Kategorie: Italien

Die Schönste aller Katastrophen

Sonntag, 25. Januar 2015

Eigentlich ist mal wieder Zeit für den Presseclub, dachte ich heute morgen, als ich in der FAS einen Artikel über Griechenland las. Unter der Überschrift “Eine Überdosis Hoffnung” schrieb Michael Martens über Alexis Tsipras:

Wählern wie Zafiropoulos geht es vor allem um die Zerstörung des „Dreiecks“. Von dem sprechen fast alle in diesen Tagen in Athen. Gemeint sind Politiker, Unternehmer und Medien, die untereinander kungeln. „Wir wollen den Zusammenstoß mit dieser finanziellen Oligarchie, die all die Jahre gemeinsam mit dem politischen Establishment geherrscht hat“, hat Alexis Tsipras vor wenigen Tagen in einem Interview mit der „New York Times“ über das Dreieck gesagt.

Man muss kein Linker sein, um zu sehen, dass an den Geschichten vom „Dreieck“ etwas dran ist. Industriebarone, vor allem Bauunternehmer, die sich Zeitungen und Fernsehsender halten, um ihre geschäftlichen Interessen in anderen Branchen voranzutreiben, gibt es einige in Griechenland. Ihre Konzerne gewinnen staatliche Ausschreibungen oder erhalten einträgliche Konzessionen, wenn ihre Medien die jeweils zuständigen Minister gut behandeln und sie in die wichtigen Talkshows einladen. Und die Minister werden reich. Tsipras hat die Stimme von Stamatis Zafiropoulos, weil er versprochen hat, das Dreieck zu zerstören. „Er kann den Kampf gegen das Dreieck gewinnen, auch wenn es vielleicht lange dauern wird.“ Wenn es Tsipras gelingt, den griechischen Staat „vom Klientelismus der oberen Kreise zu befreien“, wie Zafiropoulos das nennt, habe er ein wichtiges Versprechen erfüllt.

Im Grunde hätte man den Artikel nehmen können und anstatt Griechenland “Italien” einsetzen können: Auch in Italien herrscht das “Dreieck”: Parteien, die sich über Jahrzehnte die Pfründe aufteilen, Industriebarone, gestützt von mit ihnen kungelnden Medien – die den Banken und Konzernen in die Hände spielen. Die einzigen, die dagegen die Stimme erheben, sind in Italien die Mitglieder der Fünf-Sterne-Bewegung. Nur hat sich das in Deutschland noch nicht herumgesprochen, wie auch, wenn die wesentliche Recherche vieler Italien-Korrespondenten in copy&paste aus genau diesen kungelnden Medien besteht.

In diesen Tagen wird in Italien der Staatspräsident gewählt – der, anders als in Deutschland kein Schleifendurchschneider und Sonntagsredner ist, sondern massiv in die Politik eingreift: Er kann Gesetze ablehnen, löst das Parlament bei Regierungskrisen auf und ist Präsident des obersten Richterrats, dem CSM, wodurch er erheblichen Einfluss auf die Richterschaft ausübt.

Ausser der Süddeutschen Zeitung weint dem soeben aus dem Amt geschiedenen Präsidenten (dem “weisen, alten Mann vom Quirinalshügel” © Süddeutsche Zeitung) in Italien kaum jemand nach, hat Napolitano doch diese Möglichkeiten weit über seine Grenzen hinaus ausgeschöpft: “König Giorgio” führt die Hitliste der unbeliebtesten italienischen Staatspräsidenten an. Und das vor allem, weil Napolitano das herrschende Machtgefüge zwischen der Demokratischen Partei und Berlusconi gegen den Willen der italienischen Wähler am Leben gehalten hat  – zuletzt kurz nach den Wahlen 2013, als sich eine Mehrheit der Italiener für einen Wandel ausgesprochen hatte. Um zu verhindern, dass die Fünf-Sterne-Bewegung zusammen mit Teilen der Demokratischen Partei für Stefano Rodotà stimmen würde, einem unabhängigen Geist, Gründervater der italienischen Linken und Kenner der italienischen Verfassung – erklärte sich Napolitano überraschend bereit, sein Amt weiter auszuüben. Im Grunde war das nichts anderes als ein stiller Staatsstreich.

Und weil so viel auf dem Spiel steht, hat Renzi schon den nächsten Staatspräsidenten ausgekungelt, mit seinem Freund Berlusconi, dem amtlich attestierten Gewohnheitsverbrecher, im sogenannten “Pakt des Nazareno” (so genannt, weil die Unterredung über die Zusammenarbeit zwischen Renzi und B. in der Parteizentrale der PD stattfand). Natürlich nennt er den Namen (des in geheimer Wahl zu wählenden Staatspräsidenten) nicht. Er setzt darauf, dass die Stimmen der möglichen Abweichler seiner Partei von denen der Forza-Italia-Abgeordneten aufgewogen werden – und nicht nur das, wie es heißt, droht er den Parlamentariern der PD damit, in der Wahlkabine ein Foto von dem Wahlschein machen zu müssen, um die Treue zu ihm zu beweisen.

Mit B. zusammen regiert Renzi seit einem Jahr und reformiert zudem mit ihm die Verfassung. Und weil das natürlich irgendwie blöd ist, die Verfassung mit einem zu reformieren, der wegen Steuerbetrugs verurteilt wurde, hat Renzi hat ein neues Gesetz verabschiedet, das die Strafe für B. wegen Steuerhinterziehung null und nichtig erklärt. Damit Renzi bei den nächsten Wahlen wieder auf seinen Freund B. zählen kann, dem ja eigentlich für die nächsten Jahre verboten war, politische Ämter auszuüben. Entdeckt wurde das Ganze von den “umstürzlerischen Kräften” (O-Ton Napolitano ) von der Fünfsterne-Bewegung. Ein Gesetz, das en passant, die Steuerhinterziehung in Millionenhöhe für straffrei erklärt.

“Hast du je eine so schöne Katastrophe gesehen?”, fragt Sorbas übrigens.

Fundamentale Wörter der italienischen Sprache. Lektion Nr. 2

Donnerstag, 22. Januar 2015

Bo oder auch boh (wie in dem in Lektion 1 besprochenem mah mit einem für das menschliche Ohr nicht hörbaren H am Ende) bedeutet: Keine Ahnung. Oder: hm. Es kann aber auch eine Antwort auf die Zweifel unserer Existenz sein: Meinst du, wir sollten einen Regenschirm mitnehmen? Bo. Meinst du, ich sollte lieber den grünen Rock anziehen oder den roten? Bo. Wobei in dem Bo je nach Wetterlage, Konfession oder Haarfarbe mehr oder weniger deutlich auch noch der Subtext: “Ich habe jetzt Besseres zu tun, lass mich mit deinem Mist in Ruhe” mitschwingen kann. Wenn Sie also nach dem Weg fragen und jemand antwortet mit bo/boh, hat es keinen Sinn weiter nachzufragen. Das gilt auch für andere Lebenslagen. Etwa, wenn Sie fragen: Stimmt es, was ich gehört habe, dass dieser Berlusconi, der doch eigentlich wegen Steuerbetrugs verurteilt wurde, in Italien immer noch die Fäden zieht? Wenn man Ihnen darauf mit Bo antwortet, ist es besser, nicht weiterzufragen. Außer, Sie wollen sich wirklich unbeliebt machen.

Fundamentale Wörter der italienischen Sprache. Lektion Nr. 1

Sonntag, 04. Januar 2015

“Mah”

“Ma” heißt eigentlich »aber«. Wenn es mit einem (für menschliche Ohren nicht hörbaren) H am Ende ausgesprochen wird, hat es je nach Situation, Wetterlage, Jahreszeit oder Betonung jedoch noch viel mehr Bedeutungen. “Mah” kann heißen: Hier sind wohl alle verrückt geworden. Oder: Wenn ihr meint. Oder: Macht, was ihr wollt. Und wenn das “M” besonders langgezogen wird, bedeutet “Mmmah”: Je länger man über das Leben nachdenkt, desto mehr gelangt man zu der Überzeugung, dass alles vergeblich ist.

Mr. Bean

Dienstag, 30. Dezember 2014

Ist ja in Deutschland nicht so bekannt, dass Italien von Mr. Bean regiert wird. Und eigentlich muss er gar nichts sagen. Man weiß auch so Bescheid.

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Nur die  Taz wusste es schon länger.

Buon Natale! Schöne Weihnachten!

Dienstag, 23. Dezember 2014

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Ja, wie fühlt es sich wohl an, als zum Tode Verurteilter das Weihnachtsfest zu verbringen, mit seiner Familie, den Kindern? Nein, das ist keine Fortsetzung von Palermo Connection, sondern bittere Wirklichkeit für Staatsanwalt Nino di Matteo, über den ich in diesem Blog schon öfter geschrieben habe, zuletzt hier und hier.

Der in Hochsicherheitshaft sitzende Mafiaboss Totò Riina rief vor einem Jahr zum Mord gegen Nino Di Matteo auf. Was macht Nino di Matteo für die Mafia so gefährlich? Er führt in Palermo den Prozess der Trattativa: ein Prozess, der klären soll, ob Politiker und hochrangige Staatsbeamten Anfang der 1990er Jahre mit der Mafia verhandelten – und die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino opferten, weil ihre Ermittlungen ein Hindernis für diese Verhandlungen waren.

Seitdem besteht Di Matteos Leibwache aus 42 Carabinieri: Neun Carabinieri, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, dreiunddreißig, die sein Haus bewachen und die Straßen in Palermo kontrollieren, auf denen der Staatsanwalt mit drei gepanzerten Limousinen unterwegs ist. Ein abtrünniger Mafioso enthüllte vor kurzem, dass die Vorbereitungen für das Attentat bereits ganz konkret sind: Er selbst habe 150 Kilo Sprengstoff für das Attentat an Nino di Matteo besorgt. Hinter dem Attentat stehe nicht nur Totò Riina, sondern auch der seit Jahrzehnten flüchtige Mafiaboss Matteo Messina Denaro – und seine römischen Freunde. Die gleichen, die hinter der Ermordung von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino standen. Der Sprengstoff sei von kalabrischen Ndranghetisti gekauft worden, auch darin eine Parallele zum Attentat an Giovanni Falcone.

Die Geständnisse dieses Abtrünnigen sind nicht die irgendeines kleinen Vorstadtkillers, sondern die eines Mafiosos, der zur sogenannten “Aristokratie” der Mafia gehört: Sein Vater sitzt in lebenslänglicher Haft, weil er an einer Reihe von sogenannten “exzellenten Morden” beteiligt war, an den Morden am General Dalla Chiesa, an dem Ermittler Ninni Cassarà – und sogar an dem misslungenen Attentat von Addaura gegen Giovanni Falcone, das von der Mafia in (bewährter) Kooperation mit  den Geheimdienste ausführt wurde.

Sinn der mafiosen Drohungen ist, dem italienischen Staat eine Lehre zu erteilen und dafür zu sorgen, dass die Münder der Beteiligten an der Trattativa weiterhin verschlossen bleiben – was offenbar bestens funktioniert: Von den italienischen Politikern kam kein einziges Wort der Solidarität für Nino di Matteo, keine Anteilnahme, nichts. Der ansonsten so redselige und besinnungslos zwitschernde Ministerpräsident Matteo Renzi schweigt und hat nicht mal einen winzigen Tweet für den bedrohten Staatsanwalt übrig, Staatspräsident Napolitano, der ansonsten nahezu täglich eine Ermahnung in die Welt bläst, schweigt auch. Ebenso der Senatspräsident Piero Grasso, der, Ironie des Schicksals, bis vor kurzem Chef der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo war, also praktisch Di Matteos Vorgesetzter. Ebenso wenig kommt über die Lippen der ansonsten sich immer auf die Seite der Bedrängten werfenden Parlamentspräsidentin Laura Boldrini: Wenn es darum geht, die Fünfsterne-Bewegung zu geißeln, sprudelt sie über. Aber wenn es um ein Wort für einen zum Tode verurteilten Antimafia-Staatsanwalt geht, schweigt auch sie.

