Kategorie: Mafia

Schöne Grüße von der Urenkelin

Sonntag, 27. November 2016

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Ehrlich gesagt, fühle ich mich etwas zu jung, um als Urenkelin Goethes durchzugehen, aber: Ich fühle mich geehrt, aus Sicht der Repubblica zu diesem illustren Kreis deutscher Schriftsteller zu gehören, die als Schauplatz für ihre Romane Sizilien gewählt haben! Grazie, grazie, grazie!

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Mafia&Literatur

Sonntag, 20. November 2016

Eines meiner Lieblingsmärchen war das von den Bremer Stadtmusikanten. Es ist eine Geschichte über Mut in einer scheinbar aussichtslosen Situation. Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn – die machtlos, hilflos und nutzlos sind, genau wie man sich als Kind – und manchmal auch als Erwachsener fühlt. Der Satz „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal“ leuchtete mir als Kind sofort ein. Es war eine Haltung, die ich überzeugend fand und die ich mir zu eigen machte.

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Santa Rosalia. Nachts in Palermo

Santa Rosalia. Nachts in Palermo

Nachdem ich mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ geschrieben hatte, habe ich mehr als drei Jahre mit Prozessen verbracht. Beim letzten Prozess, als das Münchener Oberlandesgericht dem Kläger ein Schmerzensgeld zugesprochen hat, wegen der von mir zugefügten „schweren Verletzung des Persönlichkeitsrechts“, bin ich nicht mehr persönlich erschienen. Das Urteil war von der Richterin erlassen worden, die bereits im einstweiligen Verfügungsverfahren das Schmerzensgeld heraufgesetzt hatte, weil es ihr „a bissl gering“ erschienen war, und die den Kläger der Form halber noch gefragt hatte, ob er denn nun Mafiamitglied gewesen sei oder nicht, so wie es in allen BKA-Berichten (die Richterin sagte: „BAK-Berichten) vom Jahr 2000 bis 2008 dokumentiert wurde. Er sagte, dass er sich das auch nicht erklären könne.

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Ich habe in der Zeit noch ein Sachbuch zum Thema Mafia veröffentlicht, mit dem Titel „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“. Bevor es erschien, hatte ich mit dem Justiziar des Verlages dagesessen und war mit ihm Satz für Satz meines Manuskripts durchgegangen – um es „wasserdicht“ zu machen, also auf mögliche Formulierungen zu überprüfen, die neuerliche Prozesse gegen mich und mein Buch hätten auslösen können. Und natürlich hatte ich schon beim Schreiben meines Buches peinlich genau darauf geachtet, bei Zitaten aus Ermittlungsakten keine Namen zu nennen, keine Umstände genauer zu schildern, die mich juristisch angreifbar hätten machen können. Ich hatte eine Schere im Kopf.

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Als anthropologische Recherche war die Geschichte mit der Mafia in Deutschland sehr nützlich für mich. Ich habe gewissermaßen so etwas wie „method acting“ gemacht, nur eben auf Literatur übertragen: Ich habe nachvollziehen können, wie sich Menschen fühlen, die in das Visier der Mafia geraten sind – die bedroht, verklagt und verleumdet werden – und die nicht nur juristische, sondern auch sehr aufreibende menschliche Erfahrungen machen: enttäuschende, aber auch unverhofft ermutigende.

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Die anthropologische Recherche – und die Schere im Kopf waren es, die mich letztlich dazu gebracht haben, mich der Mafia in Romanform zu nähern: Wenn ich ohnehin keine Namen nennen kann, warum soll ich mich dann der durch die Zwänge eines Sachbuchs einengen lassen? Ich wollte nicht mehr mit angezogener Handbremse schreiben – und erinnerte mich an Louis Aragon. Er nannte es mentir vrai, das Wahr-Lügen: Ein Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet.

