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PETRA RESKI

KRITISCHE MASSE
Städte wie Venedig, Barcelona oder Dubrovnik halten dem Ansturm durch Touristen kaum noch stand – normale Einwohner und traditionelle Läden werden verdrängt, Wohnraum ist unbezahlbar geworden. Der Ausverkauf europäischer Kulturgüter stößt inzwischen auf massiven Widerstand bei den Bürgern

Von PETRA RESKI

Wo ist denn hier das Klo?“, fragte mich vor kurzem ein Franzose auf dem Campo Sant’Angelo. In der Hand trug er eine Mineralwasserflasche, die zur Grundausrüstung eines jeden Venedig- Besuchers zählt. Er fragte mich mit der Selbstverständlichkeit, mit der man sich an eine Angestellte von Phantasialand wendet. Man kann es ihm nicht verübeln. Venedig ist keine Stadt mehr, sondern ein Erlebnispark, besucht von jährlich 33 Millionen Touristen, bespielt von etwas mehr als 53 000 Einwohnern. Das Klo? Gleich da hinter dem Spaßkanal mit den Gondeln, in denen man zu „Ciao Venezia“ kreischt, um die Ecke die chinesischen Ein-Euro-Läden mit den Wackelgondeln und die Pasta-to-go-Läden.

Wäre ich gläubig, würde ich sagen, dass Venedig auf seinem Passionsweg gerade an der Station der Kreuzigung festhängt. Neben Venedig hängen auch Barcelona und Sevilla, Rom, Florenz und Neapel, Dubrovnik und Korfu, Rhodos und Zypern am Kreuz und ächzen unter der Geißel des Massentourismus. Auf Auferstehung hoffen alle. Bislang vergeblich.

Von amtlicher Seite wurde im fernen Jahr 1988 eine akademische Studie erstellt, die in Venedig 7,5 Millionen Touristen pro Jahr als optimal und zwölf Millionen als Höchstgrenze des Tragbaren definierte – zu den Autoren gehörte kein Geringerer als Paolo Costa, einer der späteren Bürgermeister Venedigs. Kaum im Amt, wandelte auch er sich zum Prediger des touristischen Fundamentalismus. Nach Ende seiner Amtszeit wurde Costa Chef der privaten Hafengesellschaft – wo er den Kreuzfahrttourismus als Heilsbringer pries.

DAS POLITISCHE PROGRAMM der venezianischen Bürgermeister der vergangenen 30 Jahre lautet: „Venezianer raus, Touristen rein“. Die Tourismusexperten der Welt sprechen vom „Venice model“, wenn sie ein Beispiel dafür suchen, wie der Massentourismus eine Stadt zerstört. Folgerichtig sagte die Bürgermeisterin von Barcelona, dass ihre Stadt „nicht wie Venedig enden sollte“, wofür sie vom venezianischen Bürgermeister Luigi Brugnaro heftig attackiert wurde.
Tourismus ist die Industrie unserer Tage – bis zum Kollaps. In ganz Südeuropa verstopfen Menschenmassen die Gassen, verdrängt Airbnb die normalen Mieter, ersetzt Touristentrash die Läden des täglichen Bedarfs, werden täglich neue Hotels gebaut und Take-aways eröffnet, verpesten Kreuzfahrtschiffe die Luft, werden öffentliche Güter verhökert. In Barcelona werden pro Jahr 60 Millionen Euro für Tourismus-Marketing ausgegeben – aber nur 1,5 Millionen für Tourismusmanagement. Der Unternehmer Brugnaro regiert Venedig seit 2015 – mit Tweets wie Trump und Interessenkonflikten wie Berlusconi. Wie seine Vorgänger auch, hängt er dem fundamentalistischen Glauben an den Massentourismus wie ein Gotteskrieger an: Wer nicht daran glaubt, wird geköpft.

