Kategorie: Mafia in Deutschland

Verbrecher auf Sommerfrische

Mittwoch, 08. Juli 2015

Gestern wurde die Verhaftung von acht ‘Ndranghesti am Bodensee bekannt gegeben, was die deutschen Medien wieder mal in großes Erstaunen versetzte: Ist es denn möglich? Die Mafia? Bei uns?

Besonders hat mir ein Satz gefallen, der in der FAZ zitiert wurde: „Das sind häufig Personen, die hier unauffällig leben, die aber in Italien Straftaten begehen“, sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes in Stuttgart. Will sagen: No sweat, Leute, bei uns benehmen sich die Mafiosi anständig! Ganz abgesehen von dem Detail, dass diese Ermittlung, die den schönen Namen „Rheinbrücke“ trägt, schon eine etwas längere Vorgeschichte hat – die ersten Verhaftungen gehen zurück auf das Jahr 2010 und 2011, die Operation Crimine, dazu auch hier und hier, ist die Überraschung wieder mal groß. Ungefähr so wie bei Kindern, die jedes Mal aufs Neue schreien, wenn der Kasper aus der Kiste springt, obwohl sie das Stück schon zehn Mal gesehen haben.

Und obwohl der von mir geschätzte Staatsanwalt Nicola Gratteri selbst in der FAZ kein Blatt vor den Mund nimmt und ziemlich klar zu verstehen gibt, dass die Existenz der Mafia in Deutschland verdrängt und verleugnet wird. wird jetzt heftig gerudert. Gebetsmühlenartig wird die Formel vom „Rückzugsraum“ wiederholt, und wenn das nichts nützt, dann heißt es etwas naiv: „Die Verdächtigen sollen das Modell der kalabrischen Mafia ‚Ndrangheta kopiert haben“.

Deshalb dachte ich, dass es ganz nützlich wäre, meinen TAZ-Artikel online zu stellen, den ich im April geschrieben habe.

Verbrecher auf Sommerfrische

VERDRÄNGUNG

Unsere Autorin recherchiert seit Jahren über die Mafia und was sie in Deutschland treibt. Ihre Diagnose: Wir sehen das zu locker

VON PETRA RESKI

Die Geschichte der Mafia in Deutschland ist eigentlich ein Fall für den Psychotherapeuten. Ein ziemlich spannender Fall von Verdrängung.

Im Grunde müsste man sie alle auf die Couch legen: die großen Bauunternehmer, die wissen, dass dieser Subunternehmer den Bauauftrag zu diesen Dumpingpreisen unmöglich mit legalen Mitteln ausführen kann. Die Bankdirektoren, die ihre Geldwäschebeauftragten anweisen, angesichts der prekären Wirtschaftslage in diesem strukturschwachen Gebiet bei diesem Investor bitte mal ein Auge zuzudrücken. Die Unternehmer, die mit einem stadtbekannten Boss der ’Ndrangheta Exkursionen nach Kalabrien machen, um mit ihm Geschäftliches zu besprechen. Die Politiker, die das Catering für ihre Wahlparty von dem befreundeten aktenkundigen italienischen Gastronomen sponsern lassen und ihm dafür günstige Darlehen des Bundes verschaffen. Die Bürgermeister, die angesichts der Investition von Mafiageldern in ihrer Innenstadt ihre Augen verschließen. Die Rechtsanwälte, Finanzberater und Bankiers, die dabei behilflich sind, das schmutzige Geld in den legalen Geldkreislauf einzuschleusen. Die Linken und die Liberalen, die von der Existenz der Mafia auch nichts wissen wollen, weil sie dann ihre heilige Kuh vom Überwachungsstaat schlachten müssten. Kurz: Deutschland ignoriert die Mafia bewusst, weil Deutschland von der Mafia profitiert.

Bis heute habe ich noch keinen einzigen Politiker in Deutschland gehört, der das Thema „Mafia“ in den Mund genommen hätte, ohne sogleich das Wort „Rückzugsraum“ dranzukleben: Ja, es mag sein, dass es hier so etwas wie Mafia gibt – die ist aber nicht aktiv, eher so auf Sommerfrische: Keep cool, it’s only the mob. Godfathers on holiday. Don’t worry.

Acht Jahre nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen, und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-win-Situation. Es sind die Mafiosi selbst, die die Deutschen in der Überzeugung bestärken, dass die Mafia nur ein italienisches Problem sei. Genauer gesagt: ein süditalienisches Problem. Die Mafia existiere nur in rückständigen, süditalienischen Dörfern. Die wirkliche Mafia jedenfalls. Also die Mafia, die metzelt und Autos in die Luft jagt und Schutzgeld erpresst und Politiker besticht. Alles andere sei vielleicht so etwas wie organisierte Kriminalität – aber keine Mafia. Entspannt euch, liebe Deutsche! Eure Gesetze sind zu streng, und ihr seid zu gesetzestreu, als dass die Mafia bei euch wirklich Fuß fassen könnte!

Und wenn sich die Wirklichkeit in den Weg wirft, greift man in die Kiste mit der Schmutzwäsche: Denn was waren denn die Mafiamorde von Duisburg, denen sechs Menschen zum Opfer fielen? Letztlich doch nur Italiener, die andere Italiener erschossen haben, oder? „Die unmittelbare Drohung und die Ausübung von Gewalt richten sich nach polizeilichen Bewertungen vorwiegend gegen italienische Landsleute“, verkündete die Düsseldorfer Landesregierung nach den Morden auf eine Große Anfrage zur Bedrohung Nordrhein-Westfalens durch die Mafia. So beschwichtigte sie die aufgeschreckten Bürger und schmetterte Kritik der SPD-Opposition ab, die die Große Anfrage gestellt hatte. Wer noch Zweifel hatte, dem wurde mitgeteilt: „Die Landesregierung hat keine Anhaltspunkte dafür, dass der Standort Deutschland eine besondere Attraktivität für eine zukünftige nationale Ausbreitung der italienischen OK aufweist.“ Kaum war die SPD wieder an der Regierung, wurde im Düsseldorfer Parlament nicht mehr von der Mafia gesprochen. Sonst hätte man ja gegen sie vorgehen müssen.

Die Antwort der Düsseldorfer Landesregierung erinnert an jenes ferne Italien, in dem die Mafia noch geleugnet werden konnte. In den sechziger Jahren wurde in Palermo das Bonmot des Kardinals Ernesto Ruffini berühmt, der sagte: „Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?“, und sie Papst Paul VI. gegenüber als quantité négligeable herunterspielte. Eine Bande von Kleinkriminellen, von den Kommunisten erfunden, um Sizilien, die damalige Regierungspartei Democrazia Cristiana und die ihr verbundene Kirche zu diskreditieren. Und als der Boss Gerlando Alberti in den siebziger Jahren in Mailand verhört wurde, fragte er: „Mafia? Was soll das sein? Eine Käsesorte?“ Der Boss wusste, dass die Norditaliener damals noch glaubten, gegen die Mafia gefeit zu sein. Sie galt ausschließlich als Geißel Süditaliens – so wie sich das bis heute viele wünschen, in Italien und in Deutschland.

Als ein tapferer Reporter der Augsburger Allgemeinen im Frühjahr 2014 in Kempten, einer langjährigen Hochburg der Mafia im Allgäu, die Geschichte von den 1,6 Kilo Kokain im Spind des Drogenfahnders ans Licht brachte, gaben sich alle erstaunt: Wie? Mafia in Kempten? Der Innenminister drohte „sorgfältigste Ermittlungen“ an, man bangte um die Gefühle der in Kempten lebenden Italiener und versuchte sich damit zu trösten, dass der Drogenfahnder die 1,6 Kilo Kokain nur zu Schulungszwecken in seinem Spind aufbewahrt habe, die Mafia in Kempten eigentlich Geschichte sei. Das Ganze sei also nichts als ein bedauerlicher Einzelfall, auch weil in Kempten ohnehin andere kriminelle Banden der Mafia Konkurrenz machten. Inzwischen ist der Drogenfahnder zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden – wegen Drogenbesitzes, gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung seiner Ehefrau. Die Herkunft des Kokains: bleibt weiterhin ungeklärt.

Im September 2014 dokumentierte ein Polizeivideo ein Geschäftstreffen kalabrischer Mafiabosse in einem Schweizer Landgasthof: Man sieht übergewichtige Herren, die mehr oder weniger lustlos die Begrüßungsformeln herunternudeln und den Generationswechsel anstreben – und dabei an die zur Bequemlichkeit neigende Jugend appellieren: „Wir haben uns unsere Namen gemacht, jetzt seid ihr an der Reihe! Wer arbeiten will, kann arbeiten! Es gibt Arbeit für alle: Erpressungen, Kokain, Heroin! Zehn Kilo, zwanzig Kilo, ich bring sie euch persönlich vorbei.“ Das Treffen der in Deutschland und der Schweiz ansässigen Bosse wurde Gegenstand einer Ermittlung, die eine Fortsetzung von zwei großen Ermittlungsaktionen war: „Crimine“ und „Crimine 2“, in deren Verlauf in den Jahren 2010 und 2011 mehr als 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden. ’Ndrangheta-Zellen wurden in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz entdeckt. Im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz, in Singen, Rielasingen und Radolfzell, in Ravensburg und Frankfurt, aber auch in Frauenfeld und Zürich wickelten seit Jahrzehnten ansässige, voll funktionstüchtige Clans ihre Geschäfte ab: Waffen- und Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution, Giftmüll. Die kalabrische ’Ndrangheta dominiert den Kokainhandel weltweit.

Interessant für die italienischen Ermittler der „Crimine“-Operation war die Rivalität zwischen den Clans in Frauenfeld und Zürich und jenen in Deutschland: Die größte Sorge des Bosses Bruno Nesci im deutschen Singen – eines bis dahin unverdächtigen Bäckers – war nicht etwa die deutsche Polizei, auch nicht die italienische, sondern „Ntoni lo svizzero“, der Anführer der konkurrierenden Clans in der Schweiz: Denn die „Schweizer“ seien kurz davor, ein weiteres „locale“ in Frankfurt zu gründen, was Nescis Macht verwässert hätte. Deshalb kam es zwischen den Bossen in Deutschland und der Schweiz zu frenetischen Telefonaten, hektischen Reisen zum Mutterhaus im kalabrischen Rosarno und regelmäßigen Lagebesprechungen in Bars und Pizzerien. Bei einem Treffen in einem Landgasthof in Wängi unweit von Frauenfeld ging es um die dringende Frage, ob diese Zelle tatsächlich berechtigt sei, zwei Clanmitgliedern einen höheren Rang zu erteilen.

An der Geduld, mit der sich die Bosse ihren verzwickten Hierarchiefragen widmeten, lasen die italienischen Ermittler nicht nur ab, wie sicher sich die ’Ndrangheta-Clans in der Schweiz und in Deutschland fühlten, sondern auch, dass es hier um eine langfristige Investition in die Zukunft gehen sollte: das Territorium abzustecken. Und dabei soll es ruhig zugehen. Morde, wie zuletzt im hessischen Nierstein, sind extrem kontraproduktiv: „Restaurant-Besitzer mit 14 Schüssen hingerichtet: Nachbarn vermuten die Mafia hinter der Tat“, schrieb die Bild am Sonntag . „36-jähriger Tatverdächtiger festgenommen“, schrieb das Wormser Wochenblatt . Fundort der Leiche: die Pizzeria La Casa in Nierstein. Tatzeit: die Nacht zum dritten Advent. Die Soko Casa kam zum Einsatz, Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium verkündeten umfangreiche Ermittlungen: Ja, sowohl das Umfeld des 36 Jahre alten italienischen Tatverdächtigen, der in Deutschland aufgewachsen sei, als auch das des 51-jährigen Getöteten werde abgeklärt. Nein, der Tatverdächtige habe sich nicht zur Sache eingelassen. Ja, der Sachverhalt sei von allgemeinem Interesse. Nein, Einzelfragen würden nicht beantwortet. Mord, Pizzeria, Italiener: „Das war kein Überfall, das war eine Hinrichtung. Wie bei der Mafia“, sagen die Anwohner zur Bild am Sonntag, die sich schaudernd an die Mafiamorde von Duisburg erinnerte. Ende März wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Mainz nun gegen den 36- Jährigen ermittelt, es gebe allerdings „wenige Erkenntnisse zu den Hintergründen der Tat“, schrieb die Mainzer Allgemeine Zeitung .

Ruhe ist oberste Bürgerpflicht. Nicht nur aus Sicht der Politik, sondern auch aus Sicht der Mafia – die nie ein Fremdkörper ist, sondern sich bis zur Unkenntlichkeit der Gesellschaft anpasst, in der sie lebt. Die Bosse wissen, dass man zwar in Kalabrien, Sizilien oder Neapel die Bürger mit Gewalt einschüchtern kann, in Deutschland die gleiche Taktik jedoch extrem kontraproduktiv wäre. Also versuchen sie vor allem zwei Vorurteile am Leben zu halten, mit denen sie vielen Deutschen entgegenkommen: dass die Mafia lediglich eine Art lichtscheues Gesindel sei, also eine Verbrechensorganisation, die irgendwo im gesellschaftlichen Unterholz ihr Unwesen treibt, anders als die Guten, Anständigen, Rechtschaffenen. Und dass sich die Mafia darauf beschränke, ihre kriminellen Geschäfte in ihrem Ursprungsland zu betreiben und Deutschland nicht als „Aktionsraum“, sondern immer nur als „Ruheraum“ zu nutzen, vor dem nächsten Einsatz als Killer in San Luca oder Corleone, weil wir Demokraten über genügend Antikörper verfügen, um die Ausbreitung der Mafia aufzuhalten.

Übrigens versucht man selbst in Italien die Mafia noch zu verdrängen, zumindest außerhalb ihrer Ursprungsregionen. Was auch nicht immer klappt. 2014 wurden allein drei gigantische Mafia- und Korruptionsskandale bekannt: In Mailand wird die Expo von der ’Ndrangheta aufgefressen, in Venedig wurde die Bestechungsaffäre um die Hochwasserschleuse „Mose“ enthüllt, in die hundert Politiker und hohe Beamte verwickelt sind, und in Rom zeigte der jüngste Mafiaskandal, dass in der Hauptstadt so gut wie jeder öffentliche Auftrag von den Bossen kontrolliert wurde: rechte und linke Politiker Seite an Seite am Tisch mit den Bossen. Die Mafia verdient in Rom an der Müllabfuhr, an der Instandhaltung von Parks, an der Verwaltung und dem Management von Kindergärten, an Notunterkünften für Flüchtlinge, an Roma-Camps.

Die römische Mafia-Ermittlung trägt den schönen Namen „Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat die wohl passendste Definition der Mafia der Moderne lieferte: „Das ist die Theorie der Zwischenwelt. Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten, und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“

Es vermischt sich nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland, wo die Mafia seit den sechziger Jahren heimisch ist. Die sizilianische Cosa Nostra, die kalabrische ’Ndrangheta und die kampanische Camorra. Konkurrenz zwischen den einzelnen italienischen Mafiaorganisationen gibt es nicht. Der deutsche Kuchen reicht für alle. Dass sich daran nichts ändert, dafür sorgt die deutsche Gesetzeslage, die, wie zahlreiche italienische Antimafia-Staatsanwälte immer wieder betonen, ein Einladungsschreiben an die Mafia ist.

Mafiazugehörigkeit ist kein Strafdelikt: Anders als in Italien, wo die alleinige Zugehörigkeit bereits bestraft wird, muss in Deutschland die konkrete Vorbereitung einer Straftat nachgewiesen werden. Will sagen: Okay, du bist vielleicht ein Mafioso, aber solange du hier legal lebst, mit deinem Geld, das du mit Mord, Prostitution, Giftmüll, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel verdient hast, ist das kein Problem für uns. Vor allem nicht, wenn du dein Geld in die deutsche Wirtschaft einfließen lässt; etwa, indem du einen Bahnhof baust oder ein Stadtviertel hochziehst oder eine marode ostdeutsche Innenstadt renovierst, kein Problem, wir fragen nicht nach, woher das Geld kommt, dafür haben wir die Beweislastumkehr: Der Polizist muss nachweisen, dass dein Geld aus schmutzigen Quellen stammt; aber mach dir keine Sorgen, der Polizist kann nicht einfach auf Verdacht ermitteln, anlassunabhängige Finanzermittlungen sind in Deutschland nicht erlaubt.

Abhören ist praktisch unmöglich und Beschlagnahmung von Mafiagütern nur theoretisch möglich, praktisch aber nicht, denn anders als in Italien, wo bereits Güter beschlagnahmt werden können, wenn nur der Verdacht auf Mafiazugehörigkeit besteht, kann das in Deutschland erst dann geschehen, wenn ein definitives, letztinstanzliches Urteil wegen Mafiazugehörigkeit vorliegt. Was bei Mafiosi, die seit vierzig Jahren in Deutschland leben und gegen die in Italien nicht ermittelt wird, nicht der Fall ist.

Aber nicht nur italienische Strafverfolger wundern sich, auch deutsche: „Für die Verbrecherkartelle ist Deutschland das gelobte Land, weil unsere Justiz die Aktivität der Mafia völlig unterschätzt“, schrieb Egbert Bülles, der langjährige Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität des Kölner Justizzentrums, in seinem Buch „Deutschland Verbrecherland?“. „Das liegt unter anderem an den deutschen Strafverfolgern, speziell an den Landeskriminalämtern, die beharrlich islamistische Terroristen verfolgen, kriminelle Organisationen wie die Mafia aber weniger auf dem Schirm haben. Dabei wäre es gut, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.“ Seit dem 11. September 2001 wurden viele Beamte aus den Abteilungen für Organisierte Kriminalität abgezogen, um sich um das zu kümmern, was die Staatsanwälte hinter vorgehaltener Hand „Bärtige belauern“ nennen.

Der Mafia ist das nur recht. Zumal sie die meisten Journalisten auch nicht fürchten muss. Und die renitenten kann sie sich mit dem Presserecht vom Leib halten. Mit der vermeintlichen Verletzung des Persönlichkeitsrechts lassen sich nicht nur Berichte über mutmaßliche Stasi-Kontakte eines Politikers stoppen, sondern auch über Mafiosi und ihre Verbindungen in Politik und Wirtschaft. Wer gegen einen Artikel oder ein Buch klagen will, kann sich das Gericht und sogar den Richter aussuchen – und wendet sich dabei an Gerichte, die für ihre Pressefeindlichkeit bekannt sind. Ende der Berichterstattung. Als mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ erschien, verklagten mich mehrere italienische Gastronomen – und weder diverse BKA-Berichte, Aussagen hochrangiger Antimafia-Ermittler noch kiloweise Ermittlungsunterlagen italienischer und deutscher Staatsanwaltschaften reichten aus, um die Gerichte zu überzeugen, dass die eigentliche Aufgabe eines Journalisten in der Verdachtsberichterstattung besteht – und nicht darin, lediglich erfolgte Urteile zu referieren. Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.

Aber oft müssen sich die Mafiosi in Deutschland nicht mal die Mühe einer Klage machen: Viele Journalisten sind der Faszination für das Verbrechen erlegen und halten es für einen Scoop, wenn sie einen Boss interviewen und dabei nicht merken, dass sie als Lautsprecher für die Mafia benutzt werden.

Das, was der römische Mafioso als „Zwischenwelt“ bezeichnete, haben Palermos Antimafia- Staatsanwälte schon vor vielen Jahren in einer Ermittlung beschrieben, die den Namen „Kriminelle Systeme“ trug – und bezeichnenderweise im Jahr 2001 archiviert wurde. Die Staatsanwälte stellten die Bildung von Kartellen fest, die aus einem Netzwerk aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi bestehen – die über sogenannte Scharnier-Personen kommunizieren: Die Politiker verwalten die öffentlichen Gelder und die Verwaltungsgenehmigungen. Die Unternehmer kontrollieren den Zugang zum Markt, die Mafiosi waschen illegales Kapital und stellen ihr Gewaltpotenzial zur Verfügung, um die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die man mit normalen Mitteln nicht beseitigen kann.

Diese kriminellen Systeme haben sich in den vergangenen Jahren bestens entwickelt: Die Mafia ist zu einem internationalen Anbieter von illegalen Gütern und illegalen Dienstleistungen geworden, für die seit der Globalisierung der Wirtschaft eine unendlich große Nachfrage besteht – von Millionen anständiger Bürger, denen die Mafia nicht nur Güter wie Prostituierte, Kokain, Kinderpornomaterial, Waffen und billige Arbeitskräfte liefert, sondern auch Dienstleistungen: Sie bietet Investitionskapital an, falsche Rechnungen, mit denen Steuern gespart werden können, illegale Giftmüllbeseitigung und Unterstützung bei der Vermittlung öffentlicher Aufträge, beim Erreichen von Verwaltungsgenehmigungen.

Und damit sind wir beim Kern angelangt, dem Verhältnis zwischen Politik und Mafia. Ohne Ansprechpartner in der Politik ist die Mafia ein Fisch auf dem Trockenen. Oder wie es der abtrünnige Boss Antonio Giuffrè sagte: „Mafia und Politik verhalten sich zueinander wie Fisch und Wasser. Es gibt kein Wasser ohne Fische. Und keinen Fisch ohne Wasser.“ Das klingt einleuchtend, ist aber das größte Tabu, bis heute. Der 1992 ermordete Staatsanwalt Paolo Borsellino sagte: „Politik und Mafia sind zwei Mächte, die auf demselben Territorium leben. Entweder sie bekriegen sich. Oder sie einigen sich.“ Meistens einigen sie sich. Und wer auf die unglückselige Idee verfällt, an der Nahtstelle zwischen Mafia und Politik zu kratzen, hat ein Problem: Journalisten werden verklagt, verleumdet und bedroht. Das Gleiche gilt für Staatsanwälte. Sie werden gefeiert, solange sie Mafiosi verhaften. Wenn sie sich aber an einem Politiker vergreifen, der mit der Mafia zusammenarbeitet, ist ihre Karriere zu Ende – im günstigsten Fall.

In Palermo läuft zurzeit der Prozess der sogenannten Trattativa: ein Prozess, der klären soll, ob Politiker und hochrangige Staatsbeamte Anfang der neunziger Jahre mit der Mafia verhandelten – und die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino möglicherweise opferten, weil deren Ermittlungen diese Verhandlungen störten. Seit Prozessbeginn werden die prozessführenden Staatsanwälte massiv bedroht. Der Boss Totò Riina rief sogar aus dem Gefängnis zum Mord am Chefermittler Nino Di Matteo auf. Seitdem besteht Di Matteos Leibwache aus 42 Carabinieri: Neun, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt mit drei gepanzerten Limousinen unterwegs ist. Ein abtrünniger Mafioso enthüllte vor kurzem, dass die Vorbereitungen für das Attentat bereits ganz konkret sind: Er selbst habe 150 Kilo Sprengstoff für das Attentat an Nino Di Matteo besorgt.

Sinn der mafiosen Drohungen ist, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen und dafür zu sorgen, dass die Beteiligten an der Trattativa weiterhin schweigen – was bestens funktioniert. Von den italienischen Politikern kam kein Wort der Solidarität für Nino Di Matteo, keine Anteilnahme, nichts. Der redselige Ministerpräsident Matteo Renzi hat einen winzigen Tweet für den bedrohten Staatsanwalt übrig, und der ehemalige Staatspräsident Napolitano erwirkte, dass Tonbänder gelöscht wurden, die ein Gespräch zwischen ihm und einem wegen Zusammenarbeit mit der Mafia unter Anklage stehenden ehemaligen Innenminister dokumentierten, in dem es vermutlich um die Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia ging.

Jetzt könnte man sagen: Gott sei Dank sind wir in Deutschland noch nicht so tief gesunken. Schließlich gab es hier noch keinen Prozess gegen einen Politiker, dem vorgeworfen wurde, mit der Mafia zusammenzuarbeiten! Sicher, die Mafia hat in Italien einen enormen Entwicklungsvorsprung, dort existiert sie seit 160 Jahren, in Deutschland erst seit vierzig Jahren. Und, ja, vielleicht sind die deutschen Politiker tatsächlich so sauber und edelmütig, wie wir sie uns wünschen. Vielleicht mag aber auch eine Rolle spielen, dass die deutschen Staatsanwälte im Unterschied zu den italienischen weisungsgebunden sind: Justizminister und Regierungsmitglieder, kurz: die Politik, kann Einfluss auf die Strafverfolgung nehmen. Eines betrifft jedoch Deutschland genau wie Italien: Ein Gerichtsurteil kann die moralische Verantwortung des Einzelnen nicht ersetzen. Ein Politiker, der Kontakte zu Bossen pflegt, ist nicht deshalb anständig, nur weil gegen ihn noch kein Urteil vorliegt.

Die Mafia existiert also nur so lange, wie die Guten, Anständigen, Rechtschaffenen mit ihr zusammenarbeiten. Nicht die Geheimniskrämerei, nicht die Verschwiegenheit, nicht die Gewalt garantieren der Mafia ihr Überleben, sondern Verdrängung, Heuchelei und: Unwissenheit. Deshalb ist auch die Mafiafolklore bis heute so beliebt. Solange die Märchen von den Ehrenmännern erzählt werden, die keine Kinder und keine Frauen ermorden, tut das niemandem weh. Die frommen Phrasen vom Erzengel Michael und vom angekokelten Heiligenbild sind schon lange kein Geheimnis mehr, und die Mafiosi sind dankbar, wenn Journalisten es übernehmen, die aus Rosenkranz-Beten, buddhistischem Mantra und dem Gelassenheitsgebet anonymer Alkoholiker zusammengerührten Aufnahmerituale zu verklären.

