Kategorie: Italien

Der Feuerbakterien-Krimi. Folge 5

Samstag, 13. Februar 2016
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Jetzt mal wieder etwas für die Liebhaber des Öko-Thrillers: Inzwischen hat auch der italienische Staatsrat, also nicht gerade irgendwer, festgestellt, dass es gewisse Unregelmäßigkeiten, ähem, Unklarheiten bei der wissenschaftlichen Arbeit gab, mit der der vermeintliche Ausbruch der Feuerbakterien-Epidemie – und das anschließende Fällen der (jahrhundertealten) Olivenbäume im Salento begründet wurde: Zehn Besitzer von Olivenhainen hatten gegen das Fällen geklagt, ihn gibt der italienische Staatsrat jetzt Recht und weist daraufhin, dass

  • die Besitzer der Olivenhaine nicht darüber informiert worden sind, dass auf ihren Grundstücken Untersuchungen durchgeführt und Proben entnommen wurden, ohne dass sie dagegen Widerspruch einlegen konnten,
  • keiner der Betroffenen  die Modalitäten der Erfassung und Konservierung des pflanzlichen Materials kennt,
  • das Auswahlsystem der zu fällenden Bäume, basierend auf geografischen Koordinaten,  das Aufspüren der betroffenen Bäume unsicher macht,
  • die 10-Tage-Frist für das Fällen und Entwurzeln der Bäume zu kurz bemessen ist.

Der Staatsrat schließt sich der Position des Untersuchungsrichter von Lecce an und bestätigt, dass eindeutige Analyseergebnisse zur Feststellung der verantwortlichen Erreger für die Verbreitung der Krankheit fehlen.

Wer das Urteil des italienischen Staatsrates nachlesen will, kann das hier tun.

Kurz: Nach wie vor geht es um einen Interessenkonflikt, groß wie ein Eisberg – der den Verantwortlichen wohl den Blick etwas getrübt hat. Aber dazu demnächst mehr. Stay tuned!

Mein Italien

Mittwoch, 10. Februar 2016

Heute vor 30 Jahren fing der Maxi-Prozess an, an dessen Ende 360 Mafiabosse zu insgesamt 2665 Jahren Haft verurteilt wurden. Zum ersten Mal mussten die Bosse erleben, dass sie Urteile nicht wie gewohnt in der letzten Instanz „zurechtrücken“, also aufheben konnten. Wofür die beiden Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Natürlich war es keineswegs so, dass der mit diesem Prozess verbundene Wunsch nach Gerechtigkeit von allen geteilt wurde, ganz im Gegenteil: Wer auf Seiten der Richter stand, wurde als „Gerechtigkeitsfanatiker“, „Jakobiner“ oder „Khomeinist“ geschmäht. So wie heute auch.

Aber was mich heute morgen bei der Lektüre des Textes von Nando della Chiesa, dem Sohn des von der Mafia ermordeten Polizeipräfekten, besonders berührt hat, war zu lesen, dass die Journalistin Camilla Cederna zu einer Kollekte für die Familien der Mafiaopfer aufgerufen hatte – die Schwierigkeiten hatten, in Palermo einen Anwalt zu finden und zu bezahlen. Am Ende kamen dann 300 Millionen Lire zusammen, gespendet von Unternehmern, Freiberuflern, Schulklassen – und süditalienischen Gastarbeitern in Deutschland.

Das ist das Italien, das ich immer bewundert habe.

Leben

Dienstag, 09. Februar 2016

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Heute morgen sah ich, wie zwei englische Touristinnen auf die Todesanzeigen von Venezianern starrten, die an der Ecke des Campo San Luca hängen, in Plastik verschweißt, mit Foto. „That’s not right!“ sagte die eine, weil einer der Toten erst vierzig war. „So sad“, die andere. Und irgendwie hat es mich gerührt. Weil sie spürten, dass Venedig mehr ist als airbnb und Konfetti und Karneval: Eine Stadt, in der gelebt und auch gestorben wird.

Der Feuerbakterien-Krimi, Folge 4

Donnerstag, 04. Februar 2016

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Hinter mir: 1200 Jahre Geschichte. So alt, oder vielleicht noch älter, ist der Olivenbaum im Hintergrund, der unweit von Ugento im Salento steht. Mitten im sogenannten „Notstandsgebiet“ – wo die Feuerbakterie angeblich ihr Unwesen treibt und die Staatsanwaltschaft glücklicherweise verhindert hat, dass noch weitere Olivenbäume gefällt werden. Denn für die Behauptung, dass diese Bakterie der Auslöser für das Vertrocknen der Olivenbäume ist, gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis. Es gibt nur sehr viele Beweise dafür, dass die Bakterie der Auslöser für einen Geldstrom ohnegleichen ist: Seitdem der „Notstand“ ausgerufen wurde, sind sehr viele Millionen Euro geflossen – bis die Staatsanwaltschaft sich in den Weg warf und verhinderte, dass noch weiter Olivenbäume gefällt werden. Damit macht man sich natürlich keine Freunde. Das versteht man auch ohne Biologiekenntnisse.

Fest steht bislang nur: Es gibt Olivenbäume, die, obwohl sie vertrocknet sind, nicht von Feuerbakterien befallen sind. Und zwei Meter weiter stehen völlig gesunde, nicht vertrocknete Olivenbäume, bei denen die Feuerbakterie nachgewiesen werden kann. Komisch nicht?

