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PETRA RESKI

Ja, die Feuerbakterie. Sie wütet nicht nur in den Olivenhainen des Salento, sondern auch in der Redaktion der Republik. Schade eigentlich. Gerade von ihnen hätte ich mir mehr erwartet – zumindest nicht, als Verschwörungstheoretikerin verlinkt zu werden. Ich habe der Republik dazu eine Replik geschrieben:

Sehr geehrte Chefredaktion der Republik,

der Artikel „La malattia“ wäre mir fast entgangen, wenn mich nicht eine Schweizer Freundin darauf aufmerksam gemacht hätte. Weil ich in der deutschsprachigen Presse bereits unzählige Artikel gelesen habe, die sich stets darauf beschränken, die Gegner des Abholzens der Olivenbäume im Salento als arme Irre zu diffamieren, hätte ich es nicht für nötig befunden, darauf zu reagieren – wenn sich die Republik nicht das journalistische Ethos groß auf die Fahne geschrieben hätte, wie ich es im Manifest der Republik nachlesen konnte. Kritik der Macht? Ja! Verantwortung für die Öffentlichkeit? Ja! Vernünftige Informationen um vernünftige Entscheidungen zu treffen? Ja! Expeditionsteams in die Wirklichkeit? Unbedingt! Aber warum ist in dem Artikel „La malattia“ davon nichts zu lesen? Wo sind die Fakten? In welcher Parallelwelt hat der Autor recherchiert?

 

 

Unterstützt werden sie von professionellen Zweiflern aus ganz Italien: Der Politiker Beppe Grillo, Kopf der 5-Sterne-Bewegung, poltert aus Genua gegen «die gigantische Verschwörung» und lässt auf seinem Blog eine bekannte Krimiautorin und Anti-Mafia-Journalistin aus Venedig erklären, wie alles mit allem zusammenhängt. Die Mafia, Chemtrail-Giftwolken, der Agrochemiekonzern Monsanto, Betreiber von Ölpipelines, karrieregeile Wissenschaftler: Sie alle sollen sich irgendwie gegen Süditalien verbündet haben.

ist in dem Artikel zu lesen. Wozu soll der linkische Versuch gut sein, mich als Verschwörungstheoretikerin zu diffamieren? Vielleicht, um Beppe Grillo zu treffen, der keineswegs poltert, sondern lediglich meinen Blogpost auf seinem Blog veröffentlicht hat? Weder in dem Post, noch in meinem Blog war je die Rede von „Chemtrail-Giftwolken“, kommt aber gut, wie die Abonnenten der Republik auch in dem Newsletter nachlesen konnten, wo diejenigen, die im Salento Widerstand leisten, lediglich als Verschwörungstheoretiker diskreditiert werden, genau wie Impfgegner oder Amerikaner, die Trump gewählt haben.

Was die Mafia betrifft, hätte es die Republik-Leser vielleicht interessiert, dass „Die eigenartige Geschichte der Xylella“ im Vierteljahresbericht des (vom Antimafia-Staatsanwalt Giancarlo Caselli geleiteten) Osservatorio Agromafie großen Raum einnimmt, nachzulesen hier.

Überhaupt, die Fakten. Mühsam, das weiß ich aus Erfahrung. Lassen sich nicht auf die Schnelle zusammengoogeln. Ich beschäftige mich mit dem Vertrocknen der Olivenbäume seit fast fünf Jahren und habe darüber nicht nur in meinem Blog, sondern auch in GEO, in der ZEIT und in Mare geschrieben. Eben so lange lese ich Artikel, die nahezu wortwörtlich die immer gleichen Aussagen eines einzigen Kreises von Wissenschaftlern (stets die der Wissenschaftler der Uni Bari: Martelli, Boscia, Saponari et alii) wiederholen. Kritiker werden als „angebliche Wunderheiler“/unrettbare Romantiker/ewig Gestrige/schlichte Gemüter“ diskreditiert, fertig ist die Recherche. Zweifel gibt es nicht. Im Artikel der Republik wird die Nicht-Regierungsorganisation „Spazi popolari“ als Verbreiter von Verschwörungstheorien diffamiert – aber warum lässt der Autor die “Spazi popolari” nicht selbst zu Wort kommen? Warum wird kein einziger Gegner der Abholzungsaktion interviewt? Warum taucht kein einziger Wissenschaftler auf, der nicht zu dem immer gleichen Kreis gehört? Warum hat der Autor keine der Experimentierfelder besucht, die mit großem Erfolg vertrocknete Olivenbäume mit ökologischen Mitteln wiederbeleben? Warum hat der Autor kein Interview mit Marco Scortichini geführt, der eine erfolgreiche Methode zur Wiederbelebung der Olivenbäume entwickelt hat, die von der Wissenschaft anerkannt ist (peer-reviewed)?

Warum hat der Autor nicht erwähnt, dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Lecce bis heute nicht abgeschlossen sind? Und dass der im Artikel ausführlich zu Wort kommende Wissenschaftler Donato Boscia zu den Personen gehört, gegen die ermittelt wird? Der Autor hätte auch die staatsanwaltlichen Ermittlungsakten lesen, ja sogar mit dem Leiter der Staatsanwaltschaft ein Interview führen können. Die Leser der Republik hätte es sicher interessiert.

Und es gibt noch mehr Fragen: Warum schreibt der Autor an keiner Stelle, dass zur Zeit im italienischen Parlament eine umfassende parlamentarische Untersuchung zum Thema Xylella läuft?

