Kategorie: Mafia in Deutschland

You made my day

Montag, 02. Februar 2015

Über diese Besprechung von “Palermo Connection” habe ich mich sehr gefreut.

Lesen Sie Reski!
26. Januar 2015 von Dirk Hansen

Kriminalromane bieten eine doppelte Chance: Journalistische Geschichten unerschrocken zuspitzen und gleichzeitig die Geschichte des Journalismus ungeschminkt beschreiben. Wenn dabei auch noch Mafia und Medien kombiniert werden, dann wird es spannend: Das gefiel mir an “Palermo Connection” von Petra Reski (Deutschland/Venedig).
Vermutlich trage ich an eine Art Wittgenstein ´scher Brille auf der Nase. Eine fixe Idee: Was immer ich wahrnehme, filtere ich mit genau den Kategorien, die mich in diesem Blog umtreiben: Gesellschaftlicher Auftrag des Journalismus, Folgen des Medienwandels und Weltbühne Venedig. Wenn ich zur Entspannung Spannungsliteratur lese, begegnen mir diese Themen überall wieder.

Allerdings gehört Journalismus schon von jeher zur Grundausstattung vieler Filme und Bücher. So kennen wir die klischeehafte, dämonisierende und stilisierende Darstellung von Medien zur Genüge – Pressemeute, versoffener Reporter, TV-Schnallen. Natürlich auch die unerschrockenen Enthüllungsjournalisten. All dies sind etablierte Bewohner der Traumwelten des Eskapismus.

Allein gegen die Mafia

Aber gute, aktuelle Krimis verhelfen gar nicht mehr zur Flucht aus der, sondern vielmehr in die Wirklichkeit. Spannende Fiction kann der Ausweg sein, um Realität erst darzustellen. Zum Beispiel für engagierte Journalisten. Sagen was ist, ohne Gegendarstellungen zu riskieren. Außerdem lesen wir in solchen Romanen manchmal, wie es vorangeht in der Branche. Beziehungsweise abwärts.

Womit wir bei Journalistin und Buchautorin Petra Reski angekommen sind. Sie lebt und bloggt in Venedig. Und kennt sich besonders gut mit der Mafia aus, der italienischen wie der deutschen. “Furios” beschreibt vielleicht ganz gut ihrer Arbeitshaltung. Die Autorin versteht es fesselnd zu schreiben, ist aber auch selbst außerordentlich engagiert. Ihr Zorn richtet sich gegen Gleichgültigkeit, mit der beispielsweise das Thema Organisierte Kriminalität in Deutschland behandelt wird.

Wenn nicht Verzweiflung, so ist Petra Reski doch mindestens Zweifel an den gesellschaftlichen Institutionen und Protagonisten ab zu spüren, ob es nun um Politik oder Medien geht. Was ja nun auch zusammenhängt. Gerade in diesen Zeiten sind ihre Blogposts eine spannende Lektüre. Schon allein Reskis informiert- abgeklärte Sicht auf smarte Hoffnungsträger wie Matteo Renzi (vielleicht auch: Tsipras?).

Realität in der Fiktion

Komplizierte Beziehungen, geradezu Verstrickungen beschreibt Reski auch in ihrem Roman “Palermo Connection” (2014, Hoffmann und Campe). Im Zentrum steht eine Ur-Sünde der italienischen Gesellschaft, nämlich Geheim-Verhandlung zwischen Mafia und Politik in den 90er Jahren, die “trattativa”. Bis heute steht die Frage im Raum, ob in die Morde an den Anti-Mafia-Kämpfern Borsellino und Falcone auch Spitzen des Staates verstrickt sein könnten.

Ganz konkret geht es beispielsweise um den greisen Staatspräsidenten Napolitano. Ein (zufällig) abgehörtes Telefonat des Politikers gehört zu den heißesten innenpolitischen Themen unseres geliebten Nachbarlandes. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung von eigentlich “unaussprechlichen” Vorgängen. Ver-öffentlichen oder nicht?

Im Roman von Reski werden solche Tatsachenbezüge nicht kaschiert (außer bei den Namen), sondern zelebriert. Die Autorin geht bemerkenswert direkt auf die zwölf. Für Rezensenten sei kaum herauszufinden, was genau Realität und was Fiktion ist, stellt die taz fest. Im Gespräch mit der ZEIT macht die Autorin eine klare Ansage:

Das deutsche Presserecht ist sehr mafiafreundlich.

Dieser Trick, zu schreiben, was geschrieben gehört, ohne eine Gegendarstellung zu riskieren, das ist der eine Punkt, den ich bemerkenswert finde. Für investigativ orientierte Journalisten ein extrem eleganter Weg. Vorausgesetzt, man versteht es, das Genre zu bedienen, wird gedruckt und gelesen.

Wirklichkeit in den Medien

Was mich zudem an “Palermo Connection” gefesselt hat: Die Karikatur der Medien nimmt darin einen genauso großen Raum ein wie die Kritik an der Politik. Insbesondere die Hamburger Zeitschriften-Szene mit ihren Reporter/Fotografen-Teams. Tee trinkende Technokraten sind die Kings in den Houses of Content.

Einstige Edelfedern und Scheckbuch-Journalisten finden sich auf einmal in der digitalen Todeszone wieder, mitten im Zeitungs-/Zeitschriften-Sterben. Zum Beispiel die Roman-Figur Wolfgang W. Wienkeke:

Die Auflage von FAKT befand sich im freien Fall. Nie hätte er das für möglich gehalten. Vor zwanzig Jahren hatte er lustige Artikel über das Internet geschrieben, darüber, dass Chatrunden die modernste Form des Amateurfunkens seien und der wahre Grund für die Entstehung des Internets darin bestehe, dass die wenigsten Männer den Mut hätten, in den nächsten Videoshop zu gehen und mit fester Stimme für sieben Mark einen Pornofilm auszuleihen. Und jetzt war das Internet kurz davor, ihn aufzufressen.

Er war siebenundfünfzig und hatte nie daran gedacht, dass Journalisten irgendwann aussterben könnten wie Scherenschleifer oder Bergleute oder Korbmacher.

(Palermo Connection, Hoffman und Campe 2014)

Alte Systeme und ihre Protagonisten sind längst an ihrer moralischen Grenze angekommen. Die Gewalten eins bis vier der Demokratie versagen. Gibt es einen Lichtblick? Ja, eine unerschrockene Staatsanwältin übernimmt nach eigenen Regeln die vakante Aufklärer-Rolle, soweit man sie lässt. Denn es gibt wenig Unterstützung. Enthüllungen sind allen eher peinlich.

Hilfe erhält Serena Vitale höchstens noch von einem Muskel-Nerd. Und publizistischen Respekt verdient nur eine blutjunge Bloggerin, die sich mit geposteter Wahrheit über die Mafia ihre sizilianische Existenz versaut. Che triste…

Aber ich denke, der Kampf wird weitergehen. Aufgeben scheint weder Serena Vitales Eigenschaft noch die von Petra Reski zu sein. Wenn Sie, liebe Zielgruppe, also die in meinem Blog knochentrocken verhandelten Themen des globalen und lokalen (Medien-) Wandels saftiger mögen. Dann: Lesen Sie Reski!

Der Bänkelsänger

Montag, 12. Januar 2015

Er heißt Francesco Sbano. Journalist, Fotograf. Ein paar Jahre lang war er der Bänkelsänger des Italien in Deutschland. Leider. Ein Video: “Ehrenmänner”. Und die “Mafialieder”. Mit der sich an der Folklore labenden, vor Wonne jauchzenden deutschen Presse, die nicht müde wurde, die kulturelle und im Grunde auch ethnische Andersartigkeit des Spaghettivolks zu betonen. Die jungen Italiener, die nach Berlin gezogen waren und außer ihren Rucksäcken auch die Kultur der Zivilgesellschaft aus Schulen und Antimafia-Verbänden mitgebracht hatten, versuchten vergebens anzuprangern und zu erklären, dass diese Lieder weder unschuldig, noch Folklore sind. Sondern Verherrlichung dessen, was sie am meisten abstößt. Daraufhin wurden sie der kulturellen Intoleranz bezichtigt. Jetzt haben die jungen Italiener gewonnen. Und in Berlin, wohin das schmutzige Geld strömt, um dort in Pizzerien und Restaurants gewaschen zu werden, entsteht ein anderes Italien. Ein jüngeres und gebildeteres Italien, ein Italien, das Ehrlichkeit und Anstand liebt und lebt.  Das vernetzt ist, seine Initiativen und seine großen und kleinen Feste unterstützt und Allianzen schmiedet. Wie es die “anderen” schon immer gemacht haben – unbehindert, bis heute.

