Kategorie: Mafia

Bild für Sie

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Gestern bekam ich eine Mail von meinem Verlag, mit der Nachricht: “Bild für Sie”. Bild? Was für ein Bild? Für mich? Der Anhang ließ sich nicht laden, weil ich gerade in einer engen Funkloch-Gasse steckte. Zwei Schritte weiter sehe ich: Die Bildzeitung! Empfiehlt! Palermo Connection! Zu Weihnachten! Und weil die Bildzeitung die einzige Zeitung ist, die in meiner Familie gelesen wird  (verschämt, wie mein SPD-Onkel oder kritisch wie meine Tante, die der Bild vorwirft, überall, wo man sie hinlegt, schwarze Flecken zu hinterlassen), rufe ich meine Mutter an, um ihr die Jubelnachricht zu überbringen. Nicht da. Ich rufe meine Tante an. Die verspricht, die Bild zu kaufen, ungeachtet der schwarzen Flecken.

Abends rufe ich meine Mutter noch mal an. Und?, sage ich, habt Ihr die Bildzeitung gesehen? Nein, sagt meine Mutter, ich habe nichts gesehen, und die Irma hat nichts gefunden.

Wie, nichts gefunden, ich habe es doch gesehen, sage ich. Auf der Riesen-Seite mit Geschenkempfehlungen. Das ist so eine Seite, auf der eine nackte Frau zu sehen ist, ziemlich groß.

Ach so, deshalb, sagt meine Mutter. Auf die Seite hat die Irma bestimmt nicht geguckt.

BILD

Zwischenwelt

Mittwoch, 03. Dezember 2014

Gestern wurden in Rom 37 Personen verhaftet, die mit der Mafia zusammengearbeitet haben sollen, darunter der ehemalige römische Bürgermeister Gianni Alemanno, rechte und linke Politiker und Unternehmer, die sich öffentliche Gelder und Aufträge mit Mafiosi jeder Couleur und Rechtsextremisten aufgeteilt haben. Die Ermittlung trägt den schönen Namen “Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat sagte:

“Das ist die ‘Theorie der Zwischenwelt ‘… Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten … und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.”

Eine bessere Definition gibt es nicht, für Italiens Gegenwart.

Der Schein. Und die Heiligkeit.

Dienstag, 25. November 2014

Nur um mal wieder zu erzählen, wie geschickt die Mafia darin ist, die Menschen und ihre Gefühle für sich einzunehmen, eine kleine Episode aus Palermo. Dort hat der Erzbischof von Palermo, Kardinal Paolo Romeo, den Sohn des (inhaftierten) Bosses Giuseppe Graviano von der Firmung in der Kathedrale von Palermo ausgeschlossen. Mit Verweis darauf, dass es vielleicht keine so gute Idee wäre, den Sohn des Auftraggebers des Mordes am Priester Don Pino Puglisi ausgerechnet in der Kathedrale zu firmen, in der auch der von der Mafia ermordete Padre Puglisi begraben liegt. So weit, so ehrenhaft.

(In den Ohren vieler Italiener klingt auch heute noch der Ausspruch von Palermos Kardinal Ernesto Ruffini: “Die Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?”. Man kann also nicht behaupten, dass sich die Kirche in Palermo der Mafia wesentlich in den Weg geworfen hätte. Zumal erst vor kurzem die Nichte des untergetauchten Bosses Matteo Messina Denaro in der Palastkapelle des Palazzo Reale in Palermo getraut wurde.)

Jetzt könnte man meinen, dass man – besonders auch nach der päpstlichen Androhung der Exkommunikation von Mafiosi – in Palermo sehr zufrieden mit der Entscheidung von Kardinal Romeo ist. Stattdessen aber: große Empörung. Die Schulkameraden von Graviano jr. nehmen den Sohn des Mafiabosses in Schutz (“guter Junge”) und Luciana Ciminiano, Tochter des Mafiosos und Ex-Bürgermeisters von Palermo, fühlte sich gar gedrängt, einen offenen Brief zu schreiben, in dem sie ihrer Empörung über die Entscheidung des Kardinals Luft machte. “Nicht alle Namen sind gleich”, schrieb sie, “wie auch nicht alle Väter und Söhne gleich sind. Ich spreche im Namen all derjenigen, die sich entschieden haben, nicht zu flüchten, sondern ein normales Leben in dieser Stadt zu führen”.

Nun muss man sagen, dass diese Entscheidung die Söhne und Töchter von untergetauchten oder inhaftierten Bossen kein großes Opfer abverlangt, leben sie doch – anderes als viele junge Sizilianer – in großem Wohlstand, den sie sich mit dem Blut ihrer Opfer erarbeitet haben.

Wie Salvatore Borsellino, Bruder des ermordeten Staatsanwalts auf diesen offenen Brief erwiderte, wäre die Lage anders, wenn sich die Söhne und Töchter der Mafiosi öffentlich von ihren Vätern und ihren Taten distanziert hätten. So wie es der Bruder von Luciana Ciminiano tat, Massimo Ciancimino, der, anders als seine Schwester, mit der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo zusammenarbeitet und einen hohen Preis dafür bezahlt: Früher wurde er von Palermos guter Gesellschaft hofiert, heute meidet man ihn.

 

Miracolo

Donnerstag, 20. November 2014

Hier ein kleiner, lustiger Beitrag des NDR über Palermo Connection. Es sei ein Wunder, dass ich noch lebe, findet der Autor. Finde ich eigentlich nicht.

Palermo Connection und kein Ende.

Freitag, 31. Oktober 2014

Ich erinnere mich an diese Zeit wie gestern. In den Monaten kurz nach den Attentaten 1992 auf Falcone und Borsellino war ich immer wieder auf Sizilien, um Geschichten zu recherchieren. Im Mai 1993 führte ich  in Palermo ein Interview mit Carla Cottone, der Schwiegertochter eines der mächtigsten Paten von Palermo, Francesco Madonia, der mit seinen vier Söhnen den Clan von Resuttana beherrschte. Sie war kurz zuvor auf einer sogenannten Goodwilltour unter anderem in der Talkshow von Maurizio Costanzo aufgetreten. Es war das erste Mal, dass sich eine Frau einer der mächtigsten Mafiafamilien Siziliens öffentlich zu Wort meldete. Allerdings nicht, um die Mafia zu verdammen, wie es der Gastgeber der Talkshow gehofft hatte. Sondern um die Öffentlichkeit von dem Justizirrtum zu überzeugen, dem ihr Mann Aldo zum Opfer gefallen sei. Am Tag meiner Begegnung mit Carla Cottone wurde auf Maurizio Costanzo ein Bombenattentat verübt. Costanzo und seine Frau überlebten knapp. Die Bombe war explodiert, kurz bevor der Wagen die Stelle passierte.

Kurz darauf war ich wieder in Sizilien, um die Recherchen für mein Buch über Rita Atria zu beenden. Am 27. Juli kam ich zurück nach Venedig. Als ich abends zum Essen ging, traf ich auf der Rialtobrücke einen Freund, der mir verstört davon erzählte, dass in Mailand und in Rom Bomben hochgegangen waren. Und dass im Palazzo Chigi, dem Sitz des italienischen Ministerpräsidenten, die Telefonlinien ausgefallen waren.

Es war das, was man später die “Strategie der Spannung” nennen sollte.

Was so fern erscheint, bestimmt noch heute die italienische Politik. Salvatore Borsellino nannte es die “Erbsünde der italienischen Republik”: die “Trattativa” genannten Verhandlungen zwischen der Mafia und Teilen des italienischen Staates, die seinen Bruder, den Antimafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino, und seinem Kollegen Giovanni Falcone 1992 das Leben gekostet haben. Der Prozess um die Hintergründe dieses Deals läuft in Palermo seit 2013. Mehr dazu auch hier und hier und überhaupt in meinem Blog.

Um diese Erbsünde und die damit verbundenen Fragen kreist in Italien alles: Wer stahl die rote Agenda Borsellinos aus den noch rauchenden Trümmern? Warum wurde das Versteck des Bosses Totò Riina nach seiner Verhaftung nicht von den Carabinieri durchsucht, sondern den Mafiosi Zeit gegeben, es besenrein hinterlassen? Warum wurden die Verhaftungen des Bosses Bernardo Provenzano und der mit ihm verbündeten Mafiosi jahrzehntelang vereitelt? Warum wurden die 1993 gestellten Forderungen der Mafiosi (Ende der Hochsicherheitshaft, Schließung der Hochsicherheitsgefängnisse, Ende der Kronzeugenregelung) Punkt für Punkt erfüllt? Wie ist Berlusconis wundersamer, schneller Wahlsieg zu erklären, seine jahrzehntelange Herrschaft an der Seite einer Opposition, die keine war?

Weil man sich wieder arrangiert hatte, zwischen der Mafia und dem Staat. Ein Arrangement, das bis heute andauert und sich bewährt.

In der letzten Woche wurde der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano zu den Hintergründen der “Trattativa” als Zeuge vernommen. Napolitano hatte sich ausbedungen, in seiner Residenz, dem römischen Quirinalspalast, auszusagen. Zu diesem Zweck musste der Palermitanische Gerichtshof, die Staatsanwälte und die Anwälte der Angeklagten (Mafiabosse, hochrangige Staatsbeamte und ehemalige Minister) nach Rom anreisen, wo Napolitano dafür gesorgt hatte, dass seine Vernehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. In einem Saal ohne Fenster, der “Sala Oscura“. Die Journalisten standen draußen vor dem Palast Spalier und machten das, was Journalisten immer tun, wenn sie die Zeit totschlagen müssen: Sie interviewten sich gegenseitig.Und drinnen bestätigte Napolitano, der damals Parlamentspräsident war, dass sich Protagonisten die italienischen Politik damals sehr wohl darüber bewusst waren, dass die Mafia, genauer die Corleonesen unter Toto Riina, versuchte, den italienischen Staat zu erpressen.

Diese schöne Fabel vom Staat-und-Anti-Staat – auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen – entspricht aber nicht ganz der Wirklichkeit. Die Mafiosi hatten nichts anderes getan als normale Geschäftsleute auch: Sie klagten ihren Deal ein. Der Deal war: Wir geben Euch Wählerstimmen. Und ihr gebt uns dafür Straffreiheit. Ein Deal, der sich seit Jahrzehnten bewährt hatte. Und der die Democrazia Cristiana mit Andreotti über Jahrzehnte an der Macht gehalten hatte.

Aber dann war das Unvorhersehbare passiert. Das Urteil des Maxiprozesses (geführt von Falcone und Borsellino) gegen 474 Bosse war nicht wie erwartet aufgehoben, sondern bestätigt worden. Über alle Instanzen hinweg. Der Korruptionsskandal hatte das alte Parteiensystem hinweggefegt. Und die Mauer war gefallen. Die Kommunistische Partei war kein Feindbild mehr. Die Politiker hatten nicht geliefert. Also wurde Salvatore Lima, Andreottis Statthalter ermordet. Und die anderen Politiker, etwa der damalige Innenminister Nicola Mancino, wussten, dass die Uhr tickte. Deshalb taten sie alles dafür, die Mafiosi so schnell wie möglich wieder zufrieden zu stellen. Man begann zu verhandeln. Und Giovanni Falcone und Paolo Borsellino wurden geopfert.

*

Aufgrund der Aussage des Präsidenten kamen selbst die liebedienerischsten italienischen Medien nicht mehr darum herum, den Prozess um die Trattativa zur Kenntnis zu nehmen – den sie seit seinem Beginn mit Kräften zu ignorieren, diffamieren und diskreditieren versuchen. Ach Gott, hatte es geheißen, was soll schon dabei herauskommen, der Präsident hat doch bereits gesagt, dass er nichts weiß – zu den Hintergründen des, wie so schön betont wird, “angeblichen” Deals zwischen dem italienischen Staat und der Mafia. Noch am Tag der Vernehmung von Napolitano überboten sich die medialen Hofschranzen der italienischen Politik darin, die Aussage als “überflüssig” und “nichtig” zu bezeichnen, Palermos Staatsanwälte würden das Amt des höchsten Repräsentanten des italienischen Staates in den Dreck ziehen – und als selbst das nichts mehr half, wurde ein U-Turn eingelegt: Kommando zurück! Wir sind jetzt alle dafür. Ja, wir fanden es auch und schon immer super, dass der Staatspräsident aussagt, ja, weil … ja, die Pressefreiheit … und die Demokratie … und der Rechtsstaat … und überhaupt war es ja notwendig und im Grunde auch staatstragend und staatserhaltend, mit der Mafia zu verhandeln, uns blieb doch gar nichts anderes übrig!

