Kategorie: Italien

Pfingstmontag in Venedig

Donnerstag, 16. Mai 2013

UTE 2

Wer Lust hat, am Pfingstmontag etwas Zeit in Venedig zu verbringen, hat dazu um  19.15 Uhr, auf der  ARD Gelegenheit. Begleiten wird Sie  Ute Brucker - wir sind sozusagen en famille, mit Donna, Alberto und anderen Freunden aus Venedig. Hier und hier

Boot SWR

sind wir auf der klitzekleinen Antikreuzfahrtschiff-Demo. Am schönsten war natürlich dieses Boot eines Antikreuzfahrtschiffveteranen:

No grandi navi

P.S.: In der Vorankündigung ist nur von 20 Millionen Touristen pro Jahr in Venedig die Rede – es sind 30, aber gut, wir wollen jetzt nicht kleinlich sein … Außerdem: Wenn man in Venedig wohnt, gibt es es wenig Dinge, mit denen man sich unbeliebter machen kann, als damit, Touristen als Touristen zu schmähen. Das ist etwa so, als würde man sich als Verfechter der Prügelstrafe outen. In Venedig zu wohnen wird als ein so unerhörtes Privileg betrachtet, dass sich jede Klage darüber verbietet. Und das stimmt ja auch. Jedenfalls das mit dem Privileg.

Och

Sonntag, 12. Mai 2013

248172_558721594150586_400067745_n ”Der Verfolgte wird mit Massenversammlungen auf die Urteile reagieren” – “Euphorie unter den Komparsen von Cinecittà“.

Als ich die Videos sah, glaubte ich einen Augenblick lang, mich nicht in Italien, sondern im Rumänien Ceausescus zu befinden. Vor vier Tagen wurde gegen B. das Urteil wegen Steuerbetrugs bestätigt – vier Jahre Haft, fünf Jahre Ausschluss von öffentlichen Ämtern, und gestern hat B. zum Protest gegen die Justiz aufgerufen. Aus ganz Italien wurden Busladungen von PDL-Jubelpersern nach Brescia gekarrt, wo B. vor azurblauem Hintergrund seine Propaganda verbreitete, unterstützt von PDL-Parlamentariern wie dem Stellvertreter des italienischen Ministerpräsidenten, dem Innenminister Alfano, dem PDL-eigenen Zwerg (1,43 Meter) Renato Brunetta, Staatssekretären und anderen Spitzen der Gesellschaft.

Wie es sich für China Iran DDR Kuba Weißrussland Sowjetunion Polen Bulgarien Ungarn vor dem Fall der Mauer  Italien seit zwanzig Jahren gehört, wurden im Fernsehen nur die Jubelperser gezeigt – und nicht die Tausende von Gegendemonstranten, die, im Wesentlichen aus 5Sterne-Sympathisanten und linken Aktivisten der Centri sociali bestanden, die sich, wie eine Augenzeugin berichtete, besonnen verhielten und auf Provokationen nicht reagierten.

B. hat damit seine Erpressung öffentlich gemacht: Entweder folgt die Regierung meinen Anordnungen (heute Abschaffung der Eigenheimsteuer, morgen Abschaffung der Justiz) oder ich lasse sie fallen. Und was sagt der “Weise vom Quirinalshügel” (©Süddeutsche Zeitung) dazu? Nichts. Oder der Ministerpräsident und B.’s Koalitionspartner Enrico Letta? Och.

(Karikatur von Ellekappa)

Der Göttliche ist tot.

Montag, 06. Mai 2013

Giulio Andreotti, der siebenfache italienische Ministerpräsident, starb  heute 94jährig, nach mehr als einem halben Jahrhundert an der Macht. Er starb selig in seinem Bett –  was man von vielen Männern, die seinen Weg kreuzten, nicht behaupten kann. Hier noch etwas zur Auffrischung des Gedächtnisses: Andreotti wurde wegen seiner Unterstützung der Mafia nicht freigesprochen, sondern verurteilt. Just to remember. 

Italien ist ein katholisches Land, das erklärt  auch die schöne Unterzeile aus dem Fatto Quotidiano: Rinviato a giudizio heißt: Das Hauptverfahren wurde eröffnet.

