Kategorie: Italien

Exkommuniziert II.

Dienstag, 08. Juli 2014

Kleiner Nachtrag zur Jubelarie, die überall zu hören war, nachdem der Papst (von Kalabrien aus) die Mafiosi exkommuniziert hat. Keine zwei Wochen später hat sich die Madonna in Kalabrien während der Prozession vor dem Haus des Bosses verneigt. „Die Riten, die Feste sind eine Explosion des Heidnischen – all das Sektierertum, das den Kult begleitet, ist nichts anderes als ein Ersatz für die politischen Kämpfe in der Stadt”, sagte einst der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia. Es geht bei einer Prozession also um die Demonstration der Macht – und da darf die Mafia nicht fehlen, päpstliche Ermahnungen hin oder.

Und praktisch zeitgleich zum Kniefall der Madonna vor dem Haus des Bosses gerieren sich die Mafiosi als Opfer der päpstlichen Exkommunikation:  200 Ndranghetisti kündigen im Gefängnis von Larino an, nicht mehr zur Messe zu kommen. Kleine Gesten von großer Bedeutung.

Der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri sieht darin eine Kampfansage der kalabrischen Mafia an den Papst: “Entweder wird hier wieder nachgegeben, oder es kommt zu einer Auseinandersetzung.” Aber keine Angst: Die Mafia verhält sich immer pragmatisch. Bevor es zu einer echten Auseinandersetzung kommt (auch die Ermordung des sizilianischen Priesters Padre Puglisi wird als Reaktion auf die Rede von Johannes Paul II. in Agrigent 1992 betrachtet, in der er den Mafiosi mit der Hölle drohte), neige die Ndrangheta dazu, zu verhandeln, sagte Gratteri. Etwa dank fürstlicher Geschenke an den Vatikan.

Gratteri hob auch noch mal die Rolle des Bischofs Bregantini hervor: Er war es, der nun mit den 200 inhaftierten Ndranghetisti sprach. Bregantini hat darin einige Erfahrung: Er ist der  ehemalige Bischof von Locrì, ein guter Freund von Don Pino, dem Pfarrer von San Luca und geistigem Oberhaupt des kalabrischen Wallfahrtsortes Santa Maria di Polsi. “Und ich habe Monsignor Bregantini in die Augen geschaut und gesagt: Sehen Sie, endlich ändert sich die Welt. Nach Polsi gehen nicht die Menschen, die in Diskotheken gehen wollen. Nach Polsi kommen Menschen, die Tränen in den Augen haben. Und wer kann die Tränen besser abwischen als eine Mutter? Die Mutter Gottes?  Und der Bischof sagte dann im Fernsehen: Wenn das hier in Polsi eine Versammlung der ‘Ndrangheta ist, dann bin ich der erste Mafioso,” sagte Don Pino kurz nach dem Massaker von Duisburg.

Zu dem Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi, pilgern im September nicht nur kalabrische Gläubige aus der ganzen Welt, sondern auch die ‘Ndrangheta, die sich hier zu einer Art jährlichen Betriebsversammlung trifft. Die Clanführer besprechen in Santa Maria di Polsi anfallende Probleme, darunter damals auch die Folgen des Massakers von Duisburg. Bei der Ermittlungsaktion “Crimine” 2010, in deren Verlauf über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet wurden, in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz – filmten die Ermittler auch ein Treffen der Bosse im Wallfahrtsort Polsi.

Und Bischof Bregantini wurde irgendwann von Locri nach Campobasso versetzt.

Weihrauch vom Fließband

Donnerstag, 03. Juli 2014

(“Streit um die Sparpolitik in Europa”(Corriere della Sera) / “Renzi erhebt die Stimme gegen Deutschland”(Gazzettino) “Renzi: Entweder ändert sich Europa oder es hat keine Zukunft, Streit mit den Deutschen um die Lockerung des Sparzwangs” Repubblica) Die italienischen Zeitungen heute: Seiten um Seiten voller Weihrauchschwenker. Wie immer.

Beschließe, nach dem Fernsehen nun auch das Zeitunglesen einstellen. Die gedruckte Heuchelei taugt nicht mal mehr als Inspiration, nicht mal mehr als Anschauungsmaterial, es ist eine Heuchelei vom Fließband. Ich würde nicht mal meine miesesten Protagonisten auf so niedrigem Niveau heucheln lassen.

