Kategorie: Mafia

Mafia amüsant.

Freitag, 20. März 2015

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Gesehen in einer Buchhandlung im Ruhrgebiet

Letizias Appell

Dienstag, 10. März 2015

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Letizia Battaglia, die nicht nur eine weltberühmte Fotografin, sondern auch die Mutter meiner Freundin und Fotografin Shobha ist, hat einen Appell an den neuen italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella geschrieben – um zu erreichen, dass der von der Mafia zum Tode verurteilte Nino Di Matteo nach Rom an die Nationale Antimafia-Behörde versetzt wird.

“Lieber Präsident, Ihre Glückwünsche waren das kostbarste Geschenk, das ich zu meinem 80. Geburtstag erhalten habe, wofür ich Ihnen unendlich danken möchte. Heute aber schreibe ich Ihnen aus einem wichtigen Grund, der den Staatsanwalt Nino Di Matteo betrifft. Nächsten Mittwoch wird im Obersten Richterrat über die Ernennung drei weiterer Berater der Nationalen Antimafia-Behörde entschieden – nachdem Di Matteos Antrag vorerst abgelehnt worden ist. Ich wende mich an Sie, verehrter Präsident, weil Sie selbst Leid erlebt haben, nachdem Sie Ihren Bruder auf tragische Weise im Kugelhagel der Mafia verloren haben. Jener Moment in der Via della Libertà hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingeprägt. Durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals wurde ich zusammen mit meinem damaligen Lebensgefährtin zur Zeugin dieses Dramas. Ich wende mich an Sie als einen Menschen, der selbst unaussprechlichen Schmerz erlebt hat, ich appelliere ich an Sie, damit sich so ein Leid nicht wiederholt.

Als Präsident des Obersten Richterrats sind Sie mehr als berechtigt, die Entscheidungen über neue Ernennungen an der Nationalen Antimafia-Behörde zu überwachen. Ich appelliere an Sie persönlich, auf dass die Ablehnung der Kandidatur von Nino di Matteo revidiert werden möge. Es handelt sich dabei um ein starkes Zeichen des Staates, um das Leben dieses von Totò Riina zum Tode verurteilten Staatsanwalts zu retten. Wie Sie selbst besser als ich wissen, ist Sizilien ein Ort, der von Zeichen lebt – weshalb es um so wichtiger ist, Staatsanwalt Di Matteo nicht  zu isolieren. Ich bitte Sie, Herr Präsident, schenken Sie  Ihre Aufmerksamkeit diesem Appell, hinter dem sich die Ängste und Sorgen der anständigen Menschen dieses Landes verbergen. Eine Geste, ein Wort von Ihnen könnte den Lauf der Geschichte ändern. Ich habe zu viele Mordopfer, zu viele Blutbäder, zu viele Beerdigungen gesehen. Ich will nicht daran denken, dass in diesem Land das Gleiche wiederholen könnte, weil das bedeuten würde, dass wir verloren haben – und dass wir Komplizen gewesen sind. Ich will keine toten Helden mehr, ich will, dass Nino Di Matteo seine Arbeit lebend fortsetzen kann und er sehen kann, wie dieses gemarterte Land wieder geboren wird. Ich vertraue auf Sie, Herr Präsident, mit tiefem Respekt, und, wenn Sie mir erlauben, mit meiner ganzen Liebe für Ihr revolutionäres Handeln.

Letizia Battaglia.

Der Pakt

Montag, 09. März 2015

Endlich* kann man den Film “La Trattativa” von Sabina Guzzanti auf you tube sehen, was ich unbedingt allen ans Herz legen möchte, die sich für Italien interessieren. Die “Trattativa” bezeichnet den Pakt zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, der 1992 zur Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und zu einer Attentatswelle im Jahr 1993 führte, an deren Ende der politische Aufstieg von Berlusconi stand, der 1994 die Wahlen gewann. Es ist ein Pakt, der bis heute andauert.

Der Film ist eine Collage aus gespielten Szenen – so grotesk und gruselig wie die italienische Wirklichkeit der letzten 25 Jahre, außerdem sind Interviews mit Staatsanwälten, angeklagten Ministern und abtrünnigen Mafiosi zu sehen, sowie jede Menge dokumentarisches Material, wobei die Szenen von der Beerdigung von Falcone und Borsellino sicher zu den eindringlichsten gehören. Alles, was in dem Film vorkommt, ist – leider – wahr. Belegt mit Bergen von Prozessakten und Ermittlungsunterlagen. (Hier spreche ich im Deutschlandradio über den Film)

Sabina Guzzanti, die einigen vielleicht als Autorin des Dokumentarfilms Draquila über das Erdbeben in L’Aquila in Erinnerung ist, zeigt in ihrem Film „La Trattativa“ wie sich Mafiabosse, Minister, Staatspräsidenten, hohe Beamte, Geheimdienstler und Freimaurer wie langjährige, vertraute Geschäftspartner besprechen, um wieder an den Punkt der friedlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit zurückzukehren, an dem sie sich befunden haben, als Ende der 1980er Jahre alles aus dem Gefüge geriet: Die Mauer fiel, die etablierten Parteien gingen in Folge des Korruptionsskandals unter, die Urteile des Maxiprozesses wurden nicht wie gewohnt „zurechtgerückt“, sondern in letzter Instanz bestätigt.

Nach der Premiere in Venedig wurde die Regisseurin Sabina Guzzanti sofort gegeißelt – für den Film und für ihre Aussage, dass auch Matteo Renzi eine der „Früchte“ dieser Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sei: Politiker von Forza Italia bis PD tobten. Was aber nichts daran ändert, dass es, gelinde gesagt, etwas bizarr anmutet, wenn Renzi es für opportun hält, mit niemand anderem als mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher Silvio Berlusconi an einen Tisch zu setzen, um einen weiteren Pakt zu schließen, den Pakt des Nazareno (so genannt, weil die Unterredung über die Zusammenarbeit zwischen Renzi und B. in der Parteizentrale der PD stattfand).

Die Trattativa, die Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, sind mehr als ein Film: Sie sind Vergangenheit, Gegenwart und – falls nicht endlich etwas passiert – auch die Zukunft Italiens. Besonders gut gefiel mir, wie Sabina Guzzanti am Ende des Films feststellt, was diese Verhandlungen zwischen Staat und Mafia für jeden einzelnen Italiener bedeuten. Denn die Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat, hat einen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört – und der Opportunismus Intelligenz genannt. Ich möchte diesen Film allen ans Herz legen, die Italien lieben und hoffe, dass er auch irgendwann in Deutschland ins Kino kommt.

Aus den italienischen Kinos ist er sofort verschwunden.

*(Nachtrag um 14.21 Uhr: Aus youtube ist der Film auch schon wieder verschwunden. Tja.)

(Nachtrag um 23.30 Uhr: Und jetzt kann man ihn hier wieder sehen …)

Mistero.

Ciao Roma

Mittwoch, 04. März 2015

Die Bloggerin Silvia Cavallucci war bei meiner Lesung in Rom und hat ein Interview mit mir geführt, nachzulesen hier:

Palermo I.

Sonntag, 22. Februar 2015

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Der Bänkelsänger

Montag, 12. Januar 2015

Er heißt Francesco Sbano. Journalist, Fotograf. Ein paar Jahre lang war er der Bänkelsänger des Italien in Deutschland. Leider. Ein Video: “Ehrenmänner”. Und die “Mafialieder”. Mit der sich an der Folklore labenden, vor Wonne jauchzenden deutschen Presse, die nicht müde wurde, die kulturelle und im Grunde auch ethnische Andersartigkeit des Spaghettivolks zu betonen. Die jungen Italiener, die nach Berlin gezogen waren und außer ihren Rucksäcken auch die Kultur der Zivilgesellschaft aus Schulen und Antimafia-Verbänden mitgebracht hatten, versuchten vergebens anzuprangern und zu erklären, dass diese Lieder weder unschuldig, noch Folklore sind. Sondern Verherrlichung dessen, was sie am meisten abstößt. Daraufhin wurden sie der kulturellen Intoleranz bezichtigt. Jetzt haben die jungen Italiener gewonnen. Und in Berlin, wohin das schmutzige Geld strömt, um dort in Pizzerien und Restaurants gewaschen zu werden, entsteht ein anderes Italien. Ein jüngeres und gebildeteres Italien, ein Italien, das Ehrlichkeit und Anstand liebt und lebt.  Das vernetzt ist, seine Initiativen und seine großen und kleinen Feste unterstützt und Allianzen schmiedet. Wie es die “anderen” schon immer gemacht haben – unbehindert, bis heute.

