Mit ‘Medien’ getaggte Artikel

Das Ding mit der vermeintlichen Distanz

Sonntag, 26. Februar 2017

Jetzt mal was anderes. Heute morgen beim Herumklicken stieß ich auf das Haftprotokoll, das der in der Türkei inhaftierte Korrespondent Deniz Yücel geschrieben hat, dessen Lektüre ich allen an das Herz legen möchte, weil es ein grandioser und bewegender Text ist.

Post

Noch wertvoller als die paar Minuten frische Luft auf dem Weg zum Arzt sind die Anwaltsbesuche. Anwalt bedeutet: frische Socken und vor allem Post von draußen! Der Anwalt bringt mir Nachrichten aus meiner Redaktion, Grüße von meiner geliebten Dilek und von meinen Freunden, und Zeitungsartikel. In die Zelle mitnehmen darf ich die Ausdrucke nicht, nur im Anwaltsraum lesen. Das meiste kann ich nur überfliegen, weil die Zeit knapp ist. Und weil mich das alles so sehr rührt, dass mir die Tränen hochsteigen. Das darf einem hier eigentlich nicht passieren. Aber das tut so gut. So unglaublich gut zu wissen, dass ich hier nicht allein bin und vergessen werde.

 

Zuvor hatte ich auf Zeit-online einen Text gelesen, in dem die Journalistin Mely Kiyak über ihre Hate-Poetry-Tour (Verlesen von Hassmails) zusammen mit Deniz  Yücel schrieb:

Wir lernten das Land kennen, das unterschiedliche Publikum, im Süden, im Norden. Wir lernten, dass unser türkischsprachiges Publikum nicht genug davon bekam, wenn wir Briefe von Nazis vorlasen. Lasen wir Texte, die Bezug nahmen auf unsere Türkeiberichterstattung oder den Islam, waren die Reaktionen schon seltsamer. Einmal stand ein türkischer alter Herr auf, als Doris ein wichtiges Element unserer Bühnendeko, einen Moscheewecker anschmiss, und den scheppernden Gebetsruf aus der Plastikverschalung mit ihrem Mikro verstärkte. Der türkische Herr rief laut und deutlich in die wie immer schon Wochen zuvor ausverkaufte und völlig überfüllte Veranstaltung hinein: „Ich distanziere mich von diesem Witz!“ Da wir extrem exzellent im Zurückrufen sind, rief Doris oder Yassin, ich weiß es nicht mehr genau, zurück: „Wir nehmen Ihre Protestnote an und halten fest, dass sie sich von einem Wecker distanzieren.“

 

Mely Kiyak schrieb voller Wut und Herzblut:

Ein Autor lebt weder am Schreibtisch noch auf einer Gefängnispritsche. Es sind die Texte, die leben und einen Autor zum Autor machen. Man kann einen Menschen einsperren, aber den Autor kriegt man nicht weggesperrt. Weshalb das Einsperren eines Journalisten die hilfloseste Maßnahme ist, die eine Regierung veranlassen kann. Die Ideen lassen sich nicht festhalten, die Gedanken nicht wegsperren. Schreiben ist schärfer als Waffen. Ach Türkei, Du lernst es nie!

Ich denke, dass man einen Geist wie Deniz‘ besser so schnell wie möglich frei lassen sollte, denn seine Kraft, seine Energie und sein Witz, seine klugen Bemerkungen, seine unbändige Menschenliebe und seine Abscheu gegenüber jeglichem Unrecht werden den Laden, egal ob Polizeirevier, Kerker oder das Scheißkulturzentrum in dieser hessischen Provinz, das ihm so auf die Nerven ging, innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf stellen.
Man hat weniger Ärger mit ihm, wenn man ihm seine Freiheit gibt. Und man hat weniger Ärger mit mir, denn ich kann niemals Ruhe geben, solange mein Kollege, Hate-Poetry-Bruder und Freund Deniz Yücel nicht frei ist.

 

Natürlich ging dem Ganzen in Deutschland auch eine Polemik voraus – in der FAS war ein Kommentar des FAS-Korrespondenten für südosteuropäische Länder zu lesen, der sich die Frage stellte: Können wirklich nur Journalisten mit türkischen Wurzeln über die Türkei schreiben? (mehr …)

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Die heiße Kartoffel. Ein #Aufschrei

Freitag, 10. Februar 2017

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Ich habe mich bis jetzt, wie es überhaupt nicht meine Art ist, zurückgehalten, das Virginia-Raggi-Bashing seitens der deutschen Korrespondenten zu kommentieren. Auch weil es mich langweilt, mich zu wiederholen. Über das Copy&Paste-Prinzip der Italien-Berichterstattung habe ich schon so oft (zuletzt hier) geschrieben, dass ich es singen kann. Erst gestern wieder in der Süddeutschen, ein mit Fussball-Termini (der Korrespondent, so heißt es, war mal Sportreporter, wobei: Nichts gegen Sportreporter!) gespicktes Copy-Paste-Bravourstück:

Nun droht ein eklatantes Scheitern, eine Art Kanterniederlage. (…) Die Grillini regieren die Hauptstadt wie ein Provinznest (…) Da war plötzlich diese junge Frau, die niemand kannte und die keine Verpflichtungen zu haben schien. Feenhaft leicht wirkte sie, anders. (…) Nur stellte sich bald heraus, dass sie nicht feenhaft leicht und frei war, sondern eher federleicht. Raggi umgab sich mit Leuten aus der ehemaligen Entourage des Postfaschisten Alemanno. Sie bedachte sie mit fragwürdigen Beförderungen und Lohnerhöhungen, deretwegen nun ermittelt wird. Warum sie das tat, ist ein Rätsel. Das Ehrlichkeitsgelübde klang jedenfalls plötzlich hohl.

Mehr passierte bisher nicht.

Und genau das ist das Problem. Dass man Virginia Raggi bislang immer noch nichts anhängen kann. Außer, dass sie sich auf einen Schlag die gesamte italienische und römische Führungsklasse zum Feind gemacht hat, nachdem sie beschlossen hat, Rom nicht für die olympischen Spiele kandidieren zu lassen und dem Vatikan, dem größten Immobilienbesitzer in Rom, Grundsteuer zu berechnen. Das bedeutet: Sie hat sich zur politischen Führungsklasse, die die Fünfsterne-Bewegung hasst wie der Teufel das Weihwasser, auch die beiden Machtcliquen Roms zum Feind gemacht: die Baulöwen und den Vatikan. Was in der Süddeutschen natürlich ganz anders klingt:

Große Entscheidungen schiebt Raggi vor sich her, oder sie sagt einfach Nein, wie zu Olympischen Sommerspielen. Nun möchten private Investoren ein Fußballstadion bauen, dazu ein Geschäftsviertel, neue Infrastrukturen: ein Milliardenprojekt, alles selbstfinanziert. Natürlich gibt es immer gute Gründe, große Bauprojekte zu hinterfragen. Doch in diesem Fall geht es um Tausende Jobs, mehr Steuereinnahmen, eine neue Dynamik. Und da die Cinque Stelle an der Macht sind, könnten sie zeigen, dass so etwas legal und umweltfreundlich geht. Vor dem Gestalten aber scheint man sich zu fürchten.

Halbfinale also. Wenn es so weitergeht, droht der Spielabbruch.

Genau das lese ich täglich hier in der italienischen Presse, die mehrheitlich Industriellen, Baulöwen, Parteien oder vorbestraften Milliardären mit eigener Partei gehört. Heute kam es zu einem besonderen Höhepunkt: „Patata bollente“ titelte das Berlusconi-Hausblatt Libero über dem Bild von Virginia Raggi – was man mit „heiße Kartoffel“, aber auch mit „heiße Möse“ übersetzen kann.

Und von all denjenigen, die sonst bei jeder Gelegenheit Sexismus! Sexismus! schreien – etwa wenn die ehemalige „Reforministerin“ und jetzige Staatssekretärin Boschi beschuldigt wird, Insiderwissen an ihren Bankdirektoren-Vater weitergegeben zu haben (Näheres nachzulesen hier): Stille. Kein Pussy Hat-Marsch für Virginia Raggi. Nichts. Auch nicht die klitzekleinste Solidaritätserklärung, als der jetzt der im Abflug befindliche Stadtplaner  (mehr …)

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Smart Move

Montag, 09. Januar 2017

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Gestern, als ich an meinem Manuskript herumfummelte und wie gewöhnlich im Hintergrund das Radio lief (Ich brauche zur Inspiration immer so ein Grundrauschen um mich herum, deshalb schreibe ich auch gerne in Hotelhallen oder in Zügen), hörte ich, wie schätzungsweise siebzigmal in sechzig Minuten auf Radio Capital (das mal mein Lieblingsradio war, jetzt aber leider voll durchrenzisiert ist: Radio Capital gehört wie die gesamte Espresso-Repubblica-Pressegruppe dem italienischen Industriellen – mit Schweizer Pass, zur Sicherheit – Carlo De Benedetti, der das Sprachrohr der PD etabliert hat) vom europäischen Parlament und von den Fünfsternen die Rede war.

Mann, was ist da los?, fragte ich mich, haben die Abgeordneten der Fünfsterne das europäische Parlament gekapert? Peitschen sie Martin Schulz aus? Ist Virginia Raggi mit blutverschmiertem Mund im europäischen Parlament aufgetaucht und frisst kleine, unschuldige europäische Kinder? Ich habe aber dennoch ungerührt weitergeschrieben, weil das Fünfsterne-Bashing (In der Art: „Starke Schneefälle in ganz Italien – nur nicht in Rom: Ermittlungen gegen Virginia Raggi“) inzwischen zur italienischen Presse gehört wie der Wetterbericht. Oder wie der Mafioso Marcello Dell’Utri zu Berlusconi. (Übrigens war in den italienischen Radios oder Fernsehnachrichten nie davon die Rede, dass Marcello Dell’Utri eine Zeit lang Mitglied im Justizausschuss (!!) des Europäischen Parlaments war.)

Später am Abend war die Hauptmeldung (!!) sämtlicher italienischer  Fernsehnachrichten, ja was: Dass die Fünfsterne-Bewegung im europäischen Parlament die Fraktion wechseln will.

Ist ja nicht so der Aufreger, dachte ich. (mehr …)

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Über Männer. Und historische Fehleinschätzungen

Dienstag, 27. Dezember 2016

„Eine digitale Rampensau“, so hat mich neulich eine Freundin (wozu Feinde, wenn man Freundinnen hat?) genannt, als ich sie mal wieder zum Bloggen peitschen wollte und sie mich bei der Gelegenheit daran erinnerte, dass sie es war, die mich im fernen Jahr 2008 dazu überredet hat, mit der supereinfachen WordPress-Software einen Blog zu schreiben. Perfiderweise brachte sie auch einen meiner Texte zur Sprache, in dem sie ein beeindruckendes Beispiel einer historischen Fehleinschätzung sah: Ein Text, den ich im noch ferneren Jahr 1997 über Mobiltelefone (so nannte man das damals noch, liebe Kinder, es waren Geräte, groß und schwer wie Dampfbügeleisen, wenn man damit zu lange telefoniert  hatte, glühte das Ohr) geschrieben habe, eine gut bezahlte Auftragsarbeit, was soll ich sagen: Ich war jung und brauchte das Geld.

