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PETRA RESKI

Mein Outing

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Ich fange an, heimlich die Seiten über Fußball zu lesen. Am liebsten in der SZ und am allerliebsten, wenn Holger Gertz über Fußball schreibt, zum Beispiel gestern, als er über einen Fußballtrikot-Sammler schrieb. Ich muss heimlich lesen, weil ich hier unverstanden bin, jedenfalls vom Italiener an meiner Seite, der es bereits für ein schweres Krankheitsbild hält, (nachzulesen hier oder hier oder hier oder hier), wenn ich mich für Europa- oder Weltmeisterschaften interessiere. (Einer der Höhepunkte war das wunderbare Spiel Deutschland gegen Argentinien, da saß ich in einer Bar in Venedig, umzingelt von Argentiniern, Halb-Argentiniern, Fast-Argentiniern, Möchtegern-Argentiniern, und ich war die einzige, die schrie und jubelte, um mich herum eisiges, betretenes Schweigen. Als eine Gruppe blonder, blauäugiger Menschen die Bar betrat, glaubte ich endlich Verstärkung gefunden zu haben. Aber es waren Holländer. Die sich ja seit Maxima auch für Argentinier halten.)

Lieber lese ich etwas über Männer, die Tränen vergießen, wenn sie ein altes Fußballtrikot sehen, als darüber, wie toll es ist, dass B. jetzt wieder die Fäden ziehen kann. Wobei das hier kaum jemand so erbarmungslos ausdrücken würde. Kaum schlage ich italienische Zeitungen auf, wird mir schwindlig, weil sich seit der Regierungsbildung alle nur noch in der Diszplin der rhetorischen Rolle rückwärts üben (Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern läuft bei der PD unter “politisches Programm”).

Bis auf eine Ausnahme gibt es hier also keine Zeitungen mehr, nur noch Mitteilungsblättchen der Regierung. Folgerichtig zeigt die Repubblica auch keine Fotos mehr von B., wo er  aussieht wie im richtigen Leben, also wie eine schön geschminkte Leiche, sondern nur noch Fotos von B. als elder statesman, ja, es geht sogar so weit, dass die Repubblica Interviews seiner Höflinge zeigt, wo ein superlockerer B. (Pullover, Sportschuhe) auf einem geblümten Sofa sitzt und seine Propaganda über die Abschaffung der Eigenheimsteuer verbreiten darf.

Die einzige italienische Zeitung, die keine Regierungspropaganda verbreitet und noch Journalismus macht, ist “Il Fatto quotidiano”. Aber wenn man die liest, ist man noch deprimierter. Denn da ist erläutert, wer sich hinter den soeben ernannten Staatssekretären und stellvertretenden Ministern verbirgt, also: Freunde der Freunde, Vorbestrafte und weitere Spitzen der Gesellschaft. Und meine Laune bessert sich auch nicht, wenn ich die deutschen Zeitungen aufschlage, die per copy&paste die Propaganda übernehmen, die ich schon aus der Repubblica, dem Corriere und sonstigen kenne. Bis auf die kleine, tapfere TAZ haben alle, ALLE, die neue italienische Regierung als die Essenz der Weiblichkeit, der Jugend und der Harmonie gefeiert, jetzt wäre es eigentlich nur konsequent, die soeben ernannten Unterlinge als Essenz des Widerstandskampfes zu feiern.

Was bleibt? Fußball. Ich halte natürlich zu Borussia Dortmund. Sorry liebe Bayern-Fans, aber es geht nicht anders.

(So, jetzt habe ich mich geoutet. Damit wäre auch das vom Tisch.)

 



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