Kategorie: Mafia in Deutschland

Dieser Plot muss noch mal überarbeitet werden.

Sonntag, 02. März 2014

Also. Der Plot geht so: Da haben wir einen als hyperkorrekt und engagiert geltenden Politiker im NSU-Ausschuss, dessen Name auf dem Höhepunkt seiner ausgezeichneten und hochgelobten Arbeit auf einer Kinderporno-Kundenliste auftaucht. Die Politiker und hohen Staatsbeamten, die davon erfahren, (wobei der Leser  im Unklaren darüber gelassen wird, ob die Politiker und hohen Staatsbeamten tatsächlich erst jetzt davon erfahren, oder ob sie nicht schon länger Kenntnis davon hatten) mauscheln miteinander. Unter den hohen Staatsbeamten, die mit den Politikern mauscheln, befindet sich auch der Chef des BKA – der in einem anderen, vorangehenden Kapitel dieses Romans (während seiner Befragung im NSU-Ausschuss) dem als hyperkorrekt und engagiert geltenden Politiker ziemlich übertrieben aggressiv geantwortet hat, was alle verwundert hatte. (Vom Autor als ein vielleicht allzu deutlicher Hinweis für die Leser gedacht?) Auf dem Höhepunkt der Mauschelei zwischen Politikern und Staatsbeamten wird deutlich, dass PLÖTZLICH auch noch das Laptop des als pädophil geltenden Politikers abhanden gekommen ist, während von der Festplatte des anderen Computers nur noch Splitter gefunden worden sind. Und dann kommt der Autor dieser abstrusen Geschichte auch noch auf die Idee, ausgerechnet noch einen  hohen BKA-Beamten einzuführen, der sich ebenfalls auf der selben Kinderporno-Kundenliste befindet, und der im BKA für was zuständig war? Für schwere und organisierte Kriminalität. 

Als Romanautorin würde ich sagen: Nee. Too much. Viel zu offensichtlich. Das nimmt dir keiner ab.

Mafiamusik und Wirklichkeit

Mittwoch, 12. Februar 2014

Und manchmal wirft sich die Wirklichkeit in den Weg. So geschehen dem kalabrischen Mafiamusikproduzenten und Mitarbeiter des SPIEGEL, Francesco Sbano, Blog-Lesern nicht unbekannt, dem die Staatsanwaltschaft Reggio Calabria nun die Meldung über den Abschluss ihrer Ermittlungen mit den Hinweisen auf seine Verteidigungsrechte zugestellt hat. Sbano werden drei – in Tateinheit  begangene – Straftatbestände zur Last gelegt: BedrohungBeleidigung und Verleumdung. Anlass war Sbanos bizarrer Auftritt im “Museum der Ndrangheta” in Reggio Calabria, über den das Nationale Observatorium für bedrohte Journalisten, mein Blog (“Solidarität mit Francesca Viscone”)  und die taz (“Ein Mann, seine Ehre und sein Kampf”) berichteten. Ein Verfahren wird sich nun kaum mehr abwenden lassen.

Seit Jahren bemüht Sbano sich aufopferungsvoll darum, den Deutschen ein folkloristisches Bild von der Mafia zu liefern: Eine archaische Gemeinschaft, die singt, tanzt und sich hin und wieder selbst umbringt – also nichts, wovor die Deutschen sich wirklich fürchten müssen. Zuletzt bekam Sbano in Berlin im Haus der Kulturen Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzustellen – Anlass für “Mafia? Nein Danke!” einen Protestbrief an die Intendanz zu verfassen.

Verlässlich wie sonst nur Woody Allen mit seinen Komödien beglückt Sbano das deutsche Publikum nahezu jährlich mit neuen Initiativen. So veröffentlichte er ein Buch mit den angeblichen Einblicken eines Mafiabosses unter dem kuriosen Titel Die Ehre des Schweigens. Ein Boss packt aus“, legte seine Mafiamusik einem Buch bei, dessen Autoren nichts von dieser Gesellschaft wussten - und drehte ein Video über die »ehrenwerten« Männer , uomini d’onore, das vermummte Männer in den Wäldern des Aspromontegebirges zeigt, die auf nervös tänzelnden Pferden posieren und nuschelnd erklären, dass die Mafia so etwas wie das Weltkulturerbe sei. Es mag Zufall gewesen sein, dass die Universität Bochum kurz nach dem Duisburger Mafiamassaker keinen Geringeren als Francesco Sbano zusammen mit Antonio Pelle einlud, den aus San Luca stammenden Betreiber des Duisburger Hotels Landhaus Milser, um vor den Studenten über die Mafia zureden. Und Sbanos »exklusives Videomaterial« zu zeigen, wie es hieß. 

