Kategorie: Mafia

Der Countdown läuft

Samstag, 13. Juni 2015

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Ja, still alive and kicking, aber wegen DES BUCHS extrem absorbiert. Mit mir am Tisch sitzen Serena Vitale, Wolfgang W. Wieneke, Antonio Romano und noch ein paar andere, jeder will seine Geschichte loswerden, alle reden auf mich ein, und ich versuche so gut es geht, allen gerecht zu werden. Was nicht einfach ist. Der Countdown läuft. Mein neues Buch „Die Gesichter der Toten“ erscheint im September.

Und draußen vor der Tür läuft eine weitere Folge von Mafia Capitale, (weitere 44 Verhaftungen), man kommt kaum mehr nach, bei all den Skandalen, Bestechungen, Mafia-Verbindungen, Stimmenkäufen etc.pp. Von wegen verschrotten: Matteo Renzi ist auf Normalmaß geschrumpft, seine Regierungskoalition bröckelt, inzwischen ist Renzi so erpressbar wie seine Vorgänger.

Der senile B. kann ihn erpressen, der soeben gewählte kampanische Regionalpräsident Vincenzo De Luca auch – der laut Antikorruptionsgesetz bei den Wahlen eigentlich gar nicht hätte antreten dürfen (De Luca ist angeklagt wegen Korruption, Betrug und krimineller Vereinigung – was in Italien inzwischen wie eine Stellenausschreibung für ein politisches Amt klingt), sogar der glücklose einstige Berlusconi-Ziehsohn und jetzige Innenminister Angelino Alfano (seit der Pseudo-Abspaltung von Berlusconi ist Alfano Anführer eines so unbedeutenden und erfolglosen Parteichens, das nicht mal von Alfanos engsten Familienangehörigen gewählt wird) kann Renzi drohen – denn über Renzi schwebt das Fünfsterne-Gespenst: Bei den Regionalwahlen schnitt die Fünfsterne-Bewegung als zweitstärkste Partei ab.

Und in Venedig wird morgen ein neuer Bürgermeister gewählt: Stichwahl zwischen dem Unternehmer Luigi Brugnaro, einer Art kleinem Berlusconi (Lesern dieses Blogs werden sich an ihn erinnern, er wollte die Insel Poveglia kaufen), Anführer einer bunt gemischten Rechtskoalition, und dem Senator Felice Casson – den ich als Staatsanwalt geschätzt habe, der aber dann leider zur PD ging, der Partei, die für Venedigs Niedergang der letzten 20 Jahre verantwortlich ist. Und für den Mose-Bestechungsskandal – der im Übrigen auch ein Umweltskandal erster Güte ist, auch. Casson ist eine anständige Person. Aber die Frage ist, wie weit seine Partei ihm gestattet, anständig zu bleiben, als venezianischer Bürgermeister.

Ich wünsche mir nur, dass Venedig noch mal eine Chance hat, wiederbelebt zu werden. Nicht weiter totgetrampelt und verramscht und verpestet zu werden.

Ja, ja, ich weiß. Aber in Italien sagt man: Pensi il peggio, pensi bene. Nimm das Schlechteste an und du liegst richtig.

Mafia auf dem Lido

Samstag, 16. Mai 2015

Lido

„Der Schatten der Bosse über dem Reich am Lido“ orakelte der Gazzettino, nachdem gestern am Lido ansässige kalabrische Bauunternehmer Saverio De Martino verhaftet wurde,  von dem es im Haftbefehl heißt, dass er die Nähe zur venezianischen Politik genieße. Oder, wie es ein abtrünniger Mafioso ausdrückte: „Die Welt ist ein Dorf. De Martino konnte die Ausschreibungen für diese großen öffentlichen Aufträge nur für sich gewinnen, weil er in der lokalen Politik war.“

Wer in Venedig lebt, wundert sich darüber nicht. Schon seit Jahren heißt es, dass der Lido in Hand der ‚Ndrangheta ist. Denn anders als in Venedig, kann hier noch gebaut werden. Etwa das Einkaufszentrum „Parco delle Rose“, Lieblingsprojekt des Unternehmers De Martino, gegen dessen Bau mehrere Bürgerinitiativen des Lido protestierten – und der von dem  General der Finanzbehörden, Emilio Spaziante, tatkräftig unterstützt wurde, bis Spaziante abhanden kam, als einer der Angeklagten des Mose-Korruptionsskandals. In diesem Zusammenhang ein kleiner Verweis auf meinen 2012 im NZZ-Folio erschienen Artikel „Ach Venedig“, in dem ich über die Investitionen auf dem Lido schrieb:

Die mit öffentlichen Mitteln gemästeten Unternehmer haben nur ein Problem: ihr Geld möglichst gut zu investieren. So kaufte die Immobilienfondsgesellschaft Est Capital, hinter der sich ein ehemaliger venezianischer Kulturstadtrat und ein dank der Hochwasserschleuse Mosè reich gewordener Bauunternehmer verbergen, nun auch den Lido auf. Nicht nur die historischen Hotels Des Bains und Excelsior und die Festung Malamocco – auch sie bald ein Hotel samt zugehöriger Ferienhaussiedlung –, sondern auch das ehemalige Krankenhaus des Lidos, in dem ebenfalls eine Hotelanlage entstehen wird. Das Tortenstück aber ist die Marina Grande di Venezia, ein Jachthafen mit mehr als tausend Liegeplätzen. Der Bau dieser künstlichen Insel von der Grösse der Giudecca wurde von der Stadt Venedig bereits abgesegnet, genau wie der dazu passende Parkplatz für mindestens 500 Autos samt neuer Strassenführung.Diese Stadt ist dem Tod geweiht, sagen die Aktivisten der Umweltschutzorganisationen des Lidos, drei ältere Herren, die in der Bar Belvedere in der Abendsonne sitzen wie Pensionäre, die übers Abendessen nachdenken. Stattdessen halten sie Mahnwachen, demonstrieren, klagen.

