Kategorie: Italien

Filmfest 1

Mittwoch, 02. September 2015

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Und darauf haben Sie, als treue Blog-Leser, natürlich gewartet wie auf das Christkind: Auf meine gewohnt einseitige Sicht der Filme der Mostra del Cinema.

Heute ging’s los. Mit einem Bergfilm: Everest. Ja, ja, Bergsteigerdrama. You can feel it: Not really my cup of tea. Auch weil ich nicht schwindelfrei bin. (Zuletzt habe ich das auf dem Weg auf den Stromboli gemerkt, auf den ich nur gestiegen bin, weil der Besitzer des Hotels Sirenetta mir eingeredet hatte, dass dieser Aufstieg ein metaphysisches Erlebnis sei, ähnlich wie eine Karfreitagsprozession. Das hat mich sofort überzeugt. Also zog ich meine Turnschuhe an und schloss mich einer Gruppe von sächsischen Wanderen an. Die wie Bergziegen auf den Stromboli kletterten. Und bei mir drehte sich alles schon nach wenigen Metern: Höhenangst. Schon als Kind bin ich auf dem Kölner Dom hysterisch ge­worden, und in gläsernen Aufzügen verliere ich das Bewusstsein. Als ich oben ankam, legte ich mich zwischen den Kratern flach auf den Bauch, schloss die Augen und hoffte, dass mich jemand retten würde. Als die Nacht kam, hat mich ein Bergführer an seinem Rucksack festgebunden. Und mich durch den Lavasand wie ein Kind hinter sich heruntergezogen. So viel zur Metaphysik.)

Aber das wollten Sie gar nicht wissen. Auf jeden Fall war der Bergfilm nicht wirklich mein Fall. Auch weil ich nicht verstehe, warum Leute 65 000  Dollars dafür ausgeben, um irgendwo in einer Gletscherspalte zu enden oder sich die Hände abfrieren zu lassen. Der zugrunde liegende (Tatsachen-)Roman „In eisige Höhen“ von Jon Krakauer soll dieses Rätsel auch thematisiert haben, ebenso wie die Kommerzialisierung der Angelegenheit, also das Heraufschaffen von Menschen, die sonst keine Sorgen haben und deshalb auf den Mount Everest hochziehen lassen wollen. Hier eine echte Kritik. Natürlich gibt es heldenhafte Frauen ohne Ende, eine magersüchtig wirkende Keira Knightley und lauter Männerstars, die man als solche gar nicht erkennen kann, weil ihnen gerade die Nase abgefroren ist. Wie zum Beispiel Josh Brolin. Oder Michael Kelly, der Jon Krakauer spielt, den Journalisten, der ja wirklich an der Expedition teilgenommen hat – und den wir aus House of Cards kennen, wo er den Stabschef des Weißen Hauses spielt.

Aber am meisten nehme ich dem Bergsteigerdrama übel, dass es mich so unter Niveau hat heulen lassen.

Was man von Un monstruo di mil cabezas nicht behaupten kann.

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Der Titel bedeutet: das Ungeheuer mit den tausend Köpfen. Eine Frau will, dass die Versicherung für die Krebstherapie ihres Mannes bezahlt. Und scheiß drauf, wenn das nicht vorgesehen ist, von der Bürokratie. Sagt sich jedenfalls die Frau. Hier der Trailer. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Mittel. Habe natürlich geheult wie nur was. Aber immerhin nicht unter Niveau.

Fortsetzung folgt!

Germania&Italia

Freitag, 28. August 2015

Wie es so aussieht, zur Zeit zwischen Deutschland+Italien, nachzulesen hier.

Salento

Montag, 10. August 2015

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Gerade aus dem Salento zurück (Apulien, Stiefelabsatz), wobei ich nicht sicher bin, ob man im Deutschen „Der“ oder „Das“ Salento sagt. Der Duden schweigt mal wieder. Ich beschließe: Maskulinum.

Ich mache schon ewig Ferien dort. Es gab mal die Korsika-Periode in meinem Leben. Die wurde dann aber vor vielen Jahren von der Salento-Periode abgelöst. Was Urlaube betrifft, bin ich so etwas wie eine gemeine Napfschnecke.

Der Salento ist neuerdings nicht nur von Feuerbakterien befallen, mehr dazu auch hier und hier, sondern auch von Heerscharen von Feiersüchtigen, Ecstasy-Movida etc., weshalb ich mir in diesem Jahr die üblichen Ausflüge nach Lecce oder Gallipoli gespart habe – schließlich sind die Tage ohnehin schon so kurz. Man muss schwimmen, caffè con ghiaccio trinken (Espresso auf Eis, aber nicht kleingestoßen, sondern richtige Eiswürfel), Frisa essen (hartgebackenes Brot, leicht aufgeweicht, belegt mit Tomaten, Rucola, Thunfisch, Oliven oder was man auch immer mag), Bücher lesen (Numero Zero von Umberto Eco, dazu demnächst mehr, Hottentottenstottertrottel, die Autobiografie meines Lehrers Wolf Schneider, Le bilan Malétras von Georges Simenon  und La Casati von Camille de Peretti (seitdem ich in Venedig die Ausstellung über das einstige It-Girl, die Muse D’Annunzios und grandiose Exzentrikerin sah, bin ich angefixt), ach ja, Super Sad True Love Story von Gary Shteyngart auch noch (teile absolut die Meinung von Ijoma Mangold: „Der neue Roman von Gary Shteyngart ist leider sehr schlecht. Und zwar auf eine Art, die den Leser auf der Strecke seiner 450 Seiten zunehmend wütend macht.“), außerdem muss man noch Zeitungen lesen und sich darüber aufregen, beim Aperitif die wunderbaren Sonnenuntergänge des Salento bewundern und zwischendurch davon träumen, ein altes Gemäuer zu besitzen und es wieder zu beleben (ist diese kleine Kapelle nicht rührend?).

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Und dann muss man schon wieder zurück. Leider.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Freitag, 24. Juli 2015

Ostpreußen Shobha

Heute morgen, als ich wieder mal auf FB herumtrödelte, fand ich bei meiner Freundin Shobha dieses Foto unserer gemeinsamen Reise nach Polen, genauer gesagt, nach Ostpreussen, auf der Suche nach jenem mythischen Land, das schon untergegangen war, als ich geboren wurde. Ich weiß noch, wie es mich eigenartig berührte, als Shobha questa è allora la tua terra sagte, was im Grunde so viel heißt wie: Das ist also deine Heimat, was ich natürlich sofort bestritt, nicht nur, weil ich ja im Ruhrgebiet aufgewachsen bin, wohin mein Vater mit seiner Familie nach dem Krieg geflüchtet ist – sondern auch, weil das Wort Heimat im Italienischen ganz einfach mit terraErde gleichgesetzt wird, ein Wort, das im Laufe der deutschen Geschichte leider so beschmutzt wurde, dass man sich nicht mehr traut, es zu benutzen.

Irgendwie zieht es mich immer wieder dorthin. Auch wenn ich niemand mehr aus meiner Familie dort besuchen kann. Die beiden letzten Reskis in Ostpreußen werden vom Himmel auf mich blicken.

19. Juli 1992

Montag, 20. Juli 2015

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Hier auf dem Bild (ja, liebe Fotofreaks, Ihr müsst jetzt stark sein: nichts als iPhone-Knipserei): Mitglieder der Antimafia-Bewegung Agende rosse, die vor dem Justizpalast von Palermo hinter der Absperrung stehen und „Die Mafia raus aus dem Staat“ brüllen, während Minister und andere hohe Staatsbeamte wieder in ihre gepanzerten Limousinen steigen – nach dem Festakt, mit dem man der Ermordung des Staatsanwalts Paolo Borsellino und seiner fünf Leibwächter gedachte.

Gestern, am 19. Juli jährte sich in Palermo zum 23. Mal ein Attentat, dessen Logistik zwar bekannt ist, die Hintergründe aber trotz jahrzehntelanger und vor kurzem wieder aufgerollter Prozesse bis heute nicht aufgeklärt sind. Auftraggeber und Handlanger laufen bis heute frei herum, insofern sie nicht gnädigerweise bereits verstorben sind – wie etwa der Polizeichef und Geheimdienstagent Arnaldo La Barbera, der im höheren Auftrag dafür sorgte, dass falsche Mafiaaussteiger konstruiert wurden, die sich der Mittäterschaft am Attentat bezichtigten.

Wer von staatlicher Seite für diese enorme Irreführung  verantwortlich ist, wissen die Italiener bis heute nicht. Ein paar Hintergründe dazu auch hier und hier. Bekannt ist nur, dass die beiden Attentate, gegen Borsellino und gegen seinen Freund Giovanni Falcone, der 57 Tage zuvor ermordet wurde – nicht irgendwelche Mafia-Attentate waren, sondern DIE Mafia-Verbrechen, die Italiens politische Geschicke bis heute bestimmen. Und deshalb kann der Mut und die Bestimmtheit, mit der Salvatore Borsellino, der Bruder des ermordeten Staatsanwalts, weiter für Gerechtigkeit kämpft, gar nicht genug gewürdigt werden.

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Dies um so mehr, als sich in diesen Tagen in Palermo wieder mal zeigte, dass sich nichts geändert hat: Lucia Borsellino, Tochter von Paolo Borsellino und bis vor kurzem in der sizilianischen Regionalregierung zuständig für das Gesundheitswesen,  solle „um die Ecke gebracht werden wie ihr Vater“ – habe Matteo Tutino, der inzwischen wegen Betrugs inhaftierte plastische Chirurg und Leibarzt des Regionalpräsidenten Renato Crocetta in einem abgehörten Telefonats mit Crocetta (PD)  laut Espresso gesagt – und Crocetta, seinerseits enger Freund von Tutino, habe nicht etwa protestiert, sondern geschwiegen.

Danach kam es zu großem Hin und Her, die Staatsanwaltschaft Palermo bestritt die Existenz diesesr Telefonmitschnitts, der Espresso bestätigte sie, Crocetta weinte (erst), trat dann ein bisschen zurück, verabschiedete sich aber schnell wieder von diesem kühnen Gedanken und widersprach der Staatsanwaltschaft, indem er sich an die Existenz des Telefonats zu erinnern glaubte, nicht aber, daran teilgenommen zu haben.

Beim Festakt für seinen ermordeten Vater hielt Manfredi Borsellino eine bewegende Rede, in deren Verlauf er immer wieder in Tränen ausbrach – und am Ende vom Staatspräsidenten Sergio Mattarella umarmt wurde.

Ja, an Inspiration fehlt es hier nicht, in Palermo.

On the road again.

Samstag, 18. Juli 2015

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Jedes Mal, wenn ich das Wort Sicilia höre, muss ich an meine allererste Reise von Kamen nach Corleone denken, als ich mich mit einer kruden Mischung aus Französisch und Langenscheidt-Wörterbuch verständlich zu machen versuchte und erstaunt feststellte, dass man nicht Sizilia sagt, sondern Sssischilja. Oder: Ssitschilja, je nachdem, wo man ist.

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Etwa hier in Ortigia, der Wachtelinsel (schönes Wort!)

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unweit von Syrakus. Ein kleiner Trip, mit dem ich mich belohne, nachdem ich wieder an der Wasseroberfläche aufgetaucht bin: Mein neues Buch, „Die Gesichter der Toten“ ist fertig, hurra, hurra, hurra!

Für das Reisen in Sizilien gilt: Du weißt, wann du wegfährst, aber nicht, wann du ankommst. Von Syrakus aus habe ich mich nach Palermo durchgeschlagen, im besten Sinne des Wortes, denn seitdem auf der Autobahn zwischen Palermo und Catania eine Autobahnbrücke zusammengebrochen ist, ist Sizilien praktisch zweigeteilt. Hinzu kommt, dass sich die sizilianischen Verkehrsbedingungen seit den Bourbonenzeiten nicht wesentlich weiterentwickelt haben, das Eisenbahnnetz ungefähr auf dem Stand von Mali oder dem Sudan ist (wahrscheinlich beleidigend, für Mali und den Sudan) – was vor allem der mächtigen Buslinien-Lobby zu verdanken ist (nur so ein Detail: ein großer Busunternehmer ist der Bruder des zur Zeit in Haft befindlichen ehemaligen sizilianischen Regionalpräsidenten Cuffaro), weshalb ich von Syrakus nach Catania im Bus fuhr (eine Stunde),

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in Catania den Zug nahm (am Bahnhof der zweitgrößten sizilianischen Stadt: ein einziger Fahrkartenautomat und eine kilometerlange Schlange vor zwei geöffneten Schaltern), und

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herausfand, dass die zusammengebrochene Autobahnbrücke mehr Segen als Fluch war, nicht nur weil dadurch mehr und  auch schnellere Züge eingesetzt wurden, und ich in der Rekordzeit von fast drei Stunden für 225 Kilometer von Catania nach Palermo reiste, sondern auch weil ich während der Fahrt Ideen für mindestens drei Bücher fand.