Die kalabrische Schriftstellerin Francesca Viscone verfolgt Sbanos Anstrengungen seit seinen Anfängen. Sie analysierte  die Propagandawirkung der Mafiamusik in ihrem viel beachteten Buch “La globalizzazione delle cattive idee” (Die Globalisierung der bösen Ideen) und schrieb darüber auch einen Artikel in der ZEIT.

In Italien fand der Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Reggio Calabria gegenüber Sbano ein großes Echo, nicht nur in Kalabrien, wo der Quotidiano della Calabria und Il Dispaccio berichtete, sondern auch im Corriere della Sera sowie die Antimafiaorganisationen Antimafia duemila und 100passi.

 

Solidarität mit Nino di Matteo II.

Sonntag, 19. Januar 2014

Ja, Italien ist ein eigenartiges Land. Da ruft ein Mafiaboss aus der Hochsicherheitshaft zu einem Mord an einem Antimafia-Staatsanwalt auf – und es passiert … nichts. Von den italienischen Politikern: kein Wort der Solidarität, keine Anteilnahme, nichts. Schweigen.

Nino Di Matteo führt die Anklage im Prozess um die sogenannte Trattativaden Verhandlungen (vielleicht sollte man besser Geschäftsbeziehungen sagen, das wäre etwas treffender) zwischen Staat und Mafia – weshalb der Mafiaboss Totò Riina vor zwei Monaten aus der Hochsicherheitshaft heraus zum ersten Mal  Mord an Nino Di Matteo aufgerufen hat. Und seitdem keineswegs geschwiegen hat.

Seit kurzem steht ein Hubschrauber für Nino Di Matteo bereit, neben 42 Carabinieri, aus denen Di Mattes Leibwache besteht: Neun Carabinieri, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und  die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt in drei Autos unterwegs ist. Sinnvoll wäre es, einen Bomb-Jammer einzusetzen, ein Gerät, das Bomben aufspürt – mit denen in Italien so wertvolle Persönlichkeiten wie der Papst und besagter Gewohnheitsverbrecher beschützt werden. Nicht aber Nino Di Matteo. Innenminister Alfano (remember: das Hündchen, das für den Gewohnheitsverbrecher die Stöckchen apportierte) möchte erst die Testergebnisse abwarten –  ob der Einsatz des Bomb-Jammers nicht möglicherweise gesundheitsschädlich sein könnte (kein Witz). Mehr als alle Hubschrauber, Carabinieri, Bomb-Jammer wäre ein klares Wort hilfreich.

Aber Matteo Renzi, der neue Generalsekretär der PD, hatte Besseres zu tun, er musste sich mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher B. treffen, um sich mit ihm über ein neues Wahlrecht zu einigen. Ministerpräsident Letta hat das böse Wort Mafia noch nie ausgesprochen. Und Staatspräsident Giorgio Napolitano war 1992 Parlamentspräsident und weiß über die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia mehr, als ihm lieb ist. (Es mag Zufall sein, dass die Mafia 1993 zwei Attentate auf zwei römische Kirchen ausübte, die die Vornamen des damaligen Senatspräsidenten Giovanni Spadolini und des Parlamentspräsidenten Giorgio Napolitano tragen,  auf San Giorgio al Velabro und San Giovanni in Laterano) Napolitano wurde als Zeuge für den Prozess um die Trattativa aufgerufen. Und sorgte sogleich dafür, dass der Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen ihm und dem angeklagten ehemaligen Innenminister Mancino zerstört wurde.