Im Haftbefehl gegen Saverio De Martino betonen die Staatsanwälte die „anormale Geschwindigkeit, mit der es der kalabrischen Familie gelang, sich in den sozio-ökonomischen Kontext Venedigs zu integrieren, dank Bau- und Immobiliengeschäften von beträchtlichen Ausmaßen“. Ausschlaggebend für die Verhaftung waren Beweise für die enge Beziehung zwischen De Martino und dem kalabrischen Boss Vincenzino Iannazzo – die weit über Freundschaft hinausgehe: De Martino könne als organischer Bestandteil des Clans betrachtet werden. De Martino war dem Boss Iannazzo  immer wieder zu Diensten, so habe er ihm die Flucht nach Irland ermöglicht und bezahlt, ihn in Venedig beherbergt – und gemeinsame Geschäfte betrieben.

Antonio De Martino, dem Sohn des soeben verhafteten kalabrischen Unternehmers, gegen den ebenfalls ermittelt wird, gehören die Strände des Excelsiors und des Des Bains. Bei den Umbauarbeiten des Excelsiors, ebenfalls ausgeführt von De Martino, kam es – zufällig – zu einem Brand. Vor einem Jahr klagte der Erfolgsunternehmer Antonio De Martino, dass der Lido ein kleines Montecarlo werden könne, indes fehle es an Stadträten mit dem richtigen Unternehmergeist – folgerichtig wurde Antonio De Martino als Spitzenkandidat einer Wählerliste für die kommenden Gemeindewahlen Ende des Monats aufgestellt.

Heute nutzte er die Gelegenheit, sich in den venezianischen Tageszeitungen ausführlich über die Ungerechtigkeit zu beklagen, die ihm und seinem Vater widerfahren sei: Weinend erklärte er der Nuova Venezia: „Wir sind aus Lamezia nach Venedig gekommen, weil mein Vater Opfer eines Attentats der ‚Ndrangheta wurde – jetzt wurde er zum Opfer des italienischen Staates.“

Ich nehme an, dass das erst die Spitze des Eisbergs ist. Und dass niemand mehr über den Eisberg spricht, wenn seine ganzen Ausmaße bekannt sind.

Nino Di Matteo

Donnerstag, 16. April 2015

 

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 Das Stahltor blockiert. Und das genau in dem Augenblick, als die gepanzerte Wagenkolonne mit dem am meisten gefährdeten Mann Italiens einfahren will: Palermos Staatsanwalt Nino Di Matteo. Alle halten den Atem an.

 

Wer mehr erfahren will: Mein Portrait über den sizilianischen Antimafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo ist jetzt in Focus (16/15) erschienen. Nachzulesen jetzt hier.

In Palermo läuft derzeit ein Prozess, der Italien in Atem hält. Vor Gericht stehen Bosse, Politiker und Polizisten. Hat der Staat mit der Mafia kooperiert? Staatsanwalt Nino Di Matteo ermittelt – unter Lebensgefahr

*

Das Stahltor blockiert. Und das genau in dem Augenblick, als die gepanzerte Wagenkolonne mit dem am meisten gefährdeten Mann Italiens einfahren will: Palermos Staatsanwalt Nino Di Matteo. Alle halten den Atem an. Seitdem ein Mordbefehl der Mafia bekannt wurde, wird Nino Di Matteo von 42 Leibwächtern bewacht, neun folgen ihm auf Schritt und Tritt, einige davon Elitesoldaten einer Anti-Terror-Spezialeinheit, 33 Personenschützer bewachen sein Haus und kontrollieren die Straßen, auf denen der Staatsanwalt sich bewegt – und können doch nicht verhindern, dass jetzt das Tor klemmt. Die Wagenkolonne kommt auf der Straße vor dem Gerichtsbunker von Ucciardone zum Stehen und wird endlose Minuten lang zur Zielscheibe. Erst als es zwei Männern gelingt, das Stahltor mit der Hand aufzuruckeln, atmen alle auf.

Endlich parkt die Kolonne im Hof. Nino Di Matteo steigt aus dem gepanzerten Jeepund telefoniert, umgeben von den Elitesoldaten, die sich geschmeidig wie Raubtiere bewegen, und deren Gesichtsausdruck keinen Zweifel daran lässt, dass sie jeden, der Di Matteo zu nahe kommt, in Stücke reißen würden.
Nino Di Matteo ist 53 Jahre alt, ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Sizilianer. Er ist in Palermo aufgewachsen, hat Prozesse gegen Bosse, Geheimdienstchefs und die Auftraggeber von mafiosen Attentätern geführt, er hat Morde an Richtern aufgeklärt – er kennt die DNA der Mafia bis in die kleinsten Moleküle. Seit 22 Jahren lebt er mit Leibwache. Als seine beiden Kinder geboren wurden, begleiteten ihn die Leibwächter bis in den Kreißsaal.

