Archiv: Mai 2008

Lido

Samstag, 31. Mai 2008

Heute wurde auf dem Lido die Badesaison eröffnet. Ich gehöre zu einer Badekabine am Strand des Hotels Des Bains, prima fila, erste Reihe, wohin ich mich erfolgreich vorgearbeitet habe, nachdem ich einige Jahre lang den Tort hinnehmen musste, mich mit der zweiten Reihe zu begnügen, von wo aus ich das Meer nur durch einen Spalt zwischen zwei Badekabinen sehen konnte und ertragen musste, dass mir die Enkelkinder meiner Badekabinengenossinnen auf die Füße pinkelten, amooore, amore mio!

Weil die Miete einer Badekabine am Lido etwa so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt von Burkina Faso, teile ich mir die Kabine mit 15 weiteren Damen eines gewissen Alters – wie man in Italien sagt. In meiner neuen Badekabine sind Kinder verboten, Enkelkinder ebenso und Männer eigentlich auch, wir haben nur einen einzigen Mann in unserer Badekabinengesellschaft aufgenommen, und der gilt nicht, weil er schwul ist. Wobei ich aber nicht sagen möchte, dass die Damen meiner Badekabine männerfeindlich gesinnt wären, sie finden nur, dass es wenig Männer gibt, die zu uns passen.

Wie immer habe ich die Damen von den Kabinen nebenan begrüßt, Damen, die bereits in ihre Kreuzworträtsel vertieft waren oder Karten spielten. Und wie immer habe ich die Angebote der Strandverkäufer abschlägig beschieden, die mir Louis-Vuitton-Taschen und Ketten aus Halbedelsteinen verkaufen wollten. Wobei zu sagen ist, dass die Verkäufer zu den anderen Damen ein durchaus familiäres Verhältnis pflegen. Wenn der marokkanische Taschenverkäufer sein Bonjour Mesdames! schmettert, dann zirpen sie Bonjour, Bonjour! zurück, und wenn sich der srilankische Schmuckverkäufer nähert, dann fragen sie ihn mit großer Warmherzigkeit, wie es ihm im Winter zu Hause in Sri Lanka ergangen sei und beglückwünschen ihn so herzlich zur Geburt seines zweiten Kindes, als handele es sich um ihr eigenes Enkelkind (mit dem sie sich aber nie am Strand zeigen würden!) und versichern ihm, dass sie sich die Sache mit der Amethystkette überlegen würden.

Und das Schöne an diesem Badekabinenleben ist, dass mich, wenn ich wieder am Strand sitze, ein Hauch von Ewigkeit umweht. Weil sich dieser Tag nicht wesentlich von dem Tag vor einem Jahr unterscheidet und auch nicht von dem Tag vor drei Jahren und genauso wenig von dem Tag vor zehn Jahren. Meine Freundin Marisa sonnt sich wie immer mit nach außen gedrehten Armen, Maria Pia hat wie immer Obstsalat im Tuppertopf mitgebracht, Giuseppina liest den Gazzettino und regt sich wie immer über Berlusconi auf. Wenn es also ein ewiges Leben geben sollte, dann hier, am Strand des Des Bains.

Schlappen des Grauens (ciabatte dell’orrore)

Mittwoch, 28. Mai 2008

Ursprünglich waren Crocs für Gerichtsmediziner gedacht: Kein Schuh ist praktischer, wenn man im Blut steht und in Resten von Hirnmasse – nachdem Kopfhöhle, Brusthöhle und Bauchhöhle geöffnet und die inneren Organe entnommen werden mussten (eine Autopsie ist kein Sonntagsspaziergang). Man muss die Crocs selbst dann nicht ausziehen, wenn am Ende der Autopsie das Blut mit einem Schlauch weggespritzt wird. Ein ganz außerordentlich praktischer Schuh. Und was für den Sektionssaal richtig ist, kann für Venedig nicht falsch sein. Denken 59,5 Prozent aller Venedigbesucher.

Aber. Ich bin doch nicht allein auf der Welt.

Pressefreiheit in Italien II

Dienstag, 27. Mai 2008

Italienische Zeitungen müssten eigentlich einen Beipackzettel enthalten, der über die Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre aufklärt: Der darüber informiert, wem die Zeitung gehört und welche Interessen sich dahinter verbergen.

Die Repubblica etwa gehört dem linksliberalen Finanzier Carlo De Benedetti, einstiger Besitzer von Olivetti, der Fiatkonzern hält sich die Turiner Stampa und die Wirtschaftszeitung „Il sole 24 Ore“ gehört dem italienischen Unternehmerverband Die Unità, die ehemalige Parteizeitung der Kommunistischen Partei, gehört Renato Soru, Präsident der Region Sardinien, Unternehmer und Besitzer des Internetdienstes Tiscali. Berlusconi besitzt drei Zeitungen: Il Giornale, Il Foglio, Libero und zudem auch noch drei Fernsehsender. Und die RAI gehört immer demjenigen, der gerade an der Regierung sitzt.

