Kategorie: Italien

Lido. Ende des Sommers

Mittwoch, 13. September 2017

Das Schönste am Filmfestival, ich erwähnte es schon, ist die Fahrt zum Lido, so wie hier, an dem Abend nach der Regatta storica:

Ich meine, das ist doch herzbewegend.

(Und das sagt eine, die vor so langer Zeit nach Venedig gezogen ist, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnern kann, jemals woanders gelebt zu haben.) Auch wenn gleich danach wieder so ein blödes Kreuzfahrtschiff ins Bild fuhr:

Inzwischen ist der Lido der einzige Ort in Venedig, wo die Venezianer noch unter sich sind. Ja, am Strand hört man noch Venezianisch. (In Venedig hört man nicht mal mehr Italienisch, geschweige denn Venezianisch).

Und wie jedes Jahr wird mir immer ganz schwer ums Herz, wenn ich meine Badesachen aus meiner Badekabine abhole und mich von meinen Badekabinengenossen- und Genossinnen verabschiede. Heute war auch noch so ein mürbes Spätsommerlicht, das mich noch melancholischer stimmte, genau wie der Geruch der Badekabine, nach Sonnenöl und feuchten Handtüchern und Salzwasser, das Ganze aber schon irgendwie kälter, abgestandener.

Dann drehe ich mich noch einmal um, werfe einen letzten Blick aufs Meer –

und weiß, dass es mindestens bis Mai dauern wird, bevor ich wieder einen Fuß auf den Lido setzen werde. In dieser Hinsicht habe ich mich sofort venezianisiert: Obwohl das Meer hier vor der Haustür liegt, kommen Venezianer nicht im Traum auf die Idee, im Winter einen Strandspaziergang zu machen. Märsche in Gummistiefeln und Friesennerz findet man hier pervers. Meer, das ist Sommer, Sonne, Leichtigkeit. Und nicht Sturm und Drang.


Deshalb fällt mir der Abschied vom Lido immer so schwer.


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Filmfest 2 (und Mafia)

Samstag, 09. September 2017

Dieses wunderbare Bild gibt es als Postkarte von No Grandi Navi – die eine große Demo (darunter eine kleine, feine Seeschlacht)  für den 23./24. September planen. Was uns hier natürlich am Herzen liegt, zumal in diesen Tagen des Filmfests, das morgen zu Ende geht.

Frühmorgens, wenn die Horden noch nicht eingefallen sind, lief für mich (wie immer) der schönste Film des ganzen Festivals. Also habe ich, wenn ich zum Lido fuhr, habe ich immer wie blöde fotografiert, (und mich ein bisschen geschämt, wie immer, wenn ich mich wie ein Tourist benehme). Aber ja, auch ich wollte diese seltenen Momente festhalten, wenn Venedig noch sich selbst gehört: Venedig ist wie ein Liebhaber, von dem du weißt, dass er dich mit allen betrügt und den du dennoch nicht verlassen kannst.

Der Preis wird wie immer an einen Film gehen, den ich entweder nicht gesehen habe (The Shape of Water), aus dem ich rausgegangen bin (First Reformed, Paul Schrader) oder den ich komplett schwachsinnig fand (Mother von Darren Aronofsky :ganz oben auf meiner Liste idiotischer Festivalfilme – ich würde sogar sagen, dass er diesen im Schlamm spielenden russischen Schwachsinnsfilm übertrifft, wo sich die Frau die Barthaare ihres Geliebten in den Mund steckt.) Bei „Mother“ gab es jede Menge blutiger Astlöcher, in denen Jennifer Lawrence herumpult, und selbst Javier Bardem konnte die Chose nicht retten. Als Schriftstellerin bin ich allerdings beeindruckt, wie es ein Regisseur hinkriegt, komplett auf jede Logik zu … und einfach nur diverse blutige Astlöcher, einen Schriftsteller mit Schreibblockade, irre Fans, ein kleingehacktes Baby und ein explodierendes Spukhaus aneinander zu reihen und zu glauben, dass das Ganze funktioniert.

Mein Lieblingsfilm war „Three Billboards outside Ebbing“ (die Mutter eines ermordeten Mädchens mischt die verschlafene Polizei auf) mit der wunderbaren Frances Mc Dormand Und ich nehme an, dass er schon aus diesem Grunde nichts gewinnen wird.

