Kategorie: Mafia

Der Feuerbakterien-Krimi, Folge 4

Donnerstag, 04. Februar 2016

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Hinter mir: 1200 Jahre Geschichte. So alt, oder vielleicht noch älter, ist der Olivenbaum im Hintergrund, der unweit von Ugento im Salento steht. Mitten im sogenannten „Notstandsgebiet“ – wo die Feuerbakterie angeblich ihr Unwesen treibt und die Staatsanwaltschaft glücklicherweise verhindert hat, dass noch weitere Olivenbäume gefällt werden. Denn für die Behauptung, dass diese Bakterie der Auslöser für das Vertrocknen der Olivenbäume ist, gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis. Es gibt nur sehr viele Beweise dafür, dass die Bakterie der Auslöser für einen Geldstrom ohnegleichen ist: Seitdem der „Notstand“ ausgerufen wurde, sind sehr viele Millionen Euro geflossen – bis die Staatsanwaltschaft sich in den Weg warf und verhinderte, dass noch weiter Olivenbäume gefällt werden. Damit macht man sich natürlich keine Freunde. Das versteht man auch ohne Biologiekenntnisse.

Fest steht bislang nur: Es gibt Olivenbäume, die, obwohl sie vertrocknet sind, nicht von Feuerbakterien befallen sind. Und zwei Meter weiter stehen völlig gesunde, nicht vertrocknete Olivenbäume, bei denen die Feuerbakterie nachgewiesen werden kann. Komisch nicht?

Dazu demnächst mehr. Stay tuned.

Der Feuerbakterien-Krimi. Folge 3

Sonntag, 24. Januar 2016

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Normalerweise treibt sich in den Kommentarspalten meines Blogs nur ein einsamer Troll herum, der mir wegen seiner Anhänglichkeit schon fast ans Herz gewachsen ist. Ganz anders ist das jedoch seit diesem Post über die Feuerbakterien: Seitdem ich darüber berichtete, dass die Staatsanwaltschaft von Lecce gegen zehn Personen ein Ermittlungsverfahren eröffnet und die zu fällenden Olivenbäume beschlagnahmt hat, stelle ich mit Erstaunen fest, dass der Post wie verrückt kommentiert wird. Erstaunlich, dieses überraschende Interesse.

Spannend ist an den Ermittlungen vor allem, mit welcher Akribie die Staatsanwaltschaft auf den 58 Seiten ihres Beschlagnahmungsbefehl aufgedröselt hat, wie mit den „unrettbar“ infizierten Olivenbäumen viele glücklich gemacht werden sollen: Agrarmultis konnten ihre Gifte „testweise“ anwenden, Forscher wurden mit Forschungsgeldern beglückt, Landbesitzer mit der Hoffnung, endlich die ihnen im Weg stehenden jahrhundertealten Olivenbäume loszuwerden: ein Verlust, versüßt mit anfangs 146 Euro, demnächst sogar mit  261 Euro pro gefällten Olivenbaum. Und nicht zuletzt mit der Aussicht (?), das Land endlich bebauen zu können. Und die Olivenölproduzenten in den anderen europäischen Ländern sind über die „Plage“, die über ihre apulischen Konkurrenten hereingebrochen ist, sicher auch nicht unglücklich.

Wer des Italienischen mächtig ist, mag sich dazu auch diese Dokumentation ansehen, die vor kurzem auf RAI tre lief. Spannend an den Ermittlungen ist vor allem die Feststellung der Staatsanwaltschaft, dass die ersten Fälle von vertrockneten Olivenbäumen bereits in den Jahren 2004-2006 und 2008 gemeldet und als Fälle von „Olivenlepra“ katalogisiert wurden, woraufhin die vertrockneten Olivenbäume 2011 auf (nicht genehmigten) „Experimentierfeldern“ massiv mit Pflanzenschutzmitteln des Agromultis Monsanto behandelt wurden – Olivenbäume, die zum Teil danach sogar in Brand gesteckt wurden.

Meine geschätzte Kollegin Anke Sparmann hat über Monsantos Verkaufsschlager Glyphosat, der an den apulischen Olivenbäumen angewendet wurde, einen hochspannenden Artikel in der ZEIT geschrieben, dessen Lektüre ich allen ans Herz legen möchte. Darin schreibt sie:

Glyphosat ist das erfolgreichste und meistverkaufte Pestizid der Welt. Vom amerikanischen Agrarkonzern Monsanto 1974 in den Vereinigten Staaten unter dem Namen Roundup auf den Markt gebracht, ist es heute rund um den Globus im Einsatz. Das Pestizid hat sich zu einem der wichtigsten Treibstoffe der konventionellen Landwirtschaft entwickelt. Amerikanische Maisfarmer, indische Baumwollbauern, argentinische Sojabarone und deutsche Getreidelandwirte, sie alle sprühen Glyphosat auf ihre Felder. Denn dieser Wirkstoff tötet die Vogelmiere und das Rispengras, den Weißen Gänsefuß und die Acker-Kratzdistel. Es tötet praktisch jede Art von Unkraut, überall auf der Welt.

Und womöglich nicht nur das Unkraut.

 

Anke Sparmann hat in ihrem Artikel sehr schön beschrieben,  auf welch unheimliche Art die Gutachten zustande kommen, auf die sich die EU stützt, um zu entscheiden, ob das Pflanzengift Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht: Während die Krebsforschungsagentur der WHO zu dem Ergebnis kommt, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ ist, stützt sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bei ihrer Beurteilung auf das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, für die Glyphosat „nicht krebserregend“ ist, was die Europäische Behörde etwas vorsichtiger  als „wahrscheinlich nicht krebserzeugend“ ausdrückt:

Dieser (vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung verfasste, kurz: BfR) Bericht über die mögliche toxische Wirkung von Glyphosat ist nicht weniger als 947 Seiten lang. Das lässt zunächst eine beeindruckende Gründlichkeit vermuten. Bei genauerem Hinsehen allerdings stellt man fest, dass das BfR den Report gar nicht selbst erstellt hat. Verfasser ist die Glyphosate Task Force, die Glyphosat-Arbeitsgruppe. Das wiederum hört sich nach einem interdisziplinären Gremium an, aber auch dies ist ein Irrtum. In der Glyphosate Task Force arbeiten die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln zusammen, genauer: jene Unternehmen, die beantragt haben, Glyphosat innerhalb der EU verkaufen zu dürfen.

