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PETRA RESKI

Wolf Schneider in der NDR-Talkshow

In der Nacht zum 11. November 2022 ist mein Lehrer Wolf Schneider gestorben. „Er starb am Alter und daran, dass sein Lieblingssohn vor vier Wochen tödlich verunglückt ist. Das hat ihm das Herz gebrochen“, schrieb seine Tochter Susanne Schneider. Das dachte auch ich. Detlef Esslinger schrieb in seinem Nachruf, dass Wolf Schneider sich nach dem Tod seines Sohnes Curt im Grunde zum Sterben hingelegt habe. Es würde zu ihm passen.

Erst mit 87 Jahren hat er mit dem Unterrichten aufgehört. Nicht weil er es musste. Sondern weil er es wollte. Mit 90 Jahren schrieb er seine Autobiografie – mit dem Untertitel „Mein langes, wunderliches Leben“, auf deren letzten Zeilen eine große Liebeserklärung an seine Frau Lilo zu lesen ist. Seine Familie – Schneider war Vater von vier Kindern – ist auch der Beweis dafür, wie überzeugend Schneiders Liebe für seinen Beruf war: Drei seiner vier Kinder und eine Enkelin sind Journalisten geworden. 

Bei Kriegsende war Wolf Schneider zwanzig Jahre alt. Er gehörte zu jener Generation, die gezeichnet ist vom Misstrauen gegenüber dem Pompösen, der Manipulation und der Macht. Er hatte erfahren, wie es ist, wenn die Sprache zum Werkzeug der Propaganda wird und die Propaganda im Massenmord endet. Uns in der Journalistenschule gutes Deutsch beizubringen, bedeutete mehr, als nur auf Hülsen, Bandwurmsätze und überflüssige Adjektive zu verzichten, er wollte, dass wir genauer hinschauen, denken, ordnen, analysieren. ‚Mit Worten ordnen wir die Welt‘, hat Ihr Mann einmal gesagt, schrieb der Bundespräsident in seinem Kondolenzbrief – und das ist vielleicht Wolf Schneiders wichtigste Hinterlassenschaft.

Keine Sekunde seines Lebens war Wolf Schneider ein Einerseits-Andererseits-Journalist, bei Springer flog er als Chefredakteur raus, weil er einen Kommentar gegen den chilenischen Diktator Pinochet drucken ließ, obwohl er wusste, dass Springer Pinochet schätzte. Ein Leben lang schwamm er gegen den Strom, getrieben von Neugier und Ungeduld. Wie ich anlässlich der Verleihung des Henri-Nannen-Preises für sein Lebenswerk schrieb:  Sein Ethos hat mich und viele andere Absolventen der Journalistenschule geprägt, und das ist Segen und Fluch zugleich. Nicht nur, weil wir bis heute seinen Hauch in unserem Nacken spüren, wenn wir schreiben – das nur zum Thema Unsterblichkeit – sondern auch, weil wir damit geschlagen sind, diesen hohen Maßstab bis heute an uns selbst und an den Journalismus anzulegen.

Was in den vielen Nachrufen dieser Tage selten erwähnt wird, ist, dass der große (und damit meine ich nicht seine Körpergröße) Wolf Schneider neben seinen vielen unbestrittenen Qualitäten auch über das verfügte, was das schöne Wort „Herzenswärme“ am besten beschreibt. In meiner Bergwerks-Reportage hatte ich darüber geschrieben, dass mein Vater unter Tage ums Leben gekommen ist. Ich dachte, dass ich das könnte, also mit einem gewissen Abstand auf mein eigenes Leben zu blicken und darüber zu schreiben. Aber ich konnte es nicht – und brach mitten in Hermann Schreibers kühler Analyse unserer Reportagen in Tränen aus. Und Schneider hat verstanden, dass man nicht über das dramaturgische Gerüst einer Reportage sprechen kann, wenn der Tod plötzlich im Raum steht.

Wenn ich an ihn denke, fühle ich Dankbarkeit. Er war einer der wichtigsten Männer meines Lebens. Die Erde möge Dir leicht sein, Wolf. Und natürlich wissen wir alle, dass Du unsterblich bist. 

Mein Mitgefühl gilt Lilo Schneider und seinen Kindern. Ihnen wünsche ich viel Kraft in diesen schweren Stunden.

 



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