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PETRA RESKI

Eine der angenehmen Seiten von Venedig besteht darin, vom Weihnachtswahn verschont zu bleiben. Während die restliche Welt bereits unter einer Kruste aus Engelshaar und Goldpapier und Bratäpfeln erstarrt ist, grübeln die venezianischen Geschäftsleute noch darüber nach, ob sie dieses Jahr tatsächlich Lichterketten aufhängen sollen, wenn ja, wie die Kosten geteilt werden sollen, und ob die Lichterketten bis Karneval hängen bleiben können, damit sich die Ausgabe lohnt. In den Restaurants fangen gelangweilte Kellner zwei Tage vor Weihnachten damit an, Watte zu Schneeflocken zu zerpflücken, hier und da Konfetti zu verstreuen, sowie Luftballons und Glitzergirlanden aufzuhängen – damit man mit der Dekoration auch an Ostern noch auf der sicheren Seite steht.

In der ersten Adventswoche belächle ich noch das ferne, von Glühwein, Pfeffernüssen und Weihnachtsmärkten verpestete Deutschland, in der zweiten Adventswoche spotte ich über die englische Seuche, jeden empfangenen Weihnachtsgruß wie eine Trophäe auf dem Kaminsims aufzustellen – jedoch spätestens in der dritten Adventswoche renne ich mit Tunnelblick durch Venedig, auf der Suche nach Weihnachtskarten.

Es gibt dafür keine rationale Erklärung, man kann mir weder Urlaubspostkarten noch Geburtstagsglückwünsche nachsagen, doch kurz vor Weihnachten bricht in mir eine gewisse Tendenz zur Frömmelei aus, anders kann ich mir mein Verhalten nicht erklären. Vergeblich suche ich in der venezianischen Weihnachtsdiaspora nach Weihnachtskarten. Selbst an Engel kommt man hier nur über Beziehungen, der Rest besteht aus jahreszeitlich neutralen Motiven, zugeschnitten auf Touristenbedürfnisse: handgeschöpfte Ansichten des Canal Grande, Dogen auf Marmorpapier und venezianische Löwen aus Pflanzenfarben.

Inzwischen sind es nur noch fünf Tage bis Weihnachten, selbst Motive wie Weihnachtsmänner in Minirocken würden mich nun glücklich machen, meinetwegen auch Hand- oder Fußgemaltes, ich wäre mir nicht zu schade, eine Prägekarte mit der Aufschrift „Weihnachten heißt: Gott holt uns ab. Egal, wo wir sind“ zu kaufen und schäme mich nicht zu gestehen, dass ich in meiner Not einmal Weihnachtskarten selbst gebastelt habe: Ich stempelte kleine, goldene Engelsköpfe auf Büttenpapier, und das, obwohl ich ein erklärter Feind des Bastelns bin, schon als Kind bin ich beim Strohsternekleben gescheitert. Mal saß der Engelskopf nicht richtig in der Mitte, mal war er verwackelt, weil ich den Stempel nicht fest genug gedrückt hatte, am Ende waren meine Finger und Haare mit Goldfarbe verklebt, das Genick versteift, aber das ist der Preis, wenn man die Menschheit retten will.

Erst schreibe ich langjährigen Freundinnen und sympathischen Kollegen. Dann schreibe ich flüchtigen Bekannten und unsympathischen Kollegen. Dann meinen Tanten und meinen zahlreichen, entfernten polnischen Verwandten. Jetzt könnte ich eigentlich aufhören, aber ich kann mich in meiner Güte nicht mehr bremsen, rücksichtslos schreibe ich weiter, an verblichene Liebhaber, an den neapolitanischen Camorrista, den ich bei einer Reportage kennengelernt habe und der ja schließlich auch ein Mensch ist, und an den Chefredakteur, mit dem ich mich wegen einer gestrichenen Passage in meiner letzten Reportage überworfen habe.

Erschwerend kommt hinzu, dass meine Weihnachtsbotschaft persönlich sein soll, eine Kurzgeschichte in drei, vier Zeilen, schließlich bin ich jemand, der sein Leben mit Schreiben verbringt, da herrscht eine gewisse Erwartungshaltung, die mich etwas unter Druck setzt. Aber nur die ersten zehn Karten lang, dann habe ich keine Zeit mehr und gehe dazu über, an alle den gleichen Grußtext zu schreiben, den Erfolgreichen Erfolg, den Arbeitssüchtigen Arbeit und den Liebhabern ein Liebesleben zu wünschen, froheweihnachtengutenrutsch, fertig, zumal ich mit dem Handikap geschlagen bin, jede Weihnachtskarte zwei Mal schreiben zu müssen, weil ich die Schönschrift nicht hinkriege.

Auch angesichts dieses Unvermögens dachte ich letztes Jahr daran, Weihnachtsemails statt Weihnachtskarten verschicken. So wie der Rest der Welt auch, minütlich gingen Weihnachtsemails mit munteren Fotomotiven ein: Hund mit Weihnachtsmannmütze/ Ehemann mit Kerze auf dem Kopf vor Weihnachtsbaum/ Kind mit Strohsternen. Und fast immer der gleiche Text: Ich wünsche Ihnen/euch/dir frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr bei guter Gesundheit. Nur ehrgeizige Kreative zitierten die Bibel: Und die Erde war wüst und leer. Genesis 1,2.

Ich habe dann einen Engel fotografiert. Und ihn an alle geschickt. Klick und weg. Allerdings schloss das meine polnischen Verwandten, meine Tanten und den Camorrista aus, weil sie über keinen Email-Anschluss verfügen. Heimlich habe ich dann noch sechzig Weihnachtskarten mit der Hand geschrieben. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich sonst in die Hölle komme.



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    Christel Muser
    3. April 2021

    Eine zum heulen schöne Beschreibung über unser aller kleinen unerklärlichen Besonderheiten , aber das macht doch “Mensch sein”aus.

    • avatar image
      reski
      21. April 2021

      Danke, das freut mich sehr!

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