Kategorie: Mafia

19. Juli 1992

Montag, 20. Juli 2015

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Hier auf dem Bild (ja, liebe Fotofreaks, Ihr müsst jetzt stark sein: nichts als iPhone-Knipserei): Mitglieder der Antimafia-Bewegung Agende rosse, die vor dem Justizpalast von Palermo hinter der Absperrung stehen und „Die Mafia raus aus dem Staat“ brüllen, während Minister und andere hohe Staatsbeamte wieder in ihre gepanzerten Limousinen steigen – nach dem Festakt, mit dem man der Ermordung des Staatsanwalts Paolo Borsellino und seiner fünf Leibwächter gedachte.

Gestern, am 19. Juli jährte sich in Palermo zum 23. Mal ein Attentat, dessen Logistik zwar bekannt ist, die Hintergründe aber trotz jahrzehntelanger und vor kurzem wieder aufgerollter Prozesse bis heute nicht aufgeklärt sind. Auftraggeber und Handlanger laufen bis heute frei herum, insofern sie nicht gnädigerweise bereits verstorben sind – wie etwa der Polizeichef und Geheimdienstagent Arnaldo La Barbera, der im höheren Auftrag dafür sorgte, dass falsche Mafiaaussteiger konstruiert wurden, die sich der Mittäterschaft am Attentat bezichtigten.

Wer von staatlicher Seite für diese enorme Irreführung  verantwortlich ist, wissen die Italiener bis heute nicht. Ein paar Hintergründe dazu auch hier und hier. Bekannt ist nur, dass die beiden Attentate, gegen Borsellino und gegen seinen Freund Giovanni Falcone, der 57 Tage zuvor ermordet wurde – nicht irgendwelche Mafia-Attentate waren, sondern DIE Mafia-Verbrechen, die Italiens politische Geschicke bis heute bestimmen. Und deshalb kann der Mut und die Bestimmtheit, mit der Salvatore Borsellino, der Bruder des ermordeten Staatsanwalts, weiter für Gerechtigkeit kämpft, gar nicht genug gewürdigt werden.

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Dies um so mehr, als sich in diesen Tagen in Palermo wieder mal zeigte, dass sich nichts geändert hat: Lucia Borsellino, Tochter von Paolo Borsellino und bis vor kurzem in der sizilianischen Regionalregierung zuständig für das Gesundheitswesen,  solle „um die Ecke gebracht werden wie ihr Vater“ – habe Matteo Tutino, der inzwischen wegen Betrugs inhaftierte plastische Chirurg und Leibarzt des Regionalpräsidenten Renato Crocetta in einem abgehörten Telefonats mit Crocetta (PD)  laut Espresso gesagt – und Crocetta, seinerseits enger Freund von Tutino, habe nicht etwa protestiert, sondern geschwiegen.

Danach kam es zu großem Hin und Her, die Staatsanwaltschaft Palermo bestritt die Existenz diesesr Telefonmitschnitts, der Espresso bestätigte sie, Crocetta weinte (erst), trat dann ein bisschen zurück, verabschiedete sich aber schnell wieder von diesem kühnen Gedanken und widersprach der Staatsanwaltschaft, indem er sich an die Existenz des Telefonats zu erinnern glaubte, nicht aber, daran teilgenommen zu haben.

Beim Festakt für seinen ermordeten Vater hielt Manfredi Borsellino eine bewegende Rede, in deren Verlauf er immer wieder in Tränen ausbrach – und am Ende vom Staatspräsidenten Sergio Mattarella umarmt wurde.

Ja, an Inspiration fehlt es hier nicht, in Palermo.

Lido. Heute.

Montag, 13. Juli 2015

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In diesem Jahr habe ich die Badekabinensaison auf dem Lido mit etwas Verspätung eröffnet, weil mich DAS BUCH und DER KLIMAWANDEL abgehalten haben. Die Besetzung meiner Badekabine hat sich leicht verändert, wobei der harte Kern aber glücklicherweise erhalten blieb. Und deshalb umwehte mich auch dieses Mal ein Hauch von Ewigkeit, als ich zum ersten Mal den Fuß auf die von der Sonne erhitzten Holzstufen setzte und auf das Meer blickte: Wie immer wird in der Bar schon morgens ordentlich Spritz getrunken, wie immer erwarten mich die Quallen der Adria ungeduldig, wie immer sind die Duschen abends überfüllt, wie immer wird Boccia gespielt.

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Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Strand des Des Bains jetzt von Antonio De Martino gepachtet wurde, wie auch der Strand des Excelsiors, dem kalabrischen Immobilienmakler und Sohn des am Lido ansässigen kalabrischen Unternehmers Saverio De Martino: gegen beide wird wegen Mafia ermittelt. Jetzt könnte man sagen: Ach, die Reski! Die findet die Mafia auch im Cappuccino! (Übrigens nicht ganz falsch: Es gibt etliche Kaffeeröstereien, die von Mafiosi aufgekauft wurden), und außerdem hatte ich die bizarre Rolle der Immobilenfondsgesellschaft Est Capital schon in diesem Artikel angesprochen – denn in Venedig sprechen sich die Dinge sehr, sehr schnell herum.

Aber vor allem erinnert mich die Geschichte mit der Mafia in Venedig an Deutschland: Jetzt, wo man ihre Existenz nicht mehr leugnen kann, grassiert die gleiche Heuchelei, die gleiche Verdrängung, die gleiche Ignoranz. Ende der Achtzigerjahre betrachtete sich Venedig noch als glückliches Eiland, verschont vom Unbill, der den Süden befallen hatte. In Venedig könne man kein Schutzgeld erpressen, hieß es, weil die Stadt für Mafiosi ein logistisches Problem darstelle: mit dem Boot zu fliehen, sei nicht so einfach wie mit dem Auto oder dem Motorrad.

Klar, das traf auf diese fernen Zeiten zu, als die Mafia noch ihre Zeit mit solchen Dingen verlor, also hier und da Geschäfte anzündete, die kein Schutzgeld bezahlten, renitente Unternehmer und Antimafia-Staatsanwälte  ermordete. Aber heute, wo europäische Fördergelder sprudeln, die mehr Gewinn und weniger Risiko als der Drogenhandel verheißen, und die Mafia von ihren Ursprüngen her die wohl längste Erfahrung darin hat, öffentliche Gelder in ihre Taschen zu leiten – ist Venedig für die Mafia zu einem idealen Ort geworden, leider. Auch, weil es hier keine venezianischen Unternehmer mehr gibt, die genügend Geld haben, um bei Ausschreibungen mit den Summen konkurrieren zu können, die die Ndrangheta zur Verfügung hat. Interessant auch die Rolle des ehemaligen venezianischen Bürgermeisters Ugo Bergamo, gegen den in diesem Zusammenhang wegen Korruption ermittelt wird, und der kurioserweise als juristischer Berater des kalabrischen Regionalrats tätig war.

Und das ist alles sehr, sehr traurig.

Ein Land betoniert sich zu

Sonntag, 12. Juli 2015

Jetzt mal wieder etwas in eigener Sache: Italien+Kulturgüter, erschienen letzte Woche in der ZEIT.

Verbrecher auf Sommerfrische

Mittwoch, 08. Juli 2015

Gestern wurde die Verhaftung von acht ‘Ndranghesti am Bodensee bekannt gegeben, was die deutschen Medien wieder mal in großes Erstaunen versetzte: Ist es denn möglich? Die Mafia? Bei uns?

Besonders hat mir ein Satz gefallen, der in der FAZ zitiert wurde: „Das sind häufig Personen, die hier unauffällig leben, die aber in Italien Straftaten begehen“, sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes in Stuttgart. Will sagen: No sweat, Leute, bei uns benehmen sich die Mafiosi anständig! Ganz abgesehen von dem Detail, dass diese Ermittlung, die den schönen Namen „Rheinbrücke“ trägt, schon eine etwas längere Vorgeschichte hat – die ersten Verhaftungen gehen zurück auf das Jahr 2010 und 2011, die Operation Crimine, dazu auch hier und hier, ist die Überraschung wieder mal groß. Ungefähr so wie bei Kindern, die jedes Mal aufs Neue schreien, wenn der Kasper aus der Kiste springt, obwohl sie das Stück schon zehn Mal gesehen haben.

Und obwohl der von mir geschätzte Staatsanwalt Nicola Gratteri selbst in der FAZ kein Blatt vor den Mund nimmt und ziemlich klar zu verstehen gibt, dass die Existenz der Mafia in Deutschland verdrängt und verleugnet wird. wird jetzt heftig gerudert. Gebetsmühlenartig wird die Formel vom „Rückzugsraum“ wiederholt, und wenn das nichts nützt, dann heißt es etwas naiv: „Die Verdächtigen sollen das Modell der kalabrischen Mafia ‚Ndrangheta kopiert haben“.