Der Italiener an meiner Seite reibt mir übrigens bis heute unter die Nase, dass ich mich über sein erstes Handy (es war ein Motorola und sah aus wie ein Satellitentelefon, mit dem man auch in den Bergen Afghanistans eine Konferenzschaltung hinkriegt) aufgeregt habe, ich hätte angeblich sogar dafür plädiert,  den Gebrauch von Handys in Restaurants zu verbieten, ähnlich wie das Rauchen. Meine Handy-Aversion legte sich schlagartig, als mir meine Mutter das erste Handy schenkte, welches ich kurz darauf in einem Münchener Taxi verlor, weshalb ich in Tränen aufgelöst den Italiener an meiner Seite anrief, der dann seinerseits mein Handy so lange anrief, bis der Münchener Taxifahrer es endlich unter dem Autositz klingeln hörte und mir zurückbrachte. Ich habe ihm fünfzig Mark geschenkt, dem Taxifahrer.

Hier also der Text:

Nach dem Pferdeschwanz, dem Knopf im rechten Ohr und Calvin Kleins Unterhosen sind die Männer wieder mal einer geschmacklichen Verirrung erlegen: dem Funktelefon, kurz und neckisch „Händi“ genannt. (öbrigens: Heißt der Computer bei solchen Männern Compi, der Mercedes Merci und ihre Frau Susi?? Etwa so: „Gerade hab‘ ich Susi aus dem Merci mit dem Händi angerufen“?)

Eine Frau mit Stil jedenfalls hat einen Sekretär oder mindestens einen Anrufbeantworter und denkt nicht im Traum daran, jeden Anruf selbst und noch dazu in jeder Lebenslage entgegenzunehmen. Aber Männer sind sich ja für nix zu blöd. Kein Herrenmagazin von Rang kommt mehr ohne eine Doppelseite mit den neuesten 113-Gramm-Modellen aus, jeder Gemüsehändler glaubt sich unersetzlich und will immer und für alle erreichbar sein.

Seither klingelt es überall: im Bett, im Restaurant, auf der Straße, im Beichtstuhl, auf dem Klo.

Natürlich ist die Welle aus Italien nach Deutschland geschwappt, einem Land, in dem das Mitteilungsbedürfnis existentiell („Ich telefoniere, also bin ich“) ist. Umberto Eco meinte zwar, dass nur drei Kategorien von Menschen das Recht auf ein Telefonino haben: Behinderte, Politiker und Ehebrecher, aber diese Erkenntnis ist noch nicht nach Deutschland vorgedrungen. Hier sind die Männer, die normalerweise nicht mehr als „Hm, hm, hm, aha, aha“ am Telefon rauskriegten, und es nicht mal schafften, die Grundgebühr zu vertelefonieren, neuerdings von einer ungermanisch zu nennenden Geschwätzigkeit befallen. Kein Mann kann sich mehr vorstellen, dass es mal ein Leben ohne Händi gab. Was man sich da hatte alles verkneifen müssen! Im Flughafenbus wird gleich nach der Landung, klapp-klapp, das kleine schwarze Monstrum ans Ohr gehalten, um was mitzuteilen? Die unverzichtbare Botschaft: „Hilde, ich bin jetzt im Bus. Gerade gelandet.“ (mehr …)

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Immer noch und mehr denn je: No!

Samstag, 03. Dezember 2016

Wir befinden uns im Jahre 2016 nach Christi. Alle deutschen Redaktionen sind von Renzi-Freunden besetzt? Nein! Unversehens tauchen aus dem Nichts hier und da Unbeugsame auf. Zum Beispiel in der TAZ, wo Marco D’Eramo versucht hat, den Deutschen das Referendum zu erklären, nachzulesen hier.

Von zehn jungen Italienern sind vier arbeitslos; das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) bewegt sich gerade so auf dem Niveau von vor 15 Jahren; die Neueinschreibungen an den Universitäten haben sich zwischen 2004 und 2015 um 20 Prozent verringert; gemessen am BIP, liegen die Ausgaben für Forschung und Innovation bei weniger als der Hälfte von denen in Deutschland und Österreich und bei einem Drittel der Ausgaben in Schweden; der Sekundäranalphabetismus nimmt zu; das Land deindustrialisiert sich; die Korruption frisst nach vorsichtigen Schätzungen 60 Milliarden Euro im Jahr, die Steuerhinterziehung nimmt sich noch mal 90 Milliarden. Und erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nimmt die Lebenserwartung der Italiener nicht zu, sondern ab. (…) Keines der eingangs aufgezeigten dramatischen Probleme wird von dieser Reform angegangen. (…)

Und doch wird dieses Referendum in den ausländischen Medien – mit der bemerkenswerten Ausnahme der britischen Wochenzeitung The Economist – als entscheidend angesehen, in seiner Bedeutung gleichauf mit der Abstimmung über den Brexit oder mit den französischen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr.
Doch am Sonntag stehen sich nicht ein Votum „für das bestehende System“ und für ein „populistisches“ gegenüber. Wenn das Nein bei dem Referendum siegt – dann ändert sich erst mal gar nichts. Die Italiener stimmen nicht über den Italexit ab, auch wenn die Panikkampagne der Finanzindustrie via Wall Street Journal und Financial Times die Katastrophe ausruft: Austritt aus dem Euro, Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems et cetera. Dass man mit solchen Warnungen vor der Apokalypse einen Wahlausgang beeinflussen könnte, hat sich schon beim Brexit als Irrtum erwiesen. Wie der Economist sagte: „Die Italiener dürfen sich nicht erpressen lassen.“

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NO! Zur italienischen Verfassungsreform und zum Lobbyjournalismus meiner deutschen Kollegen.

Sonntag, 27. November 2016

Jetzt mal echt. Ich hatte wirklich die Absicht, mich nicht mehr zu äußern, zur geplanten Verfassungsreform in Italien. Eigentlich ist dazu alles gesagt. Aber leider bombardieren mich meine geschätzten deutschen Kollegen derart mit ihrer –  ja, wie soll ich es nennen? Lobbyjournalismusarbeit? – dass ich mich noch mal aufgerafft habe, kurz zur Erinnerung die wesentlichen Argumente aufzuführen, die gegen die Verfassungsreform sprechen:

Nicht der Senat wird abgeschafft, sondern die Möglichkeit, die Senatoren direkt zu wählen.
Die Verfassungsreform beschleunigt auch nicht die Regierungsgeschäfte: Der Senat existiert nach wie vor, nur nicht mehr in der ursprünglichen Form: Im „neuen“ Senat sitzen Bürgermeister und regionale Abgeordnete, die nicht gewählt, sondern von den Parteien bestimmt werden und die nach wie vor ihre Zustimmung zu den Gesetzen geben müssen – was zwar nur noch eine Formalität ist, weil die Zustimmung sicher ist, aber dennoch Zeit kostet. Überdies kommen auf diese Weise Bürgermeister und regionale Abgeordnete in den Genuss der parlamentarischen Immunität, der venezianische Bürgermeister Orsoni etwa, der wegen des Schmiergeldskandals der venezianischen Hochwasserschleuse vor Gericht steht, hätte gar nicht verklagt werden können.
Und wie der italienische Rechnungshof ausgerechnet hat, wird es auch nicht billiger: Durch die Reform würden weniger als 40 Millionen Euro gespart – das Gleiche wäre erreicht worden, wenn man den Senatoren 10 Prozent der Bezüge gekürzt hätte, ohne dafür die Verfassung anrühren zu müssen.

 

Über die grassierende Renzimanie in den deutschen Medien habe ich mich ja schon öfter gewundert, zuletzt hier, wo ich mein Erstaunen darüber äußerte, wie sehr sich die deutsche Presse für einen Ministerpräsidenten einsetzt, dessen Königsmacher und engster Vertrauter Denis Verdini ist, der bereits wegen Korruption verurteilt wurde und gegen den fünf weitere Klagen laufen: Verdacht auf kriminelle Vereinigung, Korruption, betrügerischer Bankrott, einfacher und schwerer Betrug zu Lasten des italienischen Staates. So weit, so schrecklich.

Aber da ahnte ich noch nicht, zu welcher Höchstform meine Kollegen auflaufen würden, je näher der Wahltag des Referendums zur Verfassungsreform, der 4. Dezember rückt: Man könnte meinen, es würde nicht in Italien, sondern in Deutschland gewählt.

Italiens Schuldendrama wird zur Bedrohung für Europa“ weiß Spiegel online. Die Süddeutsche warnt: „Bitte anschnallen„, wobei sich der SZ-Korrespondent verdient gemacht hat, von Renzi  für seinen unverdrossenen Agitprop mit der goldenen Feder ausgezeichnet zu werden, allein für sein „Renzi droht in dem Sumpf zu versinken, den er trockenlegen wollte“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung warnt vor der nächsten Eurokrise, für den Fall, dass die unbelehrbaren Italiener es wagen sollten, gegen die Verfassungsreform zu stimmen, für die Tagesschau handelt es sich um nichts Geringeres, als um eine Abstimmung über „Renzi und die Mutter aller Reformen“, und ich könnte jetzt noch stundenlang weiter Artikel auflisten, in denen deutsche Journalisten Renzi und seine Verfassungsreform so lobpreisen, wie ich es zuvor bereits in der italienischen Presse gelesen habe – einer Presse, die in überwältigender Mehrheit Parteien, parteinahen Unternehmensverbänden, parteinahen Industriellen und vorbestraften Multimilliardären mit eigener Partei gehört. Und die zudem staatlich subventioniert wird, was zu gewissen Liebesdiensten gegenüber den Geldgebern stimuliert. Selbst der deutsche Innenminister (Innenminister!!) Thomas De Maizière fühlte sich genötigt, „Matteo Renzis Mut“ zu loben, die italienische Verfassung zu ändern, was zwar die Italiener befremdete (De Maizière wollte offenbar nicht hinter Obama, Angela Merkel, Jean-Claude Juncker zurückstehen, die alle bereits Renzi beigesprungen sind) nicht aber die deutschen Medien.

Als Journalistin finde ich die (nicht gekennzeichnete) Parteinahme der deutschen „Qualitätsmedien“ im Hinblick auf das bevorstehende Referendum in Italien beschämend. Keiner meiner Kollegen (ich lasse mich aber gerne belehren, falls jemand EINEN, auch nur einen Artikel gelesen hat, der die Gründe benannt hat, die GEGEN die Verfassungsreform sprechen) hat den Lesern erklärt, welche Interessen sich hinter dieser „Reform“ verbergen.

