Kategorie: Mafia

Erfolgreiche italienische Unternehmer und ich

Mittwoch, 15. März 2017

Nachdem ich mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ geschrieben habe, habe ich drei Jahre mit Prozessen verbracht. Eines der letzten Urteile war in München von einer Richterin erlassen worden, die bereits im einstweiligen Verfügungsverfahren das Schmerzensgeld heraufgesetzt hatte, weil es ihr „a bissl gering“ erschienen war, und die den Kläger der Form halber noch gefragt hatte, ob er denn nun Mafiamitglied gewesen sei oder nicht, so wie es die BKA-Berichte (die Richterin sagte: „BAK-Berichte) nahelegen. Er erwiderte, dass er sich das auch nicht erklären könne. Als das Oberlandesgericht dem Kläger ein Schmerzensgeld zugesprochen hat, wegen der von mir zugefügten „schweren Verletzung des Persönlichkeitsrechts“, bin ich nicht mehr persönlich erschienen, weil ich es zu demütigend empfand, vor Gericht bedroht zu werden, ohne dass jemand eingreift.

Vom Standpunkt der anthropologischen Forschung war die Erfahrung jedoch sehr nützlich. Sie hat mich letztlich dazu gebracht, mich der Mafia in Romanform zu nähern: Wenn ich ohnehin keine Namen nennen kann, weil ich sofort verklagt werde, warum soll ich mich dann durch die Zwänge eines Sachbuchs einengen lassen? Die Klagen, die Drohungen, die Prozesse waren so etwas wie „method acting“ für meine Romane: Robert De Niro lernte für seine Rolle als Jake LaMotta in „Wie ein wilder Stier“ boxen, ich saß in Gerichtssälen herum und lernte, wie es sich anfühlt, bedroht, verklagt und verleumdet zu werden – und nicht nur juristische, sondern auch sehr aufreibende menschliche Erfahrungen zu machen: enttäuschende, aber auch unverhofft ermutigende.

Literarisch lohnend, geradezu unfassbar ergiebig ist für mich die sogenannte „Grauzone“ der Mafia: Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – alle diejenigen, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten, finde ich psychologisch interessanter und facettenreicher als die Mafia. Denn ohne die Feigheit vieler und die verschlossenen Münder, ohne ihre Sympathisanten wäre die Mafia schon längst besiegt.

In diesen Tagen habe ich gerade das dritte Manuskript für einen neuen Mafia-Roman abgeschlossen, der im Herbst erscheinen wird. Protagonisten sind wie bereits in den beiden anderen Romanen auch die sizilianische Antimafia-Staatsanwältin mit deutschen Wurzeln Serena Vitale und der (meist) tapfere deutsche Investigativjournalist Wolfgang W.Wieneke. Praktisch parallel zu meiner Romanhandlung verklagte mich ein italienischer Geschäftsmann am Landgericht Leipzig. Ich hatte seinen Namen in einem Artikel für den FREITAG genannt, der von dem am Landgericht Leipzig ergangene Urteil gegen den MDR handelte, das nach einer MDR-Dokumentation über die Mafia in Erfurt erlassen worden war. Gerichtsberichterstattung. In diesen Tagen ist das Urteil gegen mich ergangen: Laut Gericht habe ich das Persönlichkeitsrecht des erfolgreichen italienischen Unternehmers verletzt.

Niemand liest meine Artikel über die Mafia in Deutschland und meinen Blog aufmerksamer als gewisse erfolgreiche italienische Geschäftsmänner in Deutschland, besonders diejenigen aus Duisburg und Erfurt, mein Blog verdankt ihnen vermutlich die meisten Clickzahlen. Interessanter aber als das Verhalten dieser erfolgreichen italienischen Geschäftsmänner in Deutschland, ist die bizarre Haltung des FREITAG – dem Blatt eines Herausgebers, der sich, wenn ich es richtig verstehe, doch einiges für sein gesellschaftliches Engagement zugute hält.

Auf meine Anfrage, ob beim FREITAG denn auch eine Klage eingegangen sei, antwortete eine Redakteurin: „Huch – nein, es ist noch nichts hier eingegangen, so weit ich weiß“ und schrieb später: „Also das klingt ja echt übel, ich hoffe, Sie haben jetzt nicht zu viel Ärger mit diesem Mafia-Anwalt …?“ Auch in den folgenden Monaten hörte ich von der Redaktion des FREITAG – nichts. Keine Nachfrage, wie „es denn so läuft“, ganz zu schweigen von dem Angebot, vielleicht den Justiziar des FREITAG zu bemühen – oder in welcher Weise auch immer die Redaktion ihre „Solidarität“ hätte zum Ausdruck bringen können. Im September schrieb mir die Redakteurin, dass die Unterlassungsforderung inzwischen auch beim Verlag eingegangen sei, woraufhin sie vorschlug, meinen Text kurzerhand zu löschen: „Was schade wäre, ja. Aber die Anwaltskosten sind für einen kleinen Verlag wie unseren eine ziemliche Belastung“.

Dass die Gerichts- und Anwaltskosten für eine kleine Autorin wie mich, die an dem Artikel ganze 321 Euro brutto verdient hat, auch eine ziemliche, wenn nicht sogar größere Belastung sind, darauf scheint beim FREITAG allerdings niemand gekommen zu sein. Einen Artikel in vorauseilendem Gehorsam zu löschen, hätte ich, gerade von einem Blatt wie den FREITAG nicht erwartet. Ein unerträglicher Kotau – um vom journalistischen Ethos jetzt mal ganz zu schweigen.

