Kategorie: Mafia

Väter. Und Söhne.

Mittwoch, 19. März 2014

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Ich habe einen Ausflug in den Salento gemacht, nach Apulien, Italiens Stiefelabsatz – um im Theater der kleinen Stadt Galatina ein Gespräch mit Massimo Ciancimino über seinen Vater zu führen(Hier der Web-Mitschnitt. Das Thema “Väter” – Padre Padrone – wurde auch von einigen Schülern aus Galatina in Szene gesetzt).

Zum Thema Väter hat Massimo Ciancimino einiges zu sagen. Er ist der jüngste Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Palermo, Vito Ciancimino. Der wegen Mafiazugehörigkeit verurteilt wurde. Massimo hat über seinen Vater ein lesenswertes Buch geschrieben, dass auch auf Deutsch übersetzt wurde: Don Vito. Mein Vater, der Pate von Palermo.

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Ich habe Massimo Ciancimino vor fünf Jahren zum ersten Mal interviewt – damals sagte er, dass er bei der Beerdigung seines Vaters versucht habe, sich an ein schönes gemeinsames Erlebnis mit seinem Vater zu erinnern. Es ist ihm nicht gelungen. Ich habe unsere Begegnung in meinem Buch “Von Kamen nach Corleone” geschildert:

  • “Sein Vater behandelte ihn wie einen persönlichen Besitz. Er benutzte seinen Sohn als Sekretär, Fahrer und Gesellschafter. Als Don Vito wegen der Zusammenarbeit mit der Mafia von Palermo in die Verbannung nach Rotello geschickt wurde, in ein Tausendseelendorf der Region Molise, ein Dorf, in dem die Zeitungen erst am nächsten Tag ankamen, war es Massimo, der ihm dort Gesellschaft leisten musste. Als Don Vito im römischen Gefängnis Rebibbia seine Strafe absaß, war es Massimo, der keine der wöchentlichen Besuchszeiten versäumte. Und wenn sich sein Vater mit Bernardo Provenzano traf, jenem legendären flüchtigen Gottvater der Cosa Nostra, der vierzig Jahre lang unentdeckt in Italien lebte, bis er im April 2006 verhaftet wurde, war es Massimo, der seinen Vater zu den Treffen fuhr. Massimo kannte Bernardo Provenzano anfangs nur als Signor Lo Verde – bis er eines Tages beim Friseur in der Zeitschrift Epoca das Phantombild von Provenzano sah. Und begriff, dass der freundliche Herr, der oft bei seinem Vater zu Besuch war, der mit ihnen Pizza aß, der ihm in die Wange kniff und der Frieden zu stiften versuchte, wenn sich Vater und Sohn mal wieder gestritten hatten, die Nummer eins der Cosa Nostra war. »Sei vorsichtig: Es gibt Dinge, vor denen selbst ich dich nicht schützen kann«, sagte Don Vito damals zu seinem Sohn Massimo, nachdem er bemerkt hatte, dass Massimo den Signor Lo Verde auf dem Fahndungsfoto erkannt hatte.”

Wie oft wird sich Massimo an die Worte seines Vaters erinnert haben, nachdem er vor Gericht seine Aussagen gemacht hat? Nachdem er Kartons mit Notizen seines Vaters und mit von Bossen handgeschriebenen Zetteln in die Staatsanwaltschaft von Palermo getragen hat und seitdem von den journalistischen Hofhunden der Mächtigen verhöhnt, diskreditiert und verleumdet wird? Es sei ihm nur darum gegangen, seine Gefängnisstrafe wegen Geldwäsche zu tilgen, heißt es. Oder: Seine einzige Absicht sei gewesen, den von seinem Vater angehäuften Schatz in Sicherheit zu bringen. Tatsächlich wurde Massimo Ciancimino wegen Geldwäsche angeklagt, als einziger von den fünf Ciancimino-Kindern. Die Strafe belief sich auf fünf Jahre und acht Monate. Bei guter Führung hätte er das Gefängnis nach drei Jahren verlassen können. Niemand hätte ihn dann daran hindern können, danach auf die Bahamas zu gehen und dort den vermeintlichen Schatz seines Vaters zu genießen. Einer der Geheimagenten, die bei seinem Vater ein- und ausgingen, riet ihm, ruhig zu sein und zu schweigen – dann würde sich alles in Luft auflösen. Massimo Ciancimino schwieg jedoch nicht. Dafür muss er einen hohen Preis bezahlen.

