Kategorie: Mafia

Der Göttliche ist tot.

Montag, 06. Mai 2013

Giulio Andreotti, der siebenfache italienische Ministerpräsident, starb  heute 94jährig, nach mehr als einem halben Jahrhundert an der Macht. Er starb selig in seinem Bett –  was man von vielen Männern, die seinen Weg kreuzten, nicht behaupten kann. Hier noch etwas zur Auffrischung des Gedächtnisses: Andreotti wurde wegen seiner Unterstützung der Mafia nicht freigesprochen, sondern verurteilt. Just to remember. 

Italien ist ein katholisches Land, das erklärt  auch die schöne Unterzeile aus dem Fatto Quotidiano: Rinviato a giudizio heißt: Das Hauptverfahren wurde eröffnet.

andreotti_366_pp

In seinem  Film “Il Divo” – der Göttliche, hat der Regisseur Paolo Sorrentino zusammen mit seinem genialen Hauptdarsteller Toni Servillo in seinem Monolog die Essenz der Andreotti-Politik zusammengefasst:

Livia, sono gli occhi tuoi pieni che mi hanno folgorato un pomeriggio andato al cimitero del Verano, si passeggiava e io scelsi quel luogo singolare per chiederti in sposa, ti ricordi? Si lo so gli occhi tuoi pieni e puliti, incantevoli e incantati non sapevano non sanno e non sapranno e non hanno idea. Non hanno idea delle malefatte che il potere deve commettere per assicurare il benessere e lo sviluppo del paese. Per troppi anni il potere sono stato io. La mostruosa, inconfessabile contraddizione: perpetuare il male per garantire il bene. La contraddizione mostruosa che fa di me un uomo cinico e indecifrabile anche per te; gli occhi tuoi pieni, puliti e incantati non sanno la responsabilità diretta o indiretta per tutte le stragi avvenute in Italia dal 1969 al 1984 e che hanno avuto per la precisione 208 morti e 817 feriti. A tutti i familiari delle vittime io dico si, confesso è stato anche per mia colpa , mia colpa, mia grandissima colpa. Questo dico anche se non serve. Lo stragismo per destabilizzare il paese, provocare il terrore, isolare le parti politiche estreme, per rafforzare i partiti di centro come la DC. La hanno definita strategia della tensione: sarebbe più corretto dire strategia della sopravvivenza. Roberto, Michele, Giorgio, Carlo Alberto, Aldo, per vocazione o per necessità, ma tutti irriducibili amanti della verità, tutte bombe pronte ad esplodere che sono state disinnescate col silenzio finale. Tutti a pensare che la verità sia una cosa giusta e invece è la fine del mondo! Noi non possiamo consentire la fine del mondo in nome di una cosa giusta! Abbiamo un mandato noi, un mandato divino! Bisogna amare così tanto Dio per capire quanto sia necessario il male per avere il bene. Questo Dio lo sa, e lo so anch’io.

Auf Deutsch:

Livia, Deine Augen haben mich an jenem Nachmittag auf dem Verano-Friedhof  wie ein Blitz getroffen, man ging spazieren und ich wählte diesen besonderen Ort, um Dir einen Heiratsantrag zu machen, erinnerst Du Dich? Ja, ich weiß, Deine runden und reinen Augen, so zauberhaft und verzaubert, wussten, wissen und werden nie etwas wissen, sie haben keine Ahnung, keine Ahnung von den Missetaten, die die Macht begehen muss, um den Wohlstand und die Entwicklung eines Landes zu garantieren. Ich war viel zu viele Jahre an der Macht. Da ist der monstruöse und uneingestehbare Widerspruch: das Böse aufrechtzuerhalten um das Gute zu garantieren. Der ungeheuerliche Widerspruch, der aus mir einen zynischen und auch für Dich rätselhaften Mann gemacht hat, Deine runden, reinen und verzauberten Augen wissen nichts von der direkten oder indirekten Verantwortung für die Blutbäder in Italien von 1969 bis 1984, die exakt 208 Tote und 817 Verletzte forderten, all den Angehörigen der Opfer gestehe ich: Ja, ich gebe zu, dass es auch meine Schuld war, meine Schuld, meine allergrößte Schuld, ich sage das, auch wenn es nichts nützt, die Taktik der Blutbäder, um das Land zu destabilisieren, den Terror zu provozieren, die extremen politischen Parteien zu isolieren, um die christdemokratischen Parteien des Zentrums zu stärken, man hat sie Strategie der Spannung genannt, es wäre aber korrekter, sie Strategie des Überlebens zu nennen, Roberto, Michele, Giorgio, Carlo Alberto, Aldo: aus Berufung oder Notwendigkeit waren sie alle unbeugsame Freunde der Wahrheit, alles Bomben kurz vor der Explosion, die bis zur finalen Ruhe entschärft wurden, alle halten die Wahrheit für etwas Gerechtes, tatsächlich aber bedeutet die Wahrheit das Ende der Welt, wir dürfen nicht das Ende der Welt im Namen der Wahrheit gestatten,wir haben einen Auftrag, wir haben ein göttlichen Auftrag, man muss Gott sehr lieben, um zu wissen, wie sehr das Böse nötig ist, um das Gute zu erreichen. Das weiß Gott, und das weiß auch ich.

1992-2013

Montag, 22. April 2013

berlusconi_ride

Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich zur Zeit so niedergeschlagen wie in jenen Tagen 1992, als Falcone und Borsellino ermordet wurden. Als wir begriffen, dass alles vorbei war. Als wir begriffen, dass das Spiel längst gelaufen war.

Salvatore Borselllino, der Bruder des ermordeten Staatsanwalts, schrieb gestern: ”Sie sind dabei, die Republik zu zerstören, die aus dem Widerstand gegen den Faschismus entstanden ist – um die Republik zu festigen, die aus den Mafia-Blutbädern hervorgegangen ist. Ein neuer Widerstand ist notwendig. Wir werden mit allen Mitteln kämpfen, bis zum Ende. Aber wir werden nicht aufgeben. NIE.”

Super Werbung für die Wurst

Freitag, 19. April 2013

Gala-Maenner-des-Jahres-der-Zeitschrift-GQ

Wir schalten jetzt mal kurz zurück nach Deutschland. Wo man ganz hart und unnachgiebig fordert, dass Bushido, der Sänger Lieblingsvorzeige-Integrant der Deutschen, sein Bambi und seine Auszeichnung als “Best dressed Man” zurückgeben soll, weil der STERN seine mutmaßlichen, das muss man jetzt so schreiben, weil man sonst blitzfix verklagt wird Mafia-Kontakte enthüllt hat. Ich meine: Super Werbung für die Wurst. Besser konnte es nicht laufen.

Die SZ mahnt besorgt: “Das Leben des Anis Ferchichi alias Bushido könnte eine so schöne Geschichte sein, über einen, der es von ganz unten bis nach ganz oben geschafft hat. Doch diese Geschichte bekommt nun Risse.” Risse! Jetzt ist aber Holland in Not! Die TAZ stellt fest: “Bushido hat Deutschland verarscht”, Bild fragt sich: “Was ist eigentlich eine Generalvollmacht?”, und der Spiegel ist neidisch, weil ihr “Skandalrapper” jetzt nicht bei ihnen singt, sondern bei der Konkurrenz.

Ein bisschen Grusel kommt immer gut im Wohlstandsland, wo die ganz Bösen angesäuselt etwas von Tanzkarten faseln, woraufhin sie sofort ins Fernsehtribunal gezerrt werden und einen Twitterorkan auslösen. In Deutschland liebt man auch die Mafiamusik und glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist dass die Mafia im Grunde ehrenwert ist und wenn überhaupt, wie in Duisburg 2007 gesehen, allerhöchstens ihren Landsleuten gefährlich werden kann. So wie die Rechtsextremisten letztlich auch harmlos sind, jedenfalls, solange man kein türkischer Blumenhändler, türkischer Änderungsschneider oder türkischer Inhaber eines Döner-Kebab-Imbisses ist.

Wir müssen uns keine Sorgen machen, wir haben den Rechtsstaat. Der, wie in München gesehen, dafür sorgt, dass die Ausländer draußen bleiben sogar Prozesse verschoben werden, damit auch im Ausland ordentlich über die Unnachsichtigkeit der Deutschen gegen rechtsextremistische Mörder berichtet werden kann.

 

Weder Schwule noch Komiker

Freitag, 05. April 2013

Un casino, sagt man hier. Gemeint ist das Chaos, in dem sich Italien seit den Wahlen befindet. Inzwischen haben wir einen neuen Papst (bescheiden wie fast alles hier, zur Zeit), aber noch keine neue Regierung. Dafür aber “zehn Weise”, hochgelobt von der Süddeutschen Zeitung, die ihrer Rolle als deutsches diplomatisches Corps wieder alle Ehre macht und schreibt:

  • Der weise alte Mann auf dem Quirinalshügel, Präsident Giorgio Napolitano, hat das Klügste getan, was er mit seiner so kurz vor dem eigenen Amtsende begrenzten Macht tun konnte. Erstens: Den Ball flach halten, damit der Rest der Welt nicht zu nervös wird. Noch-Premier Mario Monti kann erst mal weiter das Nötigste regeln. Zweitens: Mit der Berufung von respektablen Vermittlern und Experten will Napolitano Zeit gewinnen, damit vielleicht doch noch nach Ostern die Vernunft der Politiker wiederaufersteht. Sie haben die Verantwortung einfach auf den 87-jährigen Präsidenten abgewälzt.

Expertenkommissionen werden von Deutschen ja immer geschätzt. Auch wenn sich dahinter, so wie hier in Italien, nichts Geringeres als ein stiller Staatsstreich verbirgt. Denn die”Weisen” sind nichts anderes als das Fundament jener großen Koalition zwischen Berlusconis PDL und der linksdemokratischen PD – darunter ein “Weiser”, der diverse Ad-Personam-Gesetze für B. schaffte, oder der Linksdemokrat Luciano Violante, der dafür sorgte, dass B. das Monopol für seine Fernsehsender behalten konnte (um nur ein Beispiel zu nennen).

Der “weise, alte Mann auf dem Quirinalshügel” ist kein gütiger Greis, kein Großvater der Nation, der die Streite seine kleinen, zänkischen Enkel schlichtet, sondern nach Andreotti der gewiefteste Strippenzieher Italiens, ein alter Fuchs, der sich in den Niederungen der italienischen Politik mit verbundenen Augen auskennt. Er war derjenige, der B.’s Gesetze stets unterzeichnete. Und als ihn der ehemalige Senator Mancino letztes Jahr anrief und ihn darum bat, die Staatsanwälte von Palermo zurückzupfeifen, weil sie Mancino als Zeugen verhören und von ihm wissen wollten, was er von den Verhandlungen zwischen Vertretern des italienischen Staates und der Mafia zur Zeit der großen Mafiamorde 1992 weiß, (mehr dazu: hier) da ist der “weise alte Mann auf dem Quirinalshügel”, dieser sympathische Großvater nicht etwa empört von seinem Lehnstuhl aufgesprungen, sondern ließ Mancino ausrichten, dass ihm seine Angelegenheit sehr am Herzen liege.

Glücklicherweise läuft die Amtszeit des gütigen Großvaters in diesem Monat ab.

Aber damit sind die Probleme noch nicht gelöst. Eine Regierung konnte noch nicht gebildet werden, obwohl das neue italienische Parlament, wie der Journalist Marco Travaglio anmerkte, etwas jünger, weiblicher und sauberer ist, als das vorangehende. Die neue Bescheidenheit bemerkt man vor allem im Fernsehen: selbst B.’s Girl Mara Garfagna, Abgeordnete und ehemaliges Aktmodell, oder B.’s pasionaria Daniela Santanchè  zeigen in Talkshows kein Bein mehr, auch kein Dekolleté, sondern Wollpullover und hamsterbraune Hosenanzüge.

Die PD (stärkste Partei im Parlament, wenngleich auch nur um wenige Stimmen) nimmt neuerdings Worte wie “Gesetz gegen Interessenskonflikt” in den Mund, schreckt selbst nicht davor zurück, B. als “nicht wählbar” zu erklären, was bis vor kurzem nicht denkbar war. Die Parlamentspräsidentin und der Senatspräsident halbieren ihre Gehälter.

Aber weil die PD im Senat keine Mehrheit hat, besteht das Patt weiter. Die 5Sterne-Bewegung soll es jetzt richten. Kann aber nicht. Sie will einer Regierung der PD kein Vertrauen aussprechen. Was einleuchtend ist, weil es dem diametral entgegengesetzt wäre, was die 5Sterne während des ganzen Wahlkampfs erklärt haben. Als Napolitano auf die Idee kam, die zehn Weisen zu berufen, schrieb der sizilianische Schriftsteller Roberto Alajmo, dass dies so etwas sei, wie der Skorpion, der zu dem Frosch, der ihn gerettet hat, sagt: “Natürlich habe ich dich gestochen, aber das ist meine Natur”: Natürlich zeigte die politische Kaste mit den zehn Weisen ihr hässlichstes Gesicht, das Gesicht, das von Beppe Grillo stets beschworen wurde. Aber. Das Problem ist, dass unter den Trümmern der italienischen Politik die Italiener begraben sind.

Den Grillini wird seitdem (Nicht nur von der etablierten Presse, sondern auch als friendly fire der Tageszeitung “Il Fatto quotidiano”) vorgeworfen, immer nur “Nein, Nein, Nein” zu sagen. Allerdings streiten sich auch die 163 Abgeordneten der 5Sterne-Bewegung, die in Orthodoxe und Reformer gespalten sind. Die Orthodoxen sind in der Mehrheit, beharren darauf, das Programm zu respektieren, haben die Gründer Beppe Grillo und Casaleggio auf ihrer Seite, wobei Grillo auf seinem Blog schreibt: “Wenn ihr die PD stützen wollt, dann hättet ihr uns nicht wählen sollen”. Was ja stimmt. Aber niemand konnte den Abgeordneten der 5Sterne-Bewegung verbieten, Namen zu nennen: von  respektablen Persönlichkeiten, die nicht zur PD gehören, aber so glaubwürdig sind, dass sie auch das Vertrauen der Wähler der 5Sterne-Bewegung haben könnten. Vielleicht hätte die PD dem nicht zugestimmt. Aber sie hätte dann auch nicht weiter behaupten können, die 5Sterne-Bewegung wolle alles nur blockieren.

Demnächst wird also der neue Staatspräsident gewählt. Die 5Sterne-Bewegung wählt ihren Kandidaten online. Wenn aber ihr Kandidat nicht gewinnt und sich die 5Sterne entschließen, den Kandidaten der Linksdemokraten nicht zu unterstützen, gewinnt automatisch B.’s Kandidat. Keine schöne Aussicht. Nur um, wie es der Journalist Andrea Scanzi schrieb, zu beweisen, dass die Linie der “reinen Lehre” gewinnt. Scanzi schrieb auch, dass Grillo Recht hat, zu schreien: “Wir wollen nicht das weniger Schlimme” (also die PD). Sondern einen echten Wandel.

Aber es stimmt auch, wie Scanzi feststellte, dass es nicht das “weniger Schlimme” ist, wenn Berlusconi endlich in einer echten Minderheit wäre – und Renzi, der neue Hoffnungsträger der Linksdemokraten, auf seine wahre Größe zurechtgestutzt würde. Wenn nicht, wird Italien weiter von Berlusconi und seinem neuen Freund Renzi regiert.

Letzteres wäre im Interesse von einigen. Auch der Mafia. Vor drei Tagen wurde bekannt, dass in Palermo gegen den Staatsanwalt Nino di Matteo und den Zeugen der Anklage, Massimo Ciancimino, anonyme Morddrohungen eingegangen sind. Bis Ende Mai würden beide (die nicht zufällig Schlüsselrollen in dem Prozess um die Trattativa spielen, den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia) in die Luft gesprengt.

Diese Drohung wurde sehr ernst genommen. Nicht nur, weil der Brief genaue Details über die Gewohnheiten des Staatsanwalts und des Mafia-Zeugen verriet. Sondern auch, weil es im Moment sehr viele Parallelen gibt, zwischen dem Limbus, in dem sich die italienische Politik heute befindet – und in dem sie sich Anfang der 1990er Jahre befand, nachdem sich die italienischen Parteien infolge des Korruptionsskandals Mani Pulite aufgelöst hatten. Damals war der Mafia ihr politischer Ansprechpartner abhanden gekommen, die Bomben gegen Falcone, Borsellino 1992 und die Bomben 1993 in Mailand, Rom und Florenz wurden gelegt, um, wie es der Boss Totò Riina sagte: “Krieg zu machen, um Frieden zu erreichen”.

Die Mafia hat, was die jetzige Regierungsbildung betrifft, eine ganz klare Vorstellung: “Weder Schwule, noch Komiker in der Regierung”, war in dem anonymen Brief zu lesen. Dazu ist zu bemerken, dass in Sizilien seit einigen Monaten Renato Crocetta als Ministerpräsident regiert, gestützt von der 5Sterne-Bewegung, der seine Homosexualität nie geleugnet hat.

Interessant ist auch, dass weder von dem weisen alten Mann auf dem Quirinalshügel, noch von der (noch amtierenden) Justizministerin – und selbst nicht von dem soeben ernannten Senatspräsidenten Piero Grasso auch nur ein Wort, eine Silbe, eine winzige Geste der Solidarität mit dem bedrohten Staatsanwalt Nino di Matteo zu vernehmen war.

Stattdessen läuft gegen ihn ein Disziplinierungsverfahren, weil er die Existenz des Telefonats zwischen dem alten, weisen, etc. pp, Staatspräsidenten und dem in Bedrängnis geratenen Senator nicht geleugnet hat.

Das ist der Stand hier.

Der italienische Prozess

Samstag, 16. Februar 2013

Salvatore Borsellino ist der Bruder des von der Mafia ermordeten Staatsanwalts. Er kämpft darum, dass die Auftraggeber an dem Mord seines Bruders verurteilt werden. Ich habe seinen Kampf beschrieben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mittwoch, 09. Januar 2013

Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben. Der wunderbaren Sonia Alfano, Vorsitzende der (von ihr ins Leben gerufenen) europäischen Antimafia-Kommission (mehr zu Sonia Alfano in diesem Blog auch hier und hier) und Tochter des von der Mafia ermordeten Journalisten Beppe Alfano ist es zu verdanken, dass es am 20. Jahrestag der Ermordung ihres Vaters in ihrem sizilianischen Heimatort Barcellona del Pozzo zu einer europäischen Antimafia-Tagung kam. An der auch der deutsche BKA-Chef Jörg Ziercke teilnahm – und dort den bemerkenswerten Satz äußerte, dass die Hälfte der in Deutschland identifizierten Mafiagruppen zur ‘Ndrangheta gehörten, die seit den Achtzigerjahren in Deutschland die größte Gruppe der organisierten Kriminalität darstellten, was dem Corriere della Sera  die Überschrift “Der deutsche Polizeichef: Die Kriminalität in Deutschland heißt ‘Ndrangheta” wert war. Überdies habe Ziercke in Sizilien auch gefordert, dass  der Strafbestand der Mafiazugehörigkeit in das deutsche Recht eingeführt werde – so wie er in Italien durch den Paragraphen 416 bis definiert wird, der die alleinige Zugehörigkeit zur Mafia unter Strafe stellt. Auf Facebook wurde das von den Italienern sofort erfreut mit “Ah, endlich haben die Deutschen es verstanden” kommentiert.

Jetzt wäre es natürlich sehr schön, wenn der BKA-Chef so etwas nicht nur in Sizilien, sondern auch in Deutschland sagen würde.

 

Die Endlosschleife.

Samstag, 29. Dezember 2012

Und täglich grüßt das Orgientier. EIN STOSSGEBET VON PETRA RESKI. 

Italien kommt nicht aus der Endlosschleife von Korruption und politischem Schmierentheater. Die Rückkehr Berlusconis ist das i-Tüpfelchen.

Berlusconi kandidiert wieder? Aber ist der nicht im Gefängnis?”, fragte mich eine Freundin. Zu ihrer Entschuldigung muss gesagt werden, dass sie in Australien lebt und es relativ still um B. geworden war: Wenn von ihm die Rede war, dann nur als Angeklagter in einem seiner zahlreichen laufenden Prozesse (Sex mit Minderjährigen, illegales Abhören politischer Gegner, Steuerhinterziehung), sodass ein gutgläubiger, fernab lebender Mensch auf die Idee kommen konnte, dass die Gerechtigkeit nun endlich ihren Lauf genommen hätte. Hat sie natürlich nicht. In Italien glaubt man an Wunder, aber nicht an die Gerechtigkeit. Und ein Wunder war es bereits, dass wir ein Jahr lang der Endlosschleife entkommen waren und nichts mehr über seine Orgien, Erpressungen und Sexualpraktiken erfuhren. Kaum hat B. sein Comeback als Spitzenkandidat seiner Partei PdL für die Wahlen im Februar 2013 angekündigt, verheddert er sich innerhalb einer Stunde in fünf sich widersprechenden Versionen (“Ich mache einen Schritt vor, zurück, zur Seite”), ist wieder jeder Radiosender mit seinen Schizophrenien verpestet (“Ich bin ein Conducator, dem die Italiener vertrauen”), die Leitartikler arbeiten sich an seinen Wahnvorstellungen ab (“Die Staatsanwälte sind das Krebsgeschwür der Demokratie”), das Netz ist von ihm verseucht, vom Fernsehen ganz zu schweigen, die Börsenkurse brechen ein, der Spread schnellt hoch wie eine Fieberkurve – und der Einzige, den der erneut steigende Risikoaufschlag auf italienische Staatsanleihen kaltlässt, ist B., der verkündet, dass der Spread nichts anderes sei als ein Betrug mit dem Ziel, die von den Italienern gewählte Regierungsmehrheit zu Fall zu bringen. “Berlusconi will immer die Hauptperson sein”, sagte der italienische Komiker Roberto Benigni, “in der Kirche der Papst, bei der Hochzeit die Braut und auf der Beerdigung der Tote.” So gesehen läuft es bestens für ihn. Und obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass B. die Wahlen gewinnen könnte, so gering ist wie die Anzahl natürlich gewachsener Haare auf seinem Schädel, garantiere ich für nichts. Berlusconi als Spitzenkandidat der PdL, das sei, wie nachts ohne Scheinwerfer gegen eine Mauer zu rasen, verkündete einer von B.’s einstigen Vertrauten, aber selbst diese Aussicht schreckt B. nicht. Schließlich ist das italienische Parlament bereits voll von Untoten, die ihre Privilegien mit Zähnen und Klauen verteidigen – warum sollte er ausgerechnet jetzt, wo drei seiner Prozesse vor der Urteilsverkündung stehen, auf seine parlamentarische Immunität verzichten? Ein Wunder war es auch, dass ein klinischer Fall wie B., gegen den wegen Steuerbetrugs, Bilanzfälschung, Mitwirkung in einer mafiosen Vereinigung, Richterbestechung und Mittäterschaft bei Anschlägen ermittelt wurde und den nur großzügige Verjährungsfristen und 40 maßgeschneiderte Ad- personam-Gesetze vor der Verurteilung retteten, es überhaupt schaffte, nicht nur einmal, sondern dreimal als Ministerpräsident wiedergewählt zu werden – um den Italienern kostenlose Gebisse, eine Million Arbeitsplätze, die Heilung von Krebs, Steuererleichterungen und eine Brücke nach Sizilien zu versprechen. Im Laufe des gefühlten Berlusconi-Jahrhunderts bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass B. unter Pseudologia phantastica leidet, einem pathologischen Zwang zum Lügen – der sich sogar in seinem Äußeren widerspiegelt. Ich weiß noch, wie unangenehm es mich berührte, als ich ihn auf einer Pressekonferenz zum ersten Mal sah: Kaum größer als ein Schulkind, mit ockerfarbenem Makeup, dunkel nachgezogenen Brauen und aufgemalten Haaren, wurde er von den Leibwächtern wie eine Kommode in den Saal geschoben. Außer Leichen vor der Beerdigung habe ich noch nie einen Menschen gesehen, der so stark geschminkt war wie er. Wäre er Postbote oder Bankangestellter, hätte man einen großen Bogen um ihn gemacht – weil sein Äußeres bereits so befremdet, dass man über das Innere gar nicht mehr nachdenken möchte. Aber er war der italienische Ministerpräsident – über den sich selbst seine Hürchen wenig schmeichelhaft zu äußern pflegten.Sie nannten ihn “das alte Ekel”oder, wenn sie nett sein wollten, “Quelle unseres Reichtums” und waren entfesselt, als das Gerücht kursierte, dass die Orgien weniger werden könnten. “Ich habe nur noch 1000 Euro, ich muss unbedingt Kasse machen”, sagte die eine, während die andere sinnierte: “Der Alte nervt, bald sitzen wir alle in der Scheiße, jetzt ist die Gelegenheit, ihn umzubringen, ich hau ihm die Statue ins Gesicht.” (Sinnigerweise handelte es sich um eine Priapus-Statue.)