Etwa die von J.P. Morgan, keine Geringere als die größte Bank der Welt. Die gibt in ihrem 2013 erschienen Bericht über die europäische Wirtschaftskrise ein paar Tipps, wie diese zu meistern sei. Der Süden Europas müsse nicht wirtschaftlich, sondern politisch reformiert werden:

In the early days of the crisis, it was thought that these national legacy problems were largely economic: over-levered sovereigns, banks and households, internal real exchange rate misalignments, and structural rigidities. But, over time it has become clear that there are also national legacy problems of a political nature. The constitutions and political settlements in the southern periphery, put in place in the aftermath of the fall of fascism, have a number of features which appear to be unsuited to further integration in the region. When German politicians and policymakers talk of a decade-long process of adjustment, they likely have in mind the need for both economic and political reform.

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Der vermeintliche Türöffner

Dienstag, 22. November 2016

Über die Umtriebe von Francesco Sbano, dem „Mafia-Experten“ der anderen Art, habe ich in diesem Blog schon öfter geschrieben. Sbano war nicht nur geschätzter Mitarbeiter des SPIEGEL, von Spiegel-Online und dem BR, sondern in Berlin auch zu Gast im Haus der Kulturen, was die Antimafia-Organisation Mafia? Nein danke! dazu veranlasste, einen Protestbrief zu verfassen.

Heute hat die Taz über Sbanos Verurteilung in Reggio Calabria berichtet:

ROM taz | „Saugefährlich“ sei das, was er tue – als Mafiakenner, der ganz nah dran ist: So inszenierte sich Francesco Sbano im Spiegel-Online-Interview, aber auch sonst immer gern als einer, der genau Bescheid weiß über die in Kalabrien aktive ‚Ndrangheta und ihre Bosse.

In Deutschland hat der 53-jährige Kalabrese angeblich 150.000 Stück seiner drei CDs mit Songs der ‚Ndrangheta verkauft – Liedgut, in denen sich die Bande ihrer Mordtaten brüstet. Vor allem aber fungierte Sbano als Fotograf und „Türöffner“ für Spiegel-Autoren. In deren Texten, die auch auf Spiegel Online erschienen, wurde er als Vermittler zitiert. Auch der Bayerische Rundfunk nutzte seine Dienste. Mehr oder minder naiven deutschen Journalisten nämlich vermittelt Sbano gern mehr oder minder pittoreske ‚Ndrangheta-Bosse zum Interview, in dem sie richtig auspacken, ganz so, als gebe es in ihrem Verein kein Schweigegebot – oder als sei es kurz mal ausgehebelt, wenn Herr Sbano hilft.

Nicht umsonst trägt ein Buch Sbanos den widersinnigen Titel: „Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“. Dabei heißt einer der Songs, die Sbano auf CD veröffentlichte, eben „Omertà“ , und in einem anderen Lied erfahren wir: „Es gibt keine Gnade für den, der verraten hat“. Und irgendwie hat der Mafiaexperte sich wohl anstecken lassen von dem Ton, der bei jenen bösen Burschen herrscht, die er so gut zu kennen behauptet. Am 28. Februar 2012 (die taz berichtete) jedenfalls tauchte er im Anti-Mafia-Museum von Reggio Calabria auf, wo gerade eine Schulklasse erfahren wollte, was die Bosse ihrer Region so treiben. Experte Sbano hätte da etwas beitragen können, doch ihn trieben andere Sorgen um.

„Ich mache euch fertig, euch und diese Hure!“, brüllte der Ausnahme-Investigativ-Journalist. Ungerechtfertigt habe das Museum seine Songs auf Veranstaltungen genutzt, ohne für die Rechte zu zahlen. Doch offenkundig saß das Problem tiefer: „Diese Hure“ – die Journalistin Francesca Viscone – hatte es sich erlaubt, Sbanos Werk in Zweifel zu ziehen, hatte die Frage gestellt, ob er nicht ganz leise dabei sei, die ‚Ndrangheta zu verherrlichen: als wahren Ausdruck kalabresischer Kultur und Lebensart.

Und dann lobte er sich, nach Aussagen aller Zeugen, auch noch dafür, was für ein Star er dagegen in Deutschland sei. Die Kinder im Hof des Anti-Mafia-Museums dürften diesem Auftritt eines Möchtegernbosses wohl einigermaßen fassungslos zugeschaut haben. Sbano trug sein immerhin anderthalb Stunden langer Wutanfall („du weißt nicht, wen du vor dir hast!“) nun am 5. Oktober die Verurteilung zu 40 Tagen Gefängnis ein, wegen Verleumdung.

In Italien konnte man die Faszination, die dieser Experte auf die Deutschen ausübte, nie nachvollziehen. Mal schauen, wie es der BR (der gegenüber der taz betont, Sbano nur einmal beschäftigt zu haben) und vor allem der Spiegel , der Sbano mehrfach einsetzte, zuletzt 2014, seitdem aber keinen Kontakt mehr zu ihm habe, wie ein Sprecher sagt – wie es all die deutschen Medien eben, die ihm bisher ein Forum geboten haben, in Zukunft mit dem Kenner und seinen schaurig-schönen Bossen in Kapuzenshirts halten.

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#ErectionNight

Sonntag, 13. November 2016

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(„Er nennt sich Trump. Aber in Wirklichkeit ist er es immer noch.“)

Dieses Bild ging am Morgen nach dem Trump-Sieg durch die (italienische) Social-Media-Welt. Hashtag: #ErectionNight.

Zwanzig Jahre Berlusconi haben uns gestählt. Weshalb am Morgen danach in Italien fast jeder an B. und an Bunga-Bunga dachte.

Als B. damals gewählt wurde, habe ich auch gedacht: Die haben einen Knall, die Italiener. Und auch damals war jedem klar (selbst vielen, die B. gewählt haben), dass B. bei jedem Atemzug log und seine Geschichte vom Selfmademillionär, Verzeihung, ein Scheißdreck war. Damals wussten zwar nur wenige gut informierte Menschen von Berlusconis Verbindungen zur Mafia und von den Ermittlungen zu ihm und seinem Mafia-Buddy Marcello Dell’Utri. Ermittlungen, von denen übrigens der Antimafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino in seinem letzten Interview gesprochen hat – bevor er in die Luft gesprengt wurde. Aber ob es die Berlusconi-Wähler abgeschreckt hätte? Nicht unbedingt. Viele hätten einfach nur gesagt: Was spricht gegen gute Beziehungen?

Ich hätte mir damals auch gewünscht, dass die Italiener anders gewählt hätten. Aber sie haben nicht auf mich gehört.

Stattdessen begriff ich nach und nach, dass zumindest die erste Wahl von B. auch eine Protestwahl war. Ein Protest gegen (mehr …)

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Italiano per principianti (Renzimania)

Montag, 10. Oktober 2016

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Di recente sono stata di nuovo a Castiglioncello, quella piccola località balneare in Toscana dove tanti, tanti anni fa (le donne non indicano mai il numero esatto degli anni) avevo imparato l’italiano. Ebbi problemi soprattutto con il passato remoto, peggio ancora il congiuntivo, dico solo: congiuntivo trapassato. L’italiano ha tempi che un tedesco non riesce nemmeno ad immaginare, figuriamoci a coniugare.

Per riprendermi dalle insidie della grammatica italiana, nel pomeriggio prendevo le mie tabelle dei verbi e mi recavo in spiaggia. Con mia grande sorpresa, gli italiani presenti in spiaggia non discutevano di olio solare ma del sistema di finanziamento illecito dei partiti da parte di socialisti e democristiani, di abuso d’ufficio e mazzette, di collusioni con la mafia e complotti di morte. E discutendo non utilizzavano affatto il passato che avrebbe indicato un avvenimento compiuto nel passato e nemmeno il congiuntivo che avrebbe indicato incertezza, possibilità, desiderio, preoccupazione o paura. Nessuna traccia nemmeno del congiuntivo trapassato che, come mi assicurava il mio libro di grammatica, viene usato per descrivere un fatto che “viene percepito come irreale oppure in modo soggettivo”. Tutt’altro, loro parlavano al indicativo presente, forma temporale che, sempre secondo la mia grammatica, “indica un evento reale nel presente”. Avvenimenti di cui non avevo mai sentito parlare, nonostante fossi una giornalista. E leggessi almeno tre quotidiani tedeschi al giorno.

Poco tempo dopo mi trasferii in Italia. Quello di cui avevo sentito parlare in spiaggia era ormai diventato oggetto di processi nelle aule dei tribunali. E così diventai testimone di come il sistema dei partiti italiani fosse risucchiato nelle tenebre dello scandalo delle mazzette e della corruzione, di come i due giudici antimafia, Giovanni Falcone e Paolo Borsellino, vennero fatti saltare in aria, di come il sette volte presidente del consiglio Giulio Andreotti venne condannato per collusione con la mafia e di come Silvio Berlusconi andò al potere a cui rimase incollato per quasi 20 anni. Finché non venne Matteo Renzi. Il rottamatore autoproclamato. Che volle sbarazzarsi di tutti: della classe politica dirigente “la peggiore di tutti i tempi”, dei sindacati, degli slogan della sinistra, dei “teorici dell’intrallazzo con Berlusconi”. E per questo venne acclamato come un Messia non solo dalla stampa tedesca, ma da quasi tutta la stampa estera.

Ora si potrebbe obiettare che dopo 20 anni di Berlusconi ognuno poteva essere acclamato. Persino Massimo D’Alema, l’ex capo dei comunisti, venne applaudito quando per poco tempo prese il posto di Berlusconi – solo per abolire poi in perfetta sintonia con quest’ultimo la legge sui pentiti di mafia. Così come venne festeggiato Romano Prodi, quando sostituì temporaneamente Berlusconi – chiudendo un occhio sul fatto che Prodi scelse Clemente Mastella come Ministro della Giustizia, un uomo che aveva dimostrato una certa confidenza con la criminalità organizzata ed il cui primo atto da ministro fu un enorme condono del quale approfittò non solo Silvio Berlusconi ma anche numerosi mafiosi che immediatamente ripresero i loro affari.

Però non voglio essere ingrata, gli anni di Berlusconi sono anni da cani e come tali valgono per sette. E sono sollevata di non dover più leggere storie sul bunga-bunga, sui precedenti penali di Berlusconi o sui suoi lifting. Al posto di ciò mi ritrovo nei media tedeschi ovazioni per la riforma elettorale di Renzi, standing ovation per la sua riforma costituzionale, corone d’alloro per i suoi vari annunci, hashtag e post su Facebook.

Vorrei poter presumere che tutto questo giubilo sia il frutto di una profonda analisi politica – se non fosse che l’avevo già letta il giorno prima nei media italiani, quei media che per la stragrande maggioranza appartengono a partiti, ad associazioni di imprenditori vicine ad essi, ad industriali affini a partiti oppure multimiliardari pregiudicati con un proprio partito. E che per di più prendono lauti sussidi statali il che favorisce certi servizi d’amore.