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Allerdings klingt das einfacher, als es war. Wie immer hatte ich nichts anderes als ein bestimmtes Gefühl im Bauch, als ich anfing zu schreiben. Oder besser: Ich fing keineswegs an zu schreiben, ich dachte nach. Und zwar ziemlich lange. Und erinnerte mich wieder daran, dass die grenzenlose Freiheit der Literatur Segen und Fluch zugleich ist. Ich wollte einen Roman schreiben, der zwar einen nachvollziehbaren, realen Hintergrund hat, aber keineswegs ein Schlüsselroman sein sollte, wo sich die Kreativität darauf beschränkt, jemandem blaue Augen zu geben, obwohl er in Wirklichkeit braune hat. Mein größtes Problem war die Moral. Die wirft sich beim Thema Mafia immer in den Weg. Und Moral wird in der Literatur oft als ein großes Hindernis angesehen. Ich fühlte mich eingeengt, als Schriftstellerin. Bis ich Quentin Tarantinos Film „Inglorious Basterds“ sah: Eine Gruppe jüdischer Partisanen bekämpft die Nazis mit Nazi-Brutalität.

In der ZEIT wurde sie als „Grandiose Rachefantasie von brutaler Frivolität“ bezeichnet. Und genau das wollte ich auch. Ich wollte mich an der ungerechten Wirklichkeit rächen und gewinnen. Wenn schon nicht im wirklichen Leben, dann wenigstens im Roman. Ich wollte die Mafiosi skalpieren, so wie es die jüdischen Partisanen in Tarantinos Film mit den Nazis gemacht haben. Ich wollte auch kein heiliges Erschaudern vor den Zeichen und Riten der Mafiosi schildern – und die Parallele zwischen den Nazis und den Mafiosi ist kein Zufall, weil dieser Vergleich der einzige ist, der Deutschen vor Augen führt, was die Mafia wirklich bedeutet. Ich wollte auch keinen Mafiakitsch erzählen, so wie es Mario Puzo mit dem Paten gemacht hat, an dem sich die Mafia noch heute erfreut. Ich wollte die Mafia auch nicht als das „absolut Böse“ erzählen, das all diejenigen ihrer Verantwortung enthebt, die ihr die Hand halten – weil sie sich mit ihr Interessen teilen. Ich wollte die Mafiosi nicht weiterleben lassen als Monster und faszinierende Unholde, ich wollte sie in die Luft sprengen.

Ich war so berauscht von der Idee. Ich sah  die Truppe schon vor mir:  angeführt von einer schönen Antimafia-Staatsanwältin würden sie mordend durch Italien und Deutschland ziehen – wie Tarantino sagte: „Ein Haufen Mistkerle mit einer Mission“.

Bis ich merkte, dass es nicht funktionierte. Weil auch das mafiosen Todeskitsch bedeutet hätte. Und weil es die Rolle der Mafia überhöht hätte, wie es in unendlich vielen Romanen der Fall ist: Sehr häufig werden die Schriftsteller selbst zum Opfer ihrer eigenen Faszination. Andrea Camilleri hat seinem Freund, dem sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia vorgeworfen, die Mafia als zu sympathisch, zu faszinierend daherkommen zu lassen, etwa wenn er Don Mariano in „Der Tag der Eule“ darüber schwadronieren lässt, dass er die Menschheit in „Menschen, Halbmenschen, Menschlein, Arschkriecher und Blablablas“ einteilt. Ich stelle eine ähnliche Faszination bei Giancarlo De Cataldo fest, die im übrigen auch von den von ihm beschriebenen Mafiosi geteilt wurde, was sogar zu einer Zurechtweisung des Obersten Richterrats führte, weil De Cataldo eine gewisse Nähe zu den Personen pflegte, die ihm als Vorlagen für seine Romanfiguren dienten, er tauschte nicht nur sms mit einem der Angeklagten des römischen Mafiaskandals aus, sondern telefonierte auch mit ihm , was für einen Schriftsteller kein Problem sein mag, für einen Richter wie De Cataldo aber eine heikle Sache ist. Und auch Roberto Saviano scheint vom Mafia-Zauber oft so geblendet zu sein wie viele Jungs in Neapel – ohne zu merken, dass er der Mafia einen Gefallen tut, wenn er sie als unbesiegbar darstellt. Mächtig ist sie nur dank ihrer Unterstützer, die die Mafia für ihre Zwecke benutzten, gewissermaßen als Dienstleistungsgesellschaft. Ohne sie würde die Mafia schon lange nicht mehr existieren.