Zuletzt wurde in der Zelle von Totò Riinas Zellennachbarn, dem apulischen Boss der Sacra Corona unita, Alberto Lorusso, ein Brief gefunden, der mit dem phönizischen Alphabet verschlüsselt war und Worte wie Attentat, Bagarella (Riinas Schwager, ebenfalls seit Jahrzehnten inhaftiert) und Papello enthielt (die Liste mit zwölf Forderungen, die die Mafiabosse 1992 bei den Verhandlungen mit italienischen Politikern und hohen Staatsbeamten stellten – und dafür  im Gegenzug das Ende der Terrorakte und Wählerstimmen anboten. Sie reichten von der Revision der Urteile des Maxiprozesses über die Abschaffung der Hochsicherheitshaft für Mafiosi und der Kronzeugenregelung bis zum Ende der Beschlagnahmung von Mafia-Gütern. Und wurden, wie es jeder aufmerksame Zeitungsleser verfolgen konnte, beflissen umgesetzt. Nicht nur von der Berlusconi-Regierung, sondern auch von den Linksdemokraten.) Niemand weiß, woher der Brief kam. Wer ihn verfasst hat.

Was bringt Totò Riina so gegen Di Matteo auf? Riina wurde bereits zu zehn mal lebenslänglich verurteilt, wird also ohnehin nicht mehr in Freiheit kommen. Selbst wenn der Prozess klären sollte, dass Riina mit den Politikern verhandelt hat, wird das nicht sein kriminelles Prestige schmälern, ganz im Gegenteil. Sollte Di Matteo tatsächlich etwas zustoßen, dann wäre das für Riina – auf den ersten Blick – nur kontraproduktiv, weil es ja die These der Anklage bestätigen würde.

Wie es der Staatsanwalt Roberto Scarpinato bei einer Soldaritätsveranstaltung für Nino Di Matteo ausgeführt hat, geht es Riina vor allem darum, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen – und dafür zu sorgen, dass die Münder aller Beteiligten weiterhin verschlossen bleiben. Denn die Zeiten sind ähnlich unsicher wie Anfang der 1990er Jahre –  als die Mauer gefallen war und sich die neue geopolitische Situation in keinem anderen westeuropäischen Land so sehr niedergeschlagen hat wie in Italien: Die alten Parteien zerfielen, und die Mafia hatte vorübergehend keinen festen Ansprechpartner mehr.

Und heute? B. ist ein Zombie, und es gibt eine neue politische Kraft, die noch nicht unter Kontrolle gebracht wurde. Ein Viertel der Italiener hat die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt. Die Mafia hat ihre Meinungzur Regierungsbildung  in einem anonymen Brief klar ausgedrückt: Weder Schwule noch Komiker sollten die Regierung stellen. Was dann auch sofort befolgt wurde.

Jetzt könnte man sagen: Italien! Ist das alles schrecklich! Der furchtbare B. und die Mafia, und wie gut geht es uns in Deutschland, wo die Mafia nur gelegentlich zur Sommerfrische vorbeikommt, vulgo Deutschland höchstens als “Rückzugsraum” benutzt. Und natürlich kein Politiker  … Klar, hier wird eine Menge Geld gewaschen, genauer 50 Milliarden Euro pro Jahr, aber, hey, betrifft uns das?

Paolo Borsellino sagte: Politik und Mafia sind zwei Mächte, die auf demselben Territorium leben. Entweder bekriegen sie sich. Oder sie einigen sich.

Auch in Deutschland.

 

Keine Erinnerung

Montag, 13. Januar 2014

Schöne Geschichte heute im Spiegel – die von Walter Mayr über den in Süditalien vergrabenen Giftmüll und die Aussagen des abtrünnigen Mafiosos Schiavone – der auch mit dem BKA über die Geschäfte der Casalesi in Deutschland geredet hat. Besonders schön der Satz: “An Gespräche über Giftmüll oder gar Nuklearmüll hätten die betroffenen Beamten aber keine Erinnerung.”

 

La mafia in Germania?

Montag, 09. Dezember 2013

Non ci riguarda. Dicono i politici tedeschi.

 

Die Entdeckung des heißen Wassers

Dienstag, 19. November 2013

“Bundesweite Razzia gegen mutmaßliche Ndrangheta-Geldwäscher”, titelt ZEIT-online. Und die Osnabrücker Zeitung stellt sich die bange Frage: “Half Emsländer Mafia bei der Geldwäsche?“, dass der geneigte deutsche Leser fast den Eindruck haben könnte: Holla! Wenn man jedoch den zeitlichen Verlauf der Meldung näher betrachtet, ergeben sich interessante Zusammenhänge – in der Art von Es geht eine Träne auf Reisen.