Für den Prozess war diese Aussage sehr wichtig. Und keineswegs so selbstverständlich, wie es die Einheitspresse jetzt darzustellen versucht. Denn damals hatte niemand zugegeben, dass man ganz genau wusste, wer Urheber dieser Bombenattentate war: “Terroristen” hatte es geheißen, verrückte Einzeltäter, “Falange armata”, vielleicht wildgewordene Araber, wir wissen nix. Und dann hatten die politischen Protagonisten jener Zeit entweder jahrzehntelang geschwiegen oder sich praktischerweise ins Jenseits verabschiedet. Oder beides.

Notwendig war Napolitanos Aussage auch deshalb, weil sich der ehemalige Innenminister Mancino und Angeklagter des Prozesses über die Trattativa an keinen Geringeren als an Napolitano gewendet hatte, um seine Aussage zu verhindern. Als das  bekannt wurde, machte der Präsident nicht unbedingt eine gute Figur. Der Rechtsberater des Präsidenten, Loris D’Ambrosio, reichte gar seinen Rücktritt ein. Und schrieb in seinem Brief, dass er befürchte, in der Zeit der Bombenattentate ein “nutzloser Schreiber unaussprechlicher Pakte” gewesen zu sein. Kurz darauf war er tot. Herzinfarkt. Eine Autopsie wurde nicht verlangt. Das nur nebenbei. Und der Präsident sorgte mit einem gewaltigen juristischen Aufwand dafür, dass seine – zufällig abgehörten  – Telefonate mit Mancino vernichtet wurden. Und nicht, wie in Italien üblich, zu den Gerichtsakten gehören.

Natürlich wollten die Staatsanwälte von Napolitano auch wissen, was denn Loris D’Ambrosio mit den “unaussprechlichen Pakten” gemeint haben könnte. Napolitano sagte, er wisse es nicht. Er habe nicht nachgefragt.

Die Palermo Connection schreibt sich sozusagen stündlich weiter. Was schön ist. Und schrecklich zugleich.

Hey, hey, hey.

