Kategorie: Italien

Ein toller Stoß.

Freitag, 26. August 2016

Nach dem Erdbeben ist vor dem Erdbeben, in Italien. Millionen für den Wiederaufbau, lese ich auf SPON – wenn man seit langem in Italien lebt, hat man diesen Satz schon öfter gehört, genauer gesagt, nach jedem Erdbeben. Das Geschäft läuft glänzend, für die Mafia, für die Bauindustrie – nur nicht für die Opfer der Erdbeben.

Nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert“ versucht man gar nicht mehr, den Zynismus dahinter zu verbergen: Auf Rai Uno konnten sich der Talkmaster Bruno Vespa und Graziano Delrio, Minister für Infrastruktur, gar nicht mehr einkriegen vor lauter Begeisterung über die Steigerung des Bruttosozialprodukts qua Erdbeben:

Vespa: „Ein toller Stoß für den Wirtschaftsaufschwung, wenn man bedenkt, was die Bauwirtschaft jetzt alles machen kann.“

Minister: „L’Aquila ist jetzt die größte Baustelle Europas und auch die Emilia ist eine riesig wachsende Baustelle, die das Bruttosozialprodukt steigern wird“

Vespa: „Wird einem Haufen Leuten Arbeit geben.“

In der ZEIT habe ich vor langer Zeit darüber geschrieben, was Erdbeben für Italien bedeuten. Der Text ist nach wie vor aktuell. Im Grunde muss man nur an die Stelle von L’Aquila „Amatrice“ setzen. Leider.

Wiederaufbau mit der Mafia

Aus der Geschichte wissen die Italiener: Der Gewinner eines Erdbebens ist immer die Mafia. Auch die Hilfsfonds zum Wiederaufbau von L’Aquila drohen zur Einkommensquelle verbrecherischer Kreise zu werden
Von Petra Reski
8. April 2009
Die Erde bebt noch und schon jetzt teilt sich die Mafia die Aufträge auf. So sagt man in Italien – und das nicht erst seit dem Erdbeben in den Abruzzen. Silvio Berlusconi hat ein erstes Hilfspaket von 30 Millionen Euro angekündigt, man erwartet auch EU-Gelder aus dem Solidaritätsfond für Naturkatastrophen – am Ende werden Milliarden von Euro nach Abruzzen strömen. Private Spenden und staatliche Gelder, regionale Zuschüsse und europäische Notstandsfonds: Ein langer, ruhiger Fluss, den die Clans in ihre eigenen Taschen umzuleiten gedenken.

Seit Jahrzehnten sind öffentliche Bauaufträge eine Einkommensquelle der Mafia – weshalb sie in der Bau- und Immobilienbranche immer schon zu Hause war. Was kann da Besseres passieren, als wenn eine ganze Region wieder aufgebaut werden muss? In der vom Erdbeben betroffenen Region sind laut Francesco Forgione, dem Präsidenten der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, vor allem die aus Kampanien stammende Camorra aktiv sowie die apulische Sacra Corona Unita, die jüngste und kleinste Mafia-Organisation.

Die historische Erfahrung hat die Italiener gelehrt, dass der Gewinner eines Erdbebens immer die Mafia ist. Auch dank dieser Naturkatastrophen gelang es ihr, zu „Italiens größtem Unternehmen“ aufzusteigen. Der Umsatz betrage mehr als sieben Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts, teilte der italienische Unternehmerverband mit.

Am 20. Januar 1968 zerstörte ein Erdbeben ein Drittel der Häuser im Belice-Tal in der sizilianischen Provinz Agrigent – ganz so, als hätte die Natur der ärmsten Provinz Italiens noch den letzten Stoß versetzen wollen. Als die Erde in jener Januarnacht bebte, starben 370 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser, rund 1000 wurden verletzt, 70.000 Menschen verloren ihre Bleibe. Ganze Dörfer waren von der Erde verschluckt worden, und in Partanna, Montevago und Santa Margherita di Belice zogen die Überlebenden in Notunterkünfte – in der Hoffnung, hier nur den Winter überstehen zu müssen. Aus einem Winter wurden für die meisten mehr als 25 Jahre. Das Belice-Tal verkörpert seither für ganz Italien die Macht der Allianz von Mafia und korrupten Politikern: Von jenen 2600 Milliarden Lire, die von der römischen Regierung damals für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt wurden, erreichte nur ein verschwindend kleiner Teil die Bedürftigen.

Das große Geld machte die Mafia. Sie übernahm das Baugeschäft, sicherte sich die privaten und öffentlichen Bauaufträge und wurde so zum größten Arbeitgeber im Belice-Tal. Wer Arbeit gibt, der kontrolliert auch Wählerstimmen. Das ist heute noch ein Naturgesetz in Süditalien. Dank der römischen Subventionsmilliarden konnte sich die bäuerliche Mafia des Belice-Tals zum politischen Faktor entwickeln. Wer wie die Erdbebenopfer in Partanna, Montevago oder Santa Margherita di Belice ein Vierteljahrhundert in Wellblechhütten und Pappcontainern überlebt hat, der glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit – außer, er verschafft sie sich selbst.

Beim Erdbeben in Irpinia 1980, einem Landstrich in Kampanien, stellte die italienische Regierung 50.000 Milliarden Lire für den Wiederaufbau zur Verfügung, aber nur die Hälfte wurde tatsächlich für den Wiederaufbau genutzt. Stattdessen entstanden Firmen, Stadtviertel, ganze Dörfer nur auf dem Papier. Das Epizentrum befand sich in Neapel – und zwar nicht nur das des Erdbebens, sondern auch das der Camorra-Clans, die dank der Subventionsmilliarden erst richtig reich wurden. Sie verschafften sich damals den politischen und sozialen Einfluss, von dem sie noch heute profitieren.

Ponticelli, ein Vorort von Neapel, der noch heute aus den Bauruinen des Erdbebens besteht, wurde zur Camorra-Festung. Der Camorrista Ciro Sarno wurde „o’ sindaco“ genannt, der Bürgermeister, weil er sich zum Gebieter über das Volk der Terremotati erklärte: jener vom Erdbeben 1980 Vertriebenen, die Ponticellis Bauruinen besetzten – Bauskelette, die von neapolitanischen Bauunternehmern hinterlassen worden waren, nachdem diese ihre Subventionen kassiert hatten. Ciro o’ sindaco hatte die Wohnungen aufgeteilt. Und für Strom, Wasser und Gasanschlüsse gesorgt. Und sich damit die bedingungslose Ergebenheit derer verschafft, die nichts mehr zu verlieren haben.

*

Als Staatsanwälte einen Korruptionsskandal rund um die Arbeiten der Zivilschutzbehörde für den auf Berlusconis Betreiben ausgerechnet in L’Aquila abgehaltenen G8-Gipfel aufdeckten, hörten sie die Telefone zweier Bauunternehmer ab, die bereits in der Nacht, als in L’Aquila die Erde bebte, von der Aussicht entzückt waren, dass ihnen nun viel Geld in die Taschen fließen würde. Der eine sagte: „Kümmer dich um die Sache, wir müssen sofort los, im vierten Gang! Ein Erdbeben passiert nicht jeden Tag.“ Und der andere jubelte: „Ich weiß, ich weiß, ich habe mich kaputtgelacht, heute morgen im Bett um halb vier.“

L’Aquila ist bis heute nicht wieder aufgebaut worden. Sieben Jahre danach.

 

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Das Gespenst auf der Vespa

Mittwoch, 17. August 2016

Hey, hey, hey. Ein Gespenst geht um, in Europa … Heulen und Zähneklappern. Jedenfalls bei der SZ. Denn die bangt mal wieder um Renzis politisches Überleben.

Italien flattert und flirrt. Gerade als man dachte, das Land sei politisch stabil, angetrieben von einem jungen und tatendurstigen Premier, da schwindet diese Gewissheit schon wieder. Plötzlich setzt sich der böse Verdacht in den Köpfen der Italiener fest, dass Matteo Renzis schwungvolles Regieren und Reformieren womöglich gar nichts gebracht hat. Dass alle Sparopfer und erduldeten Veränderungen der vergangenen Jahre nicht ausreichen. Die Wirtschaft? Sie steht wieder still. Die Jobmaschine? Funktioniert nicht wirklich. Die Banken? Ach, die Banken.

Ja, verflixt und zugenäht, die Gewissheiten, schon sind sie wieder fort! Und die Banken, Gottchen ja, die Kleinanleger blieben auf der Strecke, denen man ohne ihr Wissen hochriskante Produkte angedreht hatte. Etwa im toskanischen Chiusi della Verna, wo die Hälfte des Dorfes ihre Ersparnisse verloren hat, die sie in der Banca Etruria angelegt hatten. Vizepräsident der Banca Etruria war der Vater der von der (SZ hochgelobten) „Reformministerin“ Elena Boschi. Sie selbst ist Aktionärin und ihr Bruder ist der Bank angestellt. Dank Renzis schnell durchgedrücktem Gesetzesdekret wurden nicht nur die Banken gerettet, sondern vor allem einige Spekulanten sehr, sehr reich gemacht, die Anteile an der Bank kauften, kurz bevor das Gesetzesdekret durchgedrückt wurde. Aber egal.

Anleihen von Banken und vom Staat galten in Italien stets als sichere, patriotische Anlagen. Nun bangen viele kleine Gläubiger um ihre Ersparnisse. Die Regierung beschwichtigt, vermag sie aber nicht zu beruhigen. Auch das drückt auf die Stimmung. Richtig ist schließlich, dass der italienische Staat bis heute grotesk hoch verschuldet ist und dafür hohe Zinsen bezahlt.

Renzi also regiert so schwungvoll herum wie die SZ  schwungvoll kommentiert: Nach dem Motto: Okay, scheiße gelaufen, dass mit den faulen Krediten. Aber einer muss ja zahlen für die Schulden des italienischen Staates, und warum nicht ein paar  – patriotische – Kleinanleger? Die Wirtschaft funktioniert nicht, nach wie vor gehen junge Italiener ins Ausland, um Arbeit zu finden, vom Akademiker bis zum Eisverkäufer, 2,2 Millionen italienische Familien sind arbeitslos, die Steuerlast liegt bei 70 Prozent, und Renzi fliegt mit seiner Familie plus Begleitung im Staatsflug nach Rio. Wer die Bilder von Renzi in Rio sieht, zumal im wohlhabenden Deutschland, kann sich gar nicht vorstellen, dass die Italiener unzufrieden sein könnten. Und auch irgendwie undankbar, wie die SZ findet, denn ungeachtet des schwungvollen Herumregierens

… werden wohl auch viele Italiener die Abstimmung als Gelegenheit nutzen, um ihren Frust über die Krise und ihre diffusen Ängste zu manifestieren. Mit einem „Nein“ aus dem Bauch, gegen das Establishment. Der Anlass? Egal.

Der „Anlass“ wird zwar in dem Artikel selbst zart angedeutet (Die Wirtschaft? Sie steht wieder still. Die Jobmaschine? Funktioniert nicht wirklich. Die Banken? Ach, die Banken) – aber gut. Doch weil ja auch das Ausland mäkelt,

Unlängst hob das britische Magazin The Economist Italien auf sein Cover. Auf der Zeichnung sieht man einen Bus in Grün-Weiß-Rot, der mit offener Hecktüre prekär über einer Klippe hängt, etwas Geröll fällt schon in die Tiefe. Das Bild entspricht dem Lebensgefühl, aber war auch ein wenig platt, wie die italienischen Zeitungen fanden.

schnell noch eine kleine Rolle rückwärts, zumal der Economist ja nicht die Bäckerblume ist:

Allerdings ist Renzi nicht schuldlos an der latenten Unsicherheit im Land. Dem Premier unterlief eine bemerkenswerte Fehleinschätzung: Im Glauben, er sei unschlagbar, verband Renzi sein persönliches Schicksal mit dem Ausgang der nun bevorstehenden Abstimmung über die Verfassungsreform. Verliere ich, sagte er, trete ich ab.

Ja, die Verfassungsreform. Klingt schon so kompliziert. Ist im Grunde aber ganz einfach – und ein gigantisches Hütchenspiel: Der Senat wird keineswegs abgeschafft, sondern lediglich mundtot gemacht. In Zukunft sitzen im Senat nicht mehr von den Bürgern gewählte, sondern nur noch von den Parteien bestimmte Bürgermeister und Regionalpräsidenten – die auf diese Weise auch noch in den Genuss der parlamentarischen Immunität kommen. Eine „Jahrhundertreform“, von der Berlusconi vergeblich geträumt hat: Dank ihr hätte er alle Kritiker und ermittelnden Staatsanwälte ausschalten können – Gesetze könnten im Eiltempo ohne jeden Widerstand durchgepeitscht werden. Aber die undankbaren Italiener könnten tatsächlich so irre sein, nicht dafür zu stimmen. Befürchtet die SZ. Die ein einziges Armageddon prophezeit, sieben Jahre Dürre und Hungersnöte und die Grillini an der Macht:

Niemand wagt vorherzusagen, was mit dem Land nach einem Sturz Renzis geschähe. Gäbe es bald Neuwahlen, würde wohl die Protestbewegung Cinque Stelle von Beppe Grillo gewinnen. Und die möchte Italien am liebsten sofort aus dem Euro lösen. Es wäre keine Fünf-Sterne-Lösung – weder für Italien noch für Europa. Renzi bleiben nur noch drei Monate Zeit, um die Italiener von den Vorzügen seiner Reform zu überzeugen und die Abstimmung von seiner Person zu entkoppeln. Das wird schwierig, denn die Materie ist trocken und kompliziert. Die Sommerunruhe zeugt davon, dass Italien vor entscheidenden Monaten steht.

Dem ganzen Hin- und Her merkt man natürlich deutlich den Wunsch an, sich möglichst geschmeidig zu positionieren, für den Fall der Fälle, besagtem Armaggedon. Schließlich gibt es da schon im Ausland einige, die auf den fahrenden Zug aufspringen, unter anderem die Times, die nicht auf den Zug, sondern auf die Vespa gesprungen ist, mit der Alessandro Di Battista einen Monat lang Italien auf der coast-to-coast-Tour durchquert, um auf Plätzen zu erläutern, was es mit der Verfassungsreform auf sich hat. Eine Verfassungsreform, gegen die nicht nur die 5Sterne-Bewegung kämpft, sondern auch der ehemalige Präsident des italienischen Verfassungsgerichts zusammen mit weiteren 56 Verfassungsrechtlern, namhaften Juristen, Intellektuellen, Journalisten, Schriftstellern und Künstlern.

Gestern Abend hat Alessandro Di Battista in Chioggia gesprochen – nachdem der Bürgermeister von Jesolo, wohl um die Seelen der Badegäste bangend, ihm verboten hat, in Jesolo seine Kundgebung gegen die Verfassungsreform abzuhalten. Di Battista forderte eine Lehrerin aus dem Publikum auf, eine Passage aus der vorgeschlagenen Reform vorzulesen – die komplett unverständlich war. Nicht weil die Lehrerin schlecht gelesen hatte. Sondern weil sie unverständlich geschrieben ist.

„Wer schlecht schreibt, denkt auch schlecht“, sagte Alessandro Di Battista.

Schöner Satz.

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Der Markt

Dienstag, 09. August 2016

Wenn ich Italienern gegenüber das Wort „Zweckentfremdungsverbotsgesetz“ ausspreche, werden sie erst mal ohnmächtig. Aber wenn ich ihnen erkläre, was sich dahinter verbirgt, nämlich dass Wohnungen nicht einfach so an Touristen vermietet werden können, so wie in Venedig schätzungsweise 80 Prozent aller Wohnungen, und das auch noch schwarz, dann beleben sie sich ganz schnell wieder. Gestern berichtete die STAMPA über das Aufbegehren der Berliner gegen AirBnB. Wir in Venedig wünschten uns einen winzigen Bruchteil dieses Aufbegehrens. Dann müssten auch nicht mehr so viele venezianische Familien aufs Festland ziehen.

 

Das schrieb ich vor einem Jahr auf FB. Seitdem wütet die Ferienwohnungspest in Venedig ungebrochen weiter. Wir leben nicht mehr in Häusern, sondern in schlecht geführten Hotels – als unbezahlte Portiers und Hausmeister: Wir stellen den Müll raus, den die Touristen vor der Tür liegen lassen, heben ihre Pizzakartons und Fischreste auf, die aus den Plastiktüten fallen, die sie in den Hof gestellt haben und von den Ratten zerrissen worden sind, wir ertragen, dass in den letzten Monaten zehn (10) Mal Wasser durch die Decke kam, weil die Badezimmer undicht waren oder die Wasserrohre der Klimaanlagen, wir fegen Zigarettenstummel im Hof weg und lassen die Touristen bei uns auf dem Sofa sitzen, weil sie sich aus der Ferienwohnung ausgesperrt haben, was sie erst festgestellt haben, als die Frau, die für die Vermietung der Ferienwohnung zuständig ist, aufs Festland gefahren ist und nicht vor Mitternacht zurückkehrte.