A maggior ragione sorprende quindi se persino il settimanale SPIEGEL dedica due pagine ad un giornalista come Giuliano Ferrara per un elogio a Renzi dal titolo “Uno come Berlusconi: i motivi per cui mi sono innamorato di Renzi”. Pochi lettori tedeschi presumibilmente sanno che Ferrara che era un dirigente dei comunisti quando suo padre era senatore per il Partito Comunista Italiano, dopo la caduta del muro di Berlino divenne sostenitore di Craxi sotto il governo Craxi, poi berlusconiano sotto Berlusconi ed ora ovviamente renziano sotto Renzi. E che come caporedattore del berlusconiano “Il Foglio” si fece carico di campagne diffamatorie di ogni tipo per screditare gli avversari politici di Berlusconi, dissidenti interni al partito o procuratori a capo delle indagini. Su youtube si può ammirare una delle performance di Ferrara mentre con una parrucca rossa canta imitando Ilda Boccassini, la rossa PM di Milano a capo del processo per abuso d’ufficio e prostituzione minorile a carico di Berlusconi.

Un partecipante del corso di italiano per progrediti (“Studio di strutture sintattiche complesse”) sarebbe probabilmente sconvolto, se sulla spiaggia di Castiglioncello ancora oggi venisse a sapere cose sorprendenti sull’Italia. Come per esempio sulla sciagurata alleanza tra il Presidente del consiglio Matteo Renzi e Denis Verdini, il confidente di Berlusconi – un argomento di discussione, non solo perché sia Renzi che Verdini sono toscani, ma perché questa amicizia è il perno del sistema di potere di Renzi: non appena il potere politico di Berlusconi è scemato, Verdini è saltato sul treno di Renzi con una valigia piena di condanne per corruzione e cinque indagini pendenti, per sospetto di associazione a delinquere, corruzione, bancarotta fraudolenta, frode e frode grave a carico dello Stato italiano.

Le indagini per associazione criminale a carico di Verdini e i suoi complici vengono chiamate P3 e P4 – una allusione alla loggia segreta “P2”: quella rete di militari, servizi segreti, boss mafiosi e altri personaggi di spicco della società, che all’inizio degli anni ’80 pianificò in Italia un colpo di stato delle destre. Verdini viene accusato di violazione del segreto istruttorio, estorsione, favoreggiamento e abuso d’ufficio – evidentemente predestinandolo al ruolo di incoronatore: prima organizzò per Matteo Renzi un pranzo a Villa Arcore da Berlusconi e poi fu decisivo nella stretta del “Patto del Nazareno”. Così chiamato secondo la sede romana del PD, dove Renzi incontrò Berlusconi, dopo essersi insediato a gamba tesa alla Presidenza del Consiglio, per gettare le basi di ciò che accade oggi in Italia: modificare più di un terzo della Costituzione e ridurre il Senato al silenzio.

“Vuoi restare al potere? Io sono il tuo taxi, ti porto da Berlusconi a Matteo”, così Verdini pare aver promesso ai suoi in un ristorante romano. Effettivamente tra Parlamento e Senato non si sono mai visti così tanti voltagabbana come in questa legislatura. Ciò nonostante, per due complici di Verdini, accusati di aver fondato con lui l’associazione a delinquere, la proposta è arrivata troppo tardi: l’ex senatore Marcello Dell’Utri, braccio destro di Berlusconi, è in galera per concorso esterno in associazione mafiosa, così come l’ex sottosegretario all’Economia di Forza Italia Nicola Cosentino.

Il Patto del Nazareno è stato poi sciolto non appena un numero sufficiente di traditori ebbe cambiato casacca passando dalla parte di Renzi e permettendogli di governare – anche contro gli avversari all’interno del suo stesso partito. Al volo trasformò la legge elettorale vigente detta Porcellum nell’ Italicum, grazie al quale sperava di arginare la voglia di creare partitini da parte dei compagni di sinistra: nessuna coalizione di partiti, bensì un partito che, eletto con il 40 per cento dei voti, ottiene un premio di maggioranza pari al 54 per cento dei seggi in Parlamento. Se nessuno dovesse raggiungere il 40 per cento al primo turno, i due partiti che hanno ottenuto più voti si affronterebbero al ballottaggio.

“Mai più situazioni italiane” titolava la Frankfurter Allgemeine Zeitung quando si occupò della nuova legge elettorale. Un enorme e diffuso malinteso: sì, sicuramente l’Italia conta ben 63 governi nel dopoguerra – ma sempre con gli stessi volti. Soprattutto l’Italicum contiene tutte le porcherie della vecchia legge elettorale. Anche in futuro gli elettori non potranno votare i candidati, ma solo i partiti – un acquisto a scatola chiusa, visto che saranno i partiti che potranno nominare a parlamentare chi fa loro più comodo. E siccome è irrilevante quanti voti ottiene un partito alla prima tornata elettorale, esso potrebbe governare vincendo al secondo turno, nonostante un esiguo supporto anche solo del 20 per cento degli votanti – fatto questo fortemente criticato dall’associazione “Libertà e Giustizia” fondata a suo tempo da Umberto Eco in opposizione a Berlusconi.

La legge elettorale era appena andata in porto, e subito Renzi iniziò a rullari i tamburi per la riforma costituzionale – contro la quale si sono già schierati non solo l’ex presidente della Corte costituzionale assieme ad altri 56 costituzionalisti, ma anche innumerevoli noti giuristi, intellettuali, giornalisti, scrittori e artisti – che vedono la riforma costituzionale soltanto un grande gioco delle tre carte: il Senato non viene affatto abolito, soltanto silenziato. In futuro in Senato non siederanno più senatori eletti dai cittadini, bensì sindaci e consiglieri regionali scelti dai partiti – che in questo modo godranno anche dell’immunità parlamentare. Una “riforma secolare” che Berlusconi poteva soltanto sognare: grazie ad essa avrebbe potuto eliminare tutti i critici e pubblici ministeri che indagavano su di lui – le leggi potrebbero essere approvate in tempi record e senza alcuna opposizione.