Beschließe außerdem, für die Brüsseler SZ-Korrespondentin eine Kerze anzuzünden. Sie schrieb: “Im Europaparlament haben Abgeordnete nun nach Taten gerufen, völlig zu Recht. Das sorgfältig inszenierte Image des Newcomers Renzi, der alles besser macht als seine Vorgänger, beginnt nach fünf Monaten im Amt zu zerfallen.”

 

Der Verschorfte

Dienstag, 01. Juli 2014

1964917_691813294209152_2089021655_n Bereite mich schon jetzt seelisch und moralisch auf die nächste Renzi-Lobeslawine vor, die über den wehrlosen deutschen Zeitungsleser hinwegrollen wird. Etwas in der Art von “Renzis einsamer Kampf gegen die Korruption”/”Super-Renzis erbarmungslose Jagd auf Steuersünder”. Und dann wird darüber berichtet, dass unser Held (vulgo: der einstige selbsternannte Verschrotter - die Autokorrektur wollte mir der Verschorfte unterjubeln, auch schön) - mal wieder zugeschlagen hat, dieses Mal mit dem Vorschlag (denn um nichts anders handelt es sich), dass Freiberufler mit Kundenverkehr (Anwälte und Handwerker) in Italien zukünftig ihre Honorare über 30 Euro nur noch per Kreditkartenbezahlung entgegennehmen sollten.

Ja, richtig gelesen. Es handelt sich um eine Empfehlung. Oder um, wie die Zeitung “Il Fatto Quotdiano” es inzwischen nennt: eine Renzi-typische Super-Cazzola. Eine weitere Renzi-Luftblase. Ein weiteres Renzi-Versprechen.

Wenn Renzi etwas verspricht, kann es zu allem möglichen kommen, zu Ufo-Landungen, Wunderheilungen - nur nicht zu dem, was er versprochen hat. Verspricht er eine Justizreform, dann handelt es sich um nichts anderes, als um die Fortsetzung von B.’s jahrzehntelangen Kampf gegen die Richterschaft mit anderen Mitteln: Das erste, was zwangsläufig geändert werden muss, sind so wesentliche Dinge wie die Haftdauer (muss gekürzt werden), die Abhörpraxis (muss eingeschränkt werden), die Immunität der Parlamentarier und Senatoren (muss garantiert bleiben). Verkündet Renzi, in Brüssel ganz, ganz hart verhandelt und den Fiskalpakt aufgeweicht zu haben, um endlich die Konjunktur in Italien mit öffentlichen Aufträgen anzukurbeln (Schöne Beispiele für die Konjunkturankurbelung dank öffentlicher Aufträge: der Schmiergeldskandal um die venezianische Hochwasserschleuse MOSE oder die von der ‘Ndrangheta unterwanderte Expo), bedeutet das: Renzi hat Angela Merkel freundlich angelächelt und ansonsten das garantiert, was bereits Monti und Letta garantiert haben, nämlich weiter zu sparen.

Gespart wird in Italien am Gesundheitssystem, an der Kultur, am Denkmalschutz, am Bildungssystem und nicht an den Gehältern öffentlicher Bediensteter – in Sizilien liegt das Jahresgehalt eines leitenden  Beamten der Regionalverwaltung zwischen 370 000 und 550 000 Euro jährlich – auch nicht an den Gehältern der Politiker. Und so erklärt sich auch die Zustimmung für Renzi bei den letzten Wahlen – die, wenn man die geringe Wahlbeteiligung berücksichtigt, gar nicht so hoch ist: für Renzi haben diejenigen gestimmt, deren Wohlstand von öffentlichen Geldern gesponsort wird: 20 Millionen Italiener, fast die Hälfte der Wähler ist bei den Europawahlen zu Hause geblieben, womit Renzi de facto lediglich von einem Viertel der Italiener gewählt wurde.