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In seinem  Film “Il Divo” – der Göttliche, hat der Regisseur Paolo Sorrentino zusammen mit seinem genialen Hauptdarsteller Toni Servillo in seinem Monolog die Essenz der Andreotti-Politik zusammengefasst:

Livia, sono gli occhi tuoi pieni che mi hanno folgorato un pomeriggio andato al cimitero del Verano, si passeggiava e io scelsi quel luogo singolare per chiederti in sposa, ti ricordi? Si lo so gli occhi tuoi pieni e puliti, incantevoli e incantati non sapevano non sanno e non sapranno e non hanno idea. Non hanno idea delle malefatte che il potere deve commettere per assicurare il benessere e lo sviluppo del paese. Per troppi anni il potere sono stato io. La mostruosa, inconfessabile contraddizione: perpetuare il male per garantire il bene. La contraddizione mostruosa che fa di me un uomo cinico e indecifrabile anche per te; gli occhi tuoi pieni, puliti e incantati non sanno la responsabilità diretta o indiretta per tutte le stragi avvenute in Italia dal 1969 al 1984 e che hanno avuto per la precisione 208 morti e 817 feriti. A tutti i familiari delle vittime io dico si, confesso è stato anche per mia colpa , mia colpa, mia grandissima colpa. Questo dico anche se non serve. Lo stragismo per destabilizzare il paese, provocare il terrore, isolare le parti politiche estreme, per rafforzare i partiti di centro come la DC. La hanno definita strategia della tensione: sarebbe più corretto dire strategia della sopravvivenza. Roberto, Michele, Giorgio, Carlo Alberto, Aldo, per vocazione o per necessità, ma tutti irriducibili amanti della verità, tutte bombe pronte ad esplodere che sono state disinnescate col silenzio finale. Tutti a pensare che la verità sia una cosa giusta e invece è la fine del mondo! Noi non possiamo consentire la fine del mondo in nome di una cosa giusta! Abbiamo un mandato noi, un mandato divino! Bisogna amare così tanto Dio per capire quanto sia necessario il male per avere il bene. Questo Dio lo sa, e lo so anch’io.

Auf Deutsch:

Livia, Deine Augen haben mich an jenem Nachmittag auf dem Verano-Friedhof  wie ein Blitz getroffen, man ging spazieren und ich wählte diesen besonderen Ort, um Dir einen Heiratsantrag zu machen, erinnerst Du Dich? Ja, ich weiß, Deine runden und reinen Augen, so zauberhaft und verzaubert, wussten, wissen und werden nie etwas wissen, sie haben keine Ahnung, keine Ahnung von den Missetaten, die die Macht begehen muss, um den Wohlstand und die Entwicklung eines Landes zu garantieren. Ich war viel zu viele Jahre an der Macht. Da ist der monstruöse und uneingestehbare Widerspruch: das Böse aufrechtzuerhalten um das Gute zu garantieren. Der ungeheuerliche Widerspruch, der aus mir einen zynischen und auch für Dich rätselhaften Mann gemacht hat, Deine runden, reinen und verzauberten Augen wissen nichts von der direkten oder indirekten Verantwortung für die Blutbäder in Italien von 1969 bis 1984, die exakt 208 Tote und 817 Verletzte forderten, all den Angehörigen der Opfer gestehe ich: Ja, ich gebe zu, dass es auch meine Schuld war, meine Schuld, meine allergrößte Schuld, ich sage das, auch wenn es nichts nützt, die Taktik der Blutbäder, um das Land zu destabilisieren, den Terror zu provozieren, die extremen politischen Parteien zu isolieren, um die christdemokratischen Parteien des Zentrums zu stärken, man hat sie Strategie der Spannung genannt, es wäre aber korrekter, sie Strategie des Überlebens zu nennen, Roberto, Michele, Giorgio, Carlo Alberto, Aldo: aus Berufung oder Notwendigkeit waren sie alle unbeugsame Freunde der Wahrheit, alles Bomben kurz vor der Explosion, die bis zur finalen Ruhe entschärft wurden, alle halten die Wahrheit für etwas Gerechtes, tatsächlich aber bedeutet die Wahrheit das Ende der Welt, wir dürfen nicht das Ende der Welt im Namen der Wahrheit gestatten,wir haben einen Auftrag, wir haben ein göttlichen Auftrag, man muss Gott sehr lieben, um zu wissen, wie sehr das Böse nötig ist, um das Gute zu erreichen. Das weiß Gott, und das weiß auch ich.

Mein Outing

Sonntag, 05. Mai 2013

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Ich fange an, heimlich die Seiten über Fußball zu lesen. Am liebsten in der SZ und am allerliebsten, wenn Holger Gertz über Fußball schreibt, zum Beispiel gestern, als er über einen Fußballtrikot-Sammler schrieb. Ich muss heimlich lesen, weil ich hier unverstanden bin, jedenfalls vom Italiener an meiner Seite, der es bereits für ein schweres Krankheitsbild hält, (nachzulesen hier oder hier oder hier oder hier), wenn ich mich für Europa- oder Weltmeisterschaften interessiere. (Einer der Höhepunkte war das wunderbare Spiel Deutschland gegen Argentinien, da saß ich in einer Bar in Venedig, umzingelt von Argentiniern, Halb-Argentiniern, Fast-Argentiniern, Möchtegern-Argentiniern, und ich war die einzige, die schrie und jubelte, um mich herum eisiges, betretenes Schweigen. Als eine Gruppe blonder, blauäugiger Menschen die Bar betrat, glaubte ich endlich Verstärkung gefunden zu haben. Aber es waren Holländer. Die sich ja seit Maxima auch für Argentinier halten.)

