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PETRA RESKI

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Pizza Mafia

Pizza Mafia

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In der netten Pizzeria um die Ecke wird manchmal nicht nur Geschirr gewaschen, sondern auch Geld.

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Es war die Speisekarte von «Don Panino», die vor kurzem zu einem kleinen diplomatischen Eclat zwischen Österreich und Italien führte: Bei «Don Panino» in Wien konnte man Pizze, Pasta und belegte Brote bestellen, die nach Mafiosi und Mafiaopfern benannt wurden. Angeboten wurden Spezialitäten wie «Don Falcone»: ein mit gegrillter Wurst belegtes Panino, benannt nach dem Anti-Mafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone, der 1992 zusammen mit seiner Frau und drei Leibwächtern von der Mafia in die Luft gesprengt wurde. Oder «Don Peppino», das den Namen des von der Mafia ermordeten Anti-Mafia-Aktivisten Peppino Impastato trägt, von dem es auf der Speisekarte hiess: «Der grossschnäuzige Sizilianer wurde bei einem Bombenattentat gebacken wie ein BBQ-Hähnchen.»

Das italienische Aussenministerium protestierte, in Wien ansässige Italiener sammelten Unterschriften, die Präsidentin der europäischen Anti-Mafia-Kommission forderte, die Nutzung des Begriffs «Mafia» zu kommerziellen Zwecken zu verbieten. Bald darauf outete sich ein Werbeexperte mit italienischen Wurzeln, süditalienischem Wohnsitz und niederländischem Pass als Urheber und verteidigte sich gegen die Vorwürfe, Mafiaopfer verhöhnt zu haben: «Ich wollte niemanden beleidigen. Der Kunde hat mich gebeten, ein Produkt zu lancieren, das attraktiv sein könnte, und ich habe die ‹Don Panino›-Kampagne aufgrund dieser Anweisungen entworfen.» Zwei Tage später war die Sache vergessen, und vermutlich fragte sich mancher: Wo war eigentlich das Problem, schliesslich gibt es kaum eine Stadt ohne eine Pizzeria «Don Corleone» oder Lokale mit «Pizza Camorra» oder «Pizza Mafia» auf der Karte? Man wird wohl noch einen kleinen Witz machen dürfen?

Solange über die Mafia gelacht wird, existiert sie nicht. Das wissen die Bosse am besten. Als der aus Palermo stammende italoamerikanische Mafioso Roberto Settineri vor drei Jahren als neuer Botschafter der sizilianischen Cosa Nostra in Amerika festgenommen wurde, betrieb er in Miami die Pizzeria «Soprano’s». Denn nichts schützt die Geschäfte der Mafia besser als dick aufgetragene Mafiafolkore. Die Mafia ist Kult. Es gibt sie als Computer- und Gesellschaftsspiel, als Fernsehserie, und man kann auf Parties zur Mafiamusik tanzen, im Takt zu Liedern wie «Getötet ist der General», in dem das Mafiaattentat auf den General Dalla Chiesa gefeiert wird. Die deutsche Übersetzung liegt dabei: «Getötet ist der Präfekt von Palermo / Ihm blieb nicht einmal Zeit für das letzte Gebet / So schnell wurde er ins Paradies gebracht.» Ein geschäftstüchtiger kalabrischer Fotograf namens Francesco Sbano kam auf die Idee, die Mafiamusik von Deutschland aus zu vertreiben, und in zahllosen enthusiastischen Artikeln über die musizierenden Bosse wetteiferten die deutschsprachigen Journalisten darum, die Mafia als bizarres Völkchen darzustellen, das krude, für uns möglicherweise unverständliche Sitten und Gebräuche pflegt, aber dennoch ein schützenswertes Kulturgut darstellt: wie die Basler Fasnacht, das kroatische Klöppeln oder der andalusische Flamenco auch.