Und das entspricht ungefähr dem Heer von Beamten, Politikern und politischen Parteien nahestehenden Unternehmern, die das Milliardenloch an Steuergeldern verursacht haben und weiter davon profitieren. Aber das eigentliche Wunder (wir befinden uns im Land der Marienerscheinungen) besteht darin, dass Renzis heiße Luft nicht nur von den italienischen Medien, sondern auch von den deutschsprachigen weitergeblasen wird. Niemand verpasst die Gelegenheit, das Wort “jung” im Zusammenhang mit Renzi hervorzuheben. Aber das Lebensalter allein ist noch keine Qualität. Man kann auch beides sein: Jung+angepasst, jung+opportunistisch, jung+blöd. Bei den italienischen Medien kann ich die Renzi-Lobhudelei  noch nachvollziehen, schließlich sind diejenigen, denen die Zeitungen gehören (Parteien und Parteien nahestehende Industrielle) daran interessiert, dass sich in Italien nichts ändert. Und Renzi ist der Garant dafür.

Aber was, verdammt noch mal, haben die deutschen Medien davon, diesen Mist gebetsmühlenartig zu wiederholen?

 

P.S.: Heute haben im Parlament alle Parteien außer der Fünf-Sterne-Bewegung und SEL für die Immunität der Senatoren gestimmt.

An Deiner Seite, Marcello

Dienstag, 01. Juli 2014

dellutri-corriere-640Also, im Grunde ist es ziemlich einfach: Wer auf die unheilvolle Idee kommt, die Mafia ernsthaft bekämpfen zu wollen – und zwar nicht mit Lippenbekenntnissen (böse, böse Mafiakiller), sondern mit einem Prozess, der sowohl die Bosse anklagt, als auch die Politiker, die sich mit der Mafia auf Harmonischste arrangiert haben – der muss aushalten können, von neun Leibwächtern bewacht, von inhaftierten Bossen zum Tode verurteilt, von karrierebewussten Kollegen wie die Pest gemieden, von der politischen Klasse verteufelt und von der italienischen Regimepresse verschwiegen zu werden.

Wer hingegen ein erklärter Freund der Freunde ist und wegen Unterstützung der Mafia zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, wie der Berlusconi-Vertraute und Forza-Italia-Gründer Marcello Dell’Utri, der kommt in den Genuss einer ganzseitigen Solidaritätsanzeige im Corriere Della Sera.

Rund fünfzig Loblieder für Dell’Utri (inzwischen übrigens eine feste Größe dieses Blogs, nachzulesen hier und hier und hier) Gepriesen wird er nicht nur von ehemaligen Mitarbeitern, sondern auch von Schriftstellern, Intellektuellen und Forza-Italia-Abgeordneten, die Dell’Utri als “Meister”, “Mentor”, “Freund”, “Freigeist”, “Märtyrer” und natürlich besten Vorstandsvorsitzenden aller Zeiten von Berlusconis Werbegesellschaft Publitalia rühmen.

Der (gewerkschaftlich organisierte) Redaktionsausschuss des Corriere della Sera forderte, Solidaritätsanzeigen von Freunden von Mafia-Verurteilten in Zukunft abzulehnen. Ist ja auch irgendwie blöd. Wie steht man denn da, wenn man das nächste Mal über die Mafia schreiben soll?

(Fortsetzung folgt)

Palermo Connection

Samstag, 28. Juni 2014

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Exkommuniziert

Dienstag, 24. Juni 2014

imageJubel, Jubel, Jubel. Papst Franziskus exkommunizierte die Mafiosi. Weshalb ich gestern kurz nach meiner Ankunft in Palermo noch mal in die Kirche Santa Maria della Kalsa gegangen bin, der Kirche von Padre Frittitta – einem jener vielen sizilianischen Priester, die untergetauchten Mafiosi im Versteck die Beichte abnahmen und sich stets damit rechtfertigten, dass es nicht die irdische Justiz sei, die das letzte Urteil zu fällen habe, sondern die göttliche – der sie als deren demütiger Handlanger nichts anderes als einen Dienst erwiesen. Seelen retten. Als Padre Frittitta festgenommen wurde, verteidigten die Karmelitermönche ihren Mitbruder  und belehrten die Staatsanwaltschaft, dass die Kirche nie gegen etwas sei,  sondern immer nur mit: mit den gepeinigten Seelen, mit jedem einzelnen Sünder, den es zu retten gelte. Und in Novica, einer der palermischen Kurie nahe stehenden Zeitschrift, war zu lesen: Auch der meistgesuchte Mafioso der Welt muss sicher sein können, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Geistlichen finden kann, der ihn weder an die Staatsanwaltschaft noch an die Polizeipräfektur ausliefert.