Begonnen hat in Venedig alles mit einem Hosianna: Gelobt sei, der da kommt – diesen Jubelruf stießen die Medien aus, als der „Philosophenbürgermeister“ Massimo Cacciari im Jahr 1995 die Weichen für Venedigs Zukunft stellte und ein Manifest verfasste, in dem er Investoren garantierte, ihnen für ihre Projekte alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen: „Privatizzare Venezia!“ Es war nicht zufällig das Jahr, als die EU gerade den Welthandelsvertrag unterschrieben hatte und die Globalisierung vor der Tür stand. Dann kam der Stabilitätspakt. Seitdem steht hier alles zum Verkauf, weshalb das venezianische Rathaus heute „Ca’ Farsetti Real Estate“ genannt wird, weil nichts reicher macht als der Federstrich eines venezianischen Bürgermeisters. Kaum hat er seine Unterschrift unter die veränderten Nutzungsbestimmungen eines Gebäudes gesetzt, explodiert der Gewinn: So konnte der Renaissancepalast der deutschen Handelsniederlassung an die Benetton- Gruppe verkauft und in ein Luxuskaufhaus für reiche Chinesen verwandelt werden. Pächter ist der chinesische Multi DSF, der chinesische Ableger der Luxusholding Moët Hennessy – Louis Vuitton, für den Venedig die erste Etappe seiner europäischen Expansionsstrategie darstellt. Benetton verpachtete ihnen das Gebäude für 110 Millionen Euro: Das Doppelte der Summe, die Benetton ausgegeben hat, um das Gebäude zu kaufen.

Das Hosianna stellte sich für Venedig als Verurteilung durch Pontius Pilatus dar: Die Stadt wurde zum Vorreiter beim Ausverkauf Italiens. Hier lässt sich auf kleinstem Raum beobachten, was passiert, wenn das Haushaltsdefizit als Vorwand dafür herhalten muss, Kulturschätze zu verhökern: Mehr als 100 staatseigene Palazzi, in denen sich Ämter und Verwaltungen befanden, wurden verkauft und in Hotels, Kaufhäuser oder Hardrock Cafés verhext. Wie der Kulturkritiker Salvatore Settis erklärt, wurde der Ausverkauf der italienischen Kulturgüter dadurch erleichtert, dass die Verantwortung für den Erhalt der Kulturschätze auf die Regionen abgewälzt wurde: Es begann ein gigantisches Hütchenspiel zwischen 9000 Gemeinden, 20 Regionen und 92 Provinzen, heute „Metropolräume“ genannt – ein Hütchenspiel, bei dem niemand mehr weiß, was, warum und für welchen Preis verkauft wurde. „Der Staat wurde systematisch demontiert – um sich die Beute am Ende ungestört zu teilen“, sagt Settis.

MIT DER BEGRÜNDUNG, den Stabilitätspakt einhalten zu müssen, werden nicht nur Italiens Kulturgüter, sondern auch die Infrastruktur des Landes verkauft. Was allen gehörte, endete in den Händen weniger: In Venedig sind auch der Flughafen, der Bahnhof und der Hafen in privater Hand. Der Hafen gehört der Aktiengesellschaft VTP, Venice Terminal Passeggeri, dessen Mehrheitseigner die Kreuzfahrtgesellschaften sind. Von ihnen nachhaltigen, umweltfreundlichen Tourismus zu erhoffen, ist, als würde man vom „Islamischen Staat“ einen Friedensmarsch erwarten.

Allein in den zurückliegenden 20 Jahren hat Venedig mehr als 20 000 Einwohner verloren. Kein Problem für die Verantwortlichen: „Ist Entvölkerung nicht das Schicksal aller historischen Zentren der Welt, Rom, Mailand, Paris?“, fragte der venezianische Bürgermeister Massimo Cacciari am Ende seiner zweiten Amtszeit. Obwohl Rom, Mailand und Paris bis zum Beweis des Gegenteils nicht im Wasser liegen und Venedig so wenig „historisches Zentrum“ ist wie die Venus von Milo eine Schaufensterpuppe, bemühen sich auch Cacciaris Nachfolger weiter erfolgreich darum, die letzten Venezianer zu vertreiben.