Die Bosse danken. Wo die Öffentlichkeit mit einer Überdosis Mafiafolklore betäubt wird, kommt keiner auf die Idee, dass in der netten Stammpizzeria Geld gewaschen wird. Oder dass sich dort, wo der Wirt gerne einen Grappa ausgibt, Mafiosi treffen könnten, um ungestört ihre Geschäfte zu besprechen. Wer es wagt, einen solchen Verdacht zu äussern, wird als Antiitaliener, wenn nicht gar als Rassist beschimpft. Ausser er ist selbst Italiener, wie der Anti-Mafia-Staatsanwalt Franco Roberti, der sagt: «Wenn ihr in Deutschland oder in der Schweiz einen Kalabresen oder einen Neapolitaner seht, der ein Lokal eröffnet, dann solltet ihr genau hinsehen, woher sein Geld kommt.» Und einer der wenigen Abtrünnigen der kalabrischen Mafia stellte kurzum fest: «Wo Pizza ist, ist Mafia.»

Staatsanwalt Franco Roberti hat lange die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft von Neapel geleitet, er ist heute Generalstaatsanwalt von Salerno und weiss, dass die Camorra Geld mit Restaurants verdient – in Italien und im Ausland. Erst vor zwei Jahren wurden die Lokale der neapolitanischen Restaurantkette «Regina Margherita» beschlagnahmt: 16 Lokale in Neapel, Genua, Turin und Bologna, in denen für den Boss Salvatore Lo Russo jährlich 800 000 Euro gewaschen wurden. In Italien geht man heute von mindestens 5000 Restaurants im Besitz der Clans aus, Ermittler schätzen die Beteiligung der Mafia am Umsatz der italienischen Gastronomie auf mindestens 15 Prozent, in Grossstädten wie Rom oder Mailand gehört jedes fünfte Restaurant einem Boss. Führend sind dabei die Clans der kalabrischen ’Ndrangheta: in Rom der Clan Piromalli, aber auch der Clan Pelle-Romeo aus San Luca, zu dem die Opfer des Duisburger Mafiamassakers gehörten, oder die Pesce-Bellocco aus Rosarno, die unter anderem Ableger in der Schweiz haben. In Mailand haben die Morabito aus Africo das Sagen, der Clan Arena aus Isola Capo Rizzato ist in der Emilia Romagna aktiv. Für die neapolitanische Camorra laden die mächtigen Clans aus Casal di Principe zum Essen, die ihre Restaurants in Rom, Ostia und Modena eröffnet haben.

Geldwäsche ist für die Mafia der wesentliche Grund, Restaurants zu betreiben. Die leicht verderblichen Waren können kaum kon­trolliert werden, falsche Rechnungen werden mühelos ausgestellt, da die Lieferanten selbst zur Mafia gehören: Die Lebensmittelbranche ist in Italien traditionell in der Hand der Bosse. Der kalabrische Clan der Morabito kontrolliert den Gemüsemarkt von Mailand, eine Million Tonnen Obst und Gemüse pro Jahr, neuntausend Arbeiter, vierhundert Firmen; sie bestechen Lebensmittelkontrolleure und bestimmen den Preis jeder Erdbeere. Der südöstlich von Rom gelegene Grossmarkt von Fondi – einer der grössten Europas – wird von der kalabrischen Mafia beherrscht, der ’Ndrangheta.

Dass die Qualität italienischer Lebensmittel «Made in Italy» auf der ganzen Welt gerühmt wird und Italien Europas grösster Produzent von Lebensmitteln mit Gütesiegeln ist, regte ebenfalls den Appetit der Clans an: Aus dem 2012 veröffentlichten Bericht der italienischen Umweltschutzorganisation Legambiente geht hervor, dass die Mafia so gut wie jedes italienische Lebensmittel fälscht: Parmesankäse wird in Rumänien hergestellt, Zitronen aus Sorrent stammen aus Argentinien, chinesische Tomaten werden als Bio­tomaten aus San Marzano ausgegeben, parfümiertes und gepanschtes Olivenöl als kaltgepresste Extra-vergine-Qualität, rumänischer Schinken als Parmaschinken, Bresaola-Schinken kommt aus ­Uruguay.