 Genauso argumentierte auch Don Pino im kalabrischen San Luca, jenem Dorf, das als “Mutter der Ndrangheta” gilt: Das Böse muss mit dem Guten bekämpft werden, sagte Don Pino – der nicht nur für das Seelenheil von San Luca zuständig ist, sondern auch für den Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi. Dort ist er geistiges Oberhaupt – eine Rolle von nicht geringem Gewicht, gilt der Wallfahrtsort doch als Versammlungsort der ’Ndrangheta. Als im Jahr 2010 am Ende der Ermittlungsaktionen „Crimine“ und „Crimine 2“ über 340 Mitglieder der ‘Ndrangheta in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz verhaftet wurden, gab es auch ein Polizeivideo, das die Bosse beim Treffen im Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi zeigte. Als ich das letzte Mal in Santa Maria di Polsi war, kamen mir sehr viele Gesichter bekannt vor, ich kannte sie von Fahndungsfotos.
Das Abbild der Madonna von Polsi wurde auch in dem Restaurant »Da Bruno« in Duisburg gefunden. Zusammen mit einem amerikanischen Sturmgewehr, Kaliber 223, einer Statue des Erzengels Michael, einem am Kopf angebrannten Heiligenbild des gleichen Heiligen, einem Gebetbuch, Munition des Kalibers 280, diversen Ersatzmagazinen und der Quittung einer Anzahlung über dreihundert Euro für einen gepanzerten Peugeot-Lieferwagen, ausgestellt für den Killer – der nach Duisburg gefahren war, um sich Waffen für das nächste Attentat gegen den verfeindeten Clan Nirta-Strangio zu besorgen.
Ja, es ist wunderbar, dass Papst Franziskus klare Worte fand.  Aber auch Papst Johannes Paul II. hat 1992 die Mafia als Ausgeburt des Teufels verdammt und die Mafiosi aufgerufen, sich zu bekehren. Seine gewiss nützliche Entrüstung änderte allerdings nur wenig. Denn der Gott der Mafiosi ist der, den sie sich nach ihrem Abbild geschaffen haben.
*
P.S.: Als ich gestern in Palermo ankam, waren übrigens gerade 95 Mafiosi verhaftet worden. Nur mal so, zum Aufwärmen. Darunter auch ein Politiker, ein ehemaliger Unternehmer, sich damit vorgetan hatte, sich gegen die Zahlung von Schutzgeld auszusprechen. Aber als es um Wählerstimmen ging, fand auch er es praktisch, sich direkt an die Bosse zu wenden:  1500 Stimmen für 10 000 Euro.

Fulltime-Skandale

Montag, 16. Juni 2014

Man kommt ja nicht mehr nach. Den Überblick bei den letzten italienischen Skandalen zu behalten, ist ein Fulltime-Job : Hochwasserschleuse Mose (schön, wenn man einen eigenen Artikel verlinken kann, es geht noch nichts über solide Autoreferenzialität), der ehemalige Innenminister Scajola wegen Verdachts auf Mafiakontakte verhaftet, B.’s Buddy Marcello Dell’Utri endlich nach Italien ausgeliefert und im Gefängnis von Parma gelandet.

Natürlich ist der Mose-Skandal einer der schönsten: Parteiübergreifende Harmonie (und dabei ist das Wort übergreifend ganz wörtlich gemeint: Die Schmiergelder des Consorzio Venezia Nuova wurden sowohl von den Rechten als auch von den Linken abgegriffen. Als Journalist kann man das im über 700 Seiten langen Haftbefehl nachlesen, wobei besonders die Verhörprotokolle interessant sind – aber nicht nur. Auch die Abhörprotokolle sind sehr spannend (Wanzen in Telefonen, Autos, Büros – das nur für die Feinde des Großen Lauschangriffs, den zu übersetzen mir immer so schwer fällt: Vielleicht mit il grande attacco d’origliamento oder il grande spionaggio telefonico oder il grande orecchio, was auf Italienisch sehr komisch klingt, „Horchattacke“, „das große Ohr“ oder die „große Telefonspionage“?).

Am ergiebigsten sind natürlich die Aussagen derjenigen, die – mangels Alternativen – mit der Justiz zusammenarbeiten: der Ex-Präsident des Consorzio Venezia Nuova Giovanni Mazzacurati, oder der größte Aktionär des Consorzio und Ex-Präsident des am Bau der Schleuse beteiligten Bauunternehmens Mantovani, der Ingenieur Piergiorgio Baita, wie auch Baitas Sekretärin.)