Warum hat der Autor nicht darüber berichtet, dass in den Jahren zwischen 2003 und 2010 im Salento fünf Mal so viel Glyphosat verkauft wurde als in den Jahren zuvor? Und das, obwohl die Agrarfläche in der Provinz Lecce viel kleiner ist, als die in der Provinz Bari, im Norden Apuliens, wo seit Jahrzehnten unter großem Chemieeinsatz eine intensive Landwirtschaft von Großbetrieben betrieben wird?Warum hat der Autor nicht erwähnt, dass Monsanto von 2011 bis 2013 Experimentierfelder im Salento unterhalten hat, deren Lage bis heute nicht bekannt gegeben wurde?

Warum ist an keiner Stelle zu lesen, dass die Regionalregierung erst im April dieses Jahres bekannt gab, dass nicht 95 Prozent aller Olivenbäume mit der Xylella-Bakterium infiziert sind, wie es die Wissenschaftler Boscia, Martelli et alii stets bekannt gaben, sondern lediglich 1 Prozent aller untersuchten Pflanzen?

Warum ist im Artikel keine Rede davon, dass über den Salento seit Jahrzehnten nicht nur die Ausdünstungen des Heizkraftwerks von Cerano wehen, sondern auch die der Zementfabriken Cementir, Colacem und des berüchtigten Stahlwerks Ilva von Taranto, gegen die staatsanwaltlich ermittelt wurde, seit bekannt wurde, dass hochgiftige Asche aus dem Heizkraftwerk nicht entsorgt, sondern zu Zement weiterverarbeitet wurde? In der Provinz Lecce, dem sogenannten Notstandsgebiet der Xylella liegt die Krebsrate höher als in Brindisi und Taranto, wo sich die Verursacher der Umweltschäden befinden.Die beiden Olivensorten, die nun als Heilsbringer auch vom italienischen Bauernverband Coldiretti gepriesen werden, sind keineswegs resistent gegen die Xylella. Eine ist die in Laboratorien entwickelte, patentrechtlich geschützte Sorte FS-17,  eine Olivensorte, die sicher nicht zufällig in den Laboratorien des Wissenschaftsrats von Bari entwickelt wurde, die als Urheber somit eine Lizenzgebühr mit jedem Baum verdienen.

Warum hat der Autor nicht erwähnt, dass die Uni Bari, die Abteilung für nachhaltigen Pflanzenschutz Bari (IAMB) und das Agrarforschungsinstitut mit dem Forschungsinstitut des Agrarmultis Agromillora ein Abkommen über Entwicklung einer neuen, industriell anbaufähigen Olivensorte abgeschlossen hat, die ihnen der ihnen 70 Prozent der Lizenzgebühren garantiert?

Xylella trägt die Schuld daran – das sagt die Wissenschaft, sagt die Europäische Union, sagt mittlerweile auch die italienische Regierung. Nur will das ein grosser Teil der Bevölkerung im Salento nicht glauben

lesen wir in dem Artikel. Ja, die Wissenschaft. Leider unterlässt der Autor auch zu erwähnen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf die sich die Efsa, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit der EU – und damit die gesamte Vernichtungsaktion stützt, auf tönernen Füßen steht. Genauer gesagt, auf Untersuchungen der Universität Bari, die wissenschaftlich äußerst zweifelhaft sind, da sie nicht den wissenschaftlichen Mindeststandards entsprechen, weil sie nicht peer reviewed sind. Und die Studie, mit der alles steht und fällt, und die von der Efsa, die kein Forschungsinstitut ist, bei der Uni Bari in Auftrag gegeben wurde, erfüllt nicht die Koch-Postulate, die Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen einem Bakterium und dem Wirt. Letztlich handelt es sich bei dieser Untersuchung lediglich um eine wenig aussagekräftige Pilotstudie. Das alleinige Vorhandensein des Bakteriums sagt nichts über die Ursachen des Vertrocknens aus, vermutlich sind die Olivenbäume nichts anderes als Wirtspflanzen für das Bakterium. Aber sie taugen bestens dazu, die Vernichtung einer Kulturlandschaft zu rechtfertigen.

„Liegt die Vernunft, dieses zarte Pflänzchen, bereits auf dem Komposthaufen der Geschichte? Müssen wir uns wieder mit Menschen herumschlagen, die sagen, ich verstehe ja, dass die Fakten so sind, wie sie sind, aber ich glaube ans Gegenteil?“

Ist im Newsletter der Republik zu lesen, damit der Leser – der offenbar von der Redaktion als so schlicht betrachtet wird, dass man ihm noch zusätzliche Hilfestellungen geben muss – weiß, wie er die Geschichte über die Xylella einzuordnen hat. Schade nur, dass es genau die Fakten sind, die dem Republik-Leser vorenthalten werden.

Ja, bedauerlich, das alles. Weil es vor allem die journalistische Glaubwürdigkeit der Republik ist, die mit Artikeln wie diesem auf der Strecke bleibt.
Beste Grüße aus Venedig, Petra Reski
P.S.: Ich hätte meinen Kommentar gerne auf der Kommentarseite veröffentlicht, aber der ist offenbar nur Abonnenten zugänglich. Auch schade. Von wegen “offene Gesellschaft, das freie Wort, der Wettbewerb der besten Argumente“.
Nachtrag: In der ursprünglichen Fassung dieses Blogposts war die Rede davon, dass es sich bei der Olivenbaumsorte Leccino um eine im Labor entwickelte Züchtung handelt. Tatsächlich ist die Sorte Leccino in Apulien lediglich artfremd, sie stammt ursprünglich aus Mittelitalien und wird in Apulien seit maximal 30 Jahren zögerlich angebaut, weil ihr Öl im Verhältnis zu den einheimischen Sorten als minderwertig gilt. 

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