Im November wurde mir die Unterlassungsklage nach Venedig zugestellt. Daraufhin schrieb ich eine lange Mail an den Chefredakteur und Herausgeber des FREITAG, Jakob Augstein. Und Jakob Augstein, der sich auf allen möglichen Kanälen so ziemlich zu allem äußert, von A wie „Atomwaffen in Deutschland“ bis „Z“ wie „Zuwanderung“ – schwieg.

An seiner Stelle wurde mir von der Redakteurin beschieden: „Wie in vergleichbaren Fällen – wenn ein Beitrag also von einer Unterlassungsklage betroffen oder aus anderem Grund juristisch strittig ist – nehmen wir den betreffenden Text von der freitag.de-Seite herunter. Dabei bleibt der FREITAG auch in diesem Fall. Für etwaige weiterführende Rückfragen bitte ich Sie, sich an die Geschäftsführung des Verlags, an Frau Dr. Düts zu wenden, deren Kontaktdaten ich Ihnen hier anhänge.“

Zwei Mal rief ich Frau Düts an. Niemand meldete sich. Dann hatte ich die Botschaft verstanden.

Ich erinnerte mich an einen Satz, den ein renommierter Medienanwalt anlässlich der Schwärzungen meines Mafia-Buches geschrieben hat: „Dass die Presse ihrer Aufgabe als Wächter und Mahner unter solchen Voraussetzungen nicht effizient nachkommen kann, liegt auf der Hand. Das Ergebnis ist eine lückenhafte und damit illusionäre Darstellung der Realität zugunsten von lichtscheuen Gestalten. Während Boulevardmedien Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte aus der Portokasse zahlen, werden seriöse Autoren durch diese Rechtsprechung hart getroffen.“ Wie wahr.

Und noch an einen anderen Satz musste ich denken: „Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr.“ Das sagte mir einmal Alberto Spampinato, der Bruder eines von der Mafia ermordeten sizilianischen Journalisten. Er meinte das ganz wörtlich. Denn mit „auf eigene Gefahr“ meinte er nicht nur Gefahr für das Leben, sondern auch für die Integrität. Denn der Siegeszug der Mafia in der Welt beruht keineswegs allein auf Gewalt, sondern vor allem auf Geld und dem Schweigen vieler.

Auf der Unterlassungsklage, die mir nach Venedig geschickt wurde, stand kurioserweise das Stockwerk als Zusatz zu meiner Adresse. Abgesehen davon, dass meine venezianische Adresse über geneigte Quellen leicht in Erfahrung zu bringen ist, kriegt man das Stockwerk nur heraus, wenn man vor der Wohnungstür gestanden hat.

Das sind so kleine Feinheiten – die man allerdings nur goutieren kann, wenn man auf die Idee kommt „auf eigene Gefahr“ über die Mafia zu schreiben.

Super Geschichte. Also so als Inspiration für kommende Romane gedacht.

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Ach, die Mafia.

Samstag, 04. März 2017

Schon lange nichts mehr in diesem Blog von der Mafia gelesen, dachten Sie vielleicht, verehrte Leser von Reskisrepublik. Gesagt, getan.

Ach, die Mafia. Gibt’s die noch? Also in echt und nicht als Film oder Fernsehserie oder Computerspiel? Liest man die großen italienischen Tageszeitungen, könnte man zu der Annahme kommen, die Mafia sei „verschrottet“ worden – um mal einen Lieblingsausdruck des (vorübergehend) zurückgetretenen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi zu gebrauchen.

Selbst der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella, immerhin Bruder des von der Mafia ermordeten sizilianischen Ministerpräsidenten Piersanti Mattarella, erwähnte bei seiner Neujahrsansprache die Mafia mit keinem Wort. Er sprach über die Opfer des Erdbebens und des Terrorismus, über die Arbeitslosigkeit und die Notwendigkeit eines neuen Wahlrechts, nicht aber über die Mafia, deren Umsatz inzwischen auf 170 bis 180 Milliarden Euro jährlich geschätzt wird. Womit die Mafia so viel wie die Region Lazio erwirtschaftet, fast 10 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Und die Staatskasse jährlich um mindestens 75 Milliarden Euro schädigt.

Kerngeschäft in der Krise

Wer aber bei „Mafia“ immer noch an Mord und Totschlag und die Blutfehden mafioser Clans denkt, beweist nur, wie gut es der Mafia gelingt, ihren chamäleonhaften Charakter zu verbergen. Egal ob es der Fall der Mauer, die Globalisierung, der gemeinsame europäische Markt, der Stabilitätspakt oder die andauernde italienische Wirtschaftskrise ist – die Mafia wusste sich anzupassen: „Sie wurde zu einem strukturellen Bestandteil des internationalen Finanzkapitalismus“, stellt Roberto Scarpinato fest, Generalstaatsanwalt von Palermo.

Ermöglicht wurde dies durch die Evolution innerhalb der Mafia: the survival of the fittest. Eine Art natürlicher Selektion, die drei verschiedene Arten von Mafia hervorgebracht hat: die traditionelle Mafia, die marktwirtschaftliche Mafia und die Mafia-Elite. Die traditionelle Mafia finanziert sich durch Schutzgeld, Erpressungen und öffentliche Gelder für die Bauwirtschaft – und ist heute praktisch ebenso verarmt wie die italienische Mittelschicht: Der Zugang zu öffentlichen Geldern, die Vergabe öffentlicher Aufträge hängen nicht mehr von den lokalen Politikern ab, mit denen die traditionelle Mafia stets zusammengearbeitet hat, sondern ist der Mafia-Elite vorbehalten. Die geht in den Kommandozentralen Italiens und Europas ein und aus – wo über wesentliche Fragen wie über die Privatisierung der Energie- und Wasserversorgung entschieden wird.

