Kategorie: Mafia

In memoriam Rita Atria

Samstag, 26. Juli 2014

Heute ist der Todestag von Rita Atria, einem mutigen sizilianischen Mädchen, das gegen die Mafia in ihrem Dorf aussagte, und dem ich mein erstes Buch gewidmet habe.

Rita nahm sich 26. Juli 1992 das Leben, eine Woche nach dem Attentat auf ihren väterlichen Freund, den Antimafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino. In ihr Tagebuch hatte sie geschrieben:

  • “Bevor du anfängst, gegen die Mafia zu kämpfen, musst du dein eigenes Gewissen prüfen – erst wenn du die Mafia in dir besiegt hast, kannst du gegen die in deinem Freundeskreis kämpfen. Denn die Mafia, das sind wir selbst und unsere verkehrte Art, uns zu verhalten.”

Um Ritas Geschichte verstehen zu können, war ich allein nach Partanna gefahren, in jenes Dorf im Belice- Tal, südöstlich von Trapani. Ein Taxifahrer aus Palermo hatte mich nach Partanna gebracht und mir versprochen, mich wieder abzuholen, wenn ich ihn anrufen würde. Ich weiß noch, wie ich auf der Straße stand, seinem Auto nachblickte, das in der Ferne verschwand, und mich fühlte, als sei ich auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden. Noch verlassener fühlte ich mich, als ich mein Zimmer in dem einzigen Gasthof des Ortes bezog, eine schmale Kammer, vor dessen Fenster ein Fliegenvorhang aus Metall hing, der leise klirrte, wenn die LKWs auf der Durchgangsstraße unter meinem Fenster vorbeifuhren.

Der Gasthof war eigentlich eine Pizzeria, die auch Zimmer vermietete, außer mir wohnte dort nur ein alter Mann, ein Sizilianer, der in den vierziger Jahren aus Partanna nach Amerika ausgewandert war und der jeden Sommer in sein Heimatdorf zurückkehrte. Er verbrachte seine Ferien damit, in der Einfahrt zu sitzen und zu hoffen, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Meist wartete er vergebens. Denn er sprach nur Englisch – und Reste jenes Dialekts, den man in den vierziger Jahren in Partanna gesprochen hatte.

Alle in dem Dorf wussten, dass ich wegen Ritas Geschichte gekommen war, ich fühlte ihre Blicke auf mir kleben, wenn ich die Straße entlangging, um mir Ziga- retten in dem einzigen Tabakladen zu kaufen, oder wenn ich in der einzigen Telefonzelle des Ortes telefonierte, die Telefonkarten akzeptierte. Aber wenn ich jemanden fragte, dann taten alle so, als hätte das Mädchen Rita nie existiert. Jeden Tag versuchte ich, den Argwohn von Ritas Mutter zu zerstreuen, die mit nie- mandem über ihre Tochter reden wollte. Anfangs öffnete die Mutter die Tür nur einen Spaltbreit und schlug sie sofort wieder zu, wenn sie mich sah. Ich ließ mich jedoch nicht entmutigen und stand jeden Tag wieder vor ihrem Haus und hoffte, sie zu einem Gespräch zu überreden. Bis sie mich schließlich in das Wohnzimmer bat.

Palermo Connection

Freitag, 18. Juli 2014

Das ist der Justizpalast von Palermo, auch “Giftpalast” genannt, einer der Schauplätze meines neuen Romans Palermo Connection. Auf dieser Rampe fahren die gepanzerten Limousinen der Antimafia-Staatsanwälte vor. Auf dem Plakat im Hintergrund sieht man die Gesichter der Staatsanwälte und Polizisten, die in den letzten Jahrzehnten in Palermo ermordet wurden. Von der Mafia – und ihren ehrbaren Hintermännern. Morgen wird hier an die Ermordung von Paolo Borsellino erinnert, der am 19. Juli 1992 zusammen mit seinen Leibwächtern in die Luft gesprengt wurde. Vor dem Haus seiner Mutter.