Dank der Aussagen des Mafia-Aussteigers Gaspare Spatuzza und von Massimo Ciancimino kam es überhaupt zum Prozess um die Trattativa, den Verhandlungen zwischen dem Staat und der Mafia: Anders als die Kinder der Mafiabosse Bernardo Provenzano oder Totò Riina, hat Massimo Ciancimino die Geheimnisse seines Vaters den Staatsanwälten mitgeteilt, er erzählte, was sein Vater bei den Treffen mit dem Boss Bernardo Provenzano besprach und beschrieb, welche Richter, Politiker, Mafiosi, Polizisten und Geheimagenten im Salon von Don Vito ein- und ausgingen. Und seitdem wird Massimo verklagt, verfolgt und bedroht: Er sei ein Toter, der spricht, un morto che parla, so nennt es die Mafia, wenn sie jemanden geächtet hat, weil er ihre Geheimnisse verrät.

Wie brisant Massimo Cianciminos Aussagen für die politische Klasse Italiens sind, war auch an diesem Abend in Galatina zu spüren, als der Bürgermeister bei seinen – sparsamen – einleitenden Worten von den “angeblichen” Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sprach – als könne man die Wirklichkeit so zurechtrücken: Die Existenz der Verhandlungen zwischen Staat und Mafia ist jedoch bereits gerichtlich bestätigt worden. Da hilft auch kein “angeblich” mehr.

Eine Frau aus dem Publikum fragte dann noch wütend, warum Massimo Ciancimino seinen Sohn denn ausgerechnet “Vito Andrea” genannt habe – Subtext: Dann kann es mit seiner Distanzierung von der Mafia ja nicht so weit her sein. Massimo Ciancimino betonte, dass er seinen Sohn aus Protest so genannt habe, weil sein Vater verboten habe, seinen Namen zu benutzen.

Ich glaube, dass Massimo Ciancimino seinen Vater trotz allem geliebt hat – und seine Liebe vor allem durch seinen mutigen Schritt beweisen wollte, damit der Name Ciancimino nicht mehr nur für den mafiosen Bürgermeister von Palermo steht, sondern auch für seinen  Sohn – der darüber ausgesagt hat, welche Politiker und Staatsdiener sich mit der Mafia gemein machten.

 

Chiropraktiker für Italien

Samstag, 22. Februar 2014

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So sieht es hier aus. Seit gefühlten Jahrhunderten. So grau, dass ich nicht mehr weiß, wo das Meer aufhört, und wo der Himmel anfängt. Ich frage mich: Was, wenn das der Anfang einer dreihundert Millionen Jahre dauernden Regenzeit ist? Was, wenn es ein Fingerzeig von oben ist? Auf diese, ähem, neue Regierung? (das Wort “neu” im Zusammenhang mit der Regierung Renzi zu benutzen, ist so, als würde man B. als Revoluzzer bezeichnen.) Die SZ hat dafür die wunderbare Überschrift “Italien: Charismatiker holt Professor” gefunden. (Im ersten Augenblick las ich “Chiropratiker”, und vielleicht wäre das tatsächlich die Lösung. Demnächst mehr zur deutschen Renzi-Hofberichterstattung, heute reichte meine Kraft nur für die SZ)

Beim Minister-Lotto wurde auch der Name des kalabrischen Antimafia-Staatsanwalts Nicola Gratteri für den Posten des Justizministers genannt. Gratteri ist Lesern meiner Bücher und meines Blogs nicht unbekannt – er hat die Ermittlungen um das Duisburger Mafia-Massaker geführt. Gratteri ist ein Mann, der sich für eine harte Linie in der Mafia-Bekämpfung einsetzt – so verlangte er beispielsweise, die Hochsicherheitsgefängnisse auf Asinara und Pianosa wieder zu eröffnen. Damit macht man sich natürlich keine Freunde in der italienischen Politik. Besonders nicht beim italienischen Staatspräsidenten Napolitano, dem ja, ja, “weisen alten Mann auf dem Quirinalshügel” (Copyright SZ), der vor allem ein Interesse hat: Die seit 20 Jahren währende pax mafiosa nicht zu stören und die Früchte der Verhandlungen zwischen Mafia und Staat Anfang der 1990er Jahre auch weiterhin zu ernten. 