Kurz hinter dem meterhohen Stahlzaun, nicht weit von dem telefonierenden Di Matteo, liegt ein „Vereint, um nicht zu vergessen“ auf dem Boden, ein von der Sonne ausgeblichenes Kunststoffbanner. Es erinnert an die beiden sizilianischen Anti-Mafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die 1992 in die Luft gesprengt wurden. Di Matteo wachte damals mit anderen jungen Anti-Mafia-Staatsanwälten am Sarg von Borsellino.

Für eine ganze Generation italienischer Anti-Mafia-Staatsanwälte wurde jener Moment im Sommer 1992 zum Wendepunkt: Das Blut der beiden Richter war noch nicht getrocknet, da hatte der italienische Staat bereits kapituliert und verhandelte mit der Mafia.

Dieser Pakt zwischen Staat und Mafia schwebt bis heute wie eine stinkende Giftwolke über Italien. Nino Di Matteo führt den Prozess, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Pakt zu entschleiern, hinter dem sich das schmutzigste Familiengeheimnis Italiens verbirgt. „Was wir vorwerfen, ist nicht, mit der Mafia verhandelt zu haben. Das ist ethisch verwerflich, aber nicht strafrechtlich“, sagt Di Matteo, als er vor dem Kaffeeautomaten im kalten Flur des Gerichtsbunkers steht. „Die Angeklagten werden von uns beschuldigt, sich zum Botschafter mafioser Forderungen gemacht zu haben.“

Wenn er über seinen Prozess spricht, verrät Nino Di Matteo mit keinem Wimpernschlag, was er ihn gekostet hat, dass er ihm seine Freiheit und seiner Familie die Unbefangenheit geraubt hat. Er wählt seine Worte mit Bedacht – weil er weiß, dass jedes einzelne gegen ihn verwendet werden kann.

Von außen wirkt der Gerichtsbunker wie ein gigantisches Raumschiff, das neben den Tuffsteinmauern des Ucciardone-Gefängnisses gelandet ist. Drinnen sieht man leere Gitterkäfige, Trikolore-Schärpen, kaugummikauende Schöffen, abgetretenen Plastiknoppenboden, ein Kruzifix über dem Gerichtspodest und die Beschwörungsformel „Vor dem Gericht sind alle gleich“ in goldenen Lettern. Über allem hängen Kameraswie Stielaugen an Metallstangen. Links sitzen die Staatsanwälte, angeführt von Di Matteo, rechts die Verteidiger.

Die angeklagten Bosse sind aus den Hochsicherheitsgefängnissen per Video zugeschaltet: alte Männer mit Lesebrillen und Wollpullovern, man sieht sie auf den Bildschirmen, die im ganzen Saal verteilt sind.

Die angeklagten Politiker und Staatsdiener haben ihre Anwälte geschickt. Denn wenn alle Angeklagten hier zusammen auf der Anklagebank säßen, wären die Verflechtungen zwischen Staat und Mafia nicht mehr unsichtbar. Sie hätten Gesichter. Etwa das stets gerötete des ehemaligen Innenministers Nicola Mancino. Oder das leicht aufgedunsene des ehemaligen Senators Marcello Dell’Utri, rechte Hand von Berlusconi, zurzeit in Haft, verurteilt wegen Mafia-Beihilfe. Das Mausgesicht des schnauzbärtigen Carabiniere-Generals Mario Morì. Sein Kollege Antonio Subranni würde seine dünnen Lippen noch mehr zusammenpressen – sie alle müssten neben Mafia-Bossen wie Totò Riina und seinem Schwager Leoluca Bagarella auf der Anklagebank sitzen. Und das wollen sie um jeden Preis verhindern. Als das Verfahren 2013 eröffnet wurde, titelten die Zeitungen „Der Staat macht sich selbst den Prozess.“

Dennoch ist das Interesse eher mager. Ein paar Journalisten schreiben auf ihren Laptops mit: eine Agenturjournalistin, ein Anti-Mafia-Blogger, ein Journalist des „Giornale di Sicilia“ und einer des Berlusconi-Hausblatts „Il Foglio“, der schon zu Beginn der Verhandlung gähnend klarmacht, dass er diesen Prozess für überschätzt hält. Auf den Zuschauerbänken über den Gitterkäfigen hockt eine Schulklasse, die den Geschehnissen mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Unverständnis folgt. Als all das passierte, was hier geklärt werden soll, waren diese Schüler noch nicht geboren. Und dennoch – das ahnen sie – wird hier über die Zukunft des Landes und somit auch ihre eigene entschieden.

Für viele Italiener ist der Pakt die Erbsünde der Zweiten Republik, die ausgerufen wurde, als Silvio Berlusconi 1994 an die Macht kam. Der Pakt zwischen Staat und Mafia ist der Schoß, aus dem alles kroch: der Beginn der Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat. Der Pakt hat in Italieneinen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört.