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Exkommuniziert II.

Dienstag, 08. Juli 2014

Kleiner Nachtrag zur Jubelarie, die überall zu hören war, nachdem der Papst (von Kalabrien aus) die Mafiosi exkommuniziert hat. Keine zwei Wochen später hat sich die Madonna in Kalabrien während der Prozession vor dem Haus des Bosses verneigt. „Die Riten, die Feste sind eine Explosion des Heidnischen – all das Sektierertum, das den Kult begleitet, ist nichts anderes als ein Ersatz für die politischen Kämpfe in der Stadt”, sagte einst der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia. Es geht bei einer Prozession also um die Demonstration der Macht – und da darf die Mafia nicht fehlen, päpstliche Ermahnungen hin oder.

Und praktisch zeitgleich zum Kniefall der Madonna vor dem Haus des Bosses gerieren sich die Mafiosi als Opfer der päpstlichen Exkommunikation:  200 Ndranghetisti kündigen im Gefängnis von Larino an, nicht mehr zur Messe zu kommen. Kleine Gesten von großer Bedeutung.

Der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri sieht darin eine Kampfansage der kalabrischen Mafia an den Papst: “Entweder wird hier wieder nachgegeben, oder es kommt zu einer Auseinandersetzung.” Aber keine Angst: Die Mafia verhält sich immer pragmatisch. Bevor es zu einer echten Auseinandersetzung kommt (auch die Ermordung des sizilianischen Priesters Padre Puglisi wird als Reaktion auf die Rede von Johannes Paul II. in Agrigent 1992 betrachtet, in der er den Mafiosi mit der Hölle drohte), neige die Ndrangheta dazu, zu verhandeln, sagte Gratteri. Etwa dank fürstlicher Geschenke an den Vatikan.

Gratteri hob auch noch mal die Rolle des Bischofs Bregantini hervor: Er war es, der nun mit den 200 inhaftierten Ndranghetisti sprach. Bregantini hat darin einige Erfahrung: Er ist der  ehemalige Bischof von Locrì, ein guter Freund von Don Pino, dem Pfarrer von San Luca und geistigem Oberhaupt des kalabrischen Wallfahrtsortes Santa Maria di Polsi. “Und ich habe Monsignor Bregantini in die Augen geschaut und gesagt: Sehen Sie, endlich ändert sich die Welt. Nach Polsi gehen nicht die Menschen, die in Diskotheken gehen wollen. Nach Polsi kommen Menschen, die Tränen in den Augen haben. Und wer kann die Tränen besser abwischen als eine Mutter? Die Mutter Gottes?  Und der Bischof sagte dann im Fernsehen: Wenn das hier in Polsi eine Versammlung der ‘Ndrangheta ist, dann bin ich der erste Mafioso,” sagte Don Pino kurz nach dem Massaker von Duisburg.

Zu dem Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi, pilgern im September nicht nur kalabrische Gläubige aus der ganzen Welt, sondern auch die ‘Ndrangheta, die sich hier zu einer Art jährlichen Betriebsversammlung trifft. Die Clanführer besprechen in Santa Maria di Polsi anfallende Probleme, darunter damals auch die Folgen des Massakers von Duisburg. Bei der Ermittlungsaktion “Crimine” 2010, in deren Verlauf über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz – filmten die Ermittler auch ein Treffen der Bosse im Wallfahrtsort Polsi.

Und Bischof Bregantini wurde irgendwann von Locri nach Campobasso versetzt.

Exkommuniziert

Dienstag, 24. Juni 2014

imageJubel, Jubel, Jubel. Papst Franziskus exkommunizierte die Mafiosi. Weshalb ich gestern kurz nach meiner Ankunft in Palermo noch mal in die Kirche Santa Maria della Kalsa gegangen bin, der Kirche von Padre Frittitta – einem jener vielen sizilianischen Priester, die untergetauchten Mafiosi im Versteck die Beichte abnahmen und sich stets damit rechtfertigten, dass es nicht die irdische Justiz sei, die das letzte Urteil zu fällen habe, sondern die göttliche – der sie als deren demütiger Handlanger nichts anderes als einen Dienst erwiesen. Seelen retten. Als Padre Frittitta festgenommen wurde, verteidigten die Karmelitermönche ihren Mitbruder  und belehrten die Staatsanwaltschaft, dass die Kirche nie gegen etwas sei,  sondern immer nur mit: mit den gepeinigten Seelen, mit jedem einzelnen Sünder, den es zu retten gelte. Und in Novica, einer der palermischen Kurie nahe stehenden Zeitschrift, war zu lesen: Auch der meistgesuchte Mafioso der Welt muss sicher sein können, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Geistlichen finden kann, der ihn weder an die Staatsanwaltschaft noch an die Polizeipräfektur ausliefert.

 Genauso argumentierte auch Don Pino im kalabrischen San Luca, jenem Dorf, das als “Mutter der Ndrangheta” gilt: Das Böse muss mit dem Guten bekämpft werden, sagte Don Pino – der nicht nur für das Seelenheil von San Luca zuständig ist, sondern auch für den Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi. Dort ist er geistiges Oberhaupt – eine Rolle von nicht geringem Gewicht, gilt der Wallfahrtsort doch als Versammlungsort der ’Ndrangheta. Als im Jahr 2010 am Ende der Ermittlungsaktionen „Crimine“ und „Crimine 2“ über 340 Mitglieder der ‘Ndrangheta in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz verhaftet wurden, gab es auch ein Polizeivideo, das die Bosse beim Treffen im Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi zeigte. Als ich das letzte Mal in Santa Maria di Polsi war, kamen mir sehr viele Gesichter bekannt vor, ich kannte sie von Fahndungsfotos.
Das Abbild der Madonna von Polsi wurde auch in dem Restaurant »Da Bruno« in Duisburg gefunden. Zusammen mit einem amerikanischen Sturmgewehr, Kaliber 223, einer Statue des Erzengels Michael, einem am Kopf angebrannten Heiligenbild des gleichen Heiligen, einem Gebetbuch, Munition des Kalibers 280, diversen Ersatzmagazinen und der Quittung einer Anzahlung über dreihundert Euro für einen gepanzerten Peugeot-Lieferwagen, ausgestellt für den Killer – der nach Duisburg gefahren war, um sich Waffen für das nächste Attentat gegen den verfeindeten Clan Nirta-Strangio zu besorgen.
Ja, es ist wunderbar, dass Papst Franziskus klare Worte fand.  Aber auch Papst Johannes Paul II. hat 1992 die Mafia als Ausgeburt des Teufels verdammt und die Mafiosi aufgerufen, sich zu bekehren. Seine gewiss nützliche Entrüstung änderte allerdings nur wenig. Denn der Gott der Mafiosi ist der, den sie sich nach ihrem Abbild geschaffen haben.
*
P.S.: Als ich gestern in Palermo ankam, waren übrigens gerade 95 Mafiosi verhaftet worden. Nur mal so, zum Aufwärmen. Darunter auch ein Politiker, ein ehemaliger Unternehmer, sich damit vorgetan hatte, sich gegen die Zahlung von Schutzgeld auszusprechen. Aber als es um Wählerstimmen ging, fand auch er es praktisch, sich direkt an die Bosse zu wenden:  1500 Stimmen für 10 000 Euro.

Das große Fressen

Mittwoch, 04. Juni 2014

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Das ist das Wunderwerk, ein Teil der Hochwasserschleuse, die in Venedig viele, viele sehr reich gemacht hat. Die einzigen, die von der Verhaftung des Bürgermeisters heute morgen nicht überrascht waren, waren die Venezianer. Später mehr zum großen Fressen venezianischen Schmiergeldskandal.

Bis dahin ist es aber vielleicht interessant, noch mal nachzulesen, was ich vor längerer Zeit bereits über die Hochwasserschleuse und über die Politik alla alla veneziana geschrieben habe.

Palermo Connection

Dienstag, 03. Juni 2014

Gestern in Mannheim kam es zu einer kleinen Weltpremiere: Ich las ein paar Seiten aus den Fahnen von Palermo Connection, meinem neuen Roman, der am 9. September erscheint. Der Countdown läuft! Nur noch 89 mal schlafen.

Marcello, come here!

Montag, 12. Mai 2014

Unknown

Manchmal ist es schön, wenn sich ein Kreis schließt. Über Marcello Dell’Utri habe ich in diesem Blog schon oft geschrieben, unter anderem hierAls Dell’Utri, Berlusconis Freund und Vertrauter, sowie Gründer seiner Partei “Forza Italia”, nach 20jährigem juristischem Gezerre vergangenen Freitag endlich in dritter und definitiver Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde (Dell’Utri ist angesichts dieser Aussicht bereits vor einigen Wochen nach Beirut geflüchtet), musste ich daran denken, wie er gegen mich, mein Buch und Vincenzo Macrì, den Staatsanwalt, der das Vorwort für mein Buch Santa Mafia (die italienische Ausgabe von “Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern”) geschrieben hat, Gift spritzte und, wie der Spiegel schrieb, uns zu verklagen drohte: “Ein Staatsanwalt, der so etwas tut, unterstützt natürlich die haarsträubenden Lügen, die in dem Buch von Petra Reski enthalten sind. Die einzige Waffe, die mir zur Verfügung steht, ist die Klage.”

Wie das Kassationsgericht in seinem Urteil feststellt, sieht es als bewiesen an, dass Dell’Utri (zumindest) siebzehn Jahre lang, von 1974 bis 1992 der Garant des Paktes zwischen Berlusconi und Cosa Nostra gewesen ist. Marcello Dell’Utri war bereits 2004 wegen Unterstützung einer mafiosen Vereinigung  erstinstanzlich zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Da war seine Verbindung zu dem Mafioso Vittorio Mangano schon lange aktenkundig: Auf Vermittlung von Marcello Dell’Utri hatte der Boss Mangano zwei Jahre lang in der Villa von Silvio Berlusconi als Mittelsmann der Cosa Nostra gelebt – offiziell als Stallmeister. Im Prozess gegen Dell’Utri musste selbst ein Berater der Verteidigung zugeben, dass jene Finanzströme der Fininvest von 1975 bis 1983 nicht transparent waren. Gemäß den Aussagen verschiedener abtrünniger Mafiosi investierte der Mafiaboss Stefano Bontade in jener Zeit beträchtliches Kapital der Mafia in Berlusconis Unternehmensgruppe und wurde so zum Teilhaber der privaten Fernsehkänale der Fininvest-Gruppe.

1993 ging Berlusconi in die Politik, 1994 war er zum ersten Mal Ministerpräsident. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Dell’Utri seine Mafia-Verbindungen ausgerechnet dann unterbrochen haben sollte, als sein Freund B. endlich an der Macht war. Denn Rest können Sie sich jetzt selber denken. 

In Beirut, wo Marcello Dell’Utri sich jetzt aufgrund seiner, wie es heißt, angespannten Gesundheit in einer Privatklinik für 600 Euro pro Nacht befindet, wartet er nun darauf, dass sich das Blatt zu seinen Gunsten wendet – und er nicht ausgeliefert, sondern auf freien Fuß gesetzt wird. Wie es heißt, hat Dell’Utri, wie auch ein weiterer wegen Mafia-Verbindungen verurteilter und ebenfalls untergetauchter Forza-Italia-Abgeordneter, beste Verbindungen zum libanesischen Establishment, insbesondere zu dem Ex-Präsidenten Amin Gemayel. Überdies sieht das libanesische Gesetz das Delikt der “Unterstützung einer mafiosen Vereinigung” nicht vor. Derweil stellt sich Marcello Dell’Utri in der italienischen Presse als “politischer Gefangener” dar. Der Repubblica vertraute er an, dass er, falls er nach Italien ausgeliefert würde, gerne Sozialdienst machen würde, so wie sein Freund B. Der in Fernsehstudios häufiger zu sehen ist, als im Pflegeheim.

