Archiv: Januar 2011

Ein Dramolett

Sonntag, 30. Januar 2011

Die minderjährige Marokkanerin Karima El Maroug, genannt Ruby, wird am 27. Mai 2010 in Mailand auf dem Corso Buenos Aires aufgegriffen, weil sie von einer Mitbewohnerin wegen des Diebstahls von 3000 Euro angezeigt wurde. Ruby hat keine Papiere und gilt als vermisst, seitdem sie aus einer sizilianischen Jugendtherapiegemeinschaft geflohen ist. Kurz nach ihrer Festnahme ruft Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Mailänder Polizeipräsidium an und ordnet an, die Minderjährige freizulassen, weil es sich um die Nichte des ägyptischen Präsdenten Mubarak handele. Seitdem ermittelt die Mailänder Staatsanwaltschaft gegen den Ministerpräsidenten, wegen Begünstigung der Prostitution Minderjähriger und Amtsmissbrauch. Einige Auszüge aus den Ermittlungsakten, die auch Abhörprotokolle enthalten.

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Polizist zu Ruby (während er darauf wartet, zur diensthabenden Jugendrichterin durchgestellt zu werden) Pass mal auf, wenn ich dich noch mal auf der Straße sehe, breche ich dir die Beine.

Ruby: Ich komme also mit dir mit, damit wir Liebe machen.

Polizist: Mit mir kommst du nirgendwo hin.

Jugendrichterin: Fragen Sie das Mädchen, wie sie ihre Miete verdient hat.

Polizist: Wie hast du deine Miete verdient?

Ruby: Als Bauchtänzerin in einigen Lokalen in Mailand.

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Staatsanwalt: Während Ihrer Bekanntschaft mit Ruby haben Sie davon erfahren, dass sie mit berühmten Leuten befreundet sei?

Mitbewohnerin von Ruby: Ich erinnere mich daran, dass sie behauptete, eine Freundin von Silvio Berlusconi zu sein, dem Ministerpräsidenten. Sie sei oft bei ihm in der Villa zu Besuch gewesen, wo sie zu Abend gegessen, getanzt und dass sie mit ihm Sex gehabt habe, wofür er ihr sehr viel Geld gezahlt habe.

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Freund von Ruby: Und du hast dem Papa, dem Onkel … oder wie nennst du ihn? Onkel oder Opa?

Ruby: Nein, Papi.

Freund: Madonna, das ist ja wie bei der Napoletanerin, die nannte ihn ja auch Papi …

Ruby: Ich bin aber etwas anderes als die Napoletanerin.

Freund: Tatsächlich.

Ruby: Die da ist der Augenstern. Ich bin der Arsch.

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Ruby (zu einem weiteren Freund): Hör mal. Ich habe gerade mit ihm telefoniert.

Freund: Mit wem?

Ruby: Mit ihm! IHM!

Freund: Er, er? Der Große?

Ruby: ER! Jesus!

Freund: Und?

Ruby: Er hat mich genau vor drei Minuten angerufen. (…) Ich habe ihm gesagt, dass ich viele Sachen zugegeben, aber auch viele verschwiegen habe. Ich habe ihm alles gesagt, was ich gesagt habe, weil ich das angesichts der Beweise zugeben musste. Er sagte, wir sind aber nicht in Gefahr, wir haben nur ein paar Schwierigkeiten. Dann habe ich zu ihm gesagt: Ich wollte dich was fragen, denn aus dieser Situation möchte ich natürlich mit etwas in der Hand herausgehen. Er sagt, klar, das ist normal. Und dann hat er mir so ein komisches Sprichwort gesagt, etwas in der Art wie „Wenn das Meer stürmt, dann lässt man die Menschen nicht untergehen“.

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Ruby zu ihrem Vater: Heute bin ich auch wieder in einer wichtigen Zeitung drin, die in ganz Italien erscheint (…), es geht um mein Treffen mit Berlusconi und so weiter, verstehst du?