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Eine Reise nicht nur durch Raum (Enna, Caltanissetta), sondern auch

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durch Zeit,
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auch weil das Pfeifen der Lokomotive klingt wie eine Dampflok in alten Western.

Kaum war ich in Palermo angekommen, kündigte Regionalpräsident Crocetta seinen Rücktritt an – aber dazu demnächst mehr.

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Alternativlos.

Montag, 13. Juli 2015

Und jetzt auch noch die Reski zu Griechenland. Ja, liebe Freunde dieses Blogs, da müsst Ihr jetzt durch! Ich habe mich bislang bis auf ein kleines Post zurückgehalten. Aber jetzt muss ich mal kurz was loswerden, was mich schon seit Wochen umtreibt: Das Griechen-Bashing erinnert mich unangenehm an das Beppe-Grillo-Fünfsterne-Bewegung-Bashing, über das ich mir in diesem Blog schon völlig folgenlos die Finger wund geschrieben habe.

Das mediale Griechen-Bashing ist ja inzwischen derart salonfähig geworden, dass es niemand mehr bemerkt. Obwohl, ein paar schon. Niggemeier zum Beispiel. Oder Harald Staun, der sich in der FAS gewundert hat:

Es fällt nicht schwer, in diesen hocherhitzten Tagen, das Versagen der deutschen Medien zu diagnostizieren; es reicht, eine beliebige Nachrichtensendung einzuschalten. Was sich in der Berichterstattung über die Eurokrise offenbart, ist ein Verhalten, das sich jedoch mit den üblichen Begriffen der Medienschelte nicht beschreiben lässt: Was sich artikuliert, ist nicht einfach die Manifestation einer politischen Tendenz (die gibt es auch) oder gar eine ideologische Agenda. Was man mitansehen muss, ist nicht nur die nahezu komplette Abwesenheit von Kritik, sondern ein Journalismus, der die Ziele der herrschenden Politik bereits vollständig verinnerlicht hat. Es gibt kaum noch ein Außen in dieser Berichterstattung; die Unumstößlichkeit der politischen Ordnung ist ihr Naturgesetz. Der einzige Dissens, den sie noch kennt, ist eine Uneinigkeit über die Frage, wie man ein Land, welches diese Ordnung in Frage stellt, wieder auf Kurs bringt.

Griechenland ist nur dann gut, solange es sich so benimmt, wie es sich die Deutschen in ihren Retsina-Moussaka-Santorin-Träumen vorstellen: die griechische Fiktion also, schrieb Claudius Seidl in der FAZ. Auch von Italien wird nichts anderes als die italienische Fiktion erwartet, seit Jahrzehnten arbeiten deutsche Korrespondenten daran, das Märchen eines Landes zu erhalten, das zwar einerseits hochverschuldet ist und von der Mafia aufgefressen wird, andererseits aber tapfere Linke  Sozialdemokraten Opportunisten PD-Politiker hervorgebracht hat, die jahrzehntelang erfolglos aber unverdrossen gegen den bösen, bösen B. und damit auch gegen die Mafia gekämpft haben – und jetzt Gott sei Dank wieder am Schalter der Macht sitzen: Ist er nicht süß, dieser kleine Mr. Bean? Dass Mr. Bean mit dem bösen, bösen B. kungelt – wie seine Partei seit Jahrzehnten, und die PD mit der Mafia genauso eng verbandelt ist wie Berlusconis Partei samt ihrer Klone, Renzi in Italien überdies nichts außer seinen Versprechen verschrottet hat, kommt in Deutschland nicht an.

In Italien versickern unendlich viele europäische Fördergelder – oder besser: Sie fließen direkt in die Taschen der Mafia – aber der einzige, der das jemals ausgesprochen hat, vor dem europäischen Parlament in Brüssel, war natürlich nicht B., aber auch nicht Renzi, nicht Letta, nicht Monti, nicht der von den deutschen Medien hochgelobte ehemalige Staatspräsident Napolitano, sondern der „Krawallpopulist“, „Fundamentaloppositionelle“ und „Clown“ Beppe Grillo. Und nach ein paar Klicks fiel mir auch noch diese Perle in den Schoß, gefunden in der SZ, als sie zähneknirschend verkünden musste, dass die Fünfsterne-Bewegung bei den italienischen Kommunalwahlen im Frühjahr zweitstärkste Partei wurde, was die SZ in ihrer Vasallentreue zum italienischen Polit-Establishment aber nicht irritierte :

Wohltuend hob sich da Premier Renzi ab. Er verzichtete auf polemische Angriffe auf Brüssel und Berlin. Renzi ist dabei keineswegs mit allem einverstanden. Auch er möchte die strikte Sparpolitik zugunsten von mehr Wachstum lockern und Europa „humaner“ machen. Von Ton und Inhalt her wagte es Renzi aber, einen proeuropäischen Wahlkampf zu führen. Sein großer Erfolg stärkt ihn für kommende Aufgaben: Im Juli übernimmt Italien die Ratspräsidentschaft der EU.

Ja, so hätten wir Italien gern. Und wenn nicht, und die Italiener am Ende auf die Idee kommen sollten, eine andere Partei als die zu wählen, mit der man sich in Deutschland seit langem arrangiert, dann wird eben der Hahn zugedreht. So geht europäische Politik. Da muss man sich nicht wundern, dass der europäische Gedanke völlig den Orkus heruntergegangen ist. Revanchistische Gefühle gegenüber Deutschland sind wieder salonfähig. Deutschland hat all denen die beste Rechtfertigung geliefert, die in ihren Ländern nichts ändern möchten: Das deutsche Gespenst eignet sich bestens dazu, von den wahren Problemen abzulenken. Praktisch alternativlos. Sozusagen.

Ein Land betoniert sich zu

Sonntag, 12. Juli 2015

Jetzt mal wieder etwas in eigener Sache: Italien+Kulturgüter, erschienen letzte Woche in der ZEIT.

