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PETRA RESKI

Lernziel Fahrstunde Nr. 2 lautete: Fahren und Wenden im rio. Das ist Zentimeterarbeit, weil die Kanäle (rii auf Venezianisch) oft schmaler sind als das Boot lang. Bevor wir losfuhren, war ich geheißen, die Basics der Wendemanöver zu üben: Vor- und Rückwärtsfahren, also praktisch mit dem Boot in unsere Anlegestelle rückwärts einparken. Dabei immer schön daran denken, dass man nicht einfach stehen bleiben kann, weil es ja keine Bremse gibt und dass man das Steuer in die Richtung zieht, in die man nicht will. Im Grunde einfach. Seiltanzen ohne Netz kann man ja auch lernen.

Als ich das einigermaßen beherrschte, sollte ich mich im Kanal bewähren. Wobei ich gleich zu Beginn etwas unelegant in einen Seitenkanal eingebogen bin. Genauer gesagt, ich steuerte ziemlich direkt auf die Ufermauer zu, wobei ich die dort sitzenden und picknickenden Touristen wie einen Taubenschwarm aufscheuchte, mein Fahrlehrer riss in letzter Sekunde das Ruder herum, die Touristen sprangen auf und ließen vor Schreck ihre Pizzastücke in den Kanal fallen.

Kurz darauf befand ich mich in einem engen Kanal, in dem mir rechts und links (!) Gondeln entgegen kamen, was sofort die mühsam eingeprägte Grundregel Nummer fünf – Rechtsverkehr gilt nicht, wenn eine Gondel vorbeifährt. Wenn sie in einem schmalen Kanal entgegen kommt, muss man sehr, sehr vorsichtig an der Seite der Gondel vorbeifahren, wo das Ruder ist. Also links – ad absurdum führte.

Piano, piano, sagte mein Fahrlehrer in diesem beruhigenden Ton, in dem man mit Leuten spricht, die auf einem Fenstersims stehen und in den Abgrund blicken. Aber: Ich habe es geschafft, an den beiden Gondeln vorbeizukommen, ohne sie zu versenken.

Das hat mich so beflügelt, dass ich an der nächsten Kreuzung (irgendwo in Cannaregio) beim Einbiegen etwas (aber wirklich unwesentlich, nur ein paar Zentimeter) zu weit ausholte, also einen zu großen Bogen schlug. Und in diesen Bogen rauschte ein riesiger Lastkahn rein, ein bragosso (hier eine Erklärung, leider nur auf Venezianisch), der aussah wie ein Wikingerboot, also etwas in dieser Größenordnung:

Der Wikinger am Steuer beschimpfte mich auf Venezianisch. Aber Gottchen, kommt ja vor, dass man nicht ganz elegant einbiegt. Mein Fahrlehrer fand auch, dass dieser bragosso zu schnell gefahren war und die Vorfahrtsregeln nach dem Recht des Stärkeren interpretiert hatte. Und an dieser Stelle muss ich hervorheben, dass mein Fahrlehrer Enrico ein Veneziano DOC ist, der nicht nur Boot fahren, sondern auch auf venezianische Art rudern kann, vogare, kurz: In seinen Adern fließt Lagunenwasser.

Wir hatten den Vorfall schon fast vergessen und übten noch weitere Manövriermanöver in einem stillen Seitenkanal, als der Wikinger wieder anrauschte und Enrico einen langen Vortrag über den Wert seines historischen bragosso hielt. Enrico hörte ihm schweigend zu. Obwohl ich am Steuer saß, beachtete der Typ mich nicht, ich war für ihn so interessant wie ein herumliegendes Tau.

“Wie heißen Sie?”, brüllte der Wikinger. Und Enrico: “Erst mal möchte ich Ihren Namen wissen.” Darauf der Wikinger: “Warum wollen Sie mir Ihren Namen nicht sagen? Sind Sie ein Mafioso?”

In dem Moment wäre ich dem Typen am fast an den Hals gegangen, habe mich aber, wie es nicht meine Art ist, zurückgenommen und versucht, mich weiter auf meine Rolle als herumliegendes Tau zu konzentrieren. Der Wikinger tobte: Wir hätten ihm die Vorfahrt genommen und sein Boot geschrammt – wobei er auf eine verrostete Schramme an seinem Kahn deutete.

Das war jetzt echt too much, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich war zwar unelegant eingebogen, aber mit seinem Scheißding überhaupt nicht in Berührung gekommen.

“Die Schramme ist uralt”, sagte ich, “das wissen Sie doch selbst!” Der Wikinger blickte erstaunt auf: Ein Tau, das spricht!

“Aber das kostet Sie doch nichts, Sie haben doch eine Versicherung”, sagte er seelenruhig. “Aber warum sollten wir für einen Schaden zahlen, den wir nicht verursacht haben?”, erwiderte ich. “Weil Sie das ja nicht bezahlen, sondern die Versicherung”, sagte er allen Ernstes, und während ich noch nach einem angemessenen Ausdruck für Versicherungsschwindel suchte, rauschte der Wikinger beleidigt weiter.

Als er weg war, mischten sich ein paar Venezianer ein, die das Ganze vom Ufer und aus den herumliegenden Booten beobachtet hatten. El xe matto, sagten sie auf Venezianisch, der Typ sei nicht ganz dicht und als solcher im rio schon bekannt. Außerdem sei er früher Direktor einer Bank in Venedig gewesen. Und von denen erwartet man ja jede Schlechtigkeit.



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