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PETRA RESKI

Wenn ich an sie denke, sehe ich sie immer in einem venezianischen Fischerboot sitzen, im Abendlicht in der Lagune, mit einer supercoolen Sonnenbrille auf der Nase. So eine Sonnenbrille für Außerirdische, wie sie nur Frauen tragen können, die von einem anderen Stern kommen. So wie Greta Garbo, die in Ninotschka einen Lachkrampf kriegt. Oder wie Marlene Dietrich, die Hühnersuppe kocht. So eine Frau war Petra.

Sie war schön und lustig, schnoddrige Berlinerin durch und durch, und das blieb sie auch nach vielen Jahren in Venedig. Sie war meine einzige deutsche Freundin hier, wir lernten uns an einem Nachmittag bei Gaston Salvatore kennen, da lebten wir beide erst seit wenigen Jahren in Venedig. Ich weiß noch, dass sie schwarz trug, so ein Punk-Schwarz, die blonden Haare streng nach hinten gekämmt und dazu Springerstiefel mit Nieten, ein Look, der mich sofort für sie einnahm. Genau wie ihr Lachen. Dieses Ninotschka-Lachen.

Petra war venezianische Lagune und Prenzlauer Berg zugleich, allerdings nicht dieser gentrifizierte Prenzlberg von heute, voller Lofts und Latte macchiato, sondern der Prenzlberg, der noch nach Braunkohle und den Abgasen der Zweitakter roch. Petra war kurz vor dem Mauerfall von Berlin nach Venedig gezogen – zusammen mit ihrem venezianischen Mann, dem Bühnenbildner und Regisseur Ezio Toffolutti. Für mich war Theater damals ein Ort, wo man erzogen werden soll, ein Ort, wo Wuppertaler Zahnarztgattinnen andere Theaterabonnenten mit Häkelkäppchen auf dem Kopf zu schockieren versuchten. Dank Petra verstand ich, dass Theater Freiheit und Wildheit und Lebenswahrheit sein kann.

Theater war für sie das Leben: Sie war an der Volksbühne Berlin praktisch aufgewachsen, was zur Folge hatte, dass sie mit Monumenten wie Heiner Müller auf Du und Du und im Grunde mit der gesamten Garde des deutschen Theaterlebens befreundet war, mit Katharina Thalbach und Otto Sander, mit Dimiter Gotscheff und mit Benno Besson, mit dem ihr Mann zehn Jahre lang an der Volksbühne inszeniert hatte. Und später in Venedig natürlich auch mit Ulrich Tukur und seiner Frau Katharina John.

In Venedig arbeitete Petra als Übersetzerin – nicht zuletzt von Stücken von Carlo Goldoni und Carlo Gozzi. Kette rauchen und Alexandriner übersetzen, das war Petra. Vielleicht hat sie auch gar nicht Kette geraucht, aber egal. Auf jeden Fall hat sie Gozzis märchenhafte Tragödie Zobeïde ins Deutsche übertragen und als Dramaturgin dafür gesorgt, dass Gozzi wieder in seine Geburtsstadt Venedig zurückkehren konnte: Nicht nur ins venezianische Theater Malibran, das mit Gozzis „Liebe zu den drei Orangen“ nach jahrzehntelanger Schließung wieder eröffnet wurde (Benno Besson führte mit dem Co-Regisseur und Bühnenbildner Ezio Toffolutti die gleichnamige Oper von Prokofjew auf), sondern auch in das Teatro Verde auf San Giorgio, wo Besson und Toffolutti die „Liebe zu den drei Orangen“ als Märchenstück von Edoardo Sanguineti welt-uraufführten.

Ich erinnere mich noch daran, wie sich damals der schwarze Nachthimmel über dem Teatro Verde spannte, und wie wir lachten, als in Alexandrinern über Big Brother, die Bulimie und den Rinderwahnsinn gelästert wurde. Wir lachten, weil wir endlich mal nicht erzogen werden sollten und niemandem bei der Suche nach seinem authentischen Selbst zusehen mussten. Wir lachten über il Re Silvio, dem der Thron am Hintern festgewachsen war, ein tragbarer Herrschersitz, auf den er sich alle zwei Schritte fallen ließ, wir lachten, weil der dicke strumpfbehoste Prinz Tartaglia an Melancholie und Verstopfung litt und weil die Bühne zu Beginn des ersten Akts mit Müll bedeckt war wie der Markusplatz am frühen Abend.

Daran habe ich gedacht, als ich neulich am Teatro Verde vorbeigefahren bin, und sich der Nachthimmel über uns spannte und ein Fisch in unser Boot gesprungen ist. Am liebsten hätte ich Petra danach angerufen, und ihr davon erzählt, und wir hätten beide gelacht.

Aber dann fiel mir ein, dass ich sie nicht mehr anrufen kann. Weil meine Freundin Petra am 8. August gestorben ist.

 

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