Der 947 Seiten starke Bericht besteht im Wesentlichen aus Zusammenfassungen von Studien, in denen die Unternehmen selbst die gesundheitlichen Auswirkungen von Glyphosat untersuchen ließen.

Nun müssen von Pestizidherstellern finanzierte Studien über Pestizide nicht notwendigerweise unseriös sein. Man würde sich nur gerne selbst ein Bild von diesen Untersuchungen machen. Das aber ist kaum möglich. Die Studien wurden nie veröffentlicht. Und viele Angaben zu den Studien – Verfasser, durchführendes Labor – sind in dem BfR-Bericht sogar geschwärzt.

Sehr gut lesbar aber ist das abschließende Fazit: nicht krebserregend.

Vor diesem Hintergrund bekommt eine Äußerung von Robert Fraley, dem stellvertretenden Vorstandschef von Monsanto, eine ganz eigene Bedeutung. Nachdem die Efsa im November ihre Einschätzung zu Glyphosat abgegeben hatte, die in weiten Teilen auf den Studien der Hersteller beruhte, twitterte Fraley: „Science wins!“ Die Wissenschaft hat gesiegt! Dass es vor allem seine eigenen Studien waren, auf die er sich damit berief, sagte er nicht.

 

Ähnlich kann man sich das bei den Gutachten über den Befall mit der Feuerbakterie vorstellen. Und deshalb wundert mich auch nicht, dass der Ton in den Kommentarspalten zum Teil so klingt wie dieses „Science wins“: Ja, die Laien sollen mal schön die Klappe halten und den Wissenschaftlern das Wort überlassen. Weshalb in der Feuerbakterienangelegenheit natürlich auch sofort „seriöse“ naturwissenschaftliche Medien eingespannt wurden, um die Wissenschaftler aus Bari zu verteidigen, gegen die nun ermittelt wird – nachzulesen etwa im amerikanischen „Nature„.

Und wenn nichts anderes mehr zieht, dann erklärt man die Kritiker zu Verschwörungstheoretikern – zu denen man ohnehin automatisch gerechnet wird, sobald man das Wort „Monsanto“ auch nur ausspricht. Aber was hilft’s? Die beiden Gesellschaften, die sich hinter dem „testweisen“ Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Apulien verbergen,  heißen nun mal Monsanto und BASF. Und dass Monsanto 2008 die brasilianische Biotechnikfirma Allelyx (Anagramm von Xylella) erworben hat, die ein Patent für Olivenbäume entwickelt hat, die angeblich resistent gegen die Feuerbakterie sind. In die gleiche Firma Allelyx hat auch BASF 13,5 Millionen Euro investiert – ist wahrscheinlich auch nur ein blöder Zufall.

Wie es auch ein Zufall sein kann, dass in den Medien schon so etwas zu lesen ist:

Was derzeit in Apulien passiere, sei eine Tragödie. „Die Region hat in den vergangenen 20 Jahren viel in den Olivenanbau investiert. Die Qualität des Öls aus der Region ist sehr gut geworden“, sagt Fiebig. Er hofft, dass die Bauern finanzielle Hilfe erhalten und ihren Betrieb wieder aufbauen. „Es gibt mittlerweile neue Züchtungen, die bereits nach fünf Jahren Erträge bringen. Das wäre eine Chance für die Menschen dort.“

(nachzulesen zu einem Beitrag, den der WDR im Frühjahr 2015 zum Thema Feuerbakterien gemacht hat.)

In Apulien gibt es bereits viele Fälle von als „tot“ deklarierten Olivenbäumen, die mit einfachsten und traditionellsten Methoden wieder zum Leben erweckt wurden. Umweltschützer raten den Olivenbauern, deren Land sich längs von Nationalstraßen etc. befindet, bei „plötzlich“ vertrockneten Olivenbäumen Bodenproben zu entnehmen und die Blätter des Olivenbaums ebenfalls untersuchen zu lassen. Und auf jeden Fall Videokameras entlang der Felder zu installieren. Und gegebenenfalls Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten.

Als Schriftstellerin warte ich jetzt auf den nächsten Cliffhanger.

Palermo ist überall

Freitag, 15. Januar 2016

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Und dann war das noch in der Post: warme Worte der Salzburger Nachrichten über „Die Gesichter der Toten„.

El Chapo, Sean Penn und Wolfgang W. Wieneke

Dienstag, 12. Januar 2016

Wer das Böse bekämpfen will, muss es erst mal kennenlernen, sagte Giovanni.

Ich habe kein Problem damit, mir die Hände schmutzig zu machen, wenn dabei eine gute Geschichte rauskommt.

Wenn man einen echten Einblick haben will, dann muss man sich der Wertung enthalten, sagte Giovanni.

Ganz deiner Meinung, sagte Wieneke. Journalisten sind weder Politiker noch Polizisten. Er blickte Giovanni erwartungsvoll an. Was meinst du, ist es möglich, an so einen Typen ranzukommen?

Giovanni nippte an einem Glas Wasser, das der Kellner zusammen mit dem Espresso serviert hatte, trocknete den Mund mit einer Papierserviette ab, tupfte über die Lippen und die Mundwinkel, faltete die Serviette so sorgfältig wie ein Kind in der Vorschule und legte sie beiseite.

Was für einen Typen meinst du?

