Kategorie: Italien

Die große deutsche Wäscherei

Donnerstag, 11. Januar 2018

An diese Passage aus „Bei aller Liebe“ musste ich denken, und daran, dass man in Italien Il tempo è galantuomo sagt, die Zeit ist ein Gentleman, als ich auf der Liste der 186 Verhafteten der Mafia-Razzia „Stige“ den Namen eines „erfolgreichen italienischen Unternehmers“ las – ein alter Bekannter, über dessen erstaunliche Karriere, Fähigkeiten und Freundschaften ich bereits in Mafia und Von Kamen nach Corleone geschrieben habe. Seine wichtigste Freundschaft war natürlich die zum ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger – der aber, wie er zu versichern nicht müde wird, schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm hat.

Wie traurig, dass Jürgen Roth das nicht mehr erleben durfte, er hat sich diesem „erfolgreichen italienischen Unternehmer“ ebenfalls oft gewidmet. Ganze Journalistengenerationen haben sich an dem Oettingerfreund die Finger wundgeschrieben – während die Staatsanwälte erfolglos gegen ihn ermittelten: die Staatsanwaltschaft Stuttgart erfolglos wegen Geldwäsche und Drogenhandels, die kalabrischen Staatsanwälte erfolglos wegen Mafiazugehörigkeit – das Gericht hat ihn vom Vorwurf der Mafiazugehörigkeit freigesprochen, weshalb er daraufhin, wie das BKA vermerkte, in Stuttgart  wieder rauschende Feste feierte – und bald wieder, im Jahr 2008, seine besonderen Fähigkeiten unter Beweis stellte, als er, wie es italienische Staatsanwälte vermuteten, bei der großen Wahlfälschungskampagne italienischer Wählerstimmen im Raum Stuttgart und Frankfurt zu Einsatz kam: In Stuttgart sorgte der ‘Ndrangheta-Clan Arena zusammen mit dem Clan Farao bei der Europawahl 2008 dafür, dass die Stimmen der italienischen Gemeinschaft dem Senator Nicola Di Girolamo zugute kamen – der 2010 festgenommen und bald darauf als Angeklagter des Fastweb-Telecom-Geldwäscheskandals verurteilt wurde: eines der größten Betrugsskandale, der selbst die skandalgewöhnten Italiener überraschte. (Millionengewinne dank falscher Rechnungen über denVerkauf nicht existierender Telefonkarten und Telefonate). Damals fand ich sehr interessant, wie mir ein deutscher Staatsanwalt in Stuttgart erklärte, dass man gegen die Fälschungen italienischer Wählerstimmen in Deutschland leider, leider nichts tun könnte, dazu gäbe es gar keine Gesetze, das sei allein eine „italienische Angelegenheit“.

Letztendlich ist es immer ein „italienische Angelegenheit“, wenn die Mafia in Deutschland mal wieder entdeckt wird, und, wie es sich für das zupackende Deutschland gehört, natürlich auch gleich zerschlagen wird: Schlag gegen die Mafia oder Elf Festnahmen – Polizei zerschlägt Mafia-Clan oder Deutschland und Italien schlagen gegen die Mafia zurück –  das ZDF änderte sogar sein Programm  weil es den Weißkragen der Mafia an den besagten ging. Der einzige lesenswerte Kommentar war der in der TAZ:

Die Verhaftungen seien „ein wichtiger Erfolg gegen die Unterwanderung unserer Wirtschaft“, sagt nun Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). „Wir lassen es nicht zu, dass kriminelle Organisationen wie die Ndrangheta Deutschland als Rückzugs- und Investitionsraum nutzen und hier ihr kriminelles Geschäft erledigen.“ Dafür ist es natürlich zu spät. Die ‚Ndrangheta hat sich längst in Deutschlands Mitte eingekauft, besitzt insbesondere im Osten wahre Gastronomie-Imperien.

In Deutschland beschäftigen die Mafiosi inzwischen ganze Anwaltskanzleien, die jede kritische Berichterstattung sehr genau beobachten und gerichtlich zu verhindern versuchen – koste es, was es wolle, Geld haben sie ja nun wirklich genug

Kapital ist ein scheues Reh und im boomenden Deutschland ein so gern investierter wie gesehener Gast. Wer denkt, dass seien doch letztlich nur Milliarden-Peanuts und Panikmache, der könnte genau hinhören, wenn die Carabinieri den Begriff „radikal“ benutzen, was die Methoden, vor allem aber was die Zielsetzung der ‚Ndrangheta angeht.

Denn was da heute so eifrig bejubelt wurde,  ist de facto ein Armutszeugnis für Deutschland. Die deutschen Gesetze hätte nicht mal für einen Haftbefehl ausgereicht: Die Zugehörigkeit zur Mafia ist bis heute kein Strafbestand in Deutschland. Die Italiener hatten einen Antrag auf Rechtshilfe gestellt, daraus wurde dann ein europäischer Haftbefehl. Ohne die Italiener wäre kein einziger der in Deutschland lebenden Mafiosi festgenommen worden – was nicht der Fehler der deutschen Polizei oder der deutschen Ermittlungsbehörden ist, sondern allein der mangelnden deutschen Gesetze, die, remember, von den Politikern gemacht werden, die wir wählen.

Anyway. 186 Personen wurden verhaftet, 11 davon in Deutschland. Ihnen wird versuchter Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstoß gegen das Waffengesetz, internationaler Kfz-Verschiebung, illegalem Handel und illegale Verschiebung von Müll bis hin zu unlauterem Wettbewerb vorgeworfen. Sie übten ein Monopol auf ganze Wirtschaftszweige aus, darunter die Herstellung und der Verkauf von Lebensmitteln. Egal ob Fisch, Wein, Backwaren: Sie zwangen die italienischen Restaurants in Deutschland zur Abnahme ihrer Waren. Der gesamte Fischmarkt im Stuttgarter Raum – ein Monopol des Clans Farao. Und alle italienischen Restaurants unter der Kontrolle der Clans der ‘Ndrangheta.

Mich haben die Verhaftungen gestern an eine besorgte Frage erinnert, die mir bei jeder Lesung gestellt wird: Zahlen die italienischen Restaurants in Deutschland der Mafia etwa Schutzgeld?? Ich antworte dann immer etwas gebetsmühlenartig, dass die Mafiosi längst nicht mehr unelegant in ein Restaurant einfallen, Schutzgeld verlangen und am Ende das Restaurant anzünden (wie in den 80er Jahren geschehen, als selbst die Deutschen misstrauisch wurden). Stattdessen werden die italienischen Restaurantbesitzer seit langem gezwungen, die Waren gegen einen überhöhten Preis einem bestimmten Lieferanten abzunehmen. So wie in den Akten jetzt davon zu lesen war, wie jemandem plötzlich 50 Kisten Wein geliefert werden, die er nicht bestellt hat. Und dem Restaurantbesitzer, dem den Wein nicht annehmen möchte, ein Foto seiner in Italien lebenden Verwandten gezeigt wird. Der Witz an der Sache ist, dass ein deutscher Richter an dieser Stelle sagen würde: Ja, wo ist denn das Problem, wenn einfach nur ein Foto von Verwandten gezeigt wurde, ist das doch keine Drohung! 

Ein paar Zahlen gefällig?

  • 23 Milliarden Euro Umsatz macht die Mafia jährlich allein in der Agrar- und Lebensmittelindustrie (gefälschte Lebensmittel, gefälschtes “Made in Italy”)
  • 562 italienische Mafiosi leben nach Auskunft des BKA in Deutschland, 333 davon gehören zur ‘Ndrangheta.
  • Pro Jahr werden jährlich von der Mafia mindestens 100 Milliarden Euro in Deutschland gewaschen.
  • 150 Milliarden Euro setzt die Mafia jährlich um, davon sind 105 Milliarden Euro Reingewinn.
  • Die ‘Ndrangheta ist die reichste und damit auch gefährlichste italienische Mafiaorganisation: mit ihren geschätzten knapp 53 Milliarden Euro Jahresumsatz wäre sie Italiens viertgrößtes Unternehmen – nach den italienischen Energiekonzernen Eni und Enel und nach Exor, der Investmentgesellschaft der Firma Agnelli.

Zum Schluss noch ein paar Sätze aus den Ermittlungsakten:

„… der Kaffee, das ist für uns so viel Wert wie das weiße Zeug“ (Will heißen, dass man dank der Erpressung der italienischen Lokale in Deutschland allein mit dem Kaffee so viel wie mit Kokain verdient)

“ … an dem Abend, als sie uns angehalten haben, und wir neunzig Euro Strafe zahlen mussten, hat Gott sei Dank die Computerverbindung nicht funktioniert, sonst wären wir echt am Arsch gewesen, ich meine, Vittorio war dabei, die hätten uns sofort mitgenommen.“ (als die Mafiosi in Deutschland von einer Streife kontrolliert wurden)

„Melsungen muss so rein wie eine Kirche bleiben! Weißt du überhaupt, was Kirche bedeutet? Melsungen muss so sauber wie eine Kirche bleiben, weil unsere Freunde kommen und gehen, und sie dürfen uns nicht mit ihrem Scheiß auf den Sack gehen, hast du das kapiert, du Vollidiot?“

„Waschen, waschen, hier geht es nur um die große Wäsche, und es gibt hier nur diese Wäscherei in Deutschland!“

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Paviane auf freier Wildbahn.

Montag, 08. Januar 2018

Mafia in Deutschland. Irgendwie niedlich, wie sie immer wieder neu entdeckt wird. Zuletzt im Tatort. Mir taten die Schauspieler leid, die hart an Sätzen wie „Mafia, das bedeutet, Macht zu haben, Adrenalin!“ kauen mussten (der grandiose Manfred Krug sagte: „Was ist das denn für ein Scheiß-Satz? Der raschelt ja im Mund.“). Brav wurde alles öffentlich-rechtlich abgearbeitet, der Giftmüll, die abtrünnigen Mafiosi, das Zeugenschutzprogramm. So wirkungsvoll wie dieser Tatort über die Mafia in Deutschland schläfern mich normalerweise nur Tierfilme ein, Paviane auf freier Wildbahn oder die Vermehrungsrituale von Schnappschildkröten.

Interessant fand ich auch, aus der „Nachbearbeitung“ des Tatorts zu erfahren, dass die Mafia in Deutschland glücklicherweise bereits der Vergangenheit gehört: „Die Lage war ziemlich mies. Heute ist Mafia-Angehörigkeit strafbar, und ihr Geld kann beschlagnahmt werden.“ Holla. Hat einige Staatsanwälte und Polizisten doch ziemlich erstaunt.

Dass sich hinter den vermeintlich „neuen Gesetzen“ reine Wahlkampfpropaganda verbirgt, hatte ich schon zur Zeit des 10. Jahrestages von Duisburg angemerkt. In der sogenannten Neuregelung kommt das Wort „Mafia-Zugehörigkeit“ gar nicht vor, die alleinige Zugehörigkeit zur Mafia, so wie sie im italienischen Paragrafen 416 bis definiert wird, ist in Deutschland nach wie vor kein Strafbestand. Und was die Beschlagnahmungen der Gelder betrifft: Insofern ein letztinstanzliches Urteil vorlag, konnten die Gelder von Mafiosi immer schon beschlagnahmt werden. Problem ist nur, dass die in Deutschland aktiven Mafiosi in Deutschland keine Vorstrafen haben. Erst recht nicht wegen Zugehörigkeit zur Mafia (weil: siehe oben). Und was die Verdachtsmeldungen wegen Geldwäsche betrifft: Dafür ist jetzt der Zoll zuständig. Und da wurde das Personal nicht nur halbiert, sondern hat auch keinen Zugriff auf polizeiliche Datenbestände. Wie der Bund deutscher Kriminalbeamter sagte: „Der Bundesfinanzminister hat uns einen Bärendienst erwiesen.“

Was ich mir für Deutschland wünsche, ist, dass die Mafia in Deutschland endlich mal aus der Polizeireporter-Kiste herausgezogen und ernsthaft diskutiert würde, wie es gesellschaftlich und politisch dazu kommen konnte, dass die Präsenz der Mafia in Deutschland nicht nur gesetzlich geduldet, sondern praktisch auch gefördert wird. Man muss kein „Mafiaspezialist“ sein, um das zu diskutieren. Aber es käme wahrscheinlich einer Zeitenwende gleich.