Deshalb dachte ich, dass es ganz nützlich wäre, meinen TAZ-Artikel online zu stellen, den ich im April geschrieben habe.

Verbrecher auf Sommerfrische

VERDRÄNGUNG

Unsere Autorin recherchiert seit Jahren über die Mafia und was sie in Deutschland treibt. Ihre Diagnose: Wir sehen das zu locker

VON PETRA RESKI

Die Geschichte der Mafia in Deutschland ist eigentlich ein Fall für den Psychotherapeuten. Ein ziemlich spannender Fall von Verdrängung.

Im Grunde müsste man sie alle auf die Couch legen: die großen Bauunternehmer, die wissen, dass dieser Subunternehmer den Bauauftrag zu diesen Dumpingpreisen unmöglich mit legalen Mitteln ausführen kann. Die Bankdirektoren, die ihre Geldwäschebeauftragten anweisen, angesichts der prekären Wirtschaftslage in diesem strukturschwachen Gebiet bei diesem Investor bitte mal ein Auge zuzudrücken. Die Unternehmer, die mit einem stadtbekannten Boss der ’Ndrangheta Exkursionen nach Kalabrien machen, um mit ihm Geschäftliches zu besprechen. Die Politiker, die das Catering für ihre Wahlparty von dem befreundeten aktenkundigen italienischen Gastronomen sponsern lassen und ihm dafür günstige Darlehen des Bundes verschaffen. Die Bürgermeister, die angesichts der Investition von Mafiageldern in ihrer Innenstadt ihre Augen verschließen. Die Rechtsanwälte, Finanzberater und Bankiers, die dabei behilflich sind, das schmutzige Geld in den legalen Geldkreislauf einzuschleusen. Die Linken und die Liberalen, die von der Existenz der Mafia auch nichts wissen wollen, weil sie dann ihre heilige Kuh vom Überwachungsstaat schlachten müssten. Kurz: Deutschland ignoriert die Mafia bewusst, weil Deutschland von der Mafia profitiert.

Bis heute habe ich noch keinen einzigen Politiker in Deutschland gehört, der das Thema „Mafia“ in den Mund genommen hätte, ohne sogleich das Wort „Rückzugsraum“ dranzukleben: Ja, es mag sein, dass es hier so etwas wie Mafia gibt – die ist aber nicht aktiv, eher so auf Sommerfrische: Keep cool, it’s only the mob. Godfathers on holiday. Don’t worry.

Acht Jahre nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen, und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-win-Situation. Es sind die Mafiosi selbst, die die Deutschen in der Überzeugung bestärken, dass die Mafia nur ein italienisches Problem sei. Genauer gesagt: ein süditalienisches Problem. Die Mafia existiere nur in rückständigen, süditalienischen Dörfern. Die wirkliche Mafia jedenfalls. Also die Mafia, die metzelt und Autos in die Luft jagt und Schutzgeld erpresst und Politiker besticht. Alles andere sei vielleicht so etwas wie organisierte Kriminalität – aber keine Mafia. Entspannt euch, liebe Deutsche! Eure Gesetze sind zu streng, und ihr seid zu gesetzestreu, als dass die Mafia bei euch wirklich Fuß fassen könnte!

Und wenn sich die Wirklichkeit in den Weg wirft, greift man in die Kiste mit der Schmutzwäsche: Denn was waren denn die Mafiamorde von Duisburg, denen sechs Menschen zum Opfer fielen? Letztlich doch nur Italiener, die andere Italiener erschossen haben, oder? „Die unmittelbare Drohung und die Ausübung von Gewalt richten sich nach polizeilichen Bewertungen vorwiegend gegen italienische Landsleute“, verkündete die Düsseldorfer Landesregierung nach den Morden auf eine Große Anfrage zur Bedrohung Nordrhein-Westfalens durch die Mafia. So beschwichtigte sie die aufgeschreckten Bürger und schmetterte Kritik der SPD-Opposition ab, die die Große Anfrage gestellt hatte. Wer noch Zweifel hatte, dem wurde mitgeteilt: „Die Landesregierung hat keine Anhaltspunkte dafür, dass der Standort Deutschland eine besondere Attraktivität für eine zukünftige nationale Ausbreitung der italienischen OK aufweist.“ Kaum war die SPD wieder an der Regierung, wurde im Düsseldorfer Parlament nicht mehr von der Mafia gesprochen. Sonst hätte man ja gegen sie vorgehen müssen.

Die Antwort der Düsseldorfer Landesregierung erinnert an jenes ferne Italien, in dem die Mafia noch geleugnet werden konnte. In den sechziger Jahren wurde in Palermo das Bonmot des Kardinals Ernesto Ruffini berühmt, der sagte: „Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?“, und sie Papst Paul VI. gegenüber als quantité négligeable herunterspielte. Eine Bande von Kleinkriminellen, von den Kommunisten erfunden, um Sizilien, die damalige Regierungspartei Democrazia Cristiana und die ihr verbundene Kirche zu diskreditieren. Und als der Boss Gerlando Alberti in den siebziger Jahren in Mailand verhört wurde, fragte er: „Mafia? Was soll das sein? Eine Käsesorte?“ Der Boss wusste, dass die Norditaliener damals noch glaubten, gegen die Mafia gefeit zu sein. Sie galt ausschließlich als Geißel Süditaliens – so wie sich das bis heute viele wünschen, in Italien und in Deutschland.

Als ein tapferer Reporter der Augsburger Allgemeinen im Frühjahr 2014 in Kempten, einer langjährigen Hochburg der Mafia im Allgäu, die Geschichte von den 1,6 Kilo Kokain im Spind des Drogenfahnders ans Licht brachte, gaben sich alle erstaunt: Wie? Mafia in Kempten? Der Innenminister drohte „sorgfältigste Ermittlungen“ an, man bangte um die Gefühle der in Kempten lebenden Italiener und versuchte sich damit zu trösten, dass der Drogenfahnder die 1,6 Kilo Kokain nur zu Schulungszwecken in seinem Spind aufbewahrt habe, die Mafia in Kempten eigentlich Geschichte sei. Das Ganze sei also nichts als ein bedauerlicher Einzelfall, auch weil in Kempten ohnehin andere kriminelle Banden der Mafia Konkurrenz machten. Inzwischen ist der Drogenfahnder zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden – wegen Drogenbesitzes, gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung seiner Ehefrau. Die Herkunft des Kokains: bleibt weiterhin ungeklärt.

Im September 2014 dokumentierte ein Polizeivideo ein Geschäftstreffen kalabrischer Mafiabosse in einem Schweizer Landgasthof: Man sieht übergewichtige Herren, die mehr oder weniger lustlos die Begrüßungsformeln herunternudeln und den Generationswechsel anstreben – und dabei an die zur Bequemlichkeit neigende Jugend appellieren: „Wir haben uns unsere Namen gemacht, jetzt seid ihr an der Reihe! Wer arbeiten will, kann arbeiten! Es gibt Arbeit für alle: Erpressungen, Kokain, Heroin! Zehn Kilo, zwanzig Kilo, ich bring sie euch persönlich vorbei.“ Das Treffen der in Deutschland und der Schweiz ansässigen Bosse wurde Gegenstand einer Ermittlung, die eine Fortsetzung von zwei großen Ermittlungsaktionen war: „Crimine“ und „Crimine 2“, in deren Verlauf in den Jahren 2010 und 2011 mehr als 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden. ’Ndrangheta-Zellen wurden in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz entdeckt. Im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz, in Singen, Rielasingen und Radolfzell, in Ravensburg und Frankfurt, aber auch in Frauenfeld und Zürich wickelten seit Jahrzehnten ansässige, voll funktionstüchtige Clans ihre Geschäfte ab: Waffen- und Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution, Giftmüll. Die kalabrische ’Ndrangheta dominiert den Kokainhandel weltweit.

Interessant für die italienischen Ermittler der „Crimine“-Operation war die Rivalität zwischen den Clans in Frauenfeld und Zürich und jenen in Deutschland: Die größte Sorge des Bosses Bruno Nesci im deutschen Singen – eines bis dahin unverdächtigen Bäckers – war nicht etwa die deutsche Polizei, auch nicht die italienische, sondern „Ntoni lo svizzero“, der Anführer der konkurrierenden Clans in der Schweiz: Denn die „Schweizer“ seien kurz davor, ein weiteres „locale“ in Frankfurt zu gründen, was Nescis Macht verwässert hätte. Deshalb kam es zwischen den Bossen in Deutschland und der Schweiz zu frenetischen Telefonaten, hektischen Reisen zum Mutterhaus im kalabrischen Rosarno und regelmäßigen Lagebesprechungen in Bars und Pizzerien. Bei einem Treffen in einem Landgasthof in Wängi unweit von Frauenfeld ging es um die dringende Frage, ob diese Zelle tatsächlich berechtigt sei, zwei Clanmitgliedern einen höheren Rang zu erteilen.

