Kategorie: Italien

Der Bankautomat der Mafia

Montag, 27. Juni 2016

Ich wollte auch noch was zum #Brexit sagen, ja, Leute, tut mir leid, da müsst Ihr durch, zumal ja schon eifrig über den vermeintlichen Euroskeptizismus der Italiener berichtet wurde und wird,  wobei die SZ es hinkriegte, die römische Bürgermeisterin der Fünfsternebewegung mit der Rechten zusammenrühren (Le Pen, AfD, etc.pp.): Wenn es um Fünfsterne-Bashing geht, ist man ja vor nix fies.

Bis vor wenigen Jahren waren die Italiener nicht nur Ah-La-Germania-Eiferer, sondern auch glühendste Europaverfechter: Nur Europa kann uns retten, hieß es. Retten vor der Mafia, einer korrupten Politikerkaste, der Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst, der Jugendarbeitslosigkeit von 42 Prozent und einer Pressefreiheit, um die es nur in der Mongolei oder Bulgarien schlechter bestellt ist. Solo in Italia! Die Italiener verlangten nicht weniger, sondern mehr Europa, weil Europa da noch kein Theorem der Hochfinanz war, sondern ein Synonym für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Vielfalt. (mehr …)

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Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Dienstag, 31. Mai 2016

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In jenem Sommer, in dem ich mich in den Italiener verliebte, erzählte man sich am Strand von Bettino Craxi Betrügereien, und ich dachte: Komisches Land, wo sogar die Bademeister wissen, wie der Sozialistenchef betrügt! Es war der Sommer 1989, ich lag im Liegestuhl und hörte dem Bademeister zu, der so gleichmütig über das System der illegalen Parteienfinanzierung von Sozialisten und Christdemokraten, über Amtsmissbrauch und Bestechungsgelder referierte, über Mafiaverwicklungen und Mordkomplotte, als handele es um das nächste Boccia-Strandturnier.

Und jetzt war ich wieder da, an dem selben Strand und dachte: Es würde reichen, „Sozialisten und Christdemokraten“ durch „Demokratische Partei und Forza Italia“ zu ersetzen, und ich könnte genau das Gleiche schreiben.

Ich lebe in einer Zeitfalle.

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Lutscher-Journalismus

Dienstag, 17. Mai 2016

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Wer die letzten Jahre im Busch oder im Koma verbracht hat und jetzt zum ersten Mal wieder deutsche Zeitungen liest, der muss Matteo Renzi für den Papst oder den König von Deutschland halten. Nahezu täglich wird der italienische Ministerpräsident zur Lichtgestalt, zum Messias und Erlöser nicht nur Italiens, sondern ganz Europas verklärt.

Das Rennen um die beste Hofberichterstattung wird siegreich von der süddeutschen Zeitung angeführt, dicht gefolgt von der  Wirtschaftswoche, dem Handelsblatt und der ZEIT (leider ist das letzte Interview mit Maria Elena Boschi noch nicht online, eine Perle). Die FAZ gibt sich noch hin und wieder mäkelig, wegen des italienischen Haushaltsdefizits, das sie trotz aller Charme-Offensiven nicht zu schlucken vermag, der Spiegel lobte sich wieder tapfer und stetig vor, nachdem er vorübergehend leicht abgeschlagen schien und ich schon kurz davor war, mir Sorgen zu machen – bis ich merkte, dass die Abgeschlagenheit des Spiegel nicht einer Immunität gegenüber der allseits grassierenden Renzitis geschuldet war, sondern eher der Tatsache, dass man sich an der Ericusspitze für Italien nur ganz am Rande, vorzugsweise in Form von mit Pistolen garnierten Spaghetti interessiert.

Jetzt aber hat sich der Außenseiter mit einer von Giuliano Ferrara verfassten Renzi-Eloge ganz nach vorne geputscht: Eine derart speichelleckerische Jubelarie („Einer wie Berlusconi. Warum mich in unseren Premier Matteo Reni verguckt habe“) hätte sich nicht mal die notorisch renzitreue Repubblica zu veröffentlichen getraut. (mehr …)

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Tischgespräch

Samstag, 30. April 2016

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Wer sich für Venedig, das Ruhrgebiet, ostpreußische Familien und die Mafia interessiert (im Wesentlichen das Gleiche, bis auf winzige Unterschiede …), dem sei das kurzweilige Tischgespräch empfohlen, das Gisela Steinhauer mit mir in Venedig für WDR 5 geführt hat. Nachzuhören hier.

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Grazie Gianroberto

Donnerstag, 14. April 2016

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Gianroberto Casaleggio

1954 – 2016

Heute wurde Gianroberto Casaleggio in Mailand beigesetzt. Er war einer der beiden Gründerväter der Fünf-Sterne-Bewegung – und starb mit nur 61 Jahren „nach einer langen, schweren Krankheit“ – wie man in solchen Fällen sagt.

Sein Tod ist ein großer Verlust. Nicht nur für die Fünf-Sterne-Bewegung, sondern für ganz Italien.

