Kategorie: Mafia in Deutschland

Der vermeintliche Türöffner

Dienstag, 22. November 2016

Über die Umtriebe von Francesco Sbano, dem „Mafia-Experten“ der anderen Art, habe ich in diesem Blog schon öfter geschrieben. Sbano war nicht nur geschätzter Mitarbeiter des SPIEGEL, von Spiegel-Online und dem BR, sondern in Berlin auch zu Gast im Haus der Kulturen, was die Antimafia-Organisation Mafia? Nein danke! dazu veranlasste, einen Protestbrief zu verfassen.

Heute hat die Taz über Sbanos Verurteilung in Reggio Calabria berichtet:

ROM taz | „Saugefährlich“ sei das, was er tue – als Mafiakenner, der ganz nah dran ist: So inszenierte sich Francesco Sbano im Spiegel-Online-Interview, aber auch sonst immer gern als einer, der genau Bescheid weiß über die in Kalabrien aktive ‚Ndrangheta und ihre Bosse.

In Deutschland hat der 53-jährige Kalabrese angeblich 150.000 Stück seiner drei CDs mit Songs der ‚Ndrangheta verkauft – Liedgut, in denen sich die Bande ihrer Mordtaten brüstet. Vor allem aber fungierte Sbano als Fotograf und „Türöffner“ für Spiegel-Autoren. In deren Texten, die auch auf Spiegel Online erschienen, wurde er als Vermittler zitiert. Auch der Bayerische Rundfunk nutzte seine Dienste. Mehr oder minder naiven deutschen Journalisten nämlich vermittelt Sbano gern mehr oder minder pittoreske ‚Ndrangheta-Bosse zum Interview, in dem sie richtig auspacken, ganz so, als gebe es in ihrem Verein kein Schweigegebot – oder als sei es kurz mal ausgehebelt, wenn Herr Sbano hilft.

Nicht umsonst trägt ein Buch Sbanos den widersinnigen Titel: „Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“. Dabei heißt einer der Songs, die Sbano auf CD veröffentlichte, eben „Omertà“ , und in einem anderen Lied erfahren wir: „Es gibt keine Gnade für den, der verraten hat“. Und irgendwie hat der Mafiaexperte sich wohl anstecken lassen von dem Ton, der bei jenen bösen Burschen herrscht, die er so gut zu kennen behauptet. Am 28. Februar 2012 (die taz berichtete) jedenfalls tauchte er im Anti-Mafia-Museum von Reggio Calabria auf, wo gerade eine Schulklasse erfahren wollte, was die Bosse ihrer Region so treiben. Experte Sbano hätte da etwas beitragen können, doch ihn trieben andere Sorgen um.

„Ich mache euch fertig, euch und diese Hure!“, brüllte der Ausnahme-Investigativ-Journalist. Ungerechtfertigt habe das Museum seine Songs auf Veranstaltungen genutzt, ohne für die Rechte zu zahlen. Doch offenkundig saß das Problem tiefer: „Diese Hure“ – die Journalistin Francesca Viscone – hatte es sich erlaubt, Sbanos Werk in Zweifel zu ziehen, hatte die Frage gestellt, ob er nicht ganz leise dabei sei, die ‚Ndrangheta zu verherrlichen: als wahren Ausdruck kalabresischer Kultur und Lebensart.

Und dann lobte er sich, nach Aussagen aller Zeugen, auch noch dafür, was für ein Star er dagegen in Deutschland sei. Die Kinder im Hof des Anti-Mafia-Museums dürften diesem Auftritt eines Möchtegernbosses wohl einigermaßen fassungslos zugeschaut haben. Sbano trug sein immerhin anderthalb Stunden langer Wutanfall („du weißt nicht, wen du vor dir hast!“) nun am 5. Oktober die Verurteilung zu 40 Tagen Gefängnis ein, wegen Verleumdung.

In Italien konnte man die Faszination, die dieser Experte auf die Deutschen ausübte, nie nachvollziehen. Mal schauen, wie es der BR (der gegenüber der taz betont, Sbano nur einmal beschäftigt zu haben) und vor allem der Spiegel , der Sbano mehrfach einsetzte, zuletzt 2014, seitdem aber keinen Kontakt mehr zu ihm habe, wie ein Sprecher sagt – wie es all die deutschen Medien eben, die ihm bisher ein Forum geboten haben, in Zukunft mit dem Kenner und seinen schaurig-schönen Bossen in Kapuzenshirts halten.

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Don Ciotti: „Die Mafia ist keine Welt für sich, im Gegenteil“

Samstag, 22. Oktober 2016

Vorgestern wurde Don Luigi Ciotti, Begründer der Antimafia-Bewegung „Libera“ im Goldenen Saal der Stadt Augsburg mit dem Mietek-Pemper-Preis für Versöhnung und Völkerverständigung ausgezeichnet. Ich hatte die Ehre, seine Laudatio zu halten.

Don Luigi Ciotti (Foto Peter Neidlinger)

Don Luigi Ciotti (Foto Peter Neidlinger)

Ich möchte Ihnen kurz schildern, wie meine erste persönliche Begegnung mit Don Ciotti aussah. Ich war nach Rom gefahren, weil die Antimafiaorganisation „Libera“ die „Generalstäbe der Antimafia“ versammelt hatte, in einem Auditorium in Rom, unweit vom Petersplatz.

„Die Generalstäbe der Antimafia“ – mir gefiel der Ausdruck sofort, weil es klingt, als träfe sich hier ein Kreis von ausgewählten Offizieren, die einen Umsturz planten; die Generalstäbe der Antimafia, das klingt kämpferisch, ja kriegerisch – und ist damit der richtige Ausdruck.