Seit Marcello Dell’Utri in den Libanon flüchtete, kursiert im Netz der Slogan:

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Grand Tour

Montag, 12. Mai 2014

Gerade zurück aus Palermo und Südwestsizilien, das wie eine romantische Etappe der Grand Tour anmutet, weshalb man etwas erstaunt ist, wenn man hier nicht auf elegante englische Adelige, sondern auf Touristen mit Basecaps und Rucksäcken trifft.

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Selinunt hat mich umgehauen. Obwohl all das, was ich schön fand – die Säulen der Tempel (1958  wieder aufgebaut, ohne viel Federlesens befestigt mit Zement und Eisenstangen), das Unkraut (sehr schönes fliederfarbenes), die wilden Hunde, das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein – den Archäologen und Denkmalschützern natürlich die Haare zu Berge stehen läßt: Selinunt ist eines von unzähligen gefährdeten Kulturgütern in Italien und befindet sich auf der roten Liste des Kulturschutzbundes “Italia Nostra”.

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Das Ausgrabungsfeld von Selinunt liegt auf dem Gebiet zweier Städte: Castelvetrano und Campobello di Mazara. Keine leichte Nachbarschaft. Castelvetrano ist nicht wegen seiner Nähe zu Selinunt, sondern zu Matteo Messina Denaro berühmt, dem meistgesuchtesten Mafiaboss in Italien, der hier aufwuchs und heute die Nummer eins von Cosa Nostra ist. Messina Denaro ist seit 1993 flüchtig, dem Jahr der von ihm organisierten Mafia-Attentate in Rom, Mailand und Florenz. Seinen Strohmännern wurden zuletzt 3,5 Milliarden Euro beschlagnahmt. Und der Stadtrat von Campobello di Mazara wurde 2012 wegen Mafia-Infiltrationen aufgelöst. Na ja. Das nur nebenbei.

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Wenn man in Castelvetrano lebt, findet man es natürlich nicht so toll, immer das auf sich klebende Etikett der “Stadt von Matteo Messina Denaro” zu spüren. Deshalb hat Matteo Messina Denaro verfügt, dass in seiner Heimatstadt kein Schutzgeld erpresst werden darf. Da sage noch einer, dass ein Mafiaboss kein Herz hat.

Einer, der in Castelvetrano darüber in seinem Blog schreibt, ist Egidio Morici. Als er ein Kind war, nannte man den Besuch in Selinunt: “Gehen wir mal wieder Trümmer gucken.”

 

Väter. Und Söhne.

Mittwoch, 19. März 2014

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Ich habe einen Ausflug in den Salento gemacht, nach Apulien, Italiens Stiefelabsatz – um im Theater der kleinen Stadt Galatina ein Gespräch mit Massimo Ciancimino über seinen Vater zu führen(Hier der Web-Mitschnitt. Das Thema “Väter” – Padre Padrone – wurde auch von einigen Schülern aus Galatina in Szene gesetzt).

Zum Thema Väter hat Massimo Ciancimino einiges zu sagen. Er ist der jüngste Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Palermo, Vito Ciancimino. Der wegen Mafiazugehörigkeit verurteilt wurde. Massimo hat über seinen Vater ein lesenswertes Buch geschrieben, dass auch auf Deutsch übersetzt wurde: Don Vito. Mein Vater, der Pate von Palermo.