Bereits vier Jahre nach den Anschlägen enthüllten abtrünnige Mafiosi, dass die Bosse 1992 mit italienischen Politikern und hohen Beamten verhandelt und eine Liste mit zwölf Forderungen erstellt hatten, „papello“ genannt, mit der sie das Ende der Terrorakte und gleichzeitig Wählerstimmen anboten. Ihre Forderungen reichten von der Revision der Urteile des Maxiprozesses bis zur Abschaffung der Kronzeugenregelung und der Hochsicherheitshaft für Mafiosi. Und wurden beflissen umgesetzt. Protest kam damals nur von Anti-Mafia-Aktivisten und sizilianischen Anti-Mafia-Staatsanwälten wie Nino Di Matteo.

Und weil dieser Pakt zwischen Staat und Mafia bis heute währt, wird der federführende Staatsanwalt Nino Di Matteo von 42 Leibwächtern bewacht. „Möglicherweise hat mir das mein Leben gerettet“, sagt Nino Di Matteo. Der Boss Totò Riina wurde beim Hofgang dabei abgehört, wie er einen anderen Boss vom Hinrichtungsplan für Di Matteo erzählte, der „wie ein Thunfisch“ abgeschlachtet werden soll. Der inhaftierte Mafioso Vito Galatolo, Sohn einer alten Mafia-Familie, wollte sein Gewissen erleichtern und ließ Di Matteo wissen, dass die Vorbereitungen für das Attentat gegen ihn bereits fortgeschritten seien: Die Bosse hätten 600 000 Euro gesammelt, um 150 Kilo Sprengstoff zu kaufen. Nino di Matteo sagt: „Wenn so etwas bekannt wird, muss man natürlich die Familie beruhigen.“ Er macht eine lange Pause. Und bemerkt: „Auch wenn es da gar nichts zu beruhigen gibt.“

An diesem Verhandlungstag hat ein Priester den Zeugenstand betreten: Don Fabio Fabbri. Anfang der 90er-Jahre wachte er über alle Gefängnispfarrer in Italien, eingesetzt vom Vatikan. Er soll darüber aussagen, wie es dazu kam, dass die Hochsicherheitshaft für 334 Mafiosi nur ein Jahr nach den Attentaten gelockert wurde. „Wir Gefängnisgeistliche haben alle aufgeatmet, die Hochsicherheitshaft ist unmenschlich“, sagt der Monsignore, der sich ansonsten nicht erinnern kann, wer an dieser Entscheidung beteiligt war.

Eigentlich hätte diese gekrümmte Jesuitenhaltung zu ihm gehört, die der einstige Ministerpräsident Giulio Andreotti so perfektioniert hatte, bis sie in ihn eingewachsen war. Andreotti war siebenmal Ministerpräsident, das letzte Mal im Sommer 1992 – und wurde wegen Unterstützung der Mafia mehrfach angeklagt. Aber Don Fabbri schafft es nicht, sich lange unterwürfig zu geben. Immer wieder bricht die Arroganz aus ihm heraus wie ein mühsam gestauter Fluss. Gerade war er noch der aufopfernde Gefängnisgeistliche, dann ist er schon wieder einer, der das gute und das schlechte Wettermacht, der den Staatspräsidenten und den Papstberaten hat und Italiens schmutzige Geheimnisse kennt: den Tod des Christdemokraten Aldo Moro, mit dessen Entführung und Ermordung der „Historische Kompromiss“ verhindert werden sollte, die Beteiligung der Kommunistischen Partei an der Regierung, die „Zeit der Blutbäder“, wie der Sommer der Mafia-Attentate 1992 genannt wird – alles.

„Sie hatten das Glück, einen signifikanten Verhandlungstag mitzuerleben“, wird Nino Di Matteo später sagen, denn der ganze Gerichtssaal ist wie schockgefroren, als der Monsignore gestehen muss, sich mit einem Freund darüber beraten zu haben, wie seine Aussage vor Gericht verhindert werden könne. Was für ein Freund das sei? „Ich glaube, dass er zum Geheimdienst gehört“, sagt der Monsignore so gleichmütig, als spreche er über einen Glaubensbruder. „Sie glauben das, oder Sie wissen das?“, fragt der Staatsanwalt. „Ich kenne ihn seit den Zeiten der Aldo-Moro-Entführung. Da lernte ich Gino kennen. So heißt der Geheimdienstbeamte.“ – „Gino und wie weiter?“ – „Das weiß ich nicht. Ich nehme an, dass es sich um einen Decknamen handelt.“ – „Haben Sie seine Nummer hier?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Haben Sie Ihr Telefon dabei? Darin wird die Nummer von Gino gespeichert sein.“ – „Nein, das Telefon gehört meinem Neffen.“ – „Und wo lebt dieser Gino?“ – „Ich glaube, in Rom. Aber sicher bin ich mir natürlich nicht.“ – „Wie sieht er aus?“ – „Mittelgroß, so um die 60 Jahre alt, nicht besonders auffällig.“

Ob sich der Monsignore der Erpressung des Staates durch die Mafia bewusst war? Ob er einen Zusammenhang sah zwischen den Bomben und der Lockerung der Hochsicherheitshaft? Nein, sagt Don Fabbri, er wusste nichts.

