Wie ich die Heimat fand

Es war November in Warschau 1988, es war grau, und es war meine erste Ostblockreportage. Ich wohnte im Hotel Victoria, eines jener Devisenhotels mit viel sozialistischem Marmor, Chrom und Kunstledersesseln. Wenn ich aus dem Fahrstuhl stieg, sah ich in die enttäuschten Gesichter der Mädchen, die auf jeder Etage auf Kundschaft warteten. Von meinem Zimmer aus konnte ich die Wachablösung beobachten, die unten am Siegesplatz am Mahnmal für den unbekannten Soldaten antrat. Nahezu täglich wurde in Polen gegen die Regierung Jaruzelski demonstriert, nur die Wachablösung blieb davon unberührt und verlief so zackig wie eine eherne Gewissheit.

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Gegenüber vom Hotel, am anderen Ende des Siegesplatzes lag Interpress, die Zweigstelle des Informationsministeriums. Für die deutschen Journalisten war Czeslaw Lisowski zuständig. Er vermittelte Interviews. Und kleine Geschäfte zwischen Ost und West. Ein geschmeidiger Herr mit Verständnis für das Unvermeidliche – und die Interessen der Journalisten, die selten mit denen seines Ministeriums übereinstimmten. Er nannte mich Pättra.

Seitdem ich in Polen war, wunderte ich mich darüber, dass mir dieses fremde Land seltsam vertraut war – obwohl ich seine Sprache nicht sprach, es nie bereist hatte, nie seine Dichter gelesen hatte. Ob es an dem Hotelportier lag? Kurz nach meiner Ankunft hatte er mir eine Nachricht überreicht, er hatte gelächelt und gesagt: Nu, Reski, hejissen Sie, ist aber doch polnischer Name! Sind Sie nicht Polin? Und ich hatte ganz schnell geantwortet: Meine Mutter kommt aus Schlesien und mein Vater kommt aus Ostpreußen, so automatisch wie als Kind, wenn mich jemand nach der Herkunft meiner Familie gefragt hatte. Einen Herzschlag lang war ich unsicher. Ob er mich nun für eine heimliche Heim-ins-Reich-Deutsche halten würde? Für eine Revanchistin, eine Unbelehrbare?

Aber der Portier sagte nicht: Sie meinen wohl das ehemalige Ostpreußen!, sondern beglückwünschte mich vielmehr zu meinen Wurzeln und grüßte mich seither ganz besonders freundlich. Freundlicher als die französischen Agenturfotografen, die amerikanischen Fernsehteams und die polnischen Geheimdienstler, mit denen ich im Hotel Victoria in einer Zwangsgemeinschaft lebte. So schien es mir wenigstens.

Wenige Tage später reisten wir nach Danzig, um dort über die Schließung der Lenin-Werft zu berichten. Wir fuhren zu fünft in einem weißen Mercedes über die Nationalstraße 77 Richtung Norden. Der Fahrer hieß Josef und sah in seinem schwarzen Ledermantel aus wie ein russischer Spion in einem amerikanischen Film. Neben mir saßen ein Pariser Fotograf, eine holländische Tageszeitungsjournalistin und die Übersetzerin Hanna. Irgendwann passierten wir ein Schild: Warmia i Mazury. Ermland und Masuren, sagte Hanna, und fügte an: Die Heimat deiner Familie, und ich weiß noch, dass mir das Wort Heimat unangenehm war.

Irgendwann machten wir eine Zigarettenpause. Wir standen im regennassen Schnee neben dem Straßengraben und einem Schild: Olsztyn 25 km. Heißt auf Deutsch: Allenstein, sagte Hanna. Mein Vater ist da geboren, sagte ich und räusperte mich. Der Pariser Fotograf deutete lachend auf die nassen Äcker um uns herum und sagte: Alors, Pettra, hier bist du also zu Hause! Ich zuckte mit den Schultern. Ostpreußen war für mich als Kind immer etwas wie ein Stern gewesen fern und ungreifbar. Ich glaubte nicht wirklich an seine Existenz. Nur beim Stadt-Land-Fluss-Spielen versuchte ich damit zu glänzen. Stadt mit A: Allenstein. Fluss mit A: die Alle. Es brachte mir zehn Punkte und den Neid meiner Mitspielerinnen ein, die lediglich auf Aachen und Alster kamen, was magere fünf Punkte wert war. Jedes Mal wurde lange darum gefeilscht, ob ich eine Stadt und einen Fluss geltend machen könnte, deren Existenz ich nicht beweisen konnte. Und jetzt stand ich neben dem Schild.