Dazu demnächst mehr. Stay tuned.

Wie sie war, wo sie war.

Freitag, 29. Januar 2016

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Heute vor zwanzig Jahren brannte die venezianische Oper, das Teatro La Fenice ab. Aus gegebenem Anlass ein Artikel, den ich 2003 für die Schweizer Zeitschrift „Du“ geschrieben habe.

Ich wohne gegenüber von der Fenice. Oder besser: Von dem, was von ihr geblieben ist. Viel ist es nicht. Die Außenmauern, gestützt durch ein riesiges Stahlrohrkorsett. Ein sechs Meter hoher Bauzaun aus Aluminium. Eine Tür, hinter der Bauarbeiter verschwinden. Neuerdings jedenfalls. Mittags sitzen einige von ihnen auf dem Sockel der Kirche von San Fantino und essen ihre panini – direkt neben dem roten Hydranten, der erst nach dem Brand des Theaters hier angeschlossen wurde, leider. Die Bauarbeiter sitzen genau an der Stelle, wo der Campo durch den Bauzaun so verengt, dass nur ein enger Durchgang freiblieb. Dort sitzen sie und heften ihre Blicke auf die Beine der Frauen – Bellezza mia flüsternd, Bionda, für dich gäbe ich mein Leben! hauchend, Seht diesen Engel, herabgestiegen aus dem Paradies!, raunend.

Darin liegt ein Fortschritt, denn über mehrere Jahre hinweg herrschte hier Totenstille. Seit das Theater vor sieben Jahren, am 29. Januar 1996, in nur einer Nacht abbrannte, passierte nicht viel. Jedenfalls nichts Sichtbares. Kein einziger Bauarbeiter, der den Frauen nachschaute, kein Schwenk eines Baukrans, kein Baggergeräusch, kein Kreischen einer Kreissäge. Nichts. Stattdessen eine unsichtbare juristische Saalschlacht. Wieder sei eine Baufirma vor das venezianische Verwaltungsgericht gezogen, um gegen die Ausschreibung zu klagen, hieß es. Wieder habe eine neue Baufirma die Arbeiten an der Fenice übernommen, wieder wurden andere Namen genannt, und jedes Mal klangen sie wie erfunden: SACAIM, IMPREGILO, HOLZMANN-ROMAGNOLI. Sie klangen wie eine Automarke, wie eine Abkürzung für eine neue Vermögenssteuer, wie ein italo-amerikanischer Zigarettenkonzern, aber nicht so, als ob jemand ernsthaft die Absicht hätte, die Fenice wieder aufzubauen.Ja, sagt Marco Corsini gedehnt, es war frustrierend. Und dann schweigt er wieder, und sein Blick schweift in die Ferne, über die roten Dächer Venedigs hinweg, über Kirchturmspitzen und schiefe Campanili. Marco Corsini, der venezianische Stadtrat für öffentliche Arbeiten, antwortet so wortkarg auf die Fragen nach dem Fortgehen der Arbeiten in der Fenice, als handele es sich um ein Anwerbungsgespräch für den Staatssicherheitsdienst. Als Anwalt weiß er, dass alles gegen ihn verwendet werden kann, dass es besser ist, sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht zu berufen, zu schweigen und in die Ferne zu blicken. Sein Büro befindet sich im Palazzo Farsetti am Canal Grande, im dritten Stock und die Aussicht von seinem Schreibtisch ist ergreifend schön.

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Der Feuerbakterien-Krimi. Folge 3

Sonntag, 24. Januar 2016

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Normalerweise treibt sich in den Kommentarspalten meines Blogs nur ein einsamer Troll herum, der mir wegen seiner Anhänglichkeit schon fast ans Herz gewachsen ist. Ganz anders ist das jedoch seit diesem Post über die Feuerbakterien: Seitdem ich darüber berichtete, dass die Staatsanwaltschaft von Lecce gegen zehn Personen ein Ermittlungsverfahren eröffnet und die zu fällenden Olivenbäume beschlagnahmt hat, stelle ich mit Erstaunen fest, dass der Post wie verrückt kommentiert wird. Erstaunlich, dieses überraschende Interesse.

Spannend ist an den Ermittlungen vor allem, mit welcher Akribie die Staatsanwaltschaft auf den 58 Seiten ihres Beschlagnahmungsbefehl aufgedröselt hat, wie mit den „unrettbar“ infizierten Olivenbäumen viele glücklich gemacht werden sollen: Agrarmultis konnten ihre Gifte „testweise“ anwenden, Forscher wurden mit Forschungsgeldern beglückt, Landbesitzer mit der Hoffnung, endlich die ihnen im Weg stehenden jahrhundertealten Olivenbäume loszuwerden: ein Verlust, versüßt mit anfangs 146 Euro, demnächst sogar mit  261 Euro pro gefällten Olivenbaum. Und nicht zuletzt mit der Aussicht (?), das Land endlich bebauen zu können. Und die Olivenölproduzenten in den anderen europäischen Ländern sind über die „Plage“, die über ihre apulischen Konkurrenten hereingebrochen ist, sicher auch nicht unglücklich.