Freitag, 31. Oktober 2014

Es ist schon eine kleine Sensation, wenn der erste literarische Thriller einer deutschen Autorin sich vor großen Vorbildern wie Graham Greene und Jörg Fauser nicht verstecken muss. Eigentlich. Aber wirklich beachtet wurde Petra Reskis vor Kurzem erschienenes Romandebüt “Palermo Connection” in den Medien noch nicht. Und das ist einfach schade, einerseits.
Andererseits ist diese relative Flaute merkwürdig, weil die Journalistin und Sachbuchautorin Petra Reski keine schlecht vernetzte Debütantin ist, und keine Geringere als Donna Leon das Buch warm empfiehlt.
Liegt es am Ende am Thema? Ja, klar. Petra Reski, die seit vielen Jahren in Venedig lebt, gilt als Expertin für die italienische Mafia. Das ist ein problematischer Job – aus vielen, sich überlappenden Gründen: Erstens gilt die Mafia (Cosa Nostra, Camorra, ‘Ndrangheta etc.) trotz des Massakers von Duisburg 2007 und Günther Oettingers Pizzabäckeraffäre immer noch als undeutsches Phänomen.
Zweitens hat allein die Beschäftigung mit “organisierter ,ausländischer’ Kriminalität” nach dem NSU-Ermittlungsskandal hierzulande völlig zu Recht einen sehr üblen Beigeschmack bekommen – prima Job, Verfassungsschutz, Justiz und Polizei!
Drittens wird weder die Relevanz der globalen mafiösen Ökonomie gesehen noch die flächendeckende Durchdringung der italienischen Gesellschaft durch die organisierte Kriminalität -und das, obwohl Italien immer noch zu den größten Volkswirtschaften der Welt und zu den wichtigsten der EU gehört.
Viertens – und damit sind wir mitten in Petra Reskis Roman – funktionieren seriöse Erzählungen über die Mafia nur im Kontext der italienischen Geschichte und Politik, die hierzulande in wesentlichen Teilen unbekannt sind. Nur mal als Beispiel: In seinem kürzlich erschienenen Zeit-Text “Antisemiten sind mir egal” nennt Maxim Biller Israel die “zweite verspätete Nation der postnapoleonischen Zeit nach Deutschland”. Nun gibt es gewiss noch mehr Spätzündernationen, aber eine der wichtigsten – immerhin die mit der höchsten Dichte an Unesco-Welterbestätten – ist eben Italien, mit seinen Einigungskriegen von 1859-1918. Auch der “Länderbericht Italien” der Bundeszentrale für politische Bildung kommt zu dem Ergebnis, dass selbst die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem angeblichen Sehnsuchtsland der Deutschen sehr mau ausfällt.
Politthriller leben aber davon, dass die realen Hintergründe der teils fiktiven Handlung dem Publikum in den Grundzügen vertraut sind. Dass in Palermo seit einiger Zeit ein Prozess läuft, der klären soll, ob staatliche Organe zu Beginn der 1990er Jahre mit den Chefs der sizilianischen Cosa Nostra verhandelten wie mit einer ganz normalen (Staats-)Macht; dass die von der Mafia ermordeten Richter Borsellino und Falcone vom italienischen Staat möglicherweise geopfert wurden, weil sie durch ihre Ermittlungen die Verhandlungen mit der Mafia gefährdeten; dass die italienische Justiz die Bänder eines als sogenannter Beifang abgehörten Telefonats von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit dem Anfang der 1990er Jahre amtierenden Innenminister Nicola Mancino vernichten musste und der Verdacht im Raum steht, es gehe dabei nicht um Napolitanos Recht auf privacy, sondern um Vertuschung der sogenannten trattativa, des Pakts von Staat und Mafia: Aus diesem Material hat Petra Reski einen Kriminalroman geformt; und man kann es beinahe verstehen, dass es manchem Rezensenten zu mühsam ist, herauszufiltern, was Fantasie, was Recherche in “Palermo Conncetion” ist, und so zu einer Würdigung der Kunstfertigkeit der Autorin zu kommen.
Und doch: Reskis Buch ist auch ein Buch über deutsche Verhältnisse, insbesondere die im Journalismus. Ein Buch über Moral, übers würdevolle Älterwerden, über Männer und Frauen und was sie so miteinander tun.
Zudem hat die Autorin mit der palermitanischen Staatsanwältin Serena Vitale eine Protagonistin geschaffen, von der man froh sein darf, dass sie das furiose Ende des Romans überlebt. Sie umbringen zu lassen, erzählt Petra Reski bei einem Treffen in Berlin, sei ihr ursprünglicher Plan gewesen, von dem sie Donna Leon abgebracht habe mit dem unschlagbaren Argument: Erst machst du dir die Mühe, eine Figur mit Tiefe zu schaffen, und dann willst du sie gleich wieder loswerden? Weitere Serena-Vitale-Romane werden also folgen.
Die Staatsanwältin, Deutsch-Italienerin, Single mit einer Vorliebe für Blond (“keine Haarfarbe, sondern eine Lebenseinstellung”), schöne Dinge und schöne Bullen (“wenn er die Bizepse anspannte, sah es aus, als würde ein kleines Tier unter seiner Haut entlanglaufen”), ist Anklägerin in einem Prozess in Palermo. Der Vorwurf gegen den Exinnenminister Enrico Gambino lautet: “Mitwirkung in einer mafiösen Vereinigung und Mittäterschaft bei Attentaten”. Dieser Prozess und sein letztliches Scheitern strukturieren das Buch. Das ist kein Spoiler, denn ein noch nachzutragender Grund für das Desinteresse an der Mafia ist ja, dass die Sache kein Ende findet, der Kriegszustand ist permanent – und der Roman stellt auch die Frage, wer von ihm profitiert.
Eine Antwort liefert die Figur des alternden deutschen “Fakt”-Journalisten Wolfgang W. Wieneke und dessen zwischen Hamburg und Sizilien pendelnder Fotograf und Zuarbeiter Francesco, in denen jeder, wer mag, das Pärchen Francesco Sbano und Andreas Ulrich vom Spiegel wiedererkennen kann. Insbesondere mit Sbano, der als Fotograf und Musikproduzent in Hamburg und Kalabrien arbeitet, verbindet Reski eine langjährige Auseinandersetzung. Sie und viele andere Bürgerrechtler in Italien werfen Sbanos Fotos, Büchern und “Mafia-Musik”-Sammlungen Romantisierung der Killer und ihrer Taten vor.
Aber an einer Abrechnung ist Reski in ihrem Roman nicht interessiert. Vielmehr zeigt sie an Wieneke und seinem Fotografen, die den Prozess covern sollen, wie die Aufmerksamkeitsmaschine funktioniert, welche Mafia-Geschichten man schreiben kann und was “nicht sexy genug” ist, wie Wienekes lässiger “Fakt”-Chefredakteur Tillmanns sagt. “Auf dem Schreibtisch des Chefredakteurs stand eine Teekanne. Daneben lag das Buch, das er mit dem Außenminister geschrieben hatte. Wieneke wollte Minister stürzen, und sein Chef machte Bücher mit ihnen.”
Ein komplizierter Prozess in Palermo, wo eine einfache Staatsanwältin sich an Ministern und Präsidenten vergreift, ist nicht sexy. Das pseudoabenteuerliche Treffen mit einem untergetauchten Mafia-Boss, der seine Märchen erzählen darf, hingegen schon. Und Wieneke, der eigentlich aus der alten Schule kommt, kann der Versuchung nicht widerstehen, an solchen falschen, aber gefragten Heldengeschichten mitzuschreiben. Und scheitert damit bitterlich.
Und eben jetzt, am Dienstagmittag, während die Arbeit an diesem Text hier ihrem Ende zugeht, findet im Quirinalspalast in Rom eine ausgelagerte Vernehmung des Gerichtshofs von Palermo statt. Zeuge ist kein Geringerer als der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano. Thema ist ein Brief, den ihm sein Rechtsberater Loris D’Ambrosio vor zwei Jahren schrieb und in dem er von “unaussprechbaren Abkommen” zwischen Staat und Mafia sprach, damals 1992-93, als der Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems den Mob ohne politischen Ansprechpartner gelassen hatte und er mit Bombenterror diesen Waisen-Status beenden wollte. D’Ambrosio starb kurz darauf. An einem Infarkt. Mit 64 Jahren.
Wer hier keinen Stoff für einen Roman findet, ist selbst schuld. Petra Reski kann man diesen Vorwurf nicht machen. Am Schluss von “Palermo Connection” ist Serena Vitale von ihrem Prozess abgezogen worden und hat wieder Zeit für Sport. Fit muss sie sein, denn: “Sie hatte es versäumt, Allianzen zu bilden. Aufgabe Nummer eins im neuen Leben: Strategisches Denken.” Ihr nächster Fall wird sie nach Deutschland führen.