 

Das schrieb Nando dalla Chiesa, Soziologe, Kriminologe und Sohn des von der Mafia et al. ermordeten Generals Carlo Alberto dalla Chiesa gestern in Il Fatto Quotidiano  in seinem Artikel “Verena, Michele und die Ragazzi des Antimafia-Berlin”. Nando dalla Chiesa hält bis zum 6. Februar an der Humboldt-Universität Gastvorlesungen zum Thema Mafia.

Hey, hey, hey.

Freitag, 31. Oktober 2014

Es ist schon eine kleine Sensation, wenn der erste literarische Thriller einer deutschen Autorin sich vor großen Vorbildern wie Graham Greene und Jörg Fauser nicht verstecken muss. Eigentlich. Aber wirklich beachtet wurde Petra Reskis vor Kurzem erschienenes Romandebüt “Palermo Connection” in den Medien noch nicht. Und das ist einfach schade, einerseits.
Andererseits ist diese relative Flaute merkwürdig, weil die Journalistin und Sachbuchautorin Petra Reski keine schlecht vernetzte Debütantin ist, und keine Geringere als Donna Leon das Buch warm empfiehlt.
Liegt es am Ende am Thema? Ja, klar. Petra Reski, die seit vielen Jahren in Venedig lebt, gilt als Expertin für die italienische Mafia. Das ist ein problematischer Job – aus vielen, sich überlappenden Gründen: Erstens gilt die Mafia (Cosa Nostra, Camorra, ‘Ndrangheta etc.) trotz des Massakers von Duisburg 2007 und Günther Oettingers Pizzabäckeraffäre immer noch als undeutsches Phänomen.
Zweitens hat allein die Beschäftigung mit “organisierter ,ausländischer’ Kriminalität” nach dem NSU-Ermittlungsskandal hierzulande völlig zu Recht einen sehr üblen Beigeschmack bekommen – prima Job, Verfassungsschutz, Justiz und Polizei!
Drittens wird weder die Relevanz der globalen mafiösen Ökonomie gesehen noch die flächendeckende Durchdringung der italienischen Gesellschaft durch die organisierte Kriminalität -und das, obwohl Italien immer noch zu den größten Volkswirtschaften der Welt und zu den wichtigsten der EU gehört.
Viertens – und damit sind wir mitten in Petra Reskis Roman – funktionieren seriöse Erzählungen über die Mafia nur im Kontext der italienischen Geschichte und Politik, die hierzulande in wesentlichen Teilen unbekannt sind. Nur mal als Beispiel: In seinem kürzlich erschienenen Zeit-Text “Antisemiten sind mir egal” nennt Maxim Biller Israel die “zweite verspätete Nation der postnapoleonischen Zeit nach Deutschland”. Nun gibt es gewiss noch mehr Spätzündernationen, aber eine der wichtigsten – immerhin die mit der höchsten Dichte an Unesco-Welterbestätten – ist eben Italien, mit seinen Einigungskriegen von 1859-1918. Auch der “Länderbericht Italien” der Bundeszentrale für politische Bildung kommt zu dem Ergebnis, dass selbst die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem angeblichen Sehnsuchtsland der Deutschen sehr mau ausfällt.
Politthriller leben aber davon, dass die realen Hintergründe der teils fiktiven Handlung dem Publikum in den Grundzügen vertraut sind. Dass in Palermo seit einiger Zeit ein Prozess läuft, der klären soll, ob staatliche Organe zu Beginn der 1990er Jahre mit den Chefs der sizilianischen Cosa Nostra verhandelten wie mit einer ganz normalen (Staats-)Macht; dass die von der Mafia ermordeten Richter Borsellino und Falcone vom italienischen Staat möglicherweise geopfert wurden, weil sie durch ihre Ermittlungen die Verhandlungen mit der Mafia gefährdeten; dass die italienische Justiz die Bänder eines als sogenannter Beifang abgehörten Telefonats von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit dem Anfang der 1990er Jahre amtierenden Innenminister Nicola Mancino vernichten musste und der Verdacht im Raum steht, es gehe dabei nicht um Napolitanos Recht auf privacy, sondern um Vertuschung der sogenannten trattativa, des Pakts von Staat und Mafia: Aus diesem Material hat Petra Reski einen Kriminalroman geformt; und man kann es beinahe verstehen, dass es manchem Rezensenten zu mühsam ist, herauszufiltern, was Fantasie, was Recherche in “Palermo Conncetion” ist, und so zu einer Würdigung der Kunstfertigkeit der Autorin zu kommen.
Und doch: Reskis Buch ist auch ein Buch über deutsche Verhältnisse, insbesondere die im Journalismus. Ein Buch über Moral, übers würdevolle Älterwerden, über Männer und Frauen und was sie so miteinander tun.
