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PETRA RESKI

Timbuktu, Damaskus, Venedig

Natürlich hat uns die Ankündigung der Unesco gefreut (wer den Bericht nachlesen will: hier der link), Venedig auf die Liste der gefährdeten Welterbestätten zu setzen – womit sich die Stadt auf dem gleichen Rang wie vom Städte wie Timbuktu oder Damaskus befinden würde: Städte in Kriegszonen. Und ja, es wird Krieg geführt gegen Venedig, und das seit Jahrzehnten.

Die Unesco fordert: Kreuzfahrtschiffe raus – und zwar nicht einfach raus aus dem Markusbecken, sondern raus der Lagune, und zwar ganz. Die Techniker der Unesco haben sich nicht an dem Hütchenspiel des Kulturministers Franceschini beteiligt, der die Fake-News von der „Vertreibung der Kreuzfahrtmonster“ um die ganze Welt schickte, sondern machen deutlich, dass es hier um „Venedig und seine Lagune“geht.

Und, wie der italienische Kulturschutzbund Italia Nostra erklärte, ging es darum schon 1987, al
s Venedig in die Liste des Weltkulturerbes eingetragen wurde, wobei präzisiert wurde: „sumpfige Gebiete … müssen nicht weniger geschützt werden als Paläste und Kirchen“ Eine „langfristige Lösung“ für die Großschiffe sei „dringend erforderlich“, schreibt die Unesco in ihrem Bericht, wobei die Hypothese, den Zugang zur Lagune „vollständig zu verhindern“, oberste Priorität habe, vorzugsweise „sie in geeignetere Häfen in der Umgebung umzuleiten“.

Geeignetere Häfen! Sofort geht ein Aufschrei durch die politischen Reihen in Venedig, umgehend werden wieder die vermeintlich 5000 Arbeitsplätze des Kreuzfahrthafens in Marsch gesetzt, die bei näherer Betrachtung auf 1500, vielleicht sogar nur auf 500 Festanstellungen zusammenschnurren. Geeignetere Häfen sind Ravenna und Triest – wohin schon jetzt einige Kreuzfahrtschiffe ausgewichen sind. Und übrigens weiter ausweichen – weil nämlich während des am 9. und 10. Juli in Venedig stattfindenden G20 keine Kreuzfahrtschiffe das Idyll der Wirtschafts- und Finanzminister stören mögen. (Weshalb wir in Venedig vom 8. Bis 11. Juli nicht mit dem Boot fahren dürfen, weil unsere kleinen Fischerboote offenbar eine Gefahr für die Finanzelite darstellen.)

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Italienische Provisorien
Die italienische Regierung, der Bürgermeister und die Region Venetien indes forcieren unbeirrt weiter die Lösung, die keine ist: Die Schiffe in Marghera anlegen zu lassen, „vorübergehend“. Mal abgesehen davon, wir hier mit Provisorien eine gewisse Erfahrung haben. (M.O. S. E. ist das Akronym von Modulo sperimentale elettromeccanico: experimentelles elektromechanisches Probemodul. Die Betonung liegt auf: Probemodul. Das immer noch nicht fertig ist, nach drei Jahrzehnten. Gerade wurde die Fertigstellung von 2021 auf 2026 vertagt.)

Folglich haben wir in Venedig berechtigte Zweifel daran, dass mindestens 60 Millionen Euro für eine nur provisorische Anlegestelle der Kreuzfahrtschiffe im Industriehafen ausgegeben werden, die über den Kanal für die Erdöltanker einfahren sollen: einer zwanzig Kilometer langen und zweihundert Meter breite Schiffsautobahn, zwischen 11,5 und 17 Metern tief, die von der Lagunenöffnung in Malamocco zur petrochemischen Anlage in Marghera führt – und auf der eine Höchstgeschwindigkeit von zwanzig Stundenkilometern herrscht, wodurch jede Durchfahrt eines Tankers oder eines Kreuzfahrtschiffs für einen kleinen Tsunami in der Lagune sorgt. Dieser Kanal für die Erdöltanker war es, der zur verheerenden Erosiondes zentralen Teils der Lagune geführt hat – weshalb er als „Killer“ der Lagune gilt.

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Suez
Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem „Unfall“ wie zu dem im Suezkanal kommen könnte, ist angesichts der immer größer werdenden Containerschiffe und immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffe übrigens sehr, sehr hoch, wie ich seit dem Interview mit einem Physiker weiß. Der Kanal für die Erdöltanker ist jetzt schon zu klein – würde er weiter ausgegraben, wäre es das – sofortige – Ende der venezianischen Lagune. 

 

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Die Unesco
hat sich aber nicht darauf beschränkt, die Kreuzfahrtschiffe zu kritisieren. Sie äußert sich besorgt über die „geballten Auswirkungen durch die großen Touristenströme, den Bevölkerungsrückgang und die Lücken im Management.“ Im Grunde genau das, was ich in meinem Buch beschrieben habe (und wogegen wir venezianische Bürger hier seit Jahrzehnten kämpfen).

Sie monieren auch die Zerstörung des fragilen Ökosystems, fordern den allmählichen Abbau umweltschädlicher Industrie von Marghera, die Sanierung des belasteten Bodens, kurz: einen Strukturwandel für Marghera, die Fertigstellung des Flutsperrwerks Mose und die Prüfung dessen Auswirkungen auf die Umwelt.

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Autonomie
„Und Venedig braucht ein Spezialstatut (und eine administrative Autonomie vom alles verschlingenden Festland), das energische Maßnahmen erlaubt, um den kulturellen Genozid zu stoppen, der Venedig ohne weitere Einwohner, zu einer Ex-Stadt macht“ – schreibt Italia Nostra. „Kultureller Genozid“ ist genau das, was hier in Venedig geschieht.

Diese Autonomie haben wir mit unserem Referendum 2019 gefordert – bei dem sich 66,11 der Bewohner (Venedigs und des Festlands)  FÜR die Autonomie Venedigs gestimmt haben. (Wobei es natürlich an sich schon verrückt ist, auch das Festland mitstimmen zu lassen – ungefähr so, als würde England über die Unabhängigkeit Schottlands abstimmen). 

Und natürlich ignoriert die Lega-Regionalregierung das Ergebnis des Referendums. Aber nicht nur die Lega, sondern auch die italienische Regierung und sogar die EU, an die wir uns bereits hilfesuchend gewendet haben – ohne eine Antwort zu erhalten. 

Wie es ausgeht?
Es zwei Möglichkeiten: Entweder macht die Unesco (aufgrund des Drucks der italienischen Regierung) einen Rückzieher und verliert ihr Gesicht. Oder die italienische Regierung verteidigt weiterhin das Geschäft mit der Kreuzfahrtindustrie und dem Ausverkauf von Venedig und verliert ihr Gesicht, weil klar wird, dass nicht die Interessen des Landes Vorrang haben, sondern die der Lobbys.

Was mich im Übrigen nicht wundern würde. Denn in der Vergangenheit hat die Unesco keine gute Figur gemacht. 



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