Das wirklich Spannende an der Mafia ist für mich nach wie vor die sogenannte „Grauzone“: Die ist literarisch unendlich ergiebig. Interessanter und facettenreicher als die Mafia. Ohne die Grauzone hätte die Mafia nie existiert. Ohne die Unterstützung der vermeintlich Guten, ohne die Feigheit vieler und den verschlossenen Mündern all denjenigen, die für sich einen persönlichen Vorteil aus der Mafia ziehen können, ohne ihre Sympathisanten – Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – wäre die Mafia schon längst besiegt.

Alle diejenigen, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten, sind literarisch unfassbar lohnend. Finde ich.

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Und so habe ich die Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale erfunden – die Serena genannt wird, aber eigentlich mit dem Vornamen Santa Crocifissa geschlagen ist: heilige Kruzifixin. (Sie wurde nach ihrer im Kindbett verstorbenen Großmutter benannt.) In Palermo Connection  führt sie einen Prozess gegen einen Minister, der angeklagt ist, mit Mafia zusammenzuarbeiten. Und muss die Erfahrung machen, dass im Grunde niemand an der Wahrheit interessiert ist. In Die Gesichter der Toten wird sie mit der Suche eines nach seit Jahrzehnten untergetauchten Boss beauftragt.

Und zur Zeit ermittelt sie in einer Geschichte, zu der ich Ihnen nicht allzuviel Details verraten kann: Über laufende Ermittlungen will Serena Vitale nicht sprechen, hat sie mir gesagt. Aber so viel habe ich doch aus ihr herausgekriegt (wir waren mal wieder zusammen essen, in ihrer Lieblingstrattoria in Palermo, Piccolo Napoli): Sie ermittelt wieder in Italien und Deutschland, und Wolfgang Wieneke ist auch wieder mit von der Partie. Investigativ, sozusagen.

Ich lüge, um die Wahrheit zu erzählen.

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Don Ciotti: „Die Mafia ist keine Welt für sich, im Gegenteil“

Samstag, 22. Oktober 2016

Vorgestern wurde Don Luigi Ciotti, Begründer der Antimafia-Bewegung „Libera“ im Goldenen Saal der Stadt Augsburg mit dem Mietek-Pemper-Preis für Versöhnung und Völkerverständigung ausgezeichnet. Ich hatte die Ehre, seine Laudatio zu halten.

Don Luigi Ciotti (Foto Peter Neidlinger)

Don Luigi Ciotti (Foto Peter Neidlinger)

Ich möchte Ihnen kurz schildern, wie meine erste persönliche Begegnung mit Don Ciotti aussah. Ich war nach Rom gefahren, weil die Antimafiaorganisation „Libera“ die „Generalstäbe der Antimafia“ versammelt hatte, in einem Auditorium in Rom, unweit vom Petersplatz.

„Die Generalstäbe der Antimafia“ – mir gefiel der Ausdruck sofort, weil es klingt, als träfe sich hier ein Kreis von ausgewählten Offizieren, die einen Umsturz planten; die Generalstäbe der Antimafia, das klingt kämpferisch, ja kriegerisch – und ist damit der richtige Ausdruck.

Denn Italien ist ein Land im Kriegszustand. Es ist ein Krieg, der seit mehr als siebzig Jahren andauert. Es ist ein Krieg der Mafia gegen die Schwachen. Gegen die Menschenwürde. Gegen die Selbstbestimmung. Gegen die Freiheit.

Es ist ein Krieg, der mit ungleichen Waffen geführt wird.

Die Mafia kämpft mit ihren Milliarden, mit Bomben und Kalaschnikows, mit Parlamentariern, die für sie Justizreformen durchsetzen, mit Unternehmern, mit Staranwälten und Verleumdungsklagen. Und ihre Gegner kämpfen mit bloßen Händen.