-  am 13. Juli 2012 enthüllte die kalabrische Tageszeitung Quotidiano della Calabria die Beschlagnahmung eines der größten Windparks in Europa im kalabrischen Isola Capo Rizzuto, der laut Anklage der Staatsanwaltschaft vom Neffen des Bosses geführt wird, einem Gemeinderat von Isola Capo Rizzuto,  der im Verdacht der Geldwäsche mittels ausländischer Gesellschaften steht – darunter Deutschland.

- am 31. Juli 2012 referierte Carlo Caponcello,  der für Deutschland zuständige Staatsanwalt bei der DIA (nationale Antimafia-Staatsanwaltschaft) vor der Antimafia-Komission des italienischen Parlaments über die Präsenz der Mafia in Deutschland. Hier ein Zitat aus seinem stenografierten Bericht, über den ich in diesem Blog am 9. Oktober 2012 berichtete:

  • Wir ermitteln – und das ist nichts Neues, da die Zeitungen bereits darüber berichtet haben – im Bereich der Windenergie. Der Präsident der Gesellschaft, die den größten Teil eines Windparks in Italien verwaltet, ist ein Deutscher, und eine deutsche Bank hat mit 200 Millionen Euro die Familie Arena finanziert. Hier ist es wichtig festzustellen, worin der wahre Profit besteht, der wahre Qualitätssprung. Ich möchte jetzt keine abgegriffenen Formeln benutzen, in der Art derer, dass die Globalisierung alle etwas zusammenrücken ließ – tatsächlich sind diese Ndranghetisti Personen, die einen Status kultureller Rückständigkeit überwunden haben und heute als ernsthafte Ansprechpartner vorstellig werden. Ich verfüge über eine bescheidene Erfahrung (18 Jahre) mit mafiosen Vereinigungen, vor allem in Ostsizilien, weil ich aus Catania stamme, außerdem habe ich drei Jahre lang in Kalabrien gearbeitet. Ich stelle fest, dass stimmt, was mein Kollege Macrì gesagt hat, nämlich dass sich kein Land als immun gegenüber der Mafia betrachten kann – wobei die mediale Enthüllung der Ndrangheta für mich so etwas wie die Entdeckung des heißen Wassers darstellt, im Sinne einer immanenten Präsenz. Es gibt Signale – und das BKA hebt sie hervor – für das Eindringen der Ndrangheta in die staatlichen Behörden und in die deutschen Wahlen. Pizzerien und Restaurants werden zu Treffpunkten. Aber es gibt noch wichtigere Anzeichen. Den Deutschen muss klargemacht werden, dass die Gefahr nicht abstrakt, sondern ganz konkret ist. Die Ndrangheta ist auch in der Schweiz und in Belgien präsent – aber ohne die Situation zu überschätzen, können wir sagen, dass Deutschland das bevorzugte Ziel der Ndrangheta ist.”

- am 10. Oktober 2012 berichtete der STERN über die Beschlagnahmung des von der Nordbank finanzierten Windparks.

- Und jetzt, mehr als ein Jahr später, ist der Spiegel auch aufgewacht. Guten Morgen! Wenn das nix ist.

Hier ist die Antwort

Donnerstag, 07. November 2013

Falls sich tatsächlich noch jemand fragen sollte, warum es in Deutschland keine wirksamen Gesetze zur Bekämpfung der Mafia gibt, warum sich kein einziger deutscher Politiker jemals ernsthaft gegen die Mafia in Deutschland ausgesprochen hat, warum es so strenge Pressegesetze gibt, warum in Deutschland niemand abgehört werden kann, warum Bücher über die Mafia geschwärzt werden, warum die Mafiazugehörigkeit in Deutschland immer noch kein Strafdelikt ist, und warum sich Mafiosi in Deutschland höchster  gesellschaftlicher Anerkennung erfreuen, der kann die Antwort hier nachlesen: Deutschland ist ein Eldorado für Geldwäsche. Nach Auskunft der Netzwerke, die sich damit auskennen, werden in Deutschland pro Jahr 50 Milliarden Euro gewaschen.

