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PETRA RESKI

In Venedig wird ja demnächst ein neuer Bürgermeister gewählt oder vielleicht eine Bürgermeisterin (?), okay, auf alle Fälle  habe ich ja schon mal kandidiert, aber jetzt wird es ernst. Brugnaro, unser Minitrump, ist schon zu großer Form aufgelaufen, also Spritz und rosa Luftballons für alle, und die internationale Presse wird auch eingeflogen, (40 Journalisten, einziges deutsches Medium: DIE WELT). Damit sie – nein, nicht darüber berichten, dass in diesem Jahr 20 Prozent mehr Kreuzschiffe in Venedig an- und ablegen werden, auch nicht, dass Venedig jedes Jahr tausend Einwohner verliert, und die Luft hier so schlecht ist, dass ein Nachmittag an einer Ampel am mittleren Ring in München gesünder ist als ein einziges kurzes tiefes Einatmen am Markusplatz, auch nicht, dass seit 17 Jahren an einem Flutsperrwerk gearbeitet wird, das bezeichnenderweise MOSE heißt und Venedig mehr schadet als nützt, ein Megaprojekt, das 5,5 Milliarden Euro kostet, von denen die europäische Investitionsbank freundlicherweise 1,5 Milliarden beigesteuert hat, und das vermutlich nie funktionieren wird (was im Übrigen kein Verlust wäre, dazu demnächst mehr). Die Journalisten werden nicht mal erfahren, dass es hier inzwischen mehr Airbnb-Betten als Hotelbetten gibt, was ja eigentlich ein Thema wäre, das den Hotels eine Sorge bereiten sollte. Tut es aber nicht: Sie mieten selbst Wohnungen, die dann dependance genannt werden.

Nein, die internationale Presse wird von der Stadt Venedig und vom venezianischen Hotelverband eingeladen, um endlich die von den venezianischen Hoteliers als Fake-News bezeichnete Berichterstattung (abschreckende Beispiele hier oder hier oder hier) über das verheerende Hochwasser zu korrigieren. Deshalb heißt die Aktion auch #VeneziaOltre. Die wichtigsten Informationen erhalten die Journalisten natürlich beim Gala-Essen und der Audienz beim Papst Bürgermeister Brugnaro. Ich wurde leider nicht eingeladen. Schade eigentlich. Zumindest die Flugkosten hätte man bei mir gespart.

Auf jeden Fall geht es hier weiter, nämlich mit #FreeVenice, einer Gruppe gleichgesinnter Venezianer, die für die Autonomie von Venedig und Mestre gekämpft haben und zu denen auch meine Wenigkeit gehört. Wir haben ein Manifest geschrieben, für dessen Verwirklichung wir uns auch in diesem Wahlkampf einsetzen wollen: Stay tuned!

DAS MANIFEST IN 5 PUNKTEN:
1. VENEDIGS BEFREIUNG AUS DER ZWANGSEHE MIT DEM FESTLAND
2. BESONDERHEIT UND SPEZIALSTATUS
3. SCHUTZ DER LAGUNE
4. LABORATORIUM DER ZUKUNFT
5. VENEDIG GEHÖRT DER WELT

 

1. BEFREIUNG VENEDIGS AUS DER ZWANGSEHE MIT DEM FESTLAND

Venedig verfügt über keine eigene Stadtverwaltung, sondern lebt in einer Zwangsehe mit dem Festland, die ein Relikt des Faschismus ist: Die „erweiterte Kommune“ entstand 1926 unter der Regierung Mussolini, geschaffen von einer Gruppe von Industriellen, die Venedig mit dem Industrieareal von Marghera und der gerade entstehenden Arbeitersiedlung von Mestre zwangsvereinigten.
Zur Zeit von Mussolini lebten auf dem Festland lediglich 40.000 Einwohner, in Venedig hingegen fast 200.000 Einwohner.
Heute hingegen hat sich das Verhältnis umgekehrt: Wenn der Bürgermeister gewählt wird, wird er nicht von den 79.000 venezianischen Inselbewohnern gewählt, sondern von den 180.000 Festlandsbewohnern, die in Mestre, Marghera, Favaro, Campalto und Chirignago-Zelarino in einer Welt leben, in einer Welt, die sich fundamental von der Venedigs unterscheidet.
Dieser demokratische Notstand war der Auslöser für ganze fünf Volksabstimmungen. Bei der letzten haben sich 66,11 Prozent der Wähler der Kommune Venedigs für die Autonomie von Venedig und von Mestre ausgesprochen – ungeachtet der Tatsache, dass der Bürgermeister und drei ehemalige Bürgermeister die Bürger zur Stimmenthaltung aufgerufen haben: In keiner Demokratie fordert man die Bürger auf, auf ihr Wahlrecht zu verzichten