Sizilien ist heute die ärmste Region Italiens, und die Wirtschaftskrise wirkt sich auch auf die Erpressungen aus, das Kerngeschäft der traditionellen Mafia: Wenn es früher 1000 Betriebe gab, denen Schutzgeld abgepresst wurde, sind es heute nur noch knapp 400. Überdies zeigen immer mehr sizilianische Unternehmer die Erpressungen an – allerdings tun sie das nicht, weil die Legalität siegt, sondern weil sie schlechterdings nicht mehr zahlen können. Durch die Krise der Bauwirtschaft fehlen der traditionellen Mafia in Sizilien auch die Möglichkeiten zum Stimmenkauf: Das System „Ich garantiere dir Stimmen, du gibst mir dafür Aufträge“ funktioniert nicht mehr. Und weil es nicht mehr genug Geld gibt für die Familien der inhaftierten Mafiosi, für das Mafia-Volk – das für die niederen Arbeiten zuständig ist, für Erpressung, Gewalt und alles, was mit höherem Risiko verbunden ist –, versucht es sich dadurch zu rächen, dass es gar nicht mehr oder nur Protestparteien wählt: Das Wahlverhalten der Mafia lässt sich leicht am Wahlausgang des Wahlbezirks von Palermo ablesen, in dem sich das Ucciardone-Gefängnis befindet, in dem vorwiegend Mafiosi einsitzen.

Für die neoliberal geprägte „marktwirtschaftliche“ Mafia sieht die Situation entschieden besser aus. Diese Mafia ist zum internationalen Anbieter aufgestiegen – von illegalen Gütern (Drogen, Schmuggelzigaretten, gefälschte Waren, Waffen, billige Arbeitskräfte, Prostituierte) und Dienstleistungen (Investitionskapital, falsche Rechnungen, mit denen Steuern „gespart“ werden können, illegale Giftmüllbeseitigung), für die seit der Globalisierung der Wirtschaft eine unendlich große Nachfrage besteht – von Millionen anständiger Bürger, den Endverbrauchern.

Angebote, die man nicht ablehnen will

Diese marktwirtschaftliche Mafia ist nicht gewalttätig, sondern macht lediglich Angebots – auf die gerne zurückgegriffen wird. Das hat zuletzt der große Mafia-Prozess „Aemilia“ 2016 in Bologna gezeigt, in dessen Verlauf bereits Besitztümer und Unternehmen im Wert von 330 Millionen Euro beschlagnahmt wurden. Im Zentrum der Anklage steht der aus dem kalabrischen Crotone stammende Clan Grande Aracri, angeklagt sind aber nicht nur Mafiosi, sondern auch ihre Handlanger: Stadträte, Journalisten, Polizisten, Unternehmer. In der reichen Emilia-Romagna hat die aus Kalabrien stammende ‘Ndrangheta Wirtschaft, Politik und Institutionen durchsetzt – und nicht nur sie: Neben 17 ‘Ndrangheta-Clans sind vier Clans der sizilianischen Cosa Nostra und drei Camorra-Clans in der Provinz Reggio Emilia aktenkundig.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht, wurden die Geldgeschäfte fast immer über Deutschland abgewickelt. So schreiben die italienischen Antimafia-Staatsanwälte in ihrem Haftbefehl: „Weil die neuen Geldwäschegesetze es den Mafiosi sehr schwer machten, sind Geldtransfers ins Ausland die einzige Möglichkeit, an Bargeld zu kommen. Am Telefon sagte ein Boss: Also der aus Deutschland, der eröffnet dir ein Konto, du schickst ihm Geld aufs Konto, und wir fahren nach Deutschland, heben das Geld ab und die Sache ist erledigt.“ (mehr …)

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Mafia auf Polnisch

Sonntag, 26. Februar 2017

Kurze Werbeeinblendung: Mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ wird von von dem polnischen Verlag bellona neu aufgelegt. Das freut mich als Ehrenpolin natürlich ganz besonders. Vollpolen, Viertel – und Ehrenpolen aller Länder: Vereinigt Euch und kauft mein Buch!

www.bellona.pl

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Die heiße Kartoffel. Ein #Aufschrei

Freitag, 10. Februar 2017

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Ich habe mich bis jetzt, wie es überhaupt nicht meine Art ist, zurückgehalten, das Virginia-Raggi-Bashing seitens der deutschen Korrespondenten zu kommentieren. Auch weil es mich langweilt, mich zu wiederholen. Über das Copy&Paste-Prinzip der Italien-Berichterstattung habe ich schon so oft (zuletzt hier) geschrieben, dass ich es singen kann. Erst gestern wieder in der Süddeutschen, ein mit Fussball-Termini (der Korrespondent, so heißt es, war mal Sportreporter, wobei: Nichts gegen Sportreporter!) gespicktes Copy-Paste-Bravourstück:

Nun droht ein eklatantes Scheitern, eine Art Kanterniederlage. (…) Die Grillini regieren die Hauptstadt wie ein Provinznest (…) Da war plötzlich diese junge Frau, die niemand kannte und die keine Verpflichtungen zu haben schien. Feenhaft leicht wirkte sie, anders. (…) Nur stellte sich bald heraus, dass sie nicht feenhaft leicht und frei war, sondern eher federleicht. Raggi umgab sich mit Leuten aus der ehemaligen Entourage des Postfaschisten Alemanno. Sie bedachte sie mit fragwürdigen Beförderungen und Lohnerhöhungen, deretwegen nun ermittelt wird. Warum sie das tat, ist ein Rätsel. Das Ehrlichkeitsgelübde klang jedenfalls plötzlich hohl.

