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PETRA RESKI

Wenn ich durch Deutschland reise VII

Das Schicksal wollte, dass ich in Frankfurt zu einem Empfang mit der Bundesjustizministerin Brigitte Zypries geladen war. Auf dem Weg dorthin musste das Taxi warten: Die Polizei hatte die Kreuzung gesperrt, damit mehrere von einer Motorradstaffel eskortierte und beflaggte Panzerlimousinen vorbeifahren konnten. In denen ich die Bundesjustizministerin mitsamt ihrer Leibgarde, Redenschreibern und Kofferträgern vermutete. Blaulicht flackerte an uns vorbei, ich hörte einen Polizisten in sein Funkgerät flüstern, und schließlich, als hinter uns schon einige ärgerlich hupten, wurde die Straßensperre wieder aufgehoben.

Als ich vor dem Restaurant ankam, in dem der Empfang stattfand, war indes nichts von den gepanzerten Limousinen zu sehen. Ich vermutete einen Trick dahinter. Etwa, dass man die Bundesjustizministerin mitsamt ihrer Leibwächter, Redenschreiber und Kofferträger abgesetzt hatte und die Panzerlimousinen eine Straße weiter unauffällig warteten – auch, um keine Zielscheibe für terroristische, mafiöse oder islamistische Bedrohungen abzugeben. Ich schloss es aber auch die Möglichkeit nicht aus, dass die Bundesjustizministerin selbst keineswegs in einer der gepanzerten Limousinen mitgefahren war, sondern nur ihr Tross von Begleitern. Und dass die Ministerin bald in einem Helikopter landen würde, in einem Garten hinter dem Restaurant. Oder auf dem Dach. Schließlich lebe ich einem Land, in dem sich nicht nur jeder Staatssekretär des Landwirtschaftsministeriums von Leibwächtern eskortiert in gepanzerten Limousinen fortbewegt, sondern auch berlusconihörige Nachrichtenmoderatoren wie Emilio Fede, von dem ich immer angenommen habe, dass wesentlich mehr Gefahr von ihm ausgeht, als ihn verfolgt. Volksverdummungsgefahr etwa. Aber auch Emilio Fede glaubt sich bedroht, jedenfalls bewege er sich seit Jahren mit Leibwache, verkündete er kürzlich in den Nachrichten von Rete quattro, aber anders als Roberto Saviano mache er keineswegs so viel Aufhebens darum.

Schließlich betrat ich den Saal, in dem der Empfang stattfand. Es war ein kleines Kellergewölbe mit Büffetttischen, auf denen gefüllte Oliven, frittierte Garnelen und gedünstete Muscheln serviert worden waren, Fingerfood, was sicherheitstechnisch zweifellos eine Herausforderung darstellte. Die Bundesministerin war noch nicht anwesend. Ich nahm an, dass ihr Kommen von einer Vorhut von bewaffneten Leibwächtern angekündigt werden würde, die unauffällig die gedünsteten Muscheln inspizieren und dabei kleine Kommandos in ihren Jackenärmel flüstern würden. Vielleicht würden sie meine Tasche auf Flüssigkeiten untersuchen, mein Lipgloss beschlagnahmen und mich bitten, an einem anderen Stehtisch Platz zu nehmen, weil in dem Raum nur dieser Stehtisch den strengen Sicherheitsstandards genügen würde. Vielleicht würde die Bundesjustizministerin von ihren Leibwächtern begleitet kurz die Anwesenden grüßen und sich dann mit einigen Vertrauten in einen abgesicherten Nebenraum zurückziehen.

Und dann kam die Ministerin. Vermutlich war sie vom Himmel gefallen, wie ein Flaschengeist hatte sie sich plötzlich materialisiert, stand neben mir am Stehtisch und steckte sich eine Zigarette an. Das Rauchverbot hatte sie für die Dauer des Abends in diesem Kellerlokal mal kurz aufgehoben. Ich schaute mich in dem Raum um. Niemand von den anwesenden Männern, darunter viele SPD-Genossen, schien mir körperlich in der Lage zu sein, die Ministerin zu beschützen. Die Ministerin rauchte mit Genuss, und, wie mir schien, sorglos. Neben ihr stand ihr Redenschreiber, ein gutaussehender junger Mann, der mir ungeachtet seiner rosigen Wangen auch nicht schlagkräftig genug erschien, zumal auch er rauchte.

Schließlich fasste ich meinen ganzen Mut und sprach die Ministerin an. Wo sind Ihre Leibwächter?, fragte ich. Die Ministerin zog an ihrer Zigarette und sagte: Zu Hause, nehme ich an.



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