“Operazione convinzione” esultò la Süddeutsche Zeitung – un giornale che avrebbe istigato a una piccola o anche una grande rivolta se una tale “riforma” fosse stata anche solo stata pensata per la Germania. Ma in Italia? Oh cielo, la conosciamo. Non diceva già il poeta Giacomo Leopardi dei suoi connazionali: “Essi non si consolano di cosa alcuna più facilmente che della perdita anche totale (giusta o ingiusta che sia) dell’opinione pubblica, e stimano ben dappoco chi pospone a questo fantasma i suoi interessi e i suoi vantaggi reali …” Per l’Italia valgono altri standard morali. Anche nell’informazione.

A prescindere dal fatto che le riforme di Renzi hanno un certo retrogusto perché ricordano il “piano di rinnovamento democratico” della loggia segreta P2, la nuova legge elettorale potrebbe diventare per lui un autogoal: in caso di ballottaggio non vincerebbe il PD di Renzi, bensì il Movimento Cinque Stelle.

E qua inizia a diventare interessante. Anche per la stampa estera. Che, quando si tratta del più grande partito di opposizione in Italia, ha la stessa bava alla bocca della stampa filogovernativa italiana.

Mi chiedo come avrebbe reagito la Germania se all’inizio degli anni ‘80 la stampa italiana avesse descritto l’ingresso dei Verdi nel Bundestag tedesco con la stessa malignità che si nota oggi nei confronti del Movimento Cinque Stelle.

Dico solo: “Populisti chiassosi”, “oppositori fondamentalisti”, “antipolitica”. In quanto ad eterogeneità i Verdi di allora potrebbero benissimo competere con il Movimento Cinque Stelle. Eppure ce l’hanno fatta più di qualunque altro partito tedesco a cambiare la cultura politica del nostro paese.

Forse non sarebbe male chiudere gli occhi per cinque secondi ed immaginare di vivere in un paese governato per 40 anni da Giulio Andreotti e poi per 20 anni da Silvio Berlusconi, un paese, in cui negli ultimi decenni non esisteva alcuna opposizione, perché il PD si è sempre arrangiato al meglio con B., e dove politici dell’establishment vengono arrestati quasi quotidianamente per frode, corruzione, sostegno alla mafia ed altre inezie.

Personalmente non perdo la speranza che un giorno sulla spiaggia di Castiglioncello si parli di tutto ciò al “passato remoto”, il tempo usato per esprimere azioni svolte e terminate nel passato, senza alcun riferimento al presente.

É il tempo verbale principale della letteratura.

(Traduzione di „Italienisch für Anfänger„, una versione leggermente più corta è stato pubblicato da die Tageszeitung)

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Italienisch für Anfänger (Renzimanie)

Dienstag, 02. August 2016


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Neulich war ich zum ersten Mal wieder in Castiglioncello, dem kleinen toskanischen Badeort, in dem ich (Damen nennen keine Zahlen) vor langer, langer Zeit Italienisch gelernt habe. Besonders das passato remoto machte mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.

Um mich von den Tücken der italienischen Grammatik zu erholen, ging ich mit meinen Verbtabellen nachmittags an den Strand, wo die Italiener zu meiner Überraschung nicht über das beste Sonnenöl, sondern über das System der illegalen Parteienfinanzierung von Sozialisten und Christdemokraten redeten, über Amtsmissbrauch und Bestechungsgelder, über Mafiaverwicklungen und Mordkomplotte, wobei sie weder das historische Perfekt benutzten, was ja eine abgeschlossene Handlung der Vergangenheit ausgedrückt hätte, ohne jeden Gegenwartsbezug, noch den Konjunktiv, mit dem man Unsicherheit, Möglichkeit, Wunsch, Sorge und Furcht verdeutlicht hätte. Selbst vom congiuntivo trapassato, mit dem man einen Sachverhalt beschreibt, der laut meiner Grammatik „entweder als irreal angesehen oder subjektiv betrachtet wird“ war keine Spur, nein, sie sprachen im Indikativ Präsenz, einer Zeitform, die man benutzt, wie meine Grammatik versicherte, „um ein tatsächliches Ereignis in der Gegenwart zu beschreiben“. Ereignisse, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Und das, obwohl ich Journalistin war. Und drei deutsche Tageszeitungen täglich las.

Wenig später zog ich nach Italien. Die Gesprächsthemen vom Strand waren nun Gegenstand von Gerichtsprozessen. Ich wurde Zeugin, wie das italienische Parteiensystem im Orkus des Schmiergeldskandals verschwand, die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in die Luft gesprengt wurden, der siebenfache Ministerpräsident Giulio Andreotti wegen Unterstützung der Mafia verurteilt wurde und Silvio Berlusconi an die Macht gelangte – an der er fast zwanzig Jahre festkleben sollte. Bis Matteo Renzi kam. Der selbsternannte Verschrotter. Der alle loswerden wollte: die politische Führungsklasse, „die schlechteste, die wir je hatten“, die Gewerkschaften, die linken Parolen, die „Theoretiker des Mauschelns mit Berlusconi“. Und dafür nicht nur von der deutschen, sondern von nahezu der gesamten Auslandspresse wie ein Messias bejubelt wurde. (mehr …)

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