Mafia gab es auf dem Filmfest natürlich auch, in rauen Mengen, etwa bei Suburra, jetzt als Netflix-Serie, nachdem es letztes Jahr als Film lief (hatte einige Déjà-Vu-Erlebnisse). Wie der Roman auch geht es um die Geschichte der römischen Mafia (die laut Urteilsspruch plötzlich gar keine Mafia war, sondern nur Bandenkriminalität): „Mafia Capitale“, also Mafiosi, Politiker und Priester, wie im wirklichen Leben.

Aus Neapel kam das Mafia-Musical Ammore e Malavita   Und obwohl ich immer skeptisch bin, bei „Mafia jetzt mal lustig“, fand ich es wunderbar, am besten natürlich die Szene im Krankenhaus, zu What a feeling auf Neapolitanisch. (Ist natürlich nicht das erste Mafia-Musical, das erste hat Roberta Torre 1997 ebenfalls in Venedig vorgestellt: Tano da morire.)

Mich erinnerte das an meine Begegnung mit Carmine Sarno, auch genannt ‚o topolino, das Mäuschen, einem neapolitanischen Camorra-Boss und Musikproduzenten, weshalb sein Herrschaftsgebiet, der Vorort Ponticelli in Neapel auch „la piazza dei cantanti“ genannt wird. Die Musik der Neomelodici dient, wie die Mafiamusik der ‚Ndrangheta auch, nicht nur dazu, Propaganda für die Mafia zu machen, sondern auch, Botschaften an Clans zu überbringen, wie es ein abtrünniger Camorrista über den Sänger Alessio behauptete (gegen den allerdings nicht ermittelt wird, die Behauptungen eines Abtrünnigen sind erst relevant, wenn sie von anderen Quellen bestätigt werden). Eine Nacht lang habe ich Carmine und Alessio begleitet, eine sehr interessante Erfahrung. „Alessio wurde durch mich geboren“, sagte Carmine Sarno damals zu mir. „Und er wird mit mir sterben.“ Alessio tritt übrigens auch in der Serie Gomorrha auf. Die Mafia liebt es, wenn sie als blutrünstig dargestellt wird.

An Carmine habe ich auch gedacht, als ich die erste Szene von Loving Pablo  sah, den Film über Pablo Escobars Aufstieg und Fall aus der Sicht seiner Geliebten. Da präsentiert sich Pablo Escobar einer Journalistin und späteren Geliebten (Penelope Cruz) als Wohltäter, der Häuser für die Armen baut. Sozusagen ein Klassiker. Carmine Sarno erzählte mir von seinen Wohltätigkeitskonzerten: eines für Kinder am Dreikönigsfest und eines zugunsten Körperbehinderter im September.

Allein Javier Bardem mit Kraushaar und Bauch zu sehen, lohnt sich. Ich Herzchen glaubte natürlich, dass sich Bardem das Fett dank Robert De Niros Method-Acting-Methode angefressen hätte, war aber nur eine – sehr glaubhafte – digitale Plauze. Die Narcos sind natürlich etwas grobschlächtiger als ihre italienischen Vorbilder, in jeder Hinsicht.