2. BESONDERHEIT UND SPEZIALSTATUS

Die Trennung Venedigs vom Festland ist die notwendige Voraussetzung, um den Spezialstatus zu erreichen, der Venedigs Besonderheit als Insel gerecht wird. Der Spezialstatus, basierend auf dem Vertrag von Lissabon, kann bislang nicht angestrebt werden, weil sich in der heutigen Verwaltungsform zwei Drittel der Kommune Venedigs auf dem Festland befinden.
Dank des Spezialstatus’ könnte Venedig über Steuererleichterungen und Freistellungen verfügen, mit denen neue Einwohner und Qualitätsunternehmen angezogen werden könnten, die mit einem der fragilsten Ökosysteme der Welt kompatibel sind. Indem Unternehmen angesiedelt würden, könnte sich Venedig wieder in einen Lebensraum verwandeln und somit die touristische Monokultur überwinden, die von allen venezianischen Bürgermeister der letzten 30 Jahre gepredigt wurde.
Ohne seine Bewohner ist Venedig tot: Unser Kampf für den Spezialstatus ist der Überlebenskampf einer Kultur gegen den Ausverkauf unseres Alltagslebens.

3. SCHUTZ DER LAGUNE

Venedig und seine Kulturgüter können nicht ohne die Lagune gerettet werden: Wir kämpfen für eine Renaturalisierung der Lagune: Sie ist unsere Lunge, mit ihr verteidigen wir unsere Gesundheit:
Venedig ist die italienische Hafenstadt mit der höchsten Luftverschmutzung – sie muss vor Entscheidungen geschützt werden, deren Interessen sich woanders befinden (das lehrte uns der Skandal um die Hochwasserschleuse MOSE). Aber schon heute, nach dem zweithöchsten Hochwasser in der Geschichte Venedigs, wird bereits wieder davon gesprochen, den Kreuzfahrthafen dank einer Vertiefung des Kanals Vittorio Emanuele in Venedig stabil einzurichten, obwohl die gesamte wissenschaftliche Welt die Schäden der Morphologie der Lagune bestätigt hat, die durch weiteres Ausbaggern der Kanäle zugefügt werden.

4. LABORATORIUM FÜR DIE ZUKUNFT
Wie keine andere Stadt der Welt muss sich Venedig zwei der größten globalen Herausforderungen unserer Zeit stellen:
Die Klimaveränderung und der Overtourism, der touristischen Überfüllung durch den Massentourismus.
Anstatt unter den Füßen von 33 Millionen Touristen jährlich zu versinken, wäre Venedig der ideale Sitz für eine internationale Umweltorganisation.

5. VENEDIG GEHÖRT DER WELT
Und deshalb benötigen wir Eure Unterstützung.
Wir rufen alle Freunde Venedigs auf: Helft uns zu überleben – sonst wird Venedig unrettbar untergehen.
Nur Euer Einsatz kann uns davor bewahren, so zu enden wie Pompeji.

 



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    Kurt Noll
    23. Februar 2020

    Corona-Virus in Italien

    Sehr verehrte Frau Reski,
    am Samstagabend wurde den Passagieren eines Fluges der Korean Air die Einreise nach Israel verweigert. Lediglich die 12 Israelis die sich an Bord befanden durften das Flugzeug verlassen. Sie wurden direkt am Flugzeug abgeholt und in Quarantäne verbracht. Der Flieger mit den an Bord gebliebenen Passagieren wurde nach Korea zurückgeschickt. Unter Protest des südkoreanischen Außenministeriums, welches diese Maßnahme als “übertrieben und unvernünftig” ansah. Dennoch steht in der Diskussion, Israels Grenzen für alle “Nichtbürger” ganz schließen.

    Nachdem in Italien inzwischen schon einige Isolationsbereiche ausgewiesen wurden und der Karneval in Venedig vorzeitig endete, müsste man doch annehmen können, dass die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe Venedig nicht mehr betreten dürfen. Ist das so – oder schert das keinen (nach dem Motto, Geschäft ist Geschäft)?

    Meine besten Wünsche nach Venedig und hoffentlich bleiben Alle gesund

    Kurt R. Noll

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      reski
      26. Februar 2020

      Ich hoffe das sehr! Aber die Kreuzfahrtsaison beginnt erst im März, mal sehen, wie dann die Lage ist!

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