Da kommt täglich etwas Neues heraus, praktisch Geld für jeden, für Enrico Lettas Stiftung Vedrò  (die den schönen Untertitel “Italien der Zukunft” trägt …) allein 60 00 Euro, wie “Il Fatto” berichtete – remember: Letta war der letzte Ministerpräsident) unter anderem auch für andere venezianische Bürgermeister wie dem - Philosophenbürgermeister – Cacciari oder für den Ex-Bürgermeister Ugo Bergamo – was mich natürlich besonders erheitert hat, weil es mich an den Augenblick bei der Pressekonferenz erinnerte, als eine sympathische spanische Journalistin die Frage stellte, die so offensichtlich war, dass niemand außer ihr den Mut hatte, sie zu stellen: “Angesichts der Tatsache, dass dieses MOSE-Projet schon so lange läuft, sind dann nicht noch andere venezianische Bürgermeister in diesen Skandal verwickelt?” Eisiges Schweigen im Saal.

Bürgermeister Orsoni also wurde zurückgetreten. Nicht weil er die Schmiergelder eingesteckt hat. Sondern weil er zugegeben hat, sie eingesteckt zu haben. Hätte er geleugnet, geleugnet, geleugnet, wäre er für seine Parteifreunde  in der PD ein Heiliger gewesen. Vermutlich war Orsoni aber klar, dass er nur durch dieses Geständnis eine höhere Gefängnisstrafe vermeiden konnte, schließlich ist der Mann Jura-Dozent für öffentliches Verwaltungsrecht.

Er wollte trotz des Geständnisses Bürgermeister bleiben und tat die bevorstehende Strafe als Kleinigkeit ab: Die vier Jahre seien lediglich ein winziger Blutstropfen, den er habe opfern müssen – eine Strafe kaum höher als für einen Verkehrsunfall. Als aus Rom der Gegenbefehl kam, geißelte Orsoni seine Parteifreunde als heuchlerisch: Noch kurz zuvor hätten sie ihn angefleht, auch bei der nächsten Bürgermeisterwahl wieder zu kandidieren, und jetzt leugne Renzi (“Wer ist Orsoni noch?”) ihn gekannt zu haben. Es folgte: Abgang Orsoni. Mit dem schönen Schlusssatz: “Ich habe das Vertrauen in die Politik verloren”.

to be continued …

Krieg gegen Olivenbäume

Montag, 09. Juni 2014

imageGerade war ich ein paar Tage lang in Apulien unterwegs, genauer gesagt, im Salento – wo ein geheimer Krieg gegen Olivenbäume geführt wird. Weshalb es an manchen Stellen aussieht, als hätte jemand Agent orange eingesetzt. Und damit kommt man der Wahrheit vermutlich schon ganz nah. In Apulien stehen 70 Millionen Olivenbäume, von denen einige sogar bis zu 4000 Jahre sind. Die jahrhundertealten Olivenbäume sind in einem  Kataster aufgeführt: Ein Register verzeichnet die Bäume, ihren Standort, ihr Alter. Was sie aber dennoch nicht schützt: Die Olivenbäume sind einigen im Weg. Weshalb manche Olivenbäume in einer Nacht und Nebel-Aktion abgeholzt werden, andere ganz offiziell am helllichten Tag – weil sie einer Straße weichen müssen (Nirgendwo in Italien gibt es mehr Straßen als in Apulien). Und wenn das alles noch nicht wirkt, und die Olivenbäume immer noch nicht verschwunden sind, dann taucht plötzlich eine komische, unerklärliche Krankheit auf, die Xylella fastidiosa heißt, zu deutsch Feuerbakterien - hinter denen sich aber mehr verbirgt als eine scheinbar aus dem Nichts auftauchende Epidemie: Sehr, sehr viele Interessen. Und sehr viel Geld. Etwa der Ndrangheta und der Camorra, die im Salento im großen Stil investieren. to be continued …image