Aber das eigentlich Spannende bei der Beschreibung der Mafia sind die Lügen der Guten, Anständigen und Rechtschaffenen. Ihre moralische Fallhöhe. Diesen Lügen kommt man mit den Mitteln der Literatur besser bei als mit denen der investigativen Reporter. Deshalb schreibe ich jetzt Romane.

 *

Petra Reski ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt seit 1991 in Venedig und recherchiert über die Mafia. 2014 erschien ihr erster Roman – über eine Anti-Mafia-Staatsanwältin: „Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt“.

*

 Acht Jahre nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies

Politiker verwalten das Geld, Unternehmer kontrollieren den Markt, die Mafiosi waschen illegales Kapital

 Die Mafia in Deutschland

Februar 2014: Ermittler suchen bei einer Großrazzia in Deutschland und Italien mit Hundestaffeln und Hubschraubern nach 27 Mitgliedern eines Clans aus dem sizilianischen Catania, denen neben Erpressung und Rauschgifthandel vorgeworfen wird, 1,5 Millionen EU-Agrarfördermittel von den Empfängern erpresst zu haben.

November 2013: Die HSH Nordbank wird durchsucht. Drei deutsche Geschäftsmänner sollen über eine Finanzierung der Bank für eine süditalienische Windkraftanlage geholfen haben, Gelder der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta zu waschen.

Januar 2013: 400 Ermittler nehmen bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen elf Verdächtige fest, die über Strohfirmen im Baugewerbe Schwarzarbeit und Steuerstraftaten mit einem Gesamtschaden von mehr als 30 Millionen Euro begangen haben sollen.

ZAHLEN

550 Mitglieder der italienischen Mafia sind Ermittlern in Deutschland bekannt Quelle: BKA

53 Milliarden Euro beträgt der geschätzte Jahresumsatz der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta in etwa 30 Ländern Quelle: Italienisches Forschungsinstitut Demoskopika

33 Ermittlungsverfahren liefen zwischen 2007 und 2013 gegen Mitglieder der italienischen Mafia in Deutschland Quelle: BKA

6 Menschen wurden 2007 – im Streit zweier verfeindeter Familien – vor einer Duisburger Pizzeria von Mafiosi erschossen Quelle: BKA

245 Millionen Dollar hat der Mafiafilm „Der Pate“ weltweit eingespielt Quelle: IMDb

27 Mal haben „FAZ“, taz, „SZ“ und „Spiegel“ seit 2013 über die Aktivitäten der italienischen Mafia in Deutschland berichtet Quelle: eigene Archiv-Recherche

Quelle: Tageszeitung 11.04.2015

© TAZ

Mafia amüsant.

Freitag, 20. März 2015

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Gesehen in einer Buchhandlung im Ruhrgebiet

Ciao Roma

Mittwoch, 04. März 2015

Die Bloggerin Silvia Cavallucci war bei meiner Lesung in Rom und hat ein Interview mit mir geführt, nachzulesen hier:

You made my day

Montag, 02. Februar 2015

Über diese Besprechung von „Palermo Connection“ habe ich mich sehr gefreut.

Lesen Sie Reski!
26. Januar 2015 von Dirk Hansen

Kriminalromane bieten eine doppelte Chance: Journalistische Geschichten unerschrocken zuspitzen und gleichzeitig die Geschichte des Journalismus ungeschminkt beschreiben. Wenn dabei auch noch Mafia und Medien kombiniert werden, dann wird es spannend: Das gefiel mir an “Palermo Connection” von Petra Reski (Deutschland/Venedig).
Vermutlich trage ich an eine Art Wittgenstein ´scher Brille auf der Nase. Eine fixe Idee: Was immer ich wahrnehme, filtere ich mit genau den Kategorien, die mich in diesem Blog umtreiben: Gesellschaftlicher Auftrag des Journalismus, Folgen des Medienwandels und Weltbühne Venedig. Wenn ich zur Entspannung Spannungsliteratur lese, begegnen mir diese Themen überall wieder.

Allerdings gehört Journalismus schon von jeher zur Grundausstattung vieler Filme und Bücher. So kennen wir die klischeehafte, dämonisierende und stilisierende Darstellung von Medien zur Genüge – Pressemeute, versoffener Reporter, TV-Schnallen. Natürlich auch die unerschrockenen Enthüllungsjournalisten. All dies sind etablierte Bewohner der Traumwelten des Eskapismus.

Allein gegen die Mafia

Aber gute, aktuelle Krimis verhelfen gar nicht mehr zur Flucht aus der, sondern vielmehr in die Wirklichkeit. Spannende Fiction kann der Ausweg sein, um Realität erst darzustellen. Zum Beispiel für engagierte Journalisten. Sagen was ist, ohne Gegendarstellungen zu riskieren. Außerdem lesen wir in solchen Romanen manchmal, wie es vorangeht in der Branche. Beziehungsweise abwärts.

Womit wir bei Journalistin und Buchautorin Petra Reski angekommen sind. Sie lebt und bloggt in Venedig. Und kennt sich besonders gut mit der Mafia aus, der italienischen wie der deutschen. “Furios” beschreibt vielleicht ganz gut ihrer Arbeitshaltung. Die Autorin versteht es fesselnd zu schreiben, ist aber auch selbst außerordentlich engagiert. Ihr Zorn richtet sich gegen Gleichgültigkeit, mit der beispielsweise das Thema Organisierte Kriminalität in Deutschland behandelt wird.

Wenn nicht Verzweiflung, so ist Petra Reski doch mindestens Zweifel an den gesellschaftlichen Institutionen und Protagonisten ab zu spüren, ob es nun um Politik oder Medien geht. Was ja nun auch zusammenhängt. Gerade in diesen Zeiten sind ihre Blogposts eine spannende Lektüre. Schon allein Reskis informiert- abgeklärte Sicht auf smarte Hoffnungsträger wie Matteo Renzi (vielleicht auch: Tsipras?).

Realität in der Fiktion

Komplizierte Beziehungen, geradezu Verstrickungen beschreibt Reski auch in ihrem Roman “Palermo Connection” (2014, Hoffmann und Campe). Im Zentrum steht eine Ur-Sünde der italienischen Gesellschaft, nämlich Geheim-Verhandlung zwischen Mafia und Politik in den 90er Jahren, die “trattativa”. Bis heute steht die Frage im Raum, ob in die Morde an den Anti-Mafia-Kämpfern Borsellino und Falcone auch Spitzen des Staates verstrickt sein könnten.

