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PETRA RESKI

Gestern: Eurowingsflug aus Bari nach Köln hat Verspätung. Aus einer Viertelstunde wurden fast zwei. Ok. Kommt vor. Will hier auch gar nicht meckern. Zwei Stunden Verspätung, da lache ich drüber. Ich meine, wenn ich nur an den Flug neulich von Berlin nach Venedig denke, da habe ich zwei Tage gebraucht. Kam am Flughafen Schönefeld an (vor meinem geistigen Auge steigen bei Schönefeld immer steingraue NVA-Grenztruppen mit Pelzmützen und Ohrenwärmern auf, keine Ahnung warum), wo bereits Chaos herrschte, denn der Easyjet-Flug von Berlin nach Venedig war gestrichen worden. Der für solche Fälle vorgesehene Easyjet-Notfall-Plan griff sofort: Zwei durch zahlreiche Konfliktmanagementkurse geschulte Mitarbeiter übten sich in ihrer Pflicht zur Kooperation und Kommunikation und versuchten die auf Krawall gebürstete Menge zu besänftigen, indem sie ihr einen Weiterflug in zwei Tagen in Aussicht stellten. Nach wenigen Minuten hatte ich den Ernst der Lage erfasst, eine Freundin angerufen, mir ein Nachtlager besorgt und bei Air Berlin einen Weiterflug für den nächsten Tag gebucht, dieses Mal von Tegel über Düsseldorf nach Venedig.

Der Flug von Tegel nach Düsseldorf (vor meinem geistigen Auge steigen bei Tegel immer in doppelreihige, am-Bauch-spannende und mit Goldknöpfen bestückte Anzüge gezwängte Immobilienmakler auf, keine Ahnung, warum) hatte Verspätung. Aus einer Stunde wurden anderthalb. Als wir in Düsseldorf landeten, war der Flug nach Venedig weg. Wir stellten uns wie Schulkinder in einer langen Reihe vor dem Air-Berlin-Schalter auf, im blinden Vertrauen darauf, dass uns kompetente, in Deeskalation geübte Air-Berlin-Mitarbeiter einen Weiterflug nach Venedig vermitteln würden. Leider war das nicht der Fall. Als Unruhe ausbrach (in der Menge hatten sich Gerüchte breitgemacht, dass ein Einsatz von Schlagstöcken, von Air Berlin euphemistisch „Mehrzweckeinsatzstöcke“ genannt, und Polizeipferden nicht ausgeschlossen werden könnte), trat eine fließend Deutsch sprechende, dem Aussehen nach aber chinesisch anmutende Air Berlin-Mitarbeiterin vor uns und trieb uns wie eine Rotgardistin zurück in die Abflughalle, wo sich zwei Air Berlin-Mitarbeiter bereits hinter ihrem Schalter verschanzt hatten.

Auch hier zögerte ich nicht lange, buchte mir nach weiteren drei nutzlos verstrichenen Stunden in der Warteschlange einen Weiterflug für den Abend nach Venedig – wohinter sich die nicht ganz uneigennützige Überlegung verbarg, dass ich mit meinem fest gebuchten und bezahlten Ticket eine gewisse Priorität geniessen würde, gegenüber jenen, ähem, Schicksalsgenossen, denen es gelingen würde, sich durch die wütende Menge zum Schalter vorzukämpfen und die überforderten Air Berlin-Mitarbeiter zu überzeugen, ihnen einen Weiterflug in Aussicht zu stellen.

Ich checkte ein, passierte die Sicherheitskontrollen und wollte mich, inzwischen war es kurz vor neun Uhr abends, vor dem in zehn Minuten stattfindenden Boarding an der Bar mit einem Glas Weißwein belohnen. In dem Augenblick, an dem ich das Glas an meine Lippen führte, hörte ich, wie aus dem Lautsprecher die Ansage schepperte, dass der Air Berlin-Flug nach Venedig, leider, leider gestrichen worden sei. Alles Weitere würden die Mitarbeiter am Informationsschalter klären.

Schäfisch stellten wir wieder uns in einer Reihe auf, übten uns in Übungen buddhistischer Gelassenheit (Konzentriere dich auf deinen Atem ,und du fühlst dich unbeschwert und frei) – die allerdings sofort von uns, speziell von mir abfiel (Mitreisende hielten mich davor zurück, handgreiflich zu werden), als die Rotarmistin wieder auftauchte und erneut versuchte, uns in die Abflughalle zurückzutreiben.

Das war der Augenblick, in dem ich beschloss, mich per Zug durchzuschlagen. Ich teilte das dem hinter mir stehenden Mädchen mit, das ebenfalls zu den Gestrandeten des Easyjet-Fluges von Schönefeld am Tag zuvor gehörte. Meine Recherche hatte ergeben, dass in einer halben Stunde ein Zug von Düsseldorf nach München gehen würde, der um fünf Uhr morgens in München ankäme und mit dem wir um sieben Uhr morgens weiter nach Venedig fahren könnten.

Wir rannten zum Flughafen-Bahnhof. Fuhren zum Hauptbahnhof. Rannten die Treppe zum Gleis hoch – und sahen, wie der Zug nach München vor unseren Augen aus dem Bahnhof fuhr.