In Deutschland lässt sich Geld sogar besser waschen als auf den Bahamas oder Jersey. Auf dem Schattenfinanzindex liegt Deutschland auf Platz 8. (Hier das aktuelle Ranking) Allein die Kleinigkeit mit den Treuhändern für Immobilienkäufe in Deutschland – natürlich hat es Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr nötig, Einladungsschreiben an Mafiosi zu verschicken. Aber es schadet ja auch nicht, die Geschäftsfreunde mal wieder daran zu erinnern. Und, hey, wir haben hier immer wieder so ein paar tolle Großprojekte, Stuttgart 21, der Berliner Flughafen – und, remember, wie super die Zusammenarbeit beim Aufbau Ost funktioniert hat?

 

P.S. Die Journalistin in mir bricht regelmäßig wieder durch. Aber ich bin auf dem Weg der Besserung.

Das Geschäftsmodell

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Hier ein interessantes Interview mit dem früheren Kölner Staatsanwalt Egbert Bülles, einem Spezialisten für organisierte Kriminalität. Bülles hat ein Buch mit dem Titel “Deutschland – Verbrecherland” geschrieben – und wenn ein Mann wie Bülles, der sich erstens mit der Materie auskennt und zweitens nicht politisch weichgespült ist – von Deutschland als Verbrecherland spricht, dann sollte das zu denken geben.

Stattdessen aber reißt man die Augen auch weiterhin erstaunt auf. Mafia die in der  Bauindustrie ihr Geld verdient? In Deutschland, nee, echt? Echt. (Schön ist in diesem Artikel der Satz eines der Anwälte: „Das hat mit der Cosa Nostra nichts zu tun. Das ist ein Geschäftsmodell, dass sich die Italiener voneinander abschauen.“)

In den Medien wird die Mafia in Deutschland regelmäßig entdeckt - und ebenso regelmäßig wieder vergessen. Auch das gehört übrigens zur Technik dieses überaus erfolgreichen Geschäftsmodells.

Schön sind in vielen Artikeln auch immer wieder die Anführungsstriche vor Worten wie Cosa Nostra und vor, fast noch unheimlicher, Baumafia. Als könnten die Anführungsstriche etwas Distanz verschaffen. Und wer sich jetzt dennoch sorgt, wird beruhigt:

  • “Allerdings konnten deutsche und italienische Ermittler keine eindeutigen Beweise für eine Verbindung zwischen “Cosa Nostra” und der in NRW operierenden “Baumafia” gefunden werden.”

Klar. Wie soll es auch Beweise geben für etwas, was in Deutschland eigentlich gar nicht existiert?

“Böse Musik” und die Mafia in Deutschland.

Freitag, 25. Oktober 2013

Über Francesco Sbano habe ich in meinen Artikeln, Büchern und in diesem Blog schon öfter geschrieben. Hier ein offener Brief von Mafia? Nein Danke! e.V., den auch ich unterschrieben habe:

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin veranstaltet diesen Sonntag einen Vortrag und eine Podiumsdiskussion mit dem Hamburger Fotografen Francesco Sbano. Der gebürtige Kalabrier ist umstritten. Viele, darunter auch wir, sehen in ihm einen Promotoren der Mafia-Organisationen, weil er in der Vergangenheit durch eine zutiefst unkritische, wenn nicht gar relativierende Haltung gegenüber den italienischen Mafien aufgefallen ist. Mafia? Nein Danke e.V. hat einen offenen Brief an die Intendanz des Haus der Kulturen der Welt verfasst, um dagegen zu protestieren, dass Sbano ein Forum gegeben wird. 

Hier der Wortlaut:

An

Herrn Prof. Dr. Bernd M. Scherer Intendant des Haus der Kulturen der Welt

Den Förderern des Haus der Kulturen der Welt zur Kenntnis:

Herrn Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen
Herrn Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Medien und Kultur

Das Haus der Kulturen der Welt veranstaltet am Sonntag, den 27.10.2013, einen Vortrag und eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Musik der Mafia“. Die Veranstalter haben dafür den kalabrischen Fotografen Francesco Sbano als Referenten engagiert, der in den vergangenen Jahren Sammlungen mit Liedern der Mafia veröffentlicht hat. Wir kritisieren diese Entscheidung auf das Schärfste und möchten Ihnen im Folgenden unsere Argumente darlegen.

Francesco Sbano ließ bisher jede kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der italienischen Mafiaorganisationen vermissen, von einer Distanzierung ganz zu schweigen. Zum wiederholten Male verharmlost und glorifiziert er die kriminelle Existenz der Gruppen und argumentiert rechtfertigend. Er redet nur über die Täter und blendet die Opfer der italienischen Mafiagruppen konsequent aus. Dies ist angesichts des massiven Leids und der immensen Gefahren, die das Erstarken der italienischen Mafia-Organisationen für die rechtsstaatliche Ordnung, für das Funktionieren von Wirtschaftsordnungen und für die Funktionsfähigkeit des politischen Systems und damit der Demokratie mit sich bringt, nicht zu tolerieren.

Sbano gibt beispielsweise Texten wie diesem Lied über das Mafia-Attentat auf den General Carlo Alberto Dalla Chiesa im Jahr 1982 ein Forum: »Getötet ist der General / Ihm blieb nicht einmal Zeit für das letzte Gebet / So schnell wurde er in das Paradies gebracht / Die Mafia ist ein kriminelles Gesetz / Sie lässt dich in Ruhe, wenn sie es will / aber wenn Du hier herumstocherst/ Dann beginnt sie zu agieren.« Indem er solche Texte ohne Kommentierung im Raum stehen lässt, duldet er die Verhöhnung dieses aufrechten, vorbildhaften und pflichtbewussten Militärpolizisten, der angetreten war, die Mafia in Palermo zu bekämpfen, um das Morden auf Sizilien zu stoppen.

Indem das Haus der Kulturen der Welt der Kritiklosigkeit Sbanos eine Plattform bietet, macht es sich gemein mit der von ihm betriebenen Relativierung der Mafia-Aktivitäten, die längst nicht nur den italienischen Staat in seiner Existenz gefährden, sondern auch Staaten und Volkswirtschaften auf der ganzen Welt.

Indem das Haus der Kulturen der Welt eine einseitige Perspektive proklamiert, vergibt es die Chance, all die Bewegungen, die seit Jahren auf die aus der Organisierten Kriminalität erwachsenden Gefahren hinweisen, in ihrem Tun zu unterstützen.

Indem das Haus der Kulturen der Welt einer simplifizierten Sicht der Mafia-Organisationen Vorschub leistet, verabschiedet es sich von einem aufklärerischen Impetus, der einer solch herausgehobenen

Institution zu eigen sein sollte. Dies kann weder im Interesse der Institution selbst, noch im Interesse Ihrer Förderer sein.

Mit freundlichen Grüßen,

 

Sandro Mattioli, Vorsitzender Mafia? Nein Danke! e.V., Berlin

Bernd Finger, Leitender Kriminaldirektor a.D., ehem. Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität im LKA Berlin

Laura Garavini, Ehrenvorsitzende Mafia? Nein Danke! e.V., Berlin, und Mitglied der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments,

Sonia Alfano, Europarlamentarierin und Vorsitzende des Sonderausschusses CRIM des EU-Parlaments gegen gegen organisiertes Verbrechen, Korruption und Geldwäsche des Europaparlaments

Petra Reski, Autorin

Francesca Viscone, Schriftstellerin 

Benno Plassmann, 1. Vorsitzender Echolot e.V.

Claudio La Camera, Osservatorio sulla ‘Ndrangheta (Reggio Calabria, Italia)

 

Das (vorläufige) Ende der Mafiaprinzessin

Dienstag, 24. September 2013

Heute wurde Cinzia Mangano verhaftet – Tochter des Mafiabosses Vittorio Mangano, dem legendären ”Stallmeister” Berlusconis (über den ich in diesem Blog auch hier und hier und hier berichtet habe) und der ich nicht nur ein Kapitel meines Buches “Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern” gewidmet habe, sondern auch einen Film, den ich zusammen mit Luzia Braun für das deutsche Fernsehen drehte: “First Ladies der Mafia”. Als mein Buch in Italien unter dem Titel “Santa Mafia” erschien, wollte mich auch Cinzia Mangano verklagen – bis ihr aus berufenem Mund davon abgeraten wurde.

Mich hat schon damals der Auftritt von Cinzia Mangano beeindruckt, sie betrieb sehr erfolgreich die Öffentlichkeitsarbeit der Mangano-Familie. Sie klagten über die Schikanen, denen sie beim Gefängnisbesuch ausgesetzt waren. Sie klagten über das Justizsystem, das sich auf die Aussagen abtrünniger Mafiosi stütze, sie klagten über die Gerechtigkeit. Sie waren Opfer:

“Aber wo sind die Werte des Lebens geblieben, die Gerechtigkeit? Das ist ein Regime. Ich sehe oft diesen Film »Schindlers Liste«. Er bringt mich zum Weinen. Aber immer wenn ich den Videorekorder ausstelle, fühle ich mich wieder gestärkt. Denn da gibt es viele Dinge, die ähnlich sind wie in unserer Situation, wie auch in anderen Familien. Die gleichen Gefühle, die gleichen Qualen, so als gäbe es keinen Ausweg, weil da eine Übermacht ist. Aber die Justiz darf so nicht sein. Sie darf nicht so sein. Wenn es jemandem schlecht geht, hat er doch wenigstens das Recht, dass auf seine Gesundheit geachtet wird. Das ist doch normal. Selbst für einen Hund. Die Häftlinge in der Hochsicherheitshaft sind die Juden des Zweiten Weltkriegs. Da gibt es keine Unterschiede. Die Juden wurden umgebracht, und die Häftlinge erwartet ein langsamer Tod.”

Cinzia Mangano war die wortgewaltigste. Und die zuversichtlichste. Die ideale Botschafterin des Planeten Mafia. Cinzia war überzeugt von dem, was sie sagte. Sie heuchelte nicht, sie log nicht, sie war grundehrlich. Sie war in der Mafia aufgewachsen, sie teilte die Welt in drinnen und draußen ein, so wie ein Mafioso, der, wenn er einen Mord gegen die Welt draußen begeht, keine Schuldgefühle hat. Cinzia war eine Soldatin im Krieg. Der Vater konnte stolz auf seine Frauen sein. Sie waren um keine Antwort verlegen. Nicht mal, als wir über das Attentat auf Falcone und Borsellino sprachen.

“Als die Attentate 1992 geschahen, als Falcone starb, da sagte ein mir sehr vertrauter Mensch: Das ist der Anfang vom Ende. Denn um so etwas zu tun, muss man so tief gesunken sein, dass man keine Chance mehr sieht. Denn es hatte Männer gegeben, die die Mafia als ein Ideal des Fortschritts verkörpert hatten, die Mafia war einmal ein Zukunftstraum gewesen, der Inbegriff dessen, etwas zu schaffen – und dann wurde nur verbrannte Erde hinterlassen. Sie haben alles zerstört, alles.”

Cinzias Bemerkung zur Bedeutung des Falcone-Attentats war vielleicht die denkwürdigste Bemerkung dieser Mafiaprinzessin: Sie bedauerte nicht Falcones Tod. Sie bedauerte die Konsequenzen, die sich daraus für die Mafia ergaben.

Cinzia Mangano wurde zusammen mit ihrem Mann verhaftet – einer der jungen Männer, die, wie man auf dem Polizeivideo sehen kann, bei der Beerdigung ihres Vaters den Sarg auf seinen Schultern trugen. Sie lebte schon seit langem in Mailand und wird von den Ermittlern als Kopf der mafiosen Zelle betrachtet – eines  mafiosen “Unternehmertums”, das nach außen aus der Vermittlung von Transport- Träger- und Reinigungsdiensten bestand , im Wesentlichen aber Geldwäsche und Schwarzarbeit betrieb. Ein “Unternehmen”, das sein Geschäft ohne jede physische Gewalt ausüben konnte.

Es reichte, wenn die von ihnen erpressten und bedrohten Geschäftsleute Cinzia Manganos Namen hörten: ”Ich habe es nicht nötig, mich vorzustellen”, sagte sie am Telefon.