Die Mafiapizzerien gehören selten den Bossen, fast immer werden Strohmänner mit dem Kauf beauftragt – wenn das Lokal überhaupt gekauft und nicht einfach jemandem weggenommen wird. Dank der Wirtschaftskrise gibt es genügend Restaurantbesitzer, die in Schwierigkeiten geraten sind. In Italien zahlen die Banken keine Kredite mehr, also stehen die Bosse mit ihren Wuchergeschäften bereit und kommen so in den Besitz von Lokalen. Auf dem Papier steht ein unbescholtener Gastronom, de facto gehört die Pizzeria der Mafia. Die Restaurants werden rasch wieder abgestossen, der schnelle Besitzerwechsel gilt als Symptom für Mafiageschäfte: Bei Kauf und Verkauf von Lokalen werden üblicherweise grosse Summen bar gezahlt, ideal für die Geldwäsche. Die gleiche Technik wendet die Mafia im Ausland an, wo sie sich seit langem auf ihre Pizzerien stützt – ein ebenso naheliegendes wie traditionelles Geschäftsmodell, denn in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz ist die Geldwäsche im Moment noch einfacher: Anders als in Italien muss hier nicht der Pizzabäcker nachweisen, dass er die 500 000 Franken, die er für den Kauf einer Pizzeria, sagen wir, in Zürich bar auf den Tisch gelegt hat, aus sauberen Quellen stammen. Die Ermittler müssen belegen, dass das Geld illegal verdient wurde: «Beweislastumkehr» heisst das. Für Mafiosi eine Einladung zur Geldwäsche: Gibt es keinen konkreten Tatverdacht, sondern nur gewisse Auffälligkeiten, etwa ein grobes Missverhältnis zwischen den finanziellen Möglichkeiten eines freundlichen italienischen Pizzabäckers und dem Kaufpreis einer Pizzeria, dann passiert erst einmal: nichts. Bereits der Satz «Das Geld wurde mir von meinem Onkel in Kalabrien geschenkt» kann ausreichen, um den Verdacht auf Geldwäsche zu entkräften.

Ein weiteres Motiv der Mafia, eine Pizzeria zu betreiben, besteht in der Geselligkeit. Hier können die nötigen Bekanntschaften geschlossen und dringende Geschäfte besprochen werden, völlig zwanglos. Anders als in Italien, wo das Abhören eine der wichtigsten Waffen gegen die Mafia ist, ist es in Deutschland und der Schweiz grundsätzlich verboten, Privatwohnungen oder öffentliche Lokale abzuhören. Sollte ein Ermittler dennoch darauf beharren, eine Pizzeria abzuhören, setzt sich ein aufwendiges bürokratisches Verfahren in Gang, richterliche Genehmigungen, die in der Schweiz von Kanton zu Kanton auf anderen Voraussetzungen aufbauen, ein kafkaesker Ablauf, an dem sich kaum etwas ändern wird, weil der «grosse Lauschangriff» hierzulande von der Öffentlichkeit als Attacke auf die persönliche Freiheit angesehen wird – eine Meinung, die die Mafia bedingungslos unterstützt.

Weil die Mafia aber nicht von der Pizza lebt, sondern vom Drogenhandel, vom Erschleichen öffentlicher Aufträge, von Finanzgeschäften, Bauaufträgen oder vom Immobilienhandel, ist es für die Bosse unerlässlich, Teil der Gesellschaft zu werden, in der sie leben. Ein Restaurant ist der ideale Ort, um ungestört gesellschaftliche Kontakte zu knüpfen, mit Lokalpolitikern und Bankdirektoren, mit Fussballspielern, Schauspielern, Polizeipräsidenten.