An der Geduld, mit der sich die Bosse ihren verzwickten Hierarchiefragen widmeten, lasen die italienischen Ermittler nicht nur ab, wie sicher sich die ’Ndrangheta-Clans in der Schweiz und in Deutschland fühlten, sondern auch, dass es hier um eine langfristige Investition in die Zukunft gehen sollte: das Territorium abzustecken. Und dabei soll es ruhig zugehen. Morde, wie zuletzt im hessischen Nierstein, sind extrem kontraproduktiv: „Restaurant-Besitzer mit 14 Schüssen hingerichtet: Nachbarn vermuten die Mafia hinter der Tat“, schrieb die Bild am Sonntag . „36-jähriger Tatverdächtiger festgenommen“, schrieb das Wormser Wochenblatt . Fundort der Leiche: die Pizzeria La Casa in Nierstein. Tatzeit: die Nacht zum dritten Advent. Die Soko Casa kam zum Einsatz, Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium verkündeten umfangreiche Ermittlungen: Ja, sowohl das Umfeld des 36 Jahre alten italienischen Tatverdächtigen, der in Deutschland aufgewachsen sei, als auch das des 51-jährigen Getöteten werde abgeklärt. Nein, der Tatverdächtige habe sich nicht zur Sache eingelassen. Ja, der Sachverhalt sei von allgemeinem Interesse. Nein, Einzelfragen würden nicht beantwortet. Mord, Pizzeria, Italiener: „Das war kein Überfall, das war eine Hinrichtung. Wie bei der Mafia“, sagen die Anwohner zur Bild am Sonntag, die sich schaudernd an die Mafiamorde von Duisburg erinnerte. Ende März wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Mainz nun gegen den 36- Jährigen ermittelt, es gebe allerdings „wenige Erkenntnisse zu den Hintergründen der Tat“, schrieb die Mainzer Allgemeine Zeitung .

Ruhe ist oberste Bürgerpflicht. Nicht nur aus Sicht der Politik, sondern auch aus Sicht der Mafia – die nie ein Fremdkörper ist, sondern sich bis zur Unkenntlichkeit der Gesellschaft anpasst, in der sie lebt. Die Bosse wissen, dass man zwar in Kalabrien, Sizilien oder Neapel die Bürger mit Gewalt einschüchtern kann, in Deutschland die gleiche Taktik jedoch extrem kontraproduktiv wäre. Also versuchen sie vor allem zwei Vorurteile am Leben zu halten, mit denen sie vielen Deutschen entgegenkommen: dass die Mafia lediglich eine Art lichtscheues Gesindel sei, also eine Verbrechensorganisation, die irgendwo im gesellschaftlichen Unterholz ihr Unwesen treibt, anders als die Guten, Anständigen, Rechtschaffenen. Und dass sich die Mafia darauf beschränke, ihre kriminellen Geschäfte in ihrem Ursprungsland zu betreiben und Deutschland nicht als „Aktionsraum“, sondern immer nur als „Ruheraum“ zu nutzen, vor dem nächsten Einsatz als Killer in San Luca oder Corleone, weil wir Demokraten über genügend Antikörper verfügen, um die Ausbreitung der Mafia aufzuhalten.

Übrigens versucht man selbst in Italien die Mafia noch zu verdrängen, zumindest außerhalb ihrer Ursprungsregionen. Was auch nicht immer klappt. 2014 wurden allein drei gigantische Mafia- und Korruptionsskandale bekannt: In Mailand wird die Expo von der ’Ndrangheta aufgefressen, in Venedig wurde die Bestechungsaffäre um die Hochwasserschleuse „Mose“ enthüllt, in die hundert Politiker und hohe Beamte verwickelt sind, und in Rom zeigte der jüngste Mafiaskandal, dass in der Hauptstadt so gut wie jeder öffentliche Auftrag von den Bossen kontrolliert wurde: rechte und linke Politiker Seite an Seite am Tisch mit den Bossen. Die Mafia verdient in Rom an der Müllabfuhr, an der Instandhaltung von Parks, an der Verwaltung und dem Management von Kindergärten, an Notunterkünften für Flüchtlinge, an Roma-Camps.

Die römische Mafia-Ermittlung trägt den schönen Namen „Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat die wohl passendste Definition der Mafia der Moderne lieferte: „Das ist die Theorie der Zwischenwelt. Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten, und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“

Es vermischt sich nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland, wo die Mafia seit den sechziger Jahren heimisch ist. Die sizilianische Cosa Nostra, die kalabrische ’Ndrangheta und die kampanische Camorra. Konkurrenz zwischen den einzelnen italienischen Mafiaorganisationen gibt es nicht. Der deutsche Kuchen reicht für alle. Dass sich daran nichts ändert, dafür sorgt die deutsche Gesetzeslage, die, wie zahlreiche italienische Antimafia-Staatsanwälte immer wieder betonen, ein Einladungsschreiben an die Mafia ist.

Mafiazugehörigkeit ist kein Strafdelikt: Anders als in Italien, wo die alleinige Zugehörigkeit bereits bestraft wird, muss in Deutschland die konkrete Vorbereitung einer Straftat nachgewiesen werden. Will sagen: Okay, du bist vielleicht ein Mafioso, aber solange du hier legal lebst, mit deinem Geld, das du mit Mord, Prostitution, Giftmüll, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel verdient hast, ist das kein Problem für uns. Vor allem nicht, wenn du dein Geld in die deutsche Wirtschaft einfließen lässt; etwa, indem du einen Bahnhof baust oder ein Stadtviertel hochziehst oder eine marode ostdeutsche Innenstadt renovierst, kein Problem, wir fragen nicht nach, woher das Geld kommt, dafür haben wir die Beweislastumkehr: Der Polizist muss nachweisen, dass dein Geld aus schmutzigen Quellen stammt; aber mach dir keine Sorgen, der Polizist kann nicht einfach auf Verdacht ermitteln, anlassunabhängige Finanzermittlungen sind in Deutschland nicht erlaubt.

Abhören ist praktisch unmöglich und Beschlagnahmung von Mafiagütern nur theoretisch möglich, praktisch aber nicht, denn anders als in Italien, wo bereits Güter beschlagnahmt werden können, wenn nur der Verdacht auf Mafiazugehörigkeit besteht, kann das in Deutschland erst dann geschehen, wenn ein definitives, letztinstanzliches Urteil wegen Mafiazugehörigkeit vorliegt. Was bei Mafiosi, die seit vierzig Jahren in Deutschland leben und gegen die in Italien nicht ermittelt wird, nicht der Fall ist.

Aber nicht nur italienische Strafverfolger wundern sich, auch deutsche: „Für die Verbrecherkartelle ist Deutschland das gelobte Land, weil unsere Justiz die Aktivität der Mafia völlig unterschätzt“, schrieb Egbert Bülles, der langjährige Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität des Kölner Justizzentrums, in seinem Buch „Deutschland Verbrecherland?“. „Das liegt unter anderem an den deutschen Strafverfolgern, speziell an den Landeskriminalämtern, die beharrlich islamistische Terroristen verfolgen, kriminelle Organisationen wie die Mafia aber weniger auf dem Schirm haben. Dabei wäre es gut, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.“ Seit dem 11. September 2001 wurden viele Beamte aus den Abteilungen für Organisierte Kriminalität abgezogen, um sich um das zu kümmern, was die Staatsanwälte hinter vorgehaltener Hand „Bärtige belauern“ nennen.

Der Mafia ist das nur recht. Zumal sie die meisten Journalisten auch nicht fürchten muss. Und die renitenten kann sie sich mit dem Presserecht vom Leib halten. Mit der vermeintlichen Verletzung des Persönlichkeitsrechts lassen sich nicht nur Berichte über mutmaßliche Stasi-Kontakte eines Politikers stoppen, sondern auch über Mafiosi und ihre Verbindungen in Politik und Wirtschaft. Wer gegen einen Artikel oder ein Buch klagen will, kann sich das Gericht und sogar den Richter aussuchen – und wendet sich dabei an Gerichte, die für ihre Pressefeindlichkeit bekannt sind. Ende der Berichterstattung. Als mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ erschien, verklagten mich mehrere italienische Gastronomen – und weder diverse BKA-Berichte, Aussagen hochrangiger Antimafia-Ermittler noch kiloweise Ermittlungsunterlagen italienischer und deutscher Staatsanwaltschaften reichten aus, um die Gerichte zu überzeugen, dass die eigentliche Aufgabe eines Journalisten in der Verdachtsberichterstattung besteht – und nicht darin, lediglich erfolgte Urteile zu referieren. Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.

