Kategorie: Mafia in Deutschland

Palermo ist überall

Freitag, 15. Januar 2016

IMG_3750

Und dann war das noch in der Post: warme Worte der Salzburger Nachrichten über „Die Gesichter der Toten„.

El Chapo, Sean Penn und Wolfgang W. Wieneke

Dienstag, 12. Januar 2016

Wer das Böse bekämpfen will, muss es erst mal kennenlernen, sagte Giovanni.

Ich habe kein Problem damit, mir die Hände schmutzig zu machen, wenn dabei eine gute Geschichte rauskommt.

Wenn man einen echten Einblick haben will, dann muss man sich der Wertung enthalten, sagte Giovanni.

Ganz deiner Meinung, sagte Wieneke. Journalisten sind weder Politiker noch Polizisten. Er blickte Giovanni erwartungsvoll an. Was meinst du, ist es möglich, an so einen Typen ranzukommen?

Giovanni nippte an einem Glas Wasser, das der Kellner zusammen mit dem Espresso serviert hatte, trocknete den Mund mit einer Papierserviette ab, tupfte über die Lippen und die Mundwinkel, faltete die Serviette so sorgfältig wie ein Kind in der Vorschule und legte sie beiseite.

Was für einen Typen meinst du?

Wieneke lachte. Komm, du weißt schon.

Nein, weiß ich nicht.

Na, so einen Boss.

Giovanni spielte mit seinem Feuerzeug, ein goldenes Zippo, achtzehn Karat. Angeblich hatte es ihm ein guter Freund geschenkt. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ das Feuerzeug nachlässig auf den Tisch gleiten.

Leicht ist das nicht.

Schon klar.

Mehr so eine Sache des Vertrauens. Lässt sich nicht einfach so übers Knie brechen.

Ich denke, dass Hamburg dafür auch was locker machen würde.

Es ist keine Frage des Geldes. Es kommt auf ein gewisses Fingerspitzengefühl an. Ein falsches Wort … Verstehst du, was ich meine? Schließlich bin ich es, der den Kopf für so etwas hinhält. Ich bin neutral, verstehst du?

 

So habe ich das in Palermo Connection beschrieben, als der Reporter, pardon, Investigativjournalist Wolfgang W. Wieneke den Fotografen Giovanni trifft – der ihm zu einem Scoop verhelfen soll: Ein Interview mit einem echten Mafiaboss.

Ist ja ein Klassiker: Furchtloser Reporter trifft supergefährlichen Boss unter supergefährlichen Umständen in einem supergeheimen Versteck. Stellt ihm verwegene Fragen und bekommt Antworten voll philosophischer Weisheit. Genau so hat sich das Sean Penn wohl auch vorgestellt, als er den vor kurzem verhafteten mexikanischen Drogenboss Joaquin Guzmánthe world’s most wanted drug lord, „El Chapo“, in seinem Versteck traf, um ihn für das bekannte Enthüllungsmagazin Rolling Stone zu interviewen.

Unknown-1

 

Wahrscheinlich wollte sich Penn als Hauptdarsteller für die Verfilmung des Lebens von El Chapo empfehlen, also praktisch method acting. Daniel Day Lewis lebte für seine Rolle als Der letzte Mohikaner monatelang in der Wildnis und ernährte sich nur von selbst erlegten Wild, Robert de Niro musste für seine Rolle als Jake LaMotta nicht nur Boxen lernen, sondern sich auch 27 Kilo Fett anfressen, so gesehen ist ein Interview mit einem Drogenboss in seinem Versteck definitiv die bessere Lösung.

Das Interview wurde kurz nach Guzmans Verhaftung unter dem schönen Titel „El Chapo speaks“ veröffentlicht und liefert uns ein weiteres Märchen über einen Boss: Kindheit in Armut, großer Familiensinn, liebender Vater, guter Sohn, kurz: ein Wohltäter. Vermittlerin des Interviews war die mexikanische Schauspielerin Kate de Castillo, die sich bei „El Chapo“ beliebt gemacht hat durch ihre Rolle als Freundin von El Chapo eines Drogenbosses des Sinaloa-Kartells in der Telenovela „La Reina del Sur“. Sie widmete ihm bewundernde Tweets und wurde damit belohnt, sich um die Verfilmung seines Lebenswerks zu kümmern. Weshalb sie auch Sean Penn kontaktierte, um ihn für diese Aufgabe zu gewinnen. Sie begleitete ihn zu dem Interview, worin der wohl etwas einfach gestrickte Sean Penn keinen Beweis für ihre Rolle als Propagandahelferin sah, sondern für ihren Mut: „Her courage is further demonstrated in her willingness to be named in this article“. Vielleicht hätte man Penn den Tipp geben sollen, vor dem Interview wenigstens „Das Kartell“ von Don Winslow zu lesen, da hätte er wohl mehr gelernt als aus dieser Propagandaveranstaltung. „Four days later, on October 2nd, El Alto, Espinoza, Kate and I board a self-financed charter flight from a Los Angeles-area airport to a city in mid-Mexico.“ Ja, isses denn die Möglichkeit! Sean Penn hat sich den Flug zum Drogenboss selbst bezahlt! Nicht, dass am Ende einer auf die Idee kommt, dass der Boss Penn für die Propaganda bezahlen müsste, nein, das macht er ganz umsonst!