Genau solche Momente sind es, an denen man spürt, wie bedrohlich dieser Prozess ist – für das Netz aus Geheimdienstlern, untreuen Staatsdienern und Politikern. So kam im Lauf der Ermittlungen heraus, dass Geheimagenten in der Hochsicherheitshaft ein und aus gingen – um die einsitzenden Bosse zu kontrollieren und mögliche Geständnisse im Keim zu ersticken, etwa bei dem Boss Antonino Gioè, der in seiner Zelle stranguliert aufgefunden wurde.
Als daraufhin Palermos Generalstaatsanwalt im Sommer 2014 dieser zweifelhaften Rolle der Geheimdienste in der Hochsicherheitshaft nachgeht, findet er auf seinem Schreibtisch im Justizpalast einen Drohbrief – nicht von der Mafia. Der Duktus des Briefes weist darauf hin, dass er aus dem Dunstkreis der sogenannten „fehlgeleiteten“ Geheimdienste stammt. In dem Brief wird nicht nur seine Wohnungdetailliert beschrieben, sondern er auch aufgefordert, sich wieder in „Reih und Glied zu stellen“ und die „Intelligenz der anderen“ nicht zu unterschätzen. Denn: „Wir schaffen keine Helden“ – was bedeutet, dass es außer Mord auch andere Möglichkeiten gibt, eine Person zu vernichten.
Später stellt sich heraus, dass die Videokameras abgeschaltet waren, als der Brief auf dem Schreibtisch des Generalstaatsanwalts abgelegt wurde. Staatssicherheit auf italienisch. Gegen diese Wirklichkeit ist „House of Cards“ so etwas wie die Augsburger Puppenkiste.

Monsignore Fabbri ist nicht der Einzige, der in diesem Prozess versucht, seine Aussage zu verhindern. Der ehemalige Innenminister Nicola Mancino rief zu diesem Zweck sogar den damaligen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano an. Die Bänder dieses Telefonats mussten auf Geheiß Napolitanos zerstört werden. Seitdem steht der Verdacht im Raum, dass es dem Präsidenten nicht darum ging, seine Privatsphäre zu schützen, sondern darum, den Pakt zwischen Staat und Mafia zu vertuschen.

Zumal sein Rechtsberater in einem Brief an den Präsidenten die Befürchtung äußerte, in den Jahren der Mafia-Attentate „ein naiver und nutzloser Schreiber von Dingen gewesen zu sein, die als Deckmantel für unaussprechliche Pakte fungierten“. Kurz darauf stirbt der Rechtsberater an einem Infarkt. Mit nur 64 Jahren.

Übrigens nicht der einzige rätselhafte Todesfall in der jüngeren Vergangenheit. Der florentinische Staatsanwalt Gabriele Chelazzi, der als einer der ersten in einem Prozess die Hintergründe des Paktes ergründen wollte, starb an einem Herzinfarkt, mit nur 59 Jahren – während einer Übernachtung in einer römischen Kaserne und nachdem er einen Brief verfasst hatte, in dem er sich über mangelnde Unterstützung seiner Kollegen beklagte, die ihn bei seinen Ermittlungen behindert hätten.

„Indem der Staat die Mafia hofierte, hat er genau das Gegenteil erreicht: nicht das Ende der Attentate, sondern weitere Bomben“, sagt Nino Di Matteo im Neonlicht seines Büros im Justizpalast. Hinter ihm an der Wand hängen Plaketten, die an Treffen mit internationalen Ermittlern erinnern, ein Kruzifix und die Fotos der ermordeten Staatsanwälte Falcone und Borsellino. Er spricht auffällig langsam wie jemand, der sich der Flüchtigkeit des Augenblicks bewusst ist.

Wie ungebrochen der Pakt zwischen der Mafia und dem italienischen Staat ist, lässt sich nicht nur an den Mordaufrufen gegen Di Matteo ablesen. Auch die Stille seitens aller führenden Politiker wirkt fast schon gespenstisch. Der sonst so zwitscherfreudige Ministerpräsident Matteo Renzi hatte keinen einzigen Tweet übrig, als anonyme Briefe aus dem Umfeld der Geheimdienste darauf hinwiesen, dass die Ermordung des Staatsanwalts beschlossen und die Auftraggeber für den Mord dieselben wie die für das Attentat an Paolo Borsellino seien.

Ohne politische Unterstützung kann sich Nino Di Matteo somit nur auf seine Leibwächter verlassen – soweit das möglich ist. Er kann nicht einfach eine Pizzaessen gehen, er kann mit seinen Kindern keinen Ausflug ans Meer machen, er kann kein Kino besuchen – er ist ein Gefangener. „Oft denke ich darüber nach, dass es in Italien einen großen Wunsch nach Gerechtigkeit gibt, der auf den Schultern weniger ruht“, sagt Di Matteo.

In 88 Städten kam es zu Solidaritätsdemonstrationen für ihn, er wurde zum Ehrenbürger von Modena und von Beppe Grillo2014 zum „Mann des Jahres“ ernannt. Mancher hätte Di Matteo auch gern als Staatspräsidenten gesehen. Der Oberste Richterrat aber verweigert ihm die zustehende Beförderung – und um ihren Aufstieg besorgte Kollegen wenden sich von ihm ab. Falcone und Borsellino ging es damals genauso, weiß Nino Di Matteo. „Ja“, sagt er ruhig, „es ist traurig, dass wir aus der Vergangenheit nichts gelernt haben.“

Nach dem Interview verlässt Di Matteo den Justizpalast und fährt nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden Kindern. Und versucht wie immer so zu tun, als führten sie ein ganz normales Leben.

Tags darauf wird bekannt, dass Jugendliche bewaffnete Männer in einem Haus gegenüber der Sporthalle beobachtet haben, in der Di Matteo gelegentlich Tennis spielt.

