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PETRA RESKI

Filmfest II.

Wie immer ist das Schönste am Filmfest die Fahrt zum Lido. Weil es so früh ist, ist Venedig noch Venedig und kein überfüllter Freizeitpark. Man hört in den Gassen noch Venezianisch und nicht Chinesisch-Russisch-Indisch-Spinglish. Die Menschen tragen Kleider und Hosen und normale Schuhe und keine Badeanzüge oder Flipflops. Sie tun normale Dinge (einkaufen, zur Arbeit gehen, den Hund ausführen), laufen nicht wie Stellwände zu dritt eingehakt durch die Gassen und lassen sich nicht alle zwei Minuten auf den Boden fallen, um sich auszuruhen und eine Pizza aus der Pappschachtel zu verzehren.

Heute dann ein italienischer Film. Das ist meistens eine Drohung, leider. Aber wir befinden uns ja noch am Anfang des Filmfests und sind noch nicht zynisch-abgestumpft, sondern begeisterungsfähig und leicht entzündlich. Also Via Castellana Bandiera, der Wettbewerbsfilm der sizilianischen Regisseurin (Schauspielerin und Schriftstellerin) Emma Dante, die eine der Hauptrollen spielt und den Film auch geschrieben hat: Er basiert auf Emma Dantes  gleichnamigen Roman.

Der Film handelt davon, dass zwei Frauen in ihren Autos in einer engen Gasse Palermos Stoßstange an Stoßstange voreinander stehen bleiben – es geht nicht vor und nicht zurück, weil weder die eine, noch die andere nachgeben will.

Schon im Vorfeld wurde der Film in der italienischen linksdemokratischpolitischkorrekten Presse hoch gelobt, wg. Frauen, Minderheiten (zwei Frauen sind lesbisch), Sizilien (Armut+eine Prise Mafia), Palermo (Verfall+sizilianischer Dialekt=Authentizität), postmodernes Palermo (=übergewichtige Menschen, die furzen, fluchen, schmatzen).

Stellenweise sah es so aus, als ob es ganz lustig würde, aber dann wurde wieder die postmoderne (s.o.) Schraube angezogen – und ich verstehe  nicht, warum Filme, die in Palermo spielen, immer fette, halb debile Menschen zeigen müssen. Ich habe auf dem Filmfest noch nie einen Film gesehen, der auf Sizilien spielte und nicht von Ungeheuern und Unterbelichteten bevölkert gewesen wäre, erst letztes Jahr der schauerliche “E stato il figlio”.

Beim Verlassen des Kinos hörte ich, wie ein paar italienische Journalistinnen rätselten, was das Thema des Films gewesen sein könnte: Eine Herausforderung, sagte die eine (naheliegend, wenn zwei Frauen sich in ihren Autos gegenübersitzen und keine nachgeben will), und die andere meinte: postmodernes Palermo. Tja.

Auf jeden Fall eine Metapher für Italien: Es geht weder vor, noch zurück.



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