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PETRA RESKI

Götter. Und andere Sterbliche.

Natürlich hat das Wahlergebnis der Europawahlen hier viele überrascht. Nicht nur die sogenannten Grillini, vulgo die Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung, sondern auch die PD – in der jetzt Renzi, dank des für ihn sensationellen Wahlergebnisses der absolute Alleinherrscher ist. Eine große Verantwortung. Um die er nicht zu beneiden ist.

Aber der Reihe nach: Das Ergebnis der Fünf-Sterne-Bewegung (etwas mehr als 21 Prozent, vier Prozent weniger als bei den Parlamentswahlen) hat die (sehr hoch gesetzten: #vinciamonoi) Erwartungen nicht erfüllt, ganz klar. Wie man im Ruhrgebiet sagt: Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Für Renzis PD stimmten knapp 41 Prozent der Italiener, wodurch Renzi in seiner Rolle als Ministerpräsident (und damit auch die unsaubere Art, dank der Renzi sich an die Macht geputscht hat) triumphal bestätigt wurde.

Berlusconi. (remember: der Gewohnheitsverbrecher alte, vorbestrafte Mann, der auf Druck der Fünf-Sterne-Bewegung in einer nicht geheimen Wahl aus dem Senat ausgeschlossen wurde und jetzt ein Mal wöchentlich hilflose, demente Italiener in einem Altenheim belästigt) hat das Wunder vollbracht, noch 16 Prozent der Stimmen für seine kriminelle Vereinigung  Partei Forza Italia zu erlangen. Sein Kronprinz Angelino Alfano versuchte vergeblich, ihm Konkurrenz zu machen, mit seiner neugegründeten Partei NCD (eigentlich: Nuovo Centrodestra, neue Zentrumsrechte, infolge der zahlreichen NCD-Mitglieder, die in den letzten Wochen wegen Unterstützung der Mafia, Amtsmissbrauch, Korruption und anderen Peanuts verhaftet wurden, umgetauft in Nuovo Centro Denuti, Neues Häftlingszentrum): Es wurden nur 4 Prozent. Die Lega Nord (ja, gibt es immer noch) bekam 6 Prozent, die Liste Tsipras etwas mehr als 4 Prozent.

Wie das Ergebnis zu erklären ist?

Renzi stehen 99 Prozent der italienischen Medien zur Verfügung. Höflinge, Weihrauchschwenker, Lakaien und sonstige Teppichdackel in den Redaktionen der Tageszeitungen, vor allem aber im Fernsehen. Grillo trat zwar ein Mal in der Talkshow von Bruno Vespa (Berlusconis ehemaliges Wohnzimmer, aus diesen weißen Sesseln heraus versprach er eine Million Arbeitsplätze, kostenlose Gebisse, etc. pp) auf, aber eine Stunde Vespa kann nicht Monate von speichelleckerischer Desinformation aufholen. Unterschätzt wurde, dass sich die Mehrheit der Italiener nach wie vor über das Fernsehen informiert und nicht vernetzt ist (Apropos vernetzt: Ich bin jedes Mal glücklich, wenn ich mich in Ländern wie Botswana oder Mali aufhalte, da funktioniert das Netz besser als in Italien.) Da Renzi sich in guter christdemokratischer Tradition als weder links noch rechts verkauft, genießt er einen größeren Rückhalt in der Presse als B. es jemals fertig brachte.

Renzi hat der Fünf-Sterne-Bewegung viel zu verdanken: Ohne die Grillo-Panik hätte sich Renzi nie in seine Rolle als Ministerpräsident putschen dürfen, die PD würde immer noch von alten, abgeklärten Parteikadern geführt. Ohne das Grillo-Grausen hätte die PD nie wie jetzt kurz vor den Wahlen dafür gestimmt, dem PD-Parlamentarier Genovese die parlamentarische Immunität zu entziehen und ihn festnehmen zu lassen.

Die Böse-Böse-Fünf-Sterne-Terroristen-Propaganda hat bestens funktioniert, das fiel mir neulich noch einmal auf, als ich mit einem Freund sprach, der Fischer ist, sich ausschließlich über das Fernsehen informiert – und damit sozusagen “Volkes Stimme” wiedergibt:  Die Fünf-Sterne-Bewegung seien alles Miesmacher, ja, sie wollten nichts aufbauen, sondern nur kaputt machen. Auf meine Frage, was genau denn erhaltenswert sei an dem, das die Fünf-Sterne-Bewegung angeblich kaputt machen wollte, wusste er keine Antwort. Er findet Opposition blöd. Irgendwie überflüssig. Was nicht ungewöhnlich ist, nach 25 Jahren Gleichschaltung (eigentlich 60 Jahre: 40 Jahre Andreotti plus 20 Berlusconi). Als Kind hatte ich übrigens die gleiche Meinung. Ich fand die CDU toll und verstand nicht, was diese blöden Sozialdemokraten immer zu meckern hatten. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man diese Spaßverderber aus dem Bundestag schmeißen sollen.

Leute wie mein Freund, der Fischer, verstehen auch Grillos Sprache nicht, sie verstehen nicht, dass er mit paradoxen Sprachbildern arbeitet, sondern verstehen ihn ausschließlich wörtlich – wobei die renzihörige Presse ihren Beitrag leitet, indem sie Grillos Sprachwitze in ihren balkengroßen Schlagzeilen anprangert.

Es gibt sicher einiges, was die Fünf-Sterne-Bewegung besser machen muss. Sich öfter mal taktisch verhalten, (und das sagt eine aus berufenem Munde: Genau weil ich das nicht kann, bin ich Schriftstellerin und freie (!) Journalistin geworden und nicht etwa Politikerin) etwa als es darum ging, das Wahlgesetz zu entwerfen. Da hat die Fünf-Sterne-Bewegung zu viel Zeit gebraucht. Und dabei auch eine Gelegenheit verpasst, zu zeigen, dass Renzi nur blufft.

Von Renzi wird jetzt viel erwartet. Er hat viel versprochen, aber noch nichts einhalten müssen. (Pardon, das ist nicht ganz richtig: Er hat der Mafia einen Gefallen getan, als er die Strafen für Unterstützung der Mafia – etwa durch Stimmenkauf von Politikern – praktisch für straffrei erklärte. Er hat den Banken die Finanzierungen zugesichert, den Amerikanern die F-35 Bomber abgekauft, den Bau des Hochgeschwindigkeitstunnels TAV garantiert, den Zeitungen weiterhin ihre staatlichen Förderungen zugesichert, nein, ein paar Gefallen hat er schon getan, darunter auch, zu versprechen, die Expo wie geplant durchzuziehen, was besonders die ‘Ndrangheta freute)

Dennoch: der Grat, auf dem Renzi sich bewegt, ist sehr schmal. Denn die Italiener lieben es nicht nur, sich Götter zu erschaffen, sondern auch, sie wieder zu entthronen. Die Smitizzazione, die Entmythologisierung, ist eine nationale Leidenschaft.

P.S.: Hier Beppe Grillos sehr schöne (und lustige) Stellungnahme zur Niederlage .



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  • Götter. Und andere Sterbliche. | Der Blogpusher
    26. Mai 2014

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