Und so strich Giorgio Napolitano Nicola Gratteri von der Liste. Und ernannte Andrea Orlando zum Justizminister, einen alt geborenen Politkader der PD, der sich für die Abschaffung der Hochsicherheitshaft für Mafiosi und gegen die lebenslängliche Haft einsetzt.

Nicola Gratteri nimmt den Kampf gegen die Mafia zu ernst, als dass er Justizminister hätte werden können.

Mafiamusik und Wirklichkeit

Mittwoch, 12. Februar 2014

Und manchmal wirft sich die Wirklichkeit in den Weg. So geschehen dem kalabrischen Mafiamusikproduzenten und Mitarbeiter des SPIEGEL, Francesco Sbano, Blog-Lesern nicht unbekannt, dem die Staatsanwaltschaft Reggio Calabria nun die Meldung über den Abschluss ihrer Ermittlungen mit den Hinweisen auf seine Verteidigungsrechte zugestellt hat. Sbano werden drei – in Tateinheit  begangene – Straftatbestände zur Last gelegt: BedrohungBeleidigung und Verleumdung. Anlass war Sbanos bizarrer Auftritt im “Museum der Ndrangheta” in Reggio Calabria, über den das Nationale Observatorium für bedrohte Journalisten, mein Blog (“Solidarität mit Francesca Viscone”)  und die taz (“Ein Mann, seine Ehre und sein Kampf”) berichteten. Ein Verfahren wird sich nun kaum mehr abwenden lassen.

Seit Jahren bemüht Sbano sich aufopferungsvoll darum, den Deutschen ein folkloristisches Bild von der Mafia zu liefern: Eine archaische Gemeinschaft, die singt, tanzt und sich hin und wieder selbst umbringt – also nichts, wovor die Deutschen sich wirklich fürchten müssen. Zuletzt bekam Sbano in Berlin im Haus der Kulturen Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzustellen – Anlass für “Mafia? Nein Danke!” einen Protestbrief an die Intendanz zu verfassen.

Verlässlich wie sonst nur Woody Allen mit seinen Komödien beglückt Sbano das deutsche Publikum nahezu jährlich mit neuen Initiativen. So veröffentlichte er ein Buch mit den angeblichen Einblicken eines Mafiabosses unter dem kuriosen Titel Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“, legte seine Mafiamusik einem Buch bei, dessen Autoren nichts von dieser Gesellschaft wussten - und drehte ein Video über die »ehrenwerten« Männer , uomini d’onore, das vermummte Männer in den Wäldern des Aspromontegebirges zeigt, die auf nervös tänzelnden Pferden posieren und nuschelnd erklären, dass die Mafia so etwas wie das Weltkulturerbe sei. Es mag Zufall gewesen sein, dass die Universität Bochum kurz nach dem Duisburger Mafiamassaker keinen Geringeren als Francesco Sbano zusammen mit Antonio Pelle einlud, den aus San Luca stammenden Betreiber des Duisburger Hotels Landhaus Milser, um vor den Studenten über die Mafia zureden. Und Sbanos »exklusives Videomaterial« zu zeigen, wie es hieß. 

Die kalabrische Schriftstellerin Francesca Viscone verfolgt Sbanos Anstrengungen seit seinen Anfängen. Sie analysierte  die Propagandawirkung der Mafiamusik in ihrem viel beachteten Buch “La globalizzazione delle cattive idee” (Die Globalisierung der bösen Ideen) und schrieb darüber auch einen Artikel in der ZEIT.

In Italien fand der Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria gegenüber Sbano ein großes Echo, nicht nur in Kalabrien, wo der Quotidiano della Calabria und Il Dispaccio berichtete, sondern auch im Corriere della Sera sowie die Antimafiaorganisationen Antimafia duemila und 100passi.

 

Renzusconi

Donnerstag, 30. Januar 2014

Renzusconi

Das ist Renzusconi. Man nehme einen Achtzigjährigen, der seinen Wohlstand der Mafia verdankt und verquirle ihn mit einem Vierzigjährigen, der begriffen hat – wozu nicht viel gehört – dass in Italien vor allem eines interessiert: Alles ändern, damit alles so bleibt wie es ist. Renzusconi ist die Verkörperung jener großen Koalition aus rechts und links, die seit 1994 Italien beherrscht.

Leider wird das, was heute im italienischen Parlament passiert ist, in Deutschland wieder nur in gefilterter Form ankommen: als Einheitsgedanke, copy&paste aus der italienischen Einheitspresse, RepubblicaCorrieredellaSeraLaStampa etc.pp. Und niemand in Deutschland wird verstehen, dass es sich um einen weiteren Tiefpunkt der an Tiefpunkten reichen jüngeren Geschichte Italiens handelt: Die Abgeordneten der “linken” (Oops) PD, die mit Bella Ciao (dem Lied der italienischen Partisanen!) das Geschenk der italienischen Bürger von 7,5 Milliarden Euro an die italienischen Privatbanken feiern. Zu sehen hier.

Die einzigen, die dagegen protestiert haben und das Gesetzesdekret zu Fall bringen wollten, waren die Abgeordneten der 5Sterne-Bewegung. Was einen Abgeordneten der Monti (=Freund der Banken)-Partei so aufgebracht hat, dass er eine Abgeordnete der 5Sterne-Bewegung ohrfeigen musste, zu sehen hier. (Wenn ich bedenke, dass ich mit diesem Abgeordneten einmal in einer Fernsehsendung gesessen habe, in der es um Mafia ging, wird mir ganz schlecht.)

Es geht Angst um, im italienischen Parlament. Auch deshalb wird alles versucht, um ein Wahlrecht einzuführen, dass die 5Sterne-Bewegung – und damit 9 Millionen Wähler – in Zukunft aus dem Parlament ausschließen soll – hier ein Video, in dem ein Minister genau dies erfrischend ehrlich bestätigt. Ein Wahlrecht, dass von Renzusconi entworfen wurde: von dem vorbestraften B. und seinem besten Freund, Matteo Renzi,  ”Hoffnungsträger” der Linken, die unterstützt wurden von B.’s Parteifreund Denis Verdini, einem Freimaurer, dessen Wikipedia-Seite fast ausschließlich aus den gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahren besteht.

Der Italiener an meiner Seite sagt: Povera Italia.

Solidarität mit Nino di Matteo II.

Sonntag, 19. Januar 2014

Ja, Italien ist ein eigenartiges Land. Da ruft ein Mafiaboss aus der Hochsicherheitshaft zu einem Mord an einem Antimafia-Staatsanwalt auf – und es passiert … nichts. Von den italienischen Politikern: kein Wort der Solidarität, keine Anteilnahme, nichts. Schweigen.

Nino Di Matteo führt die Anklage im Prozess um die sogenannte Trattativaden Verhandlungen (vielleicht sollte man besser Geschäftsbeziehungen sagen, das wäre etwas treffender) zwischen Staat und Mafia – weshalb der Mafiaboss Totò Riina vor zwei Monaten aus der Hochsicherheitshaft heraus zum ersten Mal  Mord an Nino Di Matteo aufgerufen hat. Und seitdem keineswegs geschwiegen hat.

Seit kurzem steht ein Hubschrauber für Nino Di Matteo bereit, neben 42 Carabinieri, aus denen Di Mattes Leibwache besteht: Neun Carabinieri, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und  die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt in drei Autos unterwegs ist. Sinnvoll wäre es, einen Bomb-Jammer einzusetzen, ein Gerät, das Bomben aufspürt – mit denen in Italien so wertvolle Persönlichkeiten wie der Papst und besagter Gewohnheitsverbrecher beschützt werden. Nicht aber Nino Di Matteo. Innenminister Alfano (remember: das Hündchen, das für den Gewohnheitsverbrecher die Stöckchen apportierte) möchte erst die Testergebnisse abwarten –  ob der Einsatz des Bomb-Jammers nicht möglicherweise gesundheitsschädlich sein könnte (kein Witz). Mehr als alle Hubschrauber, Carabinieri, Bomb-Jammer wäre ein klares Wort hilfreich.

Aber Matteo Renzi, der neue Generalsekretär der PD, hatte Besseres zu tun, er musste sich mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher B. treffen, um sich mit ihm über ein neues Wahlrecht zu einigen. Ministerpräsident Letta hat das böse Wort Mafia noch nie ausgesprochen. Und Staatspräsident Giorgio Napolitano war 1992 Parlamentspräsident und weiß über die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia mehr, als ihm lieb ist. (Es mag Zufall sein, dass die Mafia 1993 zwei Attentate auf zwei römische Kirchen ausübte, die die Vornamen des damaligen Senatspräsidenten Giovanni Spadolini und des Parlamentspräsidenten Giorgio Napolitano tragen,  auf San Giorgio al Velabro und San Giovanni in Laterano) Napolitano wurde als Zeuge für den Prozess um die Trattativa aufgerufen. Und sorgte sogleich dafür, dass der Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen ihm und dem angeklagten ehemaligen Innenminister Mancino zerstört wurde.

Zuletzt wurde in der Zelle von Totò Riinas Zellennachbarn, dem apulischen Boss der Sacra Corona unita, Alberto Lorusso, ein Brief gefunden, der mit dem phönizischen Alphabet verschlüsselt war und Worte wie Attentat, Bagarella (Riinas Schwager, ebenfalls seit Jahrzehnten inhaftiert) und Papello enthielt (die Liste mit zwölf Forderungen, die die Mafiabosse 1992 bei den Verhandlungen mit italienischen Politikern und hohen Staatsbeamten stellten – und dafür  im Gegenzug das Ende der Terrorakte und Wählerstimmen anboten. Sie reichten von der Revision der Urteile des Maxiprozesses über die Abschaffung der Hochsicherheitshaft für Mafiosi und der Kronzeugenregelung bis zum Ende der Beschlagnahmung von Mafia-Gütern. Und wurden, wie es jeder aufmerksame Zeitungsleser verfolgen konnte, beflissen umgesetzt. Nicht nur von der Berlusconi-Regierung, sondern auch von den Linksdemokraten.) Niemand weiß, woher der Brief kam. Wer ihn verfasst hat.

Was bringt Totò Riina so gegen Di Matteo auf? Riina wurde bereits zu zehn mal lebenslänglich verurteilt, wird also ohnehin nicht mehr in Freiheit kommen. Selbst wenn der Prozess klären sollte, dass Riina mit den Politikern verhandelt hat, wird das nicht sein kriminelles Prestige schmälern, ganz im Gegenteil. Sollte Di Matteo tatsächlich etwas zustoßen, dann wäre das für Riina – auf den ersten Blick – nur kontraproduktiv, weil es ja die These der Anklage bestätigen würde.

Wie es der Staatsanwalt Roberto Scarpinato bei einer Soldaritätsveranstaltung für Nino Di Matteo ausgeführt hat, geht es Riina vor allem darum, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen – und dafür zu sorgen, dass die Münder aller Beteiligten weiterhin verschlossen bleiben. Denn die Zeiten sind ähnlich unsicher wie Anfang der 1990er Jahre –  als die Mauer gefallen war und sich die neue geopolitische Situation in keinem anderen westeuropäischen Land so sehr niedergeschlagen hat wie in Italien: Die alten Parteien zerfielen, und die Mafia hatte vorübergehend keinen festen Ansprechpartner mehr.

Und heute? B. ist ein Zombie, und es gibt eine neue politische Kraft, die noch nicht unter Kontrolle gebracht wurde. Ein Viertel der Italiener hat die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt. Die Mafia hat ihre Meinungzur Regierungsbildung  in einem anonymen Brief klar ausgedrückt: Weder Schwule noch Komiker sollten die Regierung stellen. Was dann auch sofort befolgt wurde.

Jetzt könnte man sagen: Italien! Ist das alles schrecklich! Der furchtbare B. und die Mafia, und wie gut geht es uns in Deutschland, wo die Mafia nur gelegentlich zur Sommerfrische vorbeikommt, vulgo Deutschland höchstens als “Rückzugsraum” benutzt. Und natürlich kein Politiker  … Klar, hier wird eine Menge Geld gewaschen, genauer 50 Milliarden Euro pro Jahr, aber, hey, betrifft uns das?

Paolo Borsellino sagte: Politik und Mafia sind zwei Mächte, die auf demselben Territorium leben. Entweder bekriegen sie sich. Oder sie einigen sich.

Auch in Deutschland.

 

Keine Erinnerung

Montag, 13. Januar 2014

Schöne Geschichte heute im Spiegel – die von Walter Mayr über den in Süditalien vergrabenen Giftmüll und die Aussagen des abtrünnigen Mafiosos Schiavone – der auch mit dem BKA über die Geschäfte der Casalesi in Deutschland geredet hat. Besonders schön der Satz: “An Gespräche über Giftmüll oder gar Nuklearmüll hätten die betroffenen Beamten aber keine Erinnerung.”