Zudem hat die Autorin mit der palermitanischen Staatsanwältin Serena Vitale eine Protagonistin geschaffen, von der man froh sein darf, dass sie das furiose Ende des Romans überlebt. Sie umbringen zu lassen, erzählt Petra Reski bei einem Treffen in Berlin, sei ihr ursprünglicher Plan gewesen, von dem sie Donna Leon abgebracht habe mit dem unschlagbaren Argument: Erst machst du dir die Mühe, eine Figur mit Tiefe zu schaffen, und dann willst du sie gleich wieder loswerden? Weitere Serena-Vitale-Romane werden also folgen.
Die Staatsanwältin, Deutsch-Italienerin, Single mit einer Vorliebe für Blond (“keine Haarfarbe, sondern eine Lebenseinstellung”), schöne Dinge und schöne Bullen (“wenn er die Bizepse anspannte, sah es aus, als würde ein kleines Tier unter seiner Haut entlanglaufen”), ist Anklägerin in einem Prozess in Palermo. Der Vorwurf gegen den Exinnenminister Enrico Gambino lautet: “Mitwirkung in einer mafiösen Vereinigung und Mittäterschaft bei Attentaten”. Dieser Prozess und sein letztliches Scheitern strukturieren das Buch. Das ist kein Spoiler, denn ein noch nachzutragender Grund für das Desinteresse an der Mafia ist ja, dass die Sache kein Ende findet, der Kriegszustand ist permanent – und der Roman stellt auch die Frage, wer von ihm profitiert.
Eine Antwort liefert die Figur des alternden deutschen “Fakt”-Journalisten Wolfgang W. Wieneke und dessen zwischen Hamburg und Sizilien pendelnder Fotograf und Zuarbeiter Francesco, in denen jeder, wer mag, das Pärchen Francesco Sbano und Andreas Ulrich vom Spiegel wiedererkennen kann. Insbesondere mit Sbano, der als Fotograf und Musikproduzent in Hamburg und Kalabrien arbeitet, verbindet Reski eine langjährige Auseinandersetzung. Sie und viele andere Bürgerrechtler in Italien werfen Sbanos Fotos, Büchern und “Mafia-Musik”-Sammlungen Romantisierung der Killer und ihrer Taten vor.
Aber an einer Abrechnung ist Reski in ihrem Roman nicht interessiert. Vielmehr zeigt sie an Wieneke und seinem Fotografen, die den Prozess covern sollen, wie die Aufmerksamkeitsmaschine funktioniert, welche Mafia-Geschichten man schreiben kann und was “nicht sexy genug” ist, wie Wienekes lässiger “Fakt”-Chefredakteur Tillmanns sagt. “Auf dem Schreibtisch des Chefredakteurs stand eine Teekanne. Daneben lag das Buch, das er mit dem Außenminister geschrieben hatte. Wieneke wollte Minister stürzen, und sein Chef machte Bücher mit ihnen.”
Ein komplizierter Prozess in Palermo, wo eine einfache Staatsanwältin sich an Ministern und Präsidenten vergreift, ist nicht sexy. Das pseudoabenteuerliche Treffen mit einem untergetauchten Mafia-Boss, der seine Märchen erzählen darf, hingegen schon. Und Wieneke, der eigentlich aus der alten Schule kommt, kann der Versuchung nicht widerstehen, an solchen falschen, aber gefragten Heldengeschichten mitzuschreiben. Und scheitert damit bitterlich.
Und eben jetzt, am Dienstagmittag, während die Arbeit an diesem Text hier ihrem Ende zugeht, findet im Quirinalspalast in Rom eine ausgelagerte Vernehmung des Gerichtshofs von Palermo statt. Zeuge ist kein Geringerer als der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano. Thema ist ein Brief, den ihm sein Rechtsberater Loris D’Ambrosio vor zwei Jahren schrieb und in dem er von “unaussprechbaren Abkommen” zwischen Staat und Mafia sprach, damals 1992-93, als der Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems den Mob ohne politischen Ansprechpartner gelassen hatte und er mit Bombenterror diesen Waisen-Status beenden wollte. D’Ambrosio starb kurz darauf. An einem Infarkt. Mit 64 Jahren.
Wer hier keinen Stoff für einen Roman findet, ist selbst schuld. Petra Reski kann man diesen Vorwurf nicht machen. Am Schluss von “Palermo Connection” ist Serena Vitale von ihrem Prozess abgezogen worden und hat wieder Zeit für Sport. Fit muss sie sein, denn: “Sie hatte es versäumt, Allianzen zu bilden. Aufgabe Nummer eins im neuen Leben: Strategisches Denken.” Ihr nächster Fall wird sie nach Deutschland führen.