Der Schauspieler und Antimafia-Aktivist Giulio Cavalli hat vor kurzem ein kurzes Video gedreht, eine Ansprache an den sich immer so lässig und hemdsärmelig gebenden “Matteo” (Renzi): “Tun wir so, als sei die Bombe für Nino Matteo schon explodiert”, sagt er – und zählt all das auf, was gemeinhin nach einem “exzellenten Mord” geschieht und viele Italiener bereits oft miterlebt haben: Sondersendungen, öffentliche Entrüstung, Expertenbefragungen, Direktübertragungen auf Rai Uno, Schlagzeilen in der ganzen Welt, explodierender Volkszorn bei der Trauerfeier. Ja, wie konnte es passieren? Warum wurde Nino Di Matteo allein gelassen? Ja, warum?

Weil sich das seit Jahrzehnten herrschende mafios-politische Machtkartell in der gleichen prekären Lage befindet, wie Anfang der 1990er Jahre, als Falcone und Borsellino umgebracht wurden. Damals waren die politischen Parteien durch die geopolitischen Verwerfungen infolge des Mauerfalls und durch den Korruptionsskandal “Saubere Hände” den Orkus heruntergegangen, die Mafia war vorübergehend des Ansprechpartners verlustig gegangen. Also griff man zu härteren Bandagen, zu Staatsterrorismus in den Gewändern von Mafia-Attentaten, zu der seit den 1970er Jahren bewährten “Strategie der Spannung”. Die dafür sorgen sollte, die Italiener dazu zu bringen, nach einem starken Mann zu rufen, dem Mann der Vorhersehung: B.

Ähnliches ist jetzt zu beobachten: offene Terrordrohungen gegen die Staatsanwälte, die an dem Fundament zweiten italienischen Republik rütteln, den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia, Festnahmen von  rechtsextremen Terroristen, die angeblich Attentate geplant haben, die politische Situation ist unübersichtlich, B. gibt es noch immer, an der Seite von Renzi, weshalb in Italien jetzt einer regiert, der so aussieht. images

Überdies gibt es auch noch die Fünfsterne-Bewegung, die es zu neutralisieren gilt – um so mehr, als der Garant der Machtverhältnisse, Staatspräsident Napolitano, der alte, weise Mann vom Quirinalshügel (Copyright: SZ) im Januar in Ruhestand geht – kurz vor seinem 90. Geburtstag. Was aber nicht bedeutet, dass er die Zügel aus der Hand gleiten ließe. Gerade hat er es noch geschafft, einen ihm genehmen neuen Generalstaatsanwalt für die Antimafia-Staatsanwaltschaft Palermo zu berufen. Damit das endlich ein Ende hat, mit den unbequemen Staatsanwälten. Und wenn das immer noch nicht wirkt, dann zündet irgendein irrer Einzeltäter (remember: Oktoberfest 1984) eben eine Bombe.

Wie gut, dass es keine Mafia gibt, in Deutschland. Jedenfalls nicht aktiv. Nur so passiv. Auf Sommerfrische. Bis zum nächsten Einsatz. Sagt man so. Oder haben Sie schon mal einen deutschen Politiker gehört, der das Wort “Mafia” in den Mund genommen hätte?

Schöne Weihnachten.

Weihnachtsmilde. Vorübergehend.

Samstag, 20. Dezember 2014

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Heute schwere Attacke von Weihnachtsmilde (echten Tannenbaum gekauft, ungeachtet des Protests des Italieners an meiner Seite, der jedes Jahr für aufklappbare Plastiktannen plädiert und so tut, als handele es sich für einen Einsatz für Greenpeace: Rettet die Edeltanne!, vorübergehend unter die Räder des rasenden Geschenkedeliriums geraten, anfallartig Weihnachtskarten geschrieben).

Allerdings fiel die Weihnachtsmilde immediatamente von mir ab, als ich las, dass der TAR, das oberste Verwaltungsgericht, die Klage des Kulturschutzbundes Italia Nostra gegen den Umbau des Fondaco dei Tedeschi abgelehnt hat: Der Umbau wird also das historische Gebäude völlig zerstören – und den Venezianern wird weiterer öffentlicher Raum vorenthalten. Wenigstens das Erdgeschoss, so forderte Italia Nostra, sollte den Venezianern vorbehalten sein, in Form eines Kindergartens und eines Kulturzentrums. Aber anders als üblich, blockierte das oberste Verwaltungsgericht die Arbeiten nicht, bis zum Urteil wurde weitergebaut – weil Eile geboten ist: Im Frühjahr 2016 will Benetton den Megastore eröffnen. Das Ziel sei, Vitalität nach Venedig zu bringen.

Der Ausverkauf Venedigs geht also unverändert weiter. Wer mehr dazu lesen möchte, dem sei das demnächst bei Wagenbach erscheinende Buch des Kulturkritikers Salvatore Settis ans Herz gelegt: “Wenn Venedig stirbt”, das er vor kurzem hier in Venedig vorstellte und das unter anderem auf einem Vortrag beruht, den Settis auf Einladung des deutschen Studienzentrums vor zwei Jahren in Venedig hielt. Wenn Venedig stirbt – so die etwas verkürzte Essenz seines Buches, stirbt auch ein Stück von uns, unserer Erinnerung, unserer Zivilisation, unserer Humanität.

So viel zu Weihnachten.

Zwischenwelt

Mittwoch, 03. Dezember 2014

Gestern wurden in Rom 37 Personen verhaftet, die mit der Mafia zusammengearbeitet haben sollen, darunter der ehemalige römische Bürgermeister Gianni Alemanno, rechte und linke Politiker und Unternehmer, die sich öffentliche Gelder und Aufträge mit Mafiosi jeder Couleur und Rechtsextremisten aufgeteilt haben. Die Ermittlung trägt den schönen Namen “Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat sagte:

“Das ist die ‘Theorie der Zwischenwelt ‘… Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten … und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.”

Eine bessere Definition gibt es nicht, für Italiens Gegenwart.

Der Schein. Und die Heiligkeit.

Dienstag, 25. November 2014

Nur um mal wieder zu erzählen, wie geschickt die Mafia darin ist, die Menschen und ihre Gefühle für sich einzunehmen, eine kleine Episode aus Palermo. Dort hat der Erzbischof von Palermo, Kardinal Paolo Romeo, den Sohn des (inhaftierten) Bosses Giuseppe Graviano von der Firmung in der Kathedrale von Palermo ausgeschlossen. Mit Verweis darauf, dass es vielleicht keine so gute Idee wäre, den Sohn des Auftraggebers des Mordes am Priester Don Pino Puglisi ausgerechnet in der Kathedrale zu firmen, in der auch der von der Mafia ermordete Padre Puglisi begraben liegt. So weit, so ehrenhaft.

(In den Ohren vieler Italiener klingt auch heute noch der Ausspruch von Palermos Kardinal Ernesto Ruffini: “Die Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?”. Man kann also nicht behaupten, dass sich die Kirche in Palermo der Mafia wesentlich in den Weg geworfen hätte. Zumal erst vor kurzem die Nichte des untergetauchten Bosses Matteo Messina Denaro in der Palastkapelle des Palazzo Reale in Palermo getraut wurde.)

