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PETRA RESKI

Der Tod des Conte Targhetta (La morte del Conte Targhetta)

Als ich ihn das letzte Mal anrief, tat er so, als würde er sich noch an meinen Namen erinnern. Dann sagte er: Ich bin nicht mehr da. Vielen Dank für Ihren Anruf. Und legte auf.

Vorgestern ist er gestorben, 94jährig: Conte Emilio Targhetta D’Audiffret de Greoux, Jahrgang 1914, gehörte zu den leidenschaftlichsten Karnevalisten, die Venedig je hervorgebracht hat. Ich habe ihm in meinem Venedigbuch ein kleines Denkmal gesetzt.

Der Conte Targhetta hielt im Florian Hof – wo er stets im orientalischen Salon saß, rechts vom Eingang, denn alles andere ist Niemandsland. Seine Hand ruhte auf dem goldenen Knauf seines Spazierstock, und wenn sein Blick darauf fiel, dann sagte der Conte: So können nur diejenigen die Hände halten, die nie gearbeitet haben! Oft kam er als Casanova, in altrosa Samt mit silbernen Litzen und Bordüren, Spitzen-Jabot und Brokatumhang. Sein Gesicht war weiß abgepudert, auf den Lidern lag türkisgrüner Schatten, der zu den Augenwinkeln leicht auslief, die Wangen betonte ein kräftiges Rouge, die Lippen waren herzförmig gemalt wie die einer Stummfilmschauspielerin. Am Kinn klebte eine Mouche.

Fünfzehn Jahre lang hatte er dem Herzog von Genua als Kammerherr gedient, was erklärte, dass ihm der gute Ton zur zweiten Natur geworden war. Seitdem ich den Conte Targhetta getroffen habe, weiß ich, dass man beim Treppensteigen stets den Fuß ganz aufsetzt: Nur minderwertige Menschen treten mit der Fußspitze auf, ganz so, als schämten sie sich ihrer Existenz! Außerdem weiß ich, dass eine Person, die zu Beginn einer Mahlzeit „Guten Appetit“ wünscht, für immer diskreditiert ist: Weil sie deutlich macht, dass sie Essen nicht mit Genuss, sondern mit profaner Sättigung gleichsetzt!

Für den standesbewussten Conte war der venezianische Karneval nie jene volkstümliche Angelegenheit, für die ihn die Touristen halten: Die Leute glauben, dass es reiche, sich zu verkleiden, es habe jedoch keinen Sinn, sich ein teures Kostüm zu leihen, wenn man es nicht zu tragen verstehe! Schließlich sehe man sofort, ob sich jemand leisten könne, eine Schleppe aus Samt durch eine Pfütze zu ziehen. Seinerseits pflegte sich der Conte Targhetta von seinem äthiopischen Kammerdiener Michel über Pfützen tragen zu lassen, etwa, wenn der Conte als Mandarin verkleidet war und sich seine Stoffschuhe nicht ruinieren sollte.

Michel weinte auf der Beerdigung sehr.



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    Thöni Margrit
    22. November 2008

    Von meinen verschiedenen Venedigreisen – vorwiegend Karneval – kannte ich den Conte, der nun leider verstorben ist, sehr gut. Können Sie mir etwas mehr erzählen über seine letzten Wochen und über seine Beerdigung. Gibt es weitere Berichte in deutscher Sprache oder Bilder.

    Ich würde mich sehr freuen über Ihre Antwort. Ich bin auch 2009 wieder in Venedig. Etwas wird nun fehlen.

    Freundliche Grüsse M. Thöni

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