Wer des Italienischen mächtig ist, mag sich dazu auch diese Dokumentation ansehen, die vor kurzem auf RAI tre lief. Spannend an den Ermittlungen ist vor allem die Feststellung der Staatsanwaltschaft, dass die ersten Fälle von vertrockneten Olivenbäumen bereits in den Jahren 2004-2006 und 2008 gemeldet und als Fälle von „Olivenlepra“ katalogisiert wurden, woraufhin die vertrockneten Olivenbäume 2011 auf (nicht genehmigten) „Experimentierfeldern“ massiv mit Pflanzenschutzmitteln des Agromultis Monsanto behandelt wurden – Olivenbäume, die zum Teil danach sogar in Brand gesteckt wurden.

Meine geschätzte Kollegin Anke Sparmann hat über Monsantos Verkaufsschlager Glyphosat, der an den apulischen Olivenbäumen angewendet wurde, einen hochspannenden Artikel in der ZEIT geschrieben, dessen Lektüre ich allen ans Herz legen möchte. Darin schreibt sie:

Glyphosat ist das erfolgreichste und meistverkaufte Pestizid der Welt. Vom amerikanischen Agrarkonzern Monsanto 1974 in den Vereinigten Staaten unter dem Namen Roundup auf den Markt gebracht, ist es heute rund um den Globus im Einsatz. Das Pestizid hat sich zu einem der wichtigsten Treibstoffe der konventionellen Landwirtschaft entwickelt. Amerikanische Maisfarmer, indische Baumwollbauern, argentinische Sojabarone und deutsche Getreidelandwirte, sie alle sprühen Glyphosat auf ihre Felder. Denn dieser Wirkstoff tötet die Vogelmiere und das Rispengras, den Weißen Gänsefuß und die Acker-Kratzdistel. Es tötet praktisch jede Art von Unkraut, überall auf der Welt.

Und womöglich nicht nur das Unkraut.

 

Anke Sparmann hat in ihrem Artikel sehr schön beschrieben,  auf welch unheimliche Art die Gutachten zustande kommen, auf die sich die EU stützt, um zu entscheiden, ob das Pflanzengift Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht: Während die Krebsforschungsagentur der WHO zu dem Ergebnis kommt, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ ist, stützt sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bei ihrer Beurteilung auf das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, für die Glyphosat „nicht krebserregend“ ist, was die Europäische Behörde etwas vorsichtiger  als „wahrscheinlich nicht krebserzeugend“ ausdrückt:

Dieser (vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung verfasste, kurz: BfR) Bericht über die mögliche toxische Wirkung von Glyphosat ist nicht weniger als 947 Seiten lang. Das lässt zunächst eine beeindruckende Gründlichkeit vermuten. Bei genauerem Hinsehen allerdings stellt man fest, dass das BfR den Report gar nicht selbst erstellt hat. Verfasser ist die Glyphosate Task Force, die Glyphosat-Arbeitsgruppe. Das wiederum hört sich nach einem interdisziplinären Gremium an, aber auch dies ist ein Irrtum. In der Glyphosate Task Force arbeiten die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln zusammen, genauer: jene Unternehmen, die beantragt haben, Glyphosat innerhalb der EU verkaufen zu dürfen.

Der 947 Seiten starke Bericht besteht im Wesentlichen aus Zusammenfassungen von Studien, in denen die Unternehmen selbst die gesundheitlichen Auswirkungen von Glyphosat untersuchen ließen.

Nun müssen von Pestizidherstellern finanzierte Studien über Pestizide nicht notwendigerweise unseriös sein. Man würde sich nur gerne selbst ein Bild von diesen Untersuchungen machen. Das aber ist kaum möglich. Die Studien wurden nie veröffentlicht. Und viele Angaben zu den Studien – Verfasser, durchführendes Labor – sind in dem BfR-Bericht sogar geschwärzt.

Sehr gut lesbar aber ist das abschließende Fazit: nicht krebserregend.

Vor diesem Hintergrund bekommt eine Äußerung von Robert Fraley, dem stellvertretenden Vorstandschef von Monsanto, eine ganz eigene Bedeutung. Nachdem die Efsa im November ihre Einschätzung zu Glyphosat abgegeben hatte, die in weiten Teilen auf den Studien der Hersteller beruhte, twitterte Fraley: „Science wins!“ Die Wissenschaft hat gesiegt! Dass es vor allem seine eigenen Studien waren, auf die er sich damit berief, sagte er nicht.

 

Ähnlich kann man sich das bei den Gutachten über den Befall mit der Feuerbakterie vorstellen. Und deshalb wundert mich auch nicht, dass der Ton in den Kommentarspalten zum Teil so klingt wie dieses „Science wins“: Ja, die Laien sollen mal schön die Klappe halten und den Wissenschaftlern das Wort überlassen. Weshalb in der Feuerbakterienangelegenheit natürlich auch sofort „seriöse“ naturwissenschaftliche Medien eingespannt wurden, um die Wissenschaftler aus Bari zu verteidigen, gegen die nun ermittelt wird – nachzulesen etwa im amerikanischen „Nature„.