Lediglich Bürgerinitiativen vertreten die Interessen der verbliebenen Venezianer. Sie haben Venedig mit einem Trauerzug zu Grabe getragen, ließen in der Oper Papierflieger mit „Schluss mit Hotels, wir wollen Wohnungen“ auf das Publikum der Fenice herabsegeln und führen spektakuläre Seeschlachten gegen die Kreuzfahrtschiffe. Als die Insel Poveglia wie viele Inseln der Lagune zum Spekulationsobjekt wurde und der Unternehmer und Investor Luigi Brugnaro sie für den Wert einer Dreizimmerwohnung in San Marco kaufen wollte, warf sich die Widerstandszelle „Poveglia für alle“ in den Weg, die in der Insel ein Zukunftsprojekt venezianischer Bürger sieht. Sie schaffte es mit einer Crowdfunding-Aktion, eine halbe Million Euro aufzutreiben und den Verkauf an Brugnaro zu verhindern. Zumindest vorerst. Im Herbst dieses Jahres kommt es zu einer neuen Ausschreibung.

ALS WIRKSAMSTES VERNICHTUNGSMITTEL hat sich Airbnb erwiesen, nicht mal das Hochwasser von 1966 spülte so viele Venezianer aus der Stadt. Nicht zufällig wurde Airbnb im Jahr der Finanzkrise 2008 gegründet, als viele Familien in Südeuropa zu diesem Strohhalm griffen. Heute zahlen die Städte dafür die Rechnung, weil es dank Airbnb kaum mehr bezahlbaren Wohnraum gibt. Manche Städte versuchen, das Ruder wieder herumzureißen: In Barcelona gibt es 22 Fulltime- Inspektoren für Airbnb und mehr als 40, die nach Bedarf eingesetzt werden können. In Palma de Mallorca ist Airbnb verboten. In Venedig aber herrscht noch ungebrochener Wildwuchs. Ein formloser Antrag reicht.

Wegen des unkontrollierten Andrangs kommt es an jedem Feiertag in den venezianischen Gassen und an den Anlegern der Vaporetti zu apokalyptischen Szenen: Als am Ostermontag 200 000 Tagestouristen die Stadt überrannten (fast das Vierfache der Einwohnerzahl) und allein am Ostersonntag 30 Tonnen Müll hinterließen, twitterte Bürgermeister Brugnaro von seiner Villa auf dem Festland über die Erfolge seines Basketballvereins Reyer. Und rang sich erst Tage später ein „Wir können Venedig ja schließlich nicht blockieren. Auch wegen der europäischen Normen“ ab. Am 1. Mai sollte der Zugang zu Venedig beschränkt werden; ein paar Gemeindepolizisten standen hinter Absperrungen, um die Touristenströme „umzuleiten“: ein Unterfangen, so aussichtsreich wie der Versuch, Wasser bergauf zu drücken.

Venedigs Kreuzigung lässt sich an jedem beliebigen Tag beobachten, der Ausnahmezustand ist hier Normalität. Während ich diese Zeilen schreibe, an einem ganz normalen Mittwoch um 15.45 Uhr, stehen den verbliebenen 53 835 Venezianern 62 683 Touristen gegenüber, die per Bahn, Flugzeug, Schiff, Auto oder Reisebus in die Stadt eingefallen sind. Und das, obwohl im Hafen nur ein einziges Kreuzfahrtschiff liegt, die Queen Victoria, mit ihren 2000 Passagieren ein Kreuzschiffzwerg. Im Hochsommer gibt es Tage, an denen 30 000 Kreuzfahrttouristen nach dem geeigneten Instagram- Hintergrund zwischen Rialtobrücke und Markusplatz suchen.

All das lässt sich im Venice Dashboard ablesen, einem Online-Kontrollzentrum, das von dem Venezianer Fabio Carrera entwickelt wurde und Venedigs Zahlen in Echtzeit erfasst – von den Kreuzfahrtschiffen über die Tagestouristen bis zu den Beschwerden, die bei der Stadtverwaltung eingegangen sind. Ein Klick und man erfährt, wie viele Hotelzimmer ausgebucht und wie viele der 11 000 (offiziellen) Airbnb-Unterkünfte belegt sind.