Dass die Parlamentarier auf dieses Unterhaltungsprogramm ungern verzichten, liegt nahe. Und das gilt nicht nur für B.’s Lakaien, sondern auch für die linksdemokratische PD, die sich 17 Jahre lang bequem mit Blick auf den schwarzen Mann einrichtete und es nicht mal schaffte, als sie an der Macht war, ein Gesetz über den Interessenkonflikt zu initiieren – zwischen dem Ministerpräsidentenamt und dem des größten Medienunternehmers des Landes. Dass Monti seine Reformen nicht weiter verfolgen konnte, erstaunt in Italien niemanden: Warum sollten sich die Parlamentarier den Ast absägen, auf dem sie selber sitzen? Warum für ein Anti-Korruptions- Gesetz stimmen, wenn die Korruption unter B. zum Regierungsinstrument erhoben wurde? Warum eine Reform des Arbeitsmarktes unterstützen, wenn zu befürchten ist, dass die Gewerkschaften, die rückständigsten Europas, ihre Wählerstimmen entziehen könnten? Warum ein neues Wahlgesetz durchsetzen, wenn das alte Wahlrecht, auch Porcellum, Schweinerei, genannt, es einer Partei, die nur auf 30 Prozent der Stimmen kommt, ermöglicht, 55 Prozent der Sitze zu erhalten? Ein Wahlrecht, bei dem keine Kandidaten zur Wahl stehen, sondern nur Parteien oder Parteibündnisse, weshalb der Wähler die Katze im Sack kaufen muss. Gespart wurde unter Monti nicht an den Diäten der Abgeordneten oder an den Ausgaben für das Militär, sondern an Universitäten, Krankenhäusern und Schulen. Da fiel es B. leicht, etwas vom Opfer zu faseln, das er erbringen würde, um Italien vor Montis “rezessiver Politik” und einem “germanozentrischen Europa” zu retten. Egal, ob die PD die meisten Stimmen erhält, die Bürgerbewegung des Beppe Grillo “5Stelle” tatsächlich 20 Prozent schafft oder Monti ein bürgerliches Parteienbündnis anführen wird: Solange B. noch zappelt, kann nur ein Wunder helfen.

PETRA RESKI DEUTSCHE WAHL- VENEZIANERIN

(Originalartikel in: Focus 51/2012 vom 17. Dez. 2012)

Aus Liebe zu Italien

Donnerstag, 25. Oktober 2012

kündigte B. an, auf seine Kandidatur als Ministerpräsident  zu verzichten.

Meine Meinung: Unter B. war nicht alles schlecht. Auch habe ihm einiges zu verdanken. Etwa, dass ich italienischer wurde, als ich es je erwartet hätte, ich habe mich für ihn geschämt und ihn verflucht. Dank ihm interessierte ich mich mehr für die Zusammenhänge zwischen Mafia und Politik und durfte  im Justizpalast von Palermo sogar die Bekanntschaft von Marcello Dell’Utri machen, Berlusconis rechter Hand. Und dank B. habe ich mich einmal sogar wie John Malkovich gefühlt. Als er in „Die zweite Chance“ einen Attentäter spielt, der als Sponsor getarnt zu einer Wahlveranstaltung des Präsidenten geht.

Es war vor einem Jahr in Turin. Die Innenstadt war von einem Sicherheitsaufgebot abgeriegelt worden, das jedem Nato-Gipfel zur Ehre gereicht hätte. Polizisten verteidigten B. gegen Punk-Mädchen mit flamingorosa Federboas und dünne Jungs mit hängenden Hosenböden. Mit Trillerpfeifen und Trommeln demonstrierten sie für ein freies Pfeifen in einem freien Land. Die Federboa-Mädchen riefen „Witzfigur, stell dich endlich den Gerichten!“, die Grillini skandierten: „Er wird von unseren Steuergeldern dafür bezahlt, sich vor uns zu schützen“ – bis eine Tränengasbome alle zurücktrieb.