Denn Italien ist ein Land im Kriegszustand. Es ist ein Krieg, der seit mehr als siebzig Jahren andauert. Es ist ein Krieg der Mafia gegen die Schwachen. Gegen die Menschenwürde. Gegen die Selbstbestimmung. Gegen die Freiheit.

Es ist ein Krieg, der mit ungleichen Waffen geführt wird.

Die Mafia kämpft mit ihren Milliarden, mit Bomben und Kalaschnikows, mit Parlamentariern, die für sie Justizreformen durchsetzen, mit Unternehmern, mit Staranwälten und Verleumdungsklagen. Und ihre Gegner kämpfen mit bloßen Händen.

Die Generalstäbe der Antimafia, die ich in Rom sah, waren Studenten mit Spitzbärten, stark gepuderte Damen, die aussahen, als kämen sie gerade vom Nachmittagskaffee und kaugummikauende Journalisten. Es waren junge Priester, die ihre Priesterbinde gelockert hatten, Universitätsprofessoren in currybraunen Cordhosen und Mädchen mit ernstem Blick und Augenbrauenpiercing. Es waren militante Optimisten, die in Italien ehrenamtlich für die mehr als 1600 Antimafiavereinigungen von Libera arbeiten: Sekretärinnen, die ihre Freizeit dafür opfern, in Schulen Lesungen von Mafiabüchern zu veranstalten, Regisseure, die Theaterstücke gegen die Mafia inszenieren, Studenten, die via Facebook Protestmärsche gegen mafiose Parlamentarier organisieren und Mafiainfiltrationen in Stadträten anprangern. Auch Mafia-Aussteiger waren da, ehemalige Kronzeugen, für die Don Ciotti sich einsetzt, damit sie vom italienischen Staat nicht fallen gelassen werden, nachdem sie mit ihren Aussagen Prozesse gegen die Mafia ermöglicht haben, sondern dass ihnen am Ende ihrer Zusammenarbeit mit der Justiz eine neue Identität erstellt wird.

Es gibt Libera-Aktivisten in ganz Italien, nicht nur in Süditalien, auch in winzigen norditalienischen Dörfern – Antimafiakrieger, die nun alle durch das Foyer des Auditoriums in Rom liefen, weil das der Moment war, als ein Mädchen mit einem glitzernden Palästinenserschal um den Hals auf die Bühne stieg.

Es war ein Mädchen, deren Mutter in Neapel von der Camorra ermordet wurde – eine junge Mutter, die zufällig die Straße passiert hatte, als ein Boss ermordet werden sollte. Eine Kugel traf sie in die Schläfe. Ihre Tochter war damals zehn Jahre alt und sah vom Balkon der Wohnung aus, wie ihre Mutter erschossen wurde. Nun war sie siebzehn und las mit fester Stimme die Begrüßungsworte des Staatspräsidenten vor, der zu Mut und Tapferkeit aufrief und Gerechtigkeit versprach, und ich hörte, wie sich hinter mir jemand die Nase putzte.

Im Auditorium saßen auch Ehefrauen und Kinder von ermordeten Polizisten und Staatsanwälten, Brüder, Schwestern und Eltern von Mafiaopfern. Einige hatten mit dem Leben für ihren Kampf um Gerechtigkeit gezahlt, andere hatten sich nur durch Zufall zur falschen Zeit am falschen Ort befunden, als eine Bombe hochging, als sie bei einer Schießerei ein Querschläger getroffen hatte, als sie Augenzeuge einer Blutfehde geworden waren und deshalb beseitigt werden mussten.

Es war ein untröstliches und zorniges Volk, das da saß und seine Toten vor dem Vergessen bewahren wollte, mit Wikipedia-Einträgen und Gedenktagen, mit Stiftungen und Facebook-Gruppen. Es tat ihnen gut, sich nicht allein zu fühlen. Die Mafia versucht ihre Gegner stets zu isolieren, zu diskreditieren, zu verhöhnen, viele noch bis in den Tod.

Am Ende ging Don Ciotti auf die Bühne. Wie immer trug er einen dunkelblauen Seemannspullover, in dem er aussah wie ein Marinepfarrer. Don Ciotti prangerte eine Gesellschaft der Ungleichheit an, er geißelte den Egoismus, bis die Dekoblumen auf der Bühne wackelten und präsentierte eine Liste mit den Namen der Mafiatoten. Von 1893 bis heute. Und betonte zugleich, dass diese Staatsanwälte, Polizisten, Journalisten, Unternehmer, Händler – dass all diese unschuldigen Opfer der Mafia nicht gestorben sind, um eine Gedenkplatte zu zieren oder Ziel eines Gedenkmarsches zu werden. „Sie sind mit der Hoffnung gestorben“, sagte er, „dass andere, mit ihnen und nach ihnen für Gerechtigkeit kämpfen würden. Wir sind diese anderen.“

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Tischgespräch

Samstag, 30. April 2016

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Wer sich für Venedig, das Ruhrgebiet, ostpreußische Familien und die Mafia interessiert (im Wesentlichen das Gleiche, bis auf winzige Unterschiede …), dem sei das kurzweilige Tischgespräch empfohlen, das Gisela Steinhauer mit mir in Venedig für WDR 5 geführt hat. Nachzuhören hier.

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Deutschland offshore.

Freitag, 08. April 2016

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade in Palermo bin.