Verbrecher auf Sommerfrische

Mittwoch, 08. Juli 2015

Gestern wurde die Verhaftung von acht ‘Ndranghesti am Bodensee bekannt gegeben, was die deutschen Medien wieder mal in großes Erstaunen versetzte: Ist es denn möglich? Die Mafia? Bei uns?

Besonders hat mir ein Satz gefallen, der in der FAZ zitiert wurde: „Das sind häufig Personen, die hier unauffällig leben, die aber in Italien Straftaten begehen“, sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes in Stuttgart. Will sagen: No sweat, Leute, bei uns benehmen sich die Mafiosi anständig! Ganz abgesehen von dem Detail, dass diese Ermittlung, die den schönen Namen „Rheinbrücke“ trägt, schon eine etwas längere Vorgeschichte hat – die ersten Verhaftungen gehen zurück auf das Jahr 2010 und 2011, die Operation Crimine, dazu auch hier und hier, ist die Überraschung wieder mal groß. Ungefähr so wie bei Kindern, die jedes Mal aufs Neue schreien, wenn der Kasper aus der Kiste springt, obwohl sie das Stück schon zehn Mal gesehen haben.

Und obwohl der von mir geschätzte Staatsanwalt Nicola Gratteri selbst in der FAZ kein Blatt vor den Mund nimmt und ziemlich klar zu verstehen gibt, dass die Existenz der Mafia in Deutschland verdrängt und verleugnet wird. wird jetzt heftig gerudert. Gebetsmühlenartig wird die Formel vom „Rückzugsraum“ wiederholt, und wenn das nichts nützt, dann heißt es etwas naiv: „Die Verdächtigen sollen das Modell der kalabrischen Mafia ‚Ndrangheta kopiert haben“.

Deshalb dachte ich, dass es ganz nützlich wäre, meinen TAZ-Artikel online zu stellen, den ich im April geschrieben habe.

Verbrecher auf Sommerfrische

VERDRÄNGUNG

Unsere Autorin recherchiert seit Jahren über die Mafia und was sie in Deutschland treibt. Ihre Diagnose: Wir sehen das zu locker

VON PETRA RESKI

Die Geschichte der Mafia in Deutschland ist eigentlich ein Fall für den Psychotherapeuten. Ein ziemlich spannender Fall von Verdrängung.

Im Grunde müsste man sie alle auf die Couch legen: die großen Bauunternehmer, die wissen, dass dieser Subunternehmer den Bauauftrag zu diesen Dumpingpreisen unmöglich mit legalen Mitteln ausführen kann. Die Bankdirektoren, die ihre Geldwäschebeauftragten anweisen, angesichts der prekären Wirtschaftslage in diesem strukturschwachen Gebiet bei diesem Investor bitte mal ein Auge zuzudrücken. Die Unternehmer, die mit einem stadtbekannten Boss der ’Ndrangheta Exkursionen nach Kalabrien machen, um mit ihm Geschäftliches zu besprechen. Die Politiker, die das Catering für ihre Wahlparty von dem befreundeten aktenkundigen italienischen Gastronomen sponsern lassen und ihm dafür günstige Darlehen des Bundes verschaffen. Die Bürgermeister, die angesichts der Investition von Mafiageldern in ihrer Innenstadt ihre Augen verschließen. Die Rechtsanwälte, Finanzberater und Bankiers, die dabei behilflich sind, das schmutzige Geld in den legalen Geldkreislauf einzuschleusen. Die Linken und die Liberalen, die von der Existenz der Mafia auch nichts wissen wollen, weil sie dann ihre heilige Kuh vom Überwachungsstaat schlachten müssten. Kurz: Deutschland ignoriert die Mafia bewusst, weil Deutschland von der Mafia profitiert.

Bis heute habe ich noch keinen einzigen Politiker in Deutschland gehört, der das Thema „Mafia“ in den Mund genommen hätte, ohne sogleich das Wort „Rückzugsraum“ dranzukleben: Ja, es mag sein, dass es hier so etwas wie Mafia gibt – die ist aber nicht aktiv, eher so auf Sommerfrische: Keep cool, it’s only the mob. Godfathers on holiday. Don’t worry.

Acht Jahre nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen, und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-win-Situation. Es sind die Mafiosi selbst, die die Deutschen in der Überzeugung bestärken, dass die Mafia nur ein italienisches Problem sei. Genauer gesagt: ein süditalienisches Problem. Die Mafia existiere nur in rückständigen, süditalienischen Dörfern. Die wirkliche Mafia jedenfalls. Also die Mafia, die metzelt und Autos in die Luft jagt und Schutzgeld erpresst und Politiker besticht. Alles andere sei vielleicht so etwas wie organisierte Kriminalität – aber keine Mafia. Entspannt euch, liebe Deutsche! Eure Gesetze sind zu streng, und ihr seid zu gesetzestreu, als dass die Mafia bei euch wirklich Fuß fassen könnte!

Und wenn sich die Wirklichkeit in den Weg wirft, greift man in die Kiste mit der Schmutzwäsche: Denn was waren denn die Mafiamorde von Duisburg, denen sechs Menschen zum Opfer fielen? Letztlich doch nur Italiener, die andere Italiener erschossen haben, oder? „Die unmittelbare Drohung und die Ausübung von Gewalt richten sich nach polizeilichen Bewertungen vorwiegend gegen italienische Landsleute“, verkündete die Düsseldorfer Landesregierung nach den Morden auf eine Große Anfrage zur Bedrohung Nordrhein-Westfalens durch die Mafia. So beschwichtigte sie die aufgeschreckten Bürger und schmetterte Kritik der SPD-Opposition ab, die die Große Anfrage gestellt hatte. Wer noch Zweifel hatte, dem wurde mitgeteilt: „Die Landesregierung hat keine Anhaltspunkte dafür, dass der Standort Deutschland eine besondere Attraktivität für eine zukünftige nationale Ausbreitung der italienischen OK aufweist.“ Kaum war die SPD wieder an der Regierung, wurde im Düsseldorfer Parlament nicht mehr von der Mafia gesprochen. Sonst hätte man ja gegen sie vorgehen müssen.

