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PETRA RESKI

Neues über den Wüterich

Und hier mal wieder etwas über den bekannten Menschenfresser Beppe Grillo, erschienen in Focus, von denen auch der Vorspann stammt: Er gilt als der Dämon der italienischen Politik, seine Bewegung als Gefahr für die EU. Wer ist dieser Beppe Grillo?

Liest man europäische Zeitungen, kriegt man Angst. Sollten die Italiener, die ihren Sonnyboy-Premier Matteo Renzi gerade nach Hause geschickt haben, sich jetzt in die Arme eines „zotteligen Wüterichs“ werfen, der nun lauthals Neuwahlen fordert? Eines „Politclowns“, der eine Bewegung anführt, die Umfragen zufolge Renzis Partito Democratico bereits überrundet hat und von der man nicht mehr erfährt, als dass sie „schwierig zu verorten“ sei?

Neulich war der „zottelige Wüterich“ in Venedig, er quetschte sich in das überfüllte Vaporetto wie alle anderen auch – die ihn sofort fotografieren und anfassen wollten, so wie man in Italien einen Buckligen anfassen will, weil das Glück bringt. Von den vorbeifahrenden Booten schrien die Leute „Ciao Beppe!“ und „Grande!“ und „Mach weiter!“, die Schaffner machten Selfies mit ihm, die Feuerwehrmänner später auf der Architekturbiennale auch – und alle erwarteten einen kleinen Witz von ihm, einen wie in jener Show 1986, als er sagte: „Wenn in China alle Sozialisten sind, wen beklauen sie dann?“ – worauf ihn der Sozialistenchef Bettino Craxi höchstpersönlich vom Bildschirm eliminierte.

Zwar war Grillo mit sämtlichen Fernsehpreisen überschüttet worden und hatte Quoten von 22 Millionen Zuschauern erreicht – doch als er sich nicht mehr damit begnügte, Sitten und Gebräuche zu verspotten, sondern über die soziale und politische Wirklichkeit Italiens herzog, war seine Karriere bei der Rai zu Ende. Grillo selbst kam erst richtig auf Touren: Er zog mit seinen „Monologen an die Menschheit“ durch die Theater Italiens, füllte die Arena von Verona und hätte als politischer Kabarettist alt werden können.
Stattdessen rief er 2009 eine Bewegung ins Leben, die gegen Feinstaub und vorbestrafte Parlamentarier gleichermaßen kämpft, gegen die Mafia und gegen die Privatisierung des Wassers. Hilfe zur Selbsthilfe, benannt „Cinque Stelle“, nach den fünf Leitsternen ihres Gründungsprogramms: Wasser, Umwelt, Transport, Internet, Entwicklung. Eine Revolution in Italien, wo sich ohne den Willen der Parteien und des Vatikans kein Blatt bewegt.

Vielen Italienern imponiert, dass Grillo sich nicht hat kleinkriegen lassen. Nicht von Craxi und nicht von Berlusconi, den er als „Psychozwerg“ verhöhnte, und von Renzi, dem selbst ernannten Verschrotter, schon gar nicht.
Die Italiener haben 50 Jahre Democrazia Cristiana hinter sich, 20 Jahre Berlusconi und 15 Jahre Wirtschaftskrise. Jahre, die der Mafia den Weg nach oben geebnet haben, Jahre, in denen die Staatsverschuldung ins Unermessliche stieg, Jahre, die man nur mit einer großen Portion Humor und Selbstironie unbeschadet überstehen kann – so wie Grillo es praktiziert hat, als er die Geheimnisse Italiens in einer Black Box in Andreottis Buckel wähnte.

Das Bruttoinlandsprodukt bewegt sich knapp auf dem Niveau von 2001, die Korruption frisst 60 Milliarden Euro im Jahr, die Steuerhinterziehung wird nur von Mexiko und der Türkei übertroffen, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 40 Prozent. Und die Wirtschaftspolitik wird von der Troika gemacht, die Italien zum Sparen mahnt. Gespart wird aber nicht an den üppigen Gehältern von Funktionären und Politikern, sondern an den Schulen, Universitäten und Krankenhäusern.
Genau in diese Wunden hat Beppe Grillo seinen Finger gelegt. Seine „Meet-ups“ haben sich über das ganze Land verbreitet. Turin und Rom werden von 5-Sterne-Bürgermeisterinnen regiert, was besonders in Rom einem Zeitenbruch gleichkam: 30 Jahre lang wurde die Stadt erst von Neofaschisten regiert, dann von der PD – vor allem aber von Mafia- Clans und Baulöwen, die sich Bürgermeisterin Virginia Raggi mit ihrer Weigerung, Rom für die Olympischen Spiele aufzustellen, zum Feind gemacht hat.
Grillo ist in Genua geboren, dem Schottland Italiens – seine Sparsamkeit ist nicht nur legendär, sondern auch programmatisch: Seine Parlamentarier beschneiden ihre Diäten selbst und stellten nach drei Jahren 17 Millionen Euro einem Fonds zur Finanzierung kleiner und mittlerer Betriebe zur Verfügung, weil sie Politik nicht als Beruf, sondern als „Zivildienst“ betrachten. Vieles erinnert an die Anfänge der Grünen: Kämpfe zwischen Fundis und Realos sind die größte Schwäche der 5-Sterne-Bewegung.

Müssen wir Angst vor Grillo haben? Er ist überzeugter Europäer, würde die EU nicht verlassen, allenfalls ein Referendum über den Verbleib in der EuroZone abhalten. Sicher ist: Vor dem nächsten September wird in Italien nicht gewählt. So will es die Regierungsmehrheit. Denn erst dann sind die Pensionsansprüche der Abgeordneten gesichert.



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