Lieber lese ich etwas über Männer, die Tränen vergießen, wenn sie ein altes Fußballtrikot sehen, als darüber, wie toll es ist, dass B. jetzt wieder die Fäden ziehen kann. Wobei das hier kaum jemand so erbarmungslos ausdrücken würde. Kaum schlage ich italienische Zeitungen auf, wird mir schwindlig, weil sich seit der Regierungsbildung alle nur noch in der Diszplin der rhetorischen Rolle rückwärts üben (Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern läuft bei der PD unter “politisches Programm”).

Bis auf eine Ausnahme gibt es hier also keine Zeitungen mehr, nur noch Mitteilungsblättchen der Regierung. Folgerichtig zeigt die Repubblica auch keine Fotos mehr von B., wo er  aussieht wie im richtigen Leben, also wie eine schön geschminkte Leiche, sondern nur noch Fotos von B. als elder statesman, ja, es geht sogar so weit, dass die Repubblica Interviews seiner Höflinge zeigt, wo ein superlockerer B. (Pullover, Sportschuhe) auf einem geblümten Sofa sitzt und seine Propaganda über die Abschaffung der Eigenheimsteuer verbreiten darf.

Die einzige italienische Zeitung, die keine Regierungspropaganda verbreitet und noch Journalismus macht, ist “Il Fatto quotidiano”. Aber wenn man die liest, ist man noch deprimierter. Denn da ist erläutert, wer sich hinter den soeben ernannten Staatssekretären und stellvertretenden Ministern verbirgt, also: Freunde der Freunde, Vorbestrafte und weitere Spitzen der Gesellschaft. Und meine Laune bessert sich auch nicht, wenn ich die deutschen Zeitungen aufschlage, die per copy&paste die Propaganda übernehmen, die ich schon aus der Repubblica, dem Corriere und sonstigen kenne. Bis auf die kleine, tapfere TAZ haben alle, ALLE, die neue italienische Regierung als die Essenz der Weiblichkeit, der Jugend und der Harmonie gefeiert, jetzt wäre es eigentlich nur konsequent, die soeben ernannten Unterlinge als Essenz des Widerstandskampfes zu feiern.

Was bleibt? Fußball. Ich halte natürlich zu Borussia Dortmund. Sorry liebe Bayern-Fans, aber es geht nicht anders.

(So, jetzt habe ich mich geoutet. Damit wäre auch das vom Tisch.)

 

Die Welt ist nicht ganz schlecht.

Donnerstag, 02. Mai 2013

Ich traute meinen Augen nicht, als ich las:

  • “Man muss das Wahlverhalten der Italiener nicht verstehen, aber man könnte es versuchen. Uns Deutschen stünde dabei etwas weniger Arroganz und Herablassung ganz gut.”

stand da über einem Artikel der Sächsischen Zeitung, der bereits am 2. März erschien. Ich konnte es nicht fassen. Wie konnte das geschehen? Sollte sich tatsächlich jemand die Mühe gemacht haben, die Dinge auch mal von einer anderen Seite aus zu betrachten? Etwas anderes zu schreiben, als das, was man aus der Feder des in Rom stationieren diplomatischen Corps der deutschen Korrespondenten in Rom kennt, die bis auf wenige Ausnahmen (etwa die Wirtschaftskorrespondentin der SZ Ulrike Sauer oder die Taz) nichts anderes als copy&paste  aus der etablierten italienischen Presse liefern – was den deutschen Lesern als tiefgründige, politische Analyse verkauft wird. Es wird kein Zufall sein, dass der Autor dieser Zeilen kein Journalist ist, sondern Schriftsteller: Jens-Uwe Sommerschuh. Leider wurde Artikel von der Sächsischen Zeitung nicht online gestellt – was ich hier einfach nachhole.

Ein Land der Clowns und Chaoten?

            Man muss das Wahlverhalten der Italiener nicht verstehen, aber man könnte es versuchen. Uns Deutschen stünde dabei etwas weniger Arroganz und Herablassung ganz gut. 