Die Fragen, die Sean Penn an Guzmán stellt, sind von bestürzender Schlichtheit, wahrscheinlich sind es Fragen, mit denen ihn die Kinojournalisten ihn in Interviews immer wieder piesacken, also „Träumen Sie?“ oder „Betrachten Sie sich als eine gewalttätige Person?“ oder „Würden Sie die Welt verändern, wenn Sie könnten?“ Was „El Chapo“ gelassen mit einem „Für mich sind die Dinge so in Ordnung wie sie sind“ beantwortete. Im Netz kursiert auch eine wunderbare, von „El Chapo“ redigierte Fassung des Interviews.

Nie mehr werde ich einen Film mit Sean Penn unbefangen sehen können, jedes Mal werde ich an dieses schwachsinnige Interview denken, das ist wirklich traurig. Aber er befindet sich ja in bester Gesellschaft, denn was die Blödheit betrifft, machen sich Schauspieler und Journalisten Konkurrenz: Es gibt haufenweise Journalisten, die sich als Resonanzboden für die Botschaften eines Mafiabosses zur Verfügung stellen. Nicht nur in Mexiko, nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland. Ein Jahr nach dem Massaker von Duisburg rühmte sich sogar das Magazin DER SPIEGEL in seinem Editorial, dass zwei seiner Reporter auf einer Reportage über die ‘Ndrangheta von einem Mafiamusikproduzenten geführt worden seien, weil er das „Vertrauen der Bosse genieße“. Das größte deutsche Nachrichtenmagazin vermeldete also stolz, dass seine Mafia-Berichterstattung von der Mafia selbst bestimmt wurde. Es sollten übrigens nicht die einzigen deutschen Journalisten sein, die sich in Propagandadiener der Mafia verwandelten: Kurz nach dem Massaker von Duisburg lancierten die Anwälte der Mafiosi unzählige Interviews, weshalb viele deutschen Journalisten nicht über die Mafia in Deutschland berichteten, sondern über unschuldig verfolgte Pizzabäcker: den Kollegen wurden herzzerreißende Emigrantengeschichten in den Block diktiert, in denen von Sippenhaft die Rede war. Und von Rassismus. Und nicht von den allein 500 in Deutschland aktenkundigen Mafiosi.

Wieneke stand mit einer Augenbinde und einer über den Kopf gezogenen schwarzen Kapuze im Hotelzimmer und lehnte etwas linkisch an der Heizung. Sicher ein gutes Workshop-Foto. Obwohl er mit dem schwarzen Ding auf dem Kopf echt bescheuert aussah. Wie ein Guantánamo-Häftling. Aber was macht man nicht alles für eine gute Story. Die Geschichte mit der Kapuze würde ein super Editorial ergeben: Der Boss hatte zur Bedingung gemacht, dass Wieneke auf keinen Fall sehen durfte, an welchem Ort er sich versteckte. Giovanni hatte garantieren müssen, dass Wieneke während der ganzen Fahrt von Palermo in das Versteck die Kapuze auf dem Kopf behalten würde.

 

Aber das wirklich Idiotische an dem Wie-ich-einmal-einen-Boss-interviewte-Märchen ist zu sehen, wie die Medien (so der Spiegel, die ZEIT, die NY Times, die Bild, die FAZ) der falschen Fährte auf den Leim gehen: dass Guzmán Opfer seiner Eitelkeit geworden sei und dieses Treffen von El Chapo mit Sean Penn die Ermittler auf die Spur von the world’s most wanted drug lord gebracht habe. Das zu glauben, ist wirklich tragisch. Denn wenn Guzmán verhaftet wurde, dann wird es daran gelegen haben, dass diese Show jetzt politisch opportun war, für Mexiko und für die USA. Nichts anders verbirgt sich dahinter.

Das Märchen von Guzmáns Festnahme erinnerte mich an die für die Medien inszenierte Festnahme von Bernardo Provenzano, der am Ende seiner 40 Jahre währenden Flucht am 11. April 2006 in Corleone festgenommen wurde, knapp zwei Kilometer Luftlinie von der Wohnung seiner Familie entfernt, in einer Hütte. Mit zehntausend Euro in der Unterhose, umgeben von Heiligenbildchen, Faxen mit Wahlpropaganda des damaligen sizilianischen Regionalpräsidenten und später wegen Mafiaverbindungen inhaftierten Salvatore Cuffaro und einer Schublade voller Zettelchen: Botschaften für seine Ehefrau und seine Söhne, für Mafiosi, Politiker und Unternehmer, geschrieben auf einer mechanischen Olivetti Lettera 32. Und fünf Bibeln mit Lesezeichen und Unterstreichungen.

Die Ermittler seien der Spur der Wäsche gefolgt. Man hat allen Ernstes behauptet, dass der seit vierzig Jahren untergetauchte Boss nur deshalb gefasst worden sei, weil ihm seine Frau ein paar saubere Unterhosen zukommen ließ. Die Festnahme war Provenzanos letzter Sieg. Die Spuren waren noch nicht gesichert, da stand schon eine RAI-Moderatorin in Provenzanos Versteck. Bald glaubte die ganze Welt, dass der Boss der Bosse, der Gottvater, der Leibhaftige, dass die Mafia nichts anderes war als ein unsicher lächelnder alter Mann, der neben seinem Bett ein zweites Gebiss aufbewahrte, ein Greis, der in einem sizilianischen Dialekt voller Rechtschreibfehler kommunizierte und nichts als Honig und Zichorien zu sich nahm. Die Mafia gab es nicht mehr. Und auch keine Politiker, Geheimagenten, Minister, Staatspräsidenten, die dabei behilflich waren, ihn während seiner „Flucht“ zu schützen.