Wieneke lachte. Komm, du weißt schon.

Nein, weiß ich nicht.

Na, so einen Boss.

Giovanni spielte mit seinem Feuerzeug, ein goldenes Zippo, achtzehn Karat. Angeblich hatte es ihm ein guter Freund geschenkt. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ das Feuerzeug nachlässig auf den Tisch gleiten.

Leicht ist das nicht.

Schon klar.

Mehr so eine Sache des Vertrauens. Lässt sich nicht einfach so übers Knie brechen.

Ich denke, dass Hamburg dafür auch was locker machen würde.

Es ist keine Frage des Geldes. Es kommt auf ein gewisses Fingerspitzengefühl an. Ein falsches Wort … Verstehst du, was ich meine? Schließlich bin ich es, der den Kopf für so etwas hinhält. Ich bin neutral, verstehst du?

 

So habe ich das in Palermo Connection beschrieben, als der Reporter, pardon, Investigativjournalist Wolfgang W. Wieneke den Fotografen Giovanni trifft – der ihm zu einem Scoop verhelfen soll: Ein Interview mit einem echten Mafiaboss.

Ist ja ein Klassiker: Furchtloser Reporter trifft supergefährlichen Boss unter supergefährlichen Umständen in einem supergeheimen Versteck. Stellt ihm verwegene Fragen und bekommt Antworten voll philosophischer Weisheit. Genau so hat sich das Sean Penn wohl auch vorgestellt, als er den vor kurzem verhafteten mexikanischen Drogenboss Joaquin Guzmánthe world’s most wanted drug lord, „El Chapo“, in seinem Versteck traf, um ihn für das bekannte Enthüllungsmagazin Rolling Stone zu interviewen.

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Wahrscheinlich wollte sich Penn als Hauptdarsteller für die Verfilmung des Lebens von El Chapo empfehlen, also praktisch method acting. Daniel Day Lewis lebte für seine Rolle als Der letzte Mohikaner monatelang in der Wildnis und ernährte sich nur von selbst erlegten Wild, Robert de Niro musste für seine Rolle als Jake LaMotta nicht nur Boxen lernen, sondern sich auch 27 Kilo Fett anfressen, so gesehen ist ein Interview mit einem Drogenboss in seinem Versteck definitiv die bessere Lösung.

Das Interview wurde kurz nach Guzmans Verhaftung unter dem schönen Titel „El Chapo speaks“ veröffentlicht und liefert uns ein weiteres Märchen über einen Boss: Kindheit in Armut, großer Familiensinn, liebender Vater, guter Sohn, kurz: ein Wohltäter. Vermittlerin des Interviews war die mexikanische Schauspielerin Kate de Castillo, die sich bei „El Chapo“ beliebt gemacht hat durch ihre Rolle als Freundin von El Chapo eines Drogenbosses des Sinaloa-Kartells in der Telenovela „La Reina del Sur“. Sie widmete ihm bewundernde Tweets und wurde damit belohnt, sich um die Verfilmung seines Lebenswerks zu kümmern. Weshalb sie auch Sean Penn kontaktierte, um ihn für diese Aufgabe zu gewinnen. Sie begleitete ihn zu dem Interview, worin der wohl etwas einfach gestrickte Sean Penn keinen Beweis für ihre Rolle als Propagandahelferin sah, sondern für ihren Mut: „Her courage is further demonstrated in her willingness to be named in this article“. Vielleicht hätte man Penn den Tipp geben sollen, vor dem Interview wenigstens „Das Kartell“ von Don Winslow zu lesen, da hätte er wohl mehr gelernt als aus dieser Propagandaveranstaltung. „Four days later, on October 2nd, El Alto, Espinoza, Kate and I board a self-financed charter flight from a Los Angeles-area airport to a city in mid-Mexico.“ Ja, isses denn die Möglichkeit! Sean Penn hat sich den Flug zum Drogenboss selbst bezahlt! Nicht, dass am Ende einer auf die Idee kommt, dass der Boss Penn für die Propaganda bezahlen müsste, nein, das macht er ganz umsonst!

Die Fragen, die Sean Penn an Guzmán stellt, sind von bestürzender Schlichtheit, wahrscheinlich sind es Fragen, mit denen ihn die Kinojournalisten ihn in Interviews immer wieder piesacken, also „Träumen Sie?“ oder „Betrachten Sie sich als eine gewalttätige Person?“ oder „Würden Sie die Welt verändern, wenn Sie könnten?“ Was „El Chapo“ gelassen mit einem „Für mich sind die Dinge so in Ordnung wie sie sind“ beantwortete. Im Netz kursiert auch eine wunderbare, von „El Chapo“ redigierte Fassung des Interviews.

Nie mehr werde ich einen Film mit Sean Penn unbefangen sehen können, jedes Mal werde ich an dieses schwachsinnige Interview denken, das ist wirklich traurig. Aber er befindet sich ja in bester Gesellschaft, denn was die Blödheit betrifft, machen sich Schauspieler und Journalisten Konkurrenz: Es gibt haufenweise Journalisten, die sich als Resonanzboden für die Botschaften eines Mafiabosses zur Verfügung stellen. Nicht nur in Mexiko, nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland. Ein Jahr nach dem Massaker von Duisburg rühmte sich sogar das Magazin DER SPIEGEL in seinem Editorial, dass zwei seiner Reporter auf einer Reportage über die ‘Ndrangheta von einem Mafiamusikproduzenten geführt worden seien, weil er das „Vertrauen der Bosse genieße“. Das größte deutsche Nachrichtenmagazin vermeldete also stolz, dass seine Mafia-Berichterstattung von der Mafia selbst bestimmt wurde. Es sollten übrigens nicht die einzigen deutschen Journalisten sein, die sich in Propagandadiener der Mafia verwandelten: Kurz nach dem Massaker von Duisburg lancierten die Anwälte der Mafiosi unzählige Interviews, weshalb viele deutschen Journalisten nicht über die Mafia in Deutschland berichteten, sondern über unschuldig verfolgte Pizzabäcker: den Kollegen wurden herzzerreißende Emigrantengeschichten in den Block diktiert, in denen von Sippenhaft die Rede war. Und von Rassismus. Und nicht von den allein 500 in Deutschland aktenkundigen Mafiosi.

