Kategorie: Italien

Weihnachtsmilde. Vorübergehend.

Samstag, 20. Dezember 2014

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Heute schwere Attacke von Weihnachtsmilde (echten Tannenbaum gekauft, ungeachtet des Protests des Italieners an meiner Seite, der jedes Jahr für aufklappbare Plastiktannen plädiert und so tut, als handele es sich für einen Einsatz für Greenpeace: Rettet die Edeltanne!, vorübergehend unter die Räder des rasenden Geschenkedeliriums geraten, anfallartig Weihnachtskarten geschrieben).

Allerdings fiel die Weihnachtsmilde immediatamente von mir ab, als ich las, dass der TAR, das oberste Verwaltungsgericht, die Klage des Kulturschutzbundes Italia Nostra gegen den Umbau des Fondaco dei Tedeschi abgelehnt hat: Der Umbau wird also das historische Gebäude völlig zerstören – und den Venezianern wird weiterer öffentlicher Raum vorenthalten. Wenigstens das Erdgeschoss, so forderte Italia Nostra, sollte den Venezianern vorbehalten sein, in Form eines Kindergartens und eines Kulturzentrums. Aber anders als üblich, blockierte das oberste Verwaltungsgericht die Arbeiten nicht, bis zum Urteil wurde weitergebaut – weil Eile geboten ist: Im Frühjahr 2016 will Benetton den Megastore eröffnen. Das Ziel sei, Vitalität nach Venedig zu bringen.

Der Ausverkauf Venedigs geht also unverändert weiter. Wer mehr dazu lesen möchte, dem sei das demnächst bei Wagenbach erscheinende Buch des Kulturkritikers Salvatore Settis ans Herz gelegt: “Wenn Venedig stirbt”, das er vor kurzem hier in Venedig vorstellte und das unter anderem auf einem Vortrag beruht, den Settis auf Einladung des deutschen Studienzentrums vor zwei Jahren in Venedig hielt. Wenn Venedig stirbt – so die etwas verkürzte Essenz seines Buches, stirbt auch ein Stück von uns, unserer Erinnerung, unserer Zivilisation, unserer Humanität.

So viel zu Weihnachten.

Zwischenwelt

Mittwoch, 03. Dezember 2014

Gestern wurden in Rom 37 Personen verhaftet, die mit der Mafia zusammengearbeitet haben sollen, darunter der ehemalige römische Bürgermeister Gianni Alemanno, rechte und linke Politiker und Unternehmer, die sich öffentliche Gelder und Aufträge mit Mafiosi jeder Couleur und Rechtsextremisten aufgeteilt haben. Die Ermittlung trägt den schönen Namen “Zwischenwelt“, weil einer der verhafteten Mafiosi in einem abgehörten Telefonat sagte:

“Das ist die ‘Theorie der Zwischenwelt ‘… Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten … und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.”

Eine bessere Definition gibt es nicht, für Italiens Gegenwart.

Der Schein. Und die Heiligkeit.

Dienstag, 25. November 2014

Nur um mal wieder zu erzählen, wie geschickt die Mafia darin ist, die Menschen und ihre Gefühle für sich einzunehmen, eine kleine Episode aus Palermo. Dort hat der Erzbischof von Palermo, Kardinal Paolo Romeo, den Sohn des (inhaftierten) Bosses Giuseppe Graviano von der Firmung in der Kathedrale von Palermo ausgeschlossen. Mit Verweis darauf, dass es vielleicht keine so gute Idee wäre, den Sohn des Auftraggebers des Mordes am Priester Don Pino Puglisi ausgerechnet in der Kathedrale zu firmen, in der auch der von der Mafia ermordete Padre Puglisi begraben liegt. So weit, so ehrenhaft.

(In den Ohren vieler Italiener klingt auch heute noch der Ausspruch von Palermos Kardinal Ernesto Ruffini: “Die Mafia? Ist das nicht eine Seifenreklame?”. Man kann also nicht behaupten, dass sich die Kirche in Palermo der Mafia wesentlich in den Weg geworfen hätte. Zumal erst vor kurzem die Nichte des untergetauchten Bosses Matteo Messina Denaro in der Palastkapelle des Palazzo Reale in Palermo getraut wurde.)

Jetzt könnte man meinen, dass man – besonders auch nach der päpstlichen Androhung der Exkommunikation von Mafiosi – in Palermo sehr zufrieden mit der Entscheidung von Kardinal Romeo ist. Stattdessen aber: große Empörung. Die Schulkameraden von Graviano jr. nehmen den Sohn des Mafiabosses in Schutz (“guter Junge”) und Luciana Ciminiano, Tochter des Mafiosos und Ex-Bürgermeisters von Palermo, fühlte sich gar gedrängt, einen offenen Brief zu schreiben, in dem sie ihrer Empörung über die Entscheidung des Kardinals Luft machte. “Nicht alle Namen sind gleich”, schrieb sie, “wie auch nicht alle Väter und Söhne gleich sind. Ich spreche im Namen all derjenigen, die sich entschieden haben, nicht zu flüchten, sondern ein normales Leben in dieser Stadt zu führen”.

Nun muss man sagen, dass diese Entscheidung die Söhne und Töchter von untergetauchten oder inhaftierten Bossen kein großes Opfer abverlangt, leben sie doch – anderes als viele junge Sizilianer – in großem Wohlstand, den sie sich mit dem Blut ihrer Opfer erarbeitet haben.

Wie Salvatore Borsellino, Bruder des ermordeten Staatsanwalts auf diesen offenen Brief erwiderte, wäre die Lage anders, wenn sich die Söhne und Töchter der Mafiosi öffentlich von ihren Vätern und ihren Taten distanziert hätten. So wie es der Bruder von Luciana Ciminiano tat, Massimo Ciancimino, der, anders als seine Schwester, mit der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Palermo zusammenarbeitet und einen hohen Preis dafür bezahlt: Früher wurde er von Palermos guter Gesellschaft hofiert, heute meidet man ihn.

 

Miracolo

Donnerstag, 20. November 2014

Hier ein kleiner, lustiger Beitrag des NDR über Palermo Connection. Es sei ein Wunder, dass ich noch lebe, findet der Autor. Finde ich eigentlich nicht.

Der Italiener, die Mauer und ich

Sonntag, 09. November 2014

Bei einem unserer Telefonate fragte mich der Italiener, ob ich wegen der Ereignisse in der DDR bewegt sei, er habe die Bilder im italienischen Fernsehen gesehen, es sei doch sensationell, was da passiere, diese Demonstrationen, unfassbar, und er vermutete, dass jetzt alle Deutschen weinten. Und ich sagte: So ein Quatsch.

Ich saß auf meinem Klappsofa, verfolgte aus den Augenwinkeln die Abendnachrichten und erklärte dem Italiener, dass mich die DDR zeitlebens so wenig interessiert habe wie die Schweiz. Die einen kleben an der Neutralität, die anderen am Sozialismus, sagte ich. Die DDR, das seien für mich die sechziger Jahre auf ewig, alte Männer mit Kassenbrillen und Strohhütchen, sächselnde Vopos und Fähnchen schwenkende FDJler, die Kampfreserve der Partei. Die Wiedervereinigung werde lediglich von unbelehrbaren CDU-Politikern gefordert, von bedauerlichen Fossilien der Nachkriegszeit, mit wenig Einsicht in historische Notwendigkeiten. Ich persönlich wollte nicht wiedervereinigt werden. Oder wenn schon wiedervereinigt, dann möchte ich mir selbst aussuchen, mit welchem Land. Ich wäre gerne mit Polen wiedervereinigt worden. Oder mit Ungarn. Aber nicht mit der DDR.

Und der Italiener sagte: Aber ihr seid doch alle Deutsche. Er war der Meinung, dass wir wieder zusammenkommen müssten, und es klang so, als handele es sich nicht um Deutschland, sondern um zwei Kinder, die sich gestritten haben und die sich nun vor der Klasse wieder die Hand reichen sollten.

Hm, sagte ich etwas zerstreut, denn ich glaubte plötzlich gehört zu haben, wie Schabowski in der Tagesschau den DDR-Bürgern die Reisefreiheit versprach. Ich sagte: Ich muss jetzt mal kurz auflegen, ich rufe dich später wieder an, und kurz danach sah ich, wie die Menschen die Grenze überrannten, wie sie über die Mauer stiegen und sich gegenseitig dabei die Hand reichten, wie sie sich umarmten und weinten. Noch bevor ich weiter auf meinem Standpunkt hatte beharrten können, war die DDR untergegangen.

Am nächsten Tag kam der Italiener wieder nach Hamburg. Wir beschlossen, nach Berlin zu fahren. Auch wenn der Untergang der DDR nicht in mein Ressort fiel. Auch wenn die DDR mir immer gleichgültig gewesen war. Auch wenn die DDR voller Kassenbrillen und alten Männern mit Strohhütchen war. Ich musste an die Mauer.