„Ich glaube nicht an die Version der Regierung zur Verhaftung von El Chapo“, sagte die mexikanische Journalistin und Kennerin des mexikanischen Drogenkartells Anabel Hernandez: „Ich glaube auch nicht daran, dass er festgenommen wurde, weil er einen Film über sein Leben plante. Es war nur eine Show für Fernsehen und die internationale Presse.“ Schon die Version über die letzte Verhaftung des Bosses im Jahr 2014 sei falsch gewesen. Die mexikanische Regierung habe überhaupt kein Interesse, wirklich gegen die Drogenkartelle vorzugehen. Das beweise schon die Tatsache, dass ihm weder seine Konten gesperrt, noch seine Güter beschlagnahmt worden seien. Das Gefängnis sei für Guzmán etwas wie ein 5-Sterne-Hotel.

Wolfgang W. Wieneke fand das Treffen mit dem Boss total aufregend. Sein Chefredakteur übrigens auch.

Christkind war schon da

Samstag, 19. Dezember 2015

… und es heißt Sandra Kegel. Damit ich mich nicht alleine freuen muss: Hier für Sie, meine lieben, treuen Blogleser (wurde gerade in Bologneser korrigiert, ach, die Poesie der Autokorrektur), exklusiv die schöne FAZ-Geschichte. Freuen Sie sich mit – und, natürlich: Lesen Sie Die Gesichter der Toten.

FAZ Samstag, 12.12.2015 Seite 20  *Sandra Kegel*

Allein gegen die Mafia

Weil es ihr zu gefährlich wurde, kämpft sie jetzt mit den Waffen der Literatur: Ein Besuch bei der deutschen Autorin Petra Reski, die seit mehr als zwanzig Jahren in Venedig lebt und schreibt. Ihre Bücher handeln von der organisierten Kriminalität, ihre Leidenschaft gilt dem Kampf gegen den Ausverkauf der Stadt an der Lagune.

VENEDIG, im Dezember

Für die Mafia der Moderne hat ein römischer Pate einmal eine treffende Definition geliefert. In einem abgehörten Telefonat beschrieb er seine kriminelle Organisation als „Zwischenwelt“: „Oben sind die Lebenden, und unten sind die Toten . . . und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“

Mit dieser explosiven Mischung kennt Petra Reski sich aus und fand die abgehörte Selbstauskunft des Mafiosi in ihrer wohlfeilen Selbststilisierung so schlagend, dass sie sie prompt in ihren neuen Roman „Die Gesichter der Toten“ übernommen hat. Seit die in Unna geborene Publizistin 1989 für eine Reportage nach Palermo geschickt wurde, schreibt die mittlerweile Siebenundfünfzigjährige über die Gefahren der organisierten Kriminalität. Sie stammt aus einer großen schlesisch-ostpreußischen Familie, und dass solchen Sippschaften eine gewisse Amoralität innewohnt, davon ist sie überzeugt. Heute ist Petra Reski neben Roberto Saviano die wohl bekannteste Mafia- Expertin Italiens, die für ihre Arbeit in ihrer Wahlheimat mit zahlreichen Preisen geehrt wurde.

Ich treffe Petra Reski an einem verregneten Herbstnachmittag in Venedig, der Stadt, in der die Deutsche mit dem markanten Kurzhaarschnitt seit einem Vierteljahrhundert lebt. Wir sitzen im Wintergarten des „Antico Martini“ und blicken durch beschlagene Scheiben auf das Fenice. Scharen von Touristen in Wegwerfgummistiefeln tummeln sich vor dem Theater. Trotz der schweren Brokatvorhänge an der Eingangstüre des Restaurants bleibt es auch im „Antico Martini“ empfindlich klamm.

Nein, Angst vor der Mafia habe sie nicht, sagt Petra Reski und wirft sich ihre schwarze Lederjacke energisch über die Schulter. Aber sie möchte sich nicht verstecken müssen wie ihr Kollege Saviano. Sie lebt gern in Italien und will das auch weiterhin tun. Deshalb schreibt Petra Reski inzwischen Romane – Mafia-Romane. Weil sie der Wahrheit mit den Mitteln der Literatur näherzukommen glaubt als mit denen der investigativen Reporterin. Nach der Veröffentlichung ihrer Sachbücher wie „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ oder „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“ fühlte sie sich irgendwann nicht mehr sicher. Immer wieder werden Journalisten verleumdet, verklagt und auch bedroht. Zumal, wer so leichtsinnig ist, sich in die Grauzone zwischen Mafia und Politik zu begeben. Wer der „Ehrenwerten Gesellschaft“ zu nahe kommt, riskiert etwas.

