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PETRA RESKI

Krieg der Flüssigkeiten (la guerra dei liquidi)

Neulich habe ich die Contenance verloren. Ich wollte von Berlin nach Venedig fliegen und wurde drei Mal hintereinander von einer Sicherheitstrulla gefilzt, die mich erst dazu brachte, wieder am Check-In anzustehen, um meinen Koffer aufzugeben, dann beim zweiten Durchgang ein Mascara in meiner Handtasche fand, und schließlich beim dritten Durchgang, det sind de Sichaheietsbestimmungn, in meiner Jackentasche ein Lipgloss inkriminierte: Det kommtma nich an Bord. Als ich ihr vorschlug, das Lipgloss einfach wegzuwerfen, zischte die Sicherheitsviper, dass sie dies auf keinen Fall für mich tun würde, weil es einzig und allein meine Aufgabe sei, dieses Lipgloss in Halle 4 zu tragen, um es dort in der eigens dafür vorgesehenen blauen Flüssigkeitssprengsstoffsicherheitstonne zu entsorgen. Andernfalls dürfte ich das Flugzeug nicht betreten. Und was sagte ich? Ich sagte: Leck mich am Arsch.

Ich hätte auch Vaffanculo sagen können, eigentlich fluche ich immer auf Italienisch, aber nein, ich sagte: Leck mich am Arsch. Und während ich das Lipgloss in Halle 4 trug, kreischte die Sicherheitstrulla: Polizeiii! Rufma die Polizeiii! Als ich mich wieder anstellen wollte, wartete bereits ein grüne Grenzschutzpolizistenkompanie darauf, mich festzunehmen. Eine Beamtin in Springerstiefeln baute sich federnd vor mir auf, starrte mich mit schiefergrauen Augen an und sagte: Wos sochtn Sie? Und ich sagte: Ich habe gar nichts gesagt. Daraufhin gellte die Sicherheitsrachegöttin: Sie haben jesacht, ick soll Se mal am Arsch lecken! Ich sagte: So etwas soll ich gesagt haben? Ich erinnere mich nicht. Nun überboten sich alle Sicherheitskollegen im Eifer, als Zeugen aufzutreten: Doch, doch, sie hat ‘Leck mich am Arsch’ gesagt!

Inzwischen hatte sich hinter mir ein Menschenauflauf aus Russen, Italienern und Amerikanern gebildet, die den Vorfall interessiert beobachteten. Nach kurzer Berechnung der Situation kam ich zu dem Schluss, dass mir nichts als die Flucht nach vorn blieb: Tut mir Leid, ich erinnere mich zwar nicht, aber falls ich etwas gesagt haben sollte, dann äh … Die Sicherheitsviper verzichtete, großzügig. Nur die Grenzschutzpolizistin in Springerstiefeln rief: Willstenich drotzdäm ne Anzeige mochn? Aber die Sicherheitstrulla befand nur: Det isses mir ja nun echt nicht wert, und ließ mich passieren.

Als ich endlich vor dem Gate stand, stellten zwei Italiener fest, dass es eine gute Idee wäre, die Deutschen ein bisschen zu verdünnen, mit Neapolitanern zum Beispiel. Und dann holten sie aus ihren Hosentaschen zwei Feuerzeuge und eine Packung Streichhölzer hervor. Ein Amerikaner, der aussah wie Puff Daddy, sagte: I like your style. Can you give me your card? Eine Russin lächelte mich an und strich mit ihrem Lipgloss über die Lippen.Ich weiß, dass ich nicht allein auf der Welt bin. Neulich hat mir eine Dame gestanden, dass sie am Ende des Flüssigkeitskrieges “Arschloch” gesagt habe – und auch festgenommen werden sollte.

Die Frage ist: Wie gewinnt man den Krieg der Flüssigkeiten? Wie kann man es hinkriegen, das Lipgloss zu behalten, ohne festgenommen zu werden? Oder: Wie kann man anständig beleidigen und dennoch in den Flieger kommen? 



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  • Krieg der Flüssigkeiten II (la guerra dei liquidi II) « reskisrepublik
    19. November 2008

    […] der Flüssigkeiten II (la guerra dei liquidi II) Auch ich habe mitgekämpft: Der Krieg der Flüssigkeiten wird bald ein Ende […]

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    Christiane
    1. März 2008

    Als wir zwischen 1989 und 1994 in Prag lebten, haben wir manchmal Care-Pakete von Freunden oder Angehörigen bekommen. Das heißt genau genommen ziemlich oft nicht oder nur unvollständig bekommen. Der Kollege von der FAZ , dem es genauso ging, hat dann irgendwann mal eine Geschichte über den Postklau gemacht und sich dafür bei den tschechischen Behörden erkundigt, was ihrer Ansicht nach dahintersteckt und was man dagegen zu tun gedenke. Die Antwort lautete: Verantwortlich seien Exil-Tschechen, die bei der deutschen Bundespost in Nürnberg im Nachtdienst arbeiteten. Dazu muss man wissen, dass die Tschechen kollektiv der Ansicht waren, Exilanten seien samt und sonders Verräter, die ihre Leute in der Zeit der kommunistischen Diktatur im Strich gelassen hätten, weil sie es vorgezogen haben, dickere Autos zu fahren und in schöneren Häusern zu wohnen. Bleibt die Frage, warum ausgerechnet Leute, die eh schon dicke Autos und pompöse Villen haben, Strampelanzüge, Lippenstifte, Batterien und CDs aus den Paketen anderer Leute klauen sollten.

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    reski
    1. März 2008

    Der venezianische Flughafen ist bekannt dafür, dass hier regelmäßig aus Koffern geklaut wurde – allerdings hinterließen die Diebe keine Zettel, der auf den Haftungsausschluss hinwies. Hier waren es die Gewerkschaften, die wieder dafür sorgten, dass die Diebe wieder eingestellt wurden. Das ist der soziale Fortschritt. Da kann man mal wieder sehen, was sich alles hinter einem harmlosen Lipgloss verbergen kann! Bon voyage – und nicht ausfallend werden …

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    Christiane
    1. März 2008

    Ich fliege in zwei Wochen in die USA und habe gerade in den Reise- und Sicherheitsinformationen des Auswärtigen Amtes gelesen, dass Reisende in die USA ihre Koffer “um manuelle Nachkontrollen zu ermöglichen” nicht mehr abschließen sollen. Das heißt im Klartext: Die Transport Security Administration hat das Recht, bereits kontrollierte verschlossene Gepäckstücke kaputtzumachen, um sie durchwühlen zu können. In jedem Fall werde aber ein Hinweiszettel über die “erfolgte Kontrolle” (fast so schön wie ein “vