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PETRA RESKI

Ehrlich gesagt, wenn mich der Bürgermeister von Venedig für meinen Artikel gelobt hätte, hätte ich mir ernsthafte Sorgen gemacht. Aber angesichts der wütenden Reaktionen auf meinen FAZ-Artikel, und zwar sowohl von Seiten des Bürgermeisters und seiner medialen Mitstreiter in der Lokalpresse, als auch von Seiten der orthodoxen Linken, die Venedig 25 Jahre lang regiert hat, bin ich beruhigt.

 „Ich werde immer dafür kämpfen, die Meinungsfreiheit zu garantieren, aber mit gleicher Entschlossenheit werde ich jeden bekämpfen, der dem Ruf Venedigs schaden will, so wie es im Beitrag ‚Kämpferische Töne im Ort‘ von Petra Reski (F.A.Z.-Reiseblatt vom 16. Juli) geschehen ist“, schreibt der Bürgermeister in seinem Leserbrief vom 7.8.2020 an die FAZ. Nun, dass der Bürgermeister eine etwas eigenwillige Auffassung von Presse- oder Redefreiheit hat, ist in Venedig schon lange bekannt: “Wir haben alles aufgeschrieben, Namen und Nachnamen. Seid Euch bewusst, dass wir Tag für Tag verfolgen, was geschrieben wird (…) Wir werden darauf zurückkommen“, drohte er erst im April dieses Jahres, was auf Twitter den Hashtag #segnatiancheilmionome (#SchreibauchmeinenNamenauf) hervorgebracht hat und den Staatssekretär des Ministerrats nötigte, den Bürgermeister zur Ordnung zu rufen: Brugnaro solle aufhören, Bürger einzuschüchtern und ihnen das Recht auf Kritik abzusprechen, er überschreite die Grenzen seines Amts.

Als Journalistin halte ich mich an die Fakten. Da Brugnaro den in meinem Artikel aufgezählten Fakten nicht widersprechen kann, versucht er meine Arbeit ohne jeden Beleg mit dem Vorwurf zu diffamieren, „unwahre Geschichten“ zu erzählen. Ich hätte gerne gewusst, was denn „unwahr“ daran ist, dass er den Ausverkauf Venedigs im Vergleich zu seinen Vorgängern noch verschärft vorangetrieben und dabei eigene Interessen verfolgt hat: den Kauf der Insel Poveglia, die gewinnträchtigen Events in seiner Scuola della Misericordia und nicht zuletzt den Verkauf seines 40 Hektar großen Areals in Marghera.

Dass die venezianische Lokalpresse darum eifert, für den Bürgermeister in die Bresche zu springen und sich mit ganzseitigen Artikeln und martialisch klingenden Überschriften wie „Venedig – Deutschland: Angriff auf Brugnaro“ zu übertreffen versucht, zeigt ihre Abhängigkeit. Wir, die Bewohner Venedigs, wissen, dass die Dinge, die der Bürgermeister mir entgegenhält, nicht der Realität entsprechen: So gibt es keine „Sperre für die Eröffnung neuer Hotels, Bars und Restaurants in prestigeträchtigen Gebieten der Stadt“; der Beschluss, den es gab, ist keiner, weil er, wie unter anderem vom Kulturschutzbund Italia Nostra kritisiert wurde, von unzähligen Ausnahmeregelungen ausgehöhlt wurde. Von den „500 jungen Beamten der Ortspolizei“ ist keine Spur und auch die „Zugangsgebühr“ ist nichts als eine Schimäre.

Selbst die Venedig gegenüber sonst so nachsichtige Unesco betrachtet Brugnaros Bemühungen um den Erhalt von Venedig als nicht ausreichend – das Engagement in der Wohnungsfrage sei zu gering, die geplante Vergrößerung des Flughafens, die zahlreichen neu eröffneten Hotels stünden im krassen Widerspruch zur verlangten Reduzierung der Touristenzahlen. Venedig riskiert unvermindert, von der Liste des Weltkulturerbes gestrichen zu werden. Was zuletzt eine parlamentarische Anfrage auslöste.

Dass Brugnaro in der venezianischen Lokalpresse ganze Seiten für seine Angriffe auf die Pressefreiheit und seine Wahlpropaganda eingeräumt wird, ist leider Usus in Venedig. Um so abgeschmackter sind die zahlreichen persönlichen Angriffe auf mich und meinen Berufsethos. Anders als Luigi Brugnaro habe ich keine Interessenkonflikte, ich bin weder einer Partei noch einem Provinzfürsten verpflichtet, sondern allein meinem Gewissen.

Ich bin freie Journalistin und berichte seit drei Jahrzehnten über Venedig. Wer meine Artikel kennt, die unter anderem in der FAZ erschienen sind, weiß, dass sich meine Haltung nicht geändert hat. Selbst nicht, seitdem ich, weil ich dem venezianischen Drama nicht weiter einfach nur zuschauen wollte, mich in Venedig den Aufständischen angeschlossen und mich auf die kleine venezianische Bürgerliste „Terra e Acqua 2020“ setzen ließ. Darin sehe ich lediglich den logischen Schluss meines Engagements gegenüber meiner Heimatstadt, in der ich wohne und zu Hause bin.



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