Das schrieb Ambros Waibel heute in der TAZ. Und ich renne jetzt gleich los und kaufe mir einen schönen venezianischen Goldrahmen, damit ich mir diese Rezension über mein Bett hängen kann, um sie zu lesen, falls mich irgendwann mal wieder metaphysische Ängste heimsuchen sollten. Lesenswert ist der Artikel aber nicht nur wegen des Lobs (das natürlich auch), sondern weil er darüberhinaus die Mechanismen der Medienmaschinerie kühl und klug analysiert – und die italienische Politik dazu.

Schampain!

Über Mafia. Und Netzstrümpfe

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Palermo Connection auf dem Blauen Sofa.

Arbeit für alle! Erpressungen, Kokain, Heroin!

Mittwoch, 27. August 2014

Immer wieder schön. In der Schweiz wurden 16 ‘Ndranghetisti festgenommen, die im idyllischen Frauenfeld seit 40 (vierzig!) Jahren ihre Geschäfte machten – und alle fallen aus den Wolken. Was? Mafia? Hier? Wie kann das sein? Es kann sich hier doch nur um eine Ausnahme handeln! Wir sind, wenn überhaupt, doch nur Rückzugsraum!

Wie wunderbar integriert der kalabrische Mafioso in der Schweiz war, lässt sich hier nachlesen. Und hier auch das schöne Polizeivideo von dem Treffen der Mafiosi (Nachdem die Herren die Förmlichkeiten hinter sich gebracht haben, also die Begrüßungsformeln heruntergenudelt haben, mehr oder weniger lustlos, geht es um die Geschäfte: “Wenn wir über Mord oder Erpressungen sprechen müssen, treffen wir uns zu dritt, zu viert oder zu fünft, wie ich es immer gesagt habe.” Vor allem aber geht es darum, die offenbar etwas zur Bequemlichkeit neigenden Jungen zum Jagen zu tragen: “Wir haben uns unsere Namen gemacht, jetzt seid ihr an der Reihe! Wer arbeiten will, kann arbeiten! Es gibt Arbeit für alle: Erpressungen, Kokain, Heroin! Zehn Kilo, zwanzig Kilo, ich bring’ sie euch persönlich vorbei.

Die Zelle in Frauenfeld tauchte bereits 2010 und 2011, bei den Ermittlungen “Crimine” und “Crimine2″ auf, als über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, nachzulesen auch hier.

