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PETRA RESKI

Noch heute meinte ich, ihn von Ferne gesehen zu haben, in der Calle della Mandola, in dieser leicht gebeugten Haltung auf seinen Stock gestützt. Im Sommer mit Panamahut, im Winter mit dieser kuriosen Prinz-Heinrich-Mütze. Und im Lodenmantel. Er gehörte vom ersten Tag an zu meinem Venedig. Wenn er mich sah, sagte er „Ciao Petra“ und ich antwortete „Buongiorno, come sta?“, weil ich es einfach nicht hinkriegte, ihn zu duzen. Nicht nur wegen der zwölfhundert Jahre venezianischer Geschichte, die er mitsamt Dogen, Entdeckern und Seeadmirälen verkörperte, sondern wegen der natürlichen Eleganz, die ihm zu eigen war. Venezianische Patrizier grenzen sich von den anderen italienischen Adeligen ab, indem sie ihrem Namen ein diskretes N.H. oder N.D. voranstellen: Nobil Homo oder Nobil Donna. Schließlich gab es Zeiten in Italien, da wurde jeder Versicherungsdirektor in den Adelsstand erhoben.

Girolamo Marcello del Majno war ein Aristokrat im besten Sinne – einer, der nicht mit dem Strom schwamm und der das Verhökern Venedigs ebenso verachtete wie ein Gesellschaftsleben mit Venezianerinnen, die beim Anblick des Savoyerprinzen in den Hofknicks verfielen, nur weil er den Titel „Prinz von Venedig“ trägt. Eine Idiotie ohnegleichen, wie der Conte fand, die vor allem bedeute, dass der König keine Ahnung von der italienischen Geschichte gehabt habe. Wie gut, dachte ich heute, dass der Conte Marcello nicht mehr erleben musste, wie die Knochen dieses in Italien äußerst unbeliebten, wenn nicht sogar verhassten Savoyerkönigs Vittorio Emanuele III. Vor wenigen Tagen erst auf Staatskosten nach Italien gebracht worden sind.

Kennengelernt habe ich den Conte Marcello, weil er einer von den wenigen Venezianern war, die gegen die endlosen Gondelserenaden aufbegehrt haben. „Der Venezianer“, sagte er, „hat nie in der Gondel gesungen. Er hat Handel getrieben, er hat intrigiert, er hat ganze Landstriche geplündert, aber gesungen hat er nie.“ Ich gestand ihm, einen Eimer Wasser auf eine Gondelserenade gekippt zu haben. „Einen Eimer?“, rief er, „ich habe auf unserer Terrasse hunderte stehen.“

Der Conte Marcello war nicht nur ein Freund von Josef Brodsky, sondern auch von meinem Gemüsehändler und von der deutschen Gondoliera, der er, nachdem die Gondolieri ihr die Zulassung versagt hatten, die Gondel seiner Familie zur Verfügung gestellt hat, im Rio Verona, unter seinem Palazzo.

Wie oft habe ich ihn befragt, wenn ich über Venedig schrieb – er antwortete vor der Commedia dell’Arte seiner freskengeschmückten Wand sitzend, ein Zigarillo rauchend, bärtig, füllig und mit tiefen Tränensäcken: Der Conte war ein Monument einer aussterbenden Rasse. „Venedig ist ein alter, vermodernder Baum, auf dem Schmarotzerpflanzen so lange gedeihen, bis sie ihn aufgefressen haben“ – ist einer seiner Sätze, an den ich denken musste, als er heute vor einer Woche zu Grabe getragen wurde, nach einer Trauerfeier in der Kirche von San Moisè, umgeben von seiner Familie und den letzten Nachfahren des venezianischen Hochadels.

Der Priester sagte, dass der Conte Marcello ein Venezianer DOC gewesen sei, was angesichts der über tausendjährigen Geschichte der Familie Marcello klang, als würde man einen tausendjährigen Olivenbaum mit einem industriell gezüchtetem Olivenbusch gleichsetzen, nur weil sie auf dem gleichen Boden wachsen. Ein Mitglied der Scuola Grande di San Giovanni Evangelista rühmte den Einsatz des Conte Marcello für die Aufarbeitung der Geschichte der Bruderschaft, ansonsten hielt leider niemand eine Rede. Eine Taube hatte sich in die Kirche verirrt, zu der alle hoffnungsfroh aufblickten, als der Priester wieder schier endlos die Apokalypse Jerusalems strapazierte, was unfreiwillig komisch war, weil alle an den amerikanischen Problempräsidenten denken mussten, der erst am Vortag Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte.

Der Conte hätte darüber bestimmt gelacht.



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