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Filmfest 1

Samstag, 02. September 2017

Terrasse Hotel Danieli

Natürlich, verehrte Blogleser, haben Sie schon ungeduldig auf meine seit Jahren bewährte einseitige Berichterstattung über das venezianische Filmfest gewartet, in die ich so spät einsteige, weil ich andere, wichtigere Dinge zu tun hatte (Was meinen Sie, wie anstrengend es sein kann, auf Partys herumzustehen). In der Zwischenzeit hat natürlich bereits selbst das letzte Online-Zipfelchen sein Urteil abgegeben: über den Eröffnungsfilm (Downsizing, diese Schrumpf-Dystopie, Sie wissen schon: Klimawandel und andere Auswirkungen der Überbevölkerung sollen dadurch bekämpft werden, dass man die Menschen verkleinert), Ai Weiweis Migrationsdokumentation The Human Flow, der mich, auch wegen des Themas meines letzten Romans „Bei aller Liebe“ besonders interessiert hat. Und mich doch enttäuscht hat, ähnlich wie das meine kluge Kollegin Christiane Peitz vom Tagesspiegel beschrieben hat: „Immer schneller wechselt „Human Flow“ die Schauplätze, bis sich eben die Immunisierung einstellt, die Ai Weiwei eigentlich aushebeln will. Oder entwickelt man mit solchen Bedenken nur einen Schutzmechanismus gegen den moralischen Appell, der in jeder einzelnen seiner Aufnahmen steckt?“ Dann habe ich mir noch die Staffel von Suburra angesehen, die sich aber nicht wesentlich vom Suburra-Film unterscheidet, also: Sex&Crime&Priester&Mafia&korrupte Politiker=Rom. Und habe pflichtgemäß Paul Schraders Film First Reformed über einen Priester in der Glaubenskrise angeschaut – und während des ganzen Films an den Bombengürtel gedacht, den der Priester an sich nimmt (Hinterlassenschaft eines depressiven Selbstmörders, der sich erschossen hat) – ganz im Sinne von Hitchcocks Feststellung über den Unterschied zwischen Spannung und Überraschung:

The bomb is underneath the table and the public knows it, probably because they have seen the anarchist place it there. The public is aware the bomb is going to explode at one o’clock and there is a clock in the decor. The public can see that it is a quarter to one. In these conditions, the same innocuous conversation becomes fascinating because the public is participating in the scene. The audience is longing to warn the characters on the screen: „You shouldn’t be talking about such trivial matters. There is a bomb beneath you and it is about to explode!“

Alles gut und schön. Aber der Film, auf den ich wirklich gewartet habe, war „The Electric Horseman„: Robert Redford. My all time hero. Der gestern zusammen mit Jane Fonda (hier übrigens ein tolles Interview, das Katja Nicodemus einmal mit ihr geführt hat) mit dem Ehrenlöwen ausgezeichnet wurde und einen neuen Film vorstellte (Our Souls at Night. Späte Liebe. Robert Redford mit Lesebrille – aber egal: Der Mann ist 81 Jahre alt, er könnte auch das Postleitzahlverzeichnis vorlesen, und ich wäre hingerissen.) Und ja, sogar Wolfgang W. Wieneke hat in Bei aller Liebe einen Robert-Redford-Moment:

„Sie könnten es bereuen«, ergänzte der Kahle lächelnd.
»Werden wir ja sehen«, sagte Wieneke, deutete eine Verbeugung an und drehte sich auf seinem Absatz um, bevor er an dem Eisberg vorbei in der Dunkelheit verschwand.

Ein Abgang wie Robert Redford in Der elektrische Reiter, der mit seinem Pferd einfach von der Bühne der Werbeshow in Las Vegas getrabt war, in die Dunkelheit hinein, bis die Lämpchen an seinem Cowboyanzug verglüht waren.
Hey, hey, hey.“

 

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„Das italienische Beben“

Dienstag, 29. August 2017

so lautet die Überschrift zu meiner Erinnerung an die Morde von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino: „Vor 25 Jahren führte der Terror in Italien zu einer dramatischen Wende: Die Mafia schwor der Gewalt ab und ging in die Politik. Dort ist sie bis heute geblieben.“

Nachzulesen im Magazin des Tagesanzeigers.

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Ein paar Bemerkungen zu Duisburg

Dienstag, 15. August 2017

Die Mafia macht ihre besten Geschäfte, wenn es ruhig ist. Und heute spricht ja niemand mehr über die Mafia. Außer an Jahrestagen, so wie heute. Da wachen selbst die verschlafensten Tageszeitungen auf und erinnern sich schaudernd an jenen 15. August 2007, als plötzlich sechs tote Italiener vor dem Restaurant „Da Bruno“ lagen.

Ich war damals auch überrascht. Und das, obwohl ich seit langem wusste, wie aktiv die Mafia im Ruhrgebiet ist: Die Killer des 1990 ermordeten Antimafia-Staatsanwalts Rosario Livatino kamen aus Leverkusen. Und letzte Morddrohung gegen den ermordeten Antimafia-Staatsanwalt Falcone kam aus Wuppertal.

Ich hätte der Mafia in Deutschland aber eine so spektakuläre Tat nicht zugetraut. Denn es war ja klar, dass das die Deutschen aufschrecken würde. Extrem kontraproduktiv für die Mafia. Aber wahrscheinlich haben sie die Situation schon von Anfang an doch richtig eingeschätzt: Es wird am Anfang einen Aufschrei geben, dann gehen wir in Deckung, dann werden die Deutschen es wieder vergessen, und alles geht weiter wie immer. Weil die Beziehungen, die die ‘Ndrangheta stets gepflegt hat, also zu Politikern, Unternehmern, Geheimdiensten in West und vor allem Ost (sehr interessant sind übrigens die Verbindungen zwischen Stasi und ‘Ndrangheta), immer noch die besten sind.

Drogenhandel, Bauindustrie, Gastronomie, Giftmüllbeseitigung, Immobilienhandel – vor allem aber Geldwäsche. Die klassischen Geschäftsfelder der Mafia. Später kam noch die Windenergie hinzu. Öffentliche Gelder in ihre Taschen umzuleiten, ist die Königsdisziplin der Mafia – und da haben sich mit den europäischen Fördergeldern und dem gemeinsamen europäischen Markt viele neue Perspektiven ergeben.

An Ermittlungsergebnissen hat es in Deutschland auch 2007 nicht gemangelt. Indes, es fehlen die Gesetze. Auch hinter den angeblich „neuen Gesetzen“ zur Bekämpfung der Mafia verbirgt sich vor allem der Wahlkampf. In der sogenannten Neuregelung kommt das Wort „Mafia“ gar nicht vor. Staatsanwälte sind nach wie vor skeptisch. Außerdem ist jetzt der Zoll für die Verdachtsmeldungen wegen Geldwäsche zuständig. Und da wurde das Personal nicht nur halbiert, sondern hat auch keinen Zugriff auf polizeiliche Datenbestände. Wie der Bund deutscher Kriminalbeamter sagt: „Der Bundesfinanzminister hat uns einen Bärendienst erwiesen.“

Es müsste einen politischen Willen zur Bekämpfung der Mafia in Deutschland geben. Und den sehe ich nicht. Von vielen Politikern wird die Geldwäsche immer noch als ein Konjunkturankurbelungsprogramm gesehen. Nach dem Motto: Pecunia non olet. Die Mafia wird in Deutschland für eine Art von Folklore gehalten, selbst in deutschen Gerichten fehlen die wesentlichsten Kenntnisse.

Wir könnten von allein schon von der italienischen Antimafia-Gesetzgebung lernen und auch von den schlechten Erfahrungen: Seit 25 Jahren sitzt die Mafia im italienischen Parlament – und dagegen kämpfen die ehrlichen Italiener.

Nachdem ich verklagt und bedroht worden bin, habe ich versucht, dem ganzen etwas Positives abzugewinnen: Ich habe diese Erfahrungen in meine Romane einfließen lassen, ich hätte die Protagonisten meiner Romane nie so agieren lassen können, wenn ich manches nicht am eigenen Leibe gespürt hätte. Bei Schauspielern nennt man das „Method Acting“.

Außerdem finde ich es sehr interessant zu beobachten, wie sich sich die Mafia immer weiter entwickelt: Mit der Flüchtlingskrise hat sich für die Mafia ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Das Zauberwort heißt emergenza: Notstand. Den gab es ja auch in Deutschland, in jenem Sommer 2015. Und genau davon handelt mein neuer Roman „Bei aller Liebe“.

Und hier auch noch ein Radio-Interview mit mir auf WDR 5 anlässlich Duisburg (etwas mehr als 7 Minuten, Sie schaffen das!)

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Jugend Rittet

Freitag, 11. August 2017

Ok, ich wusste schon, dass „Bei aller Liebe“ aktuell ist – aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell so hoch her gehen würde. Zwischen Deutschland und Italien. Allein schon mal orthografisch. Von „Jugend rittet“ bis „Jugend bettet“ – war alles drin: In so gut wie keinem Artikel der italienischen Presse wurde „Jugend rettet“ richtig geschrieben, nicht mal im Beschlagnahmungsbefehl der Staatsanwaltschaft von Trapani, die letzteren auf Geheiß des Untersuchungsrichters ausgestellt haben. Das muss jetzt hier so pingelig ausklamüsert werden, weil im Eifer des Gefechts (anders kann man die Berichterstattung darüber nicht bezeichnen) doch einiges durcheinander geraten ist.