Von Jens-Uwe Sommerschuh

  • Inzwischen haben es alle gehört. Angesichts des Wahlausgangs in Italien ist Peer Steinbrück “entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben”. Der SPD-Mann, der gern Kanzler werden möchte, lebt in einem freien Land und kann sagen, was er denkt. Beifall bekam er jetzt auch aus der anderen Ecke. Michael Spreng hat 2002 als Wahlkampfmanager Edmund Stoiber (CSU) dabei geholfen, die Bundestagswahl zu verlieren. “Experte” Spreng erklärte im ZDF, diese Aussage schade Steinbrück im Wahlkampf nicht: “Die Mehrheit der Bevölkerung denkt doch das Gleiche.” Tut sie das? Dass Steinbrück Grillo und Berlusconi Clowns nennt, ist gar nicht der Kern der Botschaft. Auch nicht, dass er den wortgewaltigen TV-Star, der eine bunte Protestbewegung anführt, und den “Cavaliere”, der wegen Steuerbetrugs vorbestraft ist und den derzeit ein Verfahren wegen Abgeordnetenbestechung erwartet, in eine Schublade steckt. Was er deutschen Stammtischen eigentlich vermittelt, ist sein “Entsetzen” über das italienische Wahlverhalten. Zwischen den Zeilen steckt ein verächtliches: “Die da unten, die raffen es nicht.”Diese Botschaft wird zwischen Mailand und Messina wohl gehört. Sie harmoniert mit den deutschen Schlagzeilen von der “Chaos-Wahl in Italien”.
  • Dabei verlief die Stimmabgabe absolut regulär, führte nur eben nicht zu eindeutigen Mehrheiten.
  • Demokratisches Grundprinzip: Jeder Stimmberechtigte hat die freie Wahl, und die Volksversammlung spiegelt die Summe dieser privaten Entscheidungen wider. Es gehört sich nicht, die Italiener dafür runterzuputzen, dass und wie sie von einem Grundrecht Gebrauch machen. Wie daraus eine Regierung wird, steht auf einem anderen Blatt.

 

  • Was sagen die Zahlen? Für die “Camera” – also das Abgeordnetenhaus – haben von 46,9 Millionen Wahlberechtigten 35,3 ihre Kreuzchen gemacht, 10,0 bei Bersani, 9,9 bei Berlusconi und 8,7 bei Grillo. Was heißt das? 28,3 Millionen wahlberechtigte Italiener haben etwas anderes oder gar nichts angekreuzt, also, um es steinbrück’sch auszudrücken, “keinen Clown” gewählt. So oder so bleibt es fragwürdig, 18,6 Millionen indirekt als Deppen abzustempeln.
  • Und was das “Chaos” betrifft, so ist eine Wahl, die in ein Patt mündet, nicht dem Wahlvolk aus freien Individuen, sondern allenfalls dem Wahlsystem anzulasten. 
  • Dennoch ist es außerhalb Italiens schwer vermittelbar, wie Berlusconi nach allem, was vorgefallen ist, noch einmal so viele Stimmen einheimsen konnte.

 

  • Anders liegt es bei Grillo. Dass der Erfolg seiner “Fünf-Sterne-Bewegung” hier viele verblüfft, rührt daher, dass über dieses bunte Sammelbecken von Unzufriedenen wenig berichtet wurde. Der in Italien äußerst populäre Giuseppe Grillo ist zwar auch Komiker, aber die Attacke auf das politische Establishment ist durch und durch ernst gemeint. Er vereint nicht nur, wie überall zu lesen ist, “Euro-Skeptiker und Populisten”, hier geht es gegen Ämterschacher und Korruption, gegen Mafia, Sozialabbau und Umweltsünden. Unter Grillos Sternenbanner sind vor allem junge Leute und überdurchschnittlich viele Frauen aktiv. Der Erfolg dieser Bewegung ist im Grunde logisch, wenn auch in diesem Ausmaß überraschend und vielen arg unbequem.

 

