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PETRA RESKI

Von Epidemien, Kaspern, Obsessionen. Und einem Traum.

Nach dem gestrigen Epidemie-Drama von Soderbergh wollten wir dann eigentlich nichts mehr anfassen, keine Türklinke, kein Wasserglas, wir wollten keine Tasche mehr auf dem Boden abstellen und schon gar nicht auf engstem Raum und bei großer Hitze Schlange stehen, was man sich da alles für Viren einfangen kann, wir dachten schon an die Unruhen, die auf dem Lido ausbrechen würden, wenn kein Gegenmittel gefunden würde, Horden marodierender Banden würden die Strandkabinen zerstückeln – aber  glücklicherweise legte sich alles wieder, als wir in der Märchenstunde bei Poulet aux Prunes saßen, dem Film der Comic-Autorin Marjane Satrapi – der, wie der Guardian streng bemerkt, für die meisten Gaumen zu süß geraten sei. Tja. Was soll ich sagen: Mir hat der Film gefallen. Warum nicht auch mal schönes Kaspertheater? Vor allem, wenn man bedenkt,  dass wir kurz danach Opfer eins schrecklich eitlen, zermürbenden Kaspertheaters wurden: Al Pacinos Film Wild Salome. Eine italienische Nachrichtenagentur behauptet, er sei mit großem Applaus bedacht worden. Kann ich nicht glauben, aber auch nicht nachprüfen, weil wir geflohen sind, nach einer Stunde. Wir hätten schon misstrauisch werden müssen, als die Produktionsgesellschaft an die wartenden Journalisten Flyer verteilte, auf denen stand, dass der Film von Al Pacinos Obsession für Oscar Wilde handele. Nichts gegen Obsessionen, es gibt Menschen, die können sich nur in  Schafe verlieben, andere sind damit geschlagen, sich ständig die Hände waschen zu müssen, dafür kann man nichts, aber muss man seine persönliche Obsession unbedingt auf einem Filmfestival ausstellen?

Heute dann das Flüchtlingsdrama Terraferma von Emanuele Crialese. Die Geschichte einer sizilianischen Fischerfamilie – die sich weigert, afrikanische Flüchtlinge im Meer untergehen zu lassen. Und auch hier, möchte ich wetten, wird der Guardian schreiben, dass es zu süß für die meisten Gaumen sei. Im italienischen Publikum aber waren viele hingerissen. Standing ovations. Vielleicht auch, weil es den Italienern gut tut, sich gerade jetzt an den Traum von der Menschlichkeit zu erinnern.

 



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