Archiv: Januar 2008

Amore II

Mittwoch, 30. Januar 2008

Ich werde mich auch verhaften lassen, so wie die Frau von Justizminister Mastella, sagte meine Freundin Patrizia. Wir standen in der Bar am Campo San Luca und tranken unseren morgendlichen Espresso. Es gibt nichts, womit du dich in Italien beliebter machen kannst, als mit einer ordentlichen Anklage, sagte Patrizia. Gestern wurde Sandra Lonardo, Präsidentin des Regionalrats von Kampanien, sowie Ehefrau und Rücktrittsgrund von Ex-Justizministers Mastella, vom Hausarrest befreit – unter den sie gestellt wurde, weil man gegen sie wegen versuchter Erpressung und Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Die Staatsanwaltschaft beließ es jetzt bei der Auflage, dass die Signora ihren Wohnort Ceppaloni nicht verlassen möge. Seither warten die Fans vor ihrem Haus. Jedes Mal, wenn Signora Lonardo-Mastella das Haus verlässt, braust Applaus auf, die Signora wirft Kusshände in die Menge und wird umarmt und geküsst. 

Ich möchte auch so geliebt werden, sagte Patrizia. Ich lasse mich verhaften, in Lecce, da, wo ich herkomme, und schon werden mir alle um den Hals fallen. 

Amore I

Mittwoch, 30. Januar 2008

[youtube=http://www.youtube.com/v/nHAilcEIl8Y&rel=1] Justizminister Mastella bei seiner bewegenden Rücktrittsrede – da war gerade bekannt geworden, dass seine Frau unter Hausarrest saß und dass auch gegen den Minister wegen Amtsmissbrauch ermittelt wurde. Was im italienischen Parlament, in der schätzungsweise jeder zweite Abgeordnete mindestens erstinstanzlich, wenn nicht gar letztinstanzlich vorbestraft ist, eigentlich eine petitesse ist. Aber Mastella konnte sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, mit seinem Rücktritt die Prodi-Regierung zu Fall zu bringen. Als 1,4-Prozentpartei hätte er schon nach dem herrschenden Wahlrecht gar nicht im Parlament sitzen dürfen – aber wer anders als Mastella, der als glühender Anhänger von Giulio Andreotti gilt und auch sonst über eine gewisse Vertrautheit im Umgang mit organisierter Kriminalität verfügt (im Jahr 2000 war er Trauzeuge auf der Hochzeit des sizilianischen Mafiosos Francesco Campanella, der nach seiner Festnahme nicht zögerte, zur Justiz überzulaufen) hätte sich als Justizminister besser geeignet? Seine erste Amtshandlung war ein gewaltiger Straferlass – gedacht für die Verbrechen des Establishments: vom Parmalat-Skandal bis zur Richterbestechung Berlusconis. Davon profitierten nicht nur die eritreische Menschenhändlerin Madame Gennet, sondern auch 6000 neapolitanische Kriminelle, die unverzüglich ihr Tagwerk wieder aufnahmen. Justizminister Mastella wird schwer zu ersetzen sein!

Carnevale III

Dienstag, 29. Januar 2008

Gestern Abend sah ich auf dem Campo San Fantin eine kostümierte Frau, oben rum settecento, also Perücke, Dreispitz und Maske, unten rum 1978: Parka, Jeans und Rucksack. Sie stellte ihren Rucksack ab und grub in seinen Tiefen, aus denen sie schließlich einen Stadtplan hervorzog. Sie breitete ihn wie einen Schnittmusterbogen vor sich aus, konnte ihn aber im Halbdunkel nicht erkennen. Wieder grub sie in ihrem Rucksack, bis sie ihre Lesebrille fand. Sie versuchte, sich die Brille über der Maske aufzusetzen. Die Brille fiel herunter. Also versuchte sie, die Bügel der Lesebrille in die Augenlöcher der Maske zu stecken. Niente. Die Brille fiel wieder herunter. Kurz entschlossen zog sich die Frau nun die Maske unter das Kinn und setzte sich die Lesebrille richtig auf. Und starrte wieder auf den Stadtplan. Ohne Erfolg. Es war schon sehr dunkel. Geradezu Nacht. Mit der Maske auf dem Kinn und der Lesebrille auf der Nase fragte die Frau schließlich einen afrikanischen Taschenhändler, der gerade gemächlichen Schrittes vor der Patrouille des Ordnungsamtes  flüchtete. Er sagte: San Marco? Immer geradeaus.

Carnevale II

Montag, 28. Januar 2008

In diesen Tagen ist das venezianische Trachytpflaster mit Konfetti übersät. Allerdings ist das Konfetti nicht bunt, sondern weiß, mit kleinen schwarzen Mustern. Es ist auch nicht rund, sondern meist rechteckig oder quadratisch, selten größer als ein winziges Reiskorn. Wenn man näher hinschaut, erkennt man darauf winzige Buchstabenreste. Das venezianische Konfetti kommt aus dem Aktenvernichter. Wenn es regnet, kleben die Geheimnisse Italiens an unseren Füßen. 

Rio degli assassini

Samstag, 26. Januar 2008

Mordlust ist mir durchaus geläufig. Sie überfällt mich jedes Mal,  wenn Touristen vor mir eingehakt durch eine Gasse spazieren, wenn sie auf den Stufen der Fenice-Oper Picknick machen, und wenn der Kretin von jodelndem Gondoliere nachmittags um drei seinen Dienst in unserem Kanal aufgenommen hat. Dann möchte ich eine Pistole haben, mit Schalldämpfer. Seine Triller würden ihm im Hals stecken bleiben, der Kanal würde sich rot verfärben, die Japaner schreien, ach. 

Carnevale I

Samstag, 26. Januar 2008

Der Karneval hat begonnen. Man bemerkt es daran, dass manche Gesichter aussehen, als litten sie unter einem Blutschwamm. Es ist aber nur eine Karnevalsdeko.