Kategorie: Mafia in Deutschland

Erfolgreiche italienische Unternehmer und ich

Mittwoch, 15. März 2017

Nachdem ich mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ geschrieben habe, habe ich drei Jahre mit Prozessen verbracht. Eines der letzten Urteile war in München von einer Richterin erlassen worden, die bereits im einstweiligen Verfügungsverfahren das Schmerzensgeld heraufgesetzt hatte, weil es ihr „a bissl gering“ erschienen war, und die den Kläger der Form halber noch gefragt hatte, ob er denn nun Mafiamitglied gewesen sei oder nicht, so wie es die BKA-Berichte (die Richterin sagte: „BAK-Berichte) nahelegen. Er erwiderte, dass er sich das auch nicht erklären könne. Als das Oberlandesgericht dem Kläger ein Schmerzensgeld zugesprochen hat, wegen der von mir zugefügten „schweren Verletzung des Persönlichkeitsrechts“, bin ich nicht mehr persönlich erschienen, weil ich es zu demütigend empfand, vor Gericht bedroht zu werden, ohne dass jemand eingreift.

Vom Standpunkt der anthropologischen Forschung war die Erfahrung jedoch sehr nützlich. Sie hat mich letztlich dazu gebracht, mich der Mafia in Romanform zu nähern: Wenn ich ohnehin keine Namen nennen kann, weil ich sofort verklagt werde, warum soll ich mich dann durch die Zwänge eines Sachbuchs einengen lassen? Die Klagen, die Drohungen, die Prozesse waren so etwas wie „method acting“ für meine Romane: Robert De Niro lernte für seine Rolle als Jake LaMotta in „Wie ein wilder Stier“ boxen, ich saß in Gerichtssälen herum und lernte, wie es sich anfühlt, bedroht, verklagt und verleumdet zu werden – und nicht nur juristische, sondern auch sehr aufreibende menschliche Erfahrungen zu machen: enttäuschende, aber auch unverhofft ermutigende.

Literarisch lohnend, geradezu unfassbar ergiebig ist für mich die sogenannte „Grauzone“ der Mafia: Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – alle diejenigen, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten, finde ich psychologisch interessanter und facettenreicher als die Mafia. Denn ohne die Feigheit vieler und die verschlossenen Münder, ohne ihre Sympathisanten wäre die Mafia schon längst besiegt.

In diesen Tagen habe ich gerade das dritte Manuskript für einen neuen Mafia-Roman abgeschlossen, der im Herbst erscheinen wird. Protagonisten sind wie bereits in den beiden anderen Romanen auch die sizilianische Antimafia-Staatsanwältin mit deutschen Wurzeln Serena Vitale und der (meist) tapfere deutsche Investigativjournalist Wolfgang W.Wieneke. Praktisch parallel zu meiner Romanhandlung verklagte mich ein italienischer Geschäftsmann am Landgericht Leipzig. Ich hatte seinen Namen in einem Artikel für den FREITAG genannt, der von dem am Landgericht Leipzig ergangene Urteil gegen den MDR handelte, das nach einer MDR-Dokumentation über die Mafia in Erfurt erlassen worden war. Gerichtsberichterstattung. In diesen Tagen ist das Urteil gegen mich ergangen: Laut Gericht habe ich das Persönlichkeitsrecht des erfolgreichen italienischen Unternehmers verletzt.

Niemand liest meine Artikel über die Mafia in Deutschland und meinen Blog aufmerksamer als gewisse erfolgreiche italienische Geschäftsmänner in Deutschland, besonders diejenigen aus Duisburg und Erfurt, mein Blog verdankt ihnen vermutlich die meisten Clickzahlen. Interessanter aber als das Verhalten dieser erfolgreichen italienischen Geschäftsmänner in Deutschland, ist die bizarre Haltung des FREITAG – dem Blatt eines Herausgebers, der sich, wenn ich es richtig verstehe, doch einiges für sein gesellschaftliches Engagement zugute hält.

Auf meine Anfrage, ob beim FREITAG denn auch eine Klage eingegangen sei, antwortete eine Redakteurin: „Huch – nein, es ist noch nichts hier eingegangen, so weit ich weiß“ und schrieb später: „Also das klingt ja echt übel, ich hoffe, Sie haben jetzt nicht zu viel Ärger mit diesem Mafia-Anwalt …?“ Auch in den folgenden Monaten hörte ich von der Redaktion des FREITAG – nichts. Keine Nachfrage, wie „es denn so läuft“, ganz zu schweigen von dem Angebot, vielleicht den Justiziar des FREITAG zu bemühen – oder in welcher Weise auch immer die Redaktion ihre „Solidarität“ hätte zum Ausdruck bringen können. Im September schrieb mir die Redakteurin, dass die Unterlassungsforderung inzwischen auch beim Verlag eingegangen sei, woraufhin sie vorschlug, meinen Text kurzerhand zu löschen: „Was schade wäre, ja. Aber die Anwaltskosten sind für einen kleinen Verlag wie unseren eine ziemliche Belastung“.

Dass die Gerichts- und Anwaltskosten für eine kleine Autorin wie mich, die an dem Artikel ganze 321 Euro brutto verdient hat, auch eine ziemliche, wenn nicht sogar größere Belastung sind, darauf scheint beim FREITAG allerdings niemand gekommen zu sein. Einen Artikel in vorauseilendem Gehorsam zu löschen, hätte ich, gerade von einem Blatt wie den FREITAG nicht erwartet. Ein unerträglicher Kotau – um vom journalistischen Ethos jetzt mal ganz zu schweigen.

Im November wurde mir die Unterlassungsklage nach Venedig zugestellt. Daraufhin schrieb ich eine lange Mail an den Chefredakteur und Herausgeber des FREITAG, Jakob Augstein. Und Jakob Augstein, der sich auf allen möglichen Kanälen so ziemlich zu allem äußert, von A wie „Atomwaffen in Deutschland“ bis „Z“ wie „Zuwanderung“ – schwieg.

An seiner Stelle wurde mir von der Redakteurin beschieden: „Wie in vergleichbaren Fällen – wenn ein Beitrag also von einer Unterlassungsklage betroffen oder aus anderem Grund juristisch strittig ist – nehmen wir den betreffenden Text von der freitag.de-Seite herunter. Dabei bleibt der FREITAG auch in diesem Fall. Für etwaige weiterführende Rückfragen bitte ich Sie, sich an die Geschäftsführung des Verlags, an Frau Dr. Düts zu wenden, deren Kontaktdaten ich Ihnen hier anhänge.“

Zwei Mal rief ich Frau Düts an. Niemand meldete sich. Dann hatte ich die Botschaft verstanden.

Ich erinnerte mich an einen Satz, den ein renommierter Medienanwalt anlässlich der Schwärzungen meines Mafia-Buches geschrieben hat: „Dass die Presse ihrer Aufgabe als Wächter und Mahner unter solchen Voraussetzungen nicht effizient nachkommen kann, liegt auf der Hand. Das Ergebnis ist eine lückenhafte und damit illusionäre Darstellung der Realität zugunsten von lichtscheuen Gestalten. Während Boulevardmedien Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte aus der Portokasse zahlen, werden seriöse Autoren durch diese Rechtsprechung hart getroffen.“ Wie wahr.

Und noch an einen anderen Satz musste ich denken: „Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr.“ Das sagte mir einmal Alberto Spampinato, der Bruder eines von der Mafia ermordeten sizilianischen Journalisten. Er meinte das ganz wörtlich. Denn mit „auf eigene Gefahr“ meinte er nicht nur Gefahr für das Leben, sondern auch für die Integrität. Denn der Siegeszug der Mafia in der Welt beruht keineswegs allein auf Gewalt, sondern vor allem auf Geld und dem Schweigen vieler.

Auf der Unterlassungsklage, die mir nach Venedig geschickt wurde, stand kurioserweise das Stockwerk als Zusatz zu meiner Adresse. Abgesehen davon, dass meine venezianische Adresse über geneigte Quellen leicht in Erfahrung zu bringen ist, kriegt man das Stockwerk nur heraus, wenn man vor der Wohnungstür gestanden hat.

Das sind so kleine Feinheiten – die man allerdings nur goutieren kann, wenn man auf die Idee kommt „auf eigene Gefahr“ über die Mafia zu schreiben.

Super Geschichte. Also so als Inspiration für kommende Romane gedacht.

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Ach, die Mafia.

Samstag, 04. März 2017

Schon lange nichts mehr in diesem Blog von der Mafia gelesen, dachten Sie vielleicht, verehrte Leser von Reskisrepublik. Gesagt, getan.

Ach, die Mafia. Gibt’s die noch? Also in echt und nicht als Film oder Fernsehserie oder Computerspiel? Liest man die großen italienischen Tageszeitungen, könnte man zu der Annahme kommen, die Mafia sei „verschrottet“ worden – um mal einen Lieblingsausdruck des (vorübergehend) zurückgetretenen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi zu gebrauchen.

Selbst der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella, immerhin Bruder des von der Mafia ermordeten sizilianischen Ministerpräsidenten Piersanti Mattarella, erwähnte bei seiner Neujahrsansprache die Mafia mit keinem Wort. Er sprach über die Opfer des Erdbebens und des Terrorismus, über die Arbeitslosigkeit und die Notwendigkeit eines neuen Wahlrechts, nicht aber über die Mafia, deren Umsatz inzwischen auf 170 bis 180 Milliarden Euro jährlich geschätzt wird. Womit die Mafia so viel wie die Region Lazio erwirtschaftet, fast 10 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Und die Staatskasse jährlich um mindestens 75 Milliarden Euro schädigt.