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(hier die etwas deprimierende Ansicht des Justizpalastes von hinten)

Jedenfalls klingt es hier so, als wollte man in Deutschland gerade mal ganz schnell das Rad neu erfinden, dank #PanamaPapers. Vulgo, die Geldwäsche in Deutschland spitzkriegen. (Auf Italienisch nennt man das: „Die Entdeckung des heißen Wassers.“) Auf allen Kanälen wird knallhart recherchiert: Spiegel online entdeckt „Deutschlands Kämpfchen gegen die Geldwäsche“ (schöne Überschrift, muss man ihnen lassen):

Nicht zuletzt wegen laxer Geldwäschekontrollen gilt Deutschland inzwischen als beliebte Destination für die italienische Mafia. Sie soll beispielsweise in Erfurt Drogenerlöse in Restaurants und Unternahmen gesteckt haben. „Wenn ich Mafioso wäre, würde ich meine Gelder in Deutschland anlegen“, sagte der italienische Staatsanwalt Roberto Scarpinato. Lange konnten Mafiosi für Geldwäsche nicht zusätzlich belangt werden, wenn sie schon für das zugrundeliegende Delikt wie etwa Drogenhandel bestraft wurden. Erst vor Kurzem wurde ein Gesetz gegen diese sogenannte Eigengeldwäsche auf den Weg gebracht – auch darauf hatte die FATF (die Anti-Geldwäschegruppe der OECD) gedrungen.

 

Maybritt Illner wirft Deutschland vor, ein Hort der Geldwäsche zu sein, und die Süddeutsche Zeitung stellt fest, dass wir „Steuerkriminellen den roten Teppich ausrollen„:

SZ: Gerade reden alle über das mittelamerikanische Land Panama. Sie bezeichnen auch Deutschland als Steueroase. Warum?

Markus Meinzer: Steueroasen ermöglichen Ausländern, Gesetze ihrer Heimatländer zu brechen. Nach dieser Definition ist Deutschland eine Steueroase. Wir rollen Steuerkriminellen den roten Teppich aus, etwa weil Ausländer keine Steuer auf Zinserträge in Deutschland bezahlen müssen und eine Meldung ans Heimatfinanzamt unterbleibt. Außerdem haben deutsche Banker keinerlei Sanktionen zu befürchten, selbst wenn sie wissentlich und vorsätzlich bei der Hinterziehung ausländischer Steuern behilflich sind. Alle verfügbaren Studien zeigen: Wenn Menschen ihr Geld über die Grenze bringen, ist Steuerhinterziehung die Regel und nicht die Ausnahme. Damit ist Deutschland nicht nur Opfer von Steueroasen, sondern Teil des Problems.

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Deutschland, das Paradies der ‘Ndrangheta.

Mittwoch, 23. März 2016

Heute findet in Bologna der erste Verhandlungstag der Prozesses „Aemilia“ statt – ein Mafiaprozess, der nicht nur wegen seines Umfangs ( 147 Angeklagte, weitere 71 in einem getrennten, abgekürzten Verfahren) interessant ist, sondern weil er in Norditalien stattfindet. In einer reichen Region, die nicht nur für das klassische Made in Italy steht (Parmaschinken, Ferrari, Pasta von Barilla … jedenfalls, insofern die Firmen noch nicht ins Ausland verkauft worden sind, aber das ist eine andere Geschichte) – sondern auch für die Tatsache, sich gegen den „Virus“ Mafia immun zu glauben.

Wie Deutschland auch.

Und das ist nicht die einzige Parallele zwischen der Emilia Romagna und Deutschland: Wie in Deutschland sind hier seit über vierzig Jahren alle italienischen Mafiaorganisationen präsent: die ‘Ndrangheta, die kalabrische Mafia, die Camorra aus Kampanien und die sizilianische Cosa Nostra.

Einige Mafiosi kamen nach Norditalien, weil sie sich, wie es das italienische Recht damals vorsah, nachdem sie straffällig geworden waren, nicht mehr in ihren Heimatsregionen niederlassen durften. Andere kamen im Gefolge der Gastarbeiter, wie in Deutschland auch.

Norditalien ist reich – und damit bestens geeignet für die mafiosen Geschäfte: Was mit dem Kerngeschäft des Drogen- und Waffenhandels anfing, ging weiter mit der Bauindustrie, Müllbeseitigung und dem Immobilienhandel, aber auch mit der Lebensmittelindustrie: Im Grunde gibt es keine Branche, in der die Mafia nicht vertreten wäre. Wie die Antimafia-Staatsanwälte feststellen, handelt es sich hier schon lange nicht mehr um eine mafiose Infiltration: Die Mafia ist in Norditalien nicht hier und da eingesickert, sondern beherrscht große Teile der Wirtschaft. Ganz legal.

Allein 17 Ndrangheta-Clans, 4 Clans der Cosa Nostra und 3 Camorra-Clans sind in der Provinz Reggio Emilia aktenkundig – der Prozess Aemilia ist der erste große Prozess gegen die ‘Ndrangheta. Im Juli 2015 wurden Besitztümer und Unternehmen im Wert von 330 Millionen Euro beschlagnahmt – im Zentrum der Anklage steht der aus dem kalabrischen Crotone stammende Clan Grande Aracri. Die Anklage lautet auf Korruption, Geldwäsche, Stimmenkauf, Erpressung, Mord. Angeklagt sind nicht nur Mafiosi, sondern auch ihre Handlanger: Stadträte, Journalisten, Polizisten, Unternehmer. Und hier fängt es an, interessant zu werden.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht wurden die Geldgeschäfte fast immer über Deutschland abgewickelt. (mehr …)

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On the road again

Montag, 14. März 2016

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Mit Serena Vitale im Gepäck. Detmold, Stuttgart, München.