 

Solidarität mit Nino Di Matteo

Donnerstag, 19. Dezember 2013

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Der sizilianische Staatsanwalt Nino Di Matteo führt die Anklage im Prozess um die “Trattativa”, den Pakt, den die Mafia mit Teilen des italienischen Staates schloss – mit Ministern, Präsidenten, Staatssekretären, Polizisten, Geheimdienstlern. Dass dieser Pakt bis heute besteht und funktioniert, kann zur Zeit jeder in Italien sehen: Der Mafiaboss Totò Riina rief zum Mord an Nino Di Matteo auf  - und Totò Riina ist kein Geringerer als der Mafiaboss, der in den Neunzigerjahren den italienischen Staat mit seinen Attentaten gegen den Andreotti-Vertrauten Salvo Lima und dann gegen den Staatsanwalt Giovanni Falcone an den Verhandlungstisch bombte. (Hintergründe zu dem Prozess auch hier)

Die “Trattativa” ist die Essenz der Mafia – die von ihren Ursprüngen an stets mit der Politik zusammengearbeitet hat: Mafia und Politik verhalten sich zueinander wie der Fisch und das Wasser, sagte einst der Mafioso Antonino Giuffrè: Es gibt kein Wasser ohne Fische und keinen Fisch ohne Wasser. Für die gelungene Zusammenarbeit zwischen Politik und Mafia gibt es in der italienischen Geschichte zahlreiche Beispiele, das des siebenfachen Ministerpräsidenten Andreotti  ist nur eines davon. Als “Mutter” aller Verhandlungen zwischen Mafia und Politik gilt die Landung der Amerikaner in Sizilien – die von Lucky Luciano arrangiert und damit belohnt wurde, eine Reihe von Mafiabossen zu Bürgermeistern zu machen.

Hintergrund der Klage der Palermitanischen Staatsanwaltschaft ist die Vermutung, dass Paolo Borsellino ermordet wurde, weil er damals von der “Trattativa”  erfahren und sich ihr widersetzt hatte. Seitdem die Staatsanwaltschaft Palermo diesen Prozess führt, versuchen die darin verwickelten Politiker (sowohl rechte wie linke) vereint mit den ihnen zur Verfügung stehenden Medien (95 Prozent der italienischen Medien) alles, um sich der Missetäter zu entledigen. Ausnahme ist wie immer die Tageszeitung “Il Fatto Quotidiano”, in der in diesen Tagen ein Interview mit Nino Di Matteo zu lesen war.

Di Matteo und die Staatsanwälte, die mit ihm den Prozess führen, wurden mit zahllosen Drohbriefen bedacht – nicht nur von der Mafia, sondern auch von den Geheimdiensten. Bei einem jungen Staatsanwalt wurde eingebrochen – und sogar die linksdemokratische Richtervereinigung Magistratura Democratica hielt es für angebracht, sich eher auf die Seite der Politik zu schlagen, als sich mit den bedrohten Kollegen (von denen einige zur linksdemokratischen Richtervereinigung gehörten) solidarisch zu erklären.

Nur auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass Toto Riina, der sich ja eigentlich in der (de facto nicht mehr bestehenden) Hochsicherheitshaft befindet, sich im Gefängnis beim Umschluss mit einem Boss der Sacra Corona Unita lautstark austauschen und seinen Mordaufruf in die Welt trompeten konnte. Aber Riina ist eben der Mann für die schmutzigen Aufträge.

Von Seiten der italienischen Politik, vom Staatspräsidenten, Ministerpräsidenten, von der Parlamentspräsidentin oder vom Senatspräsidenten: kein Wort. Nicht mal die ansonsten beliebte Heuchelei. Die Parlamentspräsidentin war zu beschäftigt – sie hatte alle Hände voll damit zu tun, ihre Trauerreise zu Mandelas Beerdigung medienwirksam zu verbreiten. Der italienische Staatspräsident, der ansonsten jede Woche eine Ermahnung in die Welt bläst, schweigt natürlich auch – was verständlich ist, er ist einer der schärfsten Widersacher des Prozesses um die Trattativa. Giorgio Napolitano ist seit mehr als 60 Jahren in der italienischen Politik und kennt die Hintergründe des Zusammenspiels zwischen Mafia und Politik wie kein zweiter.