Ich bin Gianroberto Casaleggio nur ein Mal begegnet, 2009 in seinem Büro in Mailand. Ein John-Lennon-Typ, dachte ich, als ich ihn sah. Lange, lockige Haare, runde Brille. Mehr Nerd, als Manager. Wir saßen im Konferenzraum seines Büros an einem rechteckigen Tisch und sprachen über Deutschland und über die Mafia. Er empfahl mir ein Buch über Banken und Geldwäsche – nur mal so, zum Thema #Panamapapers.

 Als ich ihn in Mailand traf, war mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ gerade unter dem Titel „Santa Mafia“ in Italien erschienen, ich war nach Mailand gekommen, um für Beppe Grillos Blog interviewt zu werden. Zwei Straßen von Casaleggios Büro entfernt, in der Galleria Vittorio Emanuele nahmen wir das Video auf. Die Fünf-Sterne-Bewegung war mir da schon lange vertraut, ich hatte Beppe Grillo im Dezember 2005 bei seinem ersten Meet-Up-Treffen in Turin  kennengelernt und darüber in der ZEIT geschrieben. (mehr …)

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Palermo und Berlin, Gianroberto und Heimweh.

Dienstag, 12. April 2016

Von Palermo

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nach Berlin,

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Ryanair sei Dank. Aber trotzdem komisch. Fühle mich irgendwie so hingebeamt. Wie Indianer, die sich hinsetzen mussten, wenn sie mit dem Zug gereist waren, weil ihre Seele noch nicht mitgekommen war.

Das Deutschlandradio hat ein Interview mit mir geführt, nachzuhören hier.

Und hier in Berlin habe ich heute erfahren, dass Gianroberto Casaleggio heute gestorben ist, einer der beiden Gründerväter der Fünfsterne-Bewegung. Mit nur 61 Jahren.

Ciao Gianroberto. Mit Dir hat Italien einen Menschen verloren, der sein Land wirklich liebte.

Und plötzlich hatte ich Heimweh nach Italien.

 

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Italien. Mal anders.

Montag, 04. April 2016

Ein hörenswertes Feature über Beppe Grillo und die Fünf-Sterne-Bewegung. Von Aureliana Sorrento.

 

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Deutschland, das Paradies der ‘Ndrangheta.

Mittwoch, 23. März 2016

Heute findet in Bologna der erste Verhandlungstag der Prozesses „Aemilia“ statt – ein Mafiaprozess, der nicht nur wegen seines Umfangs ( 147 Angeklagte, weitere 71 in einem getrennten, abgekürzten Verfahren) interessant ist, sondern weil er in Norditalien stattfindet. In einer reichen Region, die nicht nur für das klassische Made in Italy steht (Parmaschinken, Ferrari, Pasta von Barilla … jedenfalls, insofern die Firmen noch nicht ins Ausland verkauft worden sind, aber das ist eine andere Geschichte) – sondern auch für die Tatsache, sich gegen den „Virus“ Mafia immun zu glauben.

Wie Deutschland auch.

Und das ist nicht die einzige Parallele zwischen der Emilia Romagna und Deutschland: Wie in Deutschland sind hier seit über vierzig Jahren alle italienischen Mafiaorganisationen präsent: die ‘Ndrangheta, die kalabrische Mafia, die Camorra aus Kampanien und die sizilianische Cosa Nostra.

Einige Mafiosi kamen nach Norditalien, weil sie sich, wie es das italienische Recht damals vorsah, nachdem sie straffällig geworden waren, nicht mehr in ihren Heimatsregionen niederlassen durften. Andere kamen im Gefolge der Gastarbeiter, wie in Deutschland auch.

Norditalien ist reich – und damit bestens geeignet für die mafiosen Geschäfte: Was mit dem Kerngeschäft des Drogen- und Waffenhandels anfing, ging weiter mit der Bauindustrie, Müllbeseitigung und dem Immobilienhandel, aber auch mit der Lebensmittelindustrie: Im Grunde gibt es keine Branche, in der die Mafia nicht vertreten wäre. Wie die Antimafia-Staatsanwälte feststellen, handelt es sich hier schon lange nicht mehr um eine mafiose Infiltration: Die Mafia ist in Norditalien nicht hier und da eingesickert, sondern beherrscht große Teile der Wirtschaft. Ganz legal.

Allein 17 Ndrangheta-Clans, 4 Clans der Cosa Nostra und 3 Camorra-Clans sind in der Provinz Reggio Emilia aktenkundig – der Prozess Aemilia ist der erste große Prozess gegen die ‘Ndrangheta. Im Juli 2015 wurden Besitztümer und Unternehmen im Wert von 330 Millionen Euro beschlagnahmt – im Zentrum der Anklage steht der aus dem kalabrischen Crotone stammende Clan Grande Aracri. Die Anklage lautet auf Korruption, Geldwäsche, Stimmenkauf, Erpressung, Mord. Angeklagt sind nicht nur Mafiosi, sondern auch ihre Handlanger: Stadträte, Journalisten, Polizisten, Unternehmer. Und hier fängt es an, interessant zu werden.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht wurden die Geldgeschäfte fast immer über Deutschland abgewickelt. (mehr …)

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Die Sonntagsfragen

Montag, 29. Februar 2016

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Das ist praktisch der Hintergrund für das Interview, das Gisela Steinhauer mit mir vor kurzem geführt hat: Die berühmten Sonntagsfragen des WDR2, meinem alten Heimatsender. Und darin geht es erstmal um das Wesentliche, also praktisch Mafia für Anfänger, aber nicht nur. Es geht auch um Venedig, Familie und überhaupt. Wer Lust hat, reinzuhören: Hier ist der Podcast.