Und wenn nichts anderes mehr zieht, dann erklärt man die Kritiker zu Verschwörungstheoretikern – zu denen man ohnehin automatisch gerechnet wird, sobald man das Wort „Monsanto“ auch nur ausspricht. Aber was hilft’s? Die beiden Gesellschaften, die sich hinter dem „testweisen“ Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Apulien verbergen,  heißen nun mal Monsanto und BASF. Und dass Monsanto 2008 die brasilianische Biotechnikfirma Allelyx (Anagramm von Xylella) erworben hat, die ein Patent für Olivenbäume entwickelt hat, die angeblich resistent gegen die Feuerbakterie sind. In die gleiche Firma Allelyx hat auch BASF 13,5 Millionen Euro investiert – ist wahrscheinlich auch nur ein blöder Zufall.

Wie es auch ein Zufall sein kann, dass in den Medien schon so etwas zu lesen ist:

Was derzeit in Apulien passiere, sei eine Tragödie. „Die Region hat in den vergangenen 20 Jahren viel in den Olivenanbau investiert. Die Qualität des Öls aus der Region ist sehr gut geworden“, sagt Fiebig. Er hofft, dass die Bauern finanzielle Hilfe erhalten und ihren Betrieb wieder aufbauen. „Es gibt mittlerweile neue Züchtungen, die bereits nach fünf Jahren Erträge bringen. Das wäre eine Chance für die Menschen dort.“

(nachzulesen zu einem Beitrag, den der WDR im Frühjahr 2015 zum Thema Feuerbakterien gemacht hat.)

In Apulien gibt es bereits viele Fälle von als „tot“ deklarierten Olivenbäumen, die mit einfachsten und traditionellsten Methoden wieder zum Leben erweckt wurden. Umweltschützer raten den Olivenbauern, deren Land sich längs von Nationalstraßen etc. befindet, bei „plötzlich“ vertrockneten Olivenbäumen Bodenproben zu entnehmen und die Blätter des Olivenbaums ebenfalls untersuchen zu lassen. Und auf jeden Fall Videokameras entlang der Felder zu installieren. Und gegebenenfalls Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten.

Als Schriftstellerin warte ich jetzt auf den nächsten Cliffhanger.

El Chapo, Sean Penn und Wolfgang W. Wieneke

Dienstag, 12. Januar 2016

Wer das Böse bekämpfen will, muss es erst mal kennenlernen, sagte Giovanni.

Ich habe kein Problem damit, mir die Hände schmutzig zu machen, wenn dabei eine gute Geschichte rauskommt.

Wenn man einen echten Einblick haben will, dann muss man sich der Wertung enthalten, sagte Giovanni.

Ganz deiner Meinung, sagte Wieneke. Journalisten sind weder Politiker noch Polizisten. Er blickte Giovanni erwartungsvoll an. Was meinst du, ist es möglich, an so einen Typen ranzukommen?

Giovanni nippte an einem Glas Wasser, das der Kellner zusammen mit dem Espresso serviert hatte, trocknete den Mund mit einer Papierserviette ab, tupfte über die Lippen und die Mundwinkel, faltete die Serviette so sorgfältig wie ein Kind in der Vorschule und legte sie beiseite.

Was für einen Typen meinst du?

Wieneke lachte. Komm, du weißt schon.

Nein, weiß ich nicht.

Na, so einen Boss.

Giovanni spielte mit seinem Feuerzeug, ein goldenes Zippo, achtzehn Karat. Angeblich hatte es ihm ein guter Freund geschenkt. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ das Feuerzeug nachlässig auf den Tisch gleiten.

Leicht ist das nicht.

Schon klar.

Mehr so eine Sache des Vertrauens. Lässt sich nicht einfach so übers Knie brechen.

Ich denke, dass Hamburg dafür auch was locker machen würde.

Es ist keine Frage des Geldes. Es kommt auf ein gewisses Fingerspitzengefühl an. Ein falsches Wort … Verstehst du, was ich meine? Schließlich bin ich es, der den Kopf für so etwas hinhält. Ich bin neutral, verstehst du?

 

So habe ich das in Palermo Connection beschrieben, als der Reporter, pardon, Investigativjournalist Wolfgang W. Wieneke den Fotografen Giovanni trifft – der ihm zu einem Scoop verhelfen soll: Ein Interview mit einem echten Mafiaboss.

Ist ja ein Klassiker: Furchtloser Reporter trifft supergefährlichen Boss unter supergefährlichen Umständen in einem supergeheimen Versteck. Stellt ihm verwegene Fragen und bekommt Antworten voll philosophischer Weisheit. Genau so hat sich das Sean Penn wohl auch vorgestellt, als er den vor kurzem verhafteten mexikanischen Drogenboss Joaquin Guzmánthe world’s most wanted drug lord, „El Chapo“, in seinem Versteck traf, um ihn für das bekannte Enthüllungsmagazin Rolling Stone zu interviewen.

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Wahrscheinlich wollte sich Penn als Hauptdarsteller für die Verfilmung des Lebens von El Chapo empfehlen, also praktisch method acting. Daniel Day Lewis lebte für seine Rolle als Der letzte Mohikaner monatelang in der Wildnis und ernährte sich nur von selbst erlegten Wild, Robert de Niro musste für seine Rolle als Jake LaMotta nicht nur Boxen lernen, sondern sich auch 27 Kilo Fett anfressen, so gesehen ist ein Interview mit einem Drogenboss in seinem Versteck definitiv die bessere Lösung.