Nachdem der Mordaufruf in der Welt war, wurde nicht etwa der Mafiaboss Toto Riina isoliert – sondern der Staatsanwalt Nino Di Matteo. Er hätte letzte Woche an einer Verhandlung in Mailand teilnehmen sollen – was ihm aber “aus Sicherheitsgründen” versagt wurde. Ihm wurde nahegelegt, sich nur noch in einem gepanzerten Wagen zu bewegen, wie man sie aus dem Afghanistan-Krieg kennt. Was Nino Di Matteo ablehnte.

Die Aktivisten der Antimafia-Bewegung Agende Rosse sind die einzigen, die unermüdlich landauf, landab Solidaritätsdemonstrationen für Nino Di Matteo organisieren, unter anderem morgen in Palermo. Sie glauben nicht an die romantische Idee von der heilenden Kraft der Kultur – als könne die Mafia besiegt werden wie eine Rechtschreibschwäche, sondern suchen mit Salvatore Borsellino nach der «roten Agenda» und damit nach der Wahrheit.

Sie alle teilen die Erkenntnis, dass das Geheimnis des Überlebens der Mafia allein in ihrer Symbiose mit der Politik steckt.

 

Hamed Abdel-Samad

Dienstag, 26. November 2013

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Soeben erfuhr ich, dass der deutsch-ägyptische Politologe und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad verschwunden ist – und vermutlich in Kairo entführt wurde. Zuerst meldeten die Ruhrbarone sein Verschwinden, mehr darüber auch im Tagesspiegel, in der Welt oder auf Spiegel-Online. Hier eine Petition, in der die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert wird.

Ich habe Hamed im August in Italien kennengelernt – wenige Monate zuvor hatten militante Islamisten dazu aufgerufen, ihn zu ermorden. (Die Wikipedia-Seite ist laut Hamed mit Vorsicht zu genießen). Einem größeren Publikum (zu dem ich mich auch zähle) wurde Hamed durch die tragisch-komische Deutschland-Safari bekannt, als er mit Hendryk Broder durchs Land fuhr.

Spannend fand ich bei unseren Unterhaltungen die Gemeinsamkeiten, die Hamed zwischen der Mafia und dem radikalen Islamismus feststellte. Wir haben auch lange darüber gesprochen, dass die größte Demütigung nicht darin besteht, bedroht zu werden – sondern darüber belehrt zu werden, wie man die Bedrohungen hätte vermeiden können – nach dem Motto: “Es hat dir schließlich nicht der Arzt verschrieben, die Islamisten zu kritisieren” oder: “Es muss doch irgendwann auch gut sein”.

Er sprach auch davon, wie viele gute Ratschläge ihm deutsche Journalisten gegeben hätten, in der Art: “Du musst dich auch nicht wundern, dass du von den radikalen Islamisten bedroht wirst, schließlich hast du sie auch provoziert.” Die Süddeutsche Zeitung hat sich auch nach seinem Verschwinden nicht entblödet, noch mal darauf hinzuweisen:

  • Seiner Ansicht nach hätten die Muslimbrüder den Zeitgeist nicht verstanden. Provokationen wie diese könnten zur Entführung des deutsch-ägyptischen Schriftsteller Hamed Abdel-Samad geführt haben.”

(Ja, an dieser Stelle muss Tucholsky mal wieder strapaziert werden: “Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.”)

Ich hoffe, dass Hamed so schnell wie möglich wieder auftaucht – gesund an Leib und Seele.

 

Die Entdeckung des heißen Wassers

Dienstag, 19. November 2013

“Bundesweite Razzia gegen mutmaßliche Ndrangheta-Geldwäscher”, titelt ZEIT-online. Und die Osnabrücker Zeitung stellt sich die bange Frage: “Half Emsländer Mafia bei der Geldwäsche?“, dass der geneigte deutsche Leser fast den Eindruck haben könnte: Holla! Wenn man jedoch den zeitlichen Verlauf der Meldung näher betrachtet, ergeben sich interessante Zusammenhänge – in der Art von Es geht eine Träne auf Reisen.

-  am 13. Juli 2012 enthüllte die kalabrische Tageszeitung Quotidiano della Calabria die Beschlagnahmung eines der größten Windparks in Europa im kalabrischen Isola Capo Rizzuto, der laut Anklage der Staatsanwaltschaft vom Neffen des Bosses geführt wird, einem Gemeinderat von Isola Capo Rizzuto,  der im Verdacht der Geldwäsche mittels ausländischer Gesellschaften steht – darunter Deutschland.