  • Berlusconis Comeback sehen auch Millionen Italiener mit Sorge. Ich habe in Rom in den vergangenen Jahren mehrfach riesige Demonstrationen gegen ihn erlebt. Die Abscheu vor dem “System Silvio” wurde aber zuletzt vom Widerwillen gegen die Politik Mario Montis überflügelt.
  • Im Dezember hörte ich in Palermo, Catania und Taormina immer wieder: Diese Wahl wird eine Anti-Monti- Wahl. Gewinnen wird, wer den Kurswechsel garantiert.
  • Viel mehr als die Frage, ob Bersani, der schon lange im Gespräch ist, oder ein anderer Italiens künftige Regierung anführen würde, beschäftigte die Leute, wie man die IMU wieder loswird, eine von Monti per Dekret eingeführte heftige Steuer auf alles, was vier Wände hat. Von Mailand bis Messina pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die Idee dafür aus Deutschland stammt.
  • In Italien wohnt die Mehrheit in den eignen Räumen: Das meint nicht nur moderne Eigentumswohnungen, sondern auch und vor allem die auf dem Lande wie in den Gassen der steinalten Innenstädte über Jahrhunderte weitervererbten Häuser, Hütten und Gelasse. Wer zur Miete wohnt, zahlt zusätzlich IMU. Alle anderen, auch jene, die trotz niedriger Einkünfte dank eigener Erbwohnung geradeso zurechtkamen, zahlten nun eine als Steuer deklarierte happige Wohn- und Besitzgebühr, eine Rate an den Staat, die andere an die Gemeinde. Für viele wurde es sehr eng. Auch unter Berlusconi gab es eine Immobilienabgabe, doch da waren die erste Wohnung oder das erste Haus steuerfrei. Pikant ist, dass Wohnraum viel höher besteuert wird als Gewerberaum und Banken von einer Sonderklausel profitieren. Man stelle sich vor, rechnete mir ein Sizilianer vor, man hätte den Deutschen gleichzeitig Benzin-, Brot- und Bierpreis verdoppelt … Als Berlusconi vor vier Wochen ankündigte, er werde die IMU abschaffen und für 2012 zurückzahlen, ahnten hier nur wenige, was das bedeutete. In Rom war das anders. Die IMU wird in Italien mit der “Nachttopfsteuer” verglichen, die Roms Kaiser Vespasian einst auf die öffentlichen Urinale erhob, was den zynischen Spruch “pecunia non olet” hervorbrachte: Geld stinkt nicht. Tut es manchmal doch.

 

  • Beim Versuch, die öffentlichen Kassen zu sanieren, hat Monti die Grenzen des Zumutbaren überschritten.Ein Teil des Protests kam Grillos bunter Schar zugute. In den ländlichen Gebieten aber war das kaum eine Option. Weil so viele “Merkels Marionette Monti” abwählen wollten, Grillo aber zu schrill und Bersani nicht überzeugend fanden, entstand ein Vakuum.
  • Sollte Berlusconi ein Clown sein, dann zumindest ein sehr cleverer. Und er ist Vakuum-Experte. Sein Einfluss war enorm zurückgegangen, man schätzt, dass ihn höchstens fünf Millionen Getreue gewählt hätten, Verehrer, Verbündete oder Verführte – eine Frage des Blickwinkels. Die andere Hälfte der Stimmen aber verdankt er vor allem seinem Anti-IMU-Coup.Ob Italien mit einer Koalition, einer Minderheitsregierung oder Neuwahlen aus der Zwickmühle kommt, wird sich finden. Demokratie darf schwierig sein. Wir Deutschen sollten uns mit Schlaumeierei zurückhalten. Wir sind zwar das Land der Dichter, Denker und Vortragsredner, doch ganz blöd sind die anderen auch nicht.
  • Unser Autor Jens-Uwe Sommerschuh, 53, schreibt Prosa und für die Sächsische Zeitung seit vielen Jahren Kolumnen, Kunst- und Musikkritiken. Er ist regelmäßig in Rom und in Süditalien.Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.
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© Sächsische Zeitung GmbH
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Cicero

Mittwoch, 01. Mai 2013

Nun ist mein Cicero-Artikel über Beppe Grillo auch online zu lesen.

Nie! Nie! Nie!

Sonntag, 28. April 2013

Doch. Im Februar, nach den Wahlen, habe ich tatsächlich geglaubt, dass dies der Moment wäre. Was soll ich sagen: Ich bin unbelehrbar. Denn die Hoffnung auf das Entkommen aus der Endlosschleife hatte ich schon öfter. Wie die Italiener auch, werde ich zyklisch davon befallen. Schweres Krankheitsbild. Zuletzt war es im November 2011 der Fall, als B. (remember?) zurücktreten musste. Allerdings lagen da bereits gefühlte siebzig andere Momente falscher Hoffnung hinter mir, darunter auch zur Zeit des Bunga-Bunga-Skandals 2009, deshalb  schrieb ich nur noch: ”Nach dem Korruptionsskandal Anfang der neunziger Jahre haben sich die Italiener schon einmal so sehr für ihre käuflichen Politiker geschämt, dass sie sie mit Münzen bewarfen. Kurz darauf änderten sich zwar die Namen der Parteien, nicht aber die Gesichter. Der Wandel, der keiner ist, wird „Trasformismo“ genannt und hat hier eine lange Tradition. Italienische Politiker bleiben im Parlament sitzen, bis sie tot sind. Und manche sterben nie.”