Jetzt könnte man meinen, dass man – besonders auch nach der päpstlichen Androhung der Exkommunikation von Mafiosi – in Palermo sehr zufrieden mit der Entscheidung von Kardinal Romeo ist. Stattdessen aber: große Empörung. Die Schulkameraden von Graviano jr. nehmen den Sohn des Mafiabosses in Schutz (“guter Junge”) und Luciana Ciminiano, Tochter des Mafiosos und Ex-Bürgermeisters von Palermo, fühlte sich gar gedrängt, einen offenen Brief zu schreiben, in dem sie ihrer Empörung über die Entscheidung des Kardinals Luft machte. “Nicht alle Namen sind gleich”, schrieb sie, “wie auch nicht alle Väter und Söhne gleich sind. Ich spreche im Namen all derjenigen, die sich entschieden haben, nicht zu flüchten, sondern ein normales Leben in dieser Stadt zu führen”.

Nun muss man sagen, dass diese Entscheidung die Söhne und Töchter von untergetauchten oder inhaftierten Bossen kein großes Opfer abverlangt, leben sie doch – anderes als viele junge Sizilianer – in großem Wohlstand, den sie sich mit dem Blut ihrer Opfer erarbeitet haben.

Wie Salvatore Borsellino, Bruder des ermordeten Staatsanwalts auf diesen offenen Brief erwiderte, wäre die Lage anders, wenn sich die Söhne und Töchter der Mafiosi öffentlich von ihren Vätern und ihren Taten distanziert hätten. So wie es der Bruder von Luciana Ciminiano tat, Massimo Ciancimino, der, anders als seine Schwester, mit der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo zusammenarbeitet und einen hohen Preis dafür bezahlt: Früher wurde er von Palermos guter Gesellschaft hofiert, heute meidet man ihn.

 

Miracolo

Donnerstag, 20. November 2014

Hier ein kleiner, lustiger Beitrag des NDR über Palermo Connection. Es sei ein Wunder, dass ich noch lebe, findet der Autor. Finde ich eigentlich nicht.

Der Italiener, die Mauer und ich

Sonntag, 09. November 2014

Bei einem unserer Telefonate fragte mich der Italiener, ob ich wegen der Ereignisse in der DDR bewegt sei, er habe die Bilder im italienischen Fernsehen gesehen, es sei doch sensationell, was da passiere, diese Demonstrationen, unfassbar, und er vermutete, dass jetzt alle Deutschen weinten. Und ich sagte: So ein Quatsch.

Ich saß auf meinem Klappsofa, verfolgte aus den Augenwinkeln die Abendnachrichten und erklärte dem Italiener, dass mich die DDR zeitlebens so wenig interessiert habe wie die Schweiz. Die einen kleben an der Neutralität, die anderen am Sozialismus, sagte ich. Die DDR, das seien für mich die sechziger Jahre auf ewig, alte Männer mit Kassenbrillen und Strohhütchen, sächselnde Vopos und Fähnchen schwenkende FDJler, die Kampfreserve der Partei. Die Wiedervereinigung werde lediglich von unbelehrbaren CDU-Politikern gefordert, von bedauerlichen Fossilien der Nachkriegszeit, mit wenig Einsicht in historische Notwendigkeiten. Ich persönlich wollte nicht wiedervereinigt werden. Oder wenn schon wiedervereinigt, dann möchte ich mir selbst aussuchen, mit welchem Land. Ich wäre gerne mit Polen wiedervereinigt worden. Oder mit Ungarn. Aber nicht mit der DDR.

Und der Italiener sagte: Aber ihr seid doch alle Deutsche. Er war der Meinung, dass wir wieder zusammenkommen müssten, und es klang so, als handele es sich nicht um Deutschland, sondern um zwei Kinder, die sich gestritten haben und die sich nun vor der Klasse wieder die Hand reichen sollten.

Hm, sagte ich etwas zerstreut, denn ich glaubte plötzlich gehört zu haben, wie Schabowski in der Tagesschau den DDR-Bürgern die Reisefreiheit versprach. Ich sagte: Ich muss jetzt mal kurz auflegen, ich rufe dich später wieder an, und kurz danach sah ich, wie die Menschen die Grenze überrannten, wie sie über die Mauer stiegen und sich gegenseitig dabei die Hand reichten, wie sie sich umarmten und weinten. Noch bevor ich weiter auf meinem Standpunkt hatte beharrten können, war die DDR untergegangen.