Mafia amüsant.

Freitag, 20. März 2015

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Gesehen in einer Buchhandlung im Ruhrgebiet

Letizias Appell

Dienstag, 10. März 2015

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Letizia Battaglia, die nicht nur eine weltberühmte Fotografin, sondern auch die Mutter meiner Freundin und Fotografin Shobha ist, hat einen Appell an den neuen italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella geschrieben – um zu erreichen, dass der von der Mafia zum Tode verurteilte Nino Di Matteo nach Rom an die Nationale Antimafia-Behörde versetzt wird.

„Lieber Präsident, Ihre Glückwünsche waren das kostbarste Geschenk, das ich zu meinem 80. Geburtstag erhalten habe, wofür ich Ihnen unendlich danken möchte. Heute aber schreibe ich Ihnen aus einem wichtigen Grund, der den Staatsanwalt Nino Di Matteo betrifft. Nächsten Mittwoch wird im Obersten Richterrat über die Ernennung drei weiterer Berater der Nationalen Antimafia-Behörde entschieden – nachdem Di Matteos Antrag vorerst abgelehnt worden ist. Ich wende mich an Sie, verehrter Präsident, weil Sie selbst Leid erlebt haben, nachdem Sie Ihren Bruder auf tragische Weise im Kugelhagel der Mafia verloren haben. Jener Moment in der Via della Libertà hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingeprägt. Durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals wurde ich zusammen mit meinem damaligen Lebensgefährtin zur Zeugin dieses Dramas. Ich wende mich an Sie als einen Menschen, der selbst unaussprechlichen Schmerz erlebt hat, ich appelliere ich an Sie, damit sich so ein Leid nicht wiederholt.

Als Präsident des Obersten Richterrats sind Sie mehr als berechtigt, die Entscheidungen über neue Ernennungen an der Nationalen Antimafia-Behörde zu überwachen. Ich appelliere an Sie persönlich, auf dass die Ablehnung der Kandidatur von Nino di Matteo revidiert werden möge. Es handelt sich dabei um ein starkes Zeichen des Staates, um das Leben dieses von Totò Riina zum Tode verurteilten Staatsanwalts zu retten. Wie Sie selbst besser als ich wissen, ist Sizilien ein Ort, der von Zeichen lebt – weshalb es um so wichtiger ist, Staatsanwalt Di Matteo nicht  zu isolieren. Ich bitte Sie, Herr Präsident, schenken Sie  Ihre Aufmerksamkeit diesem Appell, hinter dem sich die Ängste und Sorgen der anständigen Menschen dieses Landes verbergen. Eine Geste, ein Wort von Ihnen könnte den Lauf der Geschichte ändern. Ich habe zu viele Mordopfer, zu viele Blutbäder, zu viele Beerdigungen gesehen. Ich will nicht daran denken, dass in diesem Land das Gleiche wiederholen könnte, weil das bedeuten würde, dass wir verloren haben – und dass wir Komplizen gewesen sind. Ich will keine toten Helden mehr, ich will, dass Nino Di Matteo seine Arbeit lebend fortsetzen kann und er sehen kann, wie dieses gemarterte Land wieder geboren wird. Ich vertraue auf Sie, Herr Präsident, mit tiefem Respekt, und, wenn Sie mir erlauben, mit meiner ganzen Liebe für Ihr revolutionäres Handeln.

Letizia Battaglia.

Der Pakt

Montag, 09. März 2015

Endlich* kann man den Film „La Trattativa“ von Sabina Guzzanti auf you tube sehen, was ich unbedingt allen ans Herz legen möchte, die sich für Italien interessieren. Die „Trattativa“ bezeichnet den Pakt zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, der 1992 zur Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und zu einer Attentatswelle im Jahr 1993 führte, an deren Ende der politische Aufstieg von Berlusconi stand, der 1994 die Wahlen gewann. Es ist ein Pakt, der bis heute andauert.

Der Film ist eine Collage aus gespielten Szenen – so grotesk und gruselig wie die italienische Wirklichkeit der letzten 25 Jahre, außerdem sind Interviews mit Staatsanwälten, angeklagten Ministern und abtrünnigen Mafiosi zu sehen, sowie jede Menge dokumentarisches Material, wobei die Szenen von der Beerdigung von Falcone und Borsellino sicher zu den eindringlichsten gehören. Alles, was in dem Film vorkommt, ist – leider – wahr. Belegt mit Bergen von Prozessakten und Ermittlungsunterlagen. (Hier spreche ich im Deutschlandradio über den Film)

Sabina Guzzanti, die einigen vielleicht als Autorin des Dokumentarfilms Draquila über das Erdbeben in L’Aquila in Erinnerung ist, zeigt in ihrem Film „La Trattativa“ wie sich Mafiabosse, Minister, Staatspräsidenten, hohe Beamte, Geheimdienstler und Freimaurer wie langjährige, vertraute Geschäftspartner besprechen, um wieder an den Punkt der friedlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit zurückzukehren, an dem sie sich befunden haben, als Ende der 1980er Jahre alles aus dem Gefüge geriet: Die Mauer fiel, die etablierten Parteien gingen in Folge des Korruptionsskandals unter, die Urteile des Maxiprozesses wurden nicht wie gewohnt „zurechtgerückt“, sondern in letzter Instanz bestätigt.