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Die Provinz der Bosse

Donnerstag, 11. Februar 2016

Heute mal wieder ein massives Déjà-Vu-Erlebnis gehabt, als ich auf der Medienseite der Taz las:

MDR muss schweigen

LEIPZIG | Eine Klage gegen die MDR-Dokumentation „Die Provinz der Bosse – die Mafia in Mitteldeutschland“ hat vorläufig Erfolg gehabt. In dem am 4. 11. 2015 ausgestrahlten Film wird ein
„Michele“ genannter Geschäftsmann erwähnt. Italienischen Ermittlern zufolge sei dieser der Mafiaorganisation ’Ndrangheta zuzurechnen. Bis 2013 habe er ein Steakhouse in Berlin besessen und sei derzeit aktiv bei der Expansion der ’Ndrangheta von Erfurt aus. In diesem „Michele“ erkannte sich der Kläger Maurizio Costanzo wieder und klagte auf Unterlassung. Das Landgericht gab ihm am 2. 2. 2016 recht
und verbot dem MDR bei Androhung eines Ordnungsgelds von bis zu 250.000 Euro, „ ‚Michele‘ wörtlich oder sinngemäß als  Mitglied der Mafiaorganisation ’Ndrangheta und/oder als Mitglied der ‚Erfurter Gruppe‘ zu bezeichnen“. Auf Anfrage teilte der MDR mit, dass Rechtsmittel gegen das Urteil geprüft würden.
(taz)

 

Also, Erfurt kommt mir irgendwie bekannt vor und Urteile dieser Art auch. Nennt sich auch: „Verdachtsberichterstattung“. Unter anderem berichtete damals der Rechtsanwalt Markus Kompa über meinen „Fall“. Praktisch muss jeder, der auf die verwegene Idee kommt, über die Mafia in Deutschland zu berichten, damit rechnen, verklagt zu werden – und den Prozess mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu verlieren. So geschehen bei Francesco Forgione, Autor des Buches „Mafia-Export“ , bei Jürgen Roth, als er sein Buch „Mafialand Deutschland“ veröffentlichte, und jetzt eben auch bei dem MDR. Inzwischen sind wir schon fast ein Club.

Der renommierte, auf Urheber-  und Medienrecht spezialisierte Rechtsanwalt Bernhard von Becker hat sich ebenfalls sehr ausführlich mit den Urteilen zu meinem Buch beschäftigt. Erwähnenswert scheint mir seine Schlussfolgerung:

Es geht in dem hier besprochenen Verfahren nicht darum, ob der Kläger der Mafia angehört oder nicht. Es geht vielmehr darum, ob und unter welchen Voraussetzungen in den Publikationen über die Mafia (die zunächst einmal wegen ihres Mutes zu rühmen sind) Verdachtsmomente wiedergegeben werden dürfen, die sich auf zahlreiche ernstzunehmende Quellen stützen. Es geht darum, ob Namen mutmaßlicher Beteiligter in diesem Zusammenhang unter behördlichem Verschluss zu bleiben haben oder von couragierten Autoren öffentlich genannt werden dürfen. Die aus der bislang bekannten höchstrichterlichen Rechtsprechung geläufigen Kriterien zur Bestimmung der Zulässigkeit der Verdachtsberichterstattung passen auf diese Form der Kriminalität nur eingeschränkt.

 

Und so gesehen, dürfte sich auch niemand mehr darüber wundern, dass es keine Mafia in Deutschland gibt.

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Palermo ist überall

Freitag, 15. Januar 2016

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Und dann war das noch in der Post: warme Worte der Salzburger Nachrichten über „Die Gesichter der Toten„.

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El Chapo, Sean Penn und Wolfgang W. Wieneke

Dienstag, 12. Januar 2016

Wer das Böse bekämpfen will, muss es erst mal kennenlernen, sagte Giovanni.

Ich habe kein Problem damit, mir die Hände schmutzig zu machen, wenn dabei eine gute Geschichte rauskommt.

Wenn man einen echten Einblick haben will, dann muss man sich der Wertung enthalten, sagte Giovanni.

Ganz deiner Meinung, sagte Wieneke. Journalisten sind weder Politiker noch Polizisten. Er blickte Giovanni erwartungsvoll an. Was meinst du, ist es möglich, an so einen Typen ranzukommen?

Giovanni nippte an einem Glas Wasser, das der Kellner zusammen mit dem Espresso serviert hatte, trocknete den Mund mit einer Papierserviette ab, tupfte über die Lippen und die Mundwinkel, faltete die Serviette so sorgfältig wie ein Kind in der Vorschule und legte sie beiseite.

Was für einen Typen meinst du?

Wieneke lachte. Komm, du weißt schon.

Nein, weiß ich nicht.

Na, so einen Boss.

Giovanni spielte mit seinem Feuerzeug, ein goldenes Zippo, achtzehn Karat. Angeblich hatte es ihm ein guter Freund geschenkt. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ das Feuerzeug nachlässig auf den Tisch gleiten.

Leicht ist das nicht.

Schon klar.

Mehr so eine Sache des Vertrauens. Lässt sich nicht einfach so übers Knie brechen.

Ich denke, dass Hamburg dafür auch was locker machen würde.

Es ist keine Frage des Geldes. Es kommt auf ein gewisses Fingerspitzengefühl an. Ein falsches Wort … Verstehst du, was ich meine? Schließlich bin ich es, der den Kopf für so etwas hinhält. Ich bin neutral, verstehst du?

 

So habe ich das in Palermo Connection beschrieben, als der Reporter, pardon, Investigativjournalist Wolfgang W. Wieneke den Fotografen Giovanni trifft – der ihm zu einem Scoop verhelfen soll: Ein Interview mit einem echten Mafiaboss.

Ist ja ein Klassiker: Furchtloser Reporter trifft supergefährlichen Boss unter supergefährlichen Umständen in einem supergeheimen Versteck. Stellt ihm verwegene Fragen und bekommt Antworten voll philosophischer Weisheit. Genau so hat sich das Sean Penn wohl auch vorgestellt, als er den vor kurzem verhafteten mexikanischen Drogenboss Joaquin Guzmánthe world’s most wanted drug lord, „El Chapo“, in seinem Versteck traf, um ihn für das bekannte Enthüllungsmagazin Rolling Stone zu interviewen.