Ganz große Projekte

Donnerstag, 05. Juni 2014

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Gestern, auf der Pressekonferenz anlässlich der Verhaftung des venezianischen Bürgermeisters und seinen 34 Spießgesellen, gab es einen seltsam irrealen Moment.  Erst erläuterte Oberstaatsanwalt Carlo Nordio die Ermittlungen – er nannte die Beweise “erdrückend” und die Straftaten “schwerwiegend” (Amtsmissbrauch, Bestechung, illegale Parteienfinanzierung und Geldwäsche. Mindestens 25 Millionen Euro Schmiergelder seien geflossen, über Auslandskonten in der Schweiz und in San Marino. Schon jetzt wurden 40 Millionen Euro beschlagnahmt.), zog Parallelen zu “Tangentopoli“, dem norditalienischen Schmiergeldskandal, der Anfang der 1990er Jahre die etablierten politischen Parteien verschlang – und sagte dann, mit Berufung auf (ausgerechnet) den italienischen Staatspräsidenten Napolitano und (ausgerechnet) den stellvertretenden Chef des Obersten Richterrats, Michele Vietti, dass man bei den Ermittlungen rund um Großprojekte natürlich besonders vorsichtig vorgehen müsse - und deshalb wolle er an dieser Stelle betonen, dass die Hochwasserschleuse “MOSE” ein Werk sei, das Italien zur Ehre gereiche. Offenbar wollte er sich für seine Ermittlungen entschuldigen.

Das vom Consorzio Venezia Nuova und den beteiligten Politikern entwickelte System mit den falschen Rechnungen diente dazu, Beamte zu bestechen und politische Parteien zu finanzieren – nicht nur auf lokaler, sondern auch auf nationaler Ebene. Kein gutes Omen für Renzi. Der mit seinen Ministermädchen nichts anderes als ein Feigenblatt für ein durch und durch korruptes System ist: Unter den 35 Verhafteten sind nicht nur ein General der Finanzpolizei, eine Europaparlamentarierin, verschiedene Magistrate der venezianischen Wasserbehörde, sondern auch diverse Spitzenpolitiker des Veneto, sowohl linke als auch rechte, darunter der ehemalige Forza Italia-Regionalpräsident Giancarlo Galan: Das Plündern öffentlicher Gelder wird stets parteiübergreifend betrieben – damit man sicher sein kann, dass alles schön unter der Decke bleibt.

Die Harmonie zwischen rechts und links, „das große Kuscheln“, bestimmt Italien seit Jahrzehnten, da mag es niemanden erstaunen, dass bei den letzten Wahlen 25 Prozent der Italiener für die Fünf-Sterne-Bewegung gestimmt haben. Und dass Staatspräsident Napolitano alles in seiner Kraft stehende tat,um den worst case zu verhindern: Dass sich tatsächlich etwas ändert.

Und so geht das große Fressen weiter. Schon heute morgen hörte ich, wie Renzi und einige andere linke wie rechte Politiker gebetsmühlenartig feststellten: “Aber Italien braucht Großprojekte!” Natürlich braucht Italien Großprojekte (Expo, Hochgeschwindigkeitstunnel TAV etc.pp), woher sollen denn sonst die Schmiergelder kommen, wenn nicht aus den öffentlichen Kassen?

MOSE ist ein 6 Milliarden teures Schlachtfest für korrupte Unternehmer, Politiker und Beamte. Weshalb die Venezianer auch nicht überrascht waren, als der Bürgermeister gestern verhaftet wurde. Auf Facebook forderten sie „Spritz für alle!“ und schworen zur Salutekirche zu pilgern und Kerzen anzuzünden, weil sich ihre Hoffnung endlich erfüllt hatte.

Jetzt werden erste Wetten abgeschlossen, wie lange es dauern wird, bis die jetzt Verhafteten wieder auf einem gutbezahlten Posten sitzen.

 

Hier noch eine schöne Karte über die laufenden Deals  …

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Das große Fressen

Mittwoch, 04. Juni 2014

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Das ist das Wunderwerk, ein Teil der Hochwasserschleuse, die in Venedig viele, viele sehr reich gemacht hat. Die einzigen, die von der Verhaftung des Bürgermeisters heute morgen nicht überrascht waren, waren die Venezianer. Später mehr zum großen Fressen venezianischen Schmiergeldskandal.

Bis dahin ist es aber vielleicht interessant, noch mal nachzulesen, was ich vor längerer Zeit bereits über die Hochwasserschleuse und über die Politik alla alla veneziana geschrieben habe.