Und jetzt? Niente. Was soll ich sagen. Die Schlüsselpositionen in der Regierung Letta sind von B. besetzt. Sein Buddy Angelino Alfano wurde Innenminister. Unter B. war er Justizminister. (Im Europaparlament sagte Beppe Grillo 2007 über Alfano: “Früher hat man Sprengstoff geschickt, um Staatsanwälte aufzuhalten. Heute reicht der Justizminister”) Als Ministerpräsident erinnert sich Enrico Letta, einst linksdemokratischer Staatssekretär unter Prodi und Neffe von Gianni Letta, dem langjährigen Staatssekretär und Schattenmann von B., natürlich nicht mehr an sein Geschwätz von gestern – an das “Berlusconi hat Italien ruiniert, nie werden wir uns an einer Regierung mit Berlusconi beteiligen” oder: “Unser Feind ist Berlusconi” oder “Die PD wird dafür sorgen, dass Berlusconi seinen Interessenskonflikt löst, wenn er wieder kandidieren will.” Nie, nie, nie! Böser, böser B.! Und so weiter und so fort. Nachzulesen hier.

Mit dieser Regierung wird B. endgültig von all seinen Sünden reingewaschen werden – und seinem Traum, Staatspräsident von Italien zu werden, ein Stück näher rücken. Der linksintellektuelle Philosoph Paolo Flores D’Arcais sprach schon 2007 davon. Übertrieben? Nie? Nie? Nie? Wir sprechen uns noch. Die Wähler der PD sind unheilbar masochistisch.

Während die Minister der Regierung Letta vereidigt wurden, hat heute ein Mann zwei vor dem Regierungssitz stationierte Carabinieri niedergeschossen. Wie es aussieht, ist der Attentäter nicht geistig verwirrt. Sondern “nur” ein normaler Italiener ohne Arbeit, der sagte: “Ich wollte einen Politiker treffen.”

 

Der Triumph der Vergeblichkeit

Freitag, 26. April 2013

Unknown

Ja, der Gattopard. Alles ändern, damit alles so bleibt wie es ist, heißt es im Gattopardo, jenem Meisterwerk des Schriftstellers Tomasi di Lampedusa. Der Staatspräsident ist immer noch der gleiche, die beiden Letta (Enrico Letta als Ministerpräsident, sein Onkel Gianni Letta ist seit Jahrzehnten als DER Mann hinter B. bekannt) ziehen rechts und links die Fäden, die Höflinge in den Redaktionen jubilieren wie gewohnt, die Abgeordneten von PDL und PD(ohne L) machen La Ola im Parlament, und hoffen, dass es in der feindlichen Welt draußen nicht wieder zu solch hässlichen Szenen kommt, wie in dem Augenblick, als die Mauschelei zwischen PD und PdL amtlich wurde (das Video versteht man auch, wenn man kein Italienisch spricht: Höhepunkte sind Szenen wie die, als der (rechte) Parlamentarier La Russa einen Krankenwagen nutzt, um unbehelligt das Parlament verlassen zu können oder der (linke) Abgeordnete Fassina mit Münzen beworfen wird. Buffoni heißt übrigens so viel wie Hanswurst, Clown). B. ist glücklich, weil jetzt alle seine Prozesse ausgesetzt sind, und die PD ist glücklich, weil die 18 Milliarden Euro Schulden der Bank Montepaschi di Siena jetzt endlich dem italienischen Steuerzahler untergejubelt werden können.

Es muss wohl das Gattopardo-Gen sein, wie anders ist es zu erklären, dass man in Italien  eine Restauration auch ohne Revolution hinkriegt. Triumph der Vergeblichkeit. Der “alte, weise Mann vom Quirinalshügel” (©Süddeutsche, gestern mit der Variante “Der alte Weise im Quirinal hat in kaum zwei Tagen jene Demokratiemaschine wieder in Gang gesetzt, welche die Parteien in den zwei Monaten seit der Parlamentswahl mit ihrer Sturheit gründlich blockiert hatten.”), der Weise also hat Enrico Letta zum italienischen Ministerpräsidenten benannt – Berlusconis Wahlhelfer in der PD. Sein Onkel Gianni Letta ist B.’s Mann fürs Delikate (Mafia, Vatikan, Justiz), also der Mann, der auf den es wirklich ankommt. Wer jetzt fragt, wo Renzi ist, jener weitsichtige Hoffnungsträger der PD (er pilgerte bereits im Jahr 2010 zu B. in seine Villa in Arcore und beteuert bis heute, dass er dies sofort wiederholen würde): Nun, ihm hat sein Freund B. den Gefallen getan, so zu tun, als hätte er etwas gegen Matteo Renzi als Ministerpräsidenten. Denn schließlich soll der Junge nicht jetzt schon verheizt werden, in einer Regierung, die vermutlich nicht eine ganze Legislaturperiode dauern wird, sondern nur so lange, bis die Italiener sich nicht mehr daran erinnern können, was eigentlich passiert ist. Renzi sitzt also auf der Bank.

Seit einiger Zeit trägt Tomasi di Lampedusas Werk auch auf Deutsch den Titel Der Gattopardo - und heißt nicht mehr wie einst Der Leopard. Als Metapher für den italienischen Adel, die herrschende Klasse von einst, wählte Tomasi di Lampedusa eben ganz bewusst nicht eine große gefährliche Raubkatze wie den Leoparden, sondern eine Pardelkatze, ein Ozelot, ein niedliches Zwergkätzchen, das nicht beißt, sondern schnurrt.

1992-2013

Montag, 22. April 2013

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Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich zur Zeit so niedergeschlagen wie in jenen Tagen 1992, als Falcone und Borsellino ermordet wurden. Als wir begriffen, dass alles vorbei war. Als wir begriffen, dass das Spiel längst gelaufen war.

Salvatore Borselllino, der Bruder des ermordeten Staatsanwalts, schrieb gestern: ”Sie sind dabei, die Republik zu zerstören, die aus dem Widerstand gegen den Faschismus entstanden ist – um die Republik zu festigen, die aus den Mafia-Blutbädern hervorgegangen ist. Ein neuer Widerstand ist notwendig. Wir werden mit allen Mitteln kämpfen, bis zum Ende. Aber wir werden nicht aufgeben. NIE.”

Es gab einmal ein Italien.

Samstag, 20. April 2013

In Rom ist heute das anständige Italien lebendig begraben worden. Auf dem soeben zugeschaufelten Grab stehen noch die italienischen Parteien, PDL und PD (ohne L), samt Bündnispartnern (Lega und Monti) und dem altem und neuen Staatspräsidenten Napolitano und treten die Erde fest. Denn die Leiche zappelt noch.

Nachdem es den beiden im jahrzehntelangen Mauscheln bewährten Parteien PDL und PD (ohne L) nicht gelungen ist, ihre Kandidaten durchzusetzen, muss der 88jährige Altpräsident wieder antreten – was in Italien außer der politischen Kaste vor allem die SZ glücklich machen wird, die wie üblich alles im Griff hat und heute morgen ihre Leser mit folgender scharfsinnigen Analyse beglückte:

  • “Alles ist bisher schlecht gelaufen bei der Wahl des Präsidenten in Italien. Das Land, das seit fast zwei Monaten auf eine neue Regierung wartet, benötigt dringend ein souveränes, respektables Staatsoberhaupt, wie es der scheidende Giorgio Napolitano war.”

(“Schlecht gelaufen”: Hey, jetzt geht hier aber echt was ab. Die Italien-Berichterstattung der SZ erinnert mich immer an Episteln von Adeligen, die zur Zeit der französischen Revolution in Paris waren und nichts anderes zu berichten hatten, als dass auf dem Kleid von Marie Antoinette heute morgen ein kleiner Kaffeefleck zu sehen war. Den Rest des in Rom stationierten deutschen diplomatischen Corps der deutschen Qualitätspresse spare ich mir jetzt).

Ja,ja, irgendwo in jenem fernen, unbekannten Land außerhalb des italienischen Parlaments und Senats, wo man keine 20 000-Euro-Gehälter vom Staat bezieht, sondern arbeitslos oder als kleiner oder mittlerer Unternehmer kurz davor ist, sich aufzuhängen in Italien stimmte ein Viertel der Italiener für den Wandel ist in den letzten Monaten etwas passiert, was niemand innerhalb der politischen Kaste genau verstand, es  aber zumindest wenig opportun erscheinen ließ, ihre Lieblingskandidaten durchzusetzen.

Einer der Lieblingskandidaten von B. wäre der Linksdemokrat Massimo D’Alema gewesen (der B. dabei half, seine Fernsehsender zu behalten, ein wie auch immer geartetes Gesetz über den Interessenskonflikt zu verhindern und etliche Antimafia-Gesetze abzuschaffen). Obwohl Massimo D’Alema auch der Lieblingskandidat vieler seiner Parteigenossen gewesen wäre, weil man dank ihm dann die nächsten sieben Jahre auch weiter hätte mauscheln können, war da das kleine Problem, dass es auch jede Menge junger, anständiger Wähler der PD gibt, die noch nicht geboren waren, als B. in die Politik eingetreten ist und sich die Opposition gekauft hat – und die tatsächlich noch an das Märchen glauben, dass ihre Partei wirklich etwas gegen B. hätte. Ihnen war auch nicht zu vermitteln, warum die PD darauf beharrte, nicht für den durch das Netz ausgewählten Präsidentschaftskandidaten Stefano Rodotà stimmen zu können. (Es gibt dazu unendlich viele FB-Gruppen mit dem Titel “Warum nicht Rodotà?”, die diese Frage mit: “Weil er noch seine eigenen Haare hat” oder “Weil er einen Akzent im Namen hat” beantwortet haben.)

Denn schließlich war Rodotà keineswegs Mitglied der 5Sterne-Bewegung, sondern ein unabhängiger Jurist, der sich zudem damit bewährt hatte, die linksdemokratische Partei nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems Anfang der 1990er Jahre aus den noch rauchenden Trümmern der kommunistischen Partei überhaupt erst entstehen zu lassen. Rodotà war allerdings nie Mitglied der politischen Kaste, und das war natürlich schlecht. Noch schlechter aber war, dass Grillo versprochen hatte, mit der PD zusammen eine Regierung zu bilden, falls sie ihren Willen zum Wandel mit der Wahl von Rodotà bekundet hätten – das war natürlich die allergrößte Gefahr, die sowohl von B. als von seinen Buddys bei der PD abgewendet werden musste.

Nachdem die Kaste also ihren ersten Präsidentschaftskandidaten Marini verheizt hatte, verfiel sie dann auf die Idee, Romano Prodi wieder auszugraben, der zwar auch nicht jener Heilige war, für den ihn viele (vor allem in Deutschland) halten – erste Amtshandlung der Regierung Prodi war ein gigantischer Straferlass, von dem nicht nur Spitzen der Gesellschaft wie Silvio Berlusconi und die eritreische Menschenhändlerin Ganat Tewelde Barhe profitierten, besser als »Madame Gennet« bekannt, sondern auch unzählige Mafiosi, die unverzüglich ihr Tagwerk wieder aufnahmen – aber wir wollen jetzt mal nicht kleinlich sein. Prodi hat es immerhin geschafft, als einziger B. zu besiegen. Was ihm B. natürlich übel nimmt, weshalb sich sämtliche PDL-Abgeordnete der Stimme enthielten. Bei der Prodi-Wahl gelang den Linksdemokraten auch noch das Kunststück, dass ihm 101 seiner eigenen Parteigenossen  in den Rücken fielen – indem sie sich der Stimme enthielten oder Namen von Pornodarstellern oder der geschiedenen Ehefrau von Silvio Berlusconi auf den Wahlzettel schrieben. Als auch Prodi verheizt war, kündigte der Generalsekretär Bersani seinen Rücktritt an – der überdies über das Geschick verfügt, alles zu versemmeln, was er in die Hand nimmt, sogar den Zeitpunkt seines Abgangs, denn der wäre eigentlich schon nach den italienischen Wahlen fällig gewesen, als er fertig gebracht hatte, seiner Partei den bis dahin sicheren Sieg zu vermasseln.

Als dann also nichts mehr ging, pilgerten die Parteien zum scheidenden Staatspräsidenten und flehten den 88jährigen an, zu bleiben. Was dieser beglückt annahm – seine Laune muss auch schon deshalb blendend gewesen sein, weil die Abhörprotokolle, in denen der Staatspräsident mit dem ehemaligen Minister Mancino spricht,  jetzt tatsächlich vernichtet werden müssen, so wie es Napolitano gefordert hatte. Mancino ist in Palermo wegen falscher Zeugenaussage angeklagt: Er wird verdächtigt, eine bedeutende Rolle bei den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia gehabt zu haben. In verschiedenen Telefonaten bat er den Präsidenten darum, die gegen ihn ermittelnden Antimafia-Staatsanwälte in Palermo zurückzupfeifen. (Es gibt etliche andere Beispiele von italienischen Staatspräsidenten, deren Telefonate wie auch das seinige zufällig abgehört wurden, und die nicht verlangten, die Gesprächsprotokolle zu vernichten, sondern ganz im Gegenteil, sogar zustimmten, sie zu veröffentlichen, aber gut)

Nachdem Napolitano wieder in seinem Amt bestätigt wurde, gab es im italienischen Parlament standing ovations. Berlusconi so glücklich zu sehen, muss ich sagen, war ein Gefühl, als würde jemand einem jeden Zehennagel einzeln herausziehen. Die einzigen, die sitzen blieben, waren die Abgeordneten der 5Sterne-Bewegung.

Beppe Grillo sprach darauf von einem “stillen Staatsstreich” – und bevor jetzt die Politologen Sturm laufen und Wikipedia-Definitionen von Staatsstreich und Putsch liefern, nur so viel: Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim.

Das müssten die Deutschen besser als alle andere wissen.