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Wahrscheinlich wollte sich Penn als Hauptdarsteller für die Verfilmung des Lebens von El Chapo empfehlen, also praktisch method acting. Daniel Day Lewis lebte für seine Rolle als Der letzte Mohikaner monatelang in der Wildnis und ernährte sich nur von selbst erlegten Wild, Robert de Niro musste für seine Rolle als Jake LaMotta nicht nur Boxen lernen, sondern sich auch 27 Kilo Fett anfressen, so gesehen ist ein Interview mit einem Drogenboss in seinem Versteck definitiv die bessere Lösung.

Das Interview wurde kurz nach Guzmans Verhaftung unter dem schönen Titel „El Chapo speaks“ veröffentlicht und liefert uns ein weiteres Märchen über einen Boss: Kindheit in Armut, großer Familiensinn, liebender Vater, guter Sohn, kurz: ein Wohltäter. Vermittlerin des Interviews war die mexikanische Schauspielerin Kate de Castillo, die sich bei „El Chapo“ beliebt gemacht hat durch ihre Rolle als Freundin von El Chapo eines Drogenbosses des Sinaloa-Kartells in der Telenovela „La Reina del Sur“. Sie widmete ihm bewundernde Tweets und wurde damit belohnt, sich um die Verfilmung seines Lebenswerks zu kümmern. Weshalb sie auch Sean Penn kontaktierte, um ihn für diese Aufgabe zu gewinnen. Sie begleitete ihn zu dem Interview, worin der wohl etwas einfach gestrickte Sean Penn keinen Beweis für ihre Rolle als Propagandahelferin sah, sondern für ihren Mut: „Her courage is further demonstrated in her willingness to be named in this article“. Vielleicht hätte man Penn den Tipp geben sollen, vor dem Interview wenigstens „Das Kartell“ von Don Winslow zu lesen, da hätte er wohl mehr gelernt als aus dieser Propagandaveranstaltung. „Four days later, on October 2nd, El Alto, Espinoza, Kate and I board a self-financed charter flight from a Los Angeles-area airport to a city in mid-Mexico.“ Ja, isses denn die Möglichkeit! Sean Penn hat sich den Flug zum Drogenboss selbst bezahlt! Nicht, dass am Ende einer auf die Idee kommt, dass der Boss Penn für die Propaganda bezahlen müsste, nein, das macht er ganz umsonst!

Die Fragen, die Sean Penn an Guzmán stellt, sind von bestürzender Schlichtheit, wahrscheinlich sind es Fragen, mit denen ihn die Kinojournalisten ihn in Interviews immer wieder piesacken, also „Träumen Sie?“ oder „Betrachten Sie sich als eine gewalttätige Person?“ oder „Würden Sie die Welt verändern, wenn Sie könnten?“ Was „El Chapo“ gelassen mit einem „Für mich sind die Dinge so in Ordnung wie sie sind“ beantwortete. Im Netz kursiert auch eine wunderbare, von „El Chapo“ redigierte Fassung des Interviews.

Nie mehr werde ich einen Film mit Sean Penn unbefangen sehen können, jedes Mal werde ich an dieses schwachsinnige Interview denken, das ist wirklich traurig. Aber er befindet sich ja in bester Gesellschaft, denn was die Blödheit betrifft, machen sich Schauspieler und Journalisten Konkurrenz: Es gibt haufenweise Journalisten, die sich als Resonanzboden für die Botschaften eines Mafiabosses zur Verfügung stellen. Nicht nur in Mexiko, nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland. Ein Jahr nach dem Massaker von Duisburg rühmte sich sogar das Magazin DER SPIEGEL in seinem Editorial, dass zwei seiner Reporter auf einer Reportage über die ‘Ndrangheta von einem Mafiamusikproduzenten geführt worden seien, weil er das „Vertrauen der Bosse genieße“. Das größte deutsche Nachrichtenmagazin vermeldete also stolz, dass seine Mafia-Berichterstattung von der Mafia selbst bestimmt wurde. Es sollten übrigens nicht die einzigen deutschen Journalisten sein, die sich in Propagandadiener der Mafia verwandelten: Kurz nach dem Massaker von Duisburg lancierten die Anwälte der Mafiosi unzählige Interviews, weshalb viele deutschen Journalisten nicht über die Mafia in Deutschland berichteten, sondern über unschuldig verfolgte Pizzabäcker: den Kollegen wurden herzzerreißende Emigrantengeschichten in den Block diktiert, in denen von Sippenhaft die Rede war. Und von Rassismus. Und nicht von den allein 500 in Deutschland aktenkundigen Mafiosi.

Wieneke stand mit einer Augenbinde und einer über den Kopf gezogenen schwarzen Kapuze im Hotelzimmer und lehnte etwas linkisch an der Heizung. Sicher ein gutes Workshop-Foto. Obwohl er mit dem schwarzen Ding auf dem Kopf echt bescheuert aussah. Wie ein Guantánamo-Häftling. Aber was macht man nicht alles für eine gute Story. Die Geschichte mit der Kapuze würde ein super Editorial ergeben: Der Boss hatte zur Bedingung gemacht, dass Wieneke auf keinen Fall sehen durfte, an welchem Ort er sich versteckte. Giovanni hatte garantieren müssen, dass Wieneke während der ganzen Fahrt von Palermo in das Versteck die Kapuze auf dem Kopf behalten würde.