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Ich habe Massimo Ciancimino vor fünf Jahren zum ersten Mal interviewt – damals sagte er, dass er bei der Beerdigung seines Vaters versucht habe, sich an ein schönes gemeinsames Erlebnis mit seinem Vater zu erinnern. Es ist ihm nicht gelungen. Ich habe unsere Begegnung in meinem Buch “Von Kamen nach Corleone” geschildert:

  • “Sein Vater behandelte ihn wie einen persönlichen Besitz. Er benutzte seinen Sohn als Sekretär, Fahrer und Gesellschafter. Als Don Vito wegen der Zusammenarbeit mit der Mafia von Palermo in die Verbannung nach Rotello geschickt wurde, in ein Tausendseelendorf der Region Molise, ein Dorf, in dem die Zeitungen erst am nächsten Tag ankamen, war es Massimo, der ihm dort Gesellschaft leisten musste. Als Don Vito im römischen Gefängnis Rebibbia seine Strafe absaß, war es Massimo, der keine der wöchentlichen Besuchszeiten versäumte. Und wenn sich sein Vater mit Bernardo Provenzano traf, jenem legendären flüchtigen Gottvater der Cosa Nostra, der vierzig Jahre lang unentdeckt in Italien lebte, bis er im April 2006 verhaftet wurde, war es Massimo, der seinen Vater zu den Treffen fuhr. Massimo kannte Bernardo Provenzano anfangs nur als Signor Lo Verde – bis er eines Tages beim Friseur in der Zeitschrift Epoca das Phantombild von Provenzano sah. Und begriff, dass der freundliche Herr, der oft bei seinem Vater zu Besuch war, der mit ihnen Pizza aß, der ihm in die Wange kniff und der Frieden zu stiften versuchte, wenn sich Vater und Sohn mal wieder gestritten hatten, die Nummer eins der Cosa Nostra war. »Sei vorsichtig: Es gibt Dinge, vor denen selbst ich dich nicht schützen kann«, sagte Don Vito damals zu seinem Sohn Massimo, nachdem er bemerkt hatte, dass Massimo den Signor Lo Verde auf dem Fahndungsfoto erkannt hatte.”

Wie oft wird sich Massimo an die Worte seines Vaters erinnert haben, nachdem er vor Gericht seine Aussagen gemacht hat? Nachdem er Kartons mit Notizen seines Vaters und mit von Bossen handgeschriebenen Zetteln in die Staatsanwaltschaft von Palermo getragen hat und seitdem von den journalistischen Hofhunden der Mächtigen verhöhnt, diskreditiert und verleumdet wird? Es sei ihm nur darum gegangen, seine Gefängnisstrafe wegen Geldwäsche zu tilgen, heißt es. Oder: Seine einzige Absicht sei gewesen, den von seinem Vater angehäuften Schatz in Sicherheit zu bringen. Tatsächlich wurde Massimo Ciancimino wegen Geldwäsche angeklagt, als einziger von den fünf Ciancimino-Kindern. Die Strafe belief sich auf fünf Jahre und acht Monate. Bei guter Führung hätte er das Gefängnis nach drei Jahren verlassen können. Niemand hätte ihn dann daran hindern können, danach auf die Bahamas zu gehen und dort den vermeintlichen Schatz seines Vaters zu genießen. Einer der Geheimagenten, die bei seinem Vater ein- und ausgingen, riet ihm, ruhig zu sein und zu schweigen – dann würde sich alles in Luft auflösen. Massimo Ciancimino schwieg jedoch nicht. Dafür muss er einen hohen Preis bezahlen.

Dank der Aussagen des Mafia-Aussteigers Gaspare Spatuzza und von Massimo Ciancimino kam es überhaupt zum Prozess um die Trattativa, den Verhandlungen zwischen dem Staat und der Mafia: Anders als die Kinder der Mafiabosse Bernardo Provenzano oder Totò Riina, hat Massimo Ciancimino die Geheimnisse seines Vaters den Staatsanwälten mitgeteilt, er erzählte, was sein Vater bei den Treffen mit dem Boss Bernardo Provenzano besprach und beschrieb, welche Richter, Politiker, Mafiosi, Polizisten und Geheimagenten im Salon von Don Vito ein- und ausgingen. Und seitdem wird Massimo verklagt, verfolgt und bedroht: Er sei ein Toter, der spricht, un morto che parla, so nennt es die Mafia, wenn sie jemanden geächtet hat, weil er ihre Geheimnisse verrät.