Wir rauchten vor Kälte zitternd. Wenn du willst, sagte Hanna, dann machen wir einen kleinen Umweg über Olsztyn. Vom Himmel fielen immer mehr nasse Flocken, ich nahm einen letzten Zug von meiner Zigarette, schnippte die Kippe auf das Acker hinter uns und sagte: Nein, lieber nicht. Dann stieg ich wieder in das Auto.

Während der ganzen Fahrt gab ich mir Mühe, nicht Danzig, sondern Gdansk zu sagen. Denn wenn meine Großmutter gesagt hatte: Und von Danzig aus nahmen wir das Schiff, hatte ich als Kind immer bemerkt: Aber heute heißt es Gdansk! Dies war Teil meines Kampfes gegen die Revanchisten. Lauernd wiederholte ich: Gdansk, Gdansk! Von wegen: immer schon deutsch! Meine Großmutter aber überging meine Bemerkung und erzählte weiter wie es war, als sie ihre Eltern zurücklassen musste, weil beide zu alt für die Flucht waren.

Meine Vater und meine Mutter waren erst 12 Jahre alt, als sie aus ihrer Heimat fliehen mussten. Zu jung, um von mir zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Aber bemitleiden wollte ich sie auch nicht. Die Flucht, die Flucht, immer die Flucht!, dachte ich, wenn in den Erzählungen meiner Familie mal wieder DER RUSSE kam. Die Geschichte von der Flucht gehörte zu mir wie jene schwarzgekleideten Verwandten, die Jahrzehnte später aus Polen ausreisen durften und eines Tages sehr steif und sehr fremd auf dem Sofa meiner Großmutter saßen. Und die ich im Verdacht hatte, mir mein Kaugummi, meine geflickten Jeans und meinen Cat Stevens vom Kassettenrekorder zu missgönnen.

Denn ich glaubte an den Fortschritt der Geschichte. Heimat war ein überwundenes Relikt aus der trüben Vergangenheit, und ich war froh, mit so etwas nicht geschlagen zu sein. Das Ruhrgebiet war nur ein zufälliger Fleck, auf dem meine Familie gelandet war. Ich beschloss, mich auch in der Zukunft nicht mit einer so heiklen Angelegenheit wie einer Heimat zu belasten. Was heult ihr denn jetzt, dachte ich, ihr seid doch selbst schuld, dass man euch vertrieben hat. Ich war der neue Mensch. Ich stand auf der Seite der Sieger.

Acht Jahre später fuhr ich auf derselben Straße, in umgekehrter Richtung, wieder in Begleitung von Hanna, der Übersetzerin. Wir kamen aus Danzig, wo ich ein Interview mit Lech Walesa geführt hatte, der kein Arbeiterführer mehr war und auch kein Präsident, sondern nur noch Denkmal seiner selbst, mit weißem Schnurbart. Polen hatte sich verändert. Es war nicht mehr grau, sondern bunt, ein Land voller Marsriegel und fliederfarbener Milkawerbung, voller Superdrinks, Pizzahuts und Baumärkte. Dieses Mal müsste ich es tun. In Italien, wo ich inzwischen lebte, konnte niemand verstehen, dass ich nie das Bedürfnis verspürt hatte, den Ort zu besuchen, aus dem meine Familie stammt. Für die Italiener war das so befremdlich, als hätte ich ihnen gestanden, einen Verwandten in einem anonymen Grab verscharrt zu haben.

Das Dorf, aus dem die Familie meines Vaters 1945 vertrieben wurde, hieß einst Reussen und lag in der Nähe von Allenstein, mehr wusste ich nicht. Wir fanden es auf keiner Karte, in keinem deutsch-polnischen Ortsverzeichnis, und niemand, den wir auf der Straße ansprachen, hatte je davon gehört. Eigentlich war ich es da schon leid, zu suchen. Niemand aus meiner Familie war je dorthin zurückgekehrt, warum sollte ich es dann tun? Mein Vater war schon lange tot und meine Großeltern auch. Wem sollte ich davon erzählen? Meine Tanten würden sich nicht dafür interessieren. Es war doch alles schon so lange her.

Der Winter war gerade überwunden, die Sonne stand tief und auf den Seen lag noch Eis. Darüber wölbte sich der Himmel wie ein endloses Altarbild, und ich dachte daran, wie am Ende jeder Familienfeier das Ostpreußenlied gesungen wurde und danach alle geweint haben. Land-der-dunklen-Wälder-und-der-kristallnen-Seen. Und wie peinlich das uns Kindern immer war. Meine Großeltern weinten, meine Tanten und Onkel, sogar die Angeheirateten weinten, die Ostpreußen gar nicht kannten. Mein Großvater schwärmte dann meist noch etwas von den Schönheiten der ostpreußischen Schweiz, und wir Kinder verdrehten die Augen: Ostpreußische Schweiz! Warum nicht gleich Rheinisches Griechenland?