Aber oft müssen sich die Mafiosi in Deutschland nicht mal die Mühe einer Klage machen: Viele Journalisten sind der Faszination für das Verbrechen erlegen und halten es für einen Scoop, wenn sie einen Boss interviewen und dabei nicht merken, dass sie als Lautsprecher für die Mafia benutzt werden.

Das, was der römische Mafioso als „Zwischenwelt“ bezeichnete, haben Palermos Antimafia- Staatsanwälte schon vor vielen Jahren in einer Ermittlung beschrieben, die den Namen „Kriminelle Systeme“ trug – und bezeichnenderweise im Jahr 2001 archiviert wurde. Die Staatsanwälte stellten die Bildung von Kartellen fest, die aus einem Netzwerk aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi bestehen – die über sogenannte Scharnier-Personen kommunizieren: Die Politiker verwalten die öffentlichen Gelder und die Verwaltungsgenehmigungen. Die Unternehmer kontrollieren den Zugang zum Markt, die Mafiosi waschen illegales Kapital und stellen ihr Gewaltpotenzial zur Verfügung, um die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die man mit normalen Mitteln nicht beseitigen kann.

Diese kriminellen Systeme haben sich in den vergangenen Jahren bestens entwickelt: Die Mafia ist zu einem internationalen Anbieter von illegalen Gütern und illegalen Dienstleistungen geworden, für die seit der Globalisierung der Wirtschaft eine unendlich große Nachfrage besteht – von Millionen anständiger Bürger, denen die Mafia nicht nur Güter wie Prostituierte, Kokain, Kinderpornomaterial, Waffen und billige Arbeitskräfte liefert, sondern auch Dienstleistungen: Sie bietet Investitionskapital an, falsche Rechnungen, mit denen Steuern gespart werden können, illegale Giftmüllbeseitigung und Unterstützung bei der Vermittlung öffentlicher Aufträge, beim Erreichen von Verwaltungsgenehmigungen.

Und damit sind wir beim Kern angelangt, dem Verhältnis zwischen Politik und Mafia. Ohne Ansprechpartner in der Politik ist die Mafia ein Fisch auf dem Trockenen. Oder wie es der abtrünnige Boss Antonio Giuffrè sagte: „Mafia und Politik verhalten sich zueinander wie Fisch und Wasser. Es gibt kein Wasser ohne Fische. Und keinen Fisch ohne Wasser.“ Das klingt einleuchtend, ist aber das größte Tabu, bis heute. Der 1992 ermordete Staatsanwalt Paolo Borsellino sagte: „Politik und Mafia sind zwei Mächte, die auf demselben Territorium leben. Entweder sie bekriegen sich. Oder sie einigen sich.“ Meistens einigen sie sich. Und wer auf die unglückselige Idee verfällt, an der Nahtstelle zwischen Mafia und Politik zu kratzen, hat ein Problem: Journalisten werden verklagt, verleumdet und bedroht. Das Gleiche gilt für Staatsanwälte. Sie werden gefeiert, solange sie Mafiosi verhaften. Wenn sie sich aber an einem Politiker vergreifen, der mit der Mafia zusammenarbeitet, ist ihre Karriere zu Ende – im günstigsten Fall.

In Palermo läuft zurzeit der Prozess der sogenannten Trattativa: ein Prozess, der klären soll, ob Politiker und hochrangige Staatsbeamte Anfang der neunziger Jahre mit der Mafia verhandelten – und die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino möglicherweise opferten, weil deren Ermittlungen diese Verhandlungen störten. Seit Prozessbeginn werden die prozessführenden Staatsanwälte massiv bedroht. Der Boss Totò Riina rief sogar aus dem Gefängnis zum Mord am Chefermittler Nino Di Matteo auf. Seitdem besteht Di Matteos Leibwache aus 42 Carabinieri: Neun, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt mit drei gepanzerten Limousinen unterwegs ist. Ein abtrünniger Mafioso enthüllte vor kurzem, dass die Vorbereitungen für das Attentat bereits ganz konkret sind: Er selbst habe 150 Kilo Sprengstoff für das Attentat an Nino Di Matteo besorgt.

Sinn der mafiosen Drohungen ist, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen und dafür zu sorgen, dass die Beteiligten an der Trattativa weiterhin schweigen – was bestens funktioniert. Von den italienischen Politikern kam kein Wort der Solidarität für Nino Di Matteo, keine Anteilnahme, nichts. Der redselige Ministerpräsident Matteo Renzi hat einen winzigen Tweet für den bedrohten Staatsanwalt übrig, und der ehemalige Staatspräsident Napolitano erwirkte, dass Tonbänder gelöscht wurden, die ein Gespräch zwischen ihm und einem wegen Zusammenarbeit mit der Mafia unter Anklage stehenden ehemaligen Innenminister dokumentierten, in dem es vermutlich um die Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia ging.

Jetzt könnte man sagen: Gott sei Dank sind wir in Deutschland noch nicht so tief gesunken. Schließlich gab es hier noch keinen Prozess gegen einen Politiker, dem vorgeworfen wurde, mit der Mafia zusammenzuarbeiten! Sicher, die Mafia hat in Italien einen enormen Entwicklungsvorsprung, dort existiert sie seit 160 Jahren, in Deutschland erst seit vierzig Jahren. Und, ja, vielleicht sind die deutschen Politiker tatsächlich so sauber und edelmütig, wie wir sie uns wünschen. Vielleicht mag aber auch eine Rolle spielen, dass die deutschen Staatsanwälte im Unterschied zu den italienischen weisungsgebunden sind: Justizminister und Regierungsmitglieder, kurz: die Politik, kann Einfluss auf die Strafverfolgung nehmen. Eines betrifft jedoch Deutschland genau wie Italien: Ein Gerichtsurteil kann die moralische Verantwortung des Einzelnen nicht ersetzen. Ein Politiker, der Kontakte zu Bossen pflegt, ist nicht deshalb anständig, nur weil gegen ihn noch kein Urteil vorliegt.

Die Mafia existiert also nur so lange, wie die Guten, Anständigen, Rechtschaffenen mit ihr zusammenarbeiten. Nicht die Geheimniskrämerei, nicht die Verschwiegenheit, nicht die Gewalt garantieren der Mafia ihr Überleben, sondern Verdrängung, Heuchelei und: Unwissenheit. Deshalb ist auch die Mafiafolklore bis heute so beliebt. Solange die Märchen von den Ehrenmännern erzählt werden, die keine Kinder und keine Frauen ermorden, tut das niemandem weh. Die frommen Phrasen vom Erzengel Michael und vom angekokelten Heiligenbild sind schon lange kein Geheimnis mehr, und die Mafiosi sind dankbar, wenn Journalisten es übernehmen, die aus Rosenkranz-Beten, buddhistischem Mantra und dem Gelassenheitsgebet anonymer Alkoholiker zusammengerührten Aufnahmerituale zu verklären.

Aber das eigentlich Spannende bei der Beschreibung der Mafia sind die Lügen der Guten, Anständigen und Rechtschaffenen. Ihre moralische Fallhöhe. Diesen Lügen kommt man mit den Mitteln der Literatur besser bei als mit denen der investigativen Reporter. Deshalb schreibe ich jetzt Romane.

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Petra Reski ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt seit 1991 in Venedig und recherchiert über die Mafia. 2014 erschien ihr erster Roman – über eine Anti-Mafia-Staatsanwältin: „Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt“.

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 Acht Jahre nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies

Politiker verwalten das Geld, Unternehmer kontrollieren den Markt, die Mafiosi waschen illegales Kapital

 Die Mafia in Deutschland

Februar 2014: Ermittler suchen bei einer Großrazzia in Deutschland und Italien mit Hundestaffeln und Hubschraubern nach 27 Mitgliedern eines Clans aus dem sizilianischen Catania, denen neben Erpressung und Rauschgifthandel vorgeworfen wird, 1,5 Millionen EU-Agrarfördermittel von den Empfängern erpresst zu haben.

November 2013: Die HSH Nordbank wird durchsucht. Drei deutsche Geschäftsmänner sollen über eine Finanzierung der Bank für eine süditalienische Windkraftanlage geholfen haben, Gelder der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta zu waschen.