Wir fuhren aus Hamburg über die Grenze bei Helmstedt, wo Vopos erst unsere Pässe kontrollierten und sie dann auf eine Art Fließband legten, welches sie sehr langsam zum nächsten Kontrollpunkt transportierte – eine Installation, die den Italiener tief beeindruckte. Das sollte man auf der Biennale zeigen!, sagte er.

Während der ganzen Fahrt war ich aufgewühlt, und ich schämte mich dafür. Mir war, als hätte ich mich dabei ertappt, von einer Rede Helmut Kohls ergriffen gewesen zu sein. Der Anblick der Vopos mit ihren Schirmmützen hatte mich bewegt, das an einer Autobahnbrücke hängende Banner Werkzeugmaschinenkombinat »7. Oktober« grüßt alle Werktätigen ging mir ans Herz, und die Menschen, die aus ihren Trabbis winkten, rührten mich.

Es ist mir peinlich, sagte ich dem Italiener, und er fragte: Warum? Es sei doch völlig normal, aufgewühlt zu sein. Wenn ein Land, das fast dreißig Jahre geteilt gewesen sei, jetzt wieder zueinander fände, sei das so, als würde eine lange voneinander getrennte Familie endlich wieder zueinander finden. Wenn Italien so lange geteilt gewesen wäre, dann würde man an einem solchen Tag in einem Meer von Tränen schwimmen.

Ich beharrte dann noch darauf, dass ich garantiert nicht mit der DDR verwandt sei und dass ich nicht wüsste, warum wir zueinander finden sollten, bei Italienern sei das anders, Italiener würden ja schon bei jeder Kleinigkeit losheulen, und dann kamen wir in Berlin an. Der Verkehr war zusammengebrochen, es war wie Fußballweltmeisterschaftssieg und sechs Richtige für alle, noch nie hatte ich die Deutschen so erlebt, so taumelnd, so überschäumend, so glücklich, und ich war kurz davor, zu heulen, und hoffte nur, dass der Italiener es nicht bemerken würde.

Wir liefen an der Mauer entlang und sahen Tausenden von Menschen zu, die gegen die Mauer hämmerten. Gegen diese entfesselten Berliner wirkten selbst die Neapolitaner schwermütig, befand der Italiener. Zu Fuß gingen wir bis nach Charlottenburg zurück, bis zum Savigny-Platz, der voller betrunkener, sich umarmender, sich nach langer Trennung wiederfindender Menschen war. Mit Mühe ergatterten wir einen freien Platz in einem Restaurant, und ich fühlte mich bereits so sehr mit der DDR verwandt, dass ich den Versuch machte, meine Ergriffenheit mit einem Mann vom Nebentisch zu teilen.

Er trug ein kariertes Flanellhemd, aus dem ich schloss, dass er aus Ostberlin stammte. Ich gestand ihm, wie sehr es mich beschäme, dass mir die DDR bis vor kurzem gleichgültig gewesen sei, ich vertraute ihm an, dass ich meine Unkenntnis bereute, ich sagte, dass es ein großes Glück für uns sei, diese historische Stunde der Wiedervereinigung erleben zu dürfen, Zeugen zu sein, dass Geschichte nicht immer nur die Wiederkehr des Ewiggleichen, sondern auch Fortschritt, Erkenntnis, Erleuchtung hervorbringen könne, dass wir uns als Auserwählte fühlen dürften, nun endlich zusammen an einem Tisch sitzen zu können, und dann sagte er: Wiesondett? Ick wohne doch umde Ecke, hier trink ick doch imma mein Bier, ey.

Aus  Der Italiener an meiner Seite.

Palermo Connection

Samstag, 08. November 2014

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Ich habe mich mit Ijoma Mangold in Palermo getroffen, er hat darüber in der neuen ZEIT geschrieben.

In dem Roman gibt es eine zentrale Stelle: Gegen den ehemaligen Minister Gambino laufen Ermittlungen wegen Beziehungen zur Cosa Nostra. Serena Vitale lässt Gambino abhören. Auf den Tonbändern stellt sich heraus, dass Gambino mit keinem Geringeren als mit dem Staatspräsidenten telefoniert hat, der ihn seiner Unterstützung versichert. Eigentlich ein Ermittlungstriumph, aber Serena Vitale wird in ihren weiteren Untersuchungen ausgebremst. Ein Gericht entscheidet, die Tonbänder müssten vernichtet werden, weil sie die Immunität des italienischen Staatspräsidenten antasten würden. Bis in die italienische Staatsspitze reicht die Kooperation zwischen Mafia und Politik in diesem Roman. Kann das sein? Wenn man mit Petra Reski spricht, kann sie für jede Szene ihres Romans drei Belege aus der Wirklichkeit anführen, die nur noch haarsträubender sind.