 

Das schrieb Nando dalla Chiesa, Soziologe, Kriminologe und Sohn des von der Mafia et al. ermordeten Generals Carlo Alberto dalla Chiesa gestern in Il Fatto Quotidiano  in seinem Artikel “Verena, Michele und die Ragazzi des Antimafia-Berlin”. Nando dalla Chiesa hält bis zum 6. Februar an der Humboldt-Universität Gastvorlesungen zum Thema Mafia.

Buon Natale! Schöne Weihnachten!

Dienstag, 23. Dezember 2014

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Ja, wie fühlt es sich wohl an, als zum Tode Verurteilter das Weihnachtsfest zu verbringen, mit seiner Familie, den Kindern? Nein, das ist keine Fortsetzung von Palermo Connection, sondern bittere Wirklichkeit für Staatsanwalt Nino di Matteo, über den ich in diesem Blog schon öfter geschrieben habe, zuletzt hier und hier.

Der in Hochsicherheitshaft sitzende Mafiaboss Totò Riina rief vor einem Jahr zum Mord gegen Nino Di Matteo auf. Was macht Nino di Matteo für die Mafia so gefährlich? Er führt in Palermo den Prozess der Trattativa: ein Prozess, der klären soll, ob Politiker und hochrangige Staatsbeamten Anfang der 1990er Jahre mit der Mafia verhandelten – und die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino opferten, weil ihre Ermittlungen ein Hindernis für diese Verhandlungen waren.

Seitdem besteht Di Matteos Leibwache aus 42 Carabinieri: Neun Carabinieri, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt mit drei gepanzerten Limousinen unterwegs ist. Ein abtrünniger Mafioso enthüllte vor kurzem, dass die Vorbereitungen für das Attentat bereits ganz konkret sind: Er selbst habe 150 Kilo Sprengstoff für das Attentat an Nino di Matteo besorgt. Hinter dem Attentat stehe nicht nur Totò Riina, sondern auch der seit Jahrzehnten flüchtige Mafiaboss Matteo Messina Denaro – und seine römischen Freunde. Die gleichen, die hinter der Ermordung von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino standen. Der Sprengstoff sei von kalabrischen Ndranghetisti gekauft worden, auch darin eine Parallele zum Attentat an Giovanni Falcone.

Die Geständnisse dieses Abtrünnigen sind nicht die irgendeines kleinen Vorstadtkillers, sondern die eines Mafiosos, der zur sogenannten “Aristokratie” der Mafia gehört: Sein Vater sitzt in lebenslänglicher Haft, weil er an einer Reihe von sogenannten “exzellenten Morden” beteiligt war, an den Morden am General Dalla Chiesa, an dem Ermittler Ninni Cassarà – und sogar an dem misslungenen Attentat von Addaura gegen Giovanni Falcone, das von der Mafia in (bewährter) Kooperation mit  den Geheimdienste ausführt wurde.

Sinn der mafiosen Drohungen ist, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen und dafür zu sorgen, dass die Münder der Beteiligten an der Trattativa weiterhin verschlossen bleiben – was offenbar bestens funktioniert: Von den italienischen Politikern kam kein einziges Wort der Solidarität für Nino di Matteo, keine Anteilnahme, nichts. Der ansonsten so redselige und besinnungslos zwitschernde Ministerpräsident Matteo Renzi schweigt und hat nicht mal einen winzigen Tweet für den bedrohten Staatsanwalt übrig, Staatspräsident Napolitano, der ansonsten nahezu täglich eine Ermahnung in die Welt bläst, schweigt auch. Ebenso der Senatspräsident Piero Grasso, der, Ironie des Schicksals, bis vor kurzem Chef der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo war, also praktisch Di Matteos Vorgesetzter. Ebenso wenig kommt über die Lippen der ansonsten sich immer auf die Seite der Bedrängten werfenden Parlamentspräsidentin Laura Boldrini: Wenn es darum geht, die Fünfsterne-Bewegung zu geißeln, sprudelt sie über. Aber wenn es um ein Wort für einen zum Tode verurteilten Antimafia-Staatsanwalt geht, schweigt auch sie.