Januar 2013: 400 Ermittler nehmen bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen elf Verdächtige fest, die über Strohfirmen im Baugewerbe Schwarzarbeit und Steuerstraftaten mit einem Gesamtschaden von mehr als 30 Millionen Euro begangen haben sollen.

ZAHLEN

550 Mitglieder der italienischen Mafia sind Ermittlern in Deutschland bekannt Quelle: BKA

53 Milliarden Euro beträgt der geschätzte Jahresumsatz der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta in etwa 30 Ländern Quelle: Italienisches Forschungsinstitut Demoskopika

33 Ermittlungsverfahren liefen zwischen 2007 und 2013 gegen Mitglieder der italienischen Mafia in Deutschland Quelle: BKA

6 Menschen wurden 2007 – im Streit zweier verfeindeter Familien – vor einer Duisburger Pizzeria von Mafiosi erschossen Quelle: BKA

245 Millionen Dollar hat der Mafiafilm „Der Pate“ weltweit eingespielt Quelle: IMDb

27 Mal haben „FAZ“, taz, „SZ“ und „Spiegel“ seit 2013 über die Aktivitäten der italienischen Mafia in Deutschland berichtet Quelle: eigene Archiv-Recherche

Quelle: Tageszeitung 11.04.2015

© TAZ

Der Countdown läuft

Samstag, 13. Juni 2015

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Ja, still alive and kicking, aber wegen DES BUCHS extrem absorbiert. Mit mir am Tisch sitzen Serena Vitale, Wolfgang W. Wieneke, Antonio Romano und noch ein paar andere, jeder will seine Geschichte loswerden, alle reden auf mich ein, und ich versuche so gut es geht, allen gerecht zu werden. Was nicht einfach ist. Der Countdown läuft. Mein neues Buch „Die Gesichter der Toten“ erscheint im September.

Und draußen vor der Tür läuft eine weitere Folge von Mafia Capitale, (weitere 44 Verhaftungen), man kommt kaum mehr nach, bei all den Skandalen, Bestechungen, Mafia-Verbindungen, Stimmenkäufen etc.pp. Von wegen verschrotten: Matteo Renzi ist auf Normalmaß geschrumpft, seine Regierungskoalition bröckelt, inzwischen ist Renzi so erpressbar wie seine Vorgänger.

Der senile B. kann ihn erpressen, der soeben gewählte kampanische Regionalpräsident Vincenzo De Luca auch – der laut Antikorruptionsgesetz bei den Wahlen eigentlich gar nicht hätte antreten dürfen (De Luca ist angeklagt wegen Korruption, Betrug und krimineller Vereinigung – was in Italien inzwischen wie eine Stellenausschreibung für ein politisches Amt klingt), sogar der glücklose einstige Berlusconi-Ziehsohn und jetzige Innenminister Angelino Alfano (seit der Pseudo-Abspaltung von Berlusconi ist Alfano Anführer eines so unbedeutenden und erfolglosen Parteichens, das nicht mal von Alfanos engsten Familienangehörigen gewählt wird) kann Renzi drohen – denn über Renzi schwebt das Fünfsterne-Gespenst: Bei den Regionalwahlen schnitt die Fünfsterne-Bewegung als zweitstärkste Partei ab.

Und in Venedig wird morgen ein neuer Bürgermeister gewählt: Stichwahl zwischen dem Unternehmer Luigi Brugnaro, einer Art kleinem Berlusconi (Lesern dieses Blogs werden sich an ihn erinnern, er wollte die Insel Poveglia kaufen), Anführer einer bunt gemischten Rechtskoalition, und dem Senator Felice Casson – den ich als Staatsanwalt geschätzt habe, der aber dann leider zur PD ging, der Partei, die für Venedigs Niedergang der letzten 20 Jahre verantwortlich ist. Und für den Mose-Bestechungsskandal – der im Übrigen auch ein Umweltskandal erster Güte ist, auch. Casson ist eine anständige Person. Aber die Frage ist, wie weit seine Partei ihm gestattet, anständig zu bleiben, als venezianischer Bürgermeister.

Ich wünsche mir nur, dass Venedig noch mal eine Chance hat, wiederbelebt zu werden. Nicht weiter totgetrampelt und verramscht und verpestet zu werden.

Ja, ja, ich weiß. Aber in Italien sagt man: Pensi il peggio, pensi bene. Nimm das Schlechteste an und du liegst richtig.

Mafia auf dem Lido

Samstag, 16. Mai 2015

Lido

„Der Schatten der Bosse über dem Reich am Lido“ orakelte der Gazzettino, nachdem gestern am Lido ansässige kalabrische Bauunternehmer Saverio De Martino verhaftet wurde,  von dem es im Haftbefehl heißt, dass er die Nähe zur venezianischen Politik genieße. Oder, wie es ein abtrünniger Mafioso ausdrückte: „Die Welt ist ein Dorf. De Martino konnte die Ausschreibungen für diese großen öffentlichen Aufträge nur für sich gewinnen, weil er in der lokalen Politik war.“

Wer in Venedig lebt, wundert sich darüber nicht. Schon seit Jahren heißt es, dass der Lido in Hand der ‚Ndrangheta ist. Denn anders als in Venedig, kann hier noch gebaut werden. Etwa das Einkaufszentrum „Parco delle Rose“, Lieblingsprojekt des Unternehmers De Martino, gegen dessen Bau mehrere Bürgerinitiativen des Lido protestierten – und der von etlichen venezianischen Politikern dabei tatkräftig unterstützt wurde. In diesem Zusammenhang ein kleiner Verweis auf meinen 2012 im NZZ-Folio erschienen Artikel „Ach Venedig“, in dem ich über die Investitionen auf dem Lido schrieb:

Die mit öffentlichen Mitteln gemästeten Unternehmer haben nur ein Problem: ihr Geld möglichst gut zu investieren. So kaufte die Immobilienfondsgesellschaft Est Capital, hinter der sich ein ehemaliger venezianischer Kulturstadtrat und ein dank der Hochwasserschleuse Mosè reich gewordener Bauunternehmer verbergen, nun auch den Lido auf. Nicht nur die historischen Hotels Des Bains und Excelsior und die Festung Malamocco – auch sie bald ein Hotel samt zugehöriger Ferienhaussiedlung –, sondern auch das ehemalige Krankenhaus des Lidos, in dem ebenfalls eine Hotelanlage entstehen wird. Das Tortenstück aber ist die Marina Grande di Venezia, ein Jachthafen mit mehr als tausend Liegeplätzen. Der Bau dieser künstlichen Insel von der Grösse der Giudecca wurde von der Stadt Venedig bereits abgesegnet, genau wie der dazu passende Parkplatz für mindestens 500 Autos samt neuer Strassenführung.Diese Stadt ist dem Tod geweiht, sagen die Aktivisten der Umweltschutzorganisationen des Lidos, drei ältere Herren, die in der Bar Belvedere in der Abendsonne sitzen wie Pensionäre, die übers Abendessen nachdenken. Stattdessen halten sie Mahnwachen, demonstrieren, klagen.

Im Haftbefehl gegen Saverio De Martino betonen die Staatsanwälte die „anormale Geschwindigkeit, mit der es der kalabrischen Familie gelang, sich in den sozio-ökonomischen Kontext Venedigs zu integrieren, dank Bau- und Immobiliengeschäften von beträchtlichen Ausmaßen“. Ausschlaggebend für die Verhaftung waren Beweise für die enge Beziehung zwischen De Martino und dem kalabrischen Boss Vincenzino Iannazzo – die weit über Freundschaft hinausgehe: De Martino könne als organischer Bestandteil des Clans betrachtet werden. De Martino war dem Boss Iannazzo  immer wieder zu Diensten, so habe er ihm die Flucht nach Irland ermöglicht und bezahlt, ihn in Venedig beherbergt – und gemeinsame Geschäfte betrieben.

Antonio De Martino, dem Sohn des soeben verhafteten kalabrischen Unternehmers, gegen den ebenfalls ermittelt wird, gehören die Strände des Excelsiors und des Des Bains. Bei den Umbauarbeiten des Excelsiors, ebenfalls ausgeführt von De Martino, kam es – zufällig – zu einem Brand. Vor einem Jahr klagte der Erfolgsunternehmer Antonio De Martino, dass der Lido ein kleines Montecarlo werden könne, indes fehle es an Stadträten mit dem richtigen Unternehmergeist – folgerichtig wurde Antonio De Martino als Spitzenkandidat einer Wählerliste für die kommenden Gemeindewahlen Ende des Monats aufgestellt.

