Kategorie: Italien

Bombenalarm

Dienstag, 21. Oktober 2014

Heute morgen im Justizpalast Palermo. Kein Witz. Auch kein Zitat aus “Palermo Connection”, sondern echt. Tage zuvor wurde ein Projektil gefunden, und davor hatte der Generalstaatsanwalt von Palermo in seinem (hochgesicherten) Büro auf dem Schreibtisch einen Drohbrief vorgefunden, ganz eindeutig nicht aus der Feder eines Mafiabosses, sondern verfasst von den Geheimdiensten. Die in solchen Fällen gerne “fehlgeleitet” genannt werden. Und dazu jetzt tatsächlich ein Zitat aus Palermo Connection:

“Vito Licata seufzte. Ich weiß. Du denkst an fehlgeleitete Geheimdienste.

Serena stöhnte auf. Wenn du noch einmal fehlgeleitet sagst, erschlage ich dich. Wenn es die Aufgabe der fehlgeleiteten Geheimdienste ist, unbequeme Zeugen umzubringen und mafiöse Politiker zu schützen, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wozu die Geheimdienste fähig sind, wenn sie richtig geleitet werden.”

(Palermo Connection, S. 199. Sorry. Muss auch mal sein)

Der Generalstaatsanwalt führt in zweiter Instanz einen Prozess gegen einen hochrangigen Carabiniere-General und Ex-Geheimdienstchef Mario Mori, der im Verdacht steht, mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Die Aufnahmen der Bewachungsvideokameras im Justizpalast wurden übrigens gelöscht, von “Unbekannten”, wie es so schön heißt. Als Romanautorin wäre mir das übrigens zu banal.

Und zeitgleich werden die Staatsanwälte, die den Prozess über die sogenannte “Trattativa” führen, massiv bedroht – und nicht nur das: Der Boss Totò Riina forderte vom Gefängnis aus zum Mord an Nino di Matteo, dem Chefankläger an. (Zur “Trattativa”, den Geschäftsbeziehungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia, auch hier und hier.)

Seit letztem Jahr befindet sich Italien in einem aufwändigen Prozess der Restauration. Nach dem Schock des Wahl im letzten Jahr, (remember: die 5SterneBewegung zog mit einem Viertel der Stimmen in das Parlament ein) galt es, zu retten, was zu retten ist. Renzi und der Gewohnheitsverbrecher B. setzten sich zusammen, zum Pakt des Nazareno (so genannt, weil die Unterredung in der Parteizentrale der PD stattfand). Als Minister wurden junge Wasser&Seife-Gesichter eingesetzt, nette Mädchen und nette Jungs, die weder belastende Vorgeschichten noch politische Ansichten haben.

Der Deal: B. hält in der Öffentlichkeit die Klappe. Renzi redet dafür um so mehr.

Renzi ist im Radio, im Fernsehen, in allen Zeitungen, er fließt aus dem Wasserhahn, es gibt ihn auch in Tablettenform. Renzi ist ein besserer und jüngerer Berlusconi, einer, wie ihn sich selbst die Berlusconi-Anhänger nicht in ihren kühnsten Träumen erhofft hätten: Er ist ebenso kommunikativ wie durchtrieben (in Italien nennt man das voller Bewunderung “furbo”), aber – bislang – ohne gefährliche Freundschaften und – so weit bekannt – ohne Hang zu Orgien. Es läuft also alles bestens.

Die Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo ist eines der letzten Hindernisse auf dem Weg zur Vollendung der Restauration. Wie auch der störrische Richter des Richterkollegiums, das Berlusconi freisprach – er gab nach dem Freispruch sein Amt auf.  Und natürlich auch die wenigen Journalisten, die keine Lakaien der Parteien sind. Marco Travaglio verließ letzte Woche das Studio von “Servizio Pubblico”, weil er es nicht ertrug, wie der Moderator Michele Santoro dem ligurischen PD-Ministerpräsidenten – und Verantwortlichen für die Schlammkatatstrophe von Genua – Gelegenheit gab, sich vor laufender Kamera von allen Vorwürfen reinzuwaschen.