Wieneke stand mit einer Augenbinde und einer über den Kopf gezogenen schwarzen Kapuze im Hotelzimmer und lehnte etwas linkisch an der Heizung. Sicher ein gutes Workshop-Foto. Obwohl er mit dem schwarzen Ding auf dem Kopf echt bescheuert aussah. Wie ein Guantánamo-Häftling. Aber was macht man nicht alles für eine gute Story. Die Geschichte mit der Kapuze würde ein super Editorial ergeben: Der Boss hatte zur Bedingung gemacht, dass Wieneke auf keinen Fall sehen durfte, an welchem Ort er sich versteckte. Giovanni hatte garantieren müssen, dass Wieneke während der ganzen Fahrt von Palermo in das Versteck die Kapuze auf dem Kopf behalten würde.

 

Aber das wirklich Idiotische an dem Wie-ich-einmal-einen-Boss-interviewte-Märchen ist zu sehen, wie die Medien (so der Spiegel, die ZEIT, die NY Times, die Bild, die FAZ) der falschen Fährte auf den Leim gehen: dass Guzmán Opfer seiner Eitelkeit geworden sei und dieses Treffen von El Chapo mit Sean Penn die Ermittler auf die Spur von the world’s most wanted drug lord gebracht habe. Das zu glauben, ist wirklich tragisch. Denn wenn Guzmán verhaftet wurde, dann wird es daran gelegen haben, dass diese Show jetzt politisch opportun war, für Mexiko und für die USA. Nichts anders verbirgt sich dahinter.

Das Märchen von Guzmáns Festnahme erinnerte mich an die für die Medien inszenierte Festnahme von Bernardo Provenzano, der am Ende seiner 40 Jahre währenden Flucht am 11. April 2006 in Corleone festgenommen wurde, knapp zwei Kilometer Luftlinie von der Wohnung seiner Familie entfernt, in einer Hütte. Mit zehntausend Euro in der Unterhose, umgeben von Heiligenbildchen, Faxen mit Wahlpropaganda des damaligen sizilianischen Regionalpräsidenten und später wegen Mafiaverbindungen inhaftierten Salvatore Cuffaro und einer Schublade voller Zettelchen: Botschaften für seine Ehefrau und seine Söhne, für Mafiosi, Politiker und Unternehmer, geschrieben auf einer mechanischen Olivetti Lettera 32. Und fünf Bibeln mit Lesezeichen und Unterstreichungen.

Die Ermittler seien der Spur der Wäsche gefolgt. Man hat allen Ernstes behauptet, dass der seit vierzig Jahren untergetauchte Boss nur deshalb gefasst worden sei, weil ihm seine Frau ein paar saubere Unterhosen zukommen ließ. Die Festnahme war Provenzanos letzter Sieg. Die Spuren waren noch nicht gesichert, da stand schon eine RAI-Moderatorin in Provenzanos Versteck. Bald glaubte die ganze Welt, dass der Boss der Bosse, der Gottvater, der Leibhaftige, dass die Mafia nichts anderes war als ein unsicher lächelnder alter Mann, der neben seinem Bett ein zweites Gebiss aufbewahrte, ein Greis, der in einem sizilianischen Dialekt voller Rechtschreibfehler kommunizierte und nichts als Honig und Zichorien zu sich nahm. Die Mafia gab es nicht mehr. Und auch keine Politiker, Geheimagenten, Minister, Staatspräsidenten, die dabei behilflich waren, ihn während seiner „Flucht“ zu schützen.

„Ich glaube nicht an die Version der Regierung zur Verhaftung von El Chapo“, sagte die mexikanische Journalistin und Kennerin des mexikanischen Drogenkartells Anabel Hernandez: „Ich glaube auch nicht daran, dass er festgenommen wurde, weil er einen Film über sein Leben plante. Es war nur eine Show für Fernsehen und die internationale Presse.“ Schon die Version über die letzte Verhaftung des Bosses im Jahr 2014 sei falsch gewesen. Die mexikanische Regierung habe überhaupt kein Interesse, wirklich gegen die Drogenkartelle vorzugehen. Das beweise schon die Tatsache, dass ihm weder seine Konten gesperrt, noch seine Güter beschlagnahmt worden seien. Das Gefängnis sei für Guzmán etwas wie ein 5-Sterne-Hotel.

Wolfgang W. Wieneke fand das Treffen mit dem Boss total aufregend. Sein Chefredakteur übrigens auch.

Der Feuerbakterien-Krimi geht weiter

Montag, 21. Dezember 2015

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In diesem Blog, in GEO und zuletzt in der ZEIT habe ich über die obskure „Invasion“ der Feuerbakterien in Apulien geschrieben:

In Apulien, dem Stiefelabsatz Italiens, stehen der Bauspekulation heute 70 Millionen Olivenbäume im Weg: Seitdem der Salento, der südliche Teil Apuliens, vom Tourismus entdeckt wurde, ein großer Teil der Küste aber unter Naturschutz steht, dringen die Spekulanten in das Hinterland ein. In eine Landschaft, deren Gesicht seit Jahrtausenden von Olivenhainen geprägt ist – und nicht von Hotelanlagen, Golfplätzen, Schnellstraßen, Einkaufszentren, Feriendörfern, die erst gebaut werden können, wenn die unter Naturschutz stehenden Olivenbäume beseitigt sind. Im Herbst 2013 befiel eine unerklärliche Krankheit die Olivenbäume, Xylella fastidiosa, Feuerbakterien. Besonders in der Gegend um Gallipoli haben manche Olivenbäume ihr Laub abgeworfen, verdörrte Äste recken sich in den Himmel, es sieht aus, als hätte jemand das chemische Entlaubungsmittel Agent Orange eingesetzt. Und damit kommt man der Wahrheit vermutlich sehr nahe, denn die Invasion der Feuerbakterien erinnert an einen Krimiplot – enthüllt haben ihn Umweltschützer aus dem Salento, inzwischen berichtet darüber sogar Rai 1 in seiner Hauptnachrichtensendung: Am Anfang steht 2010 ein Kongress an der Universität Bari, an dem auch Forscher aus Berkeley teilnehmen, die für den amerikanischen Saatgut-Multi Monsanto arbeiten. Sie haben – zu Forschungszwecken für einen Workshop – die Xylella fastidiosa mitgebracht und warnen vor dem Killerbakterium, das eine Gefahr für die Olivenhaine darstelle. Die apulischen Olivenbauern wundern sich: Bislang hat die Feuerbakterie zwar Weinstöcke und Zitrusfrüchte befallen, nie aber Olivenbäume. Drei Jahre nach dem Kongress treten im Salento die ersten Fälle von vertrockneten Olivenbäumen auf. Und die Staatsanwaltschaft stellt fest, dass es kein Protokoll gibt über die gesetzlich vorgeschriebene Vernichtung des Feuerbakteriums, das zu Forschungszwecken mitgebracht wurde.

Die jahrhundertealten Olivenbäume Apuliens werden zwar in einem Kataster aufgeführt, in einem Register, das den Standort und das Alter eines jeden einzelnen Baums verzeichnet – sie aber dennoch nicht schützt: Normalerweise muss für einen gefällten Olivenbaum ein neuer gepflanzt werden – diese Regelung entfällt aber, wenn er von dem Feuerbakterium befallen war. Dann kann auf dem Boden gebaut werden. Außerdem gibt es EU-Gelder für die Beseitigung der erkrankten Olivenbäume – da kann es manchen gar nicht schnell genug gehen mit der Invasion der Feuerbakterien.

Und die EU-Gelder sind dabei mehr Fluch als Segen.

 

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Lecce ein Ermittlungsverfahren gegen 10 Personen eröffnet, darunter praktisch alle Verantwortlichen für den „Kampf“ gegen die Feuerbakterien: mehrere hohe Beamte der Region Apulien, der Chef der regionalen Pflanzenschutz-Beobachtungsstelle, Forscher und mehrere leitenden Universitätsdozenten der Universität Bari, der Chef der Forstpolizei (die wiederum dem Landwirtschaftsministerium untersteht) – der als „außerordentlicher Kommissar“ die „Bekämpfungsaktion“ gegen die Feuerbakterie leitete.

An Delikten wird ihnen Urkundenfälschung, vorsätzliche Verbreitung einer Pflanzenkrankheit, fahrlässiges Herbeiführen von Umweltverbrechen und Zerstörung von Naturschönheiten vorgeworfen. Zuletzt hat die Staatsanwaltschaft auch Olivenbäume beschlagnahmt, um sie davor zu bewahren, gefällt zu werden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Verantwortlichen der Europäischen Gemeinschaft gegenüber (dank derer ein warmer Geldregen auf diejenigen niederging, die ihre Olivenbäume fällen ließen) falsche Angaben über die genauen Ursachen der Ausbreitung der Feuerbakterie gemacht haben: Der Plan, den der Chef der Forstpolizei als außerordentlicher Kommissar machte, sollte zur „drastischen und systematischen Zerstörung der Landschaft des Salento führen“, schreiben die beiden federführenden Staatsanwältinnen.

Den Ermittlungen zufolge wurde das Feuerbakterium auf mehrere Weisen verbreitet: eine ist der besagte Kongress 2010 an der Universität Bari, für den ein Erreger nach Italien gebracht wurde, der normalerweise der Quarantäne unterliegt.

Nach „Ausbruch“ der Feuerbakterieninvasion wurde für die Gegend um Gallipoli „testweise“ der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln freigegeben – die die Immunabwehr der Olivenbäume noch mehr schwächten und die Verbreitung der Feuerbakterie weiter stimulierten.

Die beiden Gesellschaften, die sich hinter dem „testweisen“ Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbergen, heißen Monsanto und BASF. Monsanto hat 2008 die brasilianische Biotechnikfirma Allelyx (Anagramm von Xylella) erworben, die ein Patent für Olivenbäume entwickelt hat angeblich resistent gegen die Feuerbakterie sind. In die gleiche Firma Allelyx hat auch BASF 13,5 Millionen Euro investiert.

In Italien sagt man: Nimm das Schlechteste an, und du liegst richtig.

Christkind war schon da

Samstag, 19. Dezember 2015

… und es heißt Sandra Kegel. Damit ich mich nicht alleine freuen muss: Hier für Sie, meine lieben, treuen Blogleser (wurde gerade in Bologneser korrigiert, ach, die Poesie der Autokorrektur), exklusiv die schöne FAZ-Geschichte. Freuen Sie sich mit – und, natürlich: Lesen Sie Die Gesichter der Toten.

FAZ Samstag, 12.12.2015 Seite 20  *Sandra Kegel*

Allein gegen die Mafia

Weil es ihr zu gefährlich wurde, kämpft sie jetzt mit den Waffen der Literatur: Ein Besuch bei der deutschen Autorin Petra Reski, die seit mehr als zwanzig Jahren in Venedig lebt und schreibt. Ihre Bücher handeln von der organisierten Kriminalität, ihre Leidenschaft gilt dem Kampf gegen den Ausverkauf der Stadt an der Lagune.