Das Interview wurde kurz nach Guzmans Verhaftung unter dem schönen Titel „El Chapo speaks“ veröffentlicht und liefert uns ein weiteres Märchen über einen Boss: Kindheit in Armut, großer Familiensinn, liebender Vater, guter Sohn, kurz: ein Wohltäter. Vermittlerin des Interviews war die mexikanische Schauspielerin Kate de Castillo, die sich bei „El Chapo“ beliebt gemacht hat durch ihre Rolle als Freundin von El Chapo eines Drogenbosses des Sinaloa-Kartells in der Telenovela „La Reina del Sur“. Sie widmete ihm bewundernde Tweets und wurde damit belohnt, sich um die Verfilmung seines Lebenswerks zu kümmern. Weshalb sie auch Sean Penn kontaktierte, um ihn für diese Aufgabe zu gewinnen. Sie begleitete ihn zu dem Interview, worin der wohl etwas einfach gestrickte Sean Penn keinen Beweis für ihre Rolle als Propagandahelferin sah, sondern für ihren Mut: „Her courage is further demonstrated in her willingness to be named in this article“. Vielleicht hätte man Penn den Tipp geben sollen, vor dem Interview wenigstens „Das Kartell“ von Don Winslow zu lesen, da hätte er wohl mehr gelernt als aus dieser Propagandaveranstaltung. „Four days later, on October 2nd, El Alto, Espinoza, Kate and I board a self-financed charter flight from a Los Angeles-area airport to a city in mid-Mexico.“ Ja, isses denn die Möglichkeit! Sean Penn hat sich den Flug zum Drogenboss selbst bezahlt! Nicht, dass am Ende einer auf die Idee kommt, dass der Boss Penn für die Propaganda bezahlen müsste, nein, das macht er ganz umsonst!

Die Fragen, die Sean Penn an Guzmán stellt, sind von bestürzender Schlichtheit, wahrscheinlich sind es Fragen, mit denen ihn die Kinojournalisten ihn in Interviews immer wieder piesacken, also „Träumen Sie?“ oder „Betrachten Sie sich als eine gewalttätige Person?“ oder „Würden Sie die Welt verändern, wenn Sie könnten?“ Was „El Chapo“ gelassen mit einem „Für mich sind die Dinge so in Ordnung wie sie sind“ beantwortete. Im Netz kursiert auch eine wunderbare, von „El Chapo“ redigierte Fassung des Interviews.

Nie mehr werde ich einen Film mit Sean Penn unbefangen sehen können, jedes Mal werde ich an dieses schwachsinnige Interview denken, das ist wirklich traurig. Aber er befindet sich ja in bester Gesellschaft, denn was die Blödheit betrifft, machen sich Schauspieler und Journalisten Konkurrenz: Es gibt haufenweise Journalisten, die sich als Resonanzboden für die Botschaften eines Mafiabosses zur Verfügung stellen. Nicht nur in Mexiko, nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland. Ein Jahr nach dem Massaker von Duisburg rühmte sich sogar das Magazin DER SPIEGEL in seinem Editorial, dass zwei seiner Reporter auf einer Reportage über die ‘Ndrangheta von einem Mafiamusikproduzenten geführt worden seien, weil er das „Vertrauen der Bosse genieße“. Das größte deutsche Nachrichtenmagazin vermeldete also stolz, dass seine Mafia-Berichterstattung von der Mafia selbst bestimmt wurde. Es sollten übrigens nicht die einzigen deutschen Journalisten sein, die sich in Propagandadiener der Mafia verwandelten: Kurz nach dem Massaker von Duisburg lancierten die Anwälte der Mafiosi unzählige Interviews, weshalb viele deutschen Journalisten nicht über die Mafia in Deutschland berichteten, sondern über unschuldig verfolgte Pizzabäcker: den Kollegen wurden herzzerreißende Emigrantengeschichten in den Block diktiert, in denen von Sippenhaft die Rede war. Und von Rassismus. Und nicht von den allein 500 in Deutschland aktenkundigen Mafiosi.

Wieneke stand mit einer Augenbinde und einer über den Kopf gezogenen schwarzen Kapuze im Hotelzimmer und lehnte etwas linkisch an der Heizung. Sicher ein gutes Workshop-Foto. Obwohl er mit dem schwarzen Ding auf dem Kopf echt bescheuert aussah. Wie ein Guantánamo-Häftling. Aber was macht man nicht alles für eine gute Story. Die Geschichte mit der Kapuze würde ein super Editorial ergeben: Der Boss hatte zur Bedingung gemacht, dass Wieneke auf keinen Fall sehen durfte, an welchem Ort er sich versteckte. Giovanni hatte garantieren müssen, dass Wieneke während der ganzen Fahrt von Palermo in das Versteck die Kapuze auf dem Kopf behalten würde.