Die Technik, wie die Clans Fuss fassen, gleicht sich in fast jeder Stadt, egal ob Dortmund, Zürich, Stuttgart oder Basel: Ist der Clan erst gesellschaftlich etabliert, geht er rasch dazu über, auch ausserhalb der Pizzeria als Gönner aufzutreten, etwa Fussballvereine oder Golfclubs zu unterstützen, sich als Sponsor zu bewähren, italienische Kulturgesellschaften zu unterwandern oder «Eventagenturen» zu gründen. Für das Catering bedient man sich dann einer einzigen italienischen Import-Export-Firma, die auch gleich alle anderen italienischen Restaurants in der Umgebung beliefert. Und diese Import-Export-Firma berechnet den zehnfachen Preis des üblichen Gastronomiegrosshandels: Die Schutzgelderpressung der italienischen Restaurants im Ausland wird heute über solche Zulieferbetriebe abgewickelt. Über die Gastronomiegrossisten, die Lebensmittelhändler, die Weinhändler und Einrichter, die von der Mafia beherrscht werden. So kontrollieren die Bosse auf einfache, unauffällige und effiziente Weise das Territorium. Italienische Restaurants, die in Flammen aufgehen, weil sie kein Schutzgeld bezahlen, gibt es ausserhalb von Sizilien, Kampanien oder Kalabrien schon lange nicht mehr. Zu viel Aufsehen.

Als ein mafiöses Killerkommando in einer lauen Sommernacht 2007 sechs Kalabresen vor der Pizzeria «Da Bruno» hinrichtete, mitten in Duisburg, einer jener aus Backstein gebauten Städte des Ruhrgebiets, des alten industriellen Herzens im Westen Deutschlands – da rieben sich die Deutschen verwundert die Augen. Wie? Echte Mafiatote? In Deutschland? Der nette Pizzabäcker, der freundliche Wirt, der charmante Kellner: Mafiosi? Bis zu jenem Morgen war die Mafia stets nur als italienisches Problem betrachtet worden: Die Mafia, sagt Palermos Generalstaatsanwalt Roberto Scarpinato, das sind immer die anderen – tumbe, sizilianischen Dialekt sprechende Mafiaikonen vielleicht, wie Totò Riina oder Bernardo Provenzano, die identifiziert und verurteilt wurden. Als sei die Mafia eine kleine Minderheit in einer Mehrheit von Aufrichtigen, ein Krebsgeschwür in einem gesunden Organismus, das man wegschneiden kann. Halbe Analphabeten, die mit Rauschgift handeln und Schutzgeld erpressen, und nicht all jene hochgeschätzten Mitglieder der Gesellschaft, die mit den Bossen zusammenarbeiten, in Italien, der Schweiz, in Deutschland. Der deutsche Rechtsstaat sei gegen alle Gefahren bestens gewappnet, hatte es immer geheissen, Deutschland sei für die Mafia allerhöchstens «Rückzugsraum», sozusagen ein Ort der Sommerfrische der Mafiosi.

So wie für das sechsköpfige Killerkommando, das 1990 den jungen sizilianischen Staatsanwalt Rosario Livatino in Sizilien ermordete. Livatinos Killer lauerten seinem Auto auf der Schnellstrasse zwischen Agrigent und Caltanissetta auf – als er fliehen konnte, wurde er verfolgt und schliesslich niedergestreckt. Kurz nach dem Mord ging ein Fahndungsgesuch der italienischen Ermittler bei der deutschen Polizei ein. Der Killer, der Livatino die Pistole in den Mund gesteckt hatte, um ihm den Gnadenschuss zu geben, arbeitete zusammen mit zwei anderen Mafiosi in der Stadt Dormagen im Restaurant Portofino. Zwei weitere Mörder wurden in der Leverkusener Pizzeria Ai Trulli festgenommen, und schon im Oktober 1990 berichteten die italienischen Zeitungen davon, wie die Mafia aus Orten wie Palma di Montechiaro bei Agrigent ins deutsche Rheintal gelangt war.