Mehr passierte bisher nicht.

Und genau das ist das Problem. Dass man Virginia Raggi bislang immer noch nichts anhängen kann. Außer, dass sie sich auf einen Schlag die gesamte italienische und römische Führungsklasse zum Feind gemacht hat, nachdem sie beschlossen hat, Rom nicht für die olympischen Spiele kandidieren zu lassen und dem Vatikan, dem größten Immobilienbesitzer in Rom, Grundsteuer zu berechnen. Das bedeutet: Sie hat sich zur politischen Führungsklasse, die die Fünfsterne-Bewegung hasst wie der Teufel das Weihwasser, auch die beiden Machtcliquen Roms zum Feind gemacht: die Baulöwen und den Vatikan. Was in der Süddeutschen natürlich ganz anders klingt:

Große Entscheidungen schiebt Raggi vor sich her, oder sie sagt einfach Nein, wie zu Olympischen Sommerspielen. Nun möchten private Investoren ein Fußballstadion bauen, dazu ein Geschäftsviertel, neue Infrastrukturen: ein Milliardenprojekt, alles selbstfinanziert. Natürlich gibt es immer gute Gründe, große Bauprojekte zu hinterfragen. Doch in diesem Fall geht es um Tausende Jobs, mehr Steuereinnahmen, eine neue Dynamik. Und da die Cinque Stelle an der Macht sind, könnten sie zeigen, dass so etwas legal und umweltfreundlich geht. Vor dem Gestalten aber scheint man sich zu fürchten.

Halbfinale also. Wenn es so weitergeht, droht der Spielabbruch.

Genau das lese ich täglich hier in der italienischen Presse, die mehrheitlich Industriellen, Baulöwen, Parteien oder vorbestraften Milliardären mit eigener Partei gehört. Heute kam es zu einem besonderen Höhepunkt: „Patata bollente“ titelte das Berlusconi-Hausblatt Libero über dem Bild von Virginia Raggi – was man mit „heiße Kartoffel“, aber auch mit „heiße Möse“ übersetzen kann.

Und von all denjenigen, die sonst bei jeder Gelegenheit Sexismus! Sexismus! schreien – etwa wenn die ehemalige „Reforministerin“ und jetzige Staatssekretärin Boschi beschuldigt wird, Insiderwissen an ihren Bankdirektoren-Vater weitergegeben zu haben (Näheres nachzulesen hier): Stille. Kein Pussy Hat-Marsch für Virginia Raggi. Nichts. Auch nicht die klitzekleinste Solidaritätserklärung, als der jetzt der im Abflug befindliche Stadtplaner  (mehr …)

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Endlich: Das Warten hat ein Ende.

Sonntag, 22. Januar 2017

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Hochverehrte Blogleser, natürlich konnten Sie es kaum erwarten: „Die Gesichter der Toten“ jetzt als Taschenbuch, hurra, hurra, hurra. Druckfrisch, yesss.

Und wenn ich bei dieser Gelegenheit noch mal auf die herzerwärmenden Kritiken hinweisen dürfte:

»So gewinnt man ein weibliches Lesepublikum für Mafia-Thriller, die übrigens, wie Reski beweist, auch komische Passagen haben dürfen, ohne dass der Ernst der Lage verharmlost würde.« Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 9.11.2015

«Klartext-Prosa auf hohem Niveau, Faktentreue und Brisanz – und eine umwerfende Hauptfigur.« Günter Keil, literaturblog, 20.09.2015

»Selbstbewusst, sexy, schlagfertig: Staatsanwältin Serena Vitale aus Palermo leitet die Fahndung nach Alessio Lombardo, dem untergetauchten Mafia-Boss. Und Cosa-Nostra-Expertin Reski brilliert mit einem komplexen Plot, einer starken Hauptfigur und ironischen Metaphern. Ein intelligenter Kriminalroman über Geldwäsche, Korruptionsnetzwerke, die Verbindungen der Mafia nach Deutschland und den Untergang des Qualitätsjournalismus.“ Playboy 1/2016

»Die palermitische Staatsanwältin mit dem Hang zu scharfen Fragen und Heiligenfiguren ermittelt in Petra Reskis gerade erschienenem Krimi „Die Gesichter der Toten“ in jener „Zwischenwelt“, die ihre Schöpferin so penibel erforscht: Netzwerke aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi also, die voneinander profitieren.» Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 12. 2015

»Wie das erste Buch ist die wiederum sehr spannende Geschichte nicht dem Genre der klassischen Krimiliteratur zuzuordnen. Es ist bei Petra Reski ganz und gar nicht so, dass der Böse dem Guten etwas antut und dann der Aufrechte den Bösen der Gerechtigkeit zuführt. Die sehr glaubwürdig gezeichneten Figuren bewegen sich immer irgendwo dazwischen. Sie sind richtige Charaktere in einem richtigen Leben.« Salzburger Nachrichten, 02.01.2016