Das schrieb Ambros Waibel heute in der TAZ. Und ich renne jetzt gleich los und kaufe mir einen schönen venezianischen Goldrahmen, damit ich mir diese Rezension über mein Bett hängen kann, um sie zu lesen, falls mich irgendwann mal wieder metaphysische Ängste heimsuchen sollten. Lesenswert ist der Artikel aber nicht nur wegen des Lobs (das natürlich auch), sondern weil er darüberhinaus die Mechanismen der Medienmaschinerie kühl und klug analysiert – und die italienische Politik dazu.

Schampain!

Bombenalarm

Dienstag, 21. Oktober 2014

Heute morgen im Justizpalast Palermo. Kein Witz. Auch kein Zitat aus “Palermo Connection”, sondern echt. Tage zuvor wurde ein Projektil gefunden, und davor hatte der Generalstaatsanwalt von Palermo in seinem (hochgesicherten) Büro auf dem Schreibtisch einen Drohbrief vorgefunden, ganz eindeutig nicht aus der Feder eines Mafiabosses, sondern verfasst von den Geheimdiensten. Die in solchen Fällen gerne “fehlgeleitet” genannt werden. Und dazu jetzt tatsächlich ein Zitat aus Palermo Connection:

“Vito Licata seufzte. Ich weiß. Du denkst an fehlgeleitete Geheimdienste.

Serena stöhnte auf. Wenn du noch einmal fehlgeleitet sagst, erschlage ich dich. Wenn es die Aufgabe der fehlgeleiteten Geheimdienste ist, unbequeme Zeugen umzubringen und mafiöse Politiker zu schützen, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wozu die Geheimdienste fähig sind, wenn sie richtig geleitet werden.”