Bis zu ihrer Ermordung zwei Jahre später ermittelten die beiden Anti-Mafia-Staatsanwälte Falcone und Borsellino die deutschen Verbindungen im Fall Livatino: Der junge Staatsanwalt hatte einen Waffenhandel zwischen Sizilien und Deutschland aufgedeckt und war einer der ersten, die davon gesprochen hatten, dass man nach Deutschland gehen müsse, um die «neue Mafia» zu verstehen. Livatino ermittelte gegen die Clans der Mafiahochburg Palma di Montechiaro, die zur mächtigen agrigentinischen Mafia gehört – und die sich seit den 1960er Jahren in Nordrhein-Westfalen bestens eingelebt hat. Aber erst als die Toten vor der Pizzeria Da Bruno lagen und die Ermittlungen bekannt wurden, begannen die Deutschen zu ahnen, dass die Mafia nicht wie ein Sommergewitter über ihr Land hereingebrochen war, sondern sich hier bereits seit vierzig Jahren bestens eingerichtet hatte – ähnlich wie in Amerika auch, wo die Mafia fast vierzig Jahre lang unsichtbar und ungestört bleiben konnte, bis das FBI 1957 ein Gipfeltreffen der Mafia in Appalachin stürmte und vierundsechzig Bosse verhaftete. Bis dahin hatte kaum jemand davon Kenntnis genommen, dass bereits 1920 die zweite mafiöse Einwanderungswelle nach Amerika geschwappt war.

Sowohl die Toten als auch die Täter des Duisburger Mafiamassakers vor der Pizzeria Da Bruno gehörten zur kalabrischen ’Ndrangheta, der reichsten und erfolgreichsten italienischen Mafiaorganisation. Das jüngste Opfer war 16 Jahre alt, das älteste 38. Francesco und Marco Pergola, Sebastiano Strangio, Francesco Giorgi, Marco Marmo und Francesco Tommaso Venturi. Alle arbeiteten in italie­nischen Pizzerien in Duisburg und Umgebung. Fünf von ihnen waren sofort tot, der sechste starb auf dem Weg ins Krankenhaus. In der Tasche des achtzehnjährigen Francesco Tommaso Venturi fand sich das angekokelte Heiligenbildchen des Erzengels Gabriel. In den Stunden vor ihrem Tod hatten die Opfer an einem für die Mafia ganz besonderen Ereignis teilgenommen: Sie hatten in der Pizzeria Da Bruno die Aufnahme des jüngsten Mitglieds in den Clan gefeiert.

Opfer und Killer stammten aus dem kalabrischen San Luca. Ein Dorf, das von den italienischen Ermittlern auch «Die Mutter des Verbrechens» genannt wird, zeichnet es sich doch durch eine selbst für Kalabrien erstaunlich hohe Dichte von 39 Clans auf nur 4000 Einwohner aus. Die Mafiafamilien aus San Luca zählen zu den gefährlichsten Clans der ’Ndrangheta – und sie sind in Deutschland seit Jahrzehnten heimisch. Sie verfügen über ein enormes Potential an Mitgliedern, die für jede Art von Straftaten in Frage kommen: Egal ob internationaler Rauschgifthandel, Waffenhandel, Erpressungen, Entführungen, Autoklau, Geldwäsche – die Clans von San Luca blicken auf eine jahrzehntelange Berufserfahrung zurück.

