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PETRA RESKI

Am 1. Dezember stimmt das vom Hochwasser geplagte Venedig in einem Referendum über seine Unabhängigkeit ab. Die herrschende Politik will die Zwangsgemeinschaft mit dem Festland beibehalten – auch wenn das den Untergang der Lagunenstadt bedeutet

AUS VENEDIG PETRA RESKI

In dem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, höre ich wieder die Hochwasser­sirene gellen. Venedig befindet sich im permanenten Ausnahmezustand, apokalyptisch überflutet, verschandelt zum Erlebnispark, zertrampelt von 33 Millionen Touristen jährlich. Diese Stadt, die zur Geldmaschine erklärt wurde, wird seit Jahrzehnten von den Predigern eines touristischen Fundamentalismus regiert, deren Glaubensbekenntnis sich in den Worten „Venezianer raus, Touristen rein“ zusammenfassen lässt. An die Wände der Gassen gepresst versuchen die verbliebenen 52.000 Venezianer, sich permesso, permesso (pardon, pardon) murmelnd durch die Reisegruppen einen Weg zum letzten verbliebenen Gemüsehändler zu bahnen.

Aber weil all das noch nicht ausreichte, um Venedig vollständig zu Tode zu bringen, bedurfte es noch eines Megaprojekts wie der Hochwasserschleuse „Mose“, das schon überholt war, als es geplant wurde. Eine Schleuse, die nicht weniger, sondern mehr Hochwasser in die Stadt brachte: größter Korruptionsskandal der Nachkriegszeit, ein Monument der Gier, das 7 Milliarden Euro im Meer und in den Taschen einer politischen Klasse versenkte – und an dem unbeirrbar weitergebaut wird.

Venedig zeigte also alle Symptome eines Herzstillstands, als der Stadt Ende September plötzlich ein Defibrillator auf die Brust gesetzt wurde: Seitdem wir wissen, dass wir am 1. Dezember über die Autonomie vom Festland abstimmen werden, fühlen wir uns wie elektrisiert. Endlich haben wir wieder Hoffnung. Noch nie habe ich die Venezia­ner so enthusiastisch, so engagiert, so leidenschaftlich erlebt wie in diesen Wochen der Referendumskampagne. Diskussionsveranstaltungen verwandeln sich in Volksversammlungen, das Theater Goldoni wurde überrannt; wer keinen Platz mehr fand, verfolgte die per Lautsprecher übertragene Diskussion in der Gasse, auch das Hochwasser konnte die Venezianer nicht abschrecken: Es wurde geklatscht, gepfiffen und getobt, dass man das Gefühl hatte, in der Fankurve des Venezia FC zu sitzen.

Nur die wenigsten wissen, dass Venedig über keine eigene Stadtverwaltung verfügt, sondern mit dem Festland zwangsverheiratet wurde. 52.000 Einwohner hat Venedig noch, einschließlich aller anderen Inselbewohner leben 79 .00 Menschen auf dem Wasser, 180.000 hingegen auf dem Festland. Wenn der Bürgermeister von Venedig gewählt wird, wählen ihn nicht die Venezianer, sondern die Festlandsbewohner, die in Mestre, Marghera, Favaro, Campalto, Chirignago-Zela­rino wohnen. Damit ist er nicht nur Bürgermeister von Venedig, sondern auch von der Metropolitanstadt Venedig, der ehemaligen Provinz Venedig: sindaco metropolitano, was immer etwas an die orthodoxen Metropoliten erinnert, die mit dem Rücken zur Gemeinde predigen. Auf dem Festland der sogenannten Metropolitanstadt leben sechzehnmal so viel Menschen wie in Venedig, die diesen Metropoliten schon aus dem Grunde anbeten, weil er alles dafür tut, dass der Tagestourismus Venedig auch weiterhin ungehindert überfluten kann.

Wie ein Unternehmen

Es ist das fünfte Mal, dass Venedig mit einem Referendum versucht, dem Festland zu entkommen, abstimmen können alle 206 553 stimmberechtigten Einwohner des Großraums Venedig.

Die Zwangsehe Venedigs mit dem Festland ist übrigens ein Überbleibsel des Faschismus: Das 1926 unter Mussolini geschaffene Großvenedig wurde von einer Gruppe geschäftstüchtiger Industriebarone entwickelt, die Venedig mit der Industriestadt Marghera und der Arbeitersiedlung Mestre zwangsvereinigten. Marghera war mit seinem Industriehafen vor allem für Venedigs Müll gedacht, was nach dem Bau der Petrochemieanlage in den 1960er Jahren dazu führte, dass hier hochtoxische Stoffe auf Müllhalden abgeladen und in die Lagune geleitet wurden. Zur Zeit von Mussolini lebten auf dem Festland nur 40.000 Einwohner, in Venedig hingegen fast 200.000. Heute hat sich das Verhältnis nahezu umgekehrt. Mestre erinnert mit seinen Hotelsilos an einen Vorort aus Sowjetzeiten, der aus Versehen hier fallen gelassen wurde. Obwohl drittgrößte Stadt des Veneto, entbehrt Mestre jeder urbanen Identität und kann sich lediglich des Primats rühmen, die Stadt mit den meisten Drogentoten und Einkaufszentren zu sein.

