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PETRA RESKI

Für Leute, die auf schlechten Geschmack allergisch reagieren, ist Venedig vielleicht nicht unbedingt das ideale Reiseziel. Finde ich. Nicht, weil hier und da der Putz bröckelt, die Kanäle komisch riechen (fand jedenfalls meine Tante Anita, damals auf der Rückreise von Jugoslawien), oder weil die Sechzigerjahre-Fassade des Luxushotels Bauer neben der Barockkirche von San Moisè wirkt wie der Eingang zu einem OBI-Markt (leider ist die venezianische Sitte aus der Mode gekommen, Architekten für ihren schlechten Geschmack auf dem Markusplatz zu teeren und zu federn). Sondern weil Venedig von Menschen besucht wird, die für die Ästhetik ihrer Erscheinung so empfänglich sind wie Islamisten für Pazifismus.

Hyposensibilisierungsprogramm für Venedig

Falls Sie dennoch darauf bestehen, Venedig zu besuchen (wie 33 Millionen Menschen jährlich), würde ich Ihnen vor Antritt der Reise zu einem kleinen Hyposensibilisierungsprogramm raten. So wie sich Allergiker zum Aufbau einer natürlichen Toleranz impfen lassen, sollten Sie sich dahin begeben, wo Menschen gerade ihre Garage ausmisten oder von Aufräumarbeiten nach einem Tornado nach Hause kommen und auf den nächsten Großeinsatz des Technischen Hilfswerks warten. Jetzt müssen Sie diese für den Einsatz ausgerüsteten Menschen multiplizieren und sie sich vor barocken Kirchen, in Renaissance-Klostergängen oder auf den Stufen byzantinischer Adelspaläste in Herden liegend vorstellen – schon haben Sie es geschafft, sich für den Besuch von Venedig abzuhärten, wie Gräser- und Hausstaubmilbenallergiker dank sublingualer Immuntherapie.

Funktionskleidung

Nun werden Sie Venedig genießen können und sich nicht mehr davon irritieren lassen, dass die Stadt von Menschen in Funktionskleidung bevölkert wird. Sie dient dazu, sich jederzeit störungsfrei auf den Boden in den Taubendreck fallen lassen und mitgebrachte Brote verzehren zu können. Männer tragen kurze Hosen, die speziell für Einsätze in tropischen Gebieten, Wüsten oder Venedig gedacht sind, dazu praktische Outdoorwesten für den Hundesport (statt Trillerpfeifen und Hundeleinen in den Taschen Mineralwasserflaschen und ein Falkplan, aus dem man an einem schattigen Ort einen Origami-Schwan falten kann), gegebenenfalls auch Anglerwesten (statt Angelrollen und Raubfischfutter in Dosen: hartgekochte Eier und Salamibrötchen) oder Safarijacken (im Herbst empfiehlt sich die langärmelige Beretta-Serengeti-Jacke). Basecaps (ggf. mit Nackenschutz) sind ebenso unerlässlich wie Rucksäcke (auf dem Rücken, aber auch vor dem Bauch hängend). Bei den Damen sind enganliegende Stretch-Yogahosen aus dem Yogi-Shop beliebt, vorzugsweise aus Biobaumwolle, in denen sich die Damen ebenfalls auf den Boden fallen lassen können, ohne dass etwas zwickt oder zwackt: Derart befreit, können sie nun auf einem Treppenabsatz, einer Brücke oder in einem Hauseingang sitzend den süßen Nektar der Stille genießen und nach Verzehr des Obstsalats im Tuppertopf schnell zur eigenen Mitte zurückkehren. Flipflops sind im Sommer ein Must. Für unsicheres Wetter bieten sich Treckingsandalen an.

Venezianer-Watching

Derart immunisiert, wird es Ihnen auch Spaß machen, die letzten verbliebenen Venezianer (knapp 54 000) in freier Natur zu beobachten: Sie erkennen Sie daran, dass sie keine Mineralwasserflasche in der Hand halten. Die Männchen tragen oft dunkelblaue Anzüge, selbst im Sommer, und die sehr seltenen Venezianerinnen erkennen Sie daran, dass sie auf Zwölf-Zentimeter-Stilettos anmutig wie Flamingos über das Pflaster balancieren und Fremden gegenüber keine Scheu zeigen, außer wenn Sie ihnen in einer engen Gasse im Weg stehen, dann zischen sie wie Schwanenmütter. Im Sommer sieht man mit etwas Glück kleine Venezianer am Strand des Lido spielen. Unbedingt Abstand halten und aus der Ferne bewundern, damit sie nicht flüchten! Werfen Sie Ihnen keine Nüsschen zu, manche von ihnen sind bissig.



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