»Geradezu schreiend komisch sind die ironischen Seitenblicke und -hiebe auf die Welt und die Arbeitsbedingungen des Journalismus. Es gibt neben der Staatsanwältin Vitale nämlich noch einen zweiten Helden bzw. eher Antihelden: den deutschen Reporter Wolfgang Widukind Wieneke, dem die Mafia mehr oder weniger passiert, der sich dann aber – auch wenn ihn und Vitale sonst nicht viel verbindet – auf seine Weise ebenso in das Thema verbeißt wie die Italienerin. Und so erfährt man ganz nebenbei mehr über den Journalismus als in einem Roman, der ihn wie Tom Rachmans „Die Unperfekten“ explizit zum Thema macht.» Die Presse, 13.02.2016

Und, ja, natürlich, die nächste Folge ist in Arbeit.

P.S.: Die nächste Gelegenheit, sich das Buch von mir höchstselbst signieren zu lassen, haben Sie am 14. März 2017 um 18 Uhr, in Dortmund im Industriemuseum Zeche Zollern!

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Don Pino

Samstag, 31. Dezember 2016

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Don Pino, der Pfarrer von San Luca, der in Duisburg nach dem Mafiamassaker eine „Versöhnungsmesse“ abhielt (und dem ich in meinem Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern ein ganzes Kapitel gewidmet habe) steht laut der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria im Verdacht, ein Gehilfe der Mafia zu sein. Hat mich jetzt nicht wirklich überrascht.

Don Pino ist auch geistiger Vater des Wallfahrtsortes Santa Maria di Polsi, wo dieses Foto aufgenommen wurde, während meiner Recherchen für mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern„. Auf meine Frage, ob der Wallfahrtsort, wie die Staatsanwälte vermuteten, auch der Ort sei, an dem sich die ‚Ndrangheta zu einer Art jährlichen Betriebsversammlung trifft, sagte Don Pino damals:

Versammlungsort der ‚Ndrangheta? Sehen Sie, wir leugnen nicht, dass das in der Vergangenheit geschehen ist. Aber nicht weil sich die Leute da versammelten, um … wer weiß was zu verwirklichen. Es geht hier um eine Art von Frömmigkeit, eine Art von populärer Gottesfürchtigkeit der negativen Art. Das Abbild der Madonna zu verehren und gleichzeitig Verbrechen zu begehen, ist nicht miteinander zu vereinbaren. Es ist eine Todsünde. Aber in Polsi werden im Angesicht der Madonna auch die härtesten Herzen weich – und lösen sich in Tränen auf. Ich habe dort Männer gesehen, die den Boden zum Altar der Madonna mit der Zunge abgeleckt haben. Natürlich erlaubt die Kirche so etwas nicht mehr. Wieviele Wunder vollbringt diese Madonna – indem sie Herzen wieder belebt! Und dann wird sie immer noch als Madonna der ‚Ndrangheta bezeichnet! Und für uns Kalabresen ist die Madonna di Polsi der Bezugspunkt unseres Glaubens.

Bei der Ermittlungsaktion „Crimine“ 2010, in deren Verlauf über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz – filmten die Ermittler auch ein Treffen der Bosse im Wallfahrtsort Polsi.

Don Pino war mit seinem guten Freund und Bischof von Locri zur „Versöhnungsmesse“ in Duisburg angereist, Monsignor Bregatini. Dem Don Pino mitgeteilt hatte: „Nach Polsi gehen nicht die Menschen, die in Diskotheken gehen wollen. Nach Polsi kommen Menschen, die Tränen in den Augen haben. Und wer kann die Tränen besser trocknen als eine Mutter? Die Mutter Gottes? Und der Bischof sagte dann im Fernsehen: Wenn das hier in Polsi eine Versammlung der ‘Ndrangheta ist, dann bin ich der erste Mafioso.“

Bald darauf wurde Bischof Bregantini von Locri nach Campobasso versetzt. Ein kalabrischer Staatsanwalt sagte damals: „Die Kirche ist immer schneller als wir.“

 

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Nessun dorma.

Freitag, 30. Dezember 2016

 

Palermo im Winter

Palermo im Winter (Foto: Rosario Riina)

Heute mal wieder mit Serena Vitale telefoniert. Um zu hören, was es so Neues gibt. Sie hielt sich ziemlich bedeckt, logisch, ist ja auch keine gute Idee, am Telefon über laufende Ermittlungen zu reden. Zumal sie einen neuen Chef hat, der alte ist ins Justizministerium weggelobt worden. Was sie über den neuen gesagt hat, kann ich hier nicht schreiben, nicht jugendfrei. (Und da fand ich es, unter uns gesagt, ziemlich erstaunlich, wie offen sie über ihn geredet, nein, gelästert hat, am Telefon, ich will jetzt nicht übertreiben, aber ich hatte fast den Eindruck, dass es ihr ein gewisses Vergnügen bereitete, nach dem Motto: Ein offenes Geheimnis, dass R. eine Nulpe ist, genau aus diesem Grunde wurde er für diesen Job ausgesucht.)

