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PETRA RESKI

Absperrgitter am Markusplatz

Okay, ich kann gut verstehen, dass es ein Schock ist, wenn man tausend Euro für zwei Wochen Mittelmeer-Kreuzfahrt (inklusive Flug und Vollpension) bezahlt hat und dann erfahren muss, dass einem in Venedig drei Euro Eintrittsgeld abgeknöpft werden sollen. Aber da müssen Sie jetzt durch.

Allen anderen Venedig-Besuchern kann ich versprechen, dass es wahrscheinlich ohnehin an dem in Italien eher gering ausgeprägten Organisationseifer scheitern wird. Italiener sind ja bekanntlich seit der Spätantike unangefochtene Meister der byzantinischen Bürokratie, weshalb die Liste der Ausnahmen länger ist als die der Regeln.

Wer im Großraum Venedig übernachtet, muss nichts bezahlen, weil er ja schon eine Kurtaxe bezahlt. Die Bewohner des Veneto müssen auch nichts bezahlen (auf diesen Schachzug ist Bürgermeister Brugnaro ganz besonders stolz, der ja nicht in Venedig wohnt, sondern in Mogliano Veneto, in der Provinz Treviso). Fußballfans, die dem FC Venedig weiter beim Abstieg zusehen möchten, müssen auch nicht zahlen, genauso wenig wie jemand, der sich einer psychiatrischen Behandlung in Venedig unterzieht (kein Witz!), oder wer zu einer Beerdigung eines Familienangehörigen ersten Grades fährt oder einen Familienangehörigen ersten bis dritten Grades im Gefängnis in Venedig besucht. Und wer an der Adria Urlaub macht, muss nur die Hälfte bezahlen, vielleicht demnächst sogar gar nichts, da wird noch verhandelt.

Wie das Eintrittsgeld letztlich kassiert werden soll, weiß auch noch keiner. Ich stelle mir jetzt schon vor, wie eine Heer von Gemeindepolizisten am Bahnhof Santa Lucia die Ankommenden kontrolliert, während eine weitere Truppe die Feindlage an der Ponte della Calatrava eruiert und sich den Schlaumeiern in den Weg wirft, die glaubten, zu Fuß und damit Venedig umsonst betreten zu können. Und wer in Venedig seinen Wohnsitz hat, wird das Buchungssystem von trenitalia sprengen, weil er vergeblich versuchen wird, seinen gescannten Personalausweis hochzuladen, der ihn vom Eintrittsgeld für seine eigene Stadt befreit.

Bürgermeister Brugnaro platzt vor Stolz und twittert im Minutentakt, dass ganz Europa von ihm wissen will, wie man in Venedig dieses Husarenstück hingekriegt hat. Also vor der Welt als derjenige dazustehen, der sich todesmutig den Brechern des Massentourismus entgegenwirft – ohne die Interessen des Massentourismus zu berühren.

“Im Grunde ist es ganz einfach”, wird er – natürlich ganz im Vertrauen – sagen: “Erstens mal läuft Airbnb  weiter, also steuererleichtert und ohne jeden bürokratischen Aufwand. Das Geschäft mit den Ausflugsschiffen von der Adriaküste auch. Und die Kreuzfahrtgesellschaften haben sich schlappgelacht über die drei Euro. Die Ausflugsgruppen, die am Wochenende aus dem Veneto anreisen, sind ja auch befreit, und an ein paar Stellen in Venedig habe ich so eine Art Papierkörbe aufstellen lassen, unter denen sich schlichte Gemüter mit etwas Fantasie Absperrgitter vorstellen können. Wichtig ist natürlich, dass man das Ganze ordentlich propagiert. Twitter, Facebook, Instagram – das volle Programm. Damit am Ende auch der Leser des Schwarzwälder Boten an diesen Quatsch glaubt. Ansonsten geht das Geschäft weiter. Kommen Sie doch mal vorbei! Sie haben Probleme mit den letzten renitenten Bewohnern Ihrer Stadt? Dann sind Sie bei uns richtig! Wir haben hier jede Menge Spezialisten und eine jahrzehntelange Erfahrung mit der Beseitigung  der letzten Spuren des normalen Lebens.”

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