 

Aber das wirklich Idiotische an dem Wie-ich-einmal-einen-Boss-interviewte-Märchen ist zu sehen, wie die Medien (so der Spiegel, die ZEIT, die NY Times, die Bild, die FAZ) der falschen Fährte auf den Leim gehen: dass Guzmán Opfer seiner Eitelkeit geworden sei und dieses Treffen von El Chapo mit Sean Penn die Ermittler auf die Spur von the world’s most wanted drug lord gebracht habe. Das zu glauben, ist wirklich tragisch. Denn wenn Guzmán verhaftet wurde, dann wird es daran gelegen haben, dass diese Show jetzt politisch opportun war, für Mexiko und für die USA. Nichts anders verbirgt sich dahinter.

Das Märchen von Guzmáns Festnahme erinnerte mich an die für die Medien inszenierte Festnahme von Bernardo Provenzano, der am Ende seiner 40 Jahre währenden Flucht am 11. April 2006 in Corleone festgenommen wurde, knapp zwei Kilometer Luftlinie von der Wohnung seiner Familie entfernt, in einer Hütte. Mit zehntausend Euro in der Unterhose, umgeben von Heiligenbildchen, Faxen mit Wahlpropaganda des damaligen sizilianischen Regionalpräsidenten und später wegen Mafiaverbindungen inhaftierten Salvatore Cuffaro und einer Schublade voller Zettelchen: Botschaften für seine Ehefrau und seine Söhne, für Mafiosi, Politiker und Unternehmer, geschrieben auf einer mechanischen Olivetti Lettera 32. Und fünf Bibeln mit Lesezeichen und Unterstreichungen.

Die Ermittler seien der Spur der Wäsche gefolgt. Man hat allen Ernstes behauptet, dass der seit vierzig Jahren untergetauchte Boss nur deshalb gefasst worden sei, weil ihm seine Frau ein paar saubere Unterhosen zukommen ließ. Die Festnahme war Provenzanos letzter Sieg. Die Spuren waren noch nicht gesichert, da stand schon eine RAI-Moderatorin in Provenzanos Versteck. Bald glaubte die ganze Welt, dass der Boss der Bosse, der Gottvater, der Leibhaftige, dass die Mafia nichts anderes war als ein unsicher lächelnder alter Mann, der neben seinem Bett ein zweites Gebiss aufbewahrte, ein Greis, der in einem sizilianischen Dialekt voller Rechtschreibfehler kommunizierte und nichts als Honig und Zichorien zu sich nahm. Die Mafia gab es nicht mehr. Und auch keine Politiker, Geheimagenten, Minister, Staatspräsidenten, die dabei behilflich waren, ihn während seiner „Flucht“ zu schützen.

„Ich glaube nicht an die Version der Regierung zur Verhaftung von El Chapo“, sagte die mexikanische Journalistin und Kennerin des mexikanischen Drogenkartells Anabel Hernandez: „Ich glaube auch nicht daran, dass er festgenommen wurde, weil er einen Film über sein Leben plante. Es war nur eine Show für Fernsehen und die internationale Presse.“ Schon die Version über die letzte Verhaftung des Bosses im Jahr 2014 sei falsch gewesen. Die mexikanische Regierung habe überhaupt kein Interesse, wirklich gegen die Drogenkartelle vorzugehen. Das beweise schon die Tatsache, dass ihm weder seine Konten gesperrt, noch seine Güter beschlagnahmt worden seien. Das Gefängnis sei für Guzmán etwas wie ein 5-Sterne-Hotel.

Wolfgang W. Wieneke fand das Treffen mit dem Boss total aufregend. Sein Chefredakteur übrigens auch.

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Christkind war schon da

Samstag, 19. Dezember 2015

… und es heißt Sandra Kegel. Damit ich mich nicht alleine freuen muss: Hier für Sie, meine lieben, treuen Blogleser (wurde gerade in Bologneser korrigiert, ach, die Poesie der Autokorrektur), exklusiv die schöne FAZ-Geschichte. Freuen Sie sich mit – und, natürlich: Lesen Sie Die Gesichter der Toten.

FAZ Samstag, 12.12.2015 Seite 20  *Sandra Kegel*

Allein gegen die Mafia

Weil es ihr zu gefährlich wurde, kämpft sie jetzt mit den Waffen der Literatur: Ein Besuch bei der deutschen Autorin Petra Reski, die seit mehr als zwanzig Jahren in Venedig lebt und schreibt. Ihre Bücher handeln von der organisierten Kriminalität, ihre Leidenschaft gilt dem Kampf gegen den Ausverkauf der Stadt an der Lagune.

VENEDIG, im Dezember

Für die Mafia der Moderne hat ein römischer Pate einmal eine treffende Definition geliefert. In einem abgehörten Telefonat beschrieb er seine kriminelle Organisation als „Zwischenwelt“: „Oben sind die Lebenden, und unten sind die Toten . . . und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“

Mit dieser explosiven Mischung kennt Petra Reski sich aus und fand die abgehörte Selbstauskunft des Mafiosi in ihrer wohlfeilen Selbststilisierung so schlagend, dass sie sie prompt in ihren neuen Roman „Die Gesichter der Toten“ übernommen hat. Seit die in Unna geborene Publizistin 1989 für eine Reportage nach Palermo geschickt wurde, schreibt die mittlerweile Siebenundfünfzigjährige über die Gefahren der organisierten Kriminalität. Sie stammt aus einer großen schlesisch-ostpreußischen Familie, und dass solchen Sippschaften eine gewisse Amoralität innewohnt, davon ist sie überzeugt. Heute ist Petra Reski neben Roberto Saviano die wohl bekannteste Mafia- Expertin Italiens, die für ihre Arbeit in ihrer Wahlheimat mit zahlreichen Preisen geehrt wurde.

