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PETRA RESKI

Von Moses zur Mafia.

Als ich vor vielen, vielen Jahren nach Venedig zog und noch sehr deutsch war, hörte ich, dass einem sogenannten Consorzio Venezia Nuova, die Bekämpfung des Hochwassers in Venedig im Jahr 1983 anvertraut worden sei. Das Consorzio Venezia Nuova sei zu dem naheliegenden Schluss gekommen, dass eine Schleuse gegen das Hochwasser gebaut werden sollte. Was ich einleuchtend fand. Wenn man Einbrecher verhindern will, verlässt man sich ja auch am besten auf eine gepanzerte Tür. (Wie gesagt, ich lebte erst seit kurzem in Italien)

Das einzige, was mir zu denken gab, war: Wie soll eine Schleuse bei einem Meer funktionieren, ist ja schließlich kein Fluss. Aber der Name dieses Consorzio Venezia Nuova klang so vertrauensvoll: Konsortium Neues Venedig – dahinter mussten sich ja mindestens Wissenschaftler verbergen und wer, wenn nicht Wissenschaflter wissen, was man am besten gegen das Hochwasser macht? Ich las auch immer wieder begeisterte Berichte von Journalisten, die von dem Consorzio Venezia Nuova informiert worden waren, wobei sie zu Recherchezwecken tolle Hubschrauberflüge über die Lagune gemacht und superraffinierte Zeichentrickfilme über das Funktionieren der Hochwasserschleuse gesehen hatten und deren Resümee im Wesentlichen auf ein Merkelsches “alternativlos” hinauslief – nicht umsonst trug das Projekt den Namen MOSE, das Akronym von Modulo sperimentale elettromeccanico, zu deutsch Moses. Und wer, wenn nicht ein von Gott beauftragter Prophet könnte Venedig besser retten?

Als ich schon etwas länger in Venedig lebte, bekam ich durch Zufall mit, dass sich hinter dem schönen Namen Consorzio Venezia Nuova keineswegs wie ich blauäugig deutsch vermutet hatte, ein unabhängiger wissenschaftlicher Rat verbirgt, sondern ein Zusammenschluss privater norditalienischer Bauunternehmer, eine Aktiengesellschaft, ein Monopol. Ich dachte: Das ist ja kurios. Den Bock zum Gärtner machen, auf Venezianisch. Denn was will ein norditalienischer Bauunternehmer? Er will möglichst viel Zement in der Lagune versenken. Genauer gesagt, Zement und allerlei im Umfang von  5,5 Milliarden Euro. Und weil das so schön ist, kostet der Erhalt der Schleuse den italienischen Staat jährlich auch noch 30 Millionen Euro. Hinzu kam, dass es keinerlei Ausschreibung gegeben hatte, nichts, was irgendwie mit italienischen Bürgern zu tun gehabt hätte, die ja immerhin dieses gigantische Projekt bezahlen müssen.

Als ich noch länger in Italien lebte und bereits viele Geschichten über die Mafia geschrieben hatte, war mir das Interesse der Mafiaclans für Großprojekte nicht mehr unbekannt. Etwa für den Bau der Autobahn von Salerno nach Reggio Calabria. Oder für die Expo in Mailand. Oder für der Hochgeschwindigkeitstunnel im Val di Susa. Ein Interesse, das leicht zu befriedigen ist, unterhält die Mafia doch nicht nur die besten Beziehungen zu den Politikern, die die Großprojekte entscheiden, sondern auch eigene Baufirmen. Und ich fragte mich, warum das ausgerechnet bei dem venezianischen Großprojekt anders sein sollte.

In diesem Jahr nun wurde nach einer Bauzeit von gefühlten Jahrhunderten endlich ein Teilstück der Hochwasserschleuse eingeweiht. Und nicht nur das. Im Februar 2013 wurde der Ingenieur Piergiorgio Baita verhaftet, dem 60 Prozent der Aktien des Consorzium Venezia Nuova gehören. Und im Juli 2013 wurde Giovanni Mazzacurati verhaftet, der seit 1983 das Kommando des Consorzium Venezia Nuova führte, zuletzt als Präsident. Der Vorwurf gegen sie: gefälschte Ausschreibungen, falsche Rechnungen, Schwarzgelder, die laut Anklageschrift der ermittelnden Staatsanwälte, in Panama, Australien, Kanada, Thailand landete, in nicht existierenden Gesellschaften.

Natürlich verteilte das Consorzio Venezia Nuova auch viele Geschenke in der Stadt, etwa an die Fenice-Oper. Oder an die Stiftung des venezianischen Bischofs. Oder an Bürgermeister Orsoni, für seinen Wahlkampf.  Der Sohn des Präsidenten Mazzacurati durfte auch einen Film über Venedig drehen, der beim Filmfest 2010 natürlich prämiert wurde.

Kontrolliert wurde das Consorzium Venezia Nuova von niemandem. Nicht mal vom Magistrato delle Acque, der venezianischen Behörde, die seit Jahrhunderten für Venedigs Wasserwege verantwortlich ist. Oder besser: war. Falls der Versuch unternommen wurde, etwas zu kontrollieren, wurden die Experten, der das Idyll störten, entlassen. Vor Jahren gab es einen Streit um die Scharniere der Schleusentore. Das Consorzio Venezia Nuova plädierte für Scharniere, die zusammengeschweißt werden müssen, die Experten des Magistrato delle Acque hielten dies für wenig sicher und plädierten für in einem Stück gegossene Scharniere. Die Experten wurden entlassen.

Und jetzt, es mag Zufall sein, wurde gegen die beiden Chefs der in Padua ansässigen Firma Fip, die die Scharniere herstellt, ermittelt, weil sie laut Staatsanwaltschaft, im sizilianischen Caltagirone ein Bauprojekt in Harmonie mit der Mafia realisiert haben sollten.

Komisch, nicht?



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