Die Generalstäbe der Antimafia, die ich in Rom sah, waren Studenten mit Spitzbärten, stark gepuderte Damen, die aussahen, als kämen sie gerade vom Nachmittagskaffee und kaugummikauende Journalisten. Es waren junge Priester, die ihre Priesterbinde gelockert hatten, Universitätsprofessoren in currybraunen Cordhosen und Mädchen mit ernstem Blick und Augenbrauenpiercing. Es waren militante Optimisten, die in Italien ehrenamtlich für die mehr als 1600 Antimafiavereinigungen von Libera arbeiten: Sekretärinnen, die ihre Freizeit dafür opfern, in Schulen Lesungen von Mafiabüchern zu veranstalten, Regisseure, die Theaterstücke gegen die Mafia inszenieren, Studenten, die via Facebook Protestmärsche gegen mafiose Parlamentarier organisieren und Mafiainfiltrationen in Stadträten anprangern. Auch Mafia-Aussteiger waren da, ehemalige Kronzeugen, für die Don Ciotti sich einsetzt, damit sie vom italienischen Staat nicht fallen gelassen werden, nachdem sie mit ihren Aussagen Prozesse gegen die Mafia ermöglicht haben, sondern dass ihnen am Ende ihrer Zusammenarbeit mit der Justiz eine neue Identität erstellt wird.

Es gibt Libera-Aktivisten in ganz Italien, nicht nur in Süditalien, auch in winzigen norditalienischen Dörfern – Antimafiakrieger, die nun alle durch das Foyer des Auditoriums in Rom liefen, weil das der Moment war, als ein Mädchen mit einem glitzernden Palästinenserschal um den Hals auf die Bühne stieg.

Es war ein Mädchen, deren Mutter in Neapel von der Camorra ermordet wurde – eine junge Mutter, die zufällig die Straße passiert hatte, als ein Boss ermordet werden sollte. Eine Kugel traf sie in die Schläfe. Ihre Tochter war damals zehn Jahre alt und sah vom Balkon der Wohnung aus, wie ihre Mutter erschossen wurde. Nun war sie siebzehn und las mit fester Stimme die Begrüßungsworte des Staatspräsidenten vor, der zu Mut und Tapferkeit aufrief und Gerechtigkeit versprach, und ich hörte, wie sich hinter mir jemand die Nase putzte.

Im Auditorium saßen auch Ehefrauen und Kinder von ermordeten Polizisten und Staatsanwälten, Brüder, Schwestern und Eltern von Mafiaopfern. Einige hatten mit dem Leben für ihren Kampf um Gerechtigkeit gezahlt, andere hatten sich nur durch Zufall zur falschen Zeit am falschen Ort befunden, als eine Bombe hochging, als sie bei einer Schießerei ein Querschläger getroffen hatte, als sie Augenzeuge einer Blutfehde geworden waren und deshalb beseitigt werden mussten.

Es war ein untröstliches und zorniges Volk, das da saß und seine Toten vor dem Vergessen bewahren wollte, mit Wikipedia-Einträgen und Gedenktagen, mit Stiftungen und Facebook-Gruppen. Es tat ihnen gut, sich nicht allein zu fühlen. Die Mafia versucht ihre Gegner stets zu isolieren, zu diskreditieren, zu verhöhnen, viele noch bis in den Tod.

Am Ende ging Don Ciotti auf die Bühne. Wie immer trug er einen dunkelblauen Seemannspullover, in dem er aussah wie ein Marinepfarrer. Don Ciotti prangerte eine Gesellschaft der Ungleichheit an, er geißelte den Egoismus, bis die Dekoblumen auf der Bühne wackelten und präsentierte eine Liste mit den Namen der Mafiatoten. Von 1893 bis heute. Und betonte zugleich, dass diese Staatsanwälte, Polizisten, Journalisten, Unternehmer, Händler – dass all diese unschuldigen Opfer der Mafia nicht gestorben sind, um eine Gedenkplatte zu zieren oder Ziel eines Gedenkmarsches zu werden. „Sie sind mit der Hoffnung gestorben“, sagte er, „dass andere, mit ihnen und nach ihnen für Gerechtigkeit kämpfen würden. Wir sind diese anderen.“

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Ein toller Stoß.