Ganz konkret geht es beispielsweise um den greisen Staatspräsidenten Napolitano. Ein (zufällig) abgehörtes Telefonat des Politikers gehört zu den heißesten innenpolitischen Themen unseres geliebten Nachbarlandes. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung von eigentlich “unaussprechlichen” Vorgängen. Ver-öffentlichen oder nicht?

Im Roman von Reski werden solche Tatsachenbezüge nicht kaschiert (außer bei den Namen), sondern zelebriert. Die Autorin geht bemerkenswert direkt auf die zwölf. Für Rezensenten sei kaum herauszufinden, was genau Realität und was Fiktion ist, stellt die taz fest. Im Gespräch mit der ZEIT macht die Autorin eine klare Ansage:

Das deutsche Presserecht ist sehr mafiafreundlich.

Dieser Trick, zu schreiben, was geschrieben gehört, ohne eine Gegendarstellung zu riskieren, das ist der eine Punkt, den ich bemerkenswert finde. Für investigativ orientierte Journalisten ein extrem eleganter Weg. Vorausgesetzt, man versteht es, das Genre zu bedienen, wird gedruckt und gelesen.

Wirklichkeit in den Medien

Was mich zudem an “Palermo Connection” gefesselt hat: Die Karikatur der Medien nimmt darin einen genauso großen Raum ein wie die Kritik an der Politik. Insbesondere die Hamburger Zeitschriften-Szene mit ihren Reporter/Fotografen-Teams. Tee trinkende Technokraten sind die Kings in den Houses of Content.

Einstige Edelfedern und Scheckbuch-Journalisten finden sich auf einmal in der digitalen Todeszone wieder, mitten im Zeitungs-/Zeitschriften-Sterben. Zum Beispiel die Roman-Figur Wolfgang W. Wienkeke:

Die Auflage von FAKT befand sich im freien Fall. Nie hätte er das für möglich gehalten. Vor zwanzig Jahren hatte er lustige Artikel über das Internet geschrieben, darüber, dass Chatrunden die modernste Form des Amateurfunkens seien und der wahre Grund für die Entstehung des Internets darin bestehe, dass die wenigsten Männer den Mut hätten, in den nächsten Videoshop zu gehen und mit fester Stimme für sieben Mark einen Pornofilm auszuleihen. Und jetzt war das Internet kurz davor, ihn aufzufressen.

Er war siebenundfünfzig und hatte nie daran gedacht, dass Journalisten irgendwann aussterben könnten wie Scherenschleifer oder Bergleute oder Korbmacher.

(Palermo Connection, Hoffman und Campe 2014)

Alte Systeme und ihre Protagonisten sind längst an ihrer moralischen Grenze angekommen. Die Gewalten eins bis vier der Demokratie versagen. Gibt es einen Lichtblick? Ja, eine unerschrockene Staatsanwältin übernimmt nach eigenen Regeln die vakante Aufklärer-Rolle, soweit man sie lässt. Denn es gibt wenig Unterstützung. Enthüllungen sind allen eher peinlich.

Hilfe erhält Serena Vitale höchstens noch von einem Muskel-Nerd. Und publizistischen Respekt verdient nur eine blutjunge Bloggerin, die sich mit geposteter Wahrheit über die Mafia ihre sizilianische Existenz versaut. Che triste…

Aber ich denke, der Kampf wird weitergehen. Aufgeben scheint weder Serena Vitales Eigenschaft noch die von Petra Reski zu sein. Wenn Sie, liebe Zielgruppe, also die in meinem Blog knochentrocken verhandelten Themen des globalen und lokalen (Medien-) Wandels saftiger mögen. Dann: Lesen Sie Reski!

Der Bänkelsänger

Montag, 12. Januar 2015

Er heißt Francesco Sbano. Journalist, Fotograf. Ein paar Jahre lang war er der Bänkelsänger des Italien in Deutschland. Leider. Ein Video: „Ehrenmänner“. Und die „Mafialieder“. Mit der sich an der Folklore labenden, vor Wonne jauchzenden deutschen Presse, die nicht müde wurde, die kulturelle und im Grunde auch ethnische Andersartigkeit des Spaghettivolks zu betonen. Die jungen Italiener, die nach Berlin gezogen waren und außer ihren Rucksäcken auch die Kultur der Zivilgesellschaft aus Schulen und Antimafia-Verbänden mitgebracht hatten, versuchten vergebens anzuprangern und zu erklären, dass diese Lieder weder unschuldig, noch Folklore sind. Sondern Verherrlichung dessen, was sie am meisten abstößt. Daraufhin wurden sie der kulturellen Intoleranz bezichtigt. Jetzt haben die jungen Italiener gewonnen. Und in Berlin, wohin das schmutzige Geld strömt, um dort in Pizzerien und Restaurants gewaschen zu werden, entsteht ein anderes Italien. Ein jüngeres und gebildeteres Italien, ein Italien, das Ehrlichkeit und Anstand liebt und lebt.  Das vernetzt ist, seine Initiativen und seine großen und kleinen Feste unterstützt und Allianzen schmiedet. Wie es die „anderen“ schon immer gemacht haben – unbehindert, bis heute.

 

Das schrieb Nando dalla Chiesa, Soziologe, Kriminologe und Sohn des von der Mafia et al. ermordeten Generals Carlo Alberto dalla Chiesa gestern in Il Fatto Quotidiano  in seinem Artikel „Verena, Michele und die Ragazzi des Antimafia-Berlin“. Nando dalla Chiesa hält bis zum 6. Februar an der Humboldt-Universität Gastvorlesungen zum Thema Mafia.

Hey, hey, hey.

Freitag, 31. Oktober 2014

Es ist schon eine kleine Sensation, wenn der erste literarische Thriller einer deutschen Autorin sich vor großen Vorbildern wie Graham Greene und Jörg Fauser nicht verstecken muss. Eigentlich. Aber wirklich beachtet wurde Petra Reskis vor Kurzem erschienenes Romandebüt „Palermo Connection“ in den Medien noch nicht. Und das ist einfach schade, einerseits.
Andererseits ist diese relative Flaute merkwürdig, weil die Journalistin und Sachbuchautorin Petra Reski keine schlecht vernetzte Debütantin ist, und keine Geringere als Donna Leon das Buch warm empfiehlt.
Liegt es am Ende am Thema? Ja, klar. Petra Reski, die seit vielen Jahren in Venedig lebt, gilt als Expertin für die italienische Mafia. Das ist ein problematischer Job – aus vielen, sich überlappenden Gründen: Erstens gilt die Mafia (Cosa Nostra, Camorra, ‚Ndrangheta etc.) trotz des Massakers von Duisburg 2007 und Günther Oettingers Pizzabäckeraffäre immer noch als undeutsches Phänomen.
Zweitens hat allein die Beschäftigung mit „organisierter ,ausländischer‘ Kriminalität“ nach dem NSU-Ermittlungsskandal hierzulande völlig zu Recht einen sehr üblen Beigeschmack bekommen – prima Job, Verfassungsschutz, Justiz und Polizei!
Drittens wird weder die Relevanz der globalen mafiösen Ökonomie gesehen noch die flächendeckende Durchdringung der italienischen Gesellschaft durch die organisierte Kriminalität -und das, obwohl Italien immer noch zu den größten Volkswirtschaften der Welt und zu den wichtigsten der EU gehört.
Viertens – und damit sind wir mitten in Petra Reskis Roman – funktionieren seriöse Erzählungen über die Mafia nur im Kontext der italienischen Geschichte und Politik, die hierzulande in wesentlichen Teilen unbekannt sind. Nur mal als Beispiel: In seinem kürzlich erschienenen Zeit-Text „Antisemiten sind mir egal“ nennt Maxim Biller Israel die „zweite verspätete Nation der postnapoleonischen Zeit nach Deutschland“. Nun gibt es gewiss noch mehr Spätzündernationen, aber eine der wichtigsten – immerhin die mit der höchsten Dichte an Unesco-Welterbestätten – ist eben Italien, mit seinen Einigungskriegen von 1859-1918. Auch der „Länderbericht Italien“ der Bundeszentrale für politische Bildung kommt zu dem Ergebnis, dass selbst die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem angeblichen Sehnsuchtsland der Deutschen sehr mau ausfällt.
Politthriller leben aber davon, dass die realen Hintergründe der teils fiktiven Handlung dem Publikum in den Grundzügen vertraut sind. Dass in Palermo seit einiger Zeit ein Prozess läuft, der klären soll, ob staatliche Organe zu Beginn der 1990er Jahre mit den Chefs der sizilianischen Cosa Nostra verhandelten wie mit einer ganz normalen (Staats-)Macht; dass die von der Mafia ermordeten Richter Borsellino und Falcone vom italienischen Staat möglicherweise geopfert wurden, weil sie durch ihre Ermittlungen die Verhandlungen mit der Mafia gefährdeten; dass die italienische Justiz die Bänder eines als sogenannter Beifang abgehörten Telefonats von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit dem Anfang der 1990er Jahre amtierenden Innenminister Nicola Mancino vernichten musste und der Verdacht im Raum steht, es gehe dabei nicht um Napolitanos Recht auf privacy, sondern um Vertuschung der sogenannten trattativa, des Pakts von Staat und Mafia: Aus diesem Material hat Petra Reski einen Kriminalroman geformt; und man kann es beinahe verstehen, dass es manchem Rezensenten zu mühsam ist, herauszufiltern, was Fantasie, was Recherche in „Palermo Conncetion“ ist, und so zu einer Würdigung der Kunstfertigkeit der Autorin zu kommen.
Und doch: Reskis Buch ist auch ein Buch über deutsche Verhältnisse, insbesondere die im Journalismus. Ein Buch über Moral, übers würdevolle Älterwerden, über Männer und Frauen und was sie so miteinander tun.
Zudem hat die Autorin mit der palermitanischen Staatsanwältin Serena Vitale eine Protagonistin geschaffen, von der man froh sein darf, dass sie das furiose Ende des Romans überlebt. Sie umbringen zu lassen, erzählt Petra Reski bei einem Treffen in Berlin, sei ihr ursprünglicher Plan gewesen, von dem sie Donna Leon abgebracht habe mit dem unschlagbaren Argument: Erst machst du dir die Mühe, eine Figur mit Tiefe zu schaffen, und dann willst du sie gleich wieder loswerden? Weitere Serena-Vitale-Romane werden also folgen.
Die Staatsanwältin, Deutsch-Italienerin, Single mit einer Vorliebe für Blond („keine Haarfarbe, sondern eine Lebenseinstellung“), schöne Dinge und schöne Bullen („wenn er die Bizepse anspannte, sah es aus, als würde ein kleines Tier unter seiner Haut entlanglaufen“), ist Anklägerin in einem Prozess in Palermo. Der Vorwurf gegen den Exinnenminister Enrico Gambino lautet: „Mitwirkung in einer mafiösen Vereinigung und Mittäterschaft bei Attentaten“. Dieser Prozess und sein letztliches Scheitern strukturieren das Buch. Das ist kein Spoiler, denn ein noch nachzutragender Grund für das Desinteresse an der Mafia ist ja, dass die Sache kein Ende findet, der Kriegszustand ist permanent – und der Roman stellt auch die Frage, wer von ihm profitiert.
Eine Antwort liefert die Figur des alternden deutschen „Fakt“-Journalisten Wolfgang W. Wieneke und dessen zwischen Hamburg und Sizilien pendelnder Fotograf und Zuarbeiter Francesco, in denen jeder, wer mag, das Pärchen Francesco Sbano und Andreas Ulrich vom Spiegel wiedererkennen kann. Insbesondere mit Sbano, der als Fotograf und Musikproduzent in Hamburg und Kalabrien arbeitet, verbindet Reski eine langjährige Auseinandersetzung. Sie und viele andere Bürgerrechtler in Italien werfen Sbanos Fotos, Büchern und „Mafia-Musik“-Sammlungen Romantisierung der Killer und ihrer Taten vor.
Aber an einer Abrechnung ist Reski in ihrem Roman nicht interessiert. Vielmehr zeigt sie an Wieneke und seinem Fotografen, die den Prozess covern sollen, wie die Aufmerksamkeitsmaschine funktioniert, welche Mafia-Geschichten man schreiben kann und was „nicht sexy genug“ ist, wie Wienekes lässiger „Fakt“-Chefredakteur Tillmanns sagt. „Auf dem Schreibtisch des Chefredakteurs stand eine Teekanne. Daneben lag das Buch, das er mit dem Außenminister geschrieben hatte. Wieneke wollte Minister stürzen, und sein Chef machte Bücher mit ihnen.“
Ein komplizierter Prozess in Palermo, wo eine einfache Staatsanwältin sich an Ministern und Präsidenten vergreift, ist nicht sexy. Das pseudoabenteuerliche Treffen mit einem untergetauchten Mafia-Boss, der seine Märchen erzählen darf, hingegen schon. Und Wieneke, der eigentlich aus der alten Schule kommt, kann der Versuchung nicht widerstehen, an solchen falschen, aber gefragten Heldengeschichten mitzuschreiben. Und scheitert damit bitterlich.
Und eben jetzt, am Dienstagmittag, während die Arbeit an diesem Text hier ihrem Ende zugeht, findet im Quirinalspalast in Rom eine ausgelagerte Vernehmung des Gerichtshofs von Palermo statt. Zeuge ist kein Geringerer als der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano. Thema ist ein Brief, den ihm sein Rechtsberater Loris D’Ambrosio vor zwei Jahren schrieb und in dem er von „unaussprechbaren Abkommen“ zwischen Staat und Mafia sprach, damals 1992-93, als der Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems den Mob ohne politischen Ansprechpartner gelassen hatte und er mit Bombenterror diesen Waisen-Status beenden wollte. D’Ambrosio starb kurz darauf. An einem Infarkt. Mit 64 Jahren.
Wer hier keinen Stoff für einen Roman findet, ist selbst schuld. Petra Reski kann man diesen Vorwurf nicht machen. Am Schluss von „Palermo Connection“ ist Serena Vitale von ihrem Prozess abgezogen worden und hat wieder Zeit für Sport. Fit muss sie sein, denn: „Sie hatte es versäumt, Allianzen zu bilden. Aufgabe Nummer eins im neuen Leben: Strategisches Denken.“ Ihr nächster Fall wird sie nach Deutschland führen.