Kurz: In Italien ist die Pressefreiheit weniger ausgeprägt als in Bulgarien oder in der Mongolei, stellte der Jahresbericht der Stiftung Freedomhouse fest. Dazu interessante Ausführungen des italienischen Publizisten Marco Morosini in der taz.

Il divo

Montag, 26. Mai 2008

“Ich bin nicht so zynisch. Dieses Werk ist ein Schurkenstreich, eine Niederträchtigkeit, ein boshafter Film” – sagte Giulio Andreotti, nachdem ihm der Film “Il Divo” in einer Privatvorführung gezeigt worden war. So berichtete es jedenfalls die Repubblica. Einen besseren Werbespruch hätte sich der Regisseur Paolo Sorrentino nicht wünschen können.

Nachdem neben Gomorrah auch “Il Divo”, der Andreotti-Film, in Cannes ausgezeichnet wurde (mit dem Preis der Jury), habe ich endlich wieder das Gefühl, Klopfzeichen aus dem Untergrund zu hören – als würden diese beiden Preise die Kruste aus kultureller, politischer und sozialer Erstarrung, die auf Italien liegt, wenn nicht aufbrechen, dann ihr doch zumindest ein paar Risse beibringen. Es ist sicher kein Zufall, dass beide Filme die Mafia zum Gegenstand haben: Gomorrah zeigt, welche Spuren der Verwüstung die Mafia in den Köpfen und in der Landschaft hinterlassen hat. Und Il Divo zeigt, wie es dazu kam, dass die Mafia in den letzten sechzig Jahren unangefochten die italienische Politik beherrschen konnte.

Und weiterhin beherrschen wird. Denn nicht nur Giulio Andreotti sitzt im italienischen Senat, sondern auch Totò Cuffaro, der ehemalige sizilianische Ministerpräsident, der vor wenigen Monaten von seinem Amt zurücktreten musste, weil er erstinstanzlich zu fünf Jahren Gefängnis wegen Unterstützung der Mafia verurteilt wurde. Woraufhin er mit einem Sitz im Senat getröstet wurde. Und der Senatspräsident Renato Schifani, der kein geringeres als das zweithöchste politische Amt in Italien bekleidet, gründete im Jahr 1979 zusammen mit einigen Mafiabossen die Gesellschaft Siculabrokers. Einer dieser Mafiabosse, Nino Mandalà, sprach Jahre später über die Freundschaft zu Renato Schifani – was sich in den Akten verschiedener Mafiaprozesse niederschlug. Anders als die Politik vergisst die Mafia nicht. Auch nach Jahrzehnten nicht. Freundschaftsdienste müssen erwidert werden.

Oder, wie mir Franco Roberti, Chefermittler der Antimafia-Staatsanwaltschaft von Neapel, sagte: “Ob der Staat die Mafia besiegen kann? Ja. Wenn er das will.”

Gomorrha (Gommora)

Sonntag, 25. Mai 2008

Ich komme gerade aus dem Kino (Cinema Giorgione, dem letzten in Venedig!), wo ich Gomorrha gesehen habe, den Film nach Roberto Savianos Bestseller. Der, wie ich soeben im Radio gehört habe (ja, da geht es noch schneller als im Internet) in Cannes, den Großen Preis der Jury gewonnen hat. Hier auch der Trailer des Films, der, wie die Filmkritiker erstaunt bemerkten, kein üblicher Mafiafilm sei. Glücklicherweise, würde ich sagen. Über Jahrzehnte hat sich die Mafia ihre Ikonographie so wie in den Filmen von Coppola und Scorsese erträumt, jedes Mal, wenn ein flüchtiger Mafiaboss festgenommen wurde, fanden sich in seinem Versteck DVDs vom Paten. Es ist nicht zu befürchten, dass dort demnächst auch DVDs von Gomorrah gefunden werden.

Mich haben viele Szenen des Films an meine Reportage in Ponticelli erinnert, die in diesem Monat in Geo erschienen ist. Ponticelli ist wie Scampia ein Vorort von Neapel, in dem mit Drogen, Waffen und Sprengstoff gehandelt wird. Ponticelli wird von dem Clan der Sarnos beherrscht. Der im Krieg mit dem Clan der Panicos liegt. Was sich mal in in Kopfschüssen, mal in Autobomben ausdrückt. Jeden dritten Tag wird in Neapel ein Mensch umgebracht – gewissermaßen der Reibungsverlust in einem Land, dessen Geschicke von der Mafia beherrscht werden.
Gomorrah zeigt nicht das Italien der flatternden Wäsche und der anmutig abblätternden Häuserwände, sondern den kruden, realen Zynismus Italiens.