Ich wollte aufgeben, weiterfahren nach Warschau, schließlich war ich keine Nostalgiereisende, so wie meine Tante Ruth, die bereits 1976 zum ersten Mal gefahren war, siebzehn Stunden Busfahrt vom Ruhrgebiet bis nach Schlesien. Jahr um Jahr fuhr sie, kehrte mit rosigen Wangen zurück und ignorierte den Spott meiner Mutter, die ihrer Schwester vorwarf, Vergangenes zu überhöhen. Provozierend stellte meine Mutter fest: Heimat ist für mich da, wo ich bin! Aber wenn sie mit mir über Schlesien sprach, sagte sie immer noch: Bei uns zu Hause, und ihre Stimme wurde weich.

Wieder blieben wir stehen und fragten Passanten nach Reussen, dieses Mal ein junges Mädchen, das in einem rosa Angorapullover wie in einem Konkon steckte. Reussen? Nie gehört, sagte das Mädchen, sah uns mitleidig an. Dann kicherte sie verlegen in ihr Rosa, so als hätten wir nach etwas ganz Altmodischem gefragt.

Anders als ich wollte Hanna nicht aufgeben. Ihr Ehrgeiz war erwacht. Sie erinnerte sich an eine alte Ostpreußin, die nach dem Krieg geblieben war und die in der Nähe von Olsztynek, Hohenstein, wohnte. Tatsächlich kannte die Frau Reussen: Auf polnisch hejisst das Rus!, sagte sie, ejinfach Warschauer Straße lang und dann kurz vor Allenstejin rechts ab! Als ich sie reden hörte, schluckte ich beklommen, denn sie sprach die Sprache meiner Kindheit, jene zärtliche und ruppige Ostpreußisch, dass ich versenkt geglaubt hatte, auf dem Grund meines Herzens.

Endlich fanden wir das Dorf. Es lag wie vergessen in einer Flussmulde. Kleine, flachgedrückte Häuser mit Bauerngärten. Ich fuhr langsam bis an das Ende des menschenleeren Dorfes und wollte wieder weg. Aber dann fiel mir ein zweistöckiges Backsteinhaus auf, es wirkte wie ein öffentliches Gebäude, eine Schule vielleicht. Über dem Eingang bemerkte ich Reste eines gemauerten Schildes. Weiße Frakturbuchstaben auf dunkelblauem Grund. Vergeblich versuchte ich die Inschrift zu entziffern. Auf der staubigen Straße näherte sich ein Paar, eine alte Frau in Hausschuhen und etwas jüngerer Mann. Hanna sprach sie an, sie deutete auf das Schild, und der Mann schüttelte den Kopf. Schließlich rief Hanna mich herbei, die alte Frau verstehe nur noch Deutsch, sagte sie. Als ich nach dem Schild fragte, hielt die alte Dame die Hand wie einen Trichter an das Ohr. Nu, sagte sie, war doch Gasthaus zur Ostpreußischen Schwejiz, die haben das verschmiert, verklebt. Deutsche Schrift war doch verboten.

Ostpreußische Schweiz. Und ich hatte alles für eine Erfindung gehalten. Ich bat meinen Großvater im Himmel um Vergebung. Schließlich fragte ich sie, ob sie sich vielleicht an die Familie von Aloysius Reski erinnere, wobei mir das A-lo-y-si-us ganz schwer und fremd über die Lippen kam.

Nu, der Allo! rief sie aus. Jessus! Nu frejilich kenn ich den Allo. Drieben in der Miehle hat er gearbeitet, und hier war sejin Haus, war scheenes großes Haus, hat geherrt Ejigentimer von der Miehle. Zweji Zimmer hat der Allo dort gehabt mit sejiner Frau und Kinderchen, die Russen haben abgebrannt, das Haus. Nu, wie gejiht es ihm?

Allo. Alle haben meinen Großvater immer nur Allo genannt. Seit dem Tod meiner Großeltern hatte ich den Namen Allo nicht mehr gehört. Ich schluckte und hörte mich sagen, dass mein Großvater schon seit zehn Jahren tot war. Mit einem Mal wurde mir kalt.

Ach, so frieh, sagte die alte Frau und schüttelte betroffen den Kopf. War er noch so jung, der Allo. Nu aber sejine Frau, die Ania. Was macht sie?

Sie sprach die Namen meiner Großeltern aus, als hätten sie Reußen erst gestern verlassen. Die ist vor vier Jahren gestorben, antwortete ich und schluckte, bis sich die Tränen einfach nicht mehr herunterschlucken ließen und mir aus den Augen fielen. Vergeblich versuchte ich, sie mit dem Handrücken wegzuwischen.

Nu wejinense, Froilain, wejinense ruhich, sagte die alte Frau, und dann nahm sie meine Hand und legte sie in ihre, und ich heulte und heulte, und das Wasser lief mir aus den Augen und aus der Nase, und ich konnte nicht mehr aufhören.

Bis heute frage ich mich, was gewesen wäre, wenn ich nicht Frau Bsdurek getroffen hätte. Ich wäre einfach zurück in das Auto gestiegen und weitergefahren. So aber kam ich jeden Sommer zurück, fünf Jahre lang. Bis zu Frau Bsdureks Tod. Es war, als müsste ich einer inneren Stimme gehorchen. Einer strengen Stimme, die ostpreußisch klingt, kein Ü und kein Ö aussprechen kann, das R rollt und die keinen Widerspruch zulässt.

Wenn ich im Dorf war, saß ich neben Frau Bsdurek auf der Bank vor ihrem Haus. Ich blickte auf die Dahlien und Margeriten im Garten und auf die Sonnenblumen, die sie hier Sonnenglanz nennen, und hörte Frau Bsdurek zu. Manchmal kamen noch die Nachbarinnen zu Besuch, deren Namen Frau Bsdurek liebevoll verkleinerte: Brigittka! Anetschko! Isoschka!

Dort auf der Bank haben sie ihre Leben erzählt, kleine, arme Leben, die sich am Ufer des schmalen Flusses abgespielt haben, zwischen dem Wald, der sich ins Dorf drängt und den Feldern, die den Horizont berühren. Ein einziges Mal nur verließen die Frauen ihr Dorf: Damals, als der Russe berejits in der Stadt dämmerte! – wie sie es in ihrem altertümlichen Deutsch ausdrückten, in dem die Vergangenheit so nah ist. Als sie wieder zurückkehren durften, war ihr Dorf gebrandschatzt worden. Seither haben sie sich nicht mehr vom Fleck gerührt ganz so, als hätten sie Angst, dass sich Reussen im Nichts auflösen würde, wenn sie ihm auch nur kurz den Rücken kehren würden.

Manchmal lief ich auch allein durch den Wald oder schwamm in dem Fluss, in dem früher mein Vater geschwommen war. Und begann langsam zu begreifen. War die Sehnsucht meiner Familie nach Heimat nicht vor allem eine Sehnsucht nach einem bestimmten Licht, nach einem Geruch, nach einer bestimmten Stille? War es nicht eine Sehnsucht nach Erinnerung und nach Kindheit? War der Verlust der Heimat nicht vergleichbar mit dem Verlust einer geliebten Person?

Mit einem Mal schämte ich mich dafür, als Kind so hartherzig gewesen zu sein: Für meine Familie war es Heimat, für mich Ideologie. Für sie war es der Wald mit den Kreuzottern, die Alle mit den tanzenden Mückenschwärmen, der morgendliche Dunst über den Feldern, die abgetretenen Steinstufen vor dem Gasthaus zur Ostpreußischen Schweiz, das Schwarz des Waldsees, ein Brombeergebüsch, der Geruch von Kartoffelfeuern. Für mich ein unentwirrbares Knäuel von bedrohlichen Begriffen wie Nationalsozialismus, Revanchismus und Revisionismus. Und die Ideologie verbot mir zu denken, dass die Flüchtlinge für den verlorenen Krieg einen höheren Preis hatten bezahlen müssen als andere Deutsche.

In Warschau traf ich Herrn Lisowski wieder, den inzwischen pensionierten Chef von Interpress. Er handelte immer noch. Ebenso erfolglos wie unverdrossen – mit Baumwollunterhosen und Spielkasinos. Er küsste mir die Hand und sagte: endlich wieder in Polen, die Pättra. Bewegt erzählte ich ihm, wie ich das Dorf gefunden hatte, aus dem mein Vater stammt. Später schickte mir Herr Lisowski einen Brief mit seinen genealogischen Erkenntnissen: Seither weiß ich, dass es in Polen 230 Reskis gibt, dass der berühmteste Reski ein gewisser Stanislaus Reski (1544 – 1603) war, Theologe und Diplomat, Gesandter des polnischen Königs am Hof von Neapel, dass es verschiedene Schreibweisen für den Namen gibt: Reszka, Reski, Reschke, Reszkowski – für polnische oder für deutsche Zunge, für polnische und für deutsche Untertanen, wie Herr Lisowski anmerkte.

