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PETRA RESKI

Solidarität mit Nino di Matteo II.

Ja, Italien ist ein eigenartiges Land. Da ruft ein Mafiaboss aus der Hochsicherheitshaft zu einem Mord an einem Antimafia-Staatsanwalt auf – und es passiert … nichts. Von den italienischen Politikern: kein Wort der Solidarität, keine Anteilnahme, nichts. Schweigen.

Nino Di Matteo führt die Anklage im Prozess um die sogenannte Trattativaden Verhandlungen (vielleicht sollte man besser Geschäftsbeziehungen sagen, das wäre etwas treffender) zwischen Staat und Mafia – weshalb der Mafiaboss Totò Riina vor zwei Monaten aus der Hochsicherheitshaft heraus zum ersten Mal  Mord an Nino Di Matteo aufgerufen hat. Und seitdem keineswegs geschwiegen hat.

Seit kurzem steht ein Hubschrauber für Nino Di Matteo bereit, neben 42 Carabinieri, aus denen Di Mattes Leibwache besteht: Neun Carabinieri, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und  die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt in drei Autos unterwegs ist. Sinnvoll wäre es, einen Bomb-Jammer einzusetzen, ein Gerät, das Bomben aufspürt – mit denen in Italien so wertvolle Persönlichkeiten wie der Papst und besagter Gewohnheitsverbrecher beschützt werden. Nicht aber Nino Di Matteo. Innenminister Alfano (remember: das Hündchen, das für den Gewohnheitsverbrecher die Stöckchen apportierte) möchte erst die Testergebnisse abwarten –  ob der Einsatz des Bomb-Jammers nicht möglicherweise gesundheitsschädlich sein könnte (kein Witz). Mehr als alle Hubschrauber, Carabinieri, Bomb-Jammer wäre ein klares Wort hilfreich.

Aber Matteo Renzi, der neue Generalsekretär der PD, hatte Besseres zu tun, er musste sich mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher B. treffen, um sich mit ihm über ein neues Wahlrecht zu einigen. Ministerpräsident Letta hat das böse Wort Mafia noch nie ausgesprochen. Und Staatspräsident Giorgio Napolitano war 1992 Parlamentspräsident und weiß über die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia mehr, als ihm lieb ist. (Es mag Zufall sein, dass die Mafia 1993 zwei Attentate auf zwei römische Kirchen ausübte, die die Vornamen des damaligen Senatspräsidenten Giovanni Spadolini und des Parlamentspräsidenten Giorgio Napolitano tragen,  auf San Giorgio al Velabro und San Giovanni in Laterano) Napolitano wurde als Zeuge für den Prozess um die Trattativa aufgerufen. Und sorgte sogleich dafür, dass der Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen ihm und dem angeklagten ehemaligen Innenminister Mancino zerstört wurde.

Zuletzt wurde in der Zelle von Totò Riinas Zellennachbarn, dem apulischen Boss der Sacra Corona unita, Alberto Lorusso, ein Brief gefunden, der mit dem phönizischen Alphabet verschlüsselt war und Worte wie Attentat, Bagarella (Riinas Schwager, ebenfalls seit Jahrzehnten inhaftiert) und Papello enthielt (die Liste mit zwölf Forderungen, die die Mafiabosse 1992 bei den Verhandlungen mit italienischen Politikern und hohen Staatsbeamten stellten – und dafür  im Gegenzug das Ende der Terrorakte und Wählerstimmen anboten. Sie reichten von der Revision der Urteile des Maxiprozesses über die Abschaffung der Hochsicherheitshaft für Mafiosi und der Kronzeugenregelung bis zum Ende der Beschlagnahmung von Mafia-Gütern. Und wurden, wie es jeder aufmerksame Zeitungsleser verfolgen konnte, beflissen umgesetzt. Nicht nur von der Berlusconi-Regierung, sondern auch von den Linksdemokraten.) Niemand weiß, woher der Brief kam. Wer ihn verfasst hat.

Was bringt Totò Riina so gegen Di Matteo auf? Riina wurde bereits zu zehn mal lebenslänglich verurteilt, wird also ohnehin nicht mehr in Freiheit kommen. Selbst wenn der Prozess klären sollte, dass Riina mit den Politikern verhandelt hat, wird das nicht sein kriminelles Prestige schmälern, ganz im Gegenteil. Sollte Di Matteo tatsächlich etwas zustoßen, dann wäre das für Riina – auf den ersten Blick – nur kontraproduktiv, weil es ja die These der Anklage bestätigen würde.

Wie es der Staatsanwalt Roberto Scarpinato bei einer Soldaritätsveranstaltung für Nino Di Matteo ausgeführt hat, geht es Riina vor allem darum, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen – und dafür zu sorgen, dass die Münder aller Beteiligten weiterhin verschlossen bleiben. Denn die Zeiten sind ähnlich unsicher wie Anfang der 1990er Jahre –  als die Mauer gefallen war und sich die neue geopolitische Situation in keinem anderen westeuropäischen Land so sehr niedergeschlagen hat wie in Italien: Die alten Parteien zerfielen, und die Mafia hatte vorübergehend keinen festen Ansprechpartner mehr.

Und heute? B. ist ein Zombie, und es gibt eine neue politische Kraft, die noch nicht unter Kontrolle gebracht wurde. Ein Viertel der Italiener hat die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt. Die Mafia hat ihre Meinungzur Regierungsbildung  in einem anonymen Brief klar ausgedrückt: Weder Schwule noch Komiker sollten die Regierung stellen. Was dann auch sofort befolgt wurde.

Jetzt könnte man sagen: Italien! Ist das alles schrecklich! Der furchtbare B. und die Mafia, und wie gut geht es uns in Deutschland, wo die Mafia nur gelegentlich zur Sommerfrische vorbeikommt, vulgo Deutschland höchstens als “Rückzugsraum” benutzt. Und natürlich kein Politiker  … Klar, hier wird eine Menge Geld gewaschen, genauer 50 Milliarden Euro pro Jahr, aber, hey, betrifft uns das?

Paolo Borsellino sagte: Politik und Mafia sind zwei Mächte, die auf demselben Territorium leben. Entweder bekriegen sie sich. Oder sie einigen sich.

Auch in Deutschland.

 



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  • PETRA   RESKI    Letizias Appell.
    10. März 2015

    […] Sergio Mattarella geschrieben – um zu erreichen, dass der von der Mafia zum Tode verurteilte Nino Di Matteo nach Rom an die Nationale Antimafia-Behörde versetzt […]

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