Vater: Ja.

Ruby: Ich bin jetzt hier mit dem Anwalt (…) Silvio hat ihm gesagt: Sag ihr, dass ich zahle, was sie will, Hauptsache, sie hält den Mund. Sie kann auch so tun, als wäre sie verrückt, Hauptsache, sie hält mich aus den Sachen raus, dass sie sagt, dass ich sie nie gesehen habe, als sie noch siebzehn war und sie nie bei mir zu Hause war. Ich ruf dich später wieder an, wenn ich hier fertig bin.

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Ruby zu einer Freundin: Mein Fall ist der, der am meisten Angst macht. Mehr noch als der von Letizia (der minderjährigen Neapoletanerin, zu der Silvio Berlusconi eine Freundschaft pflegte) und von der D’Addario (der Prostituierten, die zu Berlusconi in seine römische Residenz kam und darüber später bei der Staatsanwaltschaft aussagte), mehr als alle anderen. Wir machen uns natürlich Sorgen, der Anwalt ist gerade weggegangen (…), alle unterstützen mich. Ich habe gesagt, dass ich gerade mit Silvio gesprochen habe, und dass ich am Ende etwas in der Hand haben muss, dass er mir also fünf Millionen geben muss. Fünf Millionen dafür, dass mein Name in den Schmutz gezogen wurde.

Freundin: Was? Fünf Millionen?

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Nicole Minetti (ehemaliges Fotomodell, ehemalige Zahnhygienikerin Berlusconis, jetzige Abgeordnete von Berlusconis Partei im Regionalrat der Lombardei und Organisatorin von Berlusconis Hausparties, zu einer Freundin, die sie zum ersten Mal zu einem Abendessen mit dem Ministerpräsidenten in seiner Villa einlädt): Da sind alle möglichen, also Nutten, Südamerikanerinnen, die aus den Favelas kommen und kein Italienisch sprechen, dann ein paar ernsthaftere, und dann eben ich, ich mache das Übliche, verstehst Du (…), sei nicht schüchtern, es soll dir scheißegal sein.

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Freundin von Minetti zum Staatsanwalt: Nach dem Essen ging es weiter in einem Saal, eine Art Discothek, die Mädchen sagten „Jetzt gehen wir ins Bunga-Bunga“, da war so eine Stange für Lap-dance und ein paar Umkleidekabinen, in denen sich die Mädchen umziehen konnten. Nicole Minetti hat sich als Mann verkleidet (…) Der Abend besteht im Wesentlichen aus drei Teilen, dem Abendessen, dem „Bunga-Bunga“ und dem, wo einige Mädchen über Nacht bleiben.

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Freundin von Minetti zu ihrem Vater: Also, dass das vor allen stattfindet, hat mir schon zu denken geben. Um das jetzt mal höflich auszudrücken: ein Bordell.

Vater: Ich verstehe schon. Eine Orgie also.

Tochter: So etwas in der Art.

Vater: In der Art wie Hände zwischen den Beinen?

Tochter: Ja, so etwas.

Vater: Er auch?

Tochter: Nur er! Ich war so enttäuscht, ich hielt ihn für jemanden mit Niveau.

Vater: Na ja, ich weiß, aber bei so etwas sind alle Männer gleich.

Tochter: Schon klar, Papa, aber auf einem gewissen Niveau, von mir aus kannst du dir auch gleich fünf auf einmal nehmen, aber nicht solche Idiotinnen, von denen du nicht mal weißt, wer sie sind. Mich hat keiner nach meinem Ausweis gefragt.

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Iris, Stammgast von Berlusconis Parties, zu Imma, ebenfalls Stammgast : Schätzchen, es heißt, er will weniger Abendessen veranstalten, und dabei ist er schon so knickrig. Jetzt müssen wir anfangen, etwas bei ihm zu Hause zu klauen.