Letztes Jahr  ist Serena Vitale zu Silvester übrigens mit ihrer Mutter und ihrer Tante in das Teatro Massimo gegangen, es gab Turandot von Puccini. Serenas Mutter und ihre Tante fanden, dass die Geschichte an sich hahnebüchen sei, vor allem das Ende, wenn Prinzessin Turandot gesteht, dass sie den Prinzen Kalaf von Anbeginn gehasst und zugleich geliebt habe – zumal das Ganze von einem moppeligen Tenor und einer strammen Sopranistin interpretiert wurde, die vergeblich versuchten, sich zu umarmen. Es sei ihnen lediglich gelungen, die Bäuche gegeneinander zu reiben. Serena, ihre Mutter und ihre Tante aber fielen Mutter keineswegs vor Lachen von den Stühlen, sondern sahen der Annäherung ergriffen zu. Um jetzt ihren Ausdruck zu benutzen: „Bis in die Nackenhaare bewegt, erfüllt von zu Herzen gehenden Taktwechseln, verzweifelten Todesgesängen und gläsernen Orchestersätzen. Das ist das wahre Wunder der Musik: zwei Zeppeline zu sehen und an die Liebe zu denken.“

Bei Nessun dorma fing Serena Vitale an zu heulen. Was nicht so erstaunlich ist, wie es klingt. Sie bricht sogar bei Nationalhymnen in Tränen aus, selbst bei der nicht singbaren italienischen, sie heult bei Militärmärschen, bei Blechmusik ohnehin, und bei Trauermärschen, so wie man sie auf den Karfreitagsprozessionen in Sizilien hört, etwa  „Una lacrima sulla tomba di mia madre“ ist bei ihr kein Halten mehr.

Hätten Sie jetzt nicht gedacht? Tja, an Serena Vitale gibt es eben noch viele Seiten zu entdecken. Wir haben uns für das neue Jahr verabredet, sie will mir ein paar Sachen erzählen. Und das, was sie mir angedeutet hat, klang schon so unfassbar, na ja, mehr will ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Fortsetzung folgt.

 

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Schöne Grüße von der Urenkelin

Sonntag, 27. November 2016

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Ehrlich gesagt, fühle ich mich etwas zu jung, um als Urenkelin Goethes durchzugehen, aber: Ich fühle mich geehrt, aus Sicht der Repubblica zu diesem illustren Kreis deutscher Schriftsteller zu gehören, die als Schauplatz für ihre Romane Sizilien gewählt haben! Grazie, grazie, grazie!

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Der vermeintliche Türöffner

Dienstag, 22. November 2016

Über die Umtriebe von Francesco Sbano, dem „Mafia-Experten“ der anderen Art, habe ich in diesem Blog schon öfter geschrieben. Sbano war nicht nur geschätzter Mitarbeiter des SPIEGEL, von Spiegel-Online und dem BR, sondern in Berlin auch zu Gast im Haus der Kulturen, was die Antimafia-Organisation Mafia? Nein danke! dazu veranlasste, einen Protestbrief zu verfassen.

Heute hat die Taz über Sbanos Verurteilung in Reggio Calabria berichtet:

ROM taz | „Saugefährlich“ sei das, was er tue – als Mafiakenner, der ganz nah dran ist: So inszenierte sich Francesco Sbano im Spiegel-Online-Interview, aber auch sonst immer gern als einer, der genau Bescheid weiß über die in Kalabrien aktive ‚Ndrangheta und ihre Bosse.

In Deutschland hat der 53-jährige Kalabrese angeblich 150.000 Stück seiner drei CDs mit Songs der ‚Ndrangheta verkauft – Liedgut, in denen sich die Bande ihrer Mordtaten brüstet. Vor allem aber fungierte Sbano als Fotograf und „Türöffner“ für Spiegel-Autoren. In deren Texten, die auch auf Spiegel Online erschienen, wurde er als Vermittler zitiert. Auch der Bayerische Rundfunk nutzte seine Dienste. Mehr oder minder naiven deutschen Journalisten nämlich vermittelt Sbano gern mehr oder minder pittoreske ‚Ndrangheta-Bosse zum Interview, in dem sie richtig auspacken, ganz so, als gebe es in ihrem Verein kein Schweigegebot – oder als sei es kurz mal ausgehebelt, wenn Herr Sbano hilft.

Nicht umsonst trägt ein Buch Sbanos den widersinnigen Titel: „Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“. Dabei heißt einer der Songs, die Sbano auf CD veröffentlichte, eben „Omertà“ , und in einem anderen Lied erfahren wir: „Es gibt keine Gnade für den, der verraten hat“. Und irgendwie hat der Mafiaexperte sich wohl anstecken lassen von dem Ton, der bei jenen bösen Burschen herrscht, die er so gut zu kennen behauptet. Am 28. Februar 2012 (die taz berichtete) jedenfalls tauchte er im Anti-Mafia-Museum von Reggio Calabria auf, wo gerade eine Schulklasse erfahren wollte, was die Bosse ihrer Region so treiben. Experte Sbano hätte da etwas beitragen können, doch ihn trieben andere Sorgen um.

„Ich mache euch fertig, euch und diese Hure!“, brüllte der Ausnahme-Investigativ-Journalist. Ungerechtfertigt habe das Museum seine Songs auf Veranstaltungen genutzt, ohne für die Rechte zu zahlen. Doch offenkundig saß das Problem tiefer: „Diese Hure“ – die Journalistin Francesca Viscone – hatte es sich erlaubt, Sbanos Werk in Zweifel zu ziehen, hatte die Frage gestellt, ob er nicht ganz leise dabei sei, die ‚Ndrangheta zu verherrlichen: als wahren Ausdruck kalabresischer Kultur und Lebensart.