Nach der Premiere in Venedig wurde die Regisseurin Sabina Guzzanti sofort gegeißelt – für den Film und für ihre Aussage, dass auch Matteo Renzi eine der „Früchte“ dieser Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sei: Politiker von Forza Italia bis PD tobten. Was aber nichts daran ändert, dass es, gelinde gesagt, etwas bizarr anmutet, wenn Renzi es für opportun hält, mit niemand anderem als mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher Silvio Berlusconi an einen Tisch zu setzen, um einen weiteren Pakt zu schließen, den Pakt des Nazareno (so genannt, weil die Unterredung über die Zusammenarbeit zwischen Renzi und B. in der Parteizentrale der PD stattfand).

Die Trattativa, die Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, sind mehr als ein Film: Sie sind Vergangenheit, Gegenwart und – falls nicht endlich etwas passiert – auch die Zukunft Italiens. Besonders gut gefiel mir, wie Sabina Guzzanti am Ende des Films feststellt, was diese Verhandlungen zwischen Staat und Mafia für jeden einzelnen Italiener bedeuten. Denn die Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat, hat einen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört – und der Opportunismus Intelligenz genannt. Ich möchte diesen Film allen ans Herz legen, die Italien lieben und hoffe, dass er auch irgendwann in Deutschland ins Kino kommt.

Aus den italienischen Kinos ist er sofort verschwunden.

*(Nachtrag um 14.21 Uhr: Aus youtube ist der Film auch schon wieder verschwunden. Tja.)

(Nachtrag um 23.30 Uhr: Und jetzt kann man ihn hier wieder sehen …)

Mistero.

Ciao Roma

Mittwoch, 04. März 2015

Die Bloggerin Silvia Cavallucci war bei meiner Lesung in Rom und hat ein Interview mit mir geführt, nachzulesen hier:

Palermo I.

Sonntag, 22. Februar 2015

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Der Bänkelsänger

Montag, 12. Januar 2015

Er heißt Francesco Sbano. Journalist, Fotograf. Ein paar Jahre lang war er der Bänkelsänger des Italien in Deutschland. Leider. Ein Video: „Ehrenmänner“. Und die „Mafialieder“. Mit der sich an der Folklore labenden, vor Wonne jauchzenden deutschen Presse, die nicht müde wurde, die kulturelle und im Grunde auch ethnische Andersartigkeit des Spaghettivolks zu betonen. Die jungen Italiener, die nach Berlin gezogen waren und außer ihren Rucksäcken auch die Kultur der Zivilgesellschaft aus Schulen und Antimafia-Verbänden mitgebracht hatten, versuchten vergebens anzuprangern und zu erklären, dass diese Lieder weder unschuldig, noch Folklore sind. Sondern Verherrlichung dessen, was sie am meisten abstößt. Daraufhin wurden sie der kulturellen Intoleranz bezichtigt. Jetzt haben die jungen Italiener gewonnen. Und in Berlin, wohin das schmutzige Geld strömt, um dort in Pizzerien und Restaurants gewaschen zu werden, entsteht ein anderes Italien. Ein jüngeres und gebildeteres Italien, ein Italien, das Ehrlichkeit und Anstand liebt und lebt.  Das vernetzt ist, seine Initiativen und seine großen und kleinen Feste unterstützt und Allianzen schmiedet. Wie es die „anderen“ schon immer gemacht haben – unbehindert, bis heute.

 

Das schrieb Nando dalla Chiesa, Soziologe, Kriminologe und Sohn des von der Mafia et al. ermordeten Generals Carlo Alberto dalla Chiesa gestern in Il Fatto Quotidiano  in seinem Artikel „Verena, Michele und die Ragazzi des Antimafia-Berlin“. Nando dalla Chiesa hält bis zum 6. Februar an der Humboldt-Universität Gastvorlesungen zum Thema Mafia.

Buon Natale! Schöne Weihnachten!

Dienstag, 23. Dezember 2014

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Ja, wie fühlt es sich wohl an, als zum Tode Verurteilter das Weihnachtsfest zu verbringen, mit seiner Familie, den Kindern? Nein, das ist keine Fortsetzung von Palermo Connection, sondern bittere Wirklichkeit für Staatsanwalt Nino di Matteo, über den ich in diesem Blog schon öfter geschrieben habe, zuletzt hier und hier.

Der in Hochsicherheitshaft sitzende Mafiaboss Totò Riina rief vor einem Jahr zum Mord gegen Nino Di Matteo auf. Was macht Nino di Matteo für die Mafia so gefährlich? Er führt in Palermo den Prozess der Trattativa: ein Prozess, der klären soll, ob Politiker und hochrangige Staatsbeamten Anfang der 1990er Jahre mit der Mafia verhandelten – und die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino opferten, weil ihre Ermittlungen ein Hindernis für diese Verhandlungen waren.

Seitdem besteht Di Matteos Leibwache aus 42 Carabinieri: Neun Carabinieri, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt mit drei gepanzerten Limousinen unterwegs ist. Ein abtrünniger Mafioso enthüllte vor kurzem, dass die Vorbereitungen für das Attentat bereits ganz konkret sind: Er selbst habe 150 Kilo Sprengstoff für das Attentat an Nino di Matteo besorgt. Hinter dem Attentat stehe nicht nur Totò Riina, sondern auch der seit Jahrzehnten flüchtige Mafiaboss Matteo Messina Denaro – und seine römischen Freunde. Die gleichen, die hinter der Ermordung von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino standen. Der Sprengstoff sei von kalabrischen Ndranghetisti gekauft worden, auch darin eine Parallele zum Attentat an Giovanni Falcone.