Iris: Wir müssen jemand anderes finden. Denn das, was Papi uns da gibt, ist ja nicht die Welt.

Iris: Der Alte nervt. (…) Bald können wir ihn alle am Arsch lecken.

Imma (lacht): Madonna.

Iris: Das ist die Gelegenheit, ich bringe ihn um, ich hau ihm eine Statue ins Gesicht.

Imma (lacht): Hör auf, ich kann nicht mehr!

Iris: Schätzchen, Scheiße, der will uns ohne etwas wegschicken!

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Eleonora: Ich habe einen sechsten Sinn für so etwas. Meiner Meinung nach ist er out.

Imma: Er ist fett geworden, hässlich.

Eleonora: Früher war er mehr in Form, jetzt ist er schon fast im Jenseits, hässlich ist er auch, er muss nur was locker machen.

Imma: Ja genau, er muss nur etwas locker machen. Ich schenke ihm einen Scheißdreck. Am Ende lacht er uns ins Gesicht.


Der Präsident, der Sizilien und die Sizilianer liebte

Sonntag, 23. Januar 2011

Gestern nachmittag stand ich in einem Mailänder Zeitungskiosk und traute meinen Ohren nicht, als im Radio die Nachricht verkündet wurde, dass Salvatore Cuffaro, der ehemalige sizilianische Regionalpräsident und jetzige Senator, als Gehilfe der Mafia letztinstanzlich verurteilt worden sei – und seine Haftstrafe im römischen Gefängnis Rebibbia angetreten habe.

Ich habe mich Cuffaro nicht nur in diesem Blog gewidmet (zum Beispiel hier und hier und hier), sondern ihn auch persönlich getroffen, auf seiner Wahlkampfreise durch Sizilien – als sich sein Antlitz noch über verrottete Mauern wölbte, von Stellwänden herablächelte und es sogar bis zur Heiligen Rosalia geschafft hatte, hoch oben auf den Monte Pellegrino, dort, wo Palermo den Himmel mit den Fingerspitzen berührt und wo seine mit Juwelen überhäufte Schutzpatronin in einem gläsernen Sarkophag ruht. Cuffaros Gesicht war so rund und weich und glatt, als hätte dieser Mann seit seiner Geburt nichts erlebt, was seine Zuversicht hätte trüben können. „Totò Cuffaro: Der Präsident, der Sizilien und die Sizilianer liebt“, stand auf dem Aufkleber.

Als Journalistin, die den Regionalpräsidenten Cuffaro nach seinen Mafiaverbindungen fragen wollte, war ich natürlich nicht erwünscht. Zwei Wochen lang folgte ich ihm bei seinen Reisen über die Insel – und wurde freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Als ich wieder mal auf ihn wartete, dieses Mal vor der Kirche der Maria Santissima dei Miracoli, kam ich auf die Idee, mit dem Präsidenten per pizzino zu kommunizieren, mit jenen kleinen Zettelchen also, mit denen sich auch der Boss Bernardo Provenzano aus dem Untergrund mit seinen Mafiosi zu verständigen pflegte. Hochverehrter Präsident, schrieb ich, bitte gewähren Sie mir ein Interview – für die Maria Santissima und für Deutschland! Dieser klein gefaltete Zettel wurde während der Messe von Hand zu Hand bis zum Präsidenten weitergereicht. Als der Präsident aus der Kirche trat, winkte er mich hoheitsvoll zu sich – und stellte sich meinen Fragen. Um ihnen ebenso hoheitsvoll auszuweichen.

Am nächsten Tag war im Giornale di Sicilia zu lesen, dass eine deutsche Journalistin den Präsidenten auf das Minenfeld der Anti-Mafia-Bekämpfung gezerrt habe.

 

Non capisco

Freitag, 21. Januar 2011

Non capisco perchè non ci sono manifestazioni contro B. in questo momento, niente popolo viola, niente studenti, niente di niente. Tutti sembrano accontentarsi di una tiepida protesta del Vaticano. Forse mi sfugge qualcosa.

B.s Erynien

Donnerstag, 20. Januar 2011

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B. ist nicht der erste Mann, der sich über die wahren Motive der Frauen Illusionen macht. Es gehe ihm um das Vergnügen der Eroberung, sagte der arme alte Mann noch vor kurzem. Wer in diesen Tagen die italienischen Tageszeitungen liest, die voll sind mit den Abhörprotokollen von B.s Prostituierten, der hat am Ende fast schon Mitleid mit ihm. Als das Gerücht kursiert, dass die Orgien in B.s Mailänder Villa weniger werden könnten, sind die Erynien wie entfesselt. “Ich habe nur noch tausend Euro, ich muss unbedingt Kasse machen”, sagt die eine. Und die andere regt an: ”Jetzt fangen wir an, etwas im Haus zu klauen”. Eine andere sinniert: “Mist, der Alte nervt, bald sitzen wir alle in der Scheiße, jetzt ist die Gelegenheit, ihn umzubringen, ich hau ihm die Statue ins Gesicht.” Und ihre Schwester assistiert: “Er ist out, er ist fett geworden, hässlich, er soll bloß was locker machen, hoffentlich ist er etwas großzügiger, von mir kriegt er einen Scheißdreck umsonst.”

Sie nennen ihn “das alte Ekel” oder, wenn sie nett sein wollen: “Die Quelle unseres Reichtums”. Und Ruby, die Herzensbrecherin, bringt auf den Punkt, was mehr als die Hälfte des italienischen Parlaments wohl auch über B. denkt: “Solange er da ist, haben wir was zu fressen.”



Sex

Mittwoch, 19. Januar 2011

in Italien.

Mittwoch, 19. Januar 2011

Ein schöner TAZ-Kommentar zum Thema Mafia in Deutschland.

B. und die Mädchen

Sonntag, 16. Januar 2011

Wenn man bedenkt, dass B. wegen Steuerbetrugs, Bilanzfälschung, Richterbestechung und Mittäterschaft bei Anschlägen angeklagt war oder ist, dann wäre es wirklich eine Ironie des Schicksals, wenn er nicht wegen seiner Mafiamachenschaften, sondern wegen der Mädchen stolpern würde. Mehr dazu in meinem Reisebericht.

B.

Samstag, 15. Januar 2011

Ja, es wird wieder gegen B. ermittelt. Dieses Mal wegen Förderung der Prostitution Minderjähriger und wegen Erpressung. Dazu auch ein interessanter Link zur Tageszeitung “Il Fatto quotidiano” – auf Englisch, nicht sehr gut übersetzt, aber immerhin verständlich. B.s Anwalt Nicola Ghedini hatte bereits im Sommer versucht, all die Damen, die an B.s Parties in seiner Villa in Arcore oder auf Sardinien teilnahmen, auf Linie zu bringen  - im Sinne von “B. will nur spielen”, wäre es bei B.s Parties nicht um Sex gegangen – das sollten die Mädchen aussagen, falls die Staatsanwälte sie verhören würden. Denn da hatte eine der Protagonistinnen, die minderjährige marokkanische Herzensbrecherin Ruby “Rubacuore”, bereits den Staatsanwälten in Mailand ihr Herz ausgeschüttet.


allarme diossina

Donnerstag, 06. Januar 2011

Se fosse successo in Italia, dietro questo scandalo di diossina ci sarebbe la mano della mafia, della camorra o della ‘ndrangheta. Ma apparentemente in Germania sanno arrangiarsi anche da soli.

Dioxin

Donnerstag, 06. Januar 2011

Fände dieser Dioxin-Skandal in Italien statt, wäre klar, dass sich dahinter dunkle Mächte wie die Mafia, Camorra oder ‘Ndrangheta verbergen würden. In Deutschland aber kriegt man so etwas offenbar auch alleine hin.