Ich treffe Petra Reski an einem verregneten Herbstnachmittag in Venedig, der Stadt, in der die Deutsche mit dem markanten Kurzhaarschnitt seit einem Vierteljahrhundert lebt. Wir sitzen im Wintergarten des „Antico Martini“ und blicken durch beschlagene Scheiben auf das Fenice. Scharen von Touristen in Wegwerfgummistiefeln tummeln sich vor dem Theater. Trotz der schweren Brokatvorhänge an der Eingangstüre des Restaurants bleibt es auch im „Antico Martini“ empfindlich klamm.

Nein, Angst vor der Mafia habe sie nicht, sagt Petra Reski und wirft sich ihre schwarze Lederjacke energisch über die Schulter. Aber sie möchte sich nicht verstecken müssen wie ihr Kollege Saviano. Sie lebt gern in Italien und will das auch weiterhin tun. Deshalb schreibt Petra Reski inzwischen Romane – Mafia-Romane. Weil sie der Wahrheit mit den Mitteln der Literatur näherzukommen glaubt als mit denen der investigativen Reporterin. Nach der Veröffentlichung ihrer Sachbücher wie „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ oder „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“ fühlte sie sich irgendwann nicht mehr sicher. Immer wieder werden Journalisten verleumdet, verklagt und auch bedroht. Zumal, wer so leichtsinnig ist, sich in die Grauzone zwischen Mafia und Politik zu begeben. Wer der „Ehrenwerten Gesellschaft“ zu nahe kommt, riskiert etwas.

Auch Petra Reski wurde mit Klagen überzogen, etwa von italienischen Restaurantbesitzern in Deutschland. Dabei konnten weder die Aussagen des Bundeskriminalamts noch deutscher und italienischer Ermittler und Staatsanwälte, die Reskis Behauptungen belegten, verhindern, dass aufgrund von Persönlichkeitsrechten auch in einem ihrer Bücher Stellen geschwärzt werden mussten. Dabei hält es Reski für die wesentliche Aufgabe von Journalisten, über Gefahren zu berichten, und nicht bloß, Pressemitteilungen von Gerichten nachzubeten. Schwerer aber wog, dass auch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit, ob vor Gericht oder bei Lesungen, irgendwann nicht mehr folgenlos blieben. Nicht nur in San Luca oder Corleone wurde die Autorin bedroht, sondern auch im beschaulichen Erfurt. Während einer Lesung in einer Buchhandlung dort, erzählt sie, sei plötzlich ein Italiener aufgestanden und habe eine „klassische Mafiadrohung“ ausgesprochen: „Ich bewundere Ihren Mut!“, habe der Mann gesagt. Nicht nur Reski verstand die Botschaft. Als sie von ihrem Ausflug ins Thüringische wieder nach Venedig zurückgekehrt war, musste sie sich von ihrer Schwiegertochter vorwerfen lassen, mit ihrer Arbeit die Sicherheit der ganzen Familie aufs Spiel zu setzen.

Drohungen dieser Art muss auch Serena Vitale aushalten. Die palermitische Staatsanwältin mit dem Hang zu scharfen Fragen und Heiligenfiguren ermittelt in Petra Reskis gerade erschienenem Krimi „Die Gesichter der Toten“ in jener „Zwischenwelt“, die ihre Schöpferin so penibel erforscht: Netzwerke aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi also, die voneinander profitieren. Da teilen Politiker zum Beispiel Neubauprojekte zu, die dann von bestimmten Unternehmen finanziert werden. Und über die Mafia wird das Geld gewaschen, die im Übrigen ihr Drohpotential zur Verfügung stellt.

Im Roman führt eine Spur auf der Suche nach dem untergetauchten Paten Lombardo in die Sphären der römischen Politik und weiter bis nach Deutschland – ins Ruhrgebiet. Dort verbrachte Serena Vitale als Gastarbeitertochter ihre Kindheit. Lombardo hat sich, weil der Drogenhandel in der Hand der Kalabresen liegt und Schutzgelderpressung zu mühsam geworden ist, auf die Ökoindustrie verlegt. „Hier sprudelten die öffentlichen Gelder, und die Strafen waren minimal“, heißt es im Roman: „Green economy, das bedeutete nicht nur Wind und Sonne“, sondern Beton für die Fundamente der Windräder, Überlandleitungen und Straßen, die gebaut werden mussten. „Ein Riesengeschäft – von Lombardo kontrolliert . . . Selten hatte das Joint Venture zwischen Unternehmen, Mafiosi und Politikern besser funktioniert.“

Serena Vitales deutscher Doppelgänger ist der investigative Reporter Wolfgang Wieneke, der gegen die Hydra der organisierten Kriminalität auf ähnlich verlorenem Posten kämpft wie die Sizilianerin. Auch er scheitert bei seinem Versuch, einen deutschen Vorzeigeunternehmer, der mit der angeblich sauberen Windenergie schmutzige Geschäfte betreibt, vorzuführen. Hier wie da sitzen die Feinde in den eigenen Reihen. Auf ein Happy end, oder auch nur darauf, dass in „Die Gesichter der Toten“ die Schuldigen am Ende zur Verantwortung gezogen werden, wartet man vergeblich.

Im Gespräch führt Petra Reski einen Korruptionsskandal nach dem anderen ins Feld, der ihre deutsch-italienische Fiktion belegen kann. Für den untergetauchten Mafiaboss stand der berüchtigte Sizilianer Matteo Messina Denaro, genannt Rolex, Pate. Die windigen Geschäfte um ein Ökostromunternehmen im sizilianischen Trapani vor einigen Jahren sowie das Schicksal eines in der Haft ermordeten Mafiosi, der aussagen wollte, und, wie Protokolle belegen, Besuch von Geheimdiensten bekam, bilden den realen Hintergrund des Romans.