Und dann lobte er sich, nach Aussagen aller Zeugen, auch noch dafür, was für ein Star er dagegen in Deutschland sei. Die Kinder im Hof des Anti-Mafia-Museums dürften diesem Auftritt eines Möchtegernbosses wohl einigermaßen fassungslos zugeschaut haben. Sbano trug sein immerhin anderthalb Stunden langer Wutanfall („du weißt nicht, wen du vor dir hast!“) nun am 5. Oktober die Verurteilung zu 40 Tagen Gefängnis ein, wegen Verleumdung.

In Italien konnte man die Faszination, die dieser Experte auf die Deutschen ausübte, nie nachvollziehen. Mal schauen, wie es der BR (der gegenüber der taz betont, Sbano nur einmal beschäftigt zu haben) und vor allem der Spiegel , der Sbano mehrfach einsetzte, zuletzt 2014, seitdem aber keinen Kontakt mehr zu ihm habe, wie ein Sprecher sagt – wie es all die deutschen Medien eben, die ihm bisher ein Forum geboten haben, in Zukunft mit dem Kenner und seinen schaurig-schönen Bossen in Kapuzenshirts halten.

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Mafia&Literatur

Sonntag, 20. November 2016

Eines meiner Lieblingsmärchen war das von den Bremer Stadtmusikanten. Es ist eine Geschichte über Mut in einer scheinbar aussichtslosen Situation. Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn – die machtlos, hilflos und nutzlos sind, genau wie man sich als Kind – und manchmal auch als Erwachsener fühlt. Der Satz „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal“ leuchtete mir als Kind sofort ein. Es war eine Haltung, die ich überzeugend fand und die ich mir zu eigen machte.

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Santa Rosalia. Nachts in Palermo

Santa Rosalia. Nachts in Palermo

Nachdem ich mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ geschrieben hatte, habe ich mehr als drei Jahre mit Prozessen verbracht. Beim letzten Prozess, als das Münchener Oberlandesgericht dem Kläger ein Schmerzensgeld zugesprochen hat, wegen der von mir zugefügten „schweren Verletzung des Persönlichkeitsrechts“, bin ich nicht mehr persönlich erschienen. Das Urteil war von der Richterin erlassen worden, die bereits im einstweiligen Verfügungsverfahren das Schmerzensgeld heraufgesetzt hatte, weil es ihr „a bissl gering“ erschienen war, und die den Kläger der Form halber noch gefragt hatte, ob er denn nun Mafiamitglied gewesen sei oder nicht, so wie es in allen BKA-Berichten (die Richterin sagte: „BAK-Berichten) vom Jahr 2000 bis 2008 dokumentiert wurde. Er sagte, dass er sich das auch nicht erklären könne.

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Ich habe in der Zeit noch ein Sachbuch zum Thema Mafia veröffentlicht, mit dem Titel „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“. Bevor es erschien, hatte ich mit dem Justiziar des Verlages dagesessen und war mit ihm Satz für Satz meines Manuskripts durchgegangen – um es „wasserdicht“ zu machen, also auf mögliche Formulierungen zu überprüfen, die neuerliche Prozesse gegen mich und mein Buch hätten auslösen können. Und natürlich hatte ich schon beim Schreiben meines Buches peinlich genau darauf geachtet, bei Zitaten aus Ermittlungsakten keine Namen zu nennen, keine Umstände genauer zu schildern, die mich juristisch angreifbar hätten machen können. Ich hatte eine Schere im Kopf.

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Als anthropologische Recherche war die Geschichte mit der Mafia in Deutschland sehr nützlich für mich. Ich habe gewissermaßen so etwas wie „method acting“ gemacht, nur eben auf Literatur übertragen: Ich habe nachvollziehen können, wie sich Menschen fühlen, die in das Visier der Mafia geraten sind – die bedroht, verklagt und verleumdet werden – und die nicht nur juristische, sondern auch sehr aufreibende menschliche Erfahrungen machen: enttäuschende, aber auch unverhofft ermutigende.

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Die anthropologische Recherche – und die Schere im Kopf waren es, die mich letztlich dazu gebracht haben, mich der Mafia in Romanform zu nähern: Wenn ich ohnehin keine Namen nennen kann, warum soll ich mich dann durch die Zwänge eines Sachbuchs einengen lassen? Ich wollte nicht mehr mit angezogener Handbremse schreiben – und erinnerte mich an Louis Aragon. Er nannte es mentir vrai, das Wahr-Lügen: Ein Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet.

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Allerdings klingt das einfacher, als es war. Wie immer hatte ich nichts anderes als ein bestimmtes Gefühl im Bauch, als ich anfing zu schreiben. Oder besser: Ich fing keineswegs an zu schreiben, ich dachte nach. Und zwar ziemlich lange. Und erinnerte mich wieder daran, dass die grenzenlose Freiheit der Literatur Segen und Fluch zugleich ist. Ich wollte einen Roman schreiben, der zwar einen nachvollziehbaren, realen Hintergrund hat, aber keineswegs ein Schlüsselroman sein sollte, wo sich die Kreativität darauf beschränkt, jemandem blaue Augen zu geben, obwohl er in Wirklichkeit braune hat. Mein größtes Problem war die Moral. Die wirft sich beim Thema Mafia immer in den Weg. Und Moral wird in der Literatur oft als ein großes Hindernis angesehen. Ich fühlte mich eingeengt, als Schriftstellerin. Bis ich Quentin Tarantinos Film „Inglorious Basterds“ sah: Eine Gruppe jüdischer Partisanen bekämpft die Nazis mit Nazi-Brutalität.

