Kategorie: Italien

Nino Di Matteo

Donnerstag, 16. April 2015

 

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 Das Stahltor blockiert. Und das genau in dem Augenblick, als die gepanzerte Wagenkolonne mit dem am meisten gefährdeten Mann Italiens einfahren will: Palermos Staatsanwalt Nino Di Matteo. Alle halten den Atem an.

 

Wer mehr erfahren will: Mein Portrait über den sizilianischen Antimafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo ist jetzt in Focus (16/15) erschienen. Nachzulesen jetzt hier.

Italien im Sonderangebot.

Sonntag, 05. April 2015

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Wer mag, kann jetzt meine GEO-Reportage über den Zustand der italienischen Kulturgüter nachlesen. Fotograf Stefano De Luigi und ich in Arkadien – eine Grand Tour der anderen Art. Durch ein Land, das verbittert ist und wütend, weil es spürt, wie sein Kulturerbe aufgefressen wird von einem Gestrüpp aus Vernachlässigung, Mafia und zynischen Geschäftsinteressen. Venedig, Pisa, Mantua, Rom, Tivoli, Salento und Selinunt auf Sizilien. Jetzt am Kiosk!

Frohe Ostern, buona Pasqua!

Sonntag, 05. April 2015

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Italien wie es singt und lacht

Mittwoch, 11. März 2015

Berlusconi freigesprochen. Klar. Alles andere hätte mich gewundert. Also kein Amtsmissbrauch (auch weil ein neues Gesetz den Strafbestand praktisch abgeschafft hat), keine Prostitution Minderjähriger. Im Radio wird Ruby Tuesday gespielt und Shame, Shame, Shame. Was ungefähr so lustig ist wie das DDR-Berufskabarett in der Ära Honecker. Nach dem Motto: Lacht ruhig, Hauptsache, Ihr haltet auch weiter still.

Kurzer Nachtrag: Von Berlusconi lernen, heißt siegen lernen, das sagt man sich auch in Deutschland. Etwa, wenn man an das Edathy-Urteil denkt und daran, wie sich da die Kaste aus Ministern, Staatssekretären und BKA-Präsidenten das Kinn hochhielt. Oder Schröder und Gazprom und sein Freund, der lupenreine Demokrat. Doch, doch, Ehre, wem Ehre gebührt: Berlusconi hat in Europa Schule gemacht.

Letizias Appell

Dienstag, 10. März 2015

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Letizia Battaglia, die nicht nur eine weltberühmte Fotografin, sondern auch die Mutter meiner Freundin und Fotografin Shobha ist, hat einen Appell an den neuen italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella geschrieben – um zu erreichen, dass der von der Mafia zum Tode verurteilte Nino Di Matteo nach Rom an die Nationale Antimafia-Behörde versetzt wird.

“Lieber Präsident, Ihre Glückwünsche waren das kostbarste Geschenk, das ich zu meinem 80. Geburtstag erhalten habe, wofür ich Ihnen unendlich danken möchte. Heute aber schreibe ich Ihnen aus einem wichtigen Grund, der den Staatsanwalt Nino Di Matteo betrifft. Nächsten Mittwoch wird im Obersten Richterrat über die Ernennung drei weiterer Berater der Nationalen Antimafia-Behörde entschieden – nachdem Di Matteos Antrag vorerst abgelehnt worden ist. Ich wende mich an Sie, verehrter Präsident, weil Sie selbst Leid erlebt haben, nachdem Sie Ihren Bruder auf tragische Weise im Kugelhagel der Mafia verloren haben. Jener Moment in der Via della Libertà hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingeprägt. Durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals wurde ich zusammen mit meinem damaligen Lebensgefährtin zur Zeugin dieses Dramas. Ich wende mich an Sie als einen Menschen, der selbst unaussprechlichen Schmerz erlebt hat, ich appelliere ich an Sie, damit sich so ein Leid nicht wiederholt.