Tatsächlich muss Petra Reski nur vor die eigene Haustüre treten, um auf Skandale zu stoßen. Denn Venedig selbst steckt, wie der Bau des Flutschleuse Mose zeigt, so tief im Morast aus Bestechung und Korruption wie die hölzernen Stelen, auf denen die Lagunenstadt errichtet ist. Schon das Aufstellen eines Sonnenschirms auf dem eigenen Balkon verstößt gegen die strengen Auflagen des venezianischen Denkmalschutzamtes. Aber trotzdem wird ein Palazzo nach dem anderen als Flagship Store an Weltmarken verkauft. Und wie konnten die Denkmalschützer zulassen, empört sich Reski, dass der Benetton-Konzern die berühmte „Fondaco dei Tedeschi“ aus dem Jahr 1508 erwerben durfte, um den berühmten Renaissancebau in eine Shoppingmall umzubauen – inklusive roter Rolltreppe, die sich durch das gesamte Gebäude schlängeln wird? Für Benetton war die Kaufsumme von 53 Millionen Euro ein Schnäppchen. Der Marktwert des Prachtbaus an der Rialtobrücke, der sich derzeit hinter riesigen Plastikplanen verbirgt, wird Reski zufolge auf das Doppelte geschätzt. Im Frühjahr soll der Megastore eröffnet werden.

Der Ausverkauf Venedigs macht es für Bewohner der Altstadt wie Reski immer ungemütlicher. Viele Venezianer ziehen deshalb aufs Festland. Dort sind nicht nur die Wohnungen bezahlbar, sondern es gibt noch Geschäfte fürs tägliche Leben, während in Venedig inzwischen die letzten Bäckereien, Schuster und Käsehändler von Juwelieren und chinesischen Andenkenshops verdrängt wurden. Dreißig Millionen Menschen fluten die Stadt an der Lagune jährlich. Den täglich ins historische Zentrum drängenden 83 000 Touristen stehen 58 000 Bewohner gegenüber, Tendenz fallend.

Das sei gewollt, ist Reski überzeugt, denn die Bewohner störten nur: „Weil wir die Einzigen sind, die sich überhaupt noch gegen den Ausverkauf und die Bauspekulation wehren“. Der Wegzug werde deshalb von der Regierung mit allen Mitteln befördert, um ein entvölkertes Venedig in ein gigantisches Luxusressort zu verwandeln. Auch an diesem Herbsttag hängen riesige Werbeplakate direkt an der Rialtobrücke und am Markusplatz und machen Reklame für Modelabels oder Softgetränke.

Aber nicht nur der Ausverkauf Venedigs beschäftigt Petra Reski. Auch, dass die Mafia-Umtriebe in ihrem Roman ausgerechnet nach Deutschland führen, ist kein Zufall. Seit Jahren schreibt sie über die Mafiamachenschaften in Deutschland, und darüber, das Deutschland die Gefahr auch nach den Massakern von Duisburg und im rheinhessischen Nierstein unterschätze. Mafia-Zugehörigkeit sei in Deutschland „praktisch straffrei“, „Geldwäsche ein Kinderspiel, Abhören quasi verboten“, bem Verdacht auf Schwarzgeld gelte die Beweislast, empört sich Rechercheur Wieneke über die hiesige Gesetzeslage im Roman. Und als sein Verleger ihm widerspricht, legt der Reporter erst richtig los und schildert, wie die Mafia sich in Deutschland seit vierzig Jahren eingerichtet habe.

Damit spricht Wieneke aus, was Petra Reski in Artikeln, erst unlängst in einem Essay für die „taz“, immer wieder anprangert: Dass die Mafia selbst die Deutschen in ihrem Glauben bestärke, dass dies nur ein italienisches Problem sei. Die Mär, Deutschland sei nur ein „Rückzugsraum“, sei, halte sich bis heute. Dies gelinge vor allem deshalb, weil die Organisation es meisterlich beherrsche, sich der jeweiligen Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. „Die Mafia in Düsseldorf wählt andere Waffen als in Sizilien“. Ihren Roman hat Reski dem italienischen Staatsanwalt Rosario Livatino gewidmet. Er machte als Erste auf die Geschäfte der Mafia hierzulande aufmerksam. Und bezahlte dafür mit seinem Leben.

Alles, was sie über die Mafia wisse, hat Donna Leon einmal gesagt, wisse sie von Petra Reski. Dafür bedankte sich die amerikanische Krimiautorin mit Wohnsitz Venedig bei ihrer deutschen Kollegin mit dem Rat, Serena Vitale nicht sterben zu lassen. Eigentlich sollte der erste Band mit dem Tod der Staatsanwältin enden. „Sie ist einfach zu gut“, plädierte Donna Leon für ein Wiederaufnahmeverfahren. So lebt die Staatsanwältin also – und überlebt auch ihren zweiten Fall, wenn auch nur knapp. Das allerdings ist der einzige Erfolg, den sie am Ende des Romans für sich verbuchen kann. Denn auf die darin geschilderte Wirklichkeit trifft zu, was der 1992 ermordete Staatsanwalt Paolo Borsellino gesagt hat: Dass Politik und Mafia zwei Mächte seien, die auf demselben Territorium lebten. „Entweder sie bekriegen sich. Oder sie einigen sich.“ Letzteres geschieht in „Die Gesichter der Toten“.

Für den Kuhhandel braucht es ein Bauernopfer, und das trägt bei Petra Reksi Stöckelschuhe. „Lassen Sie die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen. Es ist nur zu Ihrem Vorteil“, wird Serena Vitale von ihrem Vorgesetzten gewarnt. Die Demütigung erträgt die Staatsanwältin in den hohen Schuhen immerhin aufrecht. Auch Petra Reski war erst dieser Tage wieder für eine Lesung in Erfurt.

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