Freitag, 26. August 2016

Nach dem Erdbeben ist vor dem Erdbeben, in Italien. Millionen für den Wiederaufbau, lese ich auf SPON – wenn man seit langem in Italien lebt, hat man diesen Satz schon öfter gehört, genauer gesagt, nach jedem Erdbeben. Das Geschäft läuft glänzend, für die Mafia, für die Bauindustrie – nur nicht für die Opfer der Erdbeben.

Nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert“ versucht man gar nicht mehr, den Zynismus dahinter zu verbergen: Auf Rai Uno konnten sich der Talkmaster Bruno Vespa und Graziano Delrio, Minister für Infrastruktur, gar nicht mehr einkriegen vor lauter Begeisterung über die Steigerung des Bruttosozialprodukts qua Erdbeben:

Vespa: „Ein toller Stoß für den Wirtschaftsaufschwung, wenn man bedenkt, was die Bauwirtschaft jetzt alles machen kann.“

Minister: „L’Aquila ist jetzt die größte Baustelle Europas und auch die Emilia ist eine riesig wachsende Baustelle, die das Bruttosozialprodukt steigern wird“

Vespa: „Wird einem Haufen Leuten Arbeit geben.“

In der ZEIT habe ich vor langer Zeit darüber geschrieben, was Erdbeben für Italien bedeuten. Der Text ist nach wie vor aktuell. Im Grunde muss man nur an die Stelle von L’Aquila „Amatrice“ setzen. Leider.

Wiederaufbau mit der Mafia

Aus der Geschichte wissen die Italiener: Der Gewinner eines Erdbebens ist immer die Mafia. Auch die Hilfsfonds zum Wiederaufbau von L’Aquila drohen zur Einkommensquelle verbrecherischer Kreise zu werden
Von Petra Reski
8. April 2009
Die Erde bebt noch und schon jetzt teilt sich die Mafia die Aufträge auf. So sagt man in Italien – und das nicht erst seit dem Erdbeben in den Abruzzen. Silvio Berlusconi hat ein erstes Hilfspaket von 30 Millionen Euro angekündigt, man erwartet auch EU-Gelder aus dem Solidaritätsfond für Naturkatastrophen – am Ende werden Milliarden von Euro nach Abruzzen strömen. Private Spenden und staatliche Gelder, regionale Zuschüsse und europäische Notstandsfonds: Ein langer, ruhiger Fluss, den die Clans in ihre eigenen Taschen umzuleiten gedenken.

Seit Jahrzehnten sind öffentliche Bauaufträge eine Einkommensquelle der Mafia – die in der Bau- und Immobilienbranche immer schon zu Hause war. Was kann da Besseres passieren, als wenn eine ganze Region wieder aufgebaut werden muss? In der vom Erdbeben betroffenen Region sind laut Francesco Forgione, dem Präsidenten der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, vor allem die aus Kampanien stammende Camorra aktiv sowie die apulische Sacra Corona Unita, die jüngste und kleinste Mafia-Organisation.

Die historische Erfahrung hat die Italiener gelehrt, dass der Gewinner eines Erdbebens immer die Mafia ist. Auch dank dieser Naturkatastrophen gelang es ihr, zu „Italiens größtem Unternehmen“ aufzusteigen. Der Umsatz betrage mehr als sieben Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts, teilte der italienische Unternehmerverband mit.

Am 20. Januar 1968 zerstörte ein Erdbeben ein Drittel der Häuser im Belice-Tal in der sizilianischen Provinz Agrigent – ganz so, als hätte die Natur der ärmsten Provinz Italiens noch den letzten Stoß versetzen wollen. Als die Erde in jener Januarnacht bebte, starben 370 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser, rund 1000 wurden verletzt, 70.000 Menschen verloren ihre Bleibe. Ganze Dörfer waren von der Erde verschluckt worden, und in Partanna, Montevago und Santa Margherita di Belice zogen die Überlebenden in Notunterkünfte – in der Hoffnung, hier nur den Winter überstehen zu müssen. Aus einem Winter wurden für die meisten mehr als 25 Jahre. Das Belice-Tal verkörpert seither für ganz Italien die Macht der Allianz von Mafia und korrupten Politikern: Von jenen 2600 Milliarden Lire, die von der römischen Regierung damals für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt wurden, erreichte nur ein verschwindend kleiner Teil die Bedürftigen.

Das große Geld machte die Mafia. Sie übernahm das Baugeschäft, sicherte sich die privaten und öffentlichen Bauaufträge und wurde so zum größten Arbeitgeber im Belice-Tal. Wer Arbeit gibt, der kontrolliert auch Wählerstimmen. Das ist heute noch ein Naturgesetz in Süditalien. Dank der römischen Subventionsmilliarden konnte sich die bäuerliche Mafia des Belice-Tals zum politischen Faktor entwickeln. Wer wie die Erdbebenopfer in Partanna, Montevago oder Santa Margherita di Belice ein Vierteljahrhundert in Wellblechhütten und Pappcontainern überlebt hat, der glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit – außer, er verschafft sie sich selbst.

Beim Erdbeben in Irpinia 1980, einem Landstrich in Kampanien, stellte die italienische Regierung 50.000 Milliarden Lire für den Wiederaufbau zur Verfügung, aber nur die Hälfte wurde tatsächlich für den Wiederaufbau genutzt. Stattdessen entstanden Firmen, Stadtviertel, ganze Dörfer nur auf dem Papier. Das Epizentrum befand sich in Neapel – und zwar nicht nur das des Erdbebens, sondern auch das der Camorra-Clans, die dank der Subventionsmilliarden erst richtig reich wurden. Sie verschafften sich damals den politischen und sozialen Einfluss, von dem sie noch heute profitieren.

Ponticelli, ein Vorort von Neapel, der noch heute aus den Bauruinen des Erdbebens besteht, wurde zur Camorra-Festung. Der Camorrista Ciro Sarno wurde „o’ sindaco“ genannt, der Bürgermeister, weil er sich zum Gebieter über das Volk der Terremotati erklärte: jener vom Erdbeben 1980 Vertriebenen, die Ponticellis Bauruinen besetzten – Bauskelette, die von neapolitanischen Bauunternehmern hinterlassen worden waren, nachdem diese ihre Subventionen kassiert hatten. Ciro o’ sindaco hatte die Wohnungen aufgeteilt. Und für Strom, Wasser und Gasanschlüsse gesorgt. Und sich damit die bedingungslose Ergebenheit derer verschafft, die nichts mehr zu verlieren haben.

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Als Staatsanwälte einen Korruptionsskandal rund um die Arbeiten der Zivilschutzbehörde für den auf Berlusconis Betreiben ausgerechnet in L’Aquila abgehaltenen G8-Gipfel aufdeckten, hörten sie die Telefone zweier Bauunternehmer ab, die bereits in der Nacht, als in L’Aquila die Erde bebte, von der Aussicht entzückt waren, dass ihnen nun viel Geld in die Taschen fließen würde. Der eine sagte: „Kümmer dich um die Sache, wir müssen sofort los, im vierten Gang! Ein Erdbeben passiert nicht jeden Tag.“ Und der andere jubelte: „Ich weiß, ich weiß, ich habe mich kaputtgelacht, heute morgen im Bett um halb vier.“

L’Aquila ist bis heute nicht wieder aufgebaut worden. Sieben Jahre danach.

 

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A Very Sicilian Justice

Donnerstag, 07. Juli 2016

Al Jazeera hat einen tollen Dokumentarfilm („A Very Sicilian Justice“) über den Prozess und den Staatsanwalt Di Matteo gedreht, der sich der „Trattativa“ widmet, der Geschäftsbeziehung zwischen dem italienischen Staat und der Mafia – über den ich nicht nur Reportagen und etliche Male in diesem Blog, etwa hier und hier, geschrieben habe, sondern der mich auch zu meinem Roman „Palermo Connection“ inspiriert hat.

Unbedingt ansehen!

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Der Bankautomat der Mafia

Montag, 27. Juni 2016

Ich wollte auch noch was zum #Brexit sagen, ja, Leute, tut mir leid, da müsst Ihr durch, zumal ja schon eifrig über den vermeintlichen Euroskeptizismus der Italiener berichtet wurde und wird,  wobei die SZ es hinkriegte, die römische Bürgermeisterin der Fünfsternebewegung mit der Rechten zusammenrühren (Le Pen, AfD, etc.pp.): Wenn es um Fünfsterne-Bashing geht, ist man ja vor nix fies.