Wie brisant Massimo Cianciminos Aussagen für die politische Klasse Italiens sind, war auch an diesem Abend in Galatina zu spüren, als der Bürgermeister bei seinen – sparsamen – einleitenden Worten von den “angeblichen” Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sprach – als könne man die Wirklichkeit so zurechtrücken: Die Existenz der Verhandlungen zwischen Staat und Mafia ist jedoch bereits gerichtlich bestätigt worden. Da hilft auch kein “angeblich” mehr.

Eine Frau aus dem Publikum fragte dann noch wütend, warum Massimo Ciancimino seinen Sohn denn ausgerechnet “Vito Andrea” genannt habe – Subtext: Dann kann es mit seiner Distanzierung von der Mafia ja nicht so weit her sein. Massimo Ciancimino betonte, dass er seinen Sohn aus Protest so genannt habe, weil sein Vater verboten habe, seinen Namen zu benutzen.

Ich glaube, dass Massimo Ciancimino seinen Vater trotz allem geliebt hat – und seine Liebe vor allem durch seinen mutigen Schritt beweisen wollte, damit der Name Ciancimino nicht mehr nur für den mafiosen Bürgermeister von Palermo steht, sondern auch für seinen  Sohn – der darüber ausgesagt hat, welche Politiker und Staatsdiener sich mit der Mafia gemein machten.

 

Chiropraktiker für Italien

Samstag, 22. Februar 2014

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So sieht es hier aus. Seit gefühlten Jahrhunderten. So grau, dass ich nicht mehr weiß, wo das Meer aufhört, und wo der Himmel anfängt. Ich frage mich: Was, wenn das der Anfang einer dreihundert Millionen Jahre dauernden Regenzeit ist? Was, wenn es ein Fingerzeig von oben ist? Auf diese, ähem, neue Regierung? (das Wort “neu” im Zusammenhang mit der Regierung Renzi zu benutzen, ist so, als würde man B. als Revoluzzer bezeichnen.) Die SZ hat dafür die wunderbare Überschrift “Italien: Charismatiker holt Professor” gefunden. (Im ersten Augenblick las ich “Chiropratiker”, und vielleicht wäre das tatsächlich die Lösung. Demnächst mehr zur deutschen Renzi-Hofberichterstattung, heute reichte meine Kraft nur für die SZ)

Beim Minister-Lotto wurde auch der Name des kalabrischen Antimafia-Staatsanwalts Nicola Gratteri für den Posten des Justizministers genannt. Gratteri ist Lesern meiner Bücher und meines Blogs nicht unbekannt – er hat die Ermittlungen um das Duisburger Mafia-Massaker geführt. Gratteri ist ein Mann, der sich für eine harte Linie in der Mafia-Bekämpfung einsetzt – so verlangte er beispielsweise, die Hochsicherheitsgefängnisse auf Asinara und Pianosa wieder zu eröffnen. Damit macht man sich natürlich keine Freunde in der italienischen Politik. Besonders nicht beim italienischen Staatspräsidenten Napolitano, dem ja, ja, “weisen alten Mann auf dem Quirinalshügel” (Copyright SZ), der vor allem ein Interesse hat: Die seit 20 Jahren währende pax mafiosa nicht zu stören und die Früchte der Verhandlungen zwischen Mafia und Staat Anfang der 1990er Jahre auch weiterhin zu ernten. 

Und so strich Giorgio Napolitano Nicola Gratteri von der Liste. Und ernannte Andrea Orlando zum Justizminister, einen alt geborenen Politkader der PD, der sich für die Abschaffung der Hochsicherheitshaft für Mafiosi und gegen die lebenslängliche Haft einsetzt.

Nicola Gratteri nimmt den Kampf gegen die Mafia zu ernst, als dass er Justizminister hätte werden können.