To be continued …

 

Über Mafia. Und Netzstrümpfe

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Palermo Connection auf dem Blauen Sofa.

Venedig sehen.

Sonntag, 05. Oktober 2014

Sie hatten immer schon davon geträumt, Venedig von einer Gondel aus zu sehen.

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Filmfest

Donnerstag, 04. September 2014

Und, ja, natürlich habe ich auch in diesem Jahr am Filmfest teilgenommen. Leider nicht so regelmäßig, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber immerhin so häufig, um aus zwei Filmen zu flüchten, aus dem Beitrag des schwedischen Kultregisseurs Andersson A Pigeon sat on a Branch reflecting on Existence und aus Near death experience, in dem der französische Schriftsteller Michel Houellebecq die Hauptrolle spielte (irgendwas stimmt mit seinem Gebiss nicht, entweder hat er keine Zähne mehr oder leidet unter einer bizarren Kieferverformung). Near by death war kein Wettbewerbsfilm, aber bei dem Schweden habe ich die Chancen etwas zu gewinnen, um hundert Prozent gesteigert: Die Erfahrung lehrt, dass immer die Filme gewinnen, die ich entweder nicht gesehen habe, oder aus denen ich geflüchtet bin.

Wunderbar fand ich den Film Italy in a Day – un giorno da italiani von Gabriele Salvatores, ein gigantisches filmisches Selfie, geschnitten aus 656 der 44 000 privaten Videos, die auf Salvatores’ Appell hin gedreht und eingeschickt wurden – und zeigen, was tausende Italiener am 26. Oktober 2013 bewegte. Herausgekommen ist ein berührender Dokumentarfilm, bei dem ich schlichtes Gemüt drei Taschentücher vollgeheult habe – so bewegend zärtlich, wütend und untröstlich waren die Bilder.

Nachtrag vom 8. September: Natürlich hat der Schwede gewonnen. Demnächst lasse ich mich als Orakel engagieren.

Arbeit für alle! Erpressungen, Kokain, Heroin!

Mittwoch, 27. August 2014

Immer wieder schön. In der Schweiz wurden 16 ‘Ndranghetisti festgenommen, die im idyllischen Frauenfeld seit 40 (vierzig!) Jahren ihre Geschäfte machten – und alle fallen aus den Wolken. Was? Mafia? Hier? Wie kann das sein? Es kann sich hier doch nur um eine Ausnahme handeln! Wir sind, wenn überhaupt, doch nur Rückzugsraum!

Wie wunderbar integriert der kalabrische Mafioso in der Schweiz war, lässt sich hier nachlesen. Und hier auch das schöne Polizeivideo von dem Treffen der Mafiosi (Nachdem die Herren die Förmlichkeiten hinter sich gebracht haben, also die Begrüßungsformeln heruntergenudelt haben, mehr oder weniger lustlos, geht es um die Geschäfte: “Wenn wir über Mord oder Erpressungen sprechen müssen, treffen wir uns zu dritt, zu viert oder zu fünft, wie ich es immer gesagt habe.” Vor allem aber geht es darum, die offenbar etwas zur Bequemlichkeit neigenden Jungen zum Jagen zu tragen: “Wir haben uns unsere Namen gemacht, jetzt seid ihr an der Reihe! Wer arbeiten will, kann arbeiten! Es gibt Arbeit für alle: Erpressungen, Kokain, Heroin! Zehn Kilo, zwanzig Kilo, ich bring’ sie euch persönlich vorbei.

Die Zelle in Frauenfeld tauchte bereits 2010 und 2011, bei den Ermittlungen “Crimine” und “Crimine2″ auf, als über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, nachzulesen auch hier.

Schön zu beobachten ist, wie sofort die Beschwichtigungsmaschine angeworfen wird, sobald in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Mafiosi festgenommen werden: Liebe Schweizer, auch Ihr dürft weiterschlafen, empfiehlt denn auch der Bundesanwalt: “Die hauptsächlichen kriminellen Aktivitäten würden aber in Italien und nicht hier durchgeführt.” Der “Rückzugsraum” ist ein Mantra. Der einzige, der sich etwas kritischer äußert, und ist der (ehemalige) Staatsanwalt Paolo Bernasconi (hier auch diverse interessantes Radio-Interviews mit ihm). Die neue Strafprozessordnung etwa verlangt von den Schweizer Ermittlern, Personen, deren Telefon abgehört wurde, im Nachhinein darüber zu informieren.

Davon träumen die Mafiosi in Italien natürlich auch. Doch das hat nicht mal Berlusconi hingekriegt. Aber wer weiß, vielleicht schafft es jetzt Renzi mit seiner Justizreform.

Das Wahr-Lügen

Sonntag, 24. August 2014

Endlich ist es so weit, und ich kann meinen neuen Liebhaber vorstellen: Am 8. September erscheint mein Roman “Palermo Connection“. –  Ein Roman? – Ja. – Also alles erfunden? – Alles erfunden. – Und warum?

Weil mir Louis Aragon ins Ohr geflüstert hat. Er nannte es mentir vrai, das Wahr-Lügen: Ein Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet.

Und so habe ich die Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale erfunden – die Serena genannt wird, aber eigentlich mit dem Vornamen Santa Crocifissa geschlagen ist: heilige Kruzifixin. (Sie wurde nach ihrer im Kindbett verstorbenen Großmutter benannt.) Auch der Prozess, den Serena Vitale gegen einen Minister führt, der angeklagt ist, mit Mafia zusammenzuarbeiten, ist ausgedacht. Der Minister natürlich auch. Auch der deutsche Journalist Wolfgang W. Wieneke existiert nur in meiner Fantasie. Und trotzdem ist alles wahr.

Ich lüge, um die Wahrheit zu erzählen.

Hier ist der Trailer zu Palermo Connection.

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Ferragosto

Freitag, 15. August 2014

Heute ist hier Feiertag, Ferragosto, Mariä Himmelfahrt, einer der höchsten Feiertage in Italien. Das ganze Land atmet flach (allerdings nicht nur wegen der Hitze). Und Venedig wird niedergerannt. Weshalb am Campo Santo Stefano diese wunderbare Umhängetasche verkauft wird, an der Sie die letzten Venezianer erkennen können. Bitte nähern Sie sich ihnen vorsichtig, und versuchen Sie nicht, sie zu füttern, manche Venezianer beißen zu, wenn Sie sich zu schnell und unkontrolliert bewegen.

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Ebola

Montag, 11. August 2014

UnknownJedes Mal, wenn ich etwas über Ebola lese, muss ich an Berlusconi denken. Der große, alte Journalist Indro Montanelli hielt B. für eine Krankheit, von der die Italiener erst geheilt seien, wenn sie sich impfen lassen würden, durch eine ordentliche Dosis Berlusconi als Ministerpräsident und Berlusconi als Staatspräsident. Leider hält die Epidemie immer noch an.

Die italienischen Zeitungen sind auch heute voll von B., zwei Jahre nach seinem Rücktritt, ein Jahr nach seiner ersten rechtskräftigen Verurteilung als Steuerhinterzieher, zehn Monate nach seinem Ausschluss aus dem Senat. Falls Sie noch glauben, dass er reumütig seinen Sozialdienst absolviert: Zur Zeit reformiert B. zusammen mit Renzie-Boy die Verfassung, mal so nebenbei. An den deutschen Zeitungslesern ist ja leider vorbeigegangen, dass B. und sein kleiner, dicker Pfadfinder mehr als ein Drittel der italienischen Verfassung ändern, wobei der Senat keineswegs abgeschafft wird, wie in den deutschen Medien in copy&paste-Manier (nur die taz deutete eine zarte Kritik an, hier und hier) behauptet wurde, sondern lediglich mundtot gemacht wird: In Zukunft sitzen im Senat nur noch von den Parteien ausgewählte Bürgermeister und Regionalpräsidenten. Auch was das neue Wahlrecht betrifft, so bleiben sich B. und sein Buddy  treu: Aus dem alten, Porcellum, Schweinerei genannt, soll eine noch größere Schweinerei werden, Italicum genannt, das sämtliche Ferkeleien des alten Wahlgesetzes enthält, also, dass die Italiener weiterhin keine Kandidaten, sondern nur Parteien wählen können, die Katze im Sack, weil es die Parteien sind, die nach den Wahlen jeden, der ihnen genehm ist – Nacktmodelle, Mafiosi etc. pp. – zu Abgeordneten ernennen. Eine Partei kann so mit nur 37 Prozent die absolute Mehrheit erringen, während die unter 8 Prozent draußen bleiben müssen. Damit wäre Italien einen Schritt weiter auf dem Weg zur Diktatur – so wie sie der Geheimloge P2 vorschwebte.

Nachdem der Senat seine Entmündigung beschloss, (die Opposition hatte den Saal verlassen) fielen sich die Abgeordneten der PD (die von den deutschen Medien stets als “links” und “sozialdemokratisch” bezeichnet wird, als Sozialdemokrat würde ich so etwas als Verleumdung anzeigen) und von Forza Italia in die Arme und küssten sich ab. Deshalb ist dieses Foto auch ein schönes Dokument der italienischen GroKo, der Kuschelkoalition von Forza Italia und PD, die seit mehr als zwanzig Jahren herrscht und sich alles schön teilt, die Bestechungsgelder, die Großprojekte, die Mafiakontakte, was eben so anfällt.

Und die Italiener?, fragen Sie. Was machen die Italiener? Die rund 5 Millionen Italiener, die von der Politik leben (durchschnittlicher Verdienst eines sizilianischen Regionalabgeordneten: 22 000 Euro netto, monatlich) einschließlich ihrer Verwandten, Kinder, Kindeskinder und Freunde, genießen ihren Urlaub und hoffen, dass alles weiter so gut geht wie bisher. Die anderen sind damit beschäftigt zu überleben. Und machen die Revolution nur auf Facebook.

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Heilig, heilig, heilig

Mittwoch, 06. August 2014

Meine Frisur hat sich geändert. Aber sonst: nichts, leider. Die Mafia in Deutschland, wie sie leibt und lebt – wer mehr wissen will und etwas Zeit hat: hier. (Nutzen Sie die Gelegenheit, solange die ARD-Mediathek sie noch gewährt! Auch Sie haben dazu beigetragen, dass dieser Film entstehen konnte, der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört allen!) Darin auch Interessantes zum Verhältnis von Mafia und Kirche (zur päpstlichen Exkommunikation auch hier und hier ): ab Minute 26 ungefähr sind wir in San Luca, bei Don Pino. Der ja erst in dieser Woche heilig gesprochen wurde. Vom Spiegel jedenfalls.  :-)

Sommermärchen

Montag, 28. Juli 2014

Natürlich regt es mich auf. Eigentlich wie jeden hier, der noch etwas empfindet. 32 Tote. 110 Verletzte. Physische und moralische Schäden für die 4197 überlebenden Passagiere. 1,5 Milliarden Euro Kosten für die Bergung des Wracks. 12 Millionen Euro Schäden für die Insel Giglio. 921 Tage Rettungsarbeiten für Hunderte von Helfern. Und Schettino macht Ferien auf Ischia.

Tagelang lief die glorreiche Wir-heben-das-Wrack-Operation in Endlosschleife auf allen Fernsehsendern. Das allein wäre schon schlimm genug, aber dann nutzte Renzi die Katastrophe auch noch zur Selbstdarstellung, faselte etwas von “Dies ist nicht die übliche Geschichte von der Prinzessin, die alle rettet”. Hat der keinen Redenschreiber? Nicht Prinzessinnen, sondern Prinzen retten, verdammt noch mal. Prinzessinnen schlafen und werden, wenn sie Glück haben, wachgeküsst. Im Märchen.

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