WENN SIE JETZT DENKEN, dass dieses Online-Kontrollzentrum von der Stadt Venedig betrieben wird, wo eine ganze Abteilung von Spezialisten über diesen Daten wacht, Spezialisten, die vorausschauend planen, ja sogar eingreifen, um die täglich anrollende Menschenmasse zu bewältigen, haben Sie sich geirrt. Fabio Carrera lehrt in Boston an der Eliteuniversität MIT Informatik und hat das Venice Dashboard mit seinen Studenten entwickelt. Nur zum Spaß und aus Interesse.

In Venedig ist eine einzige Stadträtin für Tourismus zuständig, eine jovial wirkende Dame, die nur in Erscheinung tritt, wenn es um Marketing geht, etwa in China um weitere chinesische Touristen und Investoren zu werben. Schließlich hat die Europäische Kommission für 2018 das „Jahr des Tourismus Europa – China“ ausgerufen. Zahlen sind von ihr nicht zu erwarten, jedenfalls keine echten. Amtliche Zahlen sind in Venedig Propaganda: Jeder hier weiß, dass 90 Prozent der Besucher Venedigs Tagestouristen sind, die der Stadt den größten Schaden zufügen: Touristen, die in Venedig weder essen noch trinken und auch nicht schlafen, sondern lediglich Müll hinterlassen. Um Besucher nicht abzuschrecken, die sich in Venedig länger aufhalten wollen, bemühen sich Statistiker darum, die Zahl der Tagestouristen kleinzurechnen, indem sie kurzerhand alle zu „Venedig-Touristen“ erklären, die im Großraum Venedig in Jesolo, Bibione, San Donà del Piave oder auf den Kreuzfahrtschiffen übernachten.
Derselbe Venezianer, der das Dashboard entwickelte, hat vor Jahren auch berechnet, wie der Verkehr von Lastkähnen um 80 Prozent gesenkt werden könnte. Ihre Abgase sind das größte Problem für Venedigs Luft, weil sie 100 Mal mehr giftige Schwefelsäure enthalten als die von Autos. Er schlug vor, die zu liefernden Waren pro Stadtviertel zusammenzufassen, damit die Lieferanten nicht kreuz und quer durch die Stadt fahren müssten. Aber weil sich der damalige Bürgermeister von Venedig, Paolo Costa, zu diesem Zeitpunkt bereits zum extra besoldeten „Kommissar für die Bekämpfung des Wellenschlags“ befördert hatte und über umfangreiche Gelder verfügte, beauftragte er nicht etwa den klugen Venezianer mit dem Projekt, sondern eine deutsche Transportgesellschaft. Prototypen spezieller Lastkähne und Container wurden entwickelt, ein großes Gebäude auf der Insel Tronchetto gekauft, in dem ein riesiges Logistikzentrum entstehen sollte – bis alles auf Eis gelegt wurde: Das Ufer zum Beladen der Lastkähne ist zwei Meter zu hoch, und die einflussreiche Lobby der Lastkahnbetreiber war nicht bereit, sich zu einer Kooperative zusammenzuschließen.

Die Städte werden nicht länger als Lebensraum, sondern als Geldmaschinen betrachtet, sagt der Soziologe Giovanni Semi. In seinem Buch „Gentrification – alle Städte wie Disneyland?“ fordert er dazu auf, nicht zu resignieren, sondern sich zusammenzuschließen. In Venedig waren es Bürgerinitiativen wie „Poveglia für alle“, die klargemacht haben, dass der Niedergang der Stadt ein Sinnbild für den Umgang mit öffentlichen Gütern in ganz Südeuropa ist – der nicht zuletzt dem Stabilitätspakt geschuldet ist. In Spanien haben Bürgerinitiativen von zwölf Städten SET gegründet, ein Aktionsbündnis gegen die „Touristifikation Südeuropas“, denen sich Aktivisten aus Lissabon und Venedig angeschlossen haben.