Heute nutzte er die Gelegenheit, sich in den venezianischen Tageszeitungen ausführlich über die Ungerechtigkeit zu beklagen, die ihm und seinem Vater widerfahren sei: Weinend erklärte er der Nuova Venezia: „Wir sind aus Lamezia nach Venedig gekommen, weil mein Vater Opfer eines Attentats der ‚Ndrangheta wurde – jetzt wurde er zum Opfer des italienischen Staates.“

Ich nehme an, dass das erst die Spitze des Eisbergs ist. Und dass niemand mehr über den Eisberg spricht, wenn seine ganzen Ausmaße bekannt sind.

Nino Di Matteo

Donnerstag, 16. April 2015

 

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 Das Stahltor blockiert. Und das genau in dem Augenblick, als die gepanzerte Wagenkolonne mit dem am meisten gefährdeten Mann Italiens einfahren will: Palermos Staatsanwalt Nino Di Matteo. Alle halten den Atem an.

 

Wer mehr erfahren will: Mein Portrait über den sizilianischen Antimafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo ist jetzt in Focus (16/15) erschienen. Nachzulesen jetzt hier.

In Palermo läuft derzeit ein Prozess, der Italien in Atem hält. Vor Gericht stehen Bosse, Politiker und Polizisten. Hat der Staat mit der Mafia kooperiert? Staatsanwalt Nino Di Matteo ermittelt – unter Lebensgefahr

*

Das Stahltor blockiert. Und das genau in dem Augenblick, als die gepanzerte Wagenkolonne mit dem am meisten gefährdeten Mann Italiens einfahren will: Palermos Staatsanwalt Nino Di Matteo. Alle halten den Atem an. Seitdem ein Mordbefehl der Mafia bekannt wurde, wird Nino Di Matteo von 42 Leibwächtern bewacht, neun folgen ihm auf Schritt und Tritt, einige davon Elitesoldaten einer Anti-Terror-Spezialeinheit, 33 Personenschützer bewachen sein Haus und kontrollieren die Straßen, auf denen der Staatsanwalt sich bewegt – und können doch nicht verhindern, dass jetzt das Tor klemmt. Die Wagenkolonne kommt auf der Straße vor dem Gerichtsbunker von Ucciardone zum Stehen und wird endlose Minuten lang zur Zielscheibe. Erst als es zwei Männern gelingt, das Stahltor mit der Hand aufzuruckeln, atmen alle auf.

Endlich parkt die Kolonne im Hof. Nino Di Matteo steigt aus dem gepanzerten Jeepund telefoniert, umgeben von den Elitesoldaten, die sich geschmeidig wie Raubtiere bewegen, und deren Gesichtsausdruck keinen Zweifel daran lässt, dass sie jeden, der Di Matteo zu nahe kommt, in Stücke reißen würden.
Nino Di Matteo ist 53 Jahre alt, ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Sizilianer. Er ist in Palermo aufgewachsen, hat Prozesse gegen Bosse, Geheimdienstchefs und die Auftraggeber von mafiosen Attentätern geführt, er hat Morde an Richtern aufgeklärt – er kennt die DNA der Mafia bis in die kleinsten Moleküle. Seit 22 Jahren lebt er mit Leibwache. Als seine beiden Kinder geboren wurden, begleiteten ihn die Leibwächter bis in den Kreißsaal.

Kurz hinter dem meterhohen Stahlzaun, nicht weit von dem telefonierenden Di Matteo, liegt ein „Vereint, um nicht zu vergessen“ auf dem Boden, ein von der Sonne ausgeblichenes Kunststoffbanner. Es erinnert an die beiden sizilianischen Anti-Mafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die 1992 in die Luft gesprengt wurden. Di Matteo wachte damals mit anderen jungen Anti-Mafia-Staatsanwälten am Sarg von Borsellino.

Für eine ganze Generation italienischer Anti-Mafia-Staatsanwälte wurde jener Moment im Sommer 1992 zum Wendepunkt: Das Blut der beiden Richter war noch nicht getrocknet, da hatte der italienische Staat bereits kapituliert und verhandelte mit der Mafia.

Dieser Pakt zwischen Staat und Mafia schwebt bis heute wie eine stinkende Giftwolke über Italien. Nino Di Matteo führt den Prozess, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Pakt zu entschleiern, hinter dem sich das schmutzigste Familiengeheimnis Italiens verbirgt. „Was wir vorwerfen, ist nicht, mit der Mafia verhandelt zu haben. Das ist ethisch verwerflich, aber nicht strafrechtlich“, sagt Di Matteo, als er vor dem Kaffeeautomaten im kalten Flur des Gerichtsbunkers steht. „Die Angeklagten werden von uns beschuldigt, sich zum Botschafter mafioser Forderungen gemacht zu haben.“

Wenn er über seinen Prozess spricht, verrät Nino Di Matteo mit keinem Wimpernschlag, was er ihn gekostet hat, dass er ihm seine Freiheit und seiner Familie die Unbefangenheit geraubt hat. Er wählt seine Worte mit Bedacht – weil er weiß, dass jedes einzelne gegen ihn verwendet werden kann.

Von außen wirkt der Gerichtsbunker wie ein gigantisches Raumschiff, das neben den Tuffsteinmauern des Ucciardone-Gefängnisses gelandet ist. Drinnen sieht man leere Gitterkäfige, Trikolore-Schärpen, kaugummikauende Schöffen, abgetretenen Plastiknoppenboden, ein Kruzifix über dem Gerichtspodest und die Beschwörungsformel „Vor dem Gericht sind alle gleich“ in goldenen Lettern. Über allem hängen Kameraswie Stielaugen an Metallstangen. Links sitzen die Staatsanwälte, angeführt von Di Matteo, rechts die Verteidiger.

Die angeklagten Bosse sind aus den Hochsicherheitsgefängnissen per Video zugeschaltet: alte Männer mit Lesebrillen und Wollpullovern, man sieht sie auf den Bildschirmen, die im ganzen Saal verteilt sind.

Die angeklagten Politiker und Staatsdiener haben ihre Anwälte geschickt. Denn wenn alle Angeklagten hier zusammen auf der Anklagebank säßen, wären die Verflechtungen zwischen Staat und Mafia nicht mehr unsichtbar. Sie hätten Gesichter. Etwa das stets gerötete des ehemaligen Innenministers Nicola Mancino. Oder das leicht aufgedunsene des ehemaligen Senators Marcello Dell’Utri, rechte Hand von Berlusconi, zurzeit in Haft, verurteilt wegen Mafia-Beihilfe. Das Mausgesicht des schnauzbärtigen Carabiniere-Generals Mario Morì. Sein Kollege Antonio Subranni würde seine dünnen Lippen noch mehr zusammenpressen – sie alle müssten neben Mafia-Bossen wie Totò Riina und seinem Schwager Leoluca Bagarella auf der Anklagebank sitzen. Und das wollen sie um jeden Preis verhindern. Als das Verfahren 2013 eröffnet wurde, titelten die Zeitungen „Der Staat macht sich selbst den Prozess.“

Dennoch ist das Interesse eher mager. Ein paar Journalisten schreiben auf ihren Laptops mit: eine Agenturjournalistin, ein Anti-Mafia-Blogger, ein Journalist des „Giornale di Sicilia“ und einer des Berlusconi-Hausblatts „Il Foglio“, der schon zu Beginn der Verhandlung gähnend klarmacht, dass er diesen Prozess für überschätzt hält. Auf den Zuschauerbänken über den Gitterkäfigen hockt eine Schulklasse, die den Geschehnissen mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Unverständnis folgt. Als all das passierte, was hier geklärt werden soll, waren diese Schüler noch nicht geboren. Und dennoch – das ahnen sie – wird hier über die Zukunft des Landes und somit auch ihre eigene entschieden.

Für viele Italiener ist der Pakt die Erbsünde der Zweiten Republik, die ausgerufen wurde, als Silvio Berlusconi 1994 an die Macht kam. Der Pakt zwischen Staat und Mafia ist der Schoß, aus dem alles kroch: der Beginn der Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat. Der Pakt hat in Italieneinen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört.

Bereits vier Jahre nach den Anschlägen enthüllten abtrünnige Mafiosi, dass die Bosse 1992 mit italienischen Politikern und hohen Beamten verhandelt und eine Liste mit zwölf Forderungen erstellt hatten, „papello“ genannt, mit der sie das Ende der Terrorakte und gleichzeitig Wählerstimmen anboten. Ihre Forderungen reichten von der Revision der Urteile des Maxiprozesses bis zur Abschaffung der Kronzeugenregelung und der Hochsicherheitshaft für Mafiosi. Und wurden beflissen umgesetzt. Protest kam damals nur von Anti-Mafia-Aktivisten und sizilianischen Anti-Mafia-Staatsanwälten wie Nino Di Matteo.