 

Aber das wirklich Idiotische an dem Wie-ich-einmal-einen-Boss-interviewte-Märchen ist zu sehen, wie die Medien (so der Spiegel, die ZEIT, die NY Times, die Bild, die FAZ) der falschen Fährte auf den Leim gehen: dass Guzmán Opfer seiner Eitelkeit geworden sei und dieses Treffen von El Chapo mit Sean Penn die Ermittler auf die Spur von the world’s most wanted drug lord gebracht habe. Das zu glauben, ist wirklich tragisch. Denn wenn Guzmán verhaftet wurde, dann wird es daran gelegen haben, dass diese Show jetzt politisch opportun war, für Mexiko und für die USA. Nichts anders verbirgt sich dahinter.

Das Märchen von Guzmáns Festnahme erinnerte mich an die für die Medien inszenierte Festnahme von Bernardo Provenzano, der am Ende seiner 40 Jahre währenden Flucht am 11. April 2006 in Corleone festgenommen wurde, knapp zwei Kilometer Luftlinie von der Wohnung seiner Familie entfernt, in einer Hütte. Mit zehntausend Euro in der Unterhose, umgeben von Heiligenbildchen, Faxen mit Wahlpropaganda des damaligen sizilianischen Regionalpräsidenten und später wegen Mafiaverbindungen inhaftierten Salvatore Cuffaro und einer Schublade voller Zettelchen: Botschaften für seine Ehefrau und seine Söhne, für Mafiosi, Politiker und Unternehmer, geschrieben auf einer mechanischen Olivetti Lettera 32. Und fünf Bibeln mit Lesezeichen und Unterstreichungen.

Die Ermittler seien der Spur der Wäsche gefolgt. Man hat allen Ernstes behauptet, dass der seit vierzig Jahren untergetauchte Boss nur deshalb gefasst worden sei, weil ihm seine Frau ein paar saubere Unterhosen zukommen ließ. Die Festnahme war Provenzanos letzter Sieg. Die Spuren waren noch nicht gesichert, da stand schon eine RAI-Moderatorin in Provenzanos Versteck. Bald glaubte die ganze Welt, dass der Boss der Bosse, der Gottvater, der Leibhaftige, dass die Mafia nichts anderes war als ein unsicher lächelnder alter Mann, der neben seinem Bett ein zweites Gebiss aufbewahrte, ein Greis, der in einem sizilianischen Dialekt voller Rechtschreibfehler kommunizierte und nichts als Honig und Zichorien zu sich nahm. Die Mafia gab es nicht mehr. Und auch keine Politiker, Geheimagenten, Minister, Staatspräsidenten, die dabei behilflich waren, ihn während seiner „Flucht“ zu schützen.

„Ich glaube nicht an die Version der Regierung zur Verhaftung von El Chapo“, sagte die mexikanische Journalistin und Kennerin des mexikanischen Drogenkartells Anabel Hernandez: „Ich glaube auch nicht daran, dass er festgenommen wurde, weil er einen Film über sein Leben plante. Es war nur eine Show für Fernsehen und die internationale Presse.“ Schon die Version über die letzte Verhaftung des Bosses im Jahr 2014 sei falsch gewesen. Die mexikanische Regierung habe überhaupt kein Interesse, wirklich gegen die Drogenkartelle vorzugehen. Das beweise schon die Tatsache, dass ihm weder seine Konten gesperrt, noch seine Güter beschlagnahmt worden seien. Das Gefängnis sei für Guzmán etwas wie ein 5-Sterne-Hotel.

Wolfgang W. Wieneke fand das Treffen mit dem Boss total aufregend. Sein Chefredakteur übrigens auch.

Es waren einmal ein Goody und ein baady.

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Ja, Sie haben den Presseclub zu Recht schon lange vermisst, aber Sie wissen ja, wie das so ist. Feiertage, Familie und dann war da auch noch DAS BUCH.

Renzi, remember? Wird ja heute nicht mehr so viel bejubelt, in der deutschen Presse. Auch weil man nicht genau weiß, wie man mit ihm umgehen soll, wenn er plötzlich gegen La Merkel herumstänkert. Nach dem Motto: Wie jetzt? Wir hatten doch immer geschrieben, dass er der goody ist. Und der baady war doch B. Und der ist jetzt weg. Also bleibt uns nur noch, den goody zu bejubeln. Aber wie sollen wir ihn bejubeln, wenn er sich mit La Merkel anlegt?

Man ist verwirrt, in der deutschen Renzi-Fankurve, beim Spiegel und der Süddeutschen und bei der FAZ auch, von der Welt ganz zu schweigen, die in Renzis Italien noch kurzem Europas Erfolgsmodell gesehen hat. Einzig die Korrespondentin der Frankfurter Rundschau versuchte die Sache etwas differenzierter zu sehen und informierte die deutschen Leser darüber, dass Renzis Frontalangriff vor allem innenpolitische Hintergründe hat, ist er doch nach dem Skandal um die Etruria-Bank erheblich unter Druck geraten:

Und innenpolitisch ist Renzi gerade in Bedrängnis. Seine Regierung hat just vier Regionalbanken vor der Pleite gerettet. Dabei wurde hingenommen, dass 130.000 Kleinanleger – denen offenbar keiner was von möglichen Risiken sagten – ihre Ersparnisse verlieren, Der Zorn in der Bevölkerung ist groß – und größer, nachdem bekannt wurde, dass der Vater von Renzis Reformministerin Maria Elena Boschi Vizedirektor einer dieser Banken war. Boschi, zentrale Figur in Renzis Kabinett, überstand am Freitag ein Misstrauensvotum, weil die Opposition gespalten war.