VENEDIG, im Dezember

Für die Mafia der Moderne hat ein römischer Pate einmal eine treffende Definition geliefert. In einem abgehörten Telefonat beschrieb er seine kriminelle Organisation als „Zwischenwelt“: „Oben sind die Lebenden, und unten sind die Toten . . . und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“

Mit dieser explosiven Mischung kennt Petra Reski sich aus und fand die abgehörte Selbstauskunft des Mafiosi in ihrer wohlfeilen Selbststilisierung so schlagend, dass sie sie prompt in ihren neuen Roman „Die Gesichter der Toten“ übernommen hat. Seit die in Unna geborene Publizistin 1989 für eine Reportage nach Palermo geschickt wurde, schreibt die mittlerweile Siebenundfünfzigjährige über die Gefahren der organisierten Kriminalität. Sie stammt aus einer großen schlesisch-ostpreußischen Familie, und dass solchen Sippschaften eine gewisse Amoralität innewohnt, davon ist sie überzeugt. Heute ist Petra Reski neben Roberto Saviano die wohl bekannteste Mafia- Expertin Italiens, die für ihre Arbeit in ihrer Wahlheimat mit zahlreichen Preisen geehrt wurde.

Ich treffe Petra Reski an einem verregneten Herbstnachmittag in Venedig, der Stadt, in der die Deutsche mit dem markanten Kurzhaarschnitt seit einem Vierteljahrhundert lebt. Wir sitzen im Wintergarten des „Antico Martini“ und blicken durch beschlagene Scheiben auf das Fenice. Scharen von Touristen in Wegwerfgummistiefeln tummeln sich vor dem Theater. Trotz der schweren Brokatvorhänge an der Eingangstüre des Restaurants bleibt es auch im „Antico Martini“ empfindlich klamm.

Nein, Angst vor der Mafia habe sie nicht, sagt Petra Reski und wirft sich ihre schwarze Lederjacke energisch über die Schulter. Aber sie möchte sich nicht verstecken müssen wie ihr Kollege Saviano. Sie lebt gern in Italien und will das auch weiterhin tun. Deshalb schreibt Petra Reski inzwischen Romane – Mafia-Romane. Weil sie der Wahrheit mit den Mitteln der Literatur näherzukommen glaubt als mit denen der investigativen Reporterin. Nach der Veröffentlichung ihrer Sachbücher wie „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ oder „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“ fühlte sie sich irgendwann nicht mehr sicher. Immer wieder werden Journalisten verleumdet, verklagt und auch bedroht. Zumal, wer so leichtsinnig ist, sich in die Grauzone zwischen Mafia und Politik zu begeben. Wer der „Ehrenwerten Gesellschaft“ zu nahe kommt, riskiert etwas.

Auch Petra Reski wurde mit Klagen überzogen, etwa von italienischen Restaurantbesitzern in Deutschland. Dabei konnten weder die Aussagen des Bundeskriminalamts noch deutscher und italienischer Ermittler und Staatsanwälte, die Reskis Behauptungen belegten, verhindern, dass aufgrund von Persönlichkeitsrechten auch in einem ihrer Bücher Stellen geschwärzt werden mussten. Dabei hält es Reski für die wesentliche Aufgabe von Journalisten, über Gefahren zu berichten, und nicht bloß, Pressemitteilungen von Gerichten nachzubeten. Schwerer aber wog, dass auch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit, ob vor Gericht oder bei Lesungen, irgendwann nicht mehr folgenlos blieben. Nicht nur in San Luca oder Corleone wurde die Autorin bedroht, sondern auch im beschaulichen Erfurt. Während einer Lesung in einer Buchhandlung dort, erzählt sie, sei plötzlich ein Italiener aufgestanden und habe eine „klassische Mafiadrohung“ ausgesprochen: „Ich bewundere Ihren Mut!“, habe der Mann gesagt. Nicht nur Reski verstand die Botschaft. Als sie von ihrem Ausflug ins Thüringische wieder nach Venedig zurückgekehrt war, musste sie sich von ihrer Schwiegertochter vorwerfen lassen, mit ihrer Arbeit die Sicherheit der ganzen Familie aufs Spiel zu setzen.

Drohungen dieser Art muss auch Serena Vitale aushalten. Die palermitische Staatsanwältin mit dem Hang zu scharfen Fragen und Heiligenfiguren ermittelt in Petra Reskis gerade erschienenem Krimi „Die Gesichter der Toten“ in jener „Zwischenwelt“, die ihre Schöpferin so penibel erforscht: Netzwerke aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi also, die voneinander profitieren. Da teilen Politiker zum Beispiel Neubauprojekte zu, die dann von bestimmten Unternehmen finanziert werden. Und über die Mafia wird das Geld gewaschen, die im Übrigen ihr Drohpotential zur Verfügung stellt.

Im Roman führt eine Spur auf der Suche nach dem untergetauchten Paten Lombardo in die Sphären der römischen Politik und weiter bis nach Deutschland – ins Ruhrgebiet. Dort verbrachte Serena Vitale als Gastarbeitertochter ihre Kindheit. Lombardo hat sich, weil der Drogenhandel in der Hand der Kalabresen liegt und Schutzgelderpressung zu mühsam geworden ist, auf die Ökoindustrie verlegt. „Hier sprudelten die öffentlichen Gelder, und die Strafen waren minimal“, heißt es im Roman: „Green economy, das bedeutete nicht nur Wind und Sonne“, sondern Beton für die Fundamente der Windräder, Überlandleitungen und Straßen, die gebaut werden mussten. „Ein Riesengeschäft – von Lombardo kontrolliert . . . Selten hatte das Joint Venture zwischen Unternehmen, Mafiosi und Politikern besser funktioniert.“

Serena Vitales deutscher Doppelgänger ist der investigative Reporter Wolfgang Wieneke, der gegen die Hydra der organisierten Kriminalität auf ähnlich verlorenem Posten kämpft wie die Sizilianerin. Auch er scheitert bei seinem Versuch, einen deutschen Vorzeigeunternehmer, der mit der angeblich sauberen Windenergie schmutzige Geschäfte betreibt, vorzuführen. Hier wie da sitzen die Feinde in den eigenen Reihen. Auf ein Happy end, oder auch nur darauf, dass in „Die Gesichter der Toten“ die Schuldigen am Ende zur Verantwortung gezogen werden, wartet man vergeblich.