Kerngeschäft in der Krise

Wer aber bei „Mafia“ immer noch an Mord und Totschlag und die Blutfehden mafioser Clans denkt, beweist nur, wie gut es der Mafia gelingt, ihren chamäleonhaften Charakter zu verbergen. Egal ob es der Fall der Mauer, die Globalisierung, der gemeinsame europäische Markt, der Stabilitätspakt oder die andauernde italienische Wirtschaftskrise ist – die Mafia wusste sich anzupassen: „Sie wurde zu einem strukturellen Bestandteil des internationalen Finanzkapitalismus“, stellt Roberto Scarpinato fest, Generalstaatsanwalt von Palermo.

Ermöglicht wurde dies durch die Evolution innerhalb der Mafia: the survival of the fittest. Eine Art natürlicher Selektion, die drei verschiedene Arten von Mafia hervorgebracht hat: die traditionelle Mafia, die marktwirtschaftliche Mafia und die Mafia-Elite. Die traditionelle Mafia finanziert sich durch Schutzgeld, Erpressungen und öffentliche Gelder für die Bauwirtschaft – und ist heute praktisch ebenso verarmt wie die italienische Mittelschicht: Der Zugang zu öffentlichen Geldern, die Vergabe öffentlicher Aufträge hängen nicht mehr von den lokalen Politikern ab, mit denen die traditionelle Mafia stets zusammengearbeitet hat, sondern ist der Mafia-Elite vorbehalten. Die geht in den Kommandozentralen Italiens und Europas ein und aus – wo über wesentliche Fragen wie über die Privatisierung der Energie- und Wasserversorgung entschieden wird.

Sizilien ist heute die ärmste Region Italiens, und die Wirtschaftskrise wirkt sich auch auf die Erpressungen aus, das Kerngeschäft der traditionellen Mafia: Wenn es früher 1000 Betriebe gab, denen Schutzgeld abgepresst wurde, sind es heute nur noch knapp 400. Überdies zeigen immer mehr sizilianische Unternehmer die Erpressungen an – allerdings tun sie das nicht, weil die Legalität siegt, sondern weil sie schlechterdings nicht mehr zahlen können. Durch die Krise der Bauwirtschaft fehlen der traditionellen Mafia in Sizilien auch die Möglichkeiten zum Stimmenkauf: Das System „Ich garantiere dir Stimmen, du gibst mir dafür Aufträge“ funktioniert nicht mehr. Und weil es nicht mehr genug Geld gibt für die Familien der inhaftierten Mafiosi, für das Mafia-Volk – das für die niederen Arbeiten zuständig ist, für Erpressung, Gewalt und alles, was mit höherem Risiko verbunden ist –, versucht es sich dadurch zu rächen, dass es gar nicht mehr oder nur Protestparteien wählt: Das Wahlverhalten der Mafia lässt sich leicht am Wahlausgang des Wahlbezirks von Palermo ablesen, in dem sich das Ucciardone-Gefängnis befindet, in dem vorwiegend Mafiosi einsitzen.

Für die neoliberal geprägte „marktwirtschaftliche“ Mafia sieht die Situation entschieden besser aus. Diese Mafia ist zum internationalen Anbieter aufgestiegen – von illegalen Gütern (Drogen, Schmuggelzigaretten, gefälschte Waren, Waffen, billige Arbeitskräfte, Prostituierte) und Dienstleistungen (Investitionskapital, falsche Rechnungen, mit denen Steuern „gespart“ werden können, illegale Giftmüllbeseitigung), für die seit der Globalisierung der Wirtschaft eine unendlich große Nachfrage besteht – von Millionen anständiger Bürger, den Endverbrauchern.

Angebote, die man nicht ablehnen will

Diese marktwirtschaftliche Mafia ist nicht gewalttätig, sondern macht lediglich Angebots – auf die gerne zurückgegriffen wird. Das hat zuletzt der große Mafia-Prozess „Aemilia“ 2016 in Bologna gezeigt, in dessen Verlauf bereits Besitztümer und Unternehmen im Wert von 330 Millionen Euro beschlagnahmt wurden. Im Zentrum der Anklage steht der aus dem kalabrischen Crotone stammende Clan Grande Aracri, angeklagt sind aber nicht nur Mafiosi, sondern auch ihre Handlanger: Stadträte, Journalisten, Polizisten, Unternehmer. In der reichen Emilia-Romagna hat die aus Kalabrien stammende ‘Ndrangheta Wirtschaft, Politik und Institutionen durchsetzt – und nicht nur sie: Neben 17 ‘Ndrangheta-Clans sind vier Clans der sizilianischen Cosa Nostra und drei Camorra-Clans in der Provinz Reggio Emilia aktenkundig.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht, wurden die Geldgeschäfte fast immer über Deutschland abgewickelt. So schreiben die italienischen Antimafia-Staatsanwälte in ihrem Haftbefehl: „Weil die neuen Geldwäschegesetze es den Mafiosi sehr schwer machten, sind Geldtransfers ins Ausland die einzige Möglichkeit, an Bargeld zu kommen. Am Telefon sagte ein Boss: Also der aus Deutschland, der eröffnet dir ein Konto, du schickst ihm Geld aufs Konto, und wir fahren nach Deutschland, heben das Geld ab und die Sache ist erledigt.“ (mehr …)

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Mafia auf Polnisch

Sonntag, 26. Februar 2017

Kurze Werbeeinblendung: Mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ wird von von dem polnischen Verlag bellona neu aufgelegt. Das freut mich als Ehrenpolin natürlich ganz besonders. Vollpolen, Viertel – und Ehrenpolen aller Länder: Vereinigt Euch und kauft mein Buch!

www.bellona.pl

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Endlich: Das Warten hat ein Ende.

Sonntag, 22. Januar 2017

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Hochverehrte Blogleser, natürlich konnten Sie es kaum erwarten: „Die Gesichter der Toten“ jetzt als Taschenbuch, hurra, hurra, hurra. Druckfrisch, yesss.

Und wenn ich bei dieser Gelegenheit noch mal auf die herzerwärmenden Kritiken hinweisen dürfte:

»So gewinnt man ein weibliches Lesepublikum für Mafia-Thriller, die übrigens, wie Reski beweist, auch komische Passagen haben dürfen, ohne dass der Ernst der Lage verharmlost würde.« Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 9.11.2015

«Klartext-Prosa auf hohem Niveau, Faktentreue und Brisanz – und eine umwerfende Hauptfigur.« Günter Keil, literaturblog, 20.09.2015

»Selbstbewusst, sexy, schlagfertig: Staatsanwältin Serena Vitale aus Palermo leitet die Fahndung nach Alessio Lombardo, dem untergetauchten Mafia-Boss. Und Cosa-Nostra-Expertin Reski brilliert mit einem komplexen Plot, einer starken Hauptfigur und ironischen Metaphern. Ein intelligenter Kriminalroman über Geldwäsche, Korruptionsnetzwerke, die Verbindungen der Mafia nach Deutschland und den Untergang des Qualitätsjournalismus.“ Playboy 1/2016

»Die palermitische Staatsanwältin mit dem Hang zu scharfen Fragen und Heiligenfiguren ermittelt in Petra Reskis gerade erschienenem Krimi „Die Gesichter der Toten“ in jener „Zwischenwelt“, die ihre Schöpferin so penibel erforscht: Netzwerke aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi also, die voneinander profitieren.» Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 12. 2015

»Wie das erste Buch ist die wiederum sehr spannende Geschichte nicht dem Genre der klassischen Krimiliteratur zuzuordnen. Es ist bei Petra Reski ganz und gar nicht so, dass der Böse dem Guten etwas antut und dann der Aufrechte den Bösen der Gerechtigkeit zuführt. Die sehr glaubwürdig gezeichneten Figuren bewegen sich immer irgendwo dazwischen. Sie sind richtige Charaktere in einem richtigen Leben.« Salzburger Nachrichten, 02.01.2016

»Geradezu schreiend komisch sind die ironischen Seitenblicke und -hiebe auf die Welt und die Arbeitsbedingungen des Journalismus. Es gibt neben der Staatsanwältin Vitale nämlich noch einen zweiten Helden bzw. eher Antihelden: den deutschen Reporter Wolfgang Widukind Wieneke, dem die Mafia mehr oder weniger passiert, der sich dann aber – auch wenn ihn und Vitale sonst nicht viel verbindet – auf seine Weise ebenso in das Thema verbeißt wie die Italienerin. Und so erfährt man ganz nebenbei mehr über den Journalismus als in einem Roman, der ihn wie Tom Rachmans „Die Unperfekten“ explizit zum Thema macht.» Die Presse, 13.02.2016

Und, ja, natürlich, die nächste Folge ist in Arbeit.

P.S.: Die nächste Gelegenheit, sich das Buch von mir höchstselbst signieren zu lassen, haben Sie am 14. März 2017 um 18 Uhr, in Dortmund im Industriemuseum Zeche Zollern!

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Don Pino

Samstag, 31. Dezember 2016

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Don Pino, der Pfarrer von San Luca, der in Duisburg nach dem Mafiamassaker eine „Versöhnungsmesse“ abhielt (und dem ich in meinem Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern ein ganzes Kapitel gewidmet habe) steht laut der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria im Verdacht, ein Gehilfe der Mafia zu sein. Hat mich jetzt nicht wirklich überrascht.

Don Pino ist auch geistiger Vater des Wallfahrtsortes Santa Maria di Polsi, wo dieses Foto aufgenommen wurde, während meiner Recherchen für mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern„. Auf meine Frage, ob der Wallfahrtsort, wie die Staatsanwälte vermuteten, auch der Ort sei, an dem sich die ‚Ndrangheta zu einer Art jährlichen Betriebsversammlung trifft, sagte Don Pino damals:

Versammlungsort der ‚Ndrangheta? Sehen Sie, wir leugnen nicht, dass das in der Vergangenheit geschehen ist. Aber nicht weil sich die Leute da versammelten, um … wer weiß was zu verwirklichen. Es geht hier um eine Art von Frömmigkeit, eine Art von populärer Gottesfürchtigkeit der negativen Art. Das Abbild der Madonna zu verehren und gleichzeitig Verbrechen zu begehen, ist nicht miteinander zu vereinbaren. Es ist eine Todsünde. Aber in Polsi werden im Angesicht der Madonna auch die härtesten Herzen weich – und lösen sich in Tränen auf. Ich habe dort Männer gesehen, die den Boden zum Altar der Madonna mit der Zunge abgeleckt haben. Natürlich erlaubt die Kirche so etwas nicht mehr. Wieviele Wunder vollbringt diese Madonna – indem sie Herzen wieder belebt! Und dann wird sie immer noch als Madonna der ‚Ndrangheta bezeichnet! Und für uns Kalabresen ist die Madonna di Polsi der Bezugspunkt unseres Glaubens.

Bei der Ermittlungsaktion „Crimine“ 2010, in deren Verlauf über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz – filmten die Ermittler auch ein Treffen der Bosse im Wallfahrtsort Polsi.

Don Pino war mit seinem guten Freund und Bischof von Locri zur „Versöhnungsmesse“ in Duisburg angereist, Monsignor Bregatini. Dem Don Pino mitgeteilt hatte: „Nach Polsi gehen nicht die Menschen, die in Diskotheken gehen wollen. Nach Polsi kommen Menschen, die Tränen in den Augen haben. Und wer kann die Tränen besser trocknen als eine Mutter? Die Mutter Gottes? Und der Bischof sagte dann im Fernsehen: Wenn das hier in Polsi eine Versammlung der ‘Ndrangheta ist, dann bin ich der erste Mafioso.“

Bald darauf wurde Bischof Bregantini von Locri nach Campobasso versetzt. Ein kalabrischer Staatsanwalt sagte damals: „Die Kirche ist immer schneller als wir.“

 

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Der vermeintliche Türöffner

Dienstag, 22. November 2016

Über die Umtriebe von Francesco Sbano, dem „Mafia-Experten“ der anderen Art, habe ich in diesem Blog schon öfter geschrieben. Sbano war nicht nur geschätzter Mitarbeiter des SPIEGEL, von Spiegel-Online und dem BR, sondern in Berlin auch zu Gast im Haus der Kulturen, was die Antimafia-Organisation Mafia? Nein danke! dazu veranlasste, einen Protestbrief zu verfassen.

Heute hat die Taz über Sbanos Verurteilung in Reggio Calabria berichtet:

ROM taz | „Saugefährlich“ sei das, was er tue – als Mafiakenner, der ganz nah dran ist: So inszenierte sich Francesco Sbano im Spiegel-Online-Interview, aber auch sonst immer gern als einer, der genau Bescheid weiß über die in Kalabrien aktive ‚Ndrangheta und ihre Bosse.

In Deutschland hat der 53-jährige Kalabrese angeblich 150.000 Stück seiner drei CDs mit Songs der ‚Ndrangheta verkauft – Liedgut, in denen sich die Bande ihrer Mordtaten brüstet. Vor allem aber fungierte Sbano als Fotograf und „Türöffner“ für Spiegel-Autoren. In deren Texten, die auch auf Spiegel Online erschienen, wurde er als Vermittler zitiert. Auch der Bayerische Rundfunk nutzte seine Dienste. Mehr oder minder naiven deutschen Journalisten nämlich vermittelt Sbano gern mehr oder minder pittoreske ‚Ndrangheta-Bosse zum Interview, in dem sie richtig auspacken, ganz so, als gebe es in ihrem Verein kein Schweigegebot – oder als sei es kurz mal ausgehebelt, wenn Herr Sbano hilft.

Nicht umsonst trägt ein Buch Sbanos den widersinnigen Titel: „Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“. Dabei heißt einer der Songs, die Sbano auf CD veröffentlichte, eben „Omertà“ , und in einem anderen Lied erfahren wir: „Es gibt keine Gnade für den, der verraten hat“. Und irgendwie hat der Mafiaexperte sich wohl anstecken lassen von dem Ton, der bei jenen bösen Burschen herrscht, die er so gut zu kennen behauptet. Am 28. Februar 2012 (die taz berichtete) jedenfalls tauchte er im Anti-Mafia-Museum von Reggio Calabria auf, wo gerade eine Schulklasse erfahren wollte, was die Bosse ihrer Region so treiben. Experte Sbano hätte da etwas beitragen können, doch ihn trieben andere Sorgen um.

