Rinascita Scott

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Ja, es ist gut, wenn der Maxiprozess in Lamezia Terme Aufmerksamkeit in den deutschen Medien findet, weil allein die Dimensionen so überwältigend sind, die über 300 Angeklagten, die über 900 Zeugen, der Gerichtssaal für 600 Personen, die 400 Anklagepunkte: Mord, Mafiose Vereinigung, Geldwäsche, Beihilfe zur mafiosen Vereinigung, Erpressung, illegaler Besitz von Waffen und Sprengstoff, Hehlerei, Vorteilsgewährung, Verrat und Gebrauch von Dienstgeheimissen, Drogenhandel und andere Kleinigkeiten.

Dass dieser Prozess nicht in Rom, sondern mitten in Kalabrien stattfindet, ist ein Sieg: Die Mafia lebt von Zeichen. Und wenn mitten in dem von ihr kontrollierten Territorium ein Prozess stattfindet, dann ist das so viel wie ein Stich ins Herz der ‚Ndrangheta.

Und dann noch der Name: Rinascita Scott, „Wiedergeburt Scott“ – so genannt nach Sieben William Scott, dem amerikanischen Ermittler und persönlichen Freund von Nicola Gratteri, dem verantwortlichen Staatsanwalt und Chefankläger von Catanzao.  Scott habe Gratteri dabei geholfen, die Verbindung zwischen kolumbianischen Kartellen und den Ndrangheta-Clans zu verstehen. Sieben William Scott starb bei einem Verkehrsunfall.

Eine Wiedergeburt sei dieser Prozess für Kalabrien, sagte Gratteri – weil sich die Kalabresen wieder ihres Staates bemächtigten, jenes öffentlichen Raumes, der von der Ndrangheta okkupiert wurde.

Möglich wurde der Prozess durch eine aufwändige Ermittlung – bei deren Verhaftungen am 19. Dezember 2019 mehr als 3000 Beamte im Einsatz waren – in Italien, der Schweiz, in Deutschland und Bulgarien. Die Verhaftungen waren über Nacht vorgezogen worden, weil es ein Leck gegeben hatte.

Wegen seines Umfangs erinnert dieser Prozess an den Maxiprozess in Palermo: Falcone und Borsellino führten Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre den Maxiprozess, an dessen Ende 360 Angeklagte zu insgesamt 2665 Jahren Haft verurteilt wurden: Es war der erste Prozess, in dessen Folge die Urteile gegen die Mafiosi nicht wie gewohnt »zurechtgerückt«, sondern von jeder Instanz bestätigt wurden.

Allerdings unterscheidet sich der Maxiprozess in Lamezia Terme vor allem darin, dass Gratteri (remember, er ist der Staatsanwalt, der auch die Ermittlungen rund um das Duisburger Mafiamassaker führte), die enge Verbindung zwischen Ndrangheta, Politik und Staatsdienern zerstören will: Angeklagt sind keineswegs nur Mafiosi, sondern ein Ex-Carabiniere-General, die Spitzen der Polizei von Vibo Valentia und Pizzo Calabro, der ehemalige Forza Italia-Abgeordnete Giancarlo Pitelli, Bürgermeister, Regionalräte, Leader der Linken – Politiker, Unternehmer, Anwälte, Steuerberater.

Und dabei geht es vor allem um die enge Beziehung zwischen der Ndrangheta und den Freimaurern: einer Art Mafia-Elite, für die die kalabrische ’Ndrangheta sogar eine übergeordnete Instanz geschaffen hat: die »Santa« – Geheimlogen, in denen die Eliten der ’Ndrangheta gleichberechtigt zusammen mit Politikern, Unternehmern und Geheimdienstlern arbeiten und Unterschiede zwischen ’Ndranghetisti und Freimaurern gar nicht mehr auszumachen sind.

Das ist besonders wichtig, seitdem der Zugang zu öffentlichen Geldern, die Vergabe öffentlicher Aufträge nicht mehr von den lokalen Politikern abhängt, mit denen die traditionelle Mafia stets zusammengearbeitet hat, sondern jetzt der Mafia-Elite vorbehalten ist. Sie geht in den Schaltzentralen der Macht in Italien und Europa ein und aus, in denen über wesentliche Fragen – etwa der Privatisierung der Energie- und Wasserversorgung – entschieden wird.

Und das Gesundheitswesen spielt dabei natürlich – gerade jetzt, in Zeiten der Pandemie, eine besondere Rolle. Und deshalb wurde im Jahr 2005  Francesco Fortugno, als stellvertretender Regionalpräsident ermordet.