Die ’Ndrangheta hat sich seit mehr als vier Jahrzehnten in Australien, Kanada und in ganz Europa ausgebreitet: vor allem in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien. Der Aufstieg der ’Ndrangheta zur reichsten italienischen Mafiaorganisation ist über Jahrzehnte selbst in Italien unbemerkt geblieben. In den Jahren nach den Morden an den beiden sizilianischen Anti-Mafia-Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino waren die Scheinwerfer des öffentlichen Interesses ausschliesslich auf Sizi­lien gerichtet, so dass die ’Ndrangheta im Schatten der Cosa Nostra Karriere machen konnte, vor allem dank dem Kokainhandel. Die ’Ndrangheta kontrolliert den gesamten Kokainmarkt in Europa, deshalb wird in ihren Restaurants nicht nur Geld gewaschen, sondern auch gerne Kokain deponiert und verkauft – an Kunden, die dadurch zu potentiellen Erpressungsopfern werden, was besonders interessant ist, wenn dieser Kunde Politiker oder Unternehmer ist.

Unter den Toten des Duisburger Mafiamassakers befand sich auch der Wirt der Pizzeria Da Bruno, Sebastiano Strangio. Dass er zur Mafia gehörte, erstaunte kaum, in Duisburg und Umgebung galten viele Pizzerien schon seit langem als «Mafiapizzerien», darunter auch das «Da Bruno». Regelmässig war es zu Hausdurchsuchungen gekommen, auch zu Verhaftungen. Das hatte sich herumgesprochen, aber niemandem ernstlich Sorge bereitet. Nicht einmal die Nachbarn waren beunruhigt. Der Blumenhändler etwa, dessen Geschäft sich unter der Wohnung des ermordeten Wirts des «Da Bruno» befand, wusste nur Gutes über Sebastiano Strangio zu berichten. Er sei ein ausgesprochen angenehmer Nachbar gewesen, ein Wirt, der sich gewissenhaft um sein Lokal gekümmert und freundlich gegrüsst habe, wenn er morgens um elf Uhr die Wohnung verlassen habe.

Dass Strangio zur Mafia gehörte, hatte der Blumenhändler schon seit jener Zeit vermutet, als sich das «Da Bruno» noch direkt gegenüber von seinem Laden befunden hatte. In der Adventszeit, wenn der Blumenhändler bis spät in die Nacht Adventskränze winden musste, habe er beobachten können, wie das «Da Bruno» gelegentlich von Polizisten umstellt worden sei. Einmal seien sechzig Polizisten angerückt und hätten alle Gäste aufgefordert, das Restaurant zu verlassen, um eine Hausdurchsuchung machen zu können. Diese Unannehmlichkeiten hätten die Gäste allerdings nicht davon abgeschreckt wiederzukehren, oft habe es sogar eine Schlange vor dem «Da Bruno» gegeben. Nachdem die Pizzeria in die Gegend hinter dem Bahnhof umgezogen war, habe Sebastiano Strangio, der freundliche Mafioso, den Blumenhändler wiederholt in sein neues Lokal eingeladen. Einmal habe er das Angebot angenommen, weil er nicht unhöflich sein wollte. Aber es sei ihm irgendwie unangenehm gewesen, sagte der Blumenhändler. Vor allem, weil er nicht bezahlen durfte.

Die kalabrische ’Ndrangheta kann es sich leisten, grosszügig zu sein, denn mit ihrem geschätzen Geschäftsumsatz von mehr als 45 Milliar­den Euro im Jahr, 3 Prozent des italienischen Bruttoinlandprodukts, ist sie nicht nur die reichste Mafiaorganisation Italiens – sie ist auch die beweglichste. Denn sie verfügt über einen unschlagbaren Geschäftsvorteil: Im Gegensatz zu den anderen italienischen Mafiaorganisationen erlaubt es ihr Ehrencodex, auch ausserhalb ihres ursprünglichen Territoriums neue Niederlassungen zu gründen – die, Ironie des Schicksals, «locali» genannt werden.