Im Gespräch führt Petra Reski einen Korruptionsskandal nach dem anderen ins Feld, der ihre deutsch-italienische Fiktion belegen kann. Für den untergetauchten Mafiaboss stand der berüchtigte Sizilianer Matteo Messina Denaro, genannt Rolex, Pate. Die windigen Geschäfte um ein Ökostromunternehmen im sizilianischen Trapani vor einigen Jahren sowie das Schicksal eines in der Haft ermordeten Mafiosi, der aussagen wollte, und, wie Protokolle belegen, Besuch von Geheimdiensten bekam, bilden den realen Hintergrund des Romans.

Tatsächlich muss Petra Reski nur vor die eigene Haustüre treten, um auf Skandale zu stoßen. Denn Venedig selbst steckt, wie der Bau des Flutschleuse Mose zeigt, so tief im Morast aus Bestechung und Korruption wie die hölzernen Stelen, auf denen die Lagunenstadt errichtet ist. Schon das Aufstellen eines Sonnenschirms auf dem eigenen Balkon verstößt gegen die strengen Auflagen des venezianischen Denkmalschutzamtes. Aber trotzdem wird ein Palazzo nach dem anderen als Flagship Store an Weltmarken verkauft. Und wie konnten die Denkmalschützer zulassen, empört sich Reski, dass der Benetton-Konzern die berühmte „Fondaco dei Tedeschi“ aus dem Jahr 1508 erwerben durfte, um den berühmten Renaissancebau in eine Shoppingmall umzubauen – inklusive roter Rolltreppe, die sich durch das gesamte Gebäude schlängeln wird? Für Benetton war die Kaufsumme von 53 Millionen Euro ein Schnäppchen. Der Marktwert des Prachtbaus an der Rialtobrücke, der sich derzeit hinter riesigen Plastikplanen verbirgt, wird Reski zufolge auf das Doppelte geschätzt. Im Frühjahr soll der Megastore eröffnet werden.

Der Ausverkauf Venedigs macht es für Bewohner der Altstadt wie Reski immer ungemütlicher. Viele Venezianer ziehen deshalb aufs Festland. Dort sind nicht nur die Wohnungen bezahlbar, sondern es gibt noch Geschäfte fürs tägliche Leben, während in Venedig inzwischen die letzten Bäckereien, Schuster und Käsehändler von Juwelieren und chinesischen Andenkenshops verdrängt wurden. Dreißig Millionen Menschen fluten die Stadt an der Lagune jährlich. Den täglich ins historische Zentrum drängenden 83 000 Touristen stehen 58 000 Bewohner gegenüber, Tendenz fallend.

Das sei gewollt, ist Reski überzeugt, denn die Bewohner störten nur: „Weil wir die Einzigen sind, die sich überhaupt noch gegen den Ausverkauf und die Bauspekulation wehren“. Der Wegzug werde deshalb von der Regierung mit allen Mitteln befördert, um ein entvölkertes Venedig in ein gigantisches Luxusressort zu verwandeln. Auch an diesem Herbsttag hängen riesige Werbeplakate direkt an der Rialtobrücke und am Markusplatz und machen Reklame für Modelabels oder Softgetränke.

Aber nicht nur der Ausverkauf Venedigs beschäftigt Petra Reski. Auch, dass die Mafia-Umtriebe in ihrem Roman ausgerechnet nach Deutschland führen, ist kein Zufall. Seit Jahren schreibt sie über die Mafiamachenschaften in Deutschland, und darüber, das Deutschland die Gefahr auch nach den Massakern von Duisburg und im rheinhessischen Nierstein unterschätze. Mafia-Zugehörigkeit sei in Deutschland „praktisch straffrei“, „Geldwäsche ein Kinderspiel, Abhören quasi verboten“, bem Verdacht auf Schwarzgeld gelte die Beweislast, empört sich Rechercheur Wieneke über die hiesige Gesetzeslage im Roman. Und als sein Verleger ihm widerspricht, legt der Reporter erst richtig los und schildert, wie die Mafia sich in Deutschland seit vierzig Jahren eingerichtet habe.

Damit spricht Wieneke aus, was Petra Reski in Artikeln, erst unlängst in einem Essay für die „taz“, immer wieder anprangert: Dass die Mafia selbst die Deutschen in ihrem Glauben bestärke, dass dies nur ein italienisches Problem sei. Die Mär, Deutschland sei nur ein „Rückzugsraum“, sei, halte sich bis heute. Dies gelinge vor allem deshalb, weil die Organisation es meisterlich beherrsche, sich der jeweiligen Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. „Die Mafia in Düsseldorf wählt andere Waffen als in Sizilien“. Ihren Roman hat Reski dem italienischen Staatsanwalt Rosario Livatino gewidmet. Er machte als Erste auf die Geschäfte der Mafia hierzulande aufmerksam. Und bezahlte dafür mit seinem Leben.

