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PETRA RESKI

Deutschland, das Paradies der ‘Ndrangheta.

Heute findet in Bologna der erste Verhandlungstag der Prozesses “Aemilia” statt – ein Mafiaprozess, der nicht nur wegen seines Umfangs ( 147 Angeklagte, weitere 71 in einem getrennten, abgekürzten Verfahren) interessant ist, sondern weil er in Norditalien stattfindet. In einer reichen Region, die nicht nur für das klassische Made in Italy steht (Parmaschinken, Ferrari, Pasta von Barilla … jedenfalls, insofern die Firmen noch nicht ins Ausland verkauft worden sind, aber das ist eine andere Geschichte) – sondern auch für die Tatsache, sich gegen den “Virus” Mafia immun zu glauben.

Wie Deutschland auch.

Und das ist nicht die einzige Parallele zwischen der Emilia Romagna und Deutschland: Wie in Deutschland sind hier seit über vierzig Jahren alle italienischen Mafiaorganisationen präsent: die ‘Ndrangheta, die kalabrische Mafia, die Camorra aus Kampanien und die sizilianische Cosa Nostra.

Einige Mafiosi kamen nach Norditalien, weil sie sich, wie es das italienische Recht damals vorsah, nachdem sie straffällig geworden waren, nicht mehr in ihren Heimatsregionen niederlassen durften. Andere kamen im Gefolge der Gastarbeiter, wie in Deutschland auch.

Norditalien ist reich – und damit bestens geeignet für die mafiosen Geschäfte: Was mit dem Kerngeschäft des Drogen- und Waffenhandels anfing, ging weiter mit der Bauindustrie, Müllbeseitigung und dem Immobilienhandel, aber auch mit der Lebensmittelindustrie: Im Grunde gibt es keine Branche, in der die Mafia nicht vertreten wäre. Wie die Antimafia-Staatsanwälte feststellen, handelt es sich hier schon lange nicht mehr um eine mafiose Infiltration: Die Mafia ist in Norditalien nicht hier und da eingesickert, sondern beherrscht große Teile der Wirtschaft. Ganz legal.

Allein 17 Ndrangheta-Clans, 4 Clans der Cosa Nostra und 3 Camorra-Clans sind in der Provinz Reggio Emilia aktenkundig – der Prozess Aemilia ist der erste große Prozess gegen die ‘Ndrangheta. Im Juli 2015 wurden Besitztümer und Unternehmen im Wert von 330 Millionen Euro beschlagnahmt – im Zentrum der Anklage steht der aus dem kalabrischen Crotone stammende Clan Grande Aracri. Die Anklage lautet auf Korruption, Geldwäsche, Stimmenkauf, Erpressung, Mord. Angeklagt sind nicht nur Mafiosi, sondern auch ihre Handlanger: Stadträte, Journalisten, Polizisten, Unternehmer. Und hier fängt es an, interessant zu werden.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht wurden die Geldgeschäfte fast immer über Deutschland abgewickelt. So schreiben die italienischen Antimafia-Staatsanwälte in dem Haftbefehl:

Weil die neuen Geldwäschegesetze es den Mafiosi sehr schwer machten, sind Geldtransfers ins Ausland die einzige Möglichkeit, an Bargeld zu kommen: “Wir müssen sehen, dass wir da was machen … also ich sage dir, also der aus Deutschland, der eröffnet dir ein Konto, du schickst ihm Geld aufs Konto, und wir fahren nach Deutschland, heben das Geld ab und die Sache ist erledigt.”

Im Zentrum der Ermittlungen steht der aus Crotone stammende ‘Ndrangheta-Clan Grande Aracri. Der sich in Deutschland seit langem sehr heimisch fühlt. Nicht nur in einer Universitätsstädten wie Münster, sondern auch in Augsburg oder München. Und der enge Beziehungen zum Clan Pelle-Romeo pflegt.

Wie in Deutschland auch, laufen die Geschäfte zwischen der ‘Ndrangheta und den Unternehmern ganz zwanglos ab:  Der Kontakt verläuft meist über unverdächtige Mittelsmänner, über Rechtsanwälte oder Geschäftsmänner – im Fall der Emilia sogar über einen Fernsehjournalisten, der eine doppelte Aufgabe ausübte: Über seine Sendungen sorgte er nicht nur für gesellschaftlichen Konsens (“Es handelt sich hier nicht um Mafiosi, sondern um erfolgreiche italienische Unternehmer süditalienischen Ursprungs, denen der italienische Staat nichts als Steine in den Weg wirft”), er kontaktierte auch Unternehmer, die mit der ‘Ndrangheta Geschäfte machen wollten  – an denen es nicht mangelte. Ein Polizist, der im Polizeipräsidium die Pressearbeit machte, arbeitete ebenfalls für die Mafiosi, indem er kritische Journalisten bedrohte, Stadträte ließen sich von der ‘Ndrangheta Stimmen kaufen: ein geschlossenes System.

Laut Anklage gehörte dazu auch der italienische Fußballspieler Vincenzo Iaquinta, einer der Weltmeister von 2006, zu dem Netzwerk, der wegen illegalen Waffenbesitzes und Unterstützung der Mafia angeklagt ist. Sein Vater wird von den Staatsanwälten als Mitglied der ‘Ndrangheta bezeichnet. Selbstverständlich weist Iaquinta alle Vorwürfe zurück.

Und die Tatsache, dass die italienische Nationalmannschaft 2006 in Duisburg im Hotel Landhaus Milser unterkam, ist natürlich auch nur ein kurioser Zufall: ein Freundschaftsdienst unter heimatverbundenen Kalabriern.

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    Pradella
    28. August 2017

    Kann man den Namen, oder eine Telefonnummer des Fernsehjournalisten erfahren, über den hier in dem Artikel geschrieben wird?( Fall Emilia ).Vielen Dank

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