Und weil dieser Pakt zwischen Staat und Mafia bis heute währt, wird der federführende Staatsanwalt Nino Di Matteo von 42 Leibwächtern bewacht. „Möglicherweise hat mir das mein Leben gerettet“, sagt Nino Di Matteo. Der Boss Totò Riina wurde beim Hofgang dabei abgehört, wie er einen anderen Boss vom Hinrichtungsplan für Di Matteo erzählte, der „wie ein Thunfisch“ abgeschlachtet werden soll. Der inhaftierte Mafioso Vito Galatolo, Sohn einer alten Mafia-Familie, wollte sein Gewissen erleichtern und ließ Di Matteo wissen, dass die Vorbereitungen für das Attentat gegen ihn bereits fortgeschritten seien: Die Bosse hätten 600 000 Euro gesammelt, um 150 Kilo Sprengstoff zu kaufen. Nino di Matteo sagt: „Wenn so etwas bekannt wird, muss man natürlich die Familie beruhigen.“ Er macht eine lange Pause. Und bemerkt: „Auch wenn es da gar nichts zu beruhigen gibt.“

An diesem Verhandlungstag hat ein Priester den Zeugenstand betreten: Don Fabio Fabbri. Anfang der 90er-Jahre wachte er über alle Gefängnispfarrer in Italien, eingesetzt vom Vatikan. Er soll darüber aussagen, wie es dazu kam, dass die Hochsicherheitshaft für 334 Mafiosi nur ein Jahr nach den Attentaten gelockert wurde. „Wir Gefängnisgeistliche haben alle aufgeatmet, die Hochsicherheitshaft ist unmenschlich“, sagt der Monsignore, der sich ansonsten nicht erinnern kann, wer an dieser Entscheidung beteiligt war.

Eigentlich hätte diese gekrümmte Jesuitenhaltung zu ihm gehört, die der einstige Ministerpräsident Giulio Andreotti so perfektioniert hatte, bis sie in ihn eingewachsen war. Andreotti war siebenmal Ministerpräsident, das letzte Mal im Sommer 1992 – und wurde wegen Unterstützung der Mafia mehrfach angeklagt. Aber Don Fabbri schafft es nicht, sich lange unterwürfig zu geben. Immer wieder bricht die Arroganz aus ihm heraus wie ein mühsam gestauter Fluss. Gerade war er noch der aufopfernde Gefängnisgeistliche, dann ist er schon wieder einer, der das gute und das schlechte Wettermacht, der den Staatspräsidenten und den Papstberaten hat und Italiens schmutzige Geheimnisse kennt: den Tod des Christdemokraten Aldo Moro, mit dessen Entführung und Ermordung der „Historische Kompromiss“ verhindert werden sollte, die Beteiligung der Kommunistischen Partei an der Regierung, die „Zeit der Blutbäder“, wie der Sommer der Mafia-Attentate 1992 genannt wird – alles.

„Sie hatten das Glück, einen signifikanten Verhandlungstag mitzuerleben“, wird Nino Di Matteo später sagen, denn der ganze Gerichtssaal ist wie schockgefroren, als der Monsignore gestehen muss, sich mit einem Freund darüber beraten zu haben, wie seine Aussage vor Gericht verhindert werden könne. Was für ein Freund das sei? „Ich glaube, dass er zum Geheimdienst gehört“, sagt der Monsignore so gleichmütig, als spreche er über einen Glaubensbruder. „Sie glauben das, oder Sie wissen das?“, fragt der Staatsanwalt. „Ich kenne ihn seit den Zeiten der Aldo-Moro-Entführung. Da lernte ich Gino kennen. So heißt der Geheimdienstbeamte.“ – „Gino und wie weiter?“ – „Das weiß ich nicht. Ich nehme an, dass es sich um einen Decknamen handelt.“ – „Haben Sie seine Nummer hier?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Haben Sie Ihr Telefon dabei? Darin wird die Nummer von Gino gespeichert sein.“ – „Nein, das Telefon gehört meinem Neffen.“ – „Und wo lebt dieser Gino?“ – „Ich glaube, in Rom. Aber sicher bin ich mir natürlich nicht.“ – „Wie sieht er aus?“ – „Mittelgroß, so um die 60 Jahre alt, nicht besonders auffällig.“

Ob sich der Monsignore der Erpressung des Staates durch die Mafia bewusst war? Ob er einen Zusammenhang sah zwischen den Bomben und der Lockerung der Hochsicherheitshaft? Nein, sagt Don Fabbri, er wusste nichts.

Genau solche Momente sind es, an denen man spürt, wie bedrohlich dieser Prozess ist – für das Netz aus Geheimdienstlern, untreuen Staatsdienern und Politikern. So kam im Lauf der Ermittlungen heraus, dass Geheimagenten in der Hochsicherheitshaft ein und aus gingen – um die einsitzenden Bosse zu kontrollieren und mögliche Geständnisse im Keim zu ersticken, etwa bei dem Boss Antonino Gioè, der in seiner Zelle stranguliert aufgefunden wurde.
Als daraufhin Palermos Generalstaatsanwalt im Sommer 2014 dieser zweifelhaften Rolle der Geheimdienste in der Hochsicherheitshaft nachgeht, findet er auf seinem Schreibtisch im Justizpalast einen Drohbrief – nicht von der Mafia. Der Duktus des Briefes weist darauf hin, dass er aus dem Dunstkreis der sogenannten „fehlgeleiteten“ Geheimdienste stammt. In dem Brief wird nicht nur seine Wohnungdetailliert beschrieben, sondern er auch aufgefordert, sich wieder in „Reih und Glied zu stellen“ und die „Intelligenz der anderen“ nicht zu unterschätzen. Denn: „Wir schaffen keine Helden“ – was bedeutet, dass es außer Mord auch andere Möglichkeiten gibt, eine Person zu vernichten.
Später stellt sich heraus, dass die Videokameras abgeschaltet waren, als der Brief auf dem Schreibtisch des Generalstaatsanwalts abgelegt wurde. Staatssicherheit auf italienisch. Gegen diese Wirklichkeit ist „House of Cards“ so etwas wie die Augsburger Puppenkiste.

Monsignore Fabbri ist nicht der Einzige, der in diesem Prozess versucht, seine Aussage zu verhindern. Der ehemalige Innenminister Nicola Mancino rief zu diesem Zweck sogar den damaligen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano an. Die Bänder dieses Telefonats mussten auf Geheiß Napolitanos zerstört werden. Seitdem steht der Verdacht im Raum, dass es dem Präsidenten nicht darum ging, seine Privatsphäre zu schützen, sondern darum, den Pakt zwischen Staat und Mafia zu vertuschen.

Zumal sein Rechtsberater in einem Brief an den Präsidenten die Befürchtung äußerte, in den Jahren der Mafia-Attentate „ein naiver und nutzloser Schreiber von Dingen gewesen zu sein, die als Deckmantel für unaussprechliche Pakte fungierten“. Kurz darauf stirbt der Rechtsberater an einem Infarkt. Mit nur 64 Jahren.

Übrigens nicht der einzige rätselhafte Todesfall in der jüngeren Vergangenheit. Der florentinische Staatsanwalt Gabriele Chelazzi, der als einer der ersten in einem Prozess die Hintergründe des Paktes ergründen wollte, starb an einem Herzinfarkt, mit nur 59 Jahren – während einer Übernachtung in einer römischen Kaserne und nachdem er einen Brief verfasst hatte, in dem er sich über mangelnde Unterstützung seiner Kollegen beklagte, die ihn bei seinen Ermittlungen behindert hätten.

„Indem der Staat die Mafia hofierte, hat er genau das Gegenteil erreicht: nicht das Ende der Attentate, sondern weitere Bomben“, sagt Nino Di Matteo im Neonlicht seines Büros im Justizpalast. Hinter ihm an der Wand hängen Plaketten, die an Treffen mit internationalen Ermittlern erinnern, ein Kruzifix und die Fotos der ermordeten Staatsanwälte Falcone und Borsellino. Er spricht auffällig langsam wie jemand, der sich der Flüchtigkeit des Augenblicks bewusst ist.

Wie ungebrochen der Pakt zwischen der Mafia und dem italienischen Staat ist, lässt sich nicht nur an den Mordaufrufen gegen Di Matteo ablesen. Auch die Stille seitens aller führenden Politiker wirkt fast schon gespenstisch. Der sonst so zwitscherfreudige Ministerpräsident Matteo Renzi hatte keinen einzigen Tweet übrig, als anonyme Briefe aus dem Umfeld der Geheimdienste darauf hinwiesen, dass die Ermordung des Staatsanwalts beschlossen und die Auftraggeber für den Mord dieselben wie die für das Attentat an Paolo Borsellino seien.

