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PETRA RESKI

Muttertag (Womit man meine Mutter wirklich glücklich machen kann)

Früher stand meine Mutter nachts auf und guckte Cassius Clay gegen Joe Frazier (Punktsieg für Clay in der 15. Runde). Wobei gesagt werden muß, daß sie Punktsiege langweilig findet und den Frazier schon damals für eine Knalltüte hielt. Sie hat keinen einzigen Henry-Maske-Kampf verpasst, wenngleich er für ihren Geschmack viel zu gentlemanlike war. Und für Axel Schulz hatte sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig, sie ließ keinen Zweifel daran, dass er für sie ein Weichei war. „Man nannte ihn ja ‘der weiche Riese’, haha“, sagt sie mit einem kleinen, verächtlichen Lächeln. „Aus dem konnte nichts werden! Der konnte machen, was er wollte! Von wegen – es reicht, groß und kräftig zu sein!“ Ganz anders war das mit Dariusz Michalczewski. Wenn Tiger Michalczewski boxte, verließ meine Mutter unter fadenscheinigen Vorwänden sogar Geburtstagsfeiern. Während meine Tanten  Erdbeerbowle tranken, goutierte meine Mutter Kopfhaken und zählte die Geraden, Clinchs und Knock-outs.

Und wenn ich sie auf die fatalen Spätfolgen des Boxkampfes hinweise – entweder wackelt man im Alter mit dem Kopf oder bringt seine Ehefrau um – sieht mich meine Mutter mitleidig an und sagt: „Ist doch nur ein Spiel!“ Mir wird schon schlecht, wenn mir ein Zehennagel herausoperiert werden soll, sage ich, warum soll ich mir dann angucken, wie einer zum Pflegefall geprügelt wird? „Ist doch schön, zu sehen, wenn einer gewinnt“, sagt meine Mutter. „Und beim Fußball machen sie sich doch auch die Knochen kaputt!“

The one and only sind für meine Mutter die Klitschkos. Heute natürlich nur noch Wladimir. Wenn er Nasenbeine in das Gehirn treibt, Unterkiefer bricht und Augenbrauen zu Brei schlägt, lächelt meine Mutter so entrückt, als sähe sie gerade einen einzigartigen Liebesfilm und sagt: Ein wunderbarer Kampf!

Deshalb war Klitschkos technisches K.O. in der elften Runde gegen Anthony Joshua neulich natürlich ein harter Schlag für meine Mutter. Am Morgen danach telefonierte sie mit einer Freundin und sagte: „Hast du den Klitschko gesehen? Ja, das ist das Alter. Auch bei ihm. Der andere war ja zwanzig Jahre jünger! Drei Mal war er am Boden, ich hätte fast einen Herzschlag gekriegt. Aber das war der selbst in Schuld, der hat viel zu lange gewartet, als der andere getaumelt ist! Der hat gewartet, und da war der andere schon wieder aufgestanden, der hat sich ja schnell wieder erholt. Wenn die angeschlagen sind, muss man das ausnutzen, der hätte so lange weiter schlagen müssen, bis der andere gefallen wäre! Daran siehst du das Alter. Auch bei einem wie ihm. Der andere hat ihm einen Kinnhaken gegeben, und dann war es aus. Aber es war ein fairer Kampf. Spannend. Sicher, als der so apathisch dastand, da tat er mir schon leid. Aber so ist das eben im Sport.”

Mütter.



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