Auch Petra Reski wurde mit Klagen überzogen, etwa von italienischen Restaurantbesitzern in Deutschland. Dabei konnten weder die Aussagen des Bundeskriminalamts noch deutscher und italienischer Ermittler und Staatsanwälte, die Reskis Behauptungen belegten, verhindern, dass aufgrund von Persönlichkeitsrechten auch in einem ihrer Bücher Stellen geschwärzt werden mussten. Dabei hält es Reski für die wesentliche Aufgabe von Journalisten, über Gefahren zu berichten, und nicht bloß, Pressemitteilungen von Gerichten nachzubeten. Schwerer aber wog, dass auch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit, ob vor Gericht oder bei Lesungen, irgendwann nicht mehr folgenlos blieben. Nicht nur in San Luca oder Corleone wurde die Autorin bedroht, sondern auch im beschaulichen Erfurt. Während einer Lesung in einer Buchhandlung dort, erzählt sie, sei plötzlich ein Italiener aufgestanden und habe eine „klassische Mafiadrohung“ ausgesprochen: „Ich bewundere Ihren Mut!“, habe der Mann gesagt. Nicht nur Reski verstand die Botschaft. Als sie von ihrem Ausflug ins Thüringische wieder nach Venedig zurückgekehrt war, musste sie sich von ihrer Schwiegertochter vorwerfen lassen, mit ihrer Arbeit die Sicherheit der ganzen Familie aufs Spiel zu setzen.

Drohungen dieser Art muss auch Serena Vitale aushalten. Die palermitische Staatsanwältin mit dem Hang zu scharfen Fragen und Heiligenfiguren ermittelt in Petra Reskis gerade erschienenem Krimi „Die Gesichter der Toten“ in jener „Zwischenwelt“, die ihre Schöpferin so penibel erforscht: Netzwerke aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi also, die voneinander profitieren. Da teilen Politiker zum Beispiel Neubauprojekte zu, die dann von bestimmten Unternehmen finanziert werden. Und über die Mafia wird das Geld gewaschen, die im Übrigen ihr Drohpotential zur Verfügung stellt.

Im Roman führt eine Spur auf der Suche nach dem untergetauchten Paten Lombardo in die Sphären der römischen Politik und weiter bis nach Deutschland – ins Ruhrgebiet. Dort verbrachte Serena Vitale als Gastarbeitertochter ihre Kindheit. Lombardo hat sich, weil der Drogenhandel in der Hand der Kalabresen liegt und Schutzgelderpressung zu mühsam geworden ist, auf die Ökoindustrie verlegt. „Hier sprudelten die öffentlichen Gelder, und die Strafen waren minimal“, heißt es im Roman: „Green economy, das bedeutete nicht nur Wind und Sonne“, sondern Beton für die Fundamente der Windräder, Überlandleitungen und Straßen, die gebaut werden mussten. „Ein Riesengeschäft – von Lombardo kontrolliert . . . Selten hatte das Joint Venture zwischen Unternehmen, Mafiosi und Politikern besser funktioniert.“

Serena Vitales deutscher Doppelgänger ist der investigative Reporter Wolfgang Wieneke, der gegen die Hydra der organisierten Kriminalität auf ähnlich verlorenem Posten kämpft wie die Sizilianerin. Auch er scheitert bei seinem Versuch, einen deutschen Vorzeigeunternehmer, der mit der angeblich sauberen Windenergie schmutzige Geschäfte betreibt, vorzuführen. Hier wie da sitzen die Feinde in den eigenen Reihen. Auf ein Happy end, oder auch nur darauf, dass in „Die Gesichter der Toten“ die Schuldigen am Ende zur Verantwortung gezogen werden, wartet man vergeblich.

Im Gespräch führt Petra Reski einen Korruptionsskandal nach dem anderen ins Feld, der ihre deutsch-italienische Fiktion belegen kann. Für den untergetauchten Mafiaboss stand der berüchtigte Sizilianer Matteo Messina Denaro, genannt Rolex, Pate. Die windigen Geschäfte um ein Ökostromunternehmen im sizilianischen Trapani vor einigen Jahren sowie das Schicksal eines in der Haft ermordeten Mafiosi, der aussagen wollte, und, wie Protokolle belegen, Besuch von Geheimdiensten bekam, bilden den realen Hintergrund des Romans.

Tatsächlich muss Petra Reski nur vor die eigene Haustüre treten, um auf Skandale zu stoßen. Denn Venedig selbst steckt, wie der Bau des Flutschleuse Mose zeigt, so tief im Morast aus Bestechung und Korruption wie die hölzernen Stelen, auf denen die Lagunenstadt errichtet ist. Schon das Aufstellen eines Sonnenschirms auf dem eigenen Balkon verstößt gegen die strengen Auflagen des venezianischen Denkmalschutzamtes. Aber trotzdem wird ein Palazzo nach dem anderen als Flagship Store an Weltmarken verkauft. Und wie konnten die Denkmalschützer zulassen, empört sich Reski, dass der Benetton-Konzern die berühmte „Fondaco dei Tedeschi“ aus dem Jahr 1508 erwerben durfte, um den berühmten Renaissancebau in eine Shoppingmall umzubauen – inklusive roter Rolltreppe, die sich durch das gesamte Gebäude schlängeln wird? Für Benetton war die Kaufsumme von 53 Millionen Euro ein Schnäppchen. Der Marktwert des Prachtbaus an der Rialtobrücke, der sich derzeit hinter riesigen Plastikplanen verbirgt, wird Reski zufolge auf das Doppelte geschätzt. Im Frühjahr soll der Megastore eröffnet werden.