„Ich mache euch fertig, euch und diese Hure!“, brüllte der Ausnahme-Investigativ-Journalist. Ungerechtfertigt habe das Museum seine Songs auf Veranstaltungen genutzt, ohne für die Rechte zu zahlen. Doch offenkundig saß das Problem tiefer: „Diese Hure“ – die Journalistin Francesca Viscone – hatte es sich erlaubt, Sbanos Werk in Zweifel zu ziehen, hatte die Frage gestellt, ob er nicht ganz leise dabei sei, die ‚Ndrangheta zu verherrlichen: als wahren Ausdruck kalabresischer Kultur und Lebensart.

Und dann lobte er sich, nach Aussagen aller Zeugen, auch noch dafür, was für ein Star er dagegen in Deutschland sei. Die Kinder im Hof des Anti-Mafia-Museums dürften diesem Auftritt eines Möchtegernbosses wohl einigermaßen fassungslos zugeschaut haben. Sbano trug sein immerhin anderthalb Stunden langer Wutanfall („du weißt nicht, wen du vor dir hast!“) nun am 5. Oktober die Verurteilung zu 40 Tagen Gefängnis ein, wegen Verleumdung.

In Italien konnte man die Faszination, die dieser Experte auf die Deutschen ausübte, nie nachvollziehen. Mal schauen, wie es der BR (der gegenüber der taz betont, Sbano nur einmal beschäftigt zu haben) und vor allem der Spiegel , der Sbano mehrfach einsetzte, zuletzt 2014, seitdem aber keinen Kontakt mehr zu ihm habe, wie ein Sprecher sagt – wie es all die deutschen Medien eben, die ihm bisher ein Forum geboten haben, in Zukunft mit dem Kenner und seinen schaurig-schönen Bossen in Kapuzenshirts halten.

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Don Ciotti: „Die Mafia ist keine Welt für sich, im Gegenteil“

Samstag, 22. Oktober 2016

Vorgestern wurde Don Luigi Ciotti, Begründer der Antimafia-Bewegung „Libera“ im Goldenen Saal der Stadt Augsburg mit dem Mietek-Pemper-Preis für Versöhnung und Völkerverständigung ausgezeichnet. Ich hatte die Ehre, seine Laudatio zu halten.

Don Luigi Ciotti (Foto Peter Neidlinger)

Don Luigi Ciotti (Foto Peter Neidlinger)

Ich möchte Ihnen kurz schildern, wie meine erste persönliche Begegnung mit Don Ciotti aussah. Ich war nach Rom gefahren, weil die Antimafiaorganisation „Libera“ die „Generalstäbe der Antimafia“ versammelt hatte, in einem Auditorium in Rom, unweit vom Petersplatz.

„Die Generalstäbe der Antimafia“ – mir gefiel der Ausdruck sofort, weil es klingt, als träfe sich hier ein Kreis von ausgewählten Offizieren, die einen Umsturz planten; die Generalstäbe der Antimafia, das klingt kämpferisch, ja kriegerisch – und ist damit der richtige Ausdruck.

Denn Italien ist ein Land im Kriegszustand. Es ist ein Krieg, der seit mehr als siebzig Jahren andauert. Es ist ein Krieg der Mafia gegen die Schwachen. Gegen die Menschenwürde. Gegen die Selbstbestimmung. Gegen die Freiheit.

Es ist ein Krieg, der mit ungleichen Waffen geführt wird.

Die Mafia kämpft mit ihren Milliarden, mit Bomben und Kalaschnikows, mit Parlamentariern, die für sie Justizreformen durchsetzen, mit Unternehmern, mit Staranwälten und Verleumdungsklagen. Und ihre Gegner kämpfen mit bloßen Händen.

Die Generalstäbe der Antimafia, die ich in Rom sah, waren Studenten mit Spitzbärten, stark gepuderte Damen, die aussahen, als kämen sie gerade vom Nachmittagskaffee und kaugummikauende Journalisten. Es waren junge Priester, die ihre Priesterbinde gelockert hatten, Universitätsprofessoren in currybraunen Cordhosen und Mädchen mit ernstem Blick und Augenbrauenpiercing. Es waren militante Optimisten, die in Italien ehrenamtlich für die mehr als 1600 Antimafiavereinigungen von Libera arbeiten: Sekretärinnen, die ihre Freizeit dafür opfern, in Schulen Lesungen von Mafiabüchern zu veranstalten, Regisseure, die Theaterstücke gegen die Mafia inszenieren, Studenten, die via Facebook Protestmärsche gegen mafiose Parlamentarier organisieren und Mafiainfiltrationen in Stadträten anprangern. Auch Mafia-Aussteiger waren da, ehemalige Kronzeugen, für die Don Ciotti sich einsetzt, damit sie vom italienischen Staat nicht fallen gelassen werden, nachdem sie mit ihren Aussagen Prozesse gegen die Mafia ermöglicht haben, sondern dass ihnen am Ende ihrer Zusammenarbeit mit der Justiz eine neue Identität erstellt wird.

