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PETRA RESKI

Neulich war ich im Kino, habe mir den Film Die Verlegerin angesehen und war danach so nostalgisch gestimmt, dass ich all die Journalistenkollegen hätte küssen können, die ich damals, als ich nach der Journalistenschule beim STERN anfing, noch für Kotzbrocken hielt.

Okay, jetzt könnte man sagen: ja klar, Ami-Film und Selbstbeweihräucherung einer sterbenden Branche. Außerdem:  Tom Hanks kommt immer gut als Held, und wie Meryl Streep ihre Brille zusammenklappt, das ist einzigartig.

Aber ich musste erst gestern wieder an den Film denken, als ich in der SZ das Bild sah, wie die Crème de la Crème des Blattes, nein, nicht bei Sigmar Gabriel auf dem Schoß saß, da hätten nicht alle auf einmal hingepasst, aber fast.

Es ging dabei natürlich um einen höheren, ja einen guten Zweck, die Freilassung von Deniz Yücel. So gesehen, glaubten sich die Kollegen fein raus. Aber glücklicherweise gibt es ja noch ein, zwei Medienkritiker, die unter Medienkritik mehr verstehen, als das Goldene Blatt anzuschwärzen. Der Autor Michael Meyen schreibt im Medienblog:

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Der Außenminister in trauter Journalistenrunde. Damit kein Zweifel aufkommt, hat die Süddeutsche Zeitung dann doch noch eine ganze Seite vollgeschrieben und ihr Prunkstück, die Seite 3, geopfert. Eine riesige Werbung für Sigmar Gabriel. Bezahlt hat der Minister mit ein paar Insider-Infos und dabei gleich noch den Journalismus mitgekauft.

Er sprach mir aus dem Herzen. Denn wenn ich das richtig verstanden habe, war der Journalismus doch eigentlich dafür gedacht, sich mit wirklich Mächtigen anzulegen, weshalb es nur logisch ist, zu fordern, Hintergrundgespräche öffentlich zu machen und so die „gewöhnlich gut informierten Kreise“ zu sprengen. (Ob das der Sinn dieser Seite Drei war?) Aber vielleicht wäre es eine gute Idee, mal öffentlich zu machen, welcher Journalist welcher Partei und welchem Think-Tank angehört, damit der Leser weiß, woher der Wind weht.

Die Kungelei zwischen Journalisten und Politikern hat dafür gesorgt, dass kein Leser mehr die Notwendigkeit verspürt, überhaupt noch eine Zeitung zu kaufen. Was die Italienberichterstattung betrifft, lesen wir darin nichts anderes als das, was Merkel, Gabriel, Schulz (oder vorher Schröder, Steinbrück, oder wer auch immer in der ersten Reihe stand) von Italien halten. Lesen Sie die SZ oder die ZEIT, dann erfahren Sie nichts über Italien, aber alles darüber, wie wir Deutschen über Italien zu urteilen haben.

Remember Griechenland? Das Cover von Focus, die Aphrodite mit dem Stinkfinger? Da war es ähnlich. Bis heute weiß doch kaum ein Deutscher, dass die Griechenlandrettung eigentlich eine Rettung deutscher und französischer Banken war. Aber jeder Deutsche weiß, dass die Griechen auf Pump leben und von uns durchgefüttert werden sollen. Und genau so funktioniert auch das Italien-Bild der Qualitätsmedien.

Ja, irgendwie schade. Besonders jetzt, wo in Italien wieder gewählt wird (leider konnten wir Deutschen das nicht verhindern, nicht mal nicht den Sturz Renzis, den die deutschen Qualitätsmedien ja so sehr geliebt haben.) Schade, auch weil man sogar in Deutschland von Italien hätte lernen können. Etwa was den Fall der Linken (wenn man sie denn als solche bezeichnen möchte), also der SPD, betrifft. In Italien werden sie dafür abgestraft, jahrzehntelang mit Berlusconi gekungelt zu haben. (#GroKo all’italiana) Die nach den Wahlen natürlich am liebsten weitergeführt werden sollte. Und die auch der deutschen Politik auch am liebsten wäre. Praktisch alternativlos. Berlusconi ist kein Problem mehr, Hauptsache: Nieder mit der Fünfsterne-Bewegung. Und das schon so lange, dass es mich bereits langweilt, mich noch mal darüber auszulassen.

Ich kann die deutschen Artikel über die Fünfsterne-Bewegung schon singen. Ich müsste sie gar nicht mehr lesen, weil es immer nach dem gleichen Muster abläuft: Wir googeln uns etwas zusammen aus Repubblica+Corriere+Messaggero+Stampa, reichern das an mit ein paar Klecksen aus Interviews mit furchtlosen Abweichlern der Fünfsterne-Bewegung (“die kritischen Stimmen”), reden aber zur Not noch mit einem Fünfsterne-Abgeordneten, falls wir es nicht hingekriegt haben, Grillo selbst zu interviewen, und stellen nach einer Stunde Interview mit dem Abgeordneten fest, dass er nichts von Belang gesagt hat. (Zu hoffen ist, dass der Berichterstatter  der ZEIT wenigstens gut gegessen hat, das ist schließlich der einzige Grund, weshalb man nach Italien fährt.)