Ohne politische Unterstützung kann sich Nino Di Matteo somit nur auf seine Leibwächter verlassen – soweit das möglich ist. Er kann nicht einfach eine Pizzaessen gehen, er kann mit seinen Kindern keinen Ausflug ans Meer machen, er kann kein Kino besuchen – er ist ein Gefangener. „Oft denke ich darüber nach, dass es in Italien einen großen Wunsch nach Gerechtigkeit gibt, der auf den Schultern weniger ruht“, sagt Di Matteo.

In 88 Städten kam es zu Solidaritätsdemonstrationen für ihn, er wurde zum Ehrenbürger von Modena und von Beppe Grillo2014 zum „Mann des Jahres“ ernannt. Mancher hätte Di Matteo auch gern als Staatspräsidenten gesehen. Der Oberste Richterrat aber verweigert ihm die zustehende Beförderung – und um ihren Aufstieg besorgte Kollegen wenden sich von ihm ab. Falcone und Borsellino ging es damals genauso, weiß Nino Di Matteo. „Ja“, sagt er ruhig, „es ist traurig, dass wir aus der Vergangenheit nichts gelernt haben.“

Nach dem Interview verlässt Di Matteo den Justizpalast und fährt nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden Kindern. Und versucht wie immer so zu tun, als führten sie ein ganz normales Leben.

Tags darauf wird bekannt, dass Jugendliche bewaffnete Männer in einem Haus gegenüber der Sporthalle beobachtet haben, in der Di Matteo gelegentlich Tennis spielt.

Mafia amüsant.

Freitag, 20. März 2015

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Gesehen in einer Buchhandlung im Ruhrgebiet

Letizias Appell

Dienstag, 10. März 2015

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Letizia Battaglia, die nicht nur eine weltberühmte Fotografin, sondern auch die Mutter meiner Freundin und Fotografin Shobha ist, hat einen Appell an den neuen italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella geschrieben – um zu erreichen, dass der von der Mafia zum Tode verurteilte Nino Di Matteo nach Rom an die Nationale Antimafia-Behörde versetzt wird.

„Lieber Präsident, Ihre Glückwünsche waren das kostbarste Geschenk, das ich zu meinem 80. Geburtstag erhalten habe, wofür ich Ihnen unendlich danken möchte. Heute aber schreibe ich Ihnen aus einem wichtigen Grund, der den Staatsanwalt Nino Di Matteo betrifft. Nächsten Mittwoch wird im Obersten Richterrat über die Ernennung drei weiterer Berater der Nationalen Antimafia-Behörde entschieden – nachdem Di Matteos Antrag vorerst abgelehnt worden ist. Ich wende mich an Sie, verehrter Präsident, weil Sie selbst Leid erlebt haben, nachdem Sie Ihren Bruder auf tragische Weise im Kugelhagel der Mafia verloren haben. Jener Moment in der Via della Libertà hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingeprägt. Durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals wurde ich zusammen mit meinem damaligen Lebensgefährtin zur Zeugin dieses Dramas. Ich wende mich an Sie als einen Menschen, der selbst unaussprechlichen Schmerz erlebt hat, ich appelliere ich an Sie, damit sich so ein Leid nicht wiederholt.

Als Präsident des Obersten Richterrats sind Sie mehr als berechtigt, die Entscheidungen über neue Ernennungen an der Nationalen Antimafia-Behörde zu überwachen. Ich appelliere an Sie persönlich, auf dass die Ablehnung der Kandidatur von Nino di Matteo revidiert werden möge. Es handelt sich dabei um ein starkes Zeichen des Staates, um das Leben dieses von Totò Riina zum Tode verurteilten Staatsanwalts zu retten. Wie Sie selbst besser als ich wissen, ist Sizilien ein Ort, der von Zeichen lebt – weshalb es um so wichtiger ist, Staatsanwalt Di Matteo nicht  zu isolieren. Ich bitte Sie, Herr Präsident, schenken Sie  Ihre Aufmerksamkeit diesem Appell, hinter dem sich die Ängste und Sorgen der anständigen Menschen dieses Landes verbergen. Eine Geste, ein Wort von Ihnen könnte den Lauf der Geschichte ändern. Ich habe zu viele Mordopfer, zu viele Blutbäder, zu viele Beerdigungen gesehen. Ich will nicht daran denken, dass in diesem Land das Gleiche wiederholen könnte, weil das bedeuten würde, dass wir verloren haben – und dass wir Komplizen gewesen sind. Ich will keine toten Helden mehr, ich will, dass Nino Di Matteo seine Arbeit lebend fortsetzen kann und er sehen kann, wie dieses gemarterte Land wieder geboren wird. Ich vertraue auf Sie, Herr Präsident, mit tiefem Respekt, und, wenn Sie mir erlauben, mit meiner ganzen Liebe für Ihr revolutionäres Handeln.

Letizia Battaglia.

Der Pakt

Montag, 09. März 2015

Endlich* kann man den Film „La Trattativa“ von Sabina Guzzanti auf you tube sehen, was ich unbedingt allen ans Herz legen möchte, die sich für Italien interessieren. Die „Trattativa“ bezeichnet den Pakt zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, der 1992 zur Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und zu einer Attentatswelle im Jahr 1993 führte, an deren Ende der politische Aufstieg von Berlusconi stand, der 1994 die Wahlen gewann. Es ist ein Pakt, der bis heute andauert.

Der Film ist eine Collage aus gespielten Szenen – so grotesk und gruselig wie die italienische Wirklichkeit der letzten 25 Jahre, außerdem sind Interviews mit Staatsanwälten, angeklagten Ministern und abtrünnigen Mafiosi zu sehen, sowie jede Menge dokumentarisches Material, wobei die Szenen von der Beerdigung von Falcone und Borsellino sicher zu den eindringlichsten gehören. Alles, was in dem Film vorkommt, ist – leider – wahr. Belegt mit Bergen von Prozessakten und Ermittlungsunterlagen. (Hier spreche ich im Deutschlandradio über den Film)

Sabina Guzzanti, die einigen vielleicht als Autorin des Dokumentarfilms Draquila über das Erdbeben in L’Aquila in Erinnerung ist, zeigt in ihrem Film „La Trattativa“ wie sich Mafiabosse, Minister, Staatspräsidenten, hohe Beamte, Geheimdienstler und Freimaurer wie langjährige, vertraute Geschäftspartner besprechen, um wieder an den Punkt der friedlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit zurückzukehren, an dem sie sich befunden haben, als Ende der 1980er Jahre alles aus dem Gefüge geriet: Die Mauer fiel, die etablierten Parteien gingen in Folge des Korruptionsskandals unter, die Urteile des Maxiprozesses wurden nicht wie gewohnt „zurechtgerückt“, sondern in letzter Instanz bestätigt.

Nach der Premiere in Venedig wurde die Regisseurin Sabina Guzzanti sofort gegeißelt – für den Film und für ihre Aussage, dass auch Matteo Renzi eine der „Früchte“ dieser Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sei: Politiker von Forza Italia bis PD tobten. Was aber nichts daran ändert, dass es, gelinde gesagt, etwas bizarr anmutet, wenn Renzi es für opportun hält, mit niemand anderem als mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher Silvio Berlusconi an einen Tisch zu setzen, um einen weiteren Pakt zu schließen, den Pakt des Nazareno (so genannt, weil die Unterredung über die Zusammenarbeit zwischen Renzi und B. in der Parteizentrale der PD stattfand).

Die Trattativa, die Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, sind mehr als ein Film: Sie sind Vergangenheit, Gegenwart und – falls nicht endlich etwas passiert – auch die Zukunft Italiens. Besonders gut gefiel mir, wie Sabina Guzzanti am Ende des Films feststellt, was diese Verhandlungen zwischen Staat und Mafia für jeden einzelnen Italiener bedeuten. Denn die Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat, hat einen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört – und der Opportunismus Intelligenz genannt. Ich möchte diesen Film allen ans Herz legen, die Italien lieben und hoffe, dass er auch irgendwann in Deutschland ins Kino kommt.

Aus den italienischen Kinos ist er sofort verschwunden.

*(Nachtrag um 14.21 Uhr: Aus youtube ist der Film auch schon wieder verschwunden. Tja.)

(Nachtrag um 23.30 Uhr: Und jetzt kann man ihn hier wieder sehen …)

Mistero.