Barbari

Kürzlich habe ich die Ausstellung „Rom und die Barbaren“ im Palazzo Grassi besucht. Sie hat mich aus verschiedenen Gründen deprimiert. Vor allem, weil ich mich mit meinem germanischen Migrationshintergrund diskriminiert fühlte. Denn im Wesentlichen besteht die Ausstellung aus verrosteten Pfeilspitzen und jeder Menge sehr grober Fibeln, Tunikaschließen und  Gürtelschnallen – wenn man sie denn als solche erkennt: Die Ausstellungsmacher verstehen sich als Puristen und verdammen jede Erklärung als populistische Anbiederung. Wenn man also auf eine beliebige Vitrine blickt und nichts anderes sieht als rostige Metallstückchen oder, wenn man Glück hat, die Büste einer Germanengottheit, die den Eindruck erweckt, als hätte sie ein Kind aus Fimo geknetet – dann möchte man Türke sein oder Iraker, aber keine Person mit germanischem Migrationshintergrund. Die Römer tranken Wein aus irisierenden Kelchen und entspannten sich in den Thermen, und die Barbaren kriegten nicht mal eine Gürtelschnalle hin. Mich persönlich haben schon als Kind die Externsteine deprimiert. Als mich so eine plumpe germanische Gürtelschnalle anblickte, fiel mir glücklicherweise ein, dass ich im Grunde keine wirklich hundertprozentige Germanin bin, weil meine Mutter aus Schlesien kommt und mein Vater aus Ostpreussen, und in Ostpreussen lebten die Pruzzen, ein, wie ich den Quellen entnehme, sesshaftes, gastfreundliches und arbeitsames Volk. Es dachte nicht im Traum daran, sich an der Völkerwanderung zu beteiligen und ließ die germanischen Stämme, speziell die Goten und Vandalen, ungerührt an sich vorbeiziehen. 

Glücklicherweise kann diese niederschmetternde Ausstellung nicht von sich behaupten, erfolgreich zu sein – außer ein paar Schulklassen, die von ihren Lehrerinnen durch die Säle gepeitscht wurden, war außer mir kein einziger Besucher zu sehen. Was Segen ist und Fluch zugleich, denn wenn diese Ausstellung kein Erfolg wird, könnte Herr Pinault, der Besitzer des Palazzo Grassi, wieder auf die Idee kommen, einen weiteren Teil seiner schier unerschöpflichen und bedauerlichen Kunstsammlung auszustellen.
Wenn ich an Jeff Koons‘ Luftballonhunde denke, waren die Barbaren eine Erleichterung.  

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