Der Ausverkauf Venedigs macht es für Bewohner der Altstadt wie Reski immer ungemütlicher. Viele Venezianer ziehen deshalb aufs Festland. Dort sind nicht nur die Wohnungen bezahlbar, sondern es gibt noch Geschäfte fürs tägliche Leben, während in Venedig inzwischen die letzten Bäckereien, Schuster und Käsehändler von Juwelieren und chinesischen Andenkenshops verdrängt wurden. Dreißig Millionen Menschen fluten die Stadt an der Lagune jährlich. Den täglich ins historische Zentrum drängenden 83 000 Touristen stehen 58 000 Bewohner gegenüber, Tendenz fallend.

Das sei gewollt, ist Reski überzeugt, denn die Bewohner störten nur: „Weil wir die Einzigen sind, die sich überhaupt noch gegen den Ausverkauf und die Bauspekulation wehren“. Der Wegzug werde deshalb von der Regierung mit allen Mitteln befördert, um ein entvölkertes Venedig in ein gigantisches Luxusressort zu verwandeln. Auch an diesem Herbsttag hängen riesige Werbeplakate direkt an der Rialtobrücke und am Markusplatz und machen Reklame für Modelabels oder Softgetränke.

Aber nicht nur der Ausverkauf Venedigs beschäftigt Petra Reski. Auch, dass die Mafia-Umtriebe in ihrem Roman ausgerechnet nach Deutschland führen, ist kein Zufall. Seit Jahren schreibt sie über die Mafiamachenschaften in Deutschland, und darüber, das Deutschland die Gefahr auch nach den Massakern von Duisburg und im rheinhessischen Nierstein unterschätze. Mafia-Zugehörigkeit sei in Deutschland „praktisch straffrei“, „Geldwäsche ein Kinderspiel, Abhören quasi verboten“, bem Verdacht auf Schwarzgeld gelte die Beweislast, empört sich Rechercheur Wieneke über die hiesige Gesetzeslage im Roman. Und als sein Verleger ihm widerspricht, legt der Reporter erst richtig los und schildert, wie die Mafia sich in Deutschland seit vierzig Jahren eingerichtet habe.

Damit spricht Wieneke aus, was Petra Reski in Artikeln, erst unlängst in einem Essay für die „taz“, immer wieder anprangert: Dass die Mafia selbst die Deutschen in ihrem Glauben bestärke, dass dies nur ein italienisches Problem sei. Die Mär, Deutschland sei nur ein „Rückzugsraum“, sei, halte sich bis heute. Dies gelinge vor allem deshalb, weil die Organisation es meisterlich beherrsche, sich der jeweiligen Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. „Die Mafia in Düsseldorf wählt andere Waffen als in Sizilien“. Ihren Roman hat Reski dem italienischen Staatsanwalt Rosario Livatino gewidmet. Er machte als Erste auf die Geschäfte der Mafia hierzulande aufmerksam. Und bezahlte dafür mit seinem Leben.

Alles, was sie über die Mafia wisse, hat Donna Leon einmal gesagt, wisse sie von Petra Reski. Dafür bedankte sich die amerikanische Krimiautorin mit Wohnsitz Venedig bei ihrer deutschen Kollegin mit dem Rat, Serena Vitale nicht sterben zu lassen. Eigentlich sollte der erste Band mit dem Tod der Staatsanwältin enden. „Sie ist einfach zu gut“, plädierte Donna Leon für ein Wiederaufnahmeverfahren. So lebt die Staatsanwältin also – und überlebt auch ihren zweiten Fall, wenn auch nur knapp. Das allerdings ist der einzige Erfolg, den sie am Ende des Romans für sich verbuchen kann. Denn auf die darin geschilderte Wirklichkeit trifft zu, was der 1992 ermordete Staatsanwalt Paolo Borsellino gesagt hat: Dass Politik und Mafia zwei Mächte seien, die auf demselben Territorium lebten. „Entweder sie bekriegen sich. Oder sie einigen sich.“ Letzteres geschieht in „Die Gesichter der Toten“.

Für den Kuhhandel braucht es ein Bauernopfer, und das trägt bei Petra Reksi Stöckelschuhe. „Lassen Sie die Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen. Es ist nur zu Ihrem Vorteil“, wird Serena Vitale von ihrem Vorgesetzten gewarnt. Die Demütigung erträgt die Staatsanwältin in den hohen Schuhen immerhin aufrecht. Auch Petra Reski war erst dieser Tage wieder für eine Lesung in Erfurt.

Und dieses grandiose Weihnachtsgeschenk

Samstag, 12. Dezember 2015

wurde mir heute von Sandra Kegel vom Feuilleton der FAZ gemacht. Bin noch ganz betäubt.

12362725_1024467927575453_1071337614657401507_o

#DieGesichterderToten

Go for it!

Dienstag, 08. Dezember 2015

Jetzt aber: DER TRAILER #DieGesichterderToten

Deutschlandreise II

Donnerstag, 03. Dezember 2015

IMG_0348

Jetzt, wo ich wieder auf dem Weg zurück nach Venedig bin (gleißende Sonne und ein Blick auf ein geradezu  unglaubwürdig schönes Alpenpanorama, wie ein stundenlanger Bergfilm), ist meine Deutschlandreise schon wieder so weit weg. Deshalb, bevor hier alles wieder verdunstet, ein paar Notizen.

Los ging es im Ruhrgebiet (kurzer Halt beim WDR, für Mafia for beginners), dann Berlin IMG_0345IMG_0341

(dieser Fahnentick ist für mich etwas gewöhnungsbedürftig, aber gut), und von dort aus weiter nach Wiesbaden, Karlsruhe, Erfurt: Deutschland ist ja so was von exotisch.

