem kleinen roten Marienkäfer, den habe ich heute noch.

(Erschienen in PETRA 10/2016) Näheres zu Kolumnen hier.


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