Die Antwort der Düsseldorfer Landesregierung erinnert an jenes ferne Italien, in dem die Mafia noch geleugnet werden konnte. In den sechziger Jahren wurde in Palermo das Bonmot des Kardinals Ernesto Ruffini berühmt, der sagte: „Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?“, und sie Papst Paul VI. gegenüber als quantité négligeable herunterspielte. Eine Bande von Kleinkriminellen, von den Kommunisten erfunden, um Sizilien, die damalige Regierungspartei Democrazia Cristiana und die ihr verbundene Kirche zu diskreditieren. Und als der Boss Gerlando Alberti in den siebziger Jahren in Mailand verhört wurde, fragte er: „Mafia? Was soll das sein? Eine Käsesorte?“ Der Boss wusste, dass die Norditaliener damals noch glaubten, gegen die Mafia gefeit zu sein. Sie galt ausschließlich als Geißel Süditaliens – so wie sich das bis heute viele wünschen, in Italien und in Deutschland.

Als ein tapferer Reporter der Augsburger Allgemeinen im Frühjahr 2014 in Kempten, einer langjährigen Hochburg der Mafia im Allgäu, die Geschichte von den 1,6 Kilo Kokain im Spind des Drogenfahnders ans Licht brachte, gaben sich alle erstaunt: Wie? Mafia in Kempten? Der Innenminister drohte „sorgfältigste Ermittlungen“ an, man bangte um die Gefühle der in Kempten lebenden Italiener und versuchte sich damit zu trösten, dass der Drogenfahnder die 1,6 Kilo Kokain nur zu Schulungszwecken in seinem Spind aufbewahrt habe, die Mafia in Kempten eigentlich Geschichte sei. Das Ganze sei also nichts als ein bedauerlicher Einzelfall, auch weil in Kempten ohnehin andere kriminelle Banden der Mafia Konkurrenz machten. Inzwischen ist der Drogenfahnder zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden – wegen Drogenbesitzes, gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung seiner Ehefrau. Die Herkunft des Kokains: bleibt weiterhin ungeklärt.

Im September 2014 dokumentierte ein Polizeivideo ein Geschäftstreffen kalabrischer Mafiabosse in einem Schweizer Landgasthof: Man sieht übergewichtige Herren, die mehr oder weniger lustlos die Begrüßungsformeln herunternudeln und den Generationswechsel anstreben – und dabei an die zur Bequemlichkeit neigende Jugend appellieren: „Wir haben uns unsere Namen gemacht, jetzt seid ihr an der Reihe! Wer arbeiten will, kann arbeiten! Es gibt Arbeit für alle: Erpressungen, Kokain, Heroin! Zehn Kilo, zwanzig Kilo, ich bring sie euch persönlich vorbei.“ Das Treffen der in Deutschland und der Schweiz ansässigen Bosse wurde Gegenstand einer Ermittlung, die eine Fortsetzung von zwei großen Ermittlungsaktionen war: „Crimine“ und „Crimine 2“, in deren Verlauf in den Jahren 2010 und 2011 mehr als 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden. ’Ndrangheta-Zellen wurden in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz entdeckt. Im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz, in Singen, Rielasingen und Radolfzell, in Ravensburg und Frankfurt, aber auch in Frauenfeld und Zürich wickelten seit Jahrzehnten ansässige, voll funktionstüchtige Clans ihre Geschäfte ab: Waffen- und Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution, Giftmüll. Die kalabrische ’Ndrangheta dominiert den Kokainhandel weltweit.

Interessant für die italienischen Ermittler der „Crimine“-Operation war die Rivalität zwischen den Clans in Frauenfeld und Zürich und jenen in Deutschland: Die größte Sorge des Bosses Bruno Nesci im deutschen Singen – eines bis dahin unverdächtigen Bäckers – war nicht etwa die deutsche Polizei, auch nicht die italienische, sondern „Ntoni lo svizzero“, der Anführer der konkurrierenden Clans in der Schweiz: Denn die „Schweizer“ seien kurz davor, ein weiteres „locale“ in Frankfurt zu gründen, was Nescis Macht verwässert hätte. Deshalb kam es zwischen den Bossen in Deutschland und der Schweiz zu frenetischen Telefonaten, hektischen Reisen zum Mutterhaus im kalabrischen Rosarno und regelmäßigen Lagebesprechungen in Bars und Pizzerien. Bei einem Treffen in einem Landgasthof in Wängi unweit von Frauenfeld ging es um die dringende Frage, ob diese Zelle tatsächlich berechtigt sei, zwei Clanmitgliedern einen höheren Rang zu erteilen.

An der Geduld, mit der sich die Bosse ihren verzwickten Hierarchiefragen widmeten, lasen die italienischen Ermittler nicht nur ab, wie sicher sich die ’Ndrangheta-Clans in der Schweiz und in Deutschland fühlten, sondern auch, dass es hier um eine langfristige Investition in die Zukunft gehen sollte: das Territorium abzustecken. Und dabei soll es ruhig zugehen. Morde, wie zuletzt im hessischen Nierstein, sind extrem kontraproduktiv: „Restaurant-Besitzer mit 14 Schüssen hingerichtet: Nachbarn vermuten die Mafia hinter der Tat“, schrieb die Bild am Sonntag . „36-jähriger Tatverdächtiger festgenommen“, schrieb das Wormser Wochenblatt . Fundort der Leiche: die Pizzeria La Casa in Nierstein. Tatzeit: die Nacht zum dritten Advent. Die Soko Casa kam zum Einsatz, Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium verkündeten umfangreiche Ermittlungen: Ja, sowohl das Umfeld des 36 Jahre alten italienischen Tatverdächtigen, der in Deutschland aufgewachsen sei, als auch das des 51-jährigen Getöteten werde abgeklärt. Nein, der Tatverdächtige habe sich nicht zur Sache eingelassen. Ja, der Sachverhalt sei von allgemeinem Interesse. Nein, Einzelfragen würden nicht beantwortet. Mord, Pizzeria, Italiener: „Das war kein Überfall, das war eine Hinrichtung. Wie bei der Mafia“, sagen die Anwohner zur Bild am Sonntag, die sich schaudernd an die Mafiamorde von Duisburg erinnerte. Ende März wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Mainz nun gegen den 36- Jährigen ermittelt, es gebe allerdings „wenige Erkenntnisse zu den Hintergründen der Tat“, schrieb die Mainzer Allgemeine Zeitung .

Ruhe ist oberste Bürgerpflicht. Nicht nur aus Sicht der Politik, sondern auch aus Sicht der Mafia – die nie ein Fremdkörper ist, sondern sich bis zur Unkenntlichkeit der Gesellschaft anpasst, in der sie lebt. Die Bosse wissen, dass man zwar in Kalabrien, Sizilien oder Neapel die Bürger mit Gewalt einschüchtern kann, in Deutschland die gleiche Taktik jedoch extrem kontraproduktiv wäre. Also versuchen sie vor allem zwei Vorurteile am Leben zu halten, mit denen sie vielen Deutschen entgegenkommen: dass die Mafia lediglich eine Art lichtscheues Gesindel sei, also eine Verbrechensorganisation, die irgendwo im gesellschaftlichen Unterholz ihr Unwesen treibt, anders als die Guten, Anständigen, Rechtschaffenen. Und dass sich die Mafia darauf beschränke, ihre kriminellen Geschäfte in ihrem Ursprungsland zu betreiben und Deutschland nicht als „Aktionsraum“, sondern immer nur als „Ruheraum“ zu nutzen, vor dem nächsten Einsatz als Killer in San Luca oder Corleone, weil wir Demokraten über genügend Antikörper verfügen, um die Ausbreitung der Mafia aufzuhalten.

Übrigens versucht man selbst in Italien die Mafia noch zu verdrängen, zumindest außerhalb ihrer Ursprungsregionen. Was auch nicht immer klappt. 2014 wurden allein drei gigantische Mafia- und Korruptionsskandale bekannt: In Mailand wird die Expo von der ’Ndrangheta aufgefressen, in Venedig wurde die Bestechungsaffäre um die Hochwasserschleuse „Mose“ enthüllt, in die hundert Politiker und hohe Beamte verwickelt sind, und in Rom zeigte der jüngste Mafiaskandal, dass in der Hauptstadt so gut wie jeder öffentliche Auftrag von den Bossen kontrolliert wurde: rechte und linke Politiker Seite an Seite am Tisch mit den Bossen. Die Mafia verdient in Rom an der Müllabfuhr, an der Instandhaltung von Parks, an der Verwaltung und dem Management von Kindergärten, an Notunterkünften für Flüchtlinge, an Roma-Camps.

Die römische Mafia-Ermittlung trägt den schönen Namen „Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat die wohl passendste Definition der Mafia der Moderne lieferte: „Das ist die Theorie der Zwischenwelt. Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten, und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“

Es vermischt sich nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland, wo die Mafia seit den sechziger Jahren heimisch ist. Die sizilianische Cosa Nostra, die kalabrische ’Ndrangheta und die kampanische Camorra. Konkurrenz zwischen den einzelnen italienischen Mafiaorganisationen gibt es nicht. Der deutsche Kuchen reicht für alle. Dass sich daran nichts ändert, dafür sorgt die deutsche Gesetzeslage, die, wie zahlreiche italienische Antimafia-Staatsanwälte immer wieder betonen, ein Einladungsschreiben an die Mafia ist.

Mafiazugehörigkeit ist kein Strafdelikt: Anders als in Italien, wo die alleinige Zugehörigkeit bereits bestraft wird, muss in Deutschland die konkrete Vorbereitung einer Straftat nachgewiesen werden. Will sagen: Okay, du bist vielleicht ein Mafioso, aber solange du hier legal lebst, mit deinem Geld, das du mit Mord, Prostitution, Giftmüll, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel verdient hast, ist das kein Problem für uns. Vor allem nicht, wenn du dein Geld in die deutsche Wirtschaft einfließen lässt; etwa, indem du einen Bahnhof baust oder ein Stadtviertel hochziehst oder eine marode ostdeutsche Innenstadt renovierst, kein Problem, wir fragen nicht nach, woher das Geld kommt, dafür haben wir die Beweislastumkehr: Der Polizist muss nachweisen, dass dein Geld aus schmutzigen Quellen stammt; aber mach dir keine Sorgen, der Polizist kann nicht einfach auf Verdacht ermitteln, anlassunabhängige Finanzermittlungen sind in Deutschland nicht erlaubt.

Abhören ist praktisch unmöglich und Beschlagnahmung von Mafiagütern nur theoretisch möglich, praktisch aber nicht, denn anders als in Italien, wo bereits Güter beschlagnahmt werden können, wenn nur der Verdacht auf Mafiazugehörigkeit besteht, kann das in Deutschland erst dann geschehen, wenn ein definitives, letztinstanzliches Urteil wegen Mafiazugehörigkeit vorliegt. Was bei Mafiosi, die seit vierzig Jahren in Deutschland leben und gegen die in Italien nicht ermittelt wird, nicht der Fall ist.

Aber nicht nur italienische Strafverfolger wundern sich, auch deutsche: „Für die Verbrecherkartelle ist Deutschland das gelobte Land, weil unsere Justiz die Aktivität der Mafia völlig unterschätzt“, schrieb Egbert Bülles, der langjährige Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität des Kölner Justizzentrums, in seinem Buch „Deutschland Verbrecherland?“. „Das liegt unter anderem an den deutschen Strafverfolgern, speziell an den Landeskriminalämtern, die beharrlich islamistische Terroristen verfolgen, kriminelle Organisationen wie die Mafia aber weniger auf dem Schirm haben. Dabei wäre es gut, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.“ Seit dem 11. September 2001 wurden viele Beamte aus den Abteilungen für Organisierte Kriminalität abgezogen, um sich um das zu kümmern, was die Staatsanwälte hinter vorgehaltener Hand „Bärtige belauern“ nennen.

Der Mafia ist das nur recht. Zumal sie die meisten Journalisten auch nicht fürchten muss. Und die renitenten kann sie sich mit dem Presserecht vom Leib halten. Mit der vermeintlichen Verletzung des Persönlichkeitsrechts lassen sich nicht nur Berichte über mutmaßliche Stasi-Kontakte eines Politikers stoppen, sondern auch über Mafiosi und ihre Verbindungen in Politik und Wirtschaft. Wer gegen einen Artikel oder ein Buch klagen will, kann sich das Gericht und sogar den Richter aussuchen – und wendet sich dabei an Gerichte, die für ihre Pressefeindlichkeit bekannt sind. Ende der Berichterstattung. Als mein Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ erschien, verklagten mich mehrere italienische Gastronomen – und weder diverse BKA-Berichte, Aussagen hochrangiger Antimafia-Ermittler noch kiloweise Ermittlungsunterlagen italienischer und deutscher Staatsanwaltschaften reichten aus, um die Gerichte zu überzeugen, dass die eigentliche Aufgabe eines Journalisten in der Verdachtsberichterstattung besteht – und nicht darin, lediglich erfolgte Urteile zu referieren. Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.