In Berlin las ich im Kriminaltheater, zusammen mit zwei anderen Autoren des Berliner Krimimarathons: Oliver Bottini und der Österreicher Manfred Rebhandl – mit dem ich mich in die Achtzigerjahre zurückkatapultiert fühlte, was aber nicht an dem Herrn Rebhandl lag , sondern daran, dass wir den Abend in einer Berliner Zeitmaschine beendeten: Einer Bar, in der noch geraucht wurde.

Aus Recherchegründen habe ich auch das Berliner Spy-Museum besucht, wo ich nicht nur Handschuhpistolen und Abhörpfeifen

 

IMG_3366 (2)entdeckte, sondern auch die sehr inspirierende Abhörkatze. IMG_3372

Von Berlin aus ging es weiter nach Süden. Auf dem Weg lag Wolfsburg, wo an VW noch Reste von „Transparenz, Offenheit, Energie und Mut“ klebten:

IMG_0005

Vorher sah das übrigens so aus.

IMG_0002
In Wiesbaden fand meine Lesung im Literaturhaus in der wundervollen Villa Clementine statt (nahezu Venedig-Gefühl, wegen der Muranoglaslüster), der Abend sehr unterhaltsam moderiert von Alf Haubitz. Von Wiesbaden ging es weiter zur Karlsruher Bücherschau, eine Lesung, die am Ende fast an ein Treffen einer Encounter-Gruppe erinnerte: Am Ende erzählte jeder die Geschichte seiner persönlichen Verbindung nach Italien …

Und dann: Erfurt. On revient toujours à ses premiers amours.

Lesung in der grandiosen Buchhandlung Peterknecht:

12308018_1163595457001610_657028980740722334_o (1)

Im Publikum saßen viele, die schon meine erste, abenteuerliche Lesung 2008 miterlebt hatten, so dass diese Lesung schon fast an ein Veteranentreffen („Ich war 2008 auch dabei“) gemahnte. Unvergesslich auch das schöne Bild, das ein Mann für die Tatsache fand, dass der MDR, mit der kleinen Verspätung von sieben Jahren, auch die ‘Ndrangheta in Erfurt entdeckt hat: „Am Ende konnte man den Elefanten, der unter dem Teppich lag, nicht länger ignorieren. Auch weil man immer über ihn gestolpert ist.“

Als ich am eisigen Morgen zum Bahnhof ging, fielen mir noch diese Lettern auf.

IMG_3392

Und das hat mich wirklich berührt. Weil dieser kleine Satz so viel aussagt. Über eine Zeit, einen Mann und Deutschland.

Danke an alle Buchhändler, Literaturfestivalleiter und Hardcore-Fans, die für „Die Gesichter der Toten“ Wind und Wetter getrotzt haben! I love you all!

Heldin für einen Tag

Dienstag, 10. November 2015

buchcover-die-gesichter8

Heute in der Krimibeilage der SZ: eine Rezension meines neuen Romans „Die Gesichter der Toten“. Und damit Sie, meine lieben Blogleser, sich nicht die Mühe machen müssen, auf den Link zu klicken, geht es hier bequem weiter:

In ihrem zweiten Mafia-Thriller „Die Gesichter der Toten“ lässt Petra Reski einen Teil der Handlung in Deutschland stattfinden.

Von Kristina Maidt-Zinke
Das Problem aller Mafia-Krimis ist, dass sie das Schema der Ermittlung und Bestrafung des Täters, der einstweiligen Wiederherstellung von Recht und Ordnung nicht bedienen können. Denn die Mafia ist ihrer Natur nach eine Hydra mit unablässig nachwachsenden Köpfen und ihr System mittlerweile weltweit so verzweigt, dass es wenig zählt, ob einer ihrer Bosse dingfest gemacht wird oder nicht. Und doch muss es denen, die es mit dem krakenhaften Ungeheuer aufnehmen, immer wieder genau darum gehen. Getreu dem Motto von David Bowie, das Petra Reski dem zweiten Fall ihrer couragierten Staatsanwältin Serena Vitale vorangestellt hat: „We can beat them / Just for one day / We can be Heroes / Just for one day“.

Der Vorteil von Mafia-Krimis: Das Prinzip der Serie ist ihnen so immanent wie kaum einem anderen Genre. Reski, aus Unna stammende Journalistin und Autorin mit Wohnsitz in Venedig, engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die Ehrenwerte Gesellschaft und ging nicht nur mit Enthüllungen über deren Machenschaften in Deutschland ein hohes persönliches Risiko ein. Im vorigen Jahr ließ sie ihre sizilianische Ermittlerin, als Gastarbeitertochter im Ruhrgebiet aufgewachsen, die Krimi-Bühne betreten und an der „Palermo Connection“ abprallen. Soeben erschien die Fortsetzung „Die Gesichter der Toten“, die wiederum keinen Entscheidungsschlag gegen die Mafia vorführt, dafür aber den Wiedererkennungsfaktor von Charakteren, Milieus und Figurenkonstellationen stärkt.