(Palermo Connection, S. 199. Sorry. Muss auch mal sein)

Der Generalstaatsanwalt führt in zweiter Instanz einen Prozess gegen einen hochrangigen Carabiniere-General und Ex-Geheimdienstchef Mario Mori, der im Verdacht steht, mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Die Aufnahmen der Bewachungsvideokameras im Justizpalast wurden übrigens gelöscht, von “Unbekannten”, wie es so schön heißt. Als Romanautorin wäre mir das übrigens zu banal.

Und zeitgleich werden die Staatsanwälte, die den Prozess über die sogenannte “Trattativa” führen, massiv bedroht – und nicht nur das: Der Boss Totò Riina forderte vom Gefängnis aus zum Mord an Nino di Matteo, dem Chefankläger an. (Zur “Trattativa”, den Geschäftsbeziehungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, auch hier und hier.)

Seit letztem Jahr befindet sich Italien in einem aufwändigen Prozess der Restauration. Nach dem Schock des Wahl im letzten Jahr, (remember: die 5SterneBewegung zog mit einem Viertel der Stimmen in das Parlament ein) galt es, zu retten, was zu retten ist. Renzi und der Gewohnheitsverbrecher B. setzten sich zusammen, zum Pakt des Nazareno (so genannt, weil die Unterredung in der Parteizentrale der PD stattfand). Als Minister wurden junge Wasser&Seife-Gesichter eingesetzt, nette Mädchen und nette Jungs, die weder belastende Vorgeschichten noch politische Ansichten haben.

Der Deal: B. hält in der Öffentlichkeit die Klappe. Renzi redet dafür um so mehr.

Renzi ist im Radio, im Fernsehen, in allen Zeitungen, er fließt aus dem Wasserhahn, es gibt ihn auch in Tablettenform. Renzi ist ein besserer und jüngerer Berlusconi, einer, wie ihn sich selbst die Berlusconi-Anhänger nicht in ihren kühnsten Träumen erhofft hätten: Er ist ebenso kommunikativ wie durchtrieben (in Italien nennt man das voller Bewunderung “furbo”), aber – bislang – ohne gefährliche Freundschaften und – so weit bekannt – ohne Hang zu Orgien. Es läuft also alles bestens.

Die Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo ist eines der letzten Hindernisse auf dem Weg zur Vollendung der Restauration. Wie auch der störrische Richter des Richterkollegiums, das Berlusconi freisprach – er gab nach dem Freispruch sein Amt auf.  Und natürlich auch die wenigen Journalisten, die keine Lakaien der Parteien sind. Marco Travaglio verließ letzte Woche das Studio von “Servizio Pubblico”, weil er es nicht ertrug, wie der Moderator Michele Santoro dem ligurischen PD-Ministerpräsidenten – und Verantwortlichen für die Schlammkatatstrophe von Genua – Gelegenheit gab, sich vor laufender Kamera von allen Vorwürfen reinzuwaschen.

To be continued …

 

Complimenti

Montag, 20. Oktober 2014

Das Hörbuch lag da schon geraume Zeit. Auf meinem Schreibtisch. Zwischen den Bücherstapeln und Zettelbergen. Ich habe es immer an die Seite geschoben. Ist ja auch ein komisches Gefühl: Da spricht jemand die Geschichte, die ich erfunden habe. Oh. Was, wenn an Stellen betont wird, die ich ganz anders … ? Was, wenn die Stimme … ? Aber dann dachte ich: Egal. Und legte die erste CD ein. Und es war, als führte die von mir erfundene Geschichte plötzlich ein eigenes Leben.

Kurz: Es war wunderbar. Gelesen wurde “Palermo Connection” von Sibylle Nicolai, die es schafft, mit ihrer Stimme sehr viel Ironie zu transportieren – und, ich schäme mich, es zuzugeben, aber: Ich musste über meine eigenen Witze lachen.

Über Mafia. Und Netzstrümpfe

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Palermo Connection auf dem Blauen Sofa.