Seit seinem Entstehen wird das bizarre „Großvenedig“ von allen Bürgermeistern verteidigt, wobei sich die jahrzehntelang regierende Linke sogar dazu verstieg, den Großraum Venedig zur „Utopie“ und zur „bipolaren Stadt“ zu erklären – ein Krankheitsbild, unter dem Venedig bis heute leidet. Denn ohne die Zwangsehe mit Venedig würden auch all die Gelder des Spezialgesetzes versiegen, die das Regieren auf dem Festland so leicht machen: Gelder, die für Venedigs Erhalt gedacht sind und in Mestre enden. Der parteilose Bürgermeister und Unternehmer Luigi Brugnaro hat während seines Wahlkampfes genau dieses Referendum versprochen – ein Versprechen, das er, einmal gewählt, sofort gebrochen hat. Brugnaro trieb den Ausverkauf Venedigs in schwindelerregender Geschwindigkeit voran, wodurch er selbst seine geschäftstüchtigen Vorgänger übertraf.

Brugnaro ist ein politisches Chamäleon, das twittert wie Trump, schnell ausfällig wird undInteressenkonflikte wie Berlusconi hat. Venedig ist für ihn nichts anderes als ein Unternehmen, aus dem es gilt so viel Geld wie möglich herauszupressen. In Venedig zeigt der sich als „Festlandsvenezianer“ bezeichnende Bürgermeister – von Venedig aus betrachtet so etwas wie ein rundes Quadrat oder trockenes Wasser – sich nur, wenn es gilt, vor den Fernsehkameras der Welt zu paradieren. Er wohnt nicht in Venedig, auch nicht in der sogenannten Metropolstadt, sondern in der Provinz Treviso. Dass ein Landei, un campagnolo,Venedig regiert, empfinden die Venezianer als Erniedrigung.

Wären Venedig und Mestre autonome Gemeinden, könnten die Wähler ihre Politiker besser kontrollieren

Warum zum Teufel wird aber an dieser Zwangsehe festgehalten? Es ist offensichtlich: Wären Venedig und Mestre autonome Gemeinden, könnten die Wähler ihre Politiker besser kontrollieren. Venedig könnte bei der Europäischen Union einen Spezialstatus beantragen, der der Stadt aufgrund der Insellage zustünde, nicht aber, wenn es zusammen mit dem Festland regiert wird. Mestre würde weniger Steuern bezahlen, könnte ein eigenes Wirtschaftskonzept entwickeln und Gelder bei der Region Veneto beantragen, die ihm als Anhängsel Venedigs nicht zustehen.

Nachdem der Staatsrat Ende September grünes Licht für die Volksabstimmung gab, riefen Massimo Cacciari, der von den Medien stets gehätschelte „Philosophenbürgermeister“ und Initiator des Ausverkaufs Venedigs, seine beiden Amtsnachfolger und Bürgermeister Brugnaro unisono die Bürger dazu auf, sich ihrer Stimme zu enthalten. So verstand auch die frömmste Seele, dass sich hinter der Zwangsehe handfeste Interessen verbergen. Zuletzt rief sogar die rechtsextreme Gruppe „Veneto nazionale“ zur Enthaltung auf, womit klar ist, dass dieses überparteiliche Referendum weder Linken noch Rechten passt.

Vorangetrieben wurde das Referendum dank eines juristischen Kampfs beharrlicher venezianischer Bürger und Bürgerinitiativen, die seit Jahrzehnten für den Erhalt ihrer Stadt kämpfen. Für das „No“ zu der Autonomie von Venedig und Mestre werben Parteien wie PD und Rifondazione comunista, das „Sì“ wird von einem breiten überparteilichen Bündnis aus Schriftstellern, Intellektuellen, Künstlern, dem Kulturschutzbund Italia Nostra, dem Handwerksverband und von 5-Sterne-Gründer Beppe Grillo unterstützt – während sich die Bewegung selbst für ein Ja zur Trennung spät und eher lau positioniert hat.

Egal, wie dieses Referendum ausgehen wird, der Geist ist aus der Flasche. Deswegen wohl schickte Bürgermeister Brugnaro Gemeindepolizisten in Mannschaftsstärke los, um die Banner mit dem „Sì“ zu entfernen, die inzwischen selbst am Canal Grande von den Fenstern der Palazzi hängen. Daraufhin hängten die Venezianer weiße Bettlaken raus.
Mit „Sì“.

Der Originalartikel erschien in der TAZ vom 29. November 2019

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