Bei unserem Treffen stellten Ijoma Mangold und ich übrigens eine Gemeinsamkeit fest: Mütter, die in Schlesien geboren sind. Sag ich doch: In unseren Herzen sind wir alle Vertriebene.

Selfitis-Renzitis

Donnerstag, 06. November 2014

Als ich sie in Venedig zum ersten Mal sah,

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angeboten von den pakistanischen Straßenhändlern, dachte ich an Techno-Rückenkratzer oder Vintage-Antennen für Außerirdische oder Wünschelruten. Aber dann sah ich die ersten Opfer. Auf der Rialtobrücke.

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Oder hier, neben der Baustelle des Fondaco dei Tedeschi.

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Und da habe ich begriffen: Es handelt sich um eine Virusinfektion, Renzitis genannt, die auch Ausländer befällt, weil sie sich über die Luft überträgt.

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Italien wird seit Februar 2014 von einem Selfie regiert.

Die Frage ist nur: Wer gibt die Kommandos? Ziemlich wahrscheinlich: Apple. Hat die Tageszeitung “Il Fatto Quotidiano” heute enthüllt. Man muss nur da, wo bei Apple “Mac Book Air” oder “iPhone 6″ steht, Matteo Renzi/Italien/PD einsetzen: Etwa so:” iPad Air2 Berlusconi&Renzi: Gemacht um zu verändern” Oder: “OS X Yosemite Renzi&Berlusconi: So beeindruckend, wie es aussieht”.


Palermo Connection und kein Ende.

Freitag, 31. Oktober 2014

Ich erinnere mich an diese Zeit wie gestern. In den Monaten kurz nach den Attentaten 1992 auf Falcone und Borsellino war ich immer wieder auf Sizilien, um Geschichten zu recherchieren. Im Mai 1993 führte ich  in Palermo ein Interview mit Carla Cottone, der Schwiegertochter eines der mächtigsten Paten von Palermo, Francesco Madonia, der mit seinen vier Söhnen den Clan von Resuttana beherrschte. Sie war kurz zuvor auf einer sogenannten Goodwilltour unter anderem in der Talkshow von Maurizio Costanzo aufgetreten. Es war das erste Mal, dass sich eine Frau einer der mächtigsten Mafiafamilien Siziliens öffentlich zu Wort meldete. Allerdings nicht, um die Mafia zu verdammen, wie es der Gastgeber der Talkshow gehofft hatte. Sondern um die Öffentlichkeit von dem Justizirrtum zu überzeugen, dem ihr Mann Aldo zum Opfer gefallen sei. Am Tag meiner Begegnung mit Carla Cottone wurde auf Maurizio Costanzo ein Bombenattentat verübt. Costanzo und seine Frau überlebten knapp. Die Bombe war explodiert, kurz bevor der Wagen die Stelle passierte.

Kurz darauf war ich wieder in Sizilien, um die Recherchen für mein Buch über Rita Atria zu beenden. Am 27. Juli kam ich zurück nach Venedig. Als ich abends zum Essen ging, traf ich auf der Rialtobrücke einen Freund, der mir verstört davon erzählte, dass in Mailand und in Rom Bomben hochgegangen waren. Und dass im Palazzo Chigi, dem Sitz des italienischen Ministerpräsidenten, die Telefonlinien ausgefallen waren.

Es war das, was man später die “Strategie der Spannung” nennen sollte.

Was so fern erscheint, bestimmt noch heute die italienische Politik. Salvatore Borsellino nannte es die “Erbsünde der italienischen Republik”: die “Trattativa” genannten Verhandlungen zwischen der Mafia und Teilen des italienischen Staates, die seinen Bruder, den Antimafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino, und seinem Kollegen Giovanni Falcone 1992 das Leben gekostet haben. Der Prozess um die Hintergründe dieses Deals läuft in Palermo seit 2013. Mehr dazu auch hier und hier und überhaupt in meinem Blog.

Um diese Erbsünde und die damit verbundenen Fragen kreist in Italien alles: Wer stahl die rote Agenda Borsellinos aus den noch rauchenden Trümmern? Warum wurde das Versteck des Bosses Totò Riina nach seiner Verhaftung nicht von den Carabinieri durchsucht, sondern den Mafiosi Zeit gegeben, es besenrein hinterlassen? Warum wurden die Verhaftungen des Bosses Bernardo Provenzano und der mit ihm verbündeten Mafiosi jahrzehntelang vereitelt? Warum wurden die 1993 gestellten Forderungen der Mafiosi (Ende der Hochsicherheitshaft, Schließung der Hochsicherheitsgefängnisse, Ende der Kronzeugenregelung) Punkt für Punkt erfüllt? Wie ist Berlusconis wundersamer, schneller Wahlsieg zu erklären, seine jahrzehntelange Herrschaft an der Seite einer Opposition, die keine war?

Weil man sich wieder arrangiert hatte, zwischen der Mafia und dem Staat. Ein Arrangement, das bis heute andauert und sich bewährt.

In der letzten Woche wurde der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano zu den Hintergründen der “Trattativa” als Zeuge vernommen. Napolitano hatte sich ausbedungen, in seiner Residenz, dem römischen Quirinalspalast, auszusagen. Zu diesem Zweck musste der Palermitanische Gerichtshof, die Staatsanwälte und die Anwälte der Angeklagten (Mafiabosse, hochrangige Staatsbeamte und ehemalige Minister) nach Rom anreisen, wo Napolitano dafür gesorgt hatte, dass seine Vernehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. In einem Saal ohne Fenster, der “Sala Oscura“. Die Journalisten standen draußen vor dem Palast Spalier und machten das, was Journalisten immer tun, wenn sie die Zeit totschlagen müssen: Sie interviewten sich gegenseitig.Und drinnen bestätigte Napolitano, der damals Parlamentspräsident war, dass sich Protagonisten die italienischen Politik damals sehr wohl darüber bewusst waren, dass die Mafia, genauer die Corleonesen unter Toto Riina, versuchte, den italienischen Staat zu erpressen.

Diese schöne Fabel vom Staat-und-Anti-Staat – auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen – entspricht aber nicht ganz der Wirklichkeit. Die Mafiosi hatten nichts anderes getan als normale Geschäftsleute auch: Sie klagten ihren Deal ein. Der Deal war: Wir geben Euch Wählerstimmen. Und ihr gebt uns dafür Straffreiheit. Ein Deal, der sich seit Jahrzehnten bewährt hatte. Und der die Democrazia Cristiana mit Andreotti über Jahrzehnte an der Macht gehalten hatte.

Aber dann war das Unvorhersehbare passiert. Das Urteil des Maxiprozesses (geführt von Falcone und Borsellino) gegen 474 Bosse war nicht wie erwartet aufgehoben, sondern bestätigt worden. Über alle Instanzen hinweg. Der Korruptionsskandal hatte das alte Parteiensystem hinweggefegt. Und die Mauer war gefallen. Die Kommunistische Partei war kein Feindbild mehr. Die Politiker hatten nicht geliefert. Also wurde Salvatore Lima, Andreottis Statthalter ermordet. Und die anderen Politiker, etwa der damalige Innenminister Nicola Mancino, wussten, dass die Uhr tickte. Deshalb taten sie alles dafür, die Mafiosi so schnell wie möglich wieder zufrieden zu stellen. Man begann zu verhandeln. Und Giovanni Falcone und Paolo Borsellino wurden geopfert.

*

Aufgrund der Aussage des Präsidenten kamen selbst die liebedienerischsten italienischen Medien nicht mehr darum herum, den Prozess um die Trattativa zur Kenntnis zu nehmen – den sie seit seinem Beginn mit Kräften zu ignorieren, diffamieren und diskreditieren versuchen. Ach Gott, hatte es geheißen, was soll schon dabei herauskommen, der Präsident hat doch bereits gesagt, dass er nichts weiß – zu den Hintergründen des, wie so schön betont wird, “angeblichen” Deals zwischen dem italienischen Staat und der Mafia. Noch am Tag der Vernehmung von Napolitano überboten sich die medialen Hofschranzen der italienischen Politik darin, die Aussage als “überflüssig” und “nichtig” zu bezeichnen, Palermos Staatsanwälte würden das Amt des höchsten Repräsentanten des italienischen Staates in den Dreck ziehen – und als selbst das nichts mehr half, wurde ein U-Turn eingelegt: Kommando zurück! Wir sind jetzt alle dafür. Ja, wir fanden es auch und schon immer super, dass der Staatspräsident aussagt, ja, weil … ja, die Pressefreiheit … und die Demokratie … und der Rechtsstaat … und überhaupt war es ja notwendig und im Grunde auch staatstragend und staatserhaltend, mit der Mafia zu verhandeln, uns blieb doch gar nichts anderes übrig!

Für den Prozess war diese Aussage sehr wichtig. Und keineswegs so selbstverständlich, wie es die Einheitspresse jetzt darzustellen versucht. Denn damals hatte niemand zugegeben, dass man ganz genau wusste, wer Urheber dieser Bombenattentate war: “Terroristen” hatte es geheißen, verrückte Einzeltäter, “Falange armata”, vielleicht wildgewordene Araber, wir wissen nix. Und dann hatten die politischen Protagonisten jener Zeit entweder jahrzehntelang geschwiegen oder sich praktischerweise ins Jenseits verabschiedet. Oder beides.

Notwendig war Napolitanos Aussage auch deshalb, weil sich der ehemalige Innenminister Mancino und Angeklagter des Prozesses über die Trattativa an keinen Geringeren als an Napolitano gewendet hatte, um seine Aussage zu verhindern. Als das  bekannt wurde, machte der Präsident nicht unbedingt eine gute Figur. Der Rechtsberater des Präsidenten, Loris D’Ambrosio, reichte gar seinen Rücktritt ein. Und schrieb in seinem Brief, dass er befürchte, in der Zeit der Bombenattentate ein “nutzloser Schreiber unaussprechlicher Pakte” gewesen zu sein. Kurz darauf war er tot. Herzinfarkt. Eine Autopsie wurde nicht verlangt. Das nur nebenbei. Und der Präsident sorgte mit einem gewaltigen juristischen Aufwand dafür, dass seine – zufällig abgehörten  – Telefonate mit Mancino vernichtet wurden. Und nicht, wie in Italien üblich, zu den Gerichtsakten gehören.

Natürlich wollten die Staatsanwälte von Napolitano auch wissen, was denn Loris D’Ambrosio mit den “unaussprechlichen Pakten” gemeint haben könnte. Napolitano sagte, er wisse es nicht. Er habe nicht nachgefragt.

Die Palermo Connection schreibt sich sozusagen stündlich weiter. Was schön ist. Und schrecklich zugleich.

Hey, hey, hey.

Freitag, 31. Oktober 2014

Es ist schon eine kleine Sensation, wenn der erste literarische Thriller einer deutschen Autorin sich vor großen Vorbildern wie Graham Greene und Jörg Fauser nicht verstecken muss. Eigentlich. Aber wirklich beachtet wurde Petra Reskis vor Kurzem erschienenes Romandebüt “Palermo Connection” in den Medien noch nicht. Und das ist einfach schade, einerseits.
Andererseits ist diese relative Flaute merkwürdig, weil die Journalistin und Sachbuchautorin Petra Reski keine schlecht vernetzte Debütantin ist, und keine Geringere als Donna Leon das Buch warm empfiehlt.
Liegt es am Ende am Thema? Ja, klar. Petra Reski, die seit vielen Jahren in Venedig lebt, gilt als Expertin für die italienische Mafia. Das ist ein problematischer Job – aus vielen, sich überlappenden Gründen: Erstens gilt die Mafia (Cosa Nostra, Camorra, ‘Ndrangheta etc.) trotz des Massakers von Duisburg 2007 und Günther Oettingers Pizzabäckeraffäre immer noch als undeutsches Phänomen.
Zweitens hat allein die Beschäftigung mit “organisierter ,ausländischer’ Kriminalität” nach dem NSU-Ermittlungsskandal hierzulande völlig zu Recht einen sehr üblen Beigeschmack bekommen – prima Job, Verfassungsschutz, Justiz und Polizei!
Drittens wird weder die Relevanz der globalen mafiösen Ökonomie gesehen noch die flächendeckende Durchdringung der italienischen Gesellschaft durch die organisierte Kriminalität -und das, obwohl Italien immer noch zu den größten Volkswirtschaften der Welt und zu den wichtigsten der EU gehört.
Viertens – und damit sind wir mitten in Petra Reskis Roman – funktionieren seriöse Erzählungen über die Mafia nur im Kontext der italienischen Geschichte und Politik, die hierzulande in wesentlichen Teilen unbekannt sind. Nur mal als Beispiel: In seinem kürzlich erschienenen Zeit-Text “Antisemiten sind mir egal” nennt Maxim Biller Israel die “zweite verspätete Nation der postnapoleonischen Zeit nach Deutschland”. Nun gibt es gewiss noch mehr Spätzündernationen, aber eine der wichtigsten – immerhin die mit der höchsten Dichte an Unesco-Welterbestätten – ist eben Italien, mit seinen Einigungskriegen von 1859-1918. Auch der “Länderbericht Italien” der Bundeszentrale für politische Bildung kommt zu dem Ergebnis, dass selbst die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem angeblichen Sehnsuchtsland der Deutschen sehr mau ausfällt.
Politthriller leben aber davon, dass die realen Hintergründe der teils fiktiven Handlung dem Publikum in den Grundzügen vertraut sind. Dass in Palermo seit einiger Zeit ein Prozess läuft, der klären soll, ob staatliche Organe zu Beginn der 1990er Jahre mit den Chefs der sizilianischen Cosa Nostra verhandelten wie mit einer ganz normalen (Staats-)Macht; dass die von der Mafia ermordeten Richter Borsellino und Falcone vom italienischen Staat möglicherweise geopfert wurden, weil sie durch ihre Ermittlungen die Verhandlungen mit der Mafia gefährdeten; dass die italienische Justiz die Bänder eines als sogenannter Beifang abgehörten Telefonats von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit dem Anfang der 1990er Jahre amtierenden Innenminister Nicola Mancino vernichten musste und der Verdacht im Raum steht, es gehe dabei nicht um Napolitanos Recht auf privacy, sondern um Vertuschung der sogenannten trattativa, des Pakts von Staat und Mafia: Aus diesem Material hat Petra Reski einen Kriminalroman geformt; und man kann es beinahe verstehen, dass es manchem Rezensenten zu mühsam ist, herauszufiltern, was Fantasie, was Recherche in “Palermo Conncetion” ist, und so zu einer Würdigung der Kunstfertigkeit der Autorin zu kommen.
Und doch: Reskis Buch ist auch ein Buch über deutsche Verhältnisse, insbesondere die im Journalismus. Ein Buch über Moral, übers würdevolle Älterwerden, über Männer und Frauen und was sie so miteinander tun.
Zudem hat die Autorin mit der palermitanischen Staatsanwältin Serena Vitale eine Protagonistin geschaffen, von der man froh sein darf, dass sie das furiose Ende des Romans überlebt. Sie umbringen zu lassen, erzählt Petra Reski bei einem Treffen in Berlin, sei ihr ursprünglicher Plan gewesen, von dem sie Donna Leon abgebracht habe mit dem unschlagbaren Argument: Erst machst du dir die Mühe, eine Figur mit Tiefe zu schaffen, und dann willst du sie gleich wieder loswerden? Weitere Serena-Vitale-Romane werden also folgen.
Die Staatsanwältin, Deutsch-Italienerin, Single mit einer Vorliebe für Blond (“keine Haarfarbe, sondern eine Lebenseinstellung”), schöne Dinge und schöne Bullen (“wenn er die Bizepse anspannte, sah es aus, als würde ein kleines Tier unter seiner Haut entlanglaufen”), ist Anklägerin in einem Prozess in Palermo. Der Vorwurf gegen den Exinnenminister Enrico Gambino lautet: “Mitwirkung in einer mafiösen Vereinigung und Mittäterschaft bei Attentaten”. Dieser Prozess und sein letztliches Scheitern strukturieren das Buch. Das ist kein Spoiler, denn ein noch nachzutragender Grund für das Desinteresse an der Mafia ist ja, dass die Sache kein Ende findet, der Kriegszustand ist permanent – und der Roman stellt auch die Frage, wer von ihm profitiert.
Eine Antwort liefert die Figur des alternden deutschen “Fakt”-Journalisten Wolfgang W. Wieneke und dessen zwischen Hamburg und Sizilien pendelnder Fotograf und Zuarbeiter Francesco, in denen jeder, wer mag, das Pärchen Francesco Sbano und Andreas Ulrich vom Spiegel wiedererkennen kann. Insbesondere mit Sbano, der als Fotograf und Musikproduzent in Hamburg und Kalabrien arbeitet, verbindet Reski eine langjährige Auseinandersetzung. Sie und viele andere Bürgerrechtler in Italien werfen Sbanos Fotos, Büchern und “Mafia-Musik”-Sammlungen Romantisierung der Killer und ihrer Taten vor.
Aber an einer Abrechnung ist Reski in ihrem Roman nicht interessiert. Vielmehr zeigt sie an Wieneke und seinem Fotografen, die den Prozess covern sollen, wie die Aufmerksamkeitsmaschine funktioniert, welche Mafia-Geschichten man schreiben kann und was “nicht sexy genug” ist, wie Wienekes lässiger “Fakt”-Chefredakteur Tillmanns sagt. “Auf dem Schreibtisch des Chefredakteurs stand eine Teekanne. Daneben lag das Buch, das er mit dem Außenminister geschrieben hatte. Wieneke wollte Minister stürzen, und sein Chef machte Bücher mit ihnen.”
Ein komplizierter Prozess in Palermo, wo eine einfache Staatsanwältin sich an Ministern und Präsidenten vergreift, ist nicht sexy. Das pseudoabenteuerliche Treffen mit einem untergetauchten Mafia-Boss, der seine Märchen erzählen darf, hingegen schon. Und Wieneke, der eigentlich aus der alten Schule kommt, kann der Versuchung nicht widerstehen, an solchen falschen, aber gefragten Heldengeschichten mitzuschreiben. Und scheitert damit bitterlich.
Und eben jetzt, am Dienstagmittag, während die Arbeit an diesem Text hier ihrem Ende zugeht, findet im Quirinalspalast in Rom eine ausgelagerte Vernehmung des Gerichtshofs von Palermo statt. Zeuge ist kein Geringerer als der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano. Thema ist ein Brief, den ihm sein Rechtsberater Loris D’Ambrosio vor zwei Jahren schrieb und in dem er von “unaussprechbaren Abkommen” zwischen Staat und Mafia sprach, damals 1992-93, als der Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems den Mob ohne politischen Ansprechpartner gelassen hatte und er mit Bombenterror diesen Waisen-Status beenden wollte. D’Ambrosio starb kurz darauf. An einem Infarkt. Mit 64 Jahren.
Wer hier keinen Stoff für einen Roman findet, ist selbst schuld. Petra Reski kann man diesen Vorwurf nicht machen. Am Schluss von “Palermo Connection” ist Serena Vitale von ihrem Prozess abgezogen worden und hat wieder Zeit für Sport. Fit muss sie sein, denn: “Sie hatte es versäumt, Allianzen zu bilden. Aufgabe Nummer eins im neuen Leben: Strategisches Denken.” Ihr nächster Fall wird sie nach Deutschland führen.

Das schrieb Ambros Waibel heute in der TAZ. Und ich renne jetzt gleich los und kaufe mir einen schönen venezianischen Goldrahmen, damit ich mir diese Rezension über mein Bett hängen kann, um sie zu lesen, falls mich irgendwann mal wieder metaphysische Ängste heimsuchen sollten. Lesenswert ist der Artikel aber nicht nur wegen des Lobs (das natürlich auch), sondern weil er darüberhinaus die Mechanismen der Medienmaschinerie kühl und klug analysiert – und die italienische Politik dazu.

Schampain!

Ein ganz ganz großes Projekt.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Ja, in der Tat ein großes Projekt, die Hochwasserschleuse Mose. Vor allem wegen der 100 Millionen Euro Schmiergelder, die verteilt werden mussten. An den Bürgermeister, Regionalpräsidenten, den General der Finanzpolizei, den Staatssekretär, den Wassermagistrat, die Europaparlamentarierin … Heute morgen, als ich Zeitungen holte, hörte ich, wie ein Straßenkehrer zu seinem Kollegen sagte: Hast Du schon gehört? Jetzt ist auch Chisso zu Hause. Renato Chisso ist einer der Angeklagten im großen Schmiergeldskandal um die venezianische Hochwasserschleuse, über den ich schon öfter geschrieben habe, zuletzt hier und hier.

In Deutschland wurde der Bestechungsskandal kaum wahrgenommen. Man kann es den Deutschen nicht verdenken. Kaum hat man über einen Skandal geschrieben – nach Aussage des venezianischen Generalstaatsanwalts Nordio immerhin ein noch größerer Schmiergeldskandal als Tangentopoli – sind die verhafteten Politiker und Beamte schon wieder zu Hause. Und nicht nur das, alle haben gedealt (gibt es in Deutschland auch, remember: Ecclestone und das, was die Süddeutsche “Kassenjustiz” nannte?).

Jetzt werden erste Wetten abgeschlossen, wie lange es dauern wird, bis die jetzt Verhafteten wieder auf einem gutbezahlten Posten sitzen.

schrieb ich am 5. Juni. Sie sind auf dem besten Weg. In den letzten 22 Jahren hat auch der größte Trottel gelernt, wie man es anstellen muss, um ungestraft zu bleiben. Die politische Klasse ist mit guten Beispiel vorangegangen.

Der größte Verlierer ist Venedig. Denn wenn diese korrupte Clique aus Politikern, Funktionären und Unternehmern nicht über Jahrzehnte die milliardenschwere Hochwasserschleuse gegen billigere und umweltschonendere Alternativen verteidigt hätte, wäre Venedig schon seit vielen Jahren vom Hochwasser verschont geblieben.

 

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