Filmfest II. La Trattativa

Donnerstag, 04. September 2014

Es liegt nicht nur an der italienischen Wirklichkeit, dass die drei Filme, die mich am meisten beeindruckt haben, alle drei das Thema Mafia zum Gegenstand haben: Der erste ist der Wettbewerbsbeitrag Belluscone des sizilianischen Regisseurs Franco Maresco: Ein Film, der eigentlich eine Farce ist, eine Groteske, die nicht nur das unrettbar (?) der Mafia verfallene Subproletariat Palermos samt der dazugehörigen Mafiamusikpropaganda (die sogenannten Neomelodici) zeigt, sondern auch das junge, aufstrebende Bürgertum, das die Mafia für ein Naturphänomen wie Wind oder Regen hält, dem man sich zu beugen hat – und für das die Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino so weit weg ist wie Napoleons Russlandfeldzug.

Der zweite ist der frisch restaurierte italienische Klassiker Todo modo (1976) von Elio Petri, (hier auf youtube). Ein Klassiker – der, wie die Witwe Elio Petris bei der Vorführung betonte, gleich zwei Monate nach seiner Premiere aus den Kinos verschwand. Todo Modo – oder das Spiel um die Macht  basiert auf der Novelle von Leonardo Sciascia und ist eine atemberaubende Parabel über die Macht und den Zynismus der politischen Klasse Italiens – die man vierzig Jahre später quasi unverändert in dem außerhalb des Wettbewerbs laufenden Film der italienischen Dokumentarfilmerin Sabina Guzzanti wiederfindet: La Trattativa heißt ihr Film, (hier der wunderbare Trailer) auf deutsch „Die Verhandlungen“. Gemeint sind die Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, die 1992 zur Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und zu einer Attentatswelle führte, an deren Ende der Aufstieg von Berlusconi stand.

Die Trattativa bestimmt die italienische Politik bis zum heutigen Tag: Für Sabina Guzzantis Aussage, dass auch Matteo Renzi eine der „Früchte“ dieser Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sei, wurde die Regisseurin von den Politikern von Forza Italia bis PD sofort gegeißelt. Was aber nichts daran ändert, dass es, gelinde gesagt, etwas bizarr anmutet, wenn Renzi es für opportun hält, sich mit niemand anderem als mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher Silvio Berlusconi an einen Tisch zu setzen, um eine – nennen wir sie – „Reform“ der Verfassung zu erarbeiten, wie auch ein neues Wahlrecht.

Sabina Guzzanti, die einigen vielleicht als Autorin des Dokumentarfilms Dracula in Erinnerung ist, zeigt in ihrem Film „La Trattativa“ wie sich Mafiabosse, Minister, Staatspräsidenten, hohe Beamte, Geheimdienstler und Freimaurer wie langjährige, vertraute Geschäftspartner besprechen, um wieder an den Punkt der friedlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit zurückzukehren, an dem sie sich befunden haben, als Ende der 1980er Jahre alles aus dem Gefüge geriet: Die Mauer fiel, die etablierten Parteien gingen in Folge des Korruptionsskandals unter, die Urteile des Maxiprozesses wurden nicht wie gewohnt „zurechtgerückt“, sondern in letzter Instanz bestätigt.

Der Film ist eine Collage aus gespielten Szenen – die zum Teil so grotesk anmuten, wie die italienische Wirklichkeit der letzten 25 Jahre, außerdem sind Interviews mit Staatsanwälten, angeklagten Ministern und abtrünnigen Mafiosi zu sehen, sowie dokumentarisches Material, wobei die Szenen von der Beerdigung von Falcone und Borsellino sicher zu den eindringlichsten gehören. Alles, was in dem Film vorkommt, ist – leider – wahr. Belegt mit Bergen von Prozessakten und Ermittlungsunterlagen. (Hier spreche ich im Deutschlandradio über den Film)

Die Trattativa, die Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, sind mehr als ein Film: Sie sind Vergangenheit, Gegenwart und – falls nicht endlich etwas passiert – auch die Zukunft Italiens. Besonders gut gefiel mir, wie Sabina Guzzanti am Ende des Films feststellt, was diese Verhandlungen zwischen Staat und Mafia für jeden einzelnen Italiener bedeuten. Denn die Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat, hat einen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört  – und der Opportunismus Intelligenz genannt. Ich möchte diesen Film allen ans Herz legen, die Italien lieben und hoffe, dass er auch in Deutschland ins Kino kommt.