Der Schauspieler und Antimafia-Aktivist Giulio Cavalli hat vor kurzem ein kurzes Video gedreht, eine Ansprache an den sich immer so lässig und hemdsärmelig gebenden “Matteo” (Renzi): “Tun wir so, als sei die Bombe für Nino Matteo schon explodiert”, sagt er – und zählt all das auf, was gemeinhin nach einem “exzellenten Mord” geschieht und viele Italiener bereits oft miterlebt haben: Sondersendungen, öffentliche Entrüstung, Expertenbefragungen, Direktübertragungen auf Rai Uno, Schlagzeilen in der ganzen Welt, explodierender Volkszorn bei der Trauerfeier. Ja, wie konnte es passieren? Warum wurde Nino Di Matteo allein gelassen? Ja, warum?

Weil sich das seit Jahrzehnten herrschende mafios-politische Machtkartell in der gleichen prekären Lage befindet, wie Anfang der 1990er Jahre, als Falcone und Borsellino umgebracht wurden. Damals waren die politischen Parteien durch die geopolitischen Verwerfungen infolge des Mauerfalls und durch den Korruptionsskandal “Saubere Hände” den Orkus heruntergegangen, die Mafia war vorübergehend des Ansprechpartners verlustig gegangen. Also griff man zu härteren Bandagen, zu Staatsterrorismus in den Gewändern von Mafia-Attentaten, zu der seit den 1970er Jahren bewährten “Strategie der Spannung”. Die dafür sorgen sollte, die Italiener dazu zu bringen, nach einem starken Mann zu rufen, dem Mann der Vorhersehung: B.

Ähnliches ist jetzt zu beobachten: offene Terrordrohungen gegen die Staatsanwälte, die an dem Fundament zweiten italienischen Republik rütteln, den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia, Festnahmen von  rechtsextremen Terroristen, die angeblich Attentate geplant haben, die politische Situation ist unübersichtlich, B. gibt es noch immer, an der Seite von Renzi, weshalb in Italien jetzt einer regiert, der so aussieht. images

Überdies gibt es auch noch die Fünfsterne-Bewegung, die es zu neutralisieren gilt – um so mehr, als der Garant der Machtverhältnisse, Staatspräsident Napolitano, der alte, weise Mann vom Quirinalshügel (Copyright: SZ) im Januar in Ruhestand geht – kurz vor seinem 90. Geburtstag. Was aber nicht bedeutet, dass er die Zügel aus der Hand gleiten ließe. Gerade hat er es noch geschafft, einen ihm genehmen neuen Generalstaatsanwalt für die Antimafia-Staatsanwaltschaft Palermo zu berufen. Damit das endlich ein Ende hat, mit den unbequemen Staatsanwälten. Und wenn das immer noch nicht wirkt, dann zündet irgendein irrer Einzeltäter (remember: Oktoberfest 1984) eben eine Bombe.

Wie gut, dass es keine Mafia gibt, in Deutschland. Jedenfalls nicht aktiv. Nur so passiv. Auf Sommerfrische. Bis zum nächsten Einsatz. Sagt man so. Oder haben Sie schon mal einen deutschen Politiker gehört, der das Wort “Mafia” in den Mund genommen hätte?

Schöne Weihnachten.

Bild für Sie

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Gestern bekam ich eine Mail von meinem Verlag, mit der Nachricht: “Bild für Sie”. Bild? Was für ein Bild? Für mich? Der Anhang ließ sich nicht laden, weil ich gerade in einer engen Funkloch-Gasse steckte. Zwei Schritte weiter sehe ich: Die Bildzeitung! Empfiehlt! Palermo Connection! Zu Weihnachten! Und weil die Bildzeitung die einzige Zeitung ist, die in meiner Familie gelesen wird  (verschämt, wie mein SPD-Onkel oder kritisch wie meine Tante, die der Bild vorwirft, überall, wo man sie hinlegt, schwarze Flecken zu hinterlassen), rufe ich meine Mutter an, um ihr die Jubelnachricht zu überbringen. Nicht da. Ich rufe meine Tante an. Die verspricht, die Bild zu kaufen, ungeachtet der schwarzen Flecken.

Abends rufe ich meine Mutter noch mal an. Und?, sage ich, habt Ihr die Bildzeitung gesehen? Nein, sagt meine Mutter, ich habe nichts gesehen, und die Irma hat nichts gefunden.

Wie, nichts gefunden, ich habe es doch gesehen, sage ich. Auf der Riesen-Seite mit Geschenkempfehlungen. Das ist so eine Seite, auf der eine nackte Frau zu sehen ist, ziemlich groß.

Ach so, deshalb, sagt meine Mutter. Auf die Seite hat die Irma bestimmt nicht geguckt.

BILD

Zwischenwelt

Mittwoch, 03. Dezember 2014

Gestern wurden in Rom 37 Personen verhaftet, die mit der Mafia zusammengearbeitet haben sollen, darunter der ehemalige römische Bürgermeister Gianni Alemanno, rechte und linke Politiker und Unternehmer, die sich öffentliche Gelder und Aufträge mit Mafiosi jeder Couleur und Rechtsextremisten aufgeteilt haben. Die Ermittlung trägt den schönen Namen “Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat sagte:

“Das ist die ‘Theorie der Zwischenwelt ‘… Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten … und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.”

Eine bessere Definition gibt es nicht, für Italiens Gegenwart.

Der Schein. Und die Heiligkeit.

Dienstag, 25. November 2014

Nur um mal wieder zu erzählen, wie geschickt die Mafia darin ist, die Menschen und ihre Gefühle für sich einzunehmen, eine kleine Episode aus Palermo. Dort hat der Erzbischof von Palermo, Kardinal Paolo Romeo, den Sohn des (inhaftierten) Bosses Giuseppe Graviano von der Firmung in der Kathedrale von Palermo ausgeschlossen. Mit Verweis darauf, dass es vielleicht keine so gute Idee wäre, den Sohn des Auftraggebers des Mordes am Priester Don Pino Puglisi ausgerechnet in der Kathedrale zu firmen, in der auch der von der Mafia ermordete Padre Puglisi begraben liegt. So weit, so ehrenhaft.

(In den Ohren vieler Italiener klingt auch heute noch der Ausspruch von Palermos Kardinal Ernesto Ruffini: “Die Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?”. Man kann also nicht behaupten, dass sich die Kirche in Palermo der Mafia wesentlich in den Weg geworfen hätte. Zumal erst vor kurzem die Nichte des untergetauchten Bosses Matteo Messina Denaro in der Palastkapelle des Palazzo Reale in Palermo getraut wurde.)

Jetzt könnte man meinen, dass man – besonders auch nach der päpstlichen Androhung der Exkommunikation von Mafiosi – in Palermo sehr zufrieden mit der Entscheidung von Kardinal Romeo ist. Stattdessen aber: große Empörung. Die Schulkameraden von Graviano jr. nehmen den Sohn des Mafiabosses in Schutz (“guter Junge”) und Luciana Ciminiano, Tochter des Mafiosos und Ex-Bürgermeisters von Palermo, fühlte sich gar gedrängt, einen offenen Brief zu schreiben, in dem sie ihrer Empörung über die Entscheidung des Kardinals Luft machte. “Nicht alle Namen sind gleich”, schrieb sie, “wie auch nicht alle Väter und Söhne gleich sind. Ich spreche im Namen all derjenigen, die sich entschieden haben, nicht zu flüchten, sondern ein normales Leben in dieser Stadt zu führen”.

Nun muss man sagen, dass diese Entscheidung die Söhne und Töchter von untergetauchten oder inhaftierten Bossen kein großes Opfer abverlangt, leben sie doch – anderes als viele junge Sizilianer – in großem Wohlstand, den sie sich mit dem Blut ihrer Opfer erarbeitet haben.

Wie Salvatore Borsellino, Bruder des ermordeten Staatsanwalts auf diesen offenen Brief erwiderte, wäre die Lage anders, wenn sich die Söhne und Töchter der Mafiosi öffentlich von ihren Vätern und ihren Taten distanziert hätten. So wie es der Bruder von Luciana Ciminiano tat, Massimo Ciancimino, der, anders als seine Schwester, mit der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo zusammenarbeitet und einen hohen Preis dafür bezahlt: Früher wurde er von Palermos guter Gesellschaft hofiert, heute meidet man ihn.