Die Schweiz zieht die Mafia traditionellerweise wegen der Geldwäsche an, ein Geschäftsfeld, das nach wie vor blüht, auch wenn das Bankgeheimnis nicht mehr ganz ist, was es einmal war. Aber seitdem die ’Ndrangheta in Norditalien fest etabliert ist, besonders im Piemont und in der Lombardei, wo sie schon vor Jahrzehnten feststellen konnte, wie gut die Geschäfte auf fremdem Boden gedeihen, war es naheliegend, auch in der benachbarten ruhigen Schweiz Niederlassungen zu gründen. Nichts schätzt die Mafia mehr als Sicherheit.

Der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri geht von zehn «locali», operativen Basen der ’Ndrangheta, in der Schweiz aus, die beiden wichtigsten befinden sich in Zürich und in Frauenfeld. Ein «locale» ist in der kalabrischen Organisationsstruktur ein Clan, zu denen verschiedene «’ndrine», Untereinheiten, gehören, die in der Regel aus blutsverwandten ’Ndrangheta-Familien bestehen. Ein «locale» zählt mindestens 49 Mitglieder, nach oben ist die Zahl offen. Allein in Kalabrien gibt es mindestens 150 «locali». Im Laufe der Ermittlungsaktionen «Crimine» und «Crimine 2» wurden vor zwei Jahren über 340 Mitglieder der ’Ndrangheta in der ganzen Welt verhaftet. ’Ndrangheta-Zellen wurden in Italien, Australien, Kanada, Deutschland und der Schweiz entdeckt. Im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz, in Singen, Rielasingen und Radolfzell, in Ravensburg und Frankfurt, aber auch in Frauenfeld und Zürich wickelten voll funktionstüchtige Clans ihre Geschäfte ab. Und als letztes Jahr 23 Mitglieder des aus dem kalabrischen Rosarno stammenden Clans der Bellocco festgenommen wurden, war darunter auch ein Italiener, der seinen Wohnsitz im Tessin hatte.

Interessant für die italienischen Ermittler der «Crimine»-Operation war die Rivalität zwischen den Clans in Frauenfeld und Zürich und jenen in Deutschland: Die grösste Sorge des Bosses Bruno Nesci im deutschen Singen – eines bis dahin unverdächtigen Bäckers – war nicht etwa die deutsche Polizei, auch nicht die italienische, sondern «’Ntoni lo svizzero», der Anführer der konkurrierenden Clans in der Schweiz: Denn die «Schweizer» seien kurz davor, ein weiteres «locale» in Frankfurt zu gründen, was Nescis Macht natürlich verwässert hätte. Deshalb kam es zwischen den Bossen in Deutschland und der Schweiz zu frenetischen Telefonaten, hektischen Reisen zum Mutterhaus im kalabrischen Rosarno und regelmässigen Lagebesprechungen in Bars und Pizzerien. Wie aus den Ermittlungsakten der «Crimine»-Aktion hervorgeht, ging es bei einem Treffen in einem Landgasthof in Wängi unweit von Frauenfeld um die dringende Frage, ob dieses «locale» tatsächlich berechtigt sei, zwei Clanmitgliedern einen höheren Rang zu erteilen. An der Geduld und dem grossen Engagement, mit der sich die Bosse ihren verzwickten Hier­archiefragen widmeten, lasen die italienischen Ermittler nicht nur ab, wie sicher sich die ’Ndrangheta-Clans in der Schweiz fühlten, sondern auch, dass es hier um eine langfristige Investition für die Zukunft gehen sollte: das Territorium abzustecken.