Aber oft müssen sich die Mafiosi in Deutschland nicht mal die Mühe einer Klage machen: Viele Journalisten sind der Faszination für das Verbrechen erlegen und halten es für einen Scoop, wenn sie einen Boss interviewen und dabei nicht merken, dass sie als Lautsprecher für die Mafia benutzt werden.

Das, was der römische Mafioso als „Zwischenwelt“ bezeichnete, haben Palermos Antimafia- Staatsanwälte schon vor vielen Jahren in einer Ermittlung beschrieben, die den Namen „Kriminelle Systeme“ trug – und bezeichnenderweise im Jahr 2001 archiviert wurde. Die Staatsanwälte stellten die Bildung von Kartellen fest, die aus einem Netzwerk aus Politikern, Unternehmern und Mafiosi bestehen – die über sogenannte Scharnier-Personen kommunizieren: Die Politiker verwalten die öffentlichen Gelder und die Verwaltungsgenehmigungen. Die Unternehmer kontrollieren den Zugang zum Markt, die Mafiosi waschen illegales Kapital und stellen ihr Gewaltpotenzial zur Verfügung, um die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die man mit normalen Mitteln nicht beseitigen kann.

Diese kriminellen Systeme haben sich in den vergangenen Jahren bestens entwickelt: Die Mafia ist zu einem internationalen Anbieter von illegalen Gütern und illegalen Dienstleistungen geworden, für die seit der Globalisierung der Wirtschaft eine unendlich große Nachfrage besteht – von Millionen anständiger Bürger, denen die Mafia nicht nur Güter wie Prostituierte, Kokain, Kinderpornomaterial, Waffen und billige Arbeitskräfte liefert, sondern auch Dienstleistungen: Sie bietet Investitionskapital an, falsche Rechnungen, mit denen Steuern gespart werden können, illegale Giftmüllbeseitigung und Unterstützung bei der Vermittlung öffentlicher Aufträge, beim Erreichen von Verwaltungsgenehmigungen.

Und damit sind wir beim Kern angelangt, dem Verhältnis zwischen Politik und Mafia. Ohne Ansprechpartner in der Politik ist die Mafia ein Fisch auf dem Trockenen. Oder wie es der abtrünnige Boss Antonio Giuffrè sagte: „Mafia und Politik verhalten sich zueinander wie Fisch und Wasser. Es gibt kein Wasser ohne Fische. Und keinen Fisch ohne Wasser.“ Das klingt einleuchtend, ist aber das größte Tabu, bis heute. Der 1992 ermordete Staatsanwalt Paolo Borsellino sagte: „Politik und Mafia sind zwei Mächte, die auf demselben Territorium leben. Entweder sie bekriegen sich. Oder sie einigen sich.“ Meistens einigen sie sich. Und wer auf die unglückselige Idee verfällt, an der Nahtstelle zwischen Mafia und Politik zu kratzen, hat ein Problem: Journalisten werden verklagt, verleumdet und bedroht. Das Gleiche gilt für Staatsanwälte. Sie werden gefeiert, solange sie Mafiosi verhaften. Wenn sie sich aber an einem Politiker vergreifen, der mit der Mafia zusammenarbeitet, ist ihre Karriere zu Ende – im günstigsten Fall.

In Palermo läuft zurzeit der Prozess der sogenannten Trattativa: ein Prozess, der klären soll, ob Politiker und hochrangige Staatsbeamte Anfang der neunziger Jahre mit der Mafia verhandelten – und die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino möglicherweise opferten, weil deren Ermittlungen diese Verhandlungen störten. Seit Prozessbeginn werden die prozessführenden Staatsanwälte massiv bedroht. Der Boss Totò Riina rief sogar aus dem Gefängnis zum Mord am Chefermittler Nino Di Matteo auf. Seitdem besteht Di Matteos Leibwache aus 42 Carabinieri: Neun, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt mit drei gepanzerten Limousinen unterwegs ist. Ein abtrünniger Mafioso enthüllte vor kurzem, dass die Vorbereitungen für das Attentat bereits ganz konkret sind: Er selbst habe 150 Kilo Sprengstoff für das Attentat an Nino Di Matteo besorgt.

Sinn der mafiosen Drohungen ist, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen und dafür zu sorgen, dass die Beteiligten an der Trattativa weiterhin schweigen – was bestens funktioniert. Von den italienischen Politikern kam kein Wort der Solidarität für Nino Di Matteo, keine Anteilnahme, nichts. Der redselige Ministerpräsident Matteo Renzi hat einen winzigen Tweet für den bedrohten Staatsanwalt übrig, und der ehemalige Staatspräsident Napolitano erwirkte, dass Tonbänder gelöscht wurden, die ein Gespräch zwischen ihm und einem wegen Zusammenarbeit mit der Mafia unter Anklage stehenden ehemaligen Innenminister dokumentierten, in dem es vermutlich um die Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia ging.

Jetzt könnte man sagen: Gott sei Dank sind wir in Deutschland noch nicht so tief gesunken. Schließlich gab es hier noch keinen Prozess gegen einen Politiker, dem vorgeworfen wurde, mit der Mafia zusammenzuarbeiten! Sicher, die Mafia hat in Italien einen enormen Entwicklungsvorsprung, dort existiert sie seit 160 Jahren, in Deutschland erst seit vierzig Jahren. Und, ja, vielleicht sind die deutschen Politiker tatsächlich so sauber und edelmütig, wie wir sie uns wünschen. Vielleicht mag aber auch eine Rolle spielen, dass die deutschen Staatsanwälte im Unterschied zu den italienischen weisungsgebunden sind: Justizminister und Regierungsmitglieder, kurz: die Politik, kann Einfluss auf die Strafverfolgung nehmen. Eines betrifft jedoch Deutschland genau wie Italien: Ein Gerichtsurteil kann die moralische Verantwortung des Einzelnen nicht ersetzen. Ein Politiker, der Kontakte zu Bossen pflegt, ist nicht deshalb anständig, nur weil gegen ihn noch kein Urteil vorliegt.