Schön zu beobachten ist, wie sofort die Beschwichtigungsmaschine angeworfen wird, sobald in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Mafiosi festgenommen werden: Liebe Schweizer, auch Ihr dürft weiterschlafen, empfiehlt denn auch der Bundesanwalt: “Die hauptsächlichen kriminellen Aktivitäten würden aber in Italien und nicht hier durchgeführt.” Der “Rückzugsraum” ist ein Mantra. Der einzige, der sich etwas kritischer äußert, und ist der (ehemalige) Staatsanwalt Paolo Bernasconi (hier auch diverse interessantes Radio-Interviews mit ihm). Die neue Strafprozessordnung etwa verlangt von den Schweizer Ermittlern, Personen, deren Telefon abgehört wurde, im Nachhinein darüber zu informieren.

Davon träumen die Mafiosi in Italien natürlich auch. Doch das hat nicht mal Berlusconi hingekriegt. Aber wer weiß, vielleicht schafft es jetzt Renzi mit seiner Justizreform.

Das Wahr-Lügen

Sonntag, 24. August 2014

Endlich ist es so weit, und ich kann meinen neuen Liebhaber vorstellen: Am 8. September erscheint mein Roman “Palermo Connection“. –  Ein Roman? – Ja. – Also alles erfunden? – Alles erfunden. – Und warum?

Weil mir Louis Aragon ins Ohr geflüstert hat. Er nannte es mentir vrai, das Wahr-Lügen: Ein Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet.

Und so habe ich die Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale erfunden – die Serena genannt wird, aber eigentlich mit dem Vornamen Santa Crocifissa geschlagen ist: heilige Kruzifixin. (Sie wurde nach ihrer im Kindbett verstorbenen Großmutter benannt.) Auch der Prozess, den Serena Vitale gegen einen Minister führt, der angeklagt ist, mit Mafia zusammenzuarbeiten, ist ausgedacht. Der Minister natürlich auch. Auch der deutsche Journalist Wolfgang W. Wieneke existiert nur in meiner Fantasie. Und trotzdem ist alles wahr.

Ich lüge, um die Wahrheit zu erzählen.

Hier ist der Trailer zu Palermo Connection.

Cover

 

Heilig, heilig, heilig

Mittwoch, 06. August 2014

Meine Frisur hat sich geändert. Aber sonst: nichts, leider. Die Mafia in Deutschland, wie sie leibt und lebt – wer mehr wissen will und etwas Zeit hat: hier. (Nutzen Sie die Gelegenheit, solange die ARD-Mediathek sie noch gewährt! Auch Sie haben dazu beigetragen, dass dieser Film entstehen konnte, der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört allen!) Darin auch Interessantes zum Verhältnis von Mafia und Kirche (zur päpstlichen Exkommunikation auch hier und hier ): ab Minute 26 ungefähr sind wir in San Luca, bei Don Pino. Der ja erst in dieser Woche heilig gesprochen wurde. Vom Spiegel jedenfalls.  :-)

Exkommuniziert II.

Dienstag, 08. Juli 2014

Kleiner Nachtrag zur Jubelarie, die überall zu hören war, nachdem der Papst (von Kalabrien aus) die Mafiosi exkommuniziert hat. Keine zwei Wochen später hat sich die Madonna in Kalabrien während der Prozession vor dem Haus des Bosses verneigt. „Die Riten, die Feste sind eine Explosion des Heidnischen – all das Sektierertum, das den Kult begleitet, ist nichts anderes als ein Ersatz für die politischen Kämpfe in der Stadt”, sagte einst der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia. Es geht bei einer Prozession also um die Demonstration der Macht – und da darf die Mafia nicht fehlen, päpstliche Ermahnungen hin oder.

Und praktisch zeitgleich zum Kniefall der Madonna vor dem Haus des Bosses gerieren sich die Mafiosi als Opfer der päpstlichen Exkommunikation:  200 Ndranghetisti kündigen im Gefängnis von Larino an, nicht mehr zur Messe zu kommen. Kleine Gesten von großer Bedeutung.

Der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri sieht darin eine Kampfansage der kalabrischen Mafia an den Papst: “Entweder wird hier wieder nachgegeben, oder es kommt zu einer Auseinandersetzung.” Aber keine Angst: Die Mafia verhält sich immer pragmatisch. Bevor es zu einer echten Auseinandersetzung kommt (auch die Ermordung des sizilianischen Priesters Padre Puglisi wird als Reaktion auf die Rede von Johannes Paul II. in Agrigent 1992 betrachtet, in der er den Mafiosi mit der Hölle drohte), neige die Ndrangheta dazu, zu verhandeln, sagte Gratteri. Etwa dank fürstlicher Geschenke an den Vatikan.