Wenn eine Expertin wie Reski das unendliche Gefecht in die Fiktion verlagert, darf man einerseits hart recherchierte Tatsachen dahinter vermuten, andererseits voraussetzen, dass die Realität immer noch um einige Drehungen krasser ist. Der Name ihrer ethisch gefestigten, erotisch dagegen sehr flexiblen Heldin ist als Programm gegen Niederlagen und Bedrohungen konstruiert – aber man erfährt, dass die „Heitere, Lebenskräftige“ in Wirklichkeit, genuin sizilianisch, „Santa Crocifissa“ mit Vornamen heißt, die gekreuzigte Heilige, was einen Hang zum Märtyrertum nahelegt. Sie trägt mit Vorliebe enge schwarze Röcke, hat eine Sammlung von Heiligenfiguren in ihrem Büro und trinkt in diesem Roman den ersten Spritz ihres Lebens – in Köln. Ironische Widersprüche kennzeichnen auch ihr deutsches Pendant, den Hamburger Journalisten Wolfgang Wieneke, ein Opfer der von Reski treffend analysierten „Zeitungskrise“, der sich vom Loser zum tapferen Enthüllungs-Heros aufschwingt.

Es war klug, einen Teil der Handlung an deutsche Schauplätze zu verlagern, an denen die Autorin sich gründlich auskennt, und aus einem quasi-touristischen Fremdeln gegenüber Sizilien kein Hehl zu machen – ihren Andrea Camilleri haben die Italiener schließlich selbst. Nicht minder klug ist es, auf drastische Gewaltszenen zu verzichten und Sexuelles zwar verheißungsvoll anzudeuten, aber nicht detailliert auszumalen: So gewinnt man ein weibliches Lesepublikum für Mafia-Thriller, die übrigens, wie Reski beweist, auch komische Passagen haben dürfen, ohne dass der Ernst der Lage verharmlost würde. Diese sympathisch unbotmäßige Ermittlerin weiß, dass die Mafia viele Gesichter hat: Die der Toten sind nur die Spitze des Eisbergs.

(K)alte Heimat

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Nach der Preview in Genf ging es richtig los: „Die Gesichter der Toten“ on tour: Kamen, Dortmund, Frankfurt, Offenbach.

IMG_0255

(Ja, ok, in Kamen bin ich weltberühmt.) Dazu auch dieser Dialog: Verkäuferin: Sind Sie die Schriftstellerin? Ich: Hm, nicht DIE, aber eine. Verkäuferin: Ich habe Sie mir dicker vorgestellt.

In Dortmund hatte der WDR den Ehrgeiz, mich an den Dortmunder Schauplätzen meines Romans zu zeigen (Borsigplatz, Phoenixsee) – und was am Ende im Beitrag so aussah, sah während des Drehs so aus:

Petra Reski in Do2

Petra Reski in Do3

Petra Reski in Do5

Petra Reski in Do1

Das letzte Mal habe ich in Weißrussland so gefroren. (Danke an Holger Majchrzak für die Fotos!) Übrigens: Eine derartige Konsonanten-Ballung – jchrz – in einem Namen findet man natürlich nur im Ruhrgebiet!)

Es ging dann weiter mit einer schönen Lesung in Dortmund, im Bild unten der große Lauschangriff:

IMG_3025

Und dann: die Buchmesse. Ich betrat die Halle 3 und wurde fast von mir selbst erschlagen: überlebensgroß neben dem Wickert! – der im richtigen Leben übrigens genauso groß ist und mit dem zusammen ich

IMG_3015

kurz darauf beim sehr kurzweiligen KrimiSpeeddating auf dem Blauen Sofa saß, wo wir (zu sehen und zu hören hier) mit zwei weiteren Autoren, Oliver Bottini  und Ursula Poznanski. Sozusagen die Minilesung. Am Anfang mussten wir, was mich zuvor in Panik versetzt hatte, den einen (!) Satz zitieren sollten, der charakteristisch für das Buch sein sollte. Ich habe mich schließlich für diesen entschieden:

„(Ich) bin eine, die von jedem vorbeifahrenden Vollidioten verflucht und vom Obersten Richterrat wie eine Erstklässlerin gemaßregelt werden kann. Eine, die gehasst wird, weil sie allen in die Suppe spuckt, den Erfolgs-Unternehmern in ihre gefälschten Ausschreibungen, den Erfolgs-Politikern in ihren Stimmenkauf. Und als Belohnung werde ich irgendwann zur Ehrenbürgerin irgendeines Dreitausend-Seelen-Kaffs benannt, falls ich nicht das Glück habe, vorher in die Luft gesprengt zu werden. Scheißdreck.“ (Auszug aus: „Die Gesichter der Toten. Serena Vitales zweiter Fall.“)

Spät in der Nacht entdeckte ich dank meines Verlegers Daniel Kampa, dass der Barmann des Frankfurter Hofs auch ein Bücherfreund ist 😉 (Okay, etwas verschwommen und dunkel, aber so ist das nachts in Bars)

IMG_3024

Zwischendurch sprach ich noch in der Kulturzeit auf 3sat über Mafiacapitale (ok, ich sehe etwas ramponiert aus, liegt daran, dass ich erst wenige Minuten zuvor aus dem Taxi gefallen war), saß später auf der ARD-Bühne,

IMG_3046

zu sehen hier, wo ich, wie immer wenn es mir darum geht, etwas deutlich zu machen, ziemlich herumgefuchtelt habe. Das Leben in Italien hat eben seine Spuren hinterlassen.

Und in den wenigen Augenblicken, die mir blieben, wenn ich nicht gerade auf dem Weg zu irgendwas rannte, habe ich auch noch die Liebe auf der Buchmesse entdecken können.