Clanchef Luigi Mancuso war geradezu euphorisch, wenn er über die Beziehung zwischen Ndrangheta und Freimaurern sprach, ja er sah die ‚Ndrangheta als rückständiges Relikt an: „Nicht die ‚Ndrangheta herrscht, sondern die Freimaurer“: „Die ‚Ndrangheta existiert nicht mehr! Es war einmal, in Limbadi, in Nicotera, in Rosarno, in … da war die ‚Ndrangheta! … Die Ndrangheta ist Teil der Freimaurerei! … Sagen wir mal… sie befindet sich unter der Freimaurerei, aber sie haben die gleichen Regeln und die gleichen Dinge… Was ist jetzt noch übrig? Jetzt gibt es die Freimaurerei und diese vier Gauner, die immer noch an die ‚Ndrangheta glauben. Früher gehörte die ‚Ndrangheta den Reichen! … Dann haben sie sie den armen Leuten überlassen, den Knechten … und sie wurden Freimaurer! … Das sind die Regeln. weil die echte ‚Ndrangheta nicht mehr das ist, was sie behaupten …, weil der ‚Ndranghetista nicht das tut, was sie ihm sagen…, weil früher mal …, jetzt sind das alles Jugendliche, die laufen…, sie laufen frei herum, sie sind unter Drogen!“ (….) Wir müssen modernisieren! … nicht bei den alten Regeln bleiben.  Die Welt verändert sich und wir müssen alles ändern! . . Heute nennen wir es „Freimaurerei“, morgen werden wir es P4, P6, P9 nennen…“

Und dank der fruchtbaren Beziehung zu den Freimaurern erreichte man Zugang zu Universitäten, zu Bankern, zu hohen staatlichen Institutionen, zu ausländischen Unternehmen – und es war möglich, sogar Freisprüche für Mordanklagen kaufen: Ein Richter des Berufungsgerichts Catanzaro gestand, von dem angeklagen Forza-Italia-Abgeordneten Pittelli, Freimaurer und Mittelsmanns der Clans, 2500 Euro für den Freispruch eines Angeklagten erhalten zu haben.

Gleichzeitig wurde die Kontrolle über das Territorium nicht aus den Augen verloren: Wozu der Clan Mancuso fähig ist, erfuhr ich, als ich vor zwei Jahren bei einer Preisverleihung  Sara Scarpulla kennenlernte, deren Sohn Matteo Vinci vom Clan Manuso ermordet wurde. Durch eine Autobombe.

Und wer jetzt denkt: Ach Italien, der sei daran erinnert, dass der Clan Mancuso seit Jahrzehnten auch in Deutschland aktiv ist – stets in enger Zusammenarbeit mit den anderen Clans, zusammen mit denen aus San Luca oder dem Clan Farao, der sich nicht nur bei der Wahlfälschungsaffäre um den Senator Di Girolamo 2010 hervortat, sondern auch rund um die Ermittlungen  der Mafia-Razzia mit dem poetischen Namen „Styx“: Da übten die Ndranghetisti  ein Monopol auf ganze Wirtschaftszweige aus, darunter die Herstellung und der Verkauf von Lebensmitteln. Egal ob Fisch, Wein oder Pasta: Sie zwangen die italienischen Restaurants in Deutschland zur Abnahme ihrer Waren. Der gesamte Fischmarkt im Stuttgarter Raum: ein Monopol des Clans Farao. Und die italienischen Restaurants unter der Kontrolle der Clans.

Um so mehr ist von Bedeutung, dass italienische Behörden jetzt auch innerhalb der EU die Güter von Mafiosi beschlagnahmen können: Sollte diese EU-Verordnung ohne weiter juristische – nationale – Hindernisse umgesetzt werden, wäre das in der Tat ein wirklicher Schlag gegen die Mafia in Deutschland.

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Rückzugsort Das ist auch so ein Euphemismus.

 

 

 

 

 

 

 

Farao Melsungen/Kassel

Kassel, Hessisch-Lichtenau, Borken, Spangenberg, Melsungen, Bad Zwesten, Frielendorf, Guldensburg. In Fritzlar hatte der Clan eine Lagerhalle, ausgestattet mit Metallregalen aus einem geschlossenen Edeka-Supermarkt.

 

Gastronomiebetriebe nützlich sind: „Waschen. . . Waschen. . . Das ist eine einzige Wäscherei hier!“, sagt ein Statthalter des Clans in einem abgehörten Telefonat.

Sie übten ein Monopol auf ganze Wirtschaftszweige aus, darunter die Herstellung und der Verkauf von Lebensmitteln. Egal ob Fisch, Wein oder Pasta: Sie zwangen die italienischen Restaurants in Deutschland zur Abnahme ihrer Waren. Der gesamte Fischmarkt im Stuttgarter Raum, ein Monopol des Clans Farao. Und die italienischen Restaurants unter der Kontrolle der Clans der ’Ndrangheta.

 

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