Träum von mir, wenn es schneit (Sognami se nevica)

Samstag, 24. Mai 2008

Ok, mein Palermitanischer Taxifahrer fand das Lied von Biagio Antonacci schon letztes Jahr überflüssig, als es ein Hit war. Aber wen juckt es, was Palermitanische Taxifahrer denken, ich finde es bis heute schön, weil es in Italien, wo es so selten schneit, das ultimative Lied von der unerfüllten Liebe ist.

Auf dass dieses Lied bei dir ankommen
und dich dahin bringen möge,
wo nichts und niemand zuhören wird
ich werde das Lied mit wenig Stimme singen,
flüsternd, auf dass es bei dir ankommt, bevor du einschläfst

Und wenn du von mir träumen wirst
werde ich vom Himmel fallen
und wenn du fragen wirst
dann werde ich von hier oben antworten
und wenn du Traurigkeit und Leere fühlen wirst
werde ich sie von hier auslöschen

Träum von mir, wenn es schneit
Träum von mir, ich bin eine Wolke
Ich bin Wind und Sehnsucht
Ich bin da, wohin du gehst

Che questa mia canzone …. arrivi a te
ti porterà dove niente e nessuno l’ascolterà
la canterò con poca voce … sussurrandotela
e arrivirà prima che tu…… ti addormenterai….

E se…… mi sognerai
Dal cielo cadrò
E se …..domanderai….
Da qui risponderò
E se…… tristezza e vuoto avrai
da qui ………. cancellerò

Sognami se nevica
Sognami sono nuvola
Sono vento e nostalgia
Sono dove vai…..

E se mi sognerai
Quel viso riavrò
mai più..mai più quel piangere per me
sorridi e riavrò

Sognami se nevica
Sognami sono nuvola
Sono il tempo che consola
Sono dove vai…..

Rèves de moi amour perdu
Rèves moi, s’il neigera
Je suis vent et nostalgie
Je suis où tu vas

Sognami mancato amore
La mia casa è insieme a te
Sono l’ombra che farai
Sognami da li……….

Il mio cuore è li….

Sizilianisches Herzblut

Donnerstag, 22. Mai 2008

Letizia Battaglia ist nicht nur eine weltberühmte sizilianische Fotografin, sondern auch die Mutter von Shobha, der Fotografin, mit der ich seit sehr langem (Damen nennen keine Jahreszahlen) zusammenarbeite. Fast alle Geschichten über die Mafia haben wir zusammen erlebt, erlitten, vom berühmten Palermitanischen Frühling bis heute, wo die Mafia in Palermo (und nicht nur dort) triumphiert. Und wo es nur noch wenige gibt, die sich noch nicht arrangieren.

Im Willy-Brandt-Haus in Berlin ist bis zum 22. Juni eine Ausstellung mit Letizias Fotos zu sehen. Und spiegel-online hat Letizia interviewt, wie immer kettenrauchend. (via ombelico)

Leben in Venedig

Dienstag, 20. Mai 2008

Früher habe ich noch Wasser runtergekippt.

P.S.: Das ist der Kanal unter unserem Fenster.

Tussis

Montag, 19. Mai 2008

Harald Martenstein als wahre Lifestyletussi – geoutet von der Stilpäpstin.

Die Hymne vom furchtlosen Leben (vita spericolata)

Donnerstag, 15. Mai 2008

Eigentlich war ich nur auf der Suche nach dem Text von Vasco Rossis Lied “Vita spericolata”, aber dann sah ich, wie er das Lied 1988 in San Remo sang oder besser: nuschelte, sturztrunken, mit Vokuhila-Frisur, und da hätte ich fast angefangen zu heulen. Weil es so ist, als schaute man einem Seiltänzer zu, der aus dem Gleichgewicht geraten ist, das Seil schwankt, man hält die Luft an, schließt die Augen und ist glücklich, dass er irgendwie doch noch heil auf die andere Seite gelangt.

Eine Hymne auf die Verlierer.

Ich will ein furchtloses Leben
ein Leben wie im Film
ein Leben wie Steve Mc Queen
ein Leben, in dem es nie spät wird
ein Leben, in dem ich nie schlafen muss
ich will ein ungezogenes Leben
ein Leben, dem alles scheißegal ist
ich will ein Leben, du wirst schon sehen, was für ein Leben