Die Geständnisse dieses Abtrünnigen sind nicht die irgendeines kleinen Vorstadtkillers, sondern die eines Mafiosos, der zur sogenannten „Aristokratie“ der Mafia gehört: Sein Vater sitzt in lebenslänglicher Haft, weil er an einer Reihe von sogenannten „exzellenten Morden“ beteiligt war, an den Morden am General Dalla Chiesa, an dem Ermittler Ninni Cassarà – und sogar an dem misslungenen Attentat von Addaura gegen Giovanni Falcone, das von der Mafia in (bewährter) Kooperation mit  den Geheimdienste ausführt wurde.

Sinn der mafiosen Drohungen ist, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen und dafür zu sorgen, dass die Münder der Beteiligten an der Trattativa weiterhin verschlossen bleiben – was offenbar bestens funktioniert: Von den italienischen Politikern kam kein einziges Wort der Solidarität für Nino di Matteo, keine Anteilnahme, nichts. Der ansonsten so redselige und besinnungslos zwitschernde Ministerpräsident Matteo Renzi schweigt und hat nicht mal einen winzigen Tweet für den bedrohten Staatsanwalt übrig, Staatspräsident Napolitano, der ansonsten nahezu täglich eine Ermahnung in die Welt bläst, schweigt auch. Ebenso der Senatspräsident Piero Grasso, der, Ironie des Schicksals, bis vor kurzem Chef der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo war, also praktisch Di Matteos Vorgesetzter. Ebenso wenig kommt über die Lippen der ansonsten sich immer auf die Seite der Bedrängten werfenden Parlamentspräsidentin Laura Boldrini: Wenn es darum geht, die Fünfsterne-Bewegung zu geißeln, sprudelt sie über. Aber wenn es um ein Wort für einen zum Tode verurteilten Antimafia-Staatsanwalt geht, schweigt auch sie.

Der Schauspieler und Antimafia-Aktivist Giulio Cavalli hat vor kurzem ein kurzes Video gedreht, eine Ansprache an den sich immer so lässig und hemdsärmelig gebenden „Matteo“ (Renzi): „Tun wir so, als sei die Bombe für Nino Matteo schon explodiert“, sagt er – und zählt all das auf, was gemeinhin nach einem „exzellenten Mord“ geschieht und viele Italiener bereits oft miterlebt haben: Sondersendungen, öffentliche Entrüstung, Expertenbefragungen, Direktübertragungen auf Rai Uno, Schlagzeilen in der ganzen Welt, explodierender Volkszorn bei der Trauerfeier. Ja, wie konnte es passieren? Warum wurde Nino Di Matteo allein gelassen? Ja, warum?

Weil sich das seit Jahrzehnten herrschende mafios-politische Machtkartell in der gleichen prekären Lage befindet, wie Anfang der 1990er Jahre, als Falcone und Borsellino umgebracht wurden. Damals waren die politischen Parteien durch die geopolitischen Verwerfungen infolge des Mauerfalls und durch den Korruptionsskandal „Saubere Hände“ den Orkus heruntergegangen, die Mafia war vorübergehend des Ansprechpartners verlustig gegangen. Also griff man zu härteren Bandagen, zu Staatsterrorismus in den Gewändern von Mafia-Attentaten, zu der seit den 1970er Jahren bewährten „Strategie der Spannung“. Die dafür sorgen sollte, die Italiener dazu zu bringen, nach einem starken Mann zu rufen, dem Mann der Vorhersehung: B.

Ähnliches ist jetzt zu beobachten: offene Terrordrohungen gegen die Staatsanwälte, die an dem Fundament zweiten italienischen Republik rütteln, den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia, Festnahmen von  rechtsextremen Terroristen, die angeblich Attentate geplant haben, die politische Situation ist unübersichtlich, B. gibt es noch immer, an der Seite von Renzi, weshalb in Italien jetzt einer regiert, der so aussieht. images

Überdies gibt es auch noch die Fünfsterne-Bewegung, die es zu neutralisieren gilt – um so mehr, als der Garant der Machtverhältnisse, Staatspräsident Napolitano, der alte, weise Mann vom Quirinalshügel (Copyright: SZ) im Januar in Ruhestand geht – kurz vor seinem 90. Geburtstag. Was aber nicht bedeutet, dass er die Zügel aus der Hand gleiten ließe. Gerade hat er es noch geschafft, einen ihm genehmen neuen Generalstaatsanwalt für die Antimafia-Staatsanwaltschaft Palermo zu berufen. Damit das endlich ein Ende hat, mit den unbequemen Staatsanwälten. Und wenn das immer noch nicht wirkt, dann zündet irgendein irrer Einzeltäter (remember: Oktoberfest 1984) eben eine Bombe.

Wie gut, dass es keine Mafia gibt, in Deutschland. Jedenfalls nicht aktiv. Nur so passiv. Auf Sommerfrische. Bis zum nächsten Einsatz. Sagt man so. Oder haben Sie schon mal einen deutschen Politiker gehört, der das Wort „Mafia“ in den Mund genommen hätte?

Schöne Weihnachten.