Es gibt Libera-Aktivisten in ganz Italien, nicht nur in Süditalien, auch in winzigen norditalienischen Dörfern – Antimafiakrieger, die nun alle durch das Foyer des Auditoriums in Rom liefen, weil das der Moment war, als ein Mädchen mit einem glitzernden Palästinenserschal um den Hals auf die Bühne stieg.

Es war ein Mädchen, deren Mutter in Neapel von der Camorra ermordet wurde – eine junge Mutter, die zufällig die Straße passiert hatte, als ein Boss ermordet werden sollte. Eine Kugel traf sie in die Schläfe. Ihre Tochter war damals zehn Jahre alt und sah vom Balkon der Wohnung aus, wie ihre Mutter erschossen wurde. Nun war sie siebzehn und las mit fester Stimme die Begrüßungsworte des Staatspräsidenten vor, der zu Mut und Tapferkeit aufrief und Gerechtigkeit versprach, und ich hörte, wie sich hinter mir jemand die Nase putzte.

Im Auditorium saßen auch Ehefrauen und Kinder von ermordeten Polizisten und Staatsanwälten, Brüder, Schwestern und Eltern von Mafiaopfern. Einige hatten mit dem Leben für ihren Kampf um Gerechtigkeit gezahlt, andere hatten sich nur durch Zufall zur falschen Zeit am falschen Ort befunden, als eine Bombe hochging, als sie bei einer Schießerei ein Querschläger getroffen hatte, als sie Augenzeuge einer Blutfehde geworden waren und deshalb beseitigt werden mussten.

Es war ein untröstliches und zorniges Volk, das da saß und seine Toten vor dem Vergessen bewahren wollte, mit Wikipedia-Einträgen und Gedenktagen, mit Stiftungen und Facebook-Gruppen. Es tat ihnen gut, sich nicht allein zu fühlen. Die Mafia versucht ihre Gegner stets zu isolieren, zu diskreditieren, zu verhöhnen, viele noch bis in den Tod.

Am Ende ging Don Ciotti auf die Bühne. Wie immer trug er einen dunkelblauen Seemannspullover, in dem er aussah wie ein Marinepfarrer. Don Ciotti prangerte eine Gesellschaft der Ungleichheit an, er geißelte den Egoismus, bis die Dekoblumen auf der Bühne wackelten und präsentierte eine Liste mit den Namen der Mafiatoten. Von 1893 bis heute. Und betonte zugleich, dass diese Staatsanwälte, Polizisten, Journalisten, Unternehmer, Händler – dass all diese unschuldigen Opfer der Mafia nicht gestorben sind, um eine Gedenkplatte zu zieren oder Ziel eines Gedenkmarsches zu werden. „Sie sind mit der Hoffnung gestorben“, sagte er, „dass andere, mit ihnen und nach ihnen für Gerechtigkeit kämpfen würden. Wir sind diese anderen.“

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Tischgespräch

Samstag, 30. April 2016

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Wer sich für Venedig, das Ruhrgebiet, ostpreußische Familien und die Mafia interessiert (im Wesentlichen das Gleiche, bis auf winzige Unterschiede …), dem sei das kurzweilige Tischgespräch empfohlen, das Gisela Steinhauer mit mir in Venedig für WDR 5 geführt hat. Nachzuhören hier.

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Deutschland offshore.

Freitag, 08. April 2016

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade in Palermo bin.

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(hier die etwas deprimierende Ansicht des Justizpalastes von hinten)

Jedenfalls klingt es hier so, als wollte man in Deutschland gerade mal ganz schnell das Rad neu erfinden, dank #PanamaPapers. Vulgo, die Geldwäsche in Deutschland spitzkriegen. (Auf Italienisch nennt man das: „Die Entdeckung des heißen Wassers.“) Auf allen Kanälen wird knallhart recherchiert: Spiegel online entdeckt „Deutschlands Kämpfchen gegen die Geldwäsche“ (schöne Überschrift, muss man ihnen lassen):

Nicht zuletzt wegen laxer Geldwäschekontrollen gilt Deutschland inzwischen als beliebte Destination für die italienische Mafia. Sie soll beispielsweise in Erfurt Drogenerlöse in Restaurants und Unternahmen gesteckt haben. „Wenn ich Mafioso wäre, würde ich meine Gelder in Deutschland anlegen“, sagte der italienische Staatsanwalt Roberto Scarpinato. Lange konnten Mafiosi für Geldwäsche nicht zusätzlich belangt werden, wenn sie schon für das zugrundeliegende Delikt wie etwa Drogenhandel bestraft wurden. Erst vor Kurzem wurde ein Gesetz gegen diese sogenannte Eigengeldwäsche auf den Weg gebracht – auch darauf hatte die FATF (die Anti-Geldwäschegruppe der OECD) gedrungen.