Als Präsident des Obersten Richterrats sind Sie mehr als berechtigt, die Entscheidungen über neue Ernennungen an der Nationalen Antimafia-Behörde zu überwachen. Ich appelliere an Sie persönlich, auf dass die Ablehnung der Kandidatur von Nino di Matteo revidiert werden möge. Es handelt sich dabei um ein starkes Zeichen des Staates, um das Leben dieses von Totò Riina zum Tode verurteilten Staatsanwalts zu retten. Wie Sie selbst besser als ich wissen, ist Sizilien ein Ort, der von Zeichen lebt – weshalb es um so wichtiger ist, Staatsanwalt Di Matteo nicht  zu isolieren. Ich bitte Sie, Herr Präsident, schenken Sie  Ihre Aufmerksamkeit diesem Appell, hinter dem sich die Ängste und Sorgen der anständigen Menschen dieses Landes verbergen. Eine Geste, ein Wort von Ihnen könnte den Lauf der Geschichte ändern. Ich habe zu viele Mordopfer, zu viele Blutbäder, zu viele Beerdigungen gesehen. Ich will nicht daran denken, dass in diesem Land das Gleiche wiederholen könnte, weil das bedeuten würde, dass wir verloren haben – und dass wir Komplizen gewesen sind. Ich will keine toten Helden mehr, ich will, dass Nino Di Matteo seine Arbeit lebend fortsetzen kann und er sehen kann, wie dieses gemarterte Land wieder geboren wird. Ich vertraue auf Sie, Herr Präsident, mit tiefem Respekt, und, wenn Sie mir erlauben, mit meiner ganzen Liebe für Ihr revolutionäres Handeln.

Letizia Battaglia.

Der Pakt

Montag, 09. März 2015

Endlich* kann man den Film “La Trattativa” von Sabina Guzzanti auf you tube sehen, was ich unbedingt allen ans Herz legen möchte, die sich für Italien interessieren. Die “Trattativa” bezeichnet den Pakt zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, der 1992 zur Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und zu einer Attentatswelle im Jahr 1993 führte, an deren Ende der politische Aufstieg von Berlusconi stand, der 1994 die Wahlen gewann. Es ist ein Pakt, der bis heute andauert.

Der Film ist eine Collage aus gespielten Szenen – so grotesk und gruselig wie die italienische Wirklichkeit der letzten 25 Jahre, außerdem sind Interviews mit Staatsanwälten, angeklagten Ministern und abtrünnigen Mafiosi zu sehen, sowie jede Menge dokumentarisches Material, wobei die Szenen von der Beerdigung von Falcone und Borsellino sicher zu den eindringlichsten gehören. Alles, was in dem Film vorkommt, ist – leider – wahr. Belegt mit Bergen von Prozessakten und Ermittlungsunterlagen. (Hier spreche ich im Deutschlandradio über den Film)

Sabina Guzzanti, die einigen vielleicht als Autorin des Dokumentarfilms Draquila über das Erdbeben in L’Aquila in Erinnerung ist, zeigt in ihrem Film „La Trattativa“ wie sich Mafiabosse, Minister, Staatspräsidenten, hohe Beamte, Geheimdienstler und Freimaurer wie langjährige, vertraute Geschäftspartner besprechen, um wieder an den Punkt der friedlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit zurückzukehren, an dem sie sich befunden haben, als Ende der 1980er Jahre alles aus dem Gefüge geriet: Die Mauer fiel, die etablierten Parteien gingen in Folge des Korruptionsskandals unter, die Urteile des Maxiprozesses wurden nicht wie gewohnt „zurechtgerückt“, sondern in letzter Instanz bestätigt.