(Gleich zu Anfang des Interviews betont Gisela Steinhauer übrigens, dass sie sich die Reise nach Venedig aus eigener Tasche bezahlt hat – und nicht etwa auf Kosten des Gebührenzahlers gereist ist, weil sonst: böse, böse Hassmails. Und Shitstorm in den Kommentarspalten …)

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Der Ökothriller

Montag, 29. Februar 2016

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Und jetzt hier, für die Freunde des Öko-Thrillers, mein soeben in Focus erschienener Feuerbakterien-Report – oder: „Wie man es schafft, 60 Millionen Olivenbäume aus dem Weg zu räumen“:

Sind die berühmten Olivenbäume des Salento von einer Killerbakterie bedroht oder von der Mafia? Ein Umweltkrimi aus Apulien

Endlose Olivenhaine, silbrig flirrendes Laub und schwere, rote, afrikanische Erde. Dafür ist der Salento berühmt, der südliche Teil Apuliens, Italiens Absatzspitze. 60 Millionen Olivenbäume wachsen in Apulien, einige von ihnen sind mehrere Jahrtausende alt. Die Bäume werden in einem Kataster aufgeführt, das den Standort und das Alter eines jeden einzelnen verzeichnet. Im Salento stehen 25 Millionen Olivenbäume. Ihre Stämme muten wie ineinander verknotete Jahrhunderte an. Wer genau hinschaut, kann unter dem Laub erstarrte Drachen entdecken und Riesen, die mit Dämonen ringen.
Und liegt damit vielleicht nicht ganz falsch.

Nur zwei Meter weiter sieht es aus, als hätte jemand das Entlaubungsmittel Agent Orange eingesetzt: Die Äste einiger Olivenbäume recken sich verdorrt in den Himmel. Medien berichten vom „Kahlschlag im Paradies“, vom „Sterben der Olivenhaine“ infolge einer rätselhaften Seuche, von „Xylella, der Schrecklichen“. Seitdem die Universität Bari im Oktober 2013 verkündete, in der Gegend um Gallipoli die gefährliche Feuerbakterie (Xylella fastidiosa) entdeckt zu haben, ist der Salento kein meerumschlungenes Kleinod mehr, sondern ein Notstandsgebiet. Die Killerbakterie soll schuld sein am Vertrocknen der Olivenbäume. Eine Rettung, so erklärte Donato Boscia, Leiter des Nationalen Wissenschaftsrats in Bari, sei nicht in Sicht. Man müsse die Bäume schnellstens fällen und lediglich „50 Stämme von jahrhundertealten Olivenbäumen als Museumsstücke erhalten“.

Die Olivenbauern des Salento aber sind misstrauisch. Es sind immer dieselben Wissenschaftler, die Gutachten erstellen und einen Notstandsplan entwerfen: die Universität Bari, der Nationale Wissenschaftsrat in Bari, das Institut für mediterrane Landwirtschaft Bari (IAMB). Für ihre Forschung über die Feuerbakterie erhielten die Institute Fördergelder der Europäischen Union.
In Apulien sind die Olivenbäume sogar dafür bekannt, Feuersbrünste zu überstehen – und jetzt, fragen sich viele Bauern, soll eine Bakterie geschafft haben, was Naturkatastrophen jahrhundertelang nicht gelang? Warum auch schlug Xylella nur im Salento zu? Dabei soll sie doch mit infiziertem Oleander nach ganz Europa eingeschleppt worden sein.

Zweifel fanden jedoch bisher kein Gehör. Stattdessen bildeten sich Krisenstäbe, wurden Interventionspläne und EU-Notfallfonds aufgestellt. Die ersten Olivenbäume fielen bereits im April 2014 der Axt zum Opfer. Schließlich handele es sich um einen hochgefährlichen Erreger, der beträchtliche Schäden in der Landwirtschaft anrichte und deshalb EU-Quarantänebestimmungen unterliege, hieß es.
Das Gebiet südlich von Lecce erklärten die Behörden eilends zur Brutstätte des Erregers und die Wiesenschaumzikade zum Hauptüberträger, einen General der staatlichen Forstwache ernannten sie zum „Außerordentlichen Kommissar“. Er wacht nun darüber, dass „infizierte“ Olivenbäume entwurzelt und in einem Umkreis von hundert Metern auch alle gesunden Bäume gefällt werden.

(mehr …)

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