Die Mafia existiert also nur so lange, wie die Guten, Anständigen, Rechtschaffenen mit ihr zusammenarbeiten. Nicht die Geheimniskrämerei, nicht die Verschwiegenheit, nicht die Gewalt garantieren der Mafia ihr Überleben, sondern Verdrängung, Heuchelei und: Unwissenheit. Deshalb ist auch die Mafiafolklore bis heute so beliebt. Solange die Märchen von den Ehrenmännern erzählt werden, die keine Kinder und keine Frauen ermorden, tut das niemandem weh. Die frommen Phrasen vom Erzengel Michael und vom angekokelten Heiligenbild sind schon lange kein Geheimnis mehr, und die Mafiosi sind dankbar, wenn Journalisten es übernehmen, die aus Rosenkranz-Beten, buddhistischem Mantra und dem Gelassenheitsgebet anonymer Alkoholiker zusammengerührten Aufnahmerituale zu verklären.

Aber das eigentlich Spannende bei der Beschreibung der Mafia sind die Lügen der Guten, Anständigen und Rechtschaffenen. Ihre moralische Fallhöhe. Diesen Lügen kommt man mit den Mitteln der Literatur besser bei als mit denen der investigativen Reporter. Deshalb schreibe ich jetzt Romane.

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Petra Reski ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt seit 1991 in Venedig und recherchiert über die Mafia. 2014 erschien ihr erster Roman – über eine Anti-Mafia-Staatsanwältin: „Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt“.

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 Acht Jahre nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies

Politiker verwalten das Geld, Unternehmer kontrollieren den Markt, die Mafiosi waschen illegales Kapital

 Die Mafia in Deutschland

Februar 2014: Ermittler suchen bei einer Großrazzia in Deutschland und Italien mit Hundestaffeln und Hubschraubern nach 27 Mitgliedern eines Clans aus dem sizilianischen Catania, denen neben Erpressung und Rauschgifthandel vorgeworfen wird, 1,5 Millionen EU-Agrarfördermittel von den Empfängern erpresst zu haben.

November 2013: Die HSH Nordbank wird durchsucht. Drei deutsche Geschäftsmänner sollen über eine Finanzierung der Bank für eine süditalienische Windkraftanlage geholfen haben, Gelder der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta zu waschen.

Januar 2013: 400 Ermittler nehmen bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen elf Verdächtige fest, die über Strohfirmen im Baugewerbe Schwarzarbeit und Steuerstraftaten mit einem Gesamtschaden von mehr als 30 Millionen Euro begangen haben sollen.

ZAHLEN

550 Mitglieder der italienischen Mafia sind Ermittlern in Deutschland bekannt Quelle: BKA

53 Milliarden Euro beträgt der geschätzte Jahresumsatz der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta in etwa 30 Ländern Quelle: Italienisches Forschungsinstitut Demoskopika

33 Ermittlungsverfahren liefen zwischen 2007 und 2013 gegen Mitglieder der italienischen Mafia in Deutschland Quelle: BKA

6 Menschen wurden 2007 – im Streit zweier verfeindeter Familien – vor einer Duisburger Pizzeria von Mafiosi erschossen Quelle: BKA

245 Millionen Dollar hat der Mafiafilm „Der Pate“ weltweit eingespielt Quelle: IMDb

27 Mal haben „FAZ“, taz, „SZ“ und „Spiegel“ seit 2013 über die Aktivitäten der italienischen Mafia in Deutschland berichtet Quelle: eigene Archiv-Recherche

Quelle: Tageszeitung 11.04.2015

© TAZ

Der Countdown läuft

Samstag, 13. Juni 2015

9783455404722

Ja, still alive and kicking, aber wegen DES BUCHS extrem absorbiert. Mit mir am Tisch sitzen Serena Vitale, Wolfgang W. Wieneke, Antonio Romano und noch ein paar andere, jeder will seine Geschichte loswerden, alle reden auf mich ein, und ich versuche so gut es geht, allen gerecht zu werden. Was nicht einfach ist. Der Countdown läuft. Mein neues Buch „Die Gesichter der Toten“ erscheint im September.

Und draußen vor der Tür läuft eine weitere Folge von Mafia Capitale, (weitere 44 Verhaftungen), man kommt kaum mehr nach, bei all den Skandalen, Bestechungen, Mafia-Verbindungen, Stimmenkäufen etc.pp. Von wegen verschrotten: Matteo Renzi ist auf Normalmaß geschrumpft, seine Regierungskoalition bröckelt, inzwischen ist Renzi so erpressbar wie seine Vorgänger.

Der senile B. kann ihn erpressen, der soeben gewählte kampanische Regionalpräsident Vincenzo De Luca auch – der laut Antikorruptionsgesetz bei den Wahlen eigentlich gar nicht hätte antreten dürfen (De Luca ist angeklagt wegen Korruption, Betrug und krimineller Vereinigung – was in Italien inzwischen wie eine Stellenausschreibung für ein politisches Amt klingt), sogar der glücklose einstige Berlusconi-Ziehsohn und jetzige Innenminister Angelino Alfano (seit der Pseudo-Abspaltung von Berlusconi ist Alfano Anführer eines so unbedeutenden und erfolglosen Parteichens, das nicht mal von Alfanos engsten Familienangehörigen gewählt wird) kann Renzi drohen – denn über Renzi schwebt das Fünfsterne-Gespenst: Bei den Regionalwahlen schnitt die Fünfsterne-Bewegung als zweitstärkste Partei ab.

Und in Venedig wird morgen ein neuer Bürgermeister gewählt: Stichwahl zwischen dem Unternehmer Luigi Brugnaro, einer Art kleinem Berlusconi (Lesern dieses Blogs werden sich an ihn erinnern, er wollte die Insel Poveglia kaufen), Anführer einer bunt gemischten Rechtskoalition, und dem Senator Felice Casson – den ich als Staatsanwalt geschätzt habe, der aber dann leider zur PD ging, der Partei, die für Venedigs Niedergang der letzten 20 Jahre verantwortlich ist. Und für den Mose-Bestechungsskandal – der im Übrigen auch ein Umweltskandal erster Güte ist, auch. Casson ist eine anständige Person. Aber die Frage ist, wie weit seine Partei ihm gestattet, anständig zu bleiben, als venezianischer Bürgermeister.

Ich wünsche mir nur, dass Venedig noch mal eine Chance hat, wiederbelebt zu werden. Nicht weiter totgetrampelt und verramscht und verpestet zu werden.

Ja, ja, ich weiß. Aber in Italien sagt man: Pensi il peggio, pensi bene. Nimm das Schlechteste an und du liegst richtig.