IMG_3035

Zwischen den Zeilen

Sonntag, 04. Oktober 2015

„Er überlegte, ob er das mal schnell twittern sollte, ein Tweet in der Art wie Hätte nicht gedacht, wie hoch die #mafia dank #windenergie steigen kann, verwarf aber den Gedanken, sonst stünden hier morgen sämtliche Investigativpools der Konkurrenz auf der Matte.“

IMG_0693

„Aus der Ferne drangen Fetzen von Prozessionsmusik hoch, schrecklich schief mit verpassten Bläsereinsätzen, begleitet von einer keuchenden Folge von Autosirenen. Palermos Soundtrack.“

IMG_2774

 

Schon komisch, wenn man das Gefühl hat, zwischen den Zeilen seines eigenen Romans herumzurennen!

(Auszüge aus: Petra Reski. „Die Gesichter der Toten. Serena Vitales zweiter Fall.“ iBooks.)

 

Mmmh, lecker Mafiafolklore

Freitag, 02. Oktober 2015

IMG_2644

Vor ein paar Tagen war ich in Malaga – also Costa del Sol, wo neben jeder Menge rotgesichtiger Engländer und rotgesichtiger Holländer (und auch ein paar rotgesichtige Deutsche, sorry, aber definitiv in der Minderheit), vor allem Ndranghetisti und Camorristi vertreten sind, die hier nicht nur ihre Drogengeschäfte abwickeln, sondern auch groß in den Immobilienhandel eingestiegen sind, und das schon seit Jahrzehnten. Weshalb es mich auch nicht verwunderte, dieses Lokal in Malaga zu finden:

IMG_2641

Darüber hat man sich in Italien schon letztes Jahr aufgeregt, völlig folgenlos, natürlich. Ich habe über diese Art von Mafiafolklore unter anderem in meinem Artikel über die Mafiapizzerien geschrieben (es geht doch nichts über Autoreferentialität) – natürlich ebenso folgenlos:

Es war die Speisekarte von «Don Panino», die vor kurzem zu einem kleinen diplomatischen Eclat zwischen Österreich und Italien führte: Bei «Don Panino» in Wien konnte man Pizze, Pasta und belegte Brote bestellen, die nach Mafiosi und Mafiaopfern benannt wurden. Angeboten wurden Spezialitäten wie «Don Falcone»: ein mit gegrillter Wurst belegtes Panino, benannt nach dem Anti-Mafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone, der 1992 zusammen mit seiner Frau und drei Leibwächtern von der Mafia in die Luft gesprengt wurde. Oder «Don Peppino», das den Namen des von der Mafia ermordeten Anti-Mafia-Aktivisten Peppino Impastato trägt, von dem es auf der Speisekarte hiess: «Der grossschnäuzige Sizilianer wurde bei einem Bombenattentat gebacken wie ein BBQ-Hähnchen.»Das italienische Aussenministerium protestierte, in Wien ansässige Italiener sammelten Unterschriften, die Präsidentin der europäischen Anti-Mafia-Kommission forderte, die Nutzung des Begriffs «Mafia» zu kommerziellen Zwecken zu verbieten. Bald darauf outete sich ein Werbeexperte mit italienischen Wurzeln, süditalienischem Wohnsitz und niederländischem Pass als Urheber und verteidigte sich gegen die Vorwürfe, Mafiaopfer verhöhnt zu haben: «Ich wollte niemanden beleidigen. Der Kunde hat mich gebeten, ein Produkt zu lancieren, das attraktiv sein könnte, und ich habe die ‹Don Panino›-Kampagne aufgrund dieser Anweisungen entworfen.» Zwei Tage später war die Sache vergessen, und vermutlich fragte sich mancher: Wo war eigentlich das Problem, schliesslich gibt es kaum eine Stadt ohne eine Pizzeria «Don Corleone» oder Lokale mit «Pizza Camorra» oder «Pizza Mafia» auf der Karte? Man wird wohl noch einen kleinen Witz machen dürfen? Solange über die Mafia gelacht wird, existiert sie nicht. Das wissen die Bosse am besten. Als der aus Palermo stammende italoamerikanische Mafioso Roberto Settineri vor drei Jahren als neuer Botschafter der sizilianischen Cosa Nostra in Amerika festgenommen wurde, betrieb er in Miami die Pizzeria «Soprano’s». Denn nichts schützt die Geschäfte der Mafia besser als dick aufgetragene Mafiafolkore. Die Mafia ist Kult. Es gibt sie als Computer- und Gesellschaftsspiel, als Fernsehserie, und man kann auf Parties zur Mafiamusik tanzen, im Takt zu Liedern wie «Getötet ist der General», in dem das Mafiaattentat auf den General Dalla Chiesa gefeiert wird. 

 

 

IMG_2640

Aber ich möchte doch auf eine echte Marktlücke aufmerksam machen: In Spanien fehlen „ETA-Restaurants“, als Werbeslogan wäre denkbar: „Wir werfen mit Fleischspießen“ oder: „Unsere Steaks sind unser TNT“. Und in Deutschland wären RAF-Restaurants eine Idee, Werbeslogan: „Unser antiimperialistisches Menü ist ein Bombenanschlag auf Ihre Geschmacksnerven“.

Wichtig sind natürlich vor allem vernünftige Preise.