Alles, was sie über die Mafia wisse, hat Donna Leon einmal gesagt, wisse sie von Petra Reski. Dafür bedankte sich die amerikanische Krimiautorin mit Wohnsitz Venedig bei ihrer deutschen Kollegin mit dem Rat, Serena Vitale nicht sterben zu lassen. Eigentlich sollte der erste Band mit dem Tod der Staatsanwältin enden. „Sie ist einfach zu gut“, plädierte Donna Leon für ein Wiederaufnahmeverfahren. So lebt die Staatsanwältin also – und überlebt auch ihren zweiten Fall, wenn auch nur knapp. Das allerdings ist der einzige Erfolg, den sie am Ende des Romans für sich verbuchen kann. Denn auf die darin geschilderte Wirklichkeit trifft zu, was der 1992 ermordete Staatsanwalt Paolo Borsellino gesagt hat: Dass Politik und Mafia zwei Mächte seien, die auf demselben Territorium lebten. „Entweder sie bekriegen sich. Oder sie einigen sich.“ Letzteres geschieht in „Die Gesichter der Toten“.

Für den Kuhhandel braucht es ein Bauernopfer, und das trägt bei Petra Reksi Stöckelschuhe. „Lassen Sie die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen. Es ist nur zu Ihrem Vorteil“, wird Serena Vitale von ihrem Vorgesetzten gewarnt. Die Demütigung erträgt die Staatsanwältin in den hohen Schuhen immerhin aufrecht. Auch Petra Reski war erst dieser Tage wieder für eine Lesung in Erfurt.

Und dieses grandiose Weihnachtsgeschenk

Samstag, 12. Dezember 2015

wurde mir heute von Sandra Kegel vom Feuilleton der FAZ gemacht. Bin noch ganz betäubt.

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#DieGesichterderToten

I love you, boys

Dienstag, 08. Dezember 2015

Und das Wichtigste hätte ich fast vergessen: Der Playboy mag mein Buch.

„Die Gesichter der Toten, Petra Reski: Selbstbewusst, sexy, schlagfertig: Staatsanwältin Serena Vitale aus Palermo leitet die Fahndung nach Alessio Lombardo, dem untergetauchten Mafia-Boss. Und Cosa-Nostra-Expertin Reski brilliert mit einem komplexen Plot, einer starken Hauptfigur und ironischen Metaphern. Ein intelligenter Kriminalroman über Geldwäsche, Korruptionsnetzwerke, die Verbindungen der Mafia nach Deutschland und den Untergang des Qualitätsjournalismus. Gefällt Ihnen, wenn Sie auf brisante Klartext-Prosa stehen.“

Nachzulesen im neuen Heft (und Ihrer Freundin können Sie jetzt sagen: Ich habe mir den Playboy nur wegen der tollen Rezension von Petra Reskis neuem Roman gekauft!)

Go for it!

Dienstag, 08. Dezember 2015

Jetzt aber: DER TRAILER #DieGesichterderToten

Deutschlandreise II

Donnerstag, 03. Dezember 2015

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Jetzt, wo ich wieder auf dem Weg zurück nach Venedig bin (gleißende Sonne und ein Blick auf ein geradezu  unglaubwürdig schönes Alpenpanorama, wie ein stundenlanger Bergfilm), ist meine Deutschlandreise schon wieder so weit weg. Deshalb, bevor hier alles wieder verdunstet, ein paar Notizen.

Los ging es im Ruhrgebiet (kurzer Halt beim WDR, für Mafia for beginners), dann Berlin IMG_0345IMG_0341

(dieser Fahnentick ist für mich etwas gewöhnungsbedürftig, aber gut), und von dort aus weiter nach Wiesbaden, Karlsruhe, Erfurt: Deutschland ist ja so was von exotisch.

In Berlin las ich im Kriminaltheater, zusammen mit zwei anderen Autoren des Berliner Krimimarathons: Oliver Bottini und der Österreicher Manfred Rebhandl – mit dem ich mich in die Achtzigerjahre zurückkatapultiert fühlte, was aber nicht an dem Herrn Rebhandl lag , sondern daran, dass wir den Abend in einer Berliner Zeitmaschine beendeten: Einer Bar, in der noch geraucht wurde.

Aus Recherchegründen habe ich auch das Berliner Spy-Museum besucht, wo ich nicht nur Handschuhpistolen und Abhörpfeifen

 

IMG_3366 (2)entdeckte, sondern auch die sehr inspirierende Abhörkatze. IMG_3372

Von Berlin aus ging es weiter nach Süden. Auf dem Weg lag Wolfsburg, wo an VW noch Reste von „Transparenz, Offenheit, Energie und Mut“ klebten:

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Vorher sah das übrigens so aus.

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In Wiesbaden fand meine Lesung im Literaturhaus in der wundervollen Villa Clementine statt (nahezu Venedig-Gefühl, wegen der Muranoglaslüster), der Abend sehr unterhaltsam moderiert von Alf Haubitz. Von Wiesbaden ging es weiter zur Karlsruher Bücherschau, eine Lesung, die am Ende fast an ein Treffen einer Encounter-Gruppe erinnerte: Am Ende erzählte jeder die Geschichte seiner persönlichen Verbindung nach Italien …

Und dann: Erfurt. On revient toujours à ses premiers amours.

Lesung in der grandiosen Buchhandlung Peterknecht:

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Im Publikum saßen viele, die schon meine erste, abenteuerliche Lesung 2008 miterlebt hatten, so dass diese Lesung schon fast an ein Veteranentreffen („Ich war 2008 auch dabei“) gemahnte. Unvergesslich auch das schöne Bild, das ein Mann für die Tatsache fand, dass der MDR, mit der kleinen Verspätung von sieben Jahren, auch die ‘Ndrangheta in Erfurt entdeckt hat: „Am Ende konnte man den Elefanten, der unter dem Teppich lag, nicht länger ignorieren. Auch weil man immer über ihn gestolpert ist.“

Als ich am eisigen Morgen zum Bahnhof ging, fielen mir noch diese Lettern auf.

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Und das hat mich wirklich berührt. Weil dieser kleine Satz so viel aussagt. Über eine Zeit, einen Mann und Deutschland.

Danke an alle Buchhändler, Literaturfestivalleiter und Hardcore-Fans, die für „Die Gesichter der Toten“ Wind und Wetter getrotzt haben! I love you all!