Ihnen allen geht es nicht nur um eine bessere Organisation des Massentourismus, sondern auch um ein eminent politisches Problem: Wie können Bürger im verschuldeten Südeuropa gegen den Ausverkauf von öffentlichen Gütern, vor allem der Kulturgüter, ihre Stimme erheben? Warum ist das Volk kein Souverän mehr? Was verbirgt sich dahinter, wenn die Verantwortung für den Erhalt der Kulturgüter auf die verarmten Kommunen abgewälzt wird?

MARCO BERSANI, Gründungsmitglied der globalisierungskritischen NGO Attac, fand ein schönes Bild, als er in Venedig vor Aktivisten sprach, die aus ganz Italien angereist waren, um eine gemeinsame Strategie gegen den Ausverkauf der italienischen Städte zu entwickeln: „Was ist der Albtraum eines jeden Wucherers? Der Tod seines Schuldners oder die Bezahlung der Schulden“, sagte Bersani. Die internationalen Finanzmärkte hätten enormes Interesse daran, dass sich an Italiens Staatsverschuldung von 132 Prozent nichts ändert: 2011 wies die Deutsche Bank in ihrem Bericht zur „Europäischen Integration“ darauf hin, dass die italienischen Kommunen mit ihren öffentlichen Gebäuden im Wert von 421 Milliarden über das größte Privatisierungspotenzial verfügten. Darunter befänden sich Gebäude im Wert von 42 Milliarden Euro, die derzeit nicht genutzt würden und ohne großen Aufwand zu einem geringen Preis verkauft werden könnten. Das öffentliche Eigentum könne sogar einen Wert von 571 Milliarden erreichen, nahezu 37 Prozent des Bruttosozialprodukts. „Natürlich kann das Potenzial noch verstärkt werden“, verhieß die Deutsche Bank ihren Kunden. Italien verkauft seinen Familienschmuck – ein Glück für die Finanzmärkte, wie immer auf der Suche nach geeigneten Anlagen. „Heute muss man keinen Krieg mehr führen, man kann ein Land auch kaufen“, sagte Marco Bersani.

Am gleichen Tag kam es in Venedig unter den Deckengemälden von Palma dem Jüngeren im Ateneo Veneto zu einem Treffen der östlichen Mittelmeerroute: Die venezianische Bürgerinitiative Gruppo 25 Aprile hatte Aktivisten aus Dubrovnik, Zypern, Rhodos, Kreta, Korfu und Santorin in die Aula Magna der Bruderschaft der Gehenkten geladen, jener Bruderschaft, die berühmt dafür war, Todgeweihte auf dem Weg zum Schafott zu begleiten. Ein passender Rahmen für ein Treffen von Orten, die alle kurz vor der Hinrichtung stehen. In Griechenland wurden nicht nur Häfen und Flughäfen verkauft, sondern auch Inseln, Heilquellen und Hotelketten, Grundstücke und historische Gebäude auf Rhodos und Korfu. Der Tourismus gilt nach wie vor als Wachstumsbranche.

In Dubrovniks Altstadt lebten 1991 noch 5000 Menschen, heute sind es etwas mehr als 1000 Einwohner. Im Umland leben 42 000 Einwohner, denen fast ebenso viele Touristenbetten gegenüberstehen: 39 000. „Wir haben unsere Freiheit dem Profit geopfert“, sagt Ljubo Nikolic, Stadtrat und Sprecher der Bürgerinitiative Srd je grad (Srd gehört uns; der Srd ist der Hausberg der Stadt). Seit es der Bürgerinitiative 2013 gelang, in den Stadtrat einzuziehen, fühlt man sich in Dubrovnik nicht mehr ganz so wehrlos.