- am 31. Juli 2012 referierte Carlo Caponcello,  der für Deutschland zuständige Staatsanwalt bei der DIA (nationale Antimafia-Staatsanwaltschaft) vor der Antimafia-Komission des italienischen Parlaments über die Präsenz der Mafia in Deutschland. Hier ein Zitat aus seinem stenografierten Bericht, über den ich in diesem Blog am 9. Oktober 2012 berichtete:

  • Wir ermitteln – und das ist nichts Neues, da die Zeitungen bereits darüber berichtet haben – im Bereich der Windenergie. Der Präsident der Gesellschaft, die den größten Teil eines Windparks in Italien verwaltet, ist ein Deutscher, und eine deutsche Bank hat mit 200 Millionen Euro die Familie Arena finanziert. Hier ist es wichtig festzustellen, worin der wahre Profit besteht, der wahre Qualitätssprung. Ich möchte jetzt keine abgegriffenen Formeln benutzen, in der Art derer, dass die Globalisierung alle etwas zusammenrücken ließ – tatsächlich sind diese Ndranghetisti Personen, die einen Status kultureller Rückständigkeit überwunden haben und heute als ernsthafte Ansprechpartner vorstellig werden. Ich verfüge über eine bescheidene Erfahrung (18 Jahre) mit mafiosen Vereinigungen, vor allem in Ostsizilien, weil ich aus Catania stamme, außerdem habe ich drei Jahre lang in Kalabrien gearbeitet. Ich stelle fest, dass stimmt, was mein Kollege Macrì gesagt hat, nämlich dass sich kein Land als immun gegenüber der Mafia betrachten kann – wobei die mediale Enthüllung der Ndrangheta für mich so etwas wie die Entdeckung des heißen Wassers darstellt, im Sinne einer immanenten Präsenz. Es gibt Signale – und das BKA hebt sie hervor – für das Eindringen der Ndrangheta in die staatlichen Behörden und in die deutschen Wahlen. Pizzerien und Restaurants werden zu Treffpunkten. Aber es gibt noch wichtigere Anzeichen. Den Deutschen muss klargemacht werden, dass die Gefahr nicht abstrakt, sondern ganz konkret ist. Die Ndrangheta ist auch in der Schweiz und in Belgien präsent – aber ohne die Situation zu überschätzen, können wir sagen, dass Deutschland das bevorzugte Ziel der Ndrangheta ist.”

- am 10. Oktober 2012 berichtete der STERN über die Beschlagnahmung des von der Nordbank finanzierten Windparks.

- Und jetzt, mehr als ein Jahr später, ist der Spiegel auch aufgewacht. Guten Morgen! Wenn das nix ist.

Hier ist die Antwort

Donnerstag, 07. November 2013

Falls sich tatsächlich noch jemand fragen sollte, warum es in Deutschland keine wirksamen Gesetze zur Bekämpfung der Mafia gibt, warum sich kein einziger deutscher Politiker jemals ernsthaft gegen die Mafia in Deutschland ausgesprochen hat, warum es so strenge Pressegesetze gibt, warum in Deutschland niemand abgehört werden kann, warum Bücher über die Mafia geschwärzt werden, warum die Mafiazugehörigkeit in Deutschland immer noch kein Strafdelikt ist, und warum sich Mafiosi in Deutschland höchster  gesellschaftlicher Anerkennung erfreuen, der kann die Antwort hier nachlesen: Deutschland ist ein Eldorado für Geldwäsche. Nach Auskunft der Netzwerke, die sich damit auskennen, werden in Deutschland pro Jahr 50 Milliarden Euro gewaschen.

In Deutschland lässt sich Geld sogar besser waschen als auf den Bahamas oder Jersey. Auf dem Schattenfinanzindex liegt Deutschland auf Platz 8. (Hier das aktuelle Ranking) Allein die Kleinigkeit mit den Treuhändern für Immobilienkäufe in Deutschland – natürlich hat es Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr nötig, Einladungsschreiben an Mafiosi zu verschicken. Aber es schadet ja auch nicht, die Geschäftsfreunde mal wieder daran zu erinnern. Und, hey, wir haben hier immer wieder so ein paar tolle Großprojekte, Stuttgart 21, der Berliner Flughafen – und, remember, wie super die Zusammenarbeit beim Aufbau Ost funktioniert hat?

 

P.S. Die Journalistin in mir bricht regelmäßig wieder durch. Aber ich bin auf dem Weg der Besserung.