Bei der par ordre du mufti (vulgo Renzi) verordneten Bankenrettung (ach, wie klug ist doch die automatische Korrektur! Sie wollte daraus Bandenrettung machen) blieben jedoch die Kleinanleger auf der Strecke, denen man ohne ihr Wissen hochriskante Produkte angedreht hatte. Etwa in Chiusi della Verna, unweit des toskanischen Arezzo, wo die Hälfte des Dorfes ihre Ersparnisse verloren hat, die sie in der Banca Etruria angelegt hatten. Vizepräsident der Banca Etruria war, rein, rein, zufällig der Vater der von der (SZ hochgelobten) „Reformministerin“ Elena Boschi. Sie selbst ist Aktionärin und ihr Bruder ist der Bank angestellt. Dank Renzis schnell durchgedrücktem Gesetzesdekret wurden nicht nur die Banken gerettet, sondern vor allem einige Spekulanten sehr, sehr reich gemacht, die Anteile an der Bank kauften, kurz bevor das Gesetzesdekret durchgedrückt wurde.

Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Insiderhandel. Und die 5-Sterne-Bewegung stellte einen Misstrauensantrag gegen die „Reformministerin“ Elena Boschi, die einen Interessenkonflikt groß wie das Empire-State-Building hat. Natürlich wurde der Misstrauensantrag abgelehnt. Dass der Staatsanwalt, der die Ermittlungen wegen Insiderhandel leitet, gleichzeitig einen Beratervertrag mit Renzi hat, ist natürlich nur ein kleines Detail am Rande.

(Hier für die des Italienisch mächtig sind: Marco Travaglios kurzweilige Zusammenfassung der Bandenaffäre Bankenaffäre unter dem schönen Titel „Das unvollkommene Verbrechen“)

Und weil sich die deutsche Renzi-Fankurve derzeit etwas in Bedrängnis befindet, war man glücklich darüber, dass die Financial Times vor zwei Tagen die 5-Sterne-Bewegung gelobt hat („Italy’s Five Star Movement wants to be taken seriously“), speziell Luigi di Maio, den 29jährigen Vizepräsidenten des italienischen Parlaments. Wenn sich ein derart seriöses Medium traut, dann trau‘ ich mich auch, dachte man sich bei der Süddeutschen und wagte es heute, Luigi Di Maio ein kleines Portrait zu widmen.

Meinung, 30.12.2015

Profil

Luigi Di Maio
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Bisher zeigte die italienische Fünf-Sterne-Bewegung das Gesicht eines zotteligen Wüterichs. Beppe Grillo, der Gründer dieser Anti-Establishment-Partei, ließ keine Gelegenheit für einen Tobsuchtsanfall aus. Nun ist der Meister müde und zieht sich aus der ersten Reihe zurück. Und auf einmal hat die Bewegung, die 2013 aus dem Stand als zweitstärkste Kraft ins Parlament einzog, ein glatt rasiertes Gesicht. Es gehört Luigi Di Maio, dem neuen Star der Fünf Sterne. „Verdammt, jetzt bist du der Anführer“, sagte Grillo unlängst zu ihm.

Die beiden Sternebewegten könnten unterschiedlicher kaum sein. Hier der 67 Jahre alte Ex-Komiker Grillo, der Fundamentalopposition predigt, Kritiker per Internet-Abstimmung aus der Bewegung werfen lässt und Kompromisse mit den Alt-Parteien für des Teufels hält. Dort der gelassene, dialogbereite Jurastudent Di Maio, der mit 29 Jahren stellvertretender Präsident der Abgeordnetenkammer ist und Kontakte zu den anderen Parteien pflegt.

Der Übergang drückt eine Wende der Bewegung aus. Die chaotische Gründerzeit geht zu Ende. Die Fünf Sterne werden pragmatischer. Manche liebäugeln mit der Regierungsverantwortung. „Wir sind bereit“, sagt Di Maio, dem es nie an Selbstbewusstsein fehlte. Schon am Gymnasium seines Heimatorts Pomigliano d’Arco bei Neapel zeigte der Sohn eines früheren neofaschistischen Politikers Führungskraft und setzte den Bau einer neuen Schule durch. An der Uni wurde er Studentensprecher. Seine Begeisterung für das Internet brachte ihn zur 2009 gegründeten Fünf-Sterne-Bewegung, die auf Basisdemokratie durch Online-Abstimmungen setzt.

Der Aufstieg des Formel-1-Fans Di Maio verlief rasch. 2009 wurde er zum jüngsten Abgeordneten der Republik gewählt. Dort errang der Neuling das Amt des Vizepräsidenten. Er verzichtete auf eine Dienstwohnung und zog mit Parteifreunden in eine WG. Auch das auto blu schlug er aus, die dunkle Dienstlimousine samt Blaulicht, die vielen Politikern in Rom als Machtsymbol dient. Seinen Anhängern sagte er: „Wenn ihr mich je in einem auto blu sehen solltet, dann lyncht mich.“

Im Parlament führt der Vizepräsident ein strenges Regiment. „Mister rote Karte“, wird er genannt. Wer sich danebenbenimmt, den wirft er raus. Oft trifft das Parteifreunde. In der Sache ist Di Maio jedoch konzilianter, als es vielen Fünf-Sterne-Anhängern recht ist. So will er die Euro-Zone lieber reformieren als aus ihr austreten. Dagegen teilt er die klassischen Fünf-Sterne-Forderungen wie ein Grundeinkommen für alle und viel mehr direkte Demokratie.

Hinter dem sozialdemokratischen Premier Matteo Renzi ist Di Maio der zweitbeliebteste Politiker Italiens. Manche sehen in ihm den kommenden Regierungschef. Er selbst dämpft die Erwartungen: „Viele Leute haben noch Angst vor uns. Natürlich werden wir die Dinge ändern, wenn wir gewinnen. Doch wir müssen den Menschen versichern, dass es keine gewaltsame Revolution geben wird.“

Ja, so verlaufen die Recherchewege. Über das 5-Sterne-Bashing der deutschen Korrespondenten habe ich mir schon die Finger wund geschrieben. Ob es was nützt? Sollte die Mauer der Renzi-Verehrung etwa bröckeln? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Serena Vitale lässt grüßen

Dienstag, 29. Dezember 2015

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Ich dachte, dass es eine gute Idee wäre, mich vor Jahresende noch mal mit Serena Vitale in Palermo zu treffen. Wollte etwas mit ihr plaudern. Mal so hören, was es Neues gibt. Auch um dieser Jahresendmilde zu entkommen, dieser Lichterketten-Harmoniesucht, dieser Pfefferkuchen-Friedfertigkeit. Glaskugeln, Räucherkerzen, Omm. Serena Vitale kann man vieles nachsagen, bloß keine Harmoniesucht. Um sie wohlzustimmen, habe ich ihr ein paar Heiligenfiguren mitgebracht. Aus Andalusien. Spanische Heiligenfiguren sind besser als neapolitanische, und die sind schon ziemlich gut.

Ich habe mich mit ihr im Justizpalast getroffen, schon als ich vor ihrem Büro stand, hörte ich, wie sie gerade wahnsinnig herumfluchte, die Schimpfwörter kann ich gar nicht alle wiedergeben, nicht jugendfrei. Auf jeden Fall ging es um den Putzdienst, der mal wieder eine ihrer Heiligenfiguren fallen gelassen hat. Wenn ich mich recht erinnere, war ein Stück vom Heiligenschein des Heiligen Sebastian abgebrochen, oder war es der Heilige Franziskus? Egal. Ich wollte eigentlich mit ihr in eine Bar gehen, aber La Vitale verdrehte nur die Augen, nicht nur wegen der Heiligenfiguren, sondern wegen der Arie mit den Leibwächtern, ist ja nicht besonders unauffällig, wenn man eine Bar mit vier bewaffneten Männern betritt. Ganz abgesehen davon, dass in Palermo mit der Pöbelei oft schon los geht, wenn irgendwo ein gepanzerter Wagen steht. Und dann sagte sie etwas, was so ähnlich klang wie dieser Satz von ihr, den ich mir mal aufgeschrieben hatte:

„Stattdessen bin ich eine, die von jedem vorbeifahrenden Vollidioten verflucht und vom Obersten Richterrat wie eine Erstklässlerin gemaßregelt werden kann. Eine, die gehasst wird, weil sie allen in die Suppe spuckt, den Erfolgs-Unternehmern in ihre gefälschten Ausschreibungen, den Erfolgs-Politikern in ihren Stimmenkauf. Und als Belohnung werde ich irgendwann zur Ehrenbürgerin irgendeines Dreitausend-Seelen-Kaffs benannt, falls ich nicht das Glück habe, vorher in die Luft gesprengt zu werden. Scheißdreck.“

Aber ich habe ihr natürlich nicht gesagt, dass ich diesen Satz veröffentlicht habe, denn dann hätte sie mich wieder zusammengeschissen, von wegen Vertrauensverhältnis und dass der Satz off-the-record gewesen sei und sie mir in Zukunft überhaupt nichts mehr erzählen würde. Wir haben dann in ihrem Büro einen Espresso aus dem Automaten getrunken, so einen im Plastikbecher, und sie hat etwas von einer Ermittlung angedeutet, die mit Deutschland zu tun hat, eine ganz spannende Sache, aber mehr kann ich dazu jetzt noch nicht sagen. Eben wegen off-the-record und Vertrauensverhältnis und so.

Auf jeden Fall haben wir uns am Ende umarmt und uns ein gutes, neues Jahr gewünscht. Ich meine, für ihre Verhältnisse war sie ganz nett zu mir.

Frohe Weihnachten – buon Natale

Freitag, 25. Dezember 2015

Frohe Weihnachten für Euch Tapferen da draußen, Ihr habt die Schulweihnachtsfeier Euer Kinder/Enkel überlebt, die sich widerstandslos als Weihnachtsmänner verkleiden ließen, Ihr habt die Büroweihnachtsfeier mit Anstand hinter Euch gebracht, sogar Weihnachtsmärkte furchtlos beschritten und das Weihnachtsglühweintrinken, die Weihnachtseinkäufe einschließlich der Vorweihnachtsdissonanzen (wegen des Weihnachtsessens) hingekriegt, dann werdet Ihr den letzten Rest auch noch schaffen! Love you all! Buon Natale!