Der römische Ex-Bürgermeister Rutelli, der ja ein so guter Linker ist, hat er natürlich von der Sharing-Economy geschwärmt – und sich gerühmt, Airbnb für Rom erfunden zu haben – weshalb ihn Airbnb als – vermutlich gut bezahlten –  Berater angeheuert hat. Hier wird aber nichts geteilt, hier wird kassiert, wobei – ganz legal – sämtliche Gesetze unterlaufen werden, die man sich vorstellen kann: Es gibt es keine Hygiene-Standards, keine Meldezettel, keine Sicherheitsstandards – hier gibt es nur das schnelle Geld, bar auf die Kralle.

Und dann steht die Tür zu unserem Hof auf, eine Frau steht davor, und ich frage sie: „Kann ich die Tür schließen?“
Sie: „Nein.“
Ich: „Entschuldigung, aber wohnen Sie hier?“
Sie: „Nein.“
Ich: „Haben Sie vielleicht eine Ferienwohnung hier gemietet?“
Sie: „Ja.“
Ich. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gefragt habe, aber inzwischen gehen hier so viele Leute ein und aus, dass man nicht mehr weiß, wer hier wohnt und wer nicht.“
Sie: „So ist eben der Markt.“

Wir leben in zynischen Zeiten.

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Italienisch für Anfänger (Renzimanie)

Dienstag, 02. August 2016


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Neulich war ich zum ersten Mal wieder in Castiglioncello, dem kleinen toskanischen Badeort, in dem ich (Damen nennen keine Zahlen) vor langer, langer Zeit Italienisch gelernt habe. Besonders das passato remoto machte mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.

Um mich von den Tücken der italienischen Grammatik zu erholen, ging ich mit meinen Verbtabellen nachmittags an den Strand, wo die Italiener zu meiner Überraschung nicht über das beste Sonnenöl, sondern über das System der illegalen Parteienfinanzierung von Sozialisten und Christdemokraten redeten, über Amtsmissbrauch und Bestechungsgelder, über Mafiaverwicklungen und Mordkomplotte, wobei sie weder das historische Perfekt benutzten, was ja eine abgeschlossene Handlung der Vergangenheit ausgedrückt hätte, ohne jeden Gegenwartsbezug, noch den Konjunktiv, mit dem man Unsicherheit, Möglichkeit, Wunsch, Sorge und Furcht verdeutlicht hätte. Selbst vom congiuntivo trapassato, mit dem man einen Sachverhalt beschreibt, der laut meiner Grammatik „entweder als irreal angesehen oder subjektiv betrachtet wird“ war keine Spur, nein, sie sprachen im Indikativ Präsenz, einer Zeitform, die man benutzt, wie meine Grammatik versicherte, „um ein tatsächliches Ereignis in der Gegenwart zu beschreiben“. Ereignisse, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Und das, obwohl ich Journalistin war. Und drei deutsche Tageszeitungen täglich las.

Wenig später zog ich nach Italien. Die Gesprächsthemen vom Strand waren nun Gegenstand von Gerichtsprozessen. Ich wurde Zeugin, wie das italienische Parteiensystem im Orkus des Schmiergeldskandals verschwand, die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in die Luft gesprengt wurden, der siebenfache Ministerpräsident Giulio Andreotti wegen Unterstützung der Mafia verurteilt wurde und Silvio Berlusconi an die Macht gelangte – an der er fast zwanzig Jahre festkleben sollte. Bis Matteo Renzi kam. Der selbsternannte Verschrotter. Der alle loswerden wollte: die politische Führungsklasse, „die schlechteste, die wir je hatten“, die Gewerkschaften, die linken Parolen, die „Theoretiker des Mauschelns mit Berlusconi“. Und dafür nicht nur von der deutschen, sondern von nahezu der gesamten Auslandspresse wie ein Messias bejubelt wurde. (mehr …)

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Die Sache mit der Zwangsheirat

Dienstag, 26. Juli 2016

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Ja, Leben in Venedig. Hier meine ganz persönliche Sicht, erschienen in der FAZ.

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Lokomotive oder Waggon?

Sonntag, 10. Juli 2016

„Die Menschen sind entweder Lokomotiven oder Waggons. Aber du kommst nicht als Lokomotive oder Waggon zur Welt. Du musst dich entscheiden, was du sein willst“ – dieser Satz hat mich am meisten beeindruckt – in diesem Dokumentarfilm über Kalabrier, die sich entschlossen haben, sich nicht der ‚Ndrangheta zu beugen, sondern mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Männer und Frauen mit Mut, Wut und Haltung. Das ist das Italien, das ich immer bewundert habe.