 

Maybritt Illner wirft Deutschland vor, ein Hort der Geldwäsche zu sein, und die Süddeutsche Zeitung stellt fest, dass wir „Steuerkriminellen den roten Teppich ausrollen„:

SZ: Gerade reden alle über das mittelamerikanische Land Panama. Sie bezeichnen auch Deutschland als Steueroase. Warum?

Markus Meinzer: Steueroasen ermöglichen Ausländern, Gesetze ihrer Heimatländer zu brechen. Nach dieser Definition ist Deutschland eine Steueroase. Wir rollen Steuerkriminellen den roten Teppich aus, etwa weil Ausländer keine Steuer auf Zinserträge in Deutschland bezahlen müssen und eine Meldung ans Heimatfinanzamt unterbleibt. Außerdem haben deutsche Banker keinerlei Sanktionen zu befürchten, selbst wenn sie wissentlich und vorsätzlich bei der Hinterziehung ausländischer Steuern behilflich sind. Alle verfügbaren Studien zeigen: Wenn Menschen ihr Geld über die Grenze bringen, ist Steuerhinterziehung die Regel und nicht die Ausnahme. Damit ist Deutschland nicht nur Opfer von Steueroasen, sondern Teil des Problems.

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Deutschland, das Paradies der ‘Ndrangheta.

Mittwoch, 23. März 2016

Heute findet in Bologna der erste Verhandlungstag der Prozesses „Aemilia“ statt – ein Mafiaprozess, der nicht nur wegen seines Umfangs ( 147 Angeklagte, weitere 71 in einem getrennten, abgekürzten Verfahren) interessant ist, sondern weil er in Norditalien stattfindet. In einer reichen Region, die nicht nur für das klassische Made in Italy steht (Parmaschinken, Ferrari, Pasta von Barilla … jedenfalls, insofern die Firmen noch nicht ins Ausland verkauft worden sind, aber das ist eine andere Geschichte) – sondern auch für die Tatsache, sich gegen den „Virus“ Mafia immun zu glauben.

Wie Deutschland auch.

Und das ist nicht die einzige Parallele zwischen der Emilia Romagna und Deutschland: Wie in Deutschland sind hier seit über vierzig Jahren alle italienischen Mafiaorganisationen präsent: die ‘Ndrangheta, die kalabrische Mafia, die Camorra aus Kampanien und die sizilianische Cosa Nostra.

Einige Mafiosi kamen nach Norditalien, weil sie sich, wie es das italienische Recht damals vorsah, nachdem sie straffällig geworden waren, nicht mehr in ihren Heimatsregionen niederlassen durften. Andere kamen im Gefolge der Gastarbeiter, wie in Deutschland auch.

Norditalien ist reich – und damit bestens geeignet für die mafiosen Geschäfte: Was mit dem Kerngeschäft des Drogen- und Waffenhandels anfing, ging weiter mit der Bauindustrie, Müllbeseitigung und dem Immobilienhandel, aber auch mit der Lebensmittelindustrie: Im Grunde gibt es keine Branche, in der die Mafia nicht vertreten wäre. Wie die Antimafia-Staatsanwälte feststellen, handelt es sich hier schon lange nicht mehr um eine mafiose Infiltration: Die Mafia ist in Norditalien nicht hier und da eingesickert, sondern beherrscht große Teile der Wirtschaft. Ganz legal.

Allein 17 Ndrangheta-Clans, 4 Clans der Cosa Nostra und 3 Camorra-Clans sind in der Provinz Reggio Emilia aktenkundig – der Prozess Aemilia ist der erste große Prozess gegen die ‘Ndrangheta. Im Juli 2015 wurden Besitztümer und Unternehmen im Wert von 330 Millionen Euro beschlagnahmt – im Zentrum der Anklage steht der aus dem kalabrischen Crotone stammende Clan Grande Aracri. Die Anklage lautet auf Korruption, Geldwäsche, Stimmenkauf, Erpressung, Mord. Angeklagt sind nicht nur Mafiosi, sondern auch ihre Handlanger: Stadträte, Journalisten, Polizisten, Unternehmer. Und hier fängt es an, interessant zu werden.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht wurden die Geldgeschäfte fast immer über Deutschland abgewickelt. (mehr …)

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