Bis vor wenigen Jahren waren die Italiener nicht nur Ah-La-Germania-Eiferer, sondern auch glühendste Europaverfechter: Nur Europa kann uns retten, hieß es. Retten vor der Mafia, einer korrupten Politikerkaste, der Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst, der Jugendarbeitslosigkeit von 42 Prozent und einer Pressefreiheit, um die es nur in der Mongolei oder Bulgarien schlechter bestellt ist. Solo in Italia! Die Italiener verlangten nicht weniger, sondern mehr Europa, weil Europa da noch kein Theorem der Hochfinanz war, sondern ein Synonym für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Vielfalt. (mehr …)

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Tischgespräch

Samstag, 30. April 2016

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Wer sich für Venedig, das Ruhrgebiet, ostpreußische Familien und die Mafia interessiert (im Wesentlichen das Gleiche, bis auf winzige Unterschiede …), dem sei das kurzweilige Tischgespräch empfohlen, das Gisela Steinhauer mit mir in Venedig für WDR 5 geführt hat. Nachzuhören hier.

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Willkommen im Club der geschwärzten Bücher

Freitag, 22. April 2016

Gestern las ich, dass das Buch „Emanzipation im Islam“ von Sineb El Masrar auf Geheiß des Landgerichts München geschwärzt werden müsse. Die islamische Organisation Milli Görüs erwirkte die einstweilige Verfügung. DIE WELT hat darüber berichtet und auch ein schönes Foto von der geschwärzten Passage veröffentlicht:

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Mich hat das Urteil natürlich neugierig gemacht, auf das Buch (leider ist es erst am 28. April wieder lieferbar, weshalb es vielleicht ganz nützlich ist, bis dahin die vom Freitag veröffentlichte Leseprobe zu lesen) und auf die Autorin, Tochter marokkanischer Einwanderer und, wie ich dem Wikipedia-Eintrag entnehme, Gründerin des ersten deutschen multikulturellen Frauenmagazins Gazelle (sehr interessante Texte, unbedingt mal einen Blick reinwerfen!).

Im Ausland ist man über die deutsche Praxis, missliebige Bücher dank des Persönlichkeitsrechts zu schwärzen (wie es auch bei den Büchern von Francesco Forgione „Mafiaexport“ oder von Jürgen Roth „Mafialand Deutschland“ der Fall war) sehr erstaunt – ich habe darüber bereits mehrmals geschrieben, unter anderem hier, anlässlich der einstweiligen Verfügung gegen den MDR-Film über die ‘Ndrangheta in Erfurt, oder auch in der taz:

Mit der vermeintlichen Verletzung des Persönlichkeitsrechts lassen sich nicht nur Berichte über mutmaßliche Stasi-Kontakte eines Politikers stoppen, sondern auch über Mafiosi und ihre Verbindungen in Politik und Wirtschaft. Wer gegen einen Artikel oder ein Buch klagen will, kann sich das Gericht und sogar den Richter aussuchen – und wendet sich dabei an Gerichte, die für ihre Pressefeindlichkeit bekannt sind. Ende der Berichterstattung. Als mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ erschien, verklagten mich mehrere italienische Gastronomen – und weder diverse BKA-Berichte, Aussagen hochrangiger Antimafia-Ermittler noch kiloweise Ermittlungsunterlagen italienischer und deutscher Staatsanwaltschaften reichten aus, um die Gerichte zu überzeugen, dass die eigentliche Aufgabe eines Journalisten in der Verdachtsberichterstattung besteht – und nicht darin, lediglich erfolgte Urteile zu referieren. Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.

In dem Zusammenhang finde ich die Ausführungen von Hamed Abdel-Samad interessant, der sich in seinem Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ die Frage stellte: „Sind der Islam und die Mafia vergleichbar?“ und erstaunliche Parallelen im Hinblick auf Entstehungsgeschichte, Strukturen, Freund und Feind, Raubüberfälle und Schutzgelderpressung, unbedingter Gehorsam und die Abstrafung von Abtrünnigen und Kritikern feststellte.