In der ZEIT wurde sie als „Grandiose Rachefantasie von brutaler Frivolität“ bezeichnet. Und genau das wollte ich auch. Ich wollte mich an der ungerechten Wirklichkeit rächen und gewinnen. Wenn schon nicht im wirklichen Leben, dann wenigstens im Roman. Ich wollte die Mafiosi skalpieren, so wie es die jüdischen Partisanen in Tarantinos Film mit den Nazis gemacht haben. Ich wollte auch kein heiliges Erschaudern vor den Zeichen und Riten der Mafiosi schildern – und die Parallele zwischen den Nazis und den Mafiosi ist kein Zufall, weil dieser Vergleich der einzige ist, der Deutschen vor Augen führt, was die Mafia wirklich bedeutet. Ich wollte auch keinen Mafiakitsch erzählen, so wie es Mario Puzo mit dem Paten gemacht hat, an dem sich die Mafia noch heute erfreut. Ich wollte die Mafia auch nicht als das „absolut Böse“ erzählen, das all diejenigen ihrer Verantwortung enthebt, die ihr die Hand halten – weil sie sich mit ihr Interessen teilen. Ich wollte die Mafiosi nicht weiterleben lassen als Monster und faszinierende Unholde, ich wollte sie in die Luft sprengen.

Ich war so berauscht von der Idee. Ich sah  die Truppe schon vor mir:  angeführt von einer schönen Antimafia-Staatsanwältin würden sie mordend durch Italien und Deutschland ziehen – wie Tarantino sagte: „Ein Haufen Mistkerle mit einer Mission“.

Bis ich merkte, dass es nicht funktionierte. Weil auch das mafiosen Todeskitsch bedeutet hätte. Und weil es die Rolle der Mafia überhöht hätte, wie es in unendlich vielen Romanen der Fall ist: Sehr häufig werden die Schriftsteller selbst zum Opfer ihrer eigenen Faszination. Andrea Camilleri hat seinem Freund, dem sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia vorgeworfen, die Mafia als zu sympathisch, zu faszinierend daherkommen zu lassen, etwa wenn er Don Mariano in „Der Tag der Eule“ darüber schwadronieren lässt, dass er die Menschheit in „Menschen, Halbmenschen, Menschlein, Arschkriecher und Blablablas“ einteilt. Ich stelle eine ähnliche Faszination bei Giancarlo De Cataldo fest, die im übrigen auch von den von ihm beschriebenen Mafiosi geteilt wurde, was sogar zu einer Zurechtweisung des Obersten Richterrats führte, weil De Cataldo eine gewisse Nähe zu den Personen pflegte, die ihm als Vorlagen für seine Romanfiguren dienten, er tauschte nicht nur sms mit einem der Angeklagten des römischen Mafiaskandals aus, sondern telefonierte auch mit ihm , was für einen Schriftsteller kein Problem sein mag, für einen Richter wie De Cataldo aber eine heikle Sache ist. Und auch Roberto Saviano scheint vom Mafia-Zauber oft so geblendet zu sein wie viele Jungs in Neapel – ohne zu merken, dass er der Mafia einen Gefallen tut, wenn er sie als unbesiegbar darstellt. Mächtig ist sie nur dank ihrer Unterstützer, die die Mafia für ihre Zwecke benutzten, gewissermaßen als Dienstleistungsgesellschaft. Ohne sie würde die Mafia schon lange nicht mehr existieren.

Das wirklich Spannende an der Mafia ist für mich nach wie vor die sogenannte „Grauzone“: Die ist literarisch unendlich ergiebig. Interessanter und facettenreicher als die Mafia. Ohne die Grauzone hätte die Mafia nie existiert. Ohne die Unterstützung der vermeintlich Guten, ohne die Feigheit vieler und den verschlossenen Mündern all denjenigen, die für sich einen persönlichen Vorteil aus der Mafia ziehen können, ohne ihre Sympathisanten – Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – wäre die Mafia schon längst besiegt.

Alle diejenigen, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten, sind literarisch unfassbar lohnend. Finde ich.

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Und so habe ich die Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale erfunden – die Serena genannt wird, aber eigentlich mit dem Vornamen Santa Crocifissa geschlagen ist: heilige Kruzifixin. (Sie wurde nach ihrer im Kindbett verstorbenen Großmutter benannt.) In Palermo Connection  führt sie einen Prozess gegen einen Minister, der angeklagt ist, mit Mafia zusammenzuarbeiten. Und muss die Erfahrung machen, dass im Grunde niemand an der Wahrheit interessiert ist. In Die Gesichter der Toten wird sie mit der Suche eines nach seit Jahrzehnten untergetauchten Boss beauftragt.

Und zur Zeit ermittelt sie in einer Geschichte, zu der ich Ihnen nicht allzuviel Details verraten kann: Über laufende Ermittlungen will Serena Vitale nicht sprechen, hat sie mir gesagt. Aber so viel habe ich doch aus ihr herausgekriegt (wir waren mal wieder zusammen essen, in ihrer Lieblingstrattoria in Palermo, Piccolo Napoli): Sie ermittelt wieder in Italien und Deutschland, und Wolfgang Wieneke ist auch wieder mit von der Partie. Investigativ, sozusagen.

Ich lüge, um die Wahrheit zu erzählen.

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