Das schrieb Ambros Waibel heute in der TAZ. Und ich renne jetzt gleich los und kaufe mir einen schönen venezianischen Goldrahmen, damit ich mir diese Rezension über mein Bett hängen kann, um sie zu lesen, falls mich irgendwann mal wieder metaphysische Ängste heimsuchen sollten. Lesenswert ist der Artikel aber nicht nur wegen des Lobs (das natürlich auch), sondern weil er darüberhinaus die Mechanismen der Medienmaschinerie kühl und klug analysiert – und die italienische Politik dazu.

Schampain!

Über Mafia. Und Netzstrümpfe

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Palermo Connection auf dem Blauen Sofa.

Arbeit für alle! Erpressungen, Kokain, Heroin!

Mittwoch, 27. August 2014

Immer wieder schön. In der Schweiz wurden 16 ‘Ndranghetisti festgenommen, die im idyllischen Frauenfeld seit 40 (vierzig!) Jahren ihre Geschäfte machten – und alle fallen aus den Wolken. Was? Mafia? Hier? Wie kann das sein? Es kann sich hier doch nur um eine Ausnahme handeln! Wir sind, wenn überhaupt, doch nur Rückzugsraum!

Wie wunderbar integriert der kalabrische Mafioso in der Schweiz war, lässt sich hier nachlesen. Und hier auch das schöne Polizeivideo von dem Treffen der Mafiosi (Nachdem die Herren die Förmlichkeiten hinter sich gebracht haben, also die Begrüßungsformeln heruntergenudelt haben, mehr oder weniger lustlos, geht es um die Geschäfte: „Wenn wir über Mord oder Erpressungen sprechen müssen, treffen wir uns zu dritt, zu viert oder zu fünft, wie ich es immer gesagt habe.“ Vor allem aber geht es darum, die offenbar etwas zur Bequemlichkeit neigenden Jungen zum Jagen zu tragen: „Wir haben uns unsere Namen gemacht, jetzt seid ihr an der Reihe! Wer arbeiten will, kann arbeiten! Es gibt Arbeit für alle: Erpressungen, Kokain, Heroin! Zehn Kilo, zwanzig Kilo, ich bring‘ sie euch persönlich vorbei.

Die Zelle in Frauenfeld tauchte bereits 2010 und 2011, bei den Ermittlungen „Crimine“ und „Crimine2″ auf, als über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, nachzulesen auch hier.

Schön zu beobachten ist, wie sofort die Beschwichtigungsmaschine angeworfen wird, sobald in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Mafiosi festgenommen werden: Liebe Schweizer, auch Ihr dürft weiterschlafen, empfiehlt denn auch der Bundesanwalt: „Die hauptsächlichen kriminellen Aktivitäten würden aber in Italien und nicht hier durchgeführt.“ Der „Rückzugsraum“ ist ein Mantra. Der einzige, der sich etwas kritischer äußert, und ist der (ehemalige) Staatsanwalt Paolo Bernasconi (hier auch diverse interessantes Radio-Interviews mit ihm). Die neue Strafprozessordnung etwa verlangt von den Schweizer Ermittlern, Personen, deren Telefon abgehört wurde, im Nachhinein darüber zu informieren.

Davon träumen die Mafiosi in Italien natürlich auch. Doch das hat nicht mal Berlusconi hingekriegt. Aber wer weiß, vielleicht schafft es jetzt Renzi mit seiner Justizreform.

Das Wahr-Lügen

Sonntag, 24. August 2014

Endlich ist es so weit, und ich kann meinen neuen Liebhaber vorstellen: Am 8. September erscheint mein Roman „Palermo Connection„. –  Ein Roman? – Ja. – Also alles erfunden? – Alles erfunden. – Und warum?

Weil mir Louis Aragon ins Ohr geflüstert hat. Er nannte es mentir vrai, das Wahr-Lügen: Ein Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet.

Und so habe ich die Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale erfunden – die Serena genannt wird, aber eigentlich mit dem Vornamen Santa Crocifissa geschlagen ist: heilige Kruzifixin. (Sie wurde nach ihrer im Kindbett verstorbenen Großmutter benannt.) Auch der Prozess, den Serena Vitale gegen einen Minister führt, der angeklagt ist, mit Mafia zusammenzuarbeiten, ist ausgedacht. Der Minister natürlich auch. Auch der deutsche Journalist Wolfgang W. Wieneke existiert nur in meiner Fantasie. Und trotzdem ist alles wahr.

Ich lüge, um die Wahrheit zu erzählen.

Hier ist der Trailer zu Palermo Connection.

Cover

 

Heilig, heilig, heilig

Mittwoch, 06. August 2014

Meine Frisur hat sich geändert. Aber sonst: nichts, leider. Die Mafia in Deutschland, wie sie leibt und lebt – wer mehr wissen will und etwas Zeit hat: hier. (Nutzen Sie die Gelegenheit, solange die ARD-Mediathek sie noch gewährt! Auch Sie haben dazu beigetragen, dass dieser Film entstehen konnte, der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört allen!) Darin auch Interessantes zum Verhältnis von Mafia und Kirche (zur päpstlichen Exkommunikation auch hier und hier ): ab Minute 26 ungefähr sind wir in San Luca, bei Don Pino. Der ja erst in dieser Woche heilig gesprochen wurde. Vom Spiegel jedenfalls.  :-)