Und wer jetzt hier – auch angesichts der seit drei! Wochen! andauernden! Böhmermann-Staatskrise in Deutschland anti-islamische Gefühle wähnt und sofort was lostwittern möchte, dem sei zur Beruhigung gesagt, dass ich in meinem geschwärzten Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern„, das in der italienischen Übersetzung übrigens den schönen Titel „Santa Mafia“ trägt, die Gemeinsamkeiten zwischen der Mafia und der katholischen Kirche aufgeführt habe.

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Palermo und Berlin, Gianroberto und Heimweh.

Dienstag, 12. April 2016

Von Palermo

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nach Berlin,

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Ryanair sei Dank. Aber trotzdem komisch. Fühle mich irgendwie so hingebeamt. Wie Indianer, die sich hinsetzen mussten, wenn sie mit dem Zug gereist waren, weil ihre Seele noch nicht mitgekommen war.

Das Deutschlandradio hat ein Interview mit mir geführt, nachzuhören hier.

Und hier in Berlin habe ich heute erfahren, dass Gianroberto Casaleggio heute gestorben ist, einer der beiden Gründerväter der Fünfsterne-Bewegung. Mit nur 61 Jahren.

Ciao Gianroberto. Mit Dir hat Italien einen Menschen verloren, der sein Land wirklich liebte.

Und plötzlich hatte ich Heimweh nach Italien.

 

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Deutschland offshore.

Freitag, 08. April 2016

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade in Palermo bin.

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(hier die etwas deprimierende Ansicht des Justizpalastes von hinten)

Jedenfalls klingt es hier so, als wollte man in Deutschland gerade mal ganz schnell das Rad neu erfinden, dank #PanamaPapers. Vulgo, die Geldwäsche in Deutschland spitzkriegen. (Auf Italienisch nennt man das: „Die Entdeckung des heißen Wassers.“) Auf allen Kanälen wird knallhart recherchiert: Spiegel online entdeckt „Deutschlands Kämpfchen gegen die Geldwäsche“ (schöne Überschrift, muss man ihnen lassen):

Nicht zuletzt wegen laxer Geldwäschekontrollen gilt Deutschland inzwischen als beliebte Destination für die italienische Mafia. Sie soll beispielsweise in Erfurt Drogenerlöse in Restaurants und Unternahmen gesteckt haben. „Wenn ich Mafioso wäre, würde ich meine Gelder in Deutschland anlegen“, sagte der italienische Staatsanwalt Roberto Scarpinato. Lange konnten Mafiosi für Geldwäsche nicht zusätzlich belangt werden, wenn sie schon für das zugrundeliegende Delikt wie etwa Drogenhandel bestraft wurden. Erst vor Kurzem wurde ein Gesetz gegen diese sogenannte Eigengeldwäsche auf den Weg gebracht – auch darauf hatte die FATF (die Anti-Geldwäschegruppe der OECD) gedrungen.

 

Maybritt Illner wirft Deutschland vor, ein Hort der Geldwäsche zu sein, und die Süddeutsche Zeitung stellt fest, dass wir „Steuerkriminellen den roten Teppich ausrollen„:

SZ: Gerade reden alle über das mittelamerikanische Land Panama. Sie bezeichnen auch Deutschland als Steueroase. Warum?

Markus Meinzer: Steueroasen ermöglichen Ausländern, Gesetze ihrer Heimatländer zu brechen. Nach dieser Definition ist Deutschland eine Steueroase. Wir rollen Steuerkriminellen den roten Teppich aus, etwa weil Ausländer keine Steuer auf Zinserträge in Deutschland bezahlen müssen und eine Meldung ans Heimatfinanzamt unterbleibt. Außerdem haben deutsche Banker keinerlei Sanktionen zu befürchten, selbst wenn sie wissentlich und vorsätzlich bei der Hinterziehung ausländischer Steuern behilflich sind. Alle verfügbaren Studien zeigen: Wenn Menschen ihr Geld über die Grenze bringen, ist Steuerhinterziehung die Regel und nicht die Ausnahme. Damit ist Deutschland nicht nur Opfer von Steueroasen, sondern Teil des Problems.

(mehr …)

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