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PETRA RESKI

Bei einem unserer Telefonate fragte mich der Italiener, ob ich wegen der Ereignisse in der DDR bewegt sei, er habe die Bilder im italienischen Fernsehen gesehen, es sei doch sensationell, was da passiere, diese Demonstrationen, unfassbar, und er vermutete, dass jetzt alle Deutschen weinten. Und ich sagte: So ein Quatsch.

Ich saß auf meinem Klappsofa, verfolgte aus den Augenwinkeln die Abendnachrichten und erklärte dem Italiener, dass mich die DDR zeitlebens so wenig interessiert habe wie die Schweiz. Die einen kleben an der Neutralität, die anderen am Sozialismus, sagte ich. Die DDR, das seien für mich die sechziger Jahre auf ewig, alte Männer mit Kassenbrillen und Strohhütchen, sächselnde Vopos und Fähnchen schwenkende FDJler, die Kampfreserve der Partei. Die Wiedervereinigung werde lediglich von unbelehrbaren CDU-Politikern gefordert, von bedauerlichen Fossilien der Nachkriegszeit, mit wenig Einsicht in historische Notwendigkeiten. Ich persönlich wollte nicht wiedervereinigt werden. Oder wenn schon wiedervereinigt, dann möchte ich mir selbst aussuchen, mit welchem Land. Ich wäre gerne mit Polen wiedervereinigt worden. Oder mit Ungarn. Aber nicht mit der DDR.

Und der Italiener sagte: Aber ihr seid doch alle Deutsche. Er war der Meinung, dass wir wieder zusammenkommen müssten, und es klang so, als handele es sich nicht um Deutschland, sondern um zwei Kinder, die sich gestritten haben und die sich nun vor der Klasse wieder die Hand reichen sollten.

Hm, sagte ich etwas zerstreut, denn ich glaubte plötzlich gehört zu haben, wie Schabowski in der Tagesschau den DDR-Bürgern die Reisefreiheit versprach. Ich sagte: Ich muss jetzt mal kurz auflegen, ich rufe dich später wieder an, und kurz danach sah ich, wie die Menschen die Grenze überrannten, wie sie über die Mauer stiegen und sich gegenseitig dabei die Hand reichten, wie sie sich umarmten und weinten. Noch bevor ich weiter auf meinem Standpunkt hatte beharren können, war die DDR untergegangen.

Am nächsten Tag kam der Italiener wieder nach Hamburg. Wir beschlossen, nach Berlin zu fahren. Auch wenn der Untergang der DDR nicht in mein Ressort fiel. Auch wenn mir die DDR immer gleichgültig gewesen war. Auch wenn die DDR voller Kassenbrillen und alten Männern mit Strohhütchen war. Ich musste an die Mauer.

Wir fuhren aus Hamburg über die Grenze bei Helmstedt, wo Vopos erst unsere Pässe kontrollierten und sie dann auf eine Art Fließband legten, welches sie sehr langsam zum nächsten Kontrollpunkt transportierte – eine Installation, die den Italiener tief beeindruckte. Das sollte man auf der Biennale zeigen!, sagte er.

Während der ganzen Fahrt war ich aufgewühlt, und ich schämte mich dafür. Mir war, als hätte ich mich dabei ertappt, von einer Rede Helmut Kohls ergriffen gewesen zu sein. Der Anblick der Vopos mit ihren Schirmmützen hatte mich bewegt, das an einer Autobahnbrücke hängende Banner Werkzeugmaschinenkombinat »7. Oktober« grüßt alle Werktätigen ging mir ans Herz, und die Menschen, die aus ihren Trabbis winkten, rührten mich.

Es ist mir peinlich, sagte ich dem Italiener, und er fragte: Warum? Es sei doch völlig normal, aufgewühlt zu sein. Wenn ein Land, das fast dreißig Jahre geteilt gewesen sei, jetzt wieder zueinander fände, sei das so, als würde eine lange voneinander getrennte Familie endlich wieder zueinander finden. Wenn Italien so lange geteilt gewesen wäre, dann würde man an einem solchen Tag in einem Meer von Tränen schwimmen.

Ich beharrte dann noch darauf, dass ich garantiert nicht mit der DDR verwandt sei und dass ich nicht wüsste, warum wir zueinander finden sollten, bei Italienern sei das anders, Italiener würden ja schon bei jeder Kleinigkeit losheulen, und dann kamen wir in Berlin an. Der Verkehr war zusammengebrochen, es war wie Fußballweltmeisterschaftssieg und sechs Richtige für alle, noch nie hatte ich die Deutschen so erlebt, so taumelnd, so überschäumend, so glücklich, und ich war kurz davor, zu heulen, und hoffte nur, dass der Italiener es nicht bemerken würde.

Wir liefen an der Mauer entlang und sahen Tausenden von Menschen zu, die gegen die Mauer hämmerten. Gegen diese entfesselten Berliner wirkten selbst die Neapolitaner schwermütig, befand der Italiener. Zu Fuß gingen wir bis nach Charlottenburg zurück, bis zum Savigny-Platz, der voller betrunkener, sich umarmender, sich nach langer Trennung wiederfindender Menschen war. Mit Mühe ergatterten wir einen freien Platz in einem Restaurant, und ich fühlte mich bereits so sehr mit der DDR verwandt, dass ich den Versuch machte, meine Ergriffenheit mit einem Mann vom Nebentisch zu teilen.

Er trug ein kariertes Flanellhemd, aus dem ich schloss, dass er aus Ostberlin stammte. Ich gestand ihm, wie sehr es mich beschäme, dass mir die DDR bis vor kurzem gleichgültig gewesen sei, ich vertraute ihm an, dass ich meine Unkenntnis bereute, ich sagte, dass es ein großes Glück für uns sei, diese historische Stunde der Wiedervereinigung erleben zu dürfen, Zeugen zu sein, dass Geschichte nicht immer nur die Wiederkehr des Ewiggleichen, sondern auch Fortschritt, Erkenntnis, Erleuchtung hervorbringen könne, dass wir uns als Auserwählte fühlen dürften, nun endlich zusammen an einem Tisch sitzen zu können, und dann sagte er: Wiesondett? Ick wohne doch umde Ecke, hier trink ick doch imma mein Bier, ey.

Aus  Der Italiener an meiner Seite.

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