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Das Bakterium des Neoliberalismus

Donnerstag, 04. Januar 2018

Olivenbäume des Salento

Die elf Millionen Olivenbäume des Salento sind ein Kulturgut. Sie sind oft Jahrtausende alt und haben Kriege und Feuersbrünste überlebt. Sie unterstehen nicht nur dem Forstschutzamt sondern stehen auch unter Denkmalschutz, gemäß Artikel 9 der italienischen Verfassung: „Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Natur sowie die Landschaft genießen den Schutz und die Pflege des Staates.“

Stirbt ein Olivenbaum, muss an seiner Stelle ein neuer gepflanzt werden. Außer wenn …

plötzlich eine geheimnisvolle Krankheit die jahrhundertealten Olivenbäume befällt.

Und die Europäische Gemeinschaft das Fällen der Olivenbäume befiehlt.

Wie es dazu kommen konnte? In diesem Blog habe ich bereits verschiedene Male über den Krieg gegen die Olivenbäume geschrieben, zuletzt hier.

Zur Erinnerung noch mal eine Zusammenfassung der Fakten: Scheinbar über Nacht, im Herbst 2013, sah es an manchen Olivenhainen im Salento aus, als sei das Entlaubungsmittel Agent Orange eingesetzt worden: Äste waren verdorrt, Laubkronen wurden geköpft, und an einigen Orten sah es aus, als sei eine Feuerwalze über den Olivenhainen niedergegangen. Journalisten aus der ganzen Welt pilgerten in den Salento: von „Kahlschlag im Paradies“ war die Rede, vom „Sterben der Olivenhaine“ infolge einer rätselhaften Seuche: „Xylella, die Schreckliche“, (mehr …)

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Jahresende

Samstag, 30. Dezember 2017

Wie man sich irren kann. Ich hätte geschworen, dass es ein schöner Brauch meines traditionsreichen (Januar 2018: zehn Jahre Blogjubiläum!!) Blogs wäre, spätestens am 31. Dezember das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Indes: Niente. Habe ich nie gemacht. Stattdessen habe ich oft sogar noch mal rumgestänkert, wie es meine Art ist, etwa über postfaktisches Narrativ-Gelaber oder über Renzi (kann man eigentlich gar nicht oft genug machen). Okay, vor ein paar Jahren hatte ich schon mal einen kleinen Anfall von Jahresrückblickskonzilianz, aber unterm Strich: kaum ein Blick zurück. Das muss anders werden!

Die Highlights des Jahres habe ich natürlich vor allem den Lesern von „Bei aller Liebe“ zu verdanken, die sich nicht mal von Herbststürmen davon abhalten ließen, um zu einer meiner Lesungen zu kommen, grazie mille an alle Münsteraner, Hamburger, Marburger, Kasseler, Kölner, Bensheimer, Hammer, Bad Münderer, Kamener und Lübbenauer!

 (Das Video musste ich noch mal posten, weil ich so stolz darauf bin, es überhaupt hingekriegt zu haben … und auch, um Sie, liebe Leser dieses Blogs, darauf aufmerksam zu machen, dass ich seit September über einen Youtubekanal verfüge, auf dem bald mehr zu sehen sein soll, versprochen).

Im März geht es übrigens weiter mit den Lesungen aus „Bei aller Liebe“, Näheres hier.

*

Außer meinem neuen Roman hat mich natürlich auch die Sache mit dem Freitag sehr beschäftigt, schon alleine vom Zeitaufwand her. Allerdings muss ich auch hier sagen: Non tutto il male viene per nuocere:  Nichts ist so schlecht, als dass es nicht auch für irgendetwas gut wäre. Nie hätte ich nie erwartet, dass sich so viele Menschen an meinem Crowdfunding beteiligen würden, darunter nicht nur zahlreiche Journalistenkollegen, (musste mir den Mund mit Seife auswaschen, wegen all des Schlechten, das ich jemals über den Journalismus gedacht und auch gesagt habe!),  darunter waren auch einige Kollegen aus alten STERN-Zeiten, was mich sehr nostalgisch gestimmt hat, weil ich nur ganz kurz und vor langer Zeit beim STERN war, eine Sternschnuppe gewissermaßen – und dann auch noch: Studienfreunde! Schriftstellerkollegen! Studenten! Und viele, viele, mir völlig unbekannte Menschen, die mich einfach unterstützen wollten (meine schlesische Mutter würde sagen: Fremde – für sie jeder, mit dem sie nicht blutsverwandt ist. Als ich ihr erzählte, dass „wildfremde“ Menschen mich nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützt haben, spürte ich, wie ihr Weltbild etwas ins Wanken geriet). Nichts hat mich so bewegt wie diese Solidarität: Ich hätte niemals damit gerechnet, so viel Zuspruch aus Deutschland zu erfahren.

Dass so viele Menschen mich und mein Anliegen unterstützt haben, hat meinen Glauben an die Menschheit im Allgemeinen, an Deutschland und den Journalismus im Besonderen wieder aufgerichtet.

*

Ja, ja schwerer Anfall von Jahresendmilde. Sie müssen sich aber um mich keine Sorgen machen. Ist bald wieder vorbei. Bleiben Sie mir und meinem Blog auch im neuen Jahr gewogen!

 

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„Bei aller Liebe“ auf der Crime Cologne

Freitag, 29. Dezember 2017

Wer mag und Zeit hat, kann hier auf „Cosmo liest“ meine von Ulrich Noller sehr kurzweilig auf der Crime Cologne moderierte Lesung nachhören. Grazie mille an ihn und an WDR Cosmo!

Und wer „Bei aller Liebe“ tatsächlich noch nicht gelesen haben sollte (gibt es das??), dem empfehle ich, das schnellstens nachzuholen, denn sonst wird das nichts, mit dem Glück im neuen Jahr! Silvester ohne Serena Vitale ist wie Kirmes ohne Zuckerwatte … ok, ok, Gorilla-Marketing. Aber spricht etwas dagegen?

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In memoriam Girolamo Marcello del Majno 1932-2017

Montag, 18. Dezember 2017

Noch heute meinte ich, ihn von Ferne gesehen zu haben, in der Calle della Mandola, in dieser leicht gebeugten Haltung auf seinen Stock gestützt. Im Sommer mit Panamahut, im Winter mit dieser kuriosen Prinz-Heinrich-Mütze. Und im Lodenmantel. Er gehörte vom ersten Tag an zu meinem Venedig. Wenn er mich sah, sagte er „Ciao Petra“ und ich antwortete „Buongiorno, come sta?“, weil ich es einfach nicht hinkriegte, ihn zu duzen. Nicht nur wegen der zwölfhundert Jahre venezianischer Geschichte, die er mitsamt Dogen, Entdeckern und Seeadmirälen verkörperte, sondern wegen der natürlichen Eleganz, die ihm zu eigen war. Venezianische Patrizier grenzen sich von den anderen italienischen Adeligen ab, indem sie ihrem Namen ein diskretes N.H. oder N.D. voranstellen: Nobil Homo oder Nobil Donna. Schließlich gab es Zeiten in Italien, da wurde jeder Versicherungsdirektor in den Adelsstand erhoben.

Girolamo Marcello del Majno war ein Aristokrat im besten Sinne – einer, der nicht mit dem Strom schwamm und der das Verhökern Venedigs ebenso verachtete wie ein Gesellschaftsleben mit Venezianerinnen, die beim Anblick des Savoyerprinzen in den Hofknicks verfielen, nur weil er den Titel „Prinz von Venedig“ trägt. Eine Idiotie ohnegleichen, wie der Conte fand, die vor allem bedeute, dass der König keine Ahnung von der italienischen Geschichte gehabt habe. Wie gut, dachte ich heute, dass der Conte Marcello nicht mehr erleben musste, wie die Knochen dieses in Italien äußerst unbeliebten, wenn nicht sogar verhassten Savoyerkönigs Vittorio Emanuele III. Vor wenigen Tagen erst auf Staatskosten nach Italien gebracht worden sind.