Cose nostre“ heißt die neue Sendereihe der RAI, mit wirklich guten Dokumentarfilmen zum Thema Mafia. In diesem Fall sogenannte „Testimoni di giustizia“.

(Unbedingt ansehen – leider nur auf Italienisch …)

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#Venicemyfuture

Samstag, 02. Juli 2016

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Residenti resistenti“ hängt nun an unserem Balkon, was so viel heißt wie „Renitente Residenten“ oder „Bockige Bewohner“ – denn als solche verstehen wir uns hier in Venedig: als rebellischer Rest gegen den Ausverkauf der Stadt. Heute haben sich die letzten Venezianer zu einem Aktionstag zusammengerottet, um zu protestieren: gegen Korruption und Vetternwirtschaft und gegen den Zynismus, mit dem diese Stadt versucht, auch noch ihre letzten Bewohner zu vertreiben. Hier, für diejenigen unter Euch, die des Italienischen mächtig sind, auch noch ein Video von den Vorbereitungsarbeiten. ‪#‎Venicemyfuture‬.

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Deutschland – Italien

Freitag, 01. Juli 2016

Fußball Venedig Petra Reski

Sie möchten jetzt gerne wissen, zu wem ich morgen Abend halten werde. Die Antwort ist einfach: zu Deutschland natürlich.

Ich halte immer zu den Schwächeren.

Und erinnere mich noch an den Horror mit Balotelli 2012, da habe ich das Spiel zusammen mit deutschen Freunden in einer Bar auf der Giudecca gesehen, und danach wurden wir von den Italienern bemitleidet. Auch schwer zu ertragen.

Oder das Ende des Sommermärchens 2006, als mich danach halb Venedig  tröstete: Mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt drückte mir mitten auf der Piazza San Marco sein Mitgefühl aus, der griesgrämige Gemüsehändler aus der Calle della Mandola hätte mir ein Anstandstor gegönnt, und mein Schreibwarenhändler bedauerte, nicht früher gewusst zu haben, dass ich Deutsche bin, weil er dann selbstverständlich zu Deutschland gehalten hätte.

Und der Italiener an meiner Seite sagte: Was für eine Heuchelei.

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Der Bankautomat der Mafia

Montag, 27. Juni 2016

Ich wollte auch noch was zum #Brexit sagen, ja, Leute, tut mir leid, da müsst Ihr durch, zumal ja schon eifrig über den vermeintlichen Euroskeptizismus der Italiener berichtet wurde und wird,  wobei die SZ es hinkriegte, die römische Bürgermeisterin der Fünfsternebewegung mit der Rechten zusammenrühren (Le Pen, AfD, etc.pp.): Wenn es um Fünfsterne-Bashing geht, ist man ja vor nix fies.

Bis vor wenigen Jahren waren die Italiener nicht nur Ah-La-Germania-Eiferer, sondern auch glühendste Europaverfechter: Nur Europa kann uns retten, hieß es. Retten vor der Mafia, einer korrupten Politikerkaste, der Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst, der Jugendarbeitslosigkeit von 42 Prozent und einer Pressefreiheit, um die es nur in der Mongolei oder Bulgarien schlechter bestellt ist. Solo in Italia! Die Italiener verlangten nicht weniger, sondern mehr Europa, weil Europa da noch kein Theorem der Hochfinanz war, sondern ein Synonym für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Vielfalt. (mehr …)

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Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Dienstag, 31. Mai 2016

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In jenem Sommer, in dem ich mich in den Italiener verliebte, erzählte man sich am Strand von Bettino Craxi Betrügereien, und ich dachte: Komisches Land, wo sogar die Bademeister wissen, wie der Sozialistenchef betrügt! Es war der Sommer 1989, ich lag im Liegestuhl und hörte dem Bademeister zu, der so gleichmütig über das System der illegalen Parteienfinanzierung von Sozialisten und Christdemokraten, über Amtsmissbrauch und Bestechungsgelder referierte, über Mafiaverwicklungen und Mordkomplotte, als handele es um das nächste Boccia-Strandturnier.

Und jetzt war ich wieder da, an dem selben Strand und dachte: Es würde reichen, „Sozialisten und Christdemokraten“ durch „Demokratische Partei und Forza Italia“ zu ersetzen, und ich könnte genau das Gleiche schreiben.

Ich lebe in einer Zeitfalle.

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