Nach der Premiere in Venedig wurde die Regisseurin Sabina Guzzanti sofort gegeißelt – für den Film und für ihre Aussage, dass auch Matteo Renzi eine der „Früchte“ dieser Verhandlungen zwischen Staat und Mafia sei: Politiker von Forza Italia bis PD tobten. Was aber nichts daran ändert, dass es, gelinde gesagt, etwas bizarr anmutet, wenn Renzi es für opportun hält, mit niemand anderem als mit dem vorbestraften Gewohnheitsverbrecher Silvio Berlusconi an einen Tisch zu setzen, um einen weiteren Pakt zu schließen, den Pakt des Nazareno (so genannt, weil die Unterredung über die Zusammenarbeit zwischen Renzi und B. in der Parteizentrale der PD stattfand).

Die Trattativa, die Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, sind mehr als ein Film: Sie sind Vergangenheit, Gegenwart und – falls nicht endlich etwas passiert – auch die Zukunft Italiens. Besonders gut gefiel mir, wie Sabina Guzzanti am Ende des Films feststellt, was diese Verhandlungen zwischen Staat und Mafia für jeden einzelnen Italiener bedeuten. Denn die Herrschaft einer politischen Klasse, die sich mit der Mafia verbrüdert hat, hat einen moralischen Verfall ohnegleichen zur Folge gehabt: Korruption wurde zum Kavaliersdelikt, die Umwelt bedenkenlos zerstört – und der Opportunismus Intelligenz genannt. Ich möchte diesen Film allen ans Herz legen, die Italien lieben und hoffe, dass er auch irgendwann in Deutschland ins Kino kommt.

Aus den italienischen Kinos ist er sofort verschwunden.

*(Nachtrag um 14.21 Uhr: Aus youtube ist der Film auch schon wieder verschwunden. Tja.)

(Nachtrag um 23.30 Uhr: Und jetzt kann man ihn hier wieder sehen …)

Mistero.

Ciao Roma

Mittwoch, 04. März 2015

Die Bloggerin Silvia Cavallucci war bei meiner Lesung in Rom und hat ein Interview mit mir geführt, nachzulesen hier:

Palermo II.

Montag, 23. Februar 2015

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Il trionfo della morte. Palazzo Abatellis.

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 I miei okki non smetteranno mai e dico mai di guardarti ogni volta è come se fosse la cosa più bella di questo mondo.

(Salita della Intendenza)

You made my day

Montag, 02. Februar 2015

Über diese Besprechung von “Palermo Connection” habe ich mich sehr gefreut.

Lesen Sie Reski!
26. Januar 2015 von Dirk Hansen

Kriminalromane bieten eine doppelte Chance: Journalistische Geschichten unerschrocken zuspitzen und gleichzeitig die Geschichte des Journalismus ungeschminkt beschreiben. Wenn dabei auch noch Mafia und Medien kombiniert werden, dann wird es spannend: Das gefiel mir an “Palermo Connection” von Petra Reski (Deutschland/Venedig).
Vermutlich trage ich an eine Art Wittgenstein ´scher Brille auf der Nase. Eine fixe Idee: Was immer ich wahrnehme, filtere ich mit genau den Kategorien, die mich in diesem Blog umtreiben: Gesellschaftlicher Auftrag des Journalismus, Folgen des Medienwandels und Weltbühne Venedig. Wenn ich zur Entspannung Spannungsliteratur lese, begegnen mir diese Themen überall wieder.

Allerdings gehört Journalismus schon von jeher zur Grundausstattung vieler Filme und Bücher. So kennen wir die klischeehafte, dämonisierende und stilisierende Darstellung von Medien zur Genüge – Pressemeute, versoffener Reporter, TV-Schnallen. Natürlich auch die unerschrockenen Enthüllungsjournalisten. All dies sind etablierte Bewohner der Traumwelten des Eskapismus.

Allein gegen die Mafia

Aber gute, aktuelle Krimis verhelfen gar nicht mehr zur Flucht aus der, sondern vielmehr in die Wirklichkeit. Spannende Fiction kann der Ausweg sein, um Realität erst darzustellen. Zum Beispiel für engagierte Journalisten. Sagen was ist, ohne Gegendarstellungen zu riskieren. Außerdem lesen wir in solchen Romanen manchmal, wie es vorangeht in der Branche. Beziehungsweise abwärts.

Womit wir bei Journalistin und Buchautorin Petra Reski angekommen sind. Sie lebt und bloggt in Venedig. Und kennt sich besonders gut mit der Mafia aus, der italienischen wie der deutschen. “Furios” beschreibt vielleicht ganz gut ihrer Arbeitshaltung. Die Autorin versteht es fesselnd zu schreiben, ist aber auch selbst außerordentlich engagiert. Ihr Zorn richtet sich gegen Gleichgültigkeit, mit der beispielsweise das Thema Organisierte Kriminalität in Deutschland behandelt wird.

Wenn nicht Verzweiflung, so ist Petra Reski doch mindestens Zweifel an den gesellschaftlichen Institutionen und Protagonisten ab zu spüren, ob es nun um Politik oder Medien geht. Was ja nun auch zusammenhängt. Gerade in diesen Zeiten sind ihre Blogposts eine spannende Lektüre. Schon allein Reskis informiert- abgeklärte Sicht auf smarte Hoffnungsträger wie Matteo Renzi (vielleicht auch: Tsipras?).

Realität in der Fiktion

Komplizierte Beziehungen, geradezu Verstrickungen beschreibt Reski auch in ihrem Roman “Palermo Connection” (2014, Hoffmann und Campe). Im Zentrum steht eine Ur-Sünde der italienischen Gesellschaft, nämlich Geheim-Verhandlung zwischen Mafia und Politik in den 90er Jahren, die “trattativa”. Bis heute steht die Frage im Raum, ob in die Morde an den Anti-Mafia-Kämpfern Borsellino und Falcone auch Spitzen des Staates verstrickt sein könnten.

Ganz konkret geht es beispielsweise um den greisen Staatspräsidenten Napolitano. Ein (zufällig) abgehörtes Telefonat des Politikers gehört zu den heißesten innenpolitischen Themen unseres geliebten Nachbarlandes. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung von eigentlich “unaussprechlichen” Vorgängen. Ver-öffentlichen oder nicht?

Im Roman von Reski werden solche Tatsachenbezüge nicht kaschiert (außer bei den Namen), sondern zelebriert. Die Autorin geht bemerkenswert direkt auf die zwölf. Für Rezensenten sei kaum herauszufinden, was genau Realität und was Fiktion ist, stellt die taz fest. Im Gespräch mit der ZEIT macht die Autorin eine klare Ansage:

Das deutsche Presserecht ist sehr mafiafreundlich.

Dieser Trick, zu schreiben, was geschrieben gehört, ohne eine Gegendarstellung zu riskieren, das ist der eine Punkt, den ich bemerkenswert finde. Für investigativ orientierte Journalisten ein extrem eleganter Weg. Vorausgesetzt, man versteht es, das Genre zu bedienen, wird gedruckt und gelesen.

Wirklichkeit in den Medien

Was mich zudem an “Palermo Connection” gefesselt hat: Die Karikatur der Medien nimmt darin einen genauso großen Raum ein wie die Kritik an der Politik. Insbesondere die Hamburger Zeitschriften-Szene mit ihren Reporter/Fotografen-Teams. Tee trinkende Technokraten sind die Kings in den Houses of Content.

Einstige Edelfedern und Scheckbuch-Journalisten finden sich auf einmal in der digitalen Todeszone wieder, mitten im Zeitungs-/Zeitschriften-Sterben. Zum Beispiel die Roman-Figur Wolfgang W. Wienkeke:

Die Auflage von FAKT befand sich im freien Fall. Nie hätte er das für möglich gehalten. Vor zwanzig Jahren hatte er lustige Artikel über das Internet geschrieben, darüber, dass Chatrunden die modernste Form des Amateurfunkens seien und der wahre Grund für die Entstehung des Internets darin bestehe, dass die wenigsten Männer den Mut hätten, in den nächsten Videoshop zu gehen und mit fester Stimme für sieben Mark einen Pornofilm auszuleihen. Und jetzt war das Internet kurz davor, ihn aufzufressen.

Er war siebenundfünfzig und hatte nie daran gedacht, dass Journalisten irgendwann aussterben könnten wie Scherenschleifer oder Bergleute oder Korbmacher.

(Palermo Connection, Hoffman und Campe 2014)

Alte Systeme und ihre Protagonisten sind längst an ihrer moralischen Grenze angekommen. Die Gewalten eins bis vier der Demokratie versagen. Gibt es einen Lichtblick? Ja, eine unerschrockene Staatsanwältin übernimmt nach eigenen Regeln die vakante Aufklärer-Rolle, soweit man sie lässt. Denn es gibt wenig Unterstützung. Enthüllungen sind allen eher peinlich.

Hilfe erhält Serena Vitale höchstens noch von einem Muskel-Nerd. Und publizistischen Respekt verdient nur eine blutjunge Bloggerin, die sich mit geposteter Wahrheit über die Mafia ihre sizilianische Existenz versaut. Che triste…

Aber ich denke, der Kampf wird weitergehen. Aufgeben scheint weder Serena Vitales Eigenschaft noch die von Petra Reski zu sein. Wenn Sie, liebe Zielgruppe, also die in meinem Blog knochentrocken verhandelten Themen des globalen und lokalen (Medien-) Wandels saftiger mögen. Dann: Lesen Sie Reski!

Die Schönste aller Katastrophen

Sonntag, 25. Januar 2015

Eigentlich ist mal wieder Zeit für den Presseclub, dachte ich heute morgen, als ich in der FAS einen Artikel über Griechenland las. Unter der Überschrift “Eine Überdosis Hoffnung” schrieb Michael Martens über Alexis Tsipras:

Wählern wie Zafiropoulos geht es vor allem um die Zerstörung des „Dreiecks“. Von dem sprechen fast alle in diesen Tagen in Athen. Gemeint sind Politiker, Unternehmer und Medien, die untereinander kungeln. „Wir wollen den Zusammenstoß mit dieser finanziellen Oligarchie, die all die Jahre gemeinsam mit dem politischen Establishment geherrscht hat“, hat Alexis Tsipras vor wenigen Tagen in einem Interview mit der „New York Times“ über das Dreieck gesagt.

Man muss kein Linker sein, um zu sehen, dass an den Geschichten vom „Dreieck“ etwas dran ist. Industriebarone, vor allem Bauunternehmer, die sich Zeitungen und Fernsehsender halten, um ihre geschäftlichen Interessen in anderen Branchen voranzutreiben, gibt es einige in Griechenland. Ihre Konzerne gewinnen staatliche Ausschreibungen oder erhalten einträgliche Konzessionen, wenn ihre Medien die jeweils zuständigen Minister gut behandeln und sie in die wichtigen Talkshows einladen. Und die Minister werden reich. Tsipras hat die Stimme von Stamatis Zafiropoulos, weil er versprochen hat, das Dreieck zu zerstören. „Er kann den Kampf gegen das Dreieck gewinnen, auch wenn es vielleicht lange dauern wird.“ Wenn es Tsipras gelingt, den griechischen Staat „vom Klientelismus der oberen Kreise zu befreien“, wie Zafiropoulos das nennt, habe er ein wichtiges Versprechen erfüllt.

Im Grunde hätte man den Artikel nehmen können und anstatt Griechenland “Italien” einsetzen können: Auch in Italien herrscht das “Dreieck”: Parteien, die sich über Jahrzehnte die Pfründe aufteilen, Industriebarone, gestützt von mit ihnen kungelnden Medien – die den Banken und Konzernen in die Hände spielen. Die einzigen, die dagegen die Stimme erheben, sind in Italien die Mitglieder der Fünf-Sterne-Bewegung. Nur hat sich das in Deutschland noch nicht herumgesprochen, wie auch, wenn die wesentliche Recherche vieler Italien-Korrespondenten in copy&paste aus genau diesen kungelnden Medien besteht.

In diesen Tagen wird in Italien der Staatspräsident gewählt – der, anders als in Deutschland kein Schleifendurchschneider und Sonntagsredner ist, sondern massiv in die Politik eingreift: Er kann Gesetze ablehnen, löst das Parlament bei Regierungskrisen auf und ist Präsident des obersten Richterrats, dem CSM, wodurch er erheblichen Einfluss auf die Richterschaft ausübt.

Ausser der Süddeutschen Zeitung weint dem soeben aus dem Amt geschiedenen Präsidenten (dem “weisen, alten Mann vom Quirinalshügel” © Süddeutsche Zeitung) in Italien kaum jemand nach, hat Napolitano doch diese Möglichkeiten weit über seine Grenzen hinaus ausgeschöpft: “König Giorgio” führt die Hitliste der unbeliebtesten italienischen Staatspräsidenten an. Und das vor allem, weil Napolitano das herrschende Machtgefüge zwischen der Demokratischen Partei und Berlusconi gegen den Willen der italienischen Wähler am Leben gehalten hat  – zuletzt kurz nach den Wahlen 2013, als sich eine Mehrheit der Italiener für einen Wandel ausgesprochen hatte. Um zu verhindern, dass die Fünf-Sterne-Bewegung zusammen mit Teilen der Demokratischen Partei für Stefano Rodotà stimmen würde, einem unabhängigen Geist, Gründervater der italienischen Linken und Kenner der italienischen Verfassung – erklärte sich Napolitano überraschend bereit, sein Amt weiter auszuüben. Im Grunde war das nichts anderes als ein stiller Staatsstreich.

Und weil so viel auf dem Spiel steht, hat Renzi schon den nächsten Staatspräsidenten ausgekungelt, mit seinem Freund Berlusconi, dem amtlich attestierten Gewohnheitsverbrecher, im sogenannten “Pakt des Nazareno” (so genannt, weil die Unterredung über die Zusammenarbeit zwischen Renzi und B. in der Parteizentrale der PD stattfand). Natürlich nennt er den Namen (des in geheimer Wahl zu wählenden Staatspräsidenten) nicht. Er setzt darauf, dass die Stimmen der möglichen Abweichler seiner Partei von denen der Forza-Italia-Abgeordneten aufgewogen werden – und nicht nur das, wie es heißt, droht er den Parlamentariern der PD damit, in der Wahlkabine ein Foto von dem Wahlschein machen zu müssen, um die Treue zu ihm zu beweisen.

Mit B. zusammen regiert Renzi seit einem Jahr und reformiert zudem mit ihm die Verfassung. Und weil das natürlich irgendwie blöd ist, die Verfassung mit einem zu reformieren, der wegen Steuerbetrugs verurteilt wurde, hat Renzi hat ein neues Gesetz verabschiedet, das die Strafe für B. wegen Steuerhinterziehung null und nichtig erklärt. Damit Renzi bei den nächsten Wahlen wieder auf seinen Freund B. zählen kann, dem ja eigentlich für die nächsten Jahre verboten war, politische Ämter auszuüben. Entdeckt wurde das Ganze von den “umstürzlerischen Kräften” (O-Ton Napolitano ) von der Fünfsterne-Bewegung. Ein Gesetz, das en passant, die Steuerhinterziehung in Millionenhöhe für straffrei erklärt.

“Hast du je eine so schöne Katastrophe gesehen?”, fragt Sorbas übrigens.