Kennengelernt habe ich den Conte Marcello, weil er einer von den wenigen Venezianern war, die gegen die endlosen Gondelserenaden aufbegehrt haben. „Der Venezianer“, sagte er, „hat nie in der Gondel gesungen. Er hat Handel getrieben, er hat intrigiert, er hat ganze Landstriche geplündert, aber gesungen hat er nie.“ Ich gestand ihm, einen Eimer Wasser auf eine Gondelserenade gekippt zu haben. „Einen Eimer?“, rief er, „ich habe auf unserer Terrasse hunderte stehen.“

Der Conte Marcello war nicht nur ein Freund von Josef Brodsky, sondern auch von meinem Gemüsehändler und von der deutschen Gondoliera, der er, nachdem die Gondolieri ihr die Zulassung versagt hatten, die Gondel seiner Familie zur Verfügung gestellt hat, im Rio Verona, unter seinem Palazzo.

Wie oft habe ich ihn befragt, wenn ich über Venedig schrieb – er antwortete vor der Commedia dell’Arte seiner freskengeschmückten Wand sitzend, ein Zigarillo rauchend, bärtig, füllig und mit tiefen Tränensäcken: Der Conte war ein Monument einer aussterbenden Rasse. „Venedig ist ein alter, vermodernder Baum, auf dem Schmarotzerpflanzen so lange gedeihen, bis sie ihn aufgefressen haben“ – ist einer seiner Sätze, an den ich denken musste, als er heute vor einer Woche zu Grabe getragen wurde, nach einer Trauerfeier in der Kirche von San Moisè, umgeben von seiner Familie und den letzten Nachfahren des venezianischen Hochadels.

Der Priester sagte, dass der Conte Marcello ein Venezianer DOC gewesen sei, was angesichts der über tausendjährigen Geschichte der Familie Marcello klang, als würde man einen tausendjährigen Olivenbaum mit einem industriell gezüchtetem Olivenbusch gleichsetzen, nur weil sie auf dem gleichen Boden wachsen. Ein Mitglied der Scuola Grande di San Giovanni Evangelista rühmte den Einsatz des Conte Marcello für die Aufarbeitung der Geschichte der Bruderschaft, ansonsten hielt leider niemand eine Rede. Eine Taube hatte sich in die Kirche verirrt, zu der alle hoffnungsfroh aufblickten, als der Priester wieder schier endlos die Apokalypse Jerusalems strapazierte, was unfreiwillig komisch war, weil alle an den amerikanischen Problempräsidenten denken mussten, der erst am Vortag Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte.

Der Conte hätte darüber bestimmt gelacht.

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Weihnachten

Samstag, 16. Dezember 2017

… und die „erfrischend pampige Staatsanwältin Serena Vitale“: Grazie a Denis Scheck, der mir ein Weihnachtsgeschenk gemacht hat!

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Endlich

Montag, 04. Dezember 2017

… durfte ich mich outen: Ich bin eine kleine, radikale Minderheit. Danke an @christine_gorny von @radiobremen. Hier unser Gespräch über Mafia, Literatur, Familie, Polen, Ruhrgebiet und Venedig zum Nachhören.

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Neue Folge der italienischen Freakshow

Montag, 27. November 2017

Italien konnte es kaum erwarten: Nachdem die berühmten siamesischen Zwillinge, auch bekannt als „Renzusconi“, auf Jahrmärkten tingelten, bekamen sie endlich wieder eigene Realityshows. Gestern Abend trat Berlusconi in der Talkshow „Che tempo che fa“ auf, während sein getrennter Zwilling Renzi in Florenz in einem stillgelegten Bahnhof eine Kundgebung abhielt.

Das siamesische Zwillingspaar wurde vor einiger Zeit dank einer aufsehenerregenden medizinischen Operation getrennt (chirurgische Meisterleistung angesichts der Zweigesichtigkeit mit einem einzigen Kopf, Rumpf und Satz von Extremitäten: gleichzeitiges Fressen und Atmen durch die beiden vorhandenen Mundöffnungen). Den Chirurgen gelang in einer mehrstündigen Operation, aus einem Zellhaufen zwei äußerlich unterschiedliche, genetisch aber identische Wesen zu erschaffen, die stets so agieren, als seien sich noch über ihre Blutbahnen verbunden und dabei gleichzeitig das Kunststück fertigbringen, so zu tun, als würden sie sich bekämpfen. Eine Nummer, mit der sie auf italienischen Jahrmärkten bereits großen Erfolg hatten, und das, obwohl beide von der Operation erhebliche Behinderungen davontrugen  (Sprach- und Gedächtnisstörungen).

Die Nummer geht so: Beide prügeln auf einen Sandsack ein, schreien „Aaargh, Cinquestelle! Populisti!“ und spucken Schaum, bis sie nicht mehr weiterwissen, weshalb ihnen die Souffleuse die passenden Worte zuflüstert, also bei B. das Wort „comunisss …“, und bei Renzi „Berluss …“, worauf Renzi schreit: „Ich werde Berlusconi zum Duell herausfordern!“

Die Sprach- und Gedächtnisstörungen hatten zur Folge, dass B. sich nicht mehr an seine Mafiaverflechtungen, Richterbestechungen, Bilanzfälschungen, Offshore-Gesellschaften, Geheimlogen und 40 Ad-personam-Gesetze erinnert, auch nicht an die soeben gegen ihn aufgenommenen Ermittlungen als mutmaßlicher Auftraggeber zu den Attentaten an Falcone und Borsellino. Und vor allem auch nicht daran, Zeitungen, Verlage und Fernsehsender zu besitzen, was aber nicht weiter auffällt, weil nicht nur seine Zeitungen, Verlage und Fernsehsender sondern auch die seines siamesischen Zwillings Renzi dafür sorgen, dass sich niemand mehr daran erinnert, was vorgestern passiert ist. Und für alle Fälle werden Pillen ins Grundwasser gemischt.

Aber ein paar erweisen sich bis heute resistent. Wahrscheinlich genmanipuliert.

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Mit dem Rücken zum Meer

Sonntag, 26. November 2017

Andreas Rossmann: „Mit dem Rücken zum Meer“

Wie eigentümlich doch, dass ausgerechnet die Deutschen zu den größten Liebhabern Siziliens gehören. Der FAZ-Journalist Andreas Rossmann gehört dazu.

Mit diesem Satz habe ich den Text über Andreas Rossmanns Buch „Mit dem Rücken zum Meer“ vor ein paar Wochen angefangen. Man muss seine eigenen Sätze nur etwas liegen lassen, schon merkt man, was man sich da für einen Quatsch zusammenfaselt. Denn warum zum Teufel sollte diese Liebe eigentümlich sein und nicht viel mehr naheliegend?

Und damit meine ich nicht die gerade Linie, die über den Stauferkönig Friedrich II. und Goethe direkt zu Andreas Rossmann führt (die auch). Also das mit dem „Ewigen Sommer“ und dem „Endlich den atlantischen Tiefausläufern entkommen“. Nicht umsonst stellte Goethe fest: „Vom Klima kann man gar nicht Gutes genug sagen.“ Aber er schrieb auch: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier erst ist der Schlüssel zu allem.“

Andreas Rossmann hat das mit der Seele in seinem sizilianischen Tagebuch wörtlich genommen. Er ist ihr auf den Leib gerückt: dem marokkanischen Koch, der in Santa Flavia sizilianisch kocht, dem Müllsammler am Strand von Porticello, Leonardo Sciascias Großneffen, die in Racalmuto, dem Geburtsort des Schriftstellers leben, in dem der Tag der Eule gerade fortgeschrieben wird, weil die Stadtverwaltung wegen Mafia-Infiltration unter Zwangsverwaltung steht. Die Fotografin Letizia Battaglia erinnert am Tag der Wahl des Sizilianers Sergio Mattarella zum Staatspräsidenten an den Moment, als sie fotografiert hat, wie sein Bruder Piersanti Mattarella nach dem Mafia-Attentat aus dem Auto gehoben wurde – und kurz darauf starb. Und die Pensionswirtin in Syrakus preist ihren Schwiegervater, weil sie mit seinen Geburtsdaten nach seinem Tod zweihunderttausend Euro im Lotto gewonnen hat.

Es sind kleine sizilianische Skizzen, mit denen Andreas Rossmann zusammen mit den Fotos von Barbara Klemm die sizilianische Seele näher bringt – eine Seele, die im Übrigen, (mehr …)

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