Am nächsten Tag kam der Italiener wieder nach Hamburg. Wir beschlossen, nach Berlin zu fahren. Auch wenn der Untergang der DDR nicht in mein Ressort fiel. Auch wenn die DDR mir immer gleichgültig gewesen war. Auch wenn die DDR voller Kassenbrillen und alten Männern mit Strohhütchen war. Ich musste an die Mauer.

Wir fuhren aus Hamburg über die Grenze bei Helmstedt, wo Vopos erst unsere Pässe kontrollierten und sie dann auf eine Art Fließband legten, welches sie sehr langsam zum nächsten Kontrollpunkt transportierte – eine Installation, die den Italiener tief beeindruckte. Das sollte man auf der Biennale zeigen!, sagte er.

Während der ganzen Fahrt war ich aufgewühlt, und ich schämte mich dafür. Mir war, als hätte ich mich dabei ertappt, von einer Rede Helmut Kohls ergriffen gewesen zu sein. Der Anblick der Vopos mit ihren Schirmmützen hatte mich bewegt, das an einer Autobahnbrücke hängende Banner Werkzeugmaschinenkombinat »7. Oktober« grüßt alle Werktätigen ging mir ans Herz, und die Menschen, die aus ihren Trabbis winkten, rührten mich.

Es ist mir peinlich, sagte ich dem Italiener, und er fragte: Warum? Es sei doch völlig normal, aufgewühlt zu sein. Wenn ein Land, das fast dreißig Jahre geteilt gewesen sei, jetzt wieder zueinander fände, sei das so, als würde eine lange voneinander getrennte Familie endlich wieder zueinander finden. Wenn Italien so lange geteilt gewesen wäre, dann würde man an einem solchen Tag in einem Meer von Tränen schwimmen.

Ich beharrte dann noch darauf, dass ich garantiert nicht mit der DDR verwandt sei und dass ich nicht wüsste, warum wir zueinander finden sollten, bei Italienern sei das anders, Italiener würden ja schon bei jeder Kleinigkeit losheulen, und dann kamen wir in Berlin an. Der Verkehr war zusammengebrochen, es war wie Fußballweltmeisterschaftssieg und sechs Richtige für alle, noch nie hatte ich die Deutschen so erlebt, so taumelnd, so überschäumend, so glücklich, und ich war kurz davor, zu heulen, und hoffte nur, dass der Italiener es nicht bemerken würde.

Wir liefen an der Mauer entlang und sahen Tausenden von Menschen zu, die gegen die Mauer hämmerten. Gegen diese entfesselten Berliner wirkten selbst die Neapolitaner schwermütig, befand der Italiener. Zu Fuß gingen wir bis nach Charlottenburg zurück, bis zum Savigny-Platz, der voller betrunkener, sich umarmender, sich nach langer Trennung wiederfindender Menschen war. Mit Mühe ergatterten wir einen freien Platz in einem Restaurant, und ich fühlte mich bereits so sehr mit der DDR verwandt, dass ich den Versuch machte, meine Ergriffenheit mit einem Mann vom Nebentisch zu teilen.

Er trug ein kariertes Flanellhemd, aus dem ich schloss, dass er aus Ostberlin stammte. Ich gestand ihm, wie sehr es mich beschäme, dass mir die DDR bis vor kurzem gleichgültig gewesen sei, ich vertraute ihm an, dass ich meine Unkenntnis bereute, ich sagte, dass es ein großes Glück für uns sei, diese historische Stunde der Wiedervereinigung erleben zu dürfen, Zeugen zu sein, dass Geschichte nicht immer nur die Wiederkehr des Ewiggleichen, sondern auch Fortschritt, Erkenntnis, Erleuchtung hervorbringen könne, dass wir uns als Auserwählte fühlen dürften, nun endlich zusammen an einem Tisch sitzen zu können, und dann sagte er: Wiesondett? Ick wohne doch umde Ecke, hier trink ick doch imma mein Bier, ey.

Aus  Der Italiener an meiner Seite.