Mit Schlagstöcken und Helmen bewaffnete Beamte bewachten das Hotel, in dem B. eine Pressekonferenz abhalten sollte, bevor er an einem Abendessen mit norditalienischen Industriellen teilnahm – die pro Person fünfhundert Euro dafür bezahlt hatten, um mit ihm ein paar gefüllte Ravioli zu essen. Ein Polizist in schwarzer Kampfmontur versuchte noch, mich aufzuhalten, aber als er hörte, dass ich ein Zimmer im Hotel „Principi di Piemonte“ gebucht hatte, ließ er mich ziehen.

Als ich mich endlich bis zum Pressezentrum vorgekämpft hatte, hieß es, die Akkreditierung für die Pressekonferenz mit B. sei bereits abgeschlossen. Aber ich sei extra aus Deutschland angereist, um Il Presidente zu sehen, log ich, und schon trug mich ein Mädchen in eine Liste ein. Dann durfte ich in einem kleinen Saal Platz nehmen, der von Scheinwerfern grell erleuchtet und mit den üblichen hellblauen Volk-der-Freiheit-Vignetten dekoriert war. Der Saal quoll über vor Sicherheitsleuten, die hinter Volk-der-Freiheit-Abgeordneten standen, in nachtblauen Anzügen und blankpolierten schwarzen Schuhen. Volk-der-Freiheit-Damen in Chanelkostümen warfen sich Volk-der-Freiheit-Luftküsse zu und tupften sich die glänzenden Stellen von der Stirn, die Sicherheitsleute zischelten etwas in ihre Jackenärmel, und dann kam ER.

Die Leibwächter schoben ihn wie eine Kommode in den Saal. Obwohl ich ihn bereits millionenfach im Fernsehen gesehen hatte, in Haupt- und Spätnachrichten, in den Talkshows der Hofschranzen, auf den Titelseiten der Wochenmagazine, überraschte mich, sehen zu müssen, dass er wirklich existiert. Und wie klein er dabei war. Kaum größer als ein Schulkind. Und wie geschminkt. Außer Leichen vor der Beerdigung hatte ich noch nie eine Person gesehen, die so stark geschminkt war wie er, mit mandarinengelbem Make-Up, dunkel nachgezogenen Brauen und aufgemalten Haaren. Wäre er Versicherungsmakler oder Friseur, hätte man hinter seinem Rücken getuschelt und sich ansonsten von ihm fern gehalten – weil sein Äußeres bereits so befremdete, dass man über das Innere gar nicht mehr nachdenken mochte.

Er hielt den üblichen B.-Monolog, beginnend bei der Justiz, die von Kommunisten verwaltet werde, weshalb mich ein nervöses Kichern überfiel und die Volk-der-Freiheit-Damen mich strafend anfunkelten. Als er eine Hand hob, klackten die Kameraobjektive so entfesselt, als sei etwas passiert. Während er „Ich als Regierung interessiere mich für“ sagte und von den Steuerhinterziehungen sprach, die er bekämpft und von den 7000 Mafiosi, die er festgenommen haben wollte, dachte ich, dass die dreimalige Wiederwahl eines Ministerpräsidenten, der bereits wegen Steuerbetrugs, Bilanzfälschung und Richterbestechung rechtskräftig verurteilt wurde, der nur einmal im Parlament sprechen musste, um alle Börsenkurse ins Bodenlose stürzen zu lassen, ein Wunder ist, das tatsächlich nur in Italien geschehen kann. Wo die Madonnen blutige Tränen weinen.

Heute twitterte jemand: “Danke. Jetzt brauchen wir zwanzig weitere Jahre, um wieder normal zu werden”

 

Wiener Stadtgespräch

Freitag, 05. Oktober 2012

Wunderbares Wien. Nochmals Dank an die Wiener Arbeiterkammer für die Einladung!

Die Kaste schlägt zurück II

Samstag, 11. August 2012

Der Appell der  Tageszeitung “Il Fatto” gegen das Schweigen des italienischen Staates über seine Rolle bei den Verhandlungen mit der Mafia wurde innerhalb von drei Tagen von 70 000 Italienern unterschrieben.