Sein Kollege, der tapfere SZ-Korrespondent, stieß auf den Fünfsterne-Bürgermeister von Marino, eine sogenannte Langzeit-Recherche. Weil es ihm aber nicht gelang, über diesen Bürgermeister etwas Negatives zu berichten (“zu langweilig”), beschränkte er sich in seiner Not auf das übliche Virginia-Raggi-Bashing: “Nie war die Stadt schlechter regiert als mit Virginia Raggi: Amateurhaft, beliebig, ein einziges Roulette”.

Ich frage mich nur: Woran macht er das fest? Die Stadt wurde 30 Jahre lang erst von Neofaschisten, dann von der PD (der Renzipartei) regiert, stets in Eintracht mit der Mafia – deren Erbe Viriginia Raggi zu beseitigen versucht. In den 30 Jahren wurde in den deutschen Qualitätsmedien kein Wort über die römische Korruption verloren. Das Virginia-Raggi-Bashing hingegen findet sich in den deutschen Medien in einer Häufigkeit wieder, dass man meinen könnte, sie wäre eine Serienkillerin.

Und trotz aller Anstrengung konnten es die deutschen Qualitätsmedien nicht verhindern, dass die Fünfsterne-Partei die stärkste Partei in Italien wurde. Praktisch the worst case, angesichts der Tatsache, dass die Italiener am 4. März wählen werden. Was mich daran erinnert, was ich vor zehn Jahren schrieb (ja, es gibt doch nichts Schöneres, als sich selbst zu zitieren!):

Meine deutschen Kollegen fragen mich: Wie kann es sein, dass die einzigen ernst zu nehmenden Oppositionellen in Italien ein Komiker, ein Philosoph, ein Journalist und ein ehemaliger Staatsanwalt sind? Und ich sage: Italien ist ein Land, in dessen Parlament 70 vorbestrafte Parlamentarier sitzen. Aber es ist auch ein Land, in dem Millionen von Italienern auf die Straße gehen, um gegen die Herrschaft dieser vorbestraften Parlamentarier zu demonstrieren.

Damals gab es die Fünfsterne-Bewegung noch nicht, Grillo hatte allerdings schon meine Sympathie, genau wie Marco Travaglio, der Journalist, der Philosoph Paolo Flores D’Arcais und der ehemalige Staatsanwalt Antonio Di Pietro. Und, ja, nach all der Zeit in Italien (Damen nennen keinen Zahlen), in der ich Gelegenheit hatte, mit eigenen Augen zu sehen, wie die Rechte der Italiener von Parteien mit Füßen getreten wurden, die von der Mafia finanziert wurden (wie Berlusconi) oder mit ihr in schönster Eintracht lebten (wie Renzis PD), stellt die Fünfsterne-Bewegung für mich die einzige ernstzunehmende Alternative da.

Sie ist die einzige Partei, die auf 48 Millionen Euro Parteienfinanzierung verzichtet hat und deren Abgeordnete sich ihre Diäten selbst gekürzt haben: Am Ende der Legislaturperiode haben die 130 Abgeordnete der Fünfsterne-Bewegung 23 Millionen Euro in einen Fond für kleine und mittlere Unternehmen eingezahlt, dank dem 7000 Start-Ups gegründet wurden.

Und wer jetzt, qua copy&paste aus der italienischen Regierungspresse mit dem Argument kommt, dass jetzt kurz vor den Wahlen (Zufall?) herauskam, dass sieben oder acht der 130 scheidenden Fünfsterne-Abgeordneten sich ihr Gehalt weniger gekürzt haben, als ihre Kollegen, dem sei gesagt, dass diese Abgeordneten genau das getan haben, was alle anderen italienischen Parlamentarier tun, nämlich ihre Bezüge zu kassieren, mit denen sich italienische Abgeordnete gemeinhin ihr Dasein versüßen. Im Unterschied aber zu den anderen Parteien, die selbst nicht davor zurückscheuen, Politiker zu Wahlen aufzustellen, wenn sie vorbestraft sind, werden die Fünfsterne-Abgeordneten, die gegen die Prinzipien der Bewegung verstoßen, nicht wieder zu Wahlen zugelassen.

So weit, so gut. Sicher es gab auch unter den Fünfsterne-Abgeordneten Enttäuschungen. Aber der Unterschied zu den anderen Parteien besteht immer noch darin, dass Korruption oder die Nähe zur Mafia für sie kein Empfehlungsschreiben ist.

Und so lange sich das nicht ändert, gehört ihnen meine Sympathie.

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