SIE HÄTTEN VIEL VON VENEDIG GELERNT, sagt Ljubo Nikolic. Nicht nur als Spaßguerilla Dubrovnik zu Grabe zu tragen, sondern auch gegen undurchsichtige Privatisierungen kurz nach dem Bürgerkrieg zu kämpfen, gegen Mülldeponien, die das Grundwasser verseuchen, und gegen den geplanten Golfplatz, der zehn Mal größer werden soll als Dubrovnik selbst. Zum Wendepunkt kam es in Dubrovnik, als die Unesco 2015 drohte, der Stadt den Weltkulturerbe-Titel abzuerkennen, falls der Massenansturm von Kreuzfahrtschiffen und Reisebussen nicht gemindert würde. Laut Unesco liegt das Besucherlimit für Dubrovnik bei 8000 Menschen täglich, der Bürgermeister hat nun sogar den Ehrgeiz, unter dieser Zahl zu bleiben. Um das zu erreichen, wurden Kameras installiert: Werden mehr als 6000 Besucher gezählt, werden Reisegruppen abgewiesen und Ordner eingesetzt. Unangemeldet kommen dann nur noch Bewohner und Besitzer der Dubrovnik City Card rein, alle anderen müssen warten

Der Tourismus ist keine Naturgewalt, man kann ihn beeinflussen: Kreuzfahrtschiffe dürfen in Zukunft nicht mehr Station im Hafen machen, wenn das Besucherlimit in Dubrovnik gesprengt ist. Jetzt hofft man in Dubrovnik, dass sich auch andere Städte der Mittelmeerroute den Beschränkungen anschließen. Für Venedigs Bürgermeister und die Hafengesellschaft ist das Primat der Kreuzfahrtindustrie allerdings ein Dogma. In Spitzenzeiten ankern zwölf Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen. Die Unesco hat Venedig ebenfalls bereits 2016 angedroht, die Stadt von der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, falls die Kreuzfahrtschiffe nicht aus der Lagune verbannt würden. Aber schon ein Jahr später knickte sie wieder ein, als Venedig ankündigte, einen neuen Kanal zu graben und die großen Schiffe nur noch in Marghera am gegenüberliegenden Festland ankern zu lassen. Ankündigungen, die bis heute nicht umgesetzt wurden – und für die Lagune ein weiteres ökologisches Desaster gewesen wären: Weil sie für Riesenschiffe nicht tief genug ist, wurden bereits einzelne Kanäle tiefer gegraben, um den Hafen für die Petrochemieanlage von Marghera nutzen zu können; die Fahrrinne für Großtanker wurde in den sechziger Jahren ausgehoben. Ursprünglich 15 Meter tief gegraben, hat die Erosion sie bis auf 20 Meter ausgespült, an einer Stelle sogar auf 59 Meter. Dadurch gelangt bei Flut immer mehr und immer schneller Meerwasser in die Lagune – die einst 40 Zentimeter flach war und heute 2,50 Meter tief und somit praktisch zu einem Meeresarm wurde. Das Hochwasser in Venedig ist von Menschen gemacht.

Die Kreuzfahrtindustrie kostet Venedig mehr, als die Stadt daran verdient. Der venezianische Wirtschaftsprofessor Giuseppe Tattara hat das Kosten-Nutzen-Verhältnis zwischen Venedig und den Kreuzfahrtschiffen aufgeschlüsselt und konnte nachweisen, dass die Kosten der Kreuzfahrtindustrie (aufgeteilt unter den drei marktbeherrschenden Gruppen Carnival, Royal Caribbean International und Norwegian Cruise Lines/ Star Lines) für Klimaschäden, Luftverschmutzung und die Zerstörung der Meere den Verdienst bei Weitem übersteigen. Und das, obwohl die Gesundheitsschäden der Venezianer, die Schäden am ökologischen Gleichgewicht der Lagune, an den Uferbefestigungen und den Fundamenten der Paläste gar nicht berechnet wurden.
In Barcelona kam es im April zu einer Konferenz von Necs Tour, des Netzwerks europäischer Städte und Regionen, das sich für nachhaltigen Tourismus einsetzt. Dort sagte ein amerikanischer Tourismusexperte folgenden schönen Satz: „Schützt die Seele einer Stadt. Eine Stadt kann Touristen haben, aber nicht die Touristen eine Stadt.“ In der katalanischen Metropole mit ihren mehr als acht Millionen Besuchern jährlich klingt das allerdings wie ein frommer Wunsch.

PETRA RESKI ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie lebt bereits seit 1991 in Venedig.

(Veröffentlicht in Cicero 01.06.2018 Nr. 6 Seite 54-62)

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