Gratteri hob auch noch mal die Rolle des Bischofs Bregantini hervor: Er war es, der nun mit den 200 inhaftierten Ndranghetisti sprach. Bregantini hat darin einige Erfahrung: Er ist der  ehemalige Bischof von Locrì, ein guter Freund von Don Pino, dem Pfarrer von San Luca und geistigem Oberhaupt des kalabrischen Wallfahrtsortes Santa Maria di Polsi. “Und ich habe Monsignor Bregantini in die Augen geschaut und gesagt: Sehen Sie, endlich ändert sich die Welt. Nach Polsi gehen nicht die Menschen, die in Diskotheken gehen wollen. Nach Polsi kommen Menschen, die Tränen in den Augen haben. Und wer kann die Tränen besser abwischen als eine Mutter? Die Mutter Gottes?  Und der Bischof sagte dann im Fernsehen: Wenn das hier in Polsi eine Versammlung der ‘Ndrangheta ist, dann bin ich der erste Mafioso,” sagte Don Pino kurz nach dem Massaker von Duisburg.

Zu dem Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi, pilgern im September nicht nur kalabrische Gläubige aus der ganzen Welt, sondern auch die ‘Ndrangheta, die sich hier zu einer Art jährlichen Betriebsversammlung trifft. Die Clanführer besprechen in Santa Maria di Polsi anfallende Probleme, darunter damals auch die Folgen des Massakers von Duisburg. Bei der Ermittlungsaktion “Crimine” 2010, in deren Verlauf über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz – filmten die Ermittler auch ein Treffen der Bosse im Wallfahrtsort Polsi.

Und Bischof Bregantini wurde irgendwann von Locri nach Campobasso versetzt.

Palermo Connection

Dienstag, 03. Juni 2014

Gestern in Mannheim kam es zu einer kleinen Weltpremiere: Ich las ein paar Seiten aus den Fahnen von Palermo Connection, meinem neuen Roman, der am 9. September erscheint. Der Countdown läuft! Nur noch 89 mal schlafen.

Dieser Plot muss noch mal überarbeitet werden.

Sonntag, 02. März 2014

Also. Der Plot geht so: Da haben wir einen als hyperkorrekt und engagiert geltenden Politiker im NSU-Ausschuss, dessen Name auf dem Höhepunkt seiner ausgezeichneten und hochgelobten Arbeit auf einer Kinderporno-Kundenliste auftaucht. Die Politiker und hohen Staatsbeamten, die davon erfahren, (wobei der Leser  im Unklaren darüber gelassen wird, ob die Politiker und hohen Staatsbeamten tatsächlich erst jetzt davon erfahren, oder ob sie nicht schon länger Kenntnis davon hatten) mauscheln miteinander. Unter den hohen Staatsbeamten, die mit den Politikern mauscheln, befindet sich auch der Chef des BKA – der in einem anderen, vorangehenden Kapitel dieses Romans (während seiner Befragung im NSU-Ausschuss) dem als hyperkorrekt und engagiert geltenden Politiker ziemlich übertrieben aggressiv geantwortet hat, was alle verwundert hatte. (Vom Autor als ein vielleicht allzu deutlicher Hinweis für die Leser gedacht?) Auf dem Höhepunkt der Mauschelei zwischen Politikern und Staatsbeamten wird deutlich, dass PLÖTZLICH auch noch das Laptop des als pädophil geltenden Politikers abhanden gekommen ist, während von der Festplatte des anderen Computers nur noch Splitter gefunden worden sind. Und dann kommt der Autor dieser abstrusen Geschichte auch noch auf die Idee, ausgerechnet noch einen  hohen BKA-Beamten einzuführen, der sich ebenfalls auf der selben Kinderporno-Kundenliste befindet, und der im BKA für was zuständig war? Für schwere und organisierte Kriminalität. 

Als Romanautorin würde ich sagen: Nee. Too much. Viel zu offensichtlich. Das nimmt dir keiner ab.