„Okay“, sagte ich. „Dann nehmen wir uns eben einen Mietwagen.“ Ich hatte unten im Bahnhof ein Sixt-Büro gesehen. „Ich habe keinen Führerschein“, sagte das Mädchen. „Macht nichts“, sagte ich, „ich fahre.“ Wir also runter zum Sixt-Büro – das allerdings eine Minute zuvor geschlossen hatte. Was um diese Uhrzeit (zehn Minuten nach zehn Uhr abends) auch für alle anderen Mietwagenbüros in Düsseldorf, wenn nicht gar in ganz Nordrheinwestfalen galt, wie die von uns die zu Rate gezogenen Taxifahrer mitteilten.

„Flixbus“, sagte das Mädchen. „Der geht hier vom Busbahnhof aus los, in einer halben Stunde. Sechzehn Stunden nach Venedig.“ – „Sechzehn Stunden im Bus, das halte ich nicht aus“, sagte ich. Das Mädchen trollte sich Richtung Busbahnhof, ich suchte hektisch nach Flügen von Frankfurt nach Venedig. Der nächste ging um halb neun morgens. Ich buchte ihn mir – mit den letzten drei Prozent Batterieladung auf meinem iPhone, und fuhr nach Frankfurt, wo ich hoffte, noch ein paar Stunden in einem Hotel am Flughafen schlafen zu können.

Um zwei Uhr morgens kam ich an. Ging, scheiß aufs Geld, zum Hilton am Flughafen. Leider alle Zimmer ausgebucht. Ging zum Sheraton. Auch ausgebucht. Verschwendete einen Gedanken daran, mich irgendwo in einer Ecke des Flughafens zusammenzurollen und zu schlafen. Verwarf den Gedanken beim Anblick der durch den Flughafen fuhrwerkenden Reinigungs- und Bohnermaschinen. Schleppte mich halbtot zu den Taxifahrern und bettelte darum, in irgendein Hotel in der Nähe des Flughafens gebracht zu werden, wo ich, inzwischen war es fast halb drei morgens, noch ein paar Stunden schlafen könnte. Woraufhin die mitleidslos und auch fast etwas luziferisch anmutenden Taxifahrer beschieden, dass sie das erst tun könnten, wenn ich telefonisch geklärt hätte, wo noch ein Zimmer frei sei. Ich klärte das (die Batterie hatte ich glücklicherweise im IC von Düsseldorf nach Frankfurt auflgeaden), was allerdings etwas länger dauerte, weil offenbar die halbe Welt am Frankfurter Flughafen gestrandet war. Um halb vier morgens fand ich ein Hotelzimmer, wo ich knapp zwei Stunden für zweihundert Euro schlafen konnte. Am nächsten Tag kam ich in gegen zwölf Uhr in Venedig an.

Auf Rat einer Freundin wendete ich mich wegen der gestrichenen Flüge an Flightright. Bald darauf meldete Air Berlin Insolvenz an. Und Flightright teilte mit, dass sich damit alle Ansprüche auf Entschädigung in Luft aufgelöst hatten: „Sobald es im Fall der Air-Berlin-Insolvenz für Sie als Forderungsinhaber Neuigkeiten gibt, werde ich Sie umgehend darüber informieren.“

So gesehen waren die zwei Stunden Verspätung meines Eurowings-Fluges aus Bari gestern wirklich ein Witz. Ok, später wurde mein Zug von Köln ins Ruhrgebiet gestrichen, aber Gottchen, ja, kommt vor. Außerdem habe ich dann ja noch einen ICE nach Dortmund gekriegt. Ja also, geht doch, dachte ich. Ich meine: Könnte alles schlimmer kommen.

Neulich bin ich von Hannover aus ins Ruhrgebiet gefahren, wie immer im Dienst der Sache. Als ich den Bahnhof betrat, sah es da aus wie nach dem Krieg: Verzweifelte, ratlose Menschen mit viel Gepäck und eine Leuchtansage, der zu entnehmen war, dass alle Züge gestrichen waren. Offenbar war Xavier, der Sturm, an dem Kongress in Hannover (Thema “Organized Crime, Money laundering and Corruption“) und an mir komplett vorbeigerauscht. Werde mich ja wohl nicht von einem bescheuerten Xavier davon abhalten lassen, ins Ruhrgebiet zu gelangen, sagte ich mir, buchte den Flixbus – und schaffte es immerhin, mich (mehrere Staus später) bis nach Bielefeld durchzuschlagen. Von wo aus dann wieder Züge Richtung Ruhrgebiet gingen.

Weshalb ich gestern, als der ICE von Köln nach Dortmund plötzlich in Witten auf umstimmte Zeit stehen blieb (der Bahnhof Dortmund war wegen eines Notfalls komplett gesperrt worden, wahrscheinlich hatte ihn gerade ein islamistisches Rollkommando in die Luft gejagt) dachte, dass wir echt noch Schwein gehabt und die Reise überlebt hatten: Hier kann man nicht nur wegen islamistischer Rollkommandos zu Tode kommen, sondern auch wegen des mörderischen Potenzials deutscher Herbststürme.

Als wir schließlich in Dortmund ankamen, entpuppte sich das islamistische Rollkommando als ein Notarzt-Einsatz auf Gleis 18. Der Zug nach Kamen, meiner Heimatstadt, der weltberühmten Stadt am Kamener Kreuz, hatte 15 Minuten Verspätung, voraussichtlich, keine Ahnung, wie viele es am Ende tatsächlich waren, meine Gehirnzellen waren am kalten Bahnhof eingefroren.

Als ich zu Hause ankam, blickte meine Mutter nur auf meine Beine und sagte mitleidlos: „Kein Wunder, dass du frierst, in diesen Netzstrümpfen.“

Und der Italiener an meiner Seite beschied: „Ah, la Germania. Tutto funziona.”

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