Einige Jahre später schrieb ich ein Buch über die Begegnung mit Frau Bsdurek und mit meiner Familiengeschichte. ‘Ein Land so weit’ sei auch ein Buch über die Suche nach Identität, schrieb die Lektorin in den Klappentext, und ich bestand darauf, diesen Satz zu streichen. War das nicht ein furchtbares Klischee? Hatte ich es nötig, auf staubigen polnischen Landstraßen nach meiner Identität zu suchen?

Dass ich ein Stück davon tatsächlich dort gefunden habe, konnte ich erst später zugeben: Als ich durch Deutschland reiste und aus meinem Buch las vor alten Flüchtlingen, die im Überlebenskampf ganz starr geworden waren, vor Vertriebenen, die ihr Leben lang versucht hatten, ihr Leid durch exzessives Reden zu bewältigen, vor Enkeln, die ebenso hartherzige Kinder wie ich gewesen waren, vor jungen Mädchen, die einfach nur eine Geschichte aus Deutschland hören wollten. Und am Ende jeder Lesung gab es jemanden, der glaubte, mit mir verwandt zu sein.

Ich bekam Briefe, eine Flut von Geständnissen, Lebensgeschichten von Buchhaltern der Vergangenheit, die jede Erinnerung an einen Feldweg archivierten wie einen Schatz, von alten Damen, die mit hellblauer Tinte davon schrieben, wie sehr sie es bedauerten, nie zurückgekehrt zu sein, von alt gewordenen Kindern, die im Münsterland aufgewachsen waren, in Bayern oder in Norddeutschland; Spuren aber hatte in ihren Leben jenes ferne Land hinterlassen, über das ihre Eltern entweder ganz viel oder gar nicht gesprochen hatten.

Viele andere begannen so spät zu begreifen wie ich. Immer mehr Familienromane, Erzählungen, Autobiografien erschienen – geschrieben von jenen einstigen hartherzigen Kindern, die sich zum Teil zaghaft der Vergangenheit näherten, häufig liebevoll und manchmal auch ängstlich tastend. Ganz so, als seien sie noch auf dem Sprung – um im Zweifel schnell wieder zum Sieger der Geschichte werden zu können.

Alle hatten plötzlich begonnen nachzudenken. Nicht nur über die Verantwortung ihrer Familie an der Geschichte, sondern auch über die Verantwortung der Geschichte an ihrer Familie. An ihrem Sosein. An der Mutter, die bis zum Tod die Geschichte von der Flucht verschwieg. An dem Vater, der sich zeitlebens ein Fremder blieb, weil er sich seit der Flucht nicht mehr wieder gefunden hatte.

Es war, als sei ein Damm gebrochen. Ob es der Mauerfall war, der alles ins Wanken gebracht hatte? Die bequemen altlinken Positionen, die Fronten des Kalten Krieges, die Starrheit des Denkens in schwarz-weiß? Ob es ein später Versuch war, sich von der selbstgerechten Luft der siebziger Jahre zu befreien? Oder ob es einfach daran lag, dass wir älter geworden waren? Dass wir jenes Alter erreicht hatten, in dem man endlich nicht mehr glaubt, alles besser zu wissen? Und dann waren da noch die Bilder vom Balkankrieg: von jenen zerlumpten Flüchtlingen, die verschreckte Kinder an der Hand führten – und die so aussahen wie einst die Großeltern und die Eltern. Und plötzlich begriffen viele, dass der Blick eines Flüchtlings auf die Welt immer ein anderer sein wird.

Inzwischen kenne ich auch die Heimat meiner Mutter, Schlesien. Wir reisten gemeinsam an jenen Ort, der bei ihr immer noch Bei uns zu Hause heißt. Ich habe auf den Reisen nach Ostpreußen und Schlesien das fehlende Stück zwischen mir und der Vergangenheit gefunden. Als Kind dachte ich immer, dass hinter uns das Nichts liegt. Jetzt weiß ich, dass in der Kirche, in der meine Mutter zur Kommunion gegangen ist, roter Samt vor den Beichtstühlen hängt. Ich weiß, dass der Fluss, in dem mein Vater schwamm, glasklar ist und sich vor einer Biegung zu einem kleinen See staut. Ich weiß, wo der Grabstein meines Urgroßvaters steht. Ich bin mit Polen verwandt.

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