Dass sich rivalisierende Clans nicht auf freundliche Lagebesprechungen beschränken, hat das Duisburger Mafiamassaker bewiesen. Denn hier ging es keineswegs darum, die verletzte Ehre einiger Hitzköpfe wiederherzustellen, sondern mit dieser spektakulären Tat das kriminelle Prestige der beiden Clans zu erhärten. Was bestens funktioniert hat: Bald danach schlossen die Pelle-Romeo und die Nirta-Strangio einen Waffenstillstand, und die Geschäfte florierten wieder: Allein in den zwei Jahren nach dem Blutbad von Duisburg zogen laut Polizeiberichten weitere 65 Männer aus San Luca nach Deutschland, um in Pizzerien zu arbeiten. Junge Männer ohne Vorstrafen, aber mit engen Familienbanden: Söhne, Neffen oder jüngere Brüder von Mafiabossen, die bereits wegen Erpressungen, Entführungen, Rauschgift- oder Waffenhandels verurteilt worden waren. Männer, die als Wohnsitz die Adresse einer Pizzeria, eines Restaurants oder einer Eisdiele angaben und die von einem Mafia­stützpunkt zum anderen wechselten, von Duisburg nach Weimar, von Weimar nach München, von München nach Erfurt.

In den Jahren nach dem Duisburger Massaker waren die Bosse vor allem darum bemüht, die Deutschen wieder in jenen Schlaf zurückzuwiegen, in dem sie sich vierzig Jahre lang befunden hatten. Das Blutbad von Duisburg wurde als Betriebsunfall verbucht, der sich möglichst nicht wiederholen sollte. Domenico Pizzata, einer der Angeklagten des Duisburger Massakers, der in erster Instanz freigesprochen wurde, konnte dank seiner deutschen Anwältin den Lesern der «Rheinischen Post» anvertrauen, dass sein sehnlichster Wunsch sei, so bald wie möglich wieder die beste Pizza von Kaarst zu backen: Pizza Romana, mit Schinken und Champignons. Was er nicht sagte, war, dass bei der Durchsuchung seiner Wohnung zwei Schachteln mit 22-Millimeter-Munition gefunden worden waren, etwa zweihundert Stück. Wie auch ein Ausweis für einen Schiessstand. Aber es mag sein, dass Domenico Pizzata nichts anderes ist als ein begeisterter Sportschütze.

Jetzt fragt man sich natürlich: Kann ich noch guten Gewissens meine Pizza essen? Woran erkenne ich denn eine Mafiapizzeria? In Kalabrien, Kampanien oder Sizilien misstraut man generell Lokalen, die mit hohem Aufwand eingerichtet sind und in denen kaum je ein Gast gesehen wird – Geldwäsche funktioniert auch ohne viel Kundschaft. Überdies kennt man sich, die Mafiaverbindungen eines Wirts sprechen sich schnell herum. Im Ausland jedoch funktioniert das nicht. Es gibt keine Erkennungszeichen, und in manchen Pizzerien der Mafia brummt das Geschäft. Das macht ihre Stärke aus.

In Palermo existiert ein Stadtplan, auf dem die Anti-Mafia-Organisation Addio Pizzo alle Geschäfte aufführt, die sich weigern, Schutzgeld zu zahlen. Schön wäre so ein Plan auch für die Schweiz und für Deutschland. In Berlin wurde immerhin ein Anfang gemacht. Hier waren die Duisburger Mafiamorde der Anlass, die erste Anti-Mafia-Initiative auf deutschem Boden zu gründen: Nach einem Erpressungsversuch schlossen sich italienische Gastronomen und andere in Berlin lebende Italiener zur Initiative «Mafia? Nein danke!» zusammen. Sie wollten nicht länger ertragen, von der Mafia in Geiselhaft genommen und bedroht zu werden, sie wollten sich nicht dem Schweigegebot beugen, sie wollten ein Zeichen setzen: sagen, was sie wissen über die Mafia in ihrem Ort. Zum Beispiel über die Versuche der Bosse, die Gastronomen zu zwingen, ihnen für überhöhte Preise Lebensmittel, Weine und Restauranteinrichtungen abzunehmen. Das verdient unsere Solidarität. Im Grunde sind nämlich alle anständigen Italiener Opfer der Mafia. Denn die Mafia vereinnahmt und pervertiert genau die Werte, für die Italien geliebt wird: die Herzlichkeit, die Grosszügigkeit, die Gastfreundschaft.

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