Auf Facebook, Twitter und in Artikeln wurden Südkurven-Schlachten ausgetragen, Ninja Turtles gegen Shredder, hätte man meinen können. Dabei war es nur eine normale Ermittlung rund um die „Begünstigung illegaler Einwanderung“. Die zur Folge hatte, dass die „Iuventa“, das Schiff der NGO „Jugend Rettet“ beschlagnahmt wurde und, wohlgemerkt, gegen einzelne Mitglieder der NGOs  von „Jugend Rettet“, „Ärzte ohne Grenzen„, „Save the children“ und andere ermittelt wird.

Kurzum: Hier wird kein Rundumschlag gegen alle NGOs gefahren, es geht es auch nicht darum, Rettungsorganisationen zu kriminalisieren (mehr …)

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Bei aller Liebe. Endlich.

Samstag, 15. Juli 2017

Ist immer so ein intimer Moment, wenn man DAS BUCH, mit dem man mehr als ein Jahr verbracht hat, zum ersten Mal in der Hand hält. Wenn es sich aus einer Word-Raupe endlich in einen Roman verwandelt hat, den man in der Hand halten kann und dessen Rücken knackt, wenn man ihn zum ersten Mal aufschlägt. Als Motto ein paar Zeilen von Leonardo Cohen: „First we take Manhattan/Then we take Berlin“. Gewidmet habe ich den Roman Giovanni Spampinato, der 1972 von der Mafia ermordet wurde. Ab Dienstag in allen Buchhandlungen, yes.

Serena Vitale lässt Euch alle schön grüßen (Habe sie kürzlich mal wieder in Palermo interviewt, sie war verzickt wie immer, aber am Ende habe ich sie milde gestimmt, weil ich ihr eine besonders schöne Heiligenfigur mitgebracht habe: Sant’Ivo, Schutzheiliger der Staatsanwälte. Dass er aber erst vierundvierzig Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen wurde, wusste sie schon)

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Alles muss raus. (Salento)

Donnerstag, 13. Juli 2017

Ich war mal wieder im Salento unterwegs – über den Krieg gegen die Olivenbäume habe ich ja bereits hier und hier und hier berichtet.  Verändert hat sich nichts. Jedenfalls nicht zum Besseren.

Olivenbäume bei Oria


Der Krieg geht weiter: Inzwischen gibt es auch schon Schlachtfelder bei Tarent, so wie hier in Oria. Der Herr in der Mitte ist Nino Baldari, seine Werkzeuge sind Sichel, Säge und Hacke – weshalb ihn die Carabinieri als „bewaffnet“ bezeichneten, als er sich dem Fällen der jahrhundertealten Olivenbäume widersetzte.

Seitdem prangen hier auf den Autos Aufkleber wie dieser: „Die Feuerbakterie ist Betrug – Widerstand leisten ist eine Pflicht.“ Das sagt auch Nino Baldari, dieser achtzigjährige Olivenbauer aus Oria, dem Gebiet zwischen Brindisi und Tarent, in dem in diesem  Frühjahr 300 tausendjährige Olivenbäume gefällt wurden und weitere 500 auf der Liste stehen.

Bis heute gibt es keinen einzigen wissenschaftlich haltbaren Beweis dafür, dass die Feuerbakterie für das Vertrocknen der Olivenbäume im Salento verantwortlich ist. Sicher ist nur, dass man mit Glyphosat jeden Olivenbaum ins Jenseits befördern kann. Mit schönen Grüßen von Monsanto. Wer des Italienischen mächtig ist, mag sich dieses YouTube-Video ansehen, in dem Ivano Gioffreda „Le buone pratiche“ erklärt, wie die Olivenbäume mit einfachen, altbewährten Methoden wieder zum Leben erweckt werden. Ivano Gioffreda gehört zur Vereinigung „Spazi popolari“ von Sannicola, die mehr ist als eine Kooperative für organisch-biologischen Anbau: Es ist eine Initiative zur Verteidigung des Salento, Verteidiger, die nahezu täglich von der Lokalpresse als sektiererische Störenfriede geschmäht werden.

Glyphosat, der Killer

Interessant ist auch, dass niemand über die Landwirte berichtet, denen es wider Erwarten gelungen ist, ihre Olivenbäume mit einfachen und altbewährten Mitteln wieder zum Leben zu erwecken, wie zum Beispiel hier in diesem Olivenhain unweit von Poggiardo:

Olivenhain Poggiardo

Nach wie vor sind die Olivenbäume des Salento das größte Hindernis für die Bauspekulation: So wollen englische (?) Investoren den jahrhundertealten Olivenhain Sarparea in Nardò in ein Luxusresort verhexen. Region, Stadtverwaltung und Landschaftspflege nicken alles ab.

Der 20 Hektar große Olivenhain von Sarparea an der Bucht von Sant’Isdoro gehört nun englischen Investoren, die hier ein Luxusresort bauen wollen: Die „Oase Sarparea“: 30 Villen zwischen tausendjährigen Olivenbäumen, zwei Schritte vom Meer und vom Naturschutzpark Porto Selvaggio, der entstand, weil die Gemeinderätin Renata Fonte in den 1980er Jahren diesen Küstenstreifen Bauspekulanten entriss und dafür mit ihrem Leben bezahlte: 1984 wurde sie von zwei Killern mit Pistolenschüssen hingerichtet, als sie auf dem Weg nach Hause war. Die Bauindustrie ist (mehr …)

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#Pressefreiheit ist kein Wort. Es ist eine Tat

Donnerstag, 13. Juli 2017

Liebe Freunde, ich möchte Euch nicht vorenthalten, dass es einige gibt, denen der Erfolg meines Crowdfundings ein Dorn im Auge ist – und die mich offenbar mit einem Bankautomaten verwechseln.

„Angeekelt durch die illegalen Veröffentlichungen der Beklagten“ und „die geballte Medienberichterstattung“ kündigte der Anwalt meines Klägers dem Landgericht Erfurt an, dass er „die Klage auf Zahlung einer angemessenen Geldentschädigung bei nächster Gelegenheit auf 20 000 Euro erweitern wird. Mehr als 20 000 Euro hat die Beklagte ja schon für den Rechtsstreit mit dem Kläger schwarmgesammelt.“

Tja, Neid muss man sich eben verdienen. Stay tuned!

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Venedig, das sind wir

Mittwoch, 05. Juli 2017

Die letzten Venezianer haben letzten Sonntag mal wieder ein Lebenszeichen gegeben: 2000 Demonstranten bewiesen bei stechender Sonne einen gewissen Opfergeist für ihre Stadt. Hashtag: #MiNoVadoVia, was so viel heißt wie: „Mich kriegt Ihr hier nicht raus!“ (Endlich mal ein vernünftiges Motto: Die Slogans der letzten Aktionen klangen für meinen Geschmack etwas zu sehr nach Wir-reichen-uns-die-Hände-und-bilden-einen-Kreis.

„Venezia è il mio futuro“ ist zwar gut gemeint, aber dem Satz „Venedig ist meine Zukunft“ würden die Betreiber von Kreuzfahrtschiffen, von Airbnb und Ein-Euro-Shops wohl mit  Begeisterung zustimmen.

„Venedig, das sind wir“, finde ich schon angemessener. Zumal wir es an diesem Sonntag endlich mal geschafft haben, die Reisegruppen auf der Riva degli Schiavoni niederzurennen. Übrigens mit tatkräftiger Hilfe des Wahl-Venezianers Bruno Ganz (hier im Bild mit Lidia Fersuoch, der Präsidentin von Italia Nostra Venedig, dem italienischen Kulturschutzbund und meiner Wenigkeit (demotechnisch bestens ausgerüstet)

Wir haben dann noch eine Weile vor der Ca‘ Dio herumgeschrien, einem ehemaligen Altersheim, das nun – ja worin? – in ein Hotel verwandelt werden soll, auch um die Unesco darauf aufmerksam zu machen, dass Venedig fast ebenso lange wie es den Titel des Weltkulturerbes trägt (seit 1987) von einer Stadtverwaltung heruntergewirtschaftet wird, deren erklärtes Ziel es ist, die Stadt zu verramschen und die letzten Venezianer (letzter Stand: knapp 54 000) aus der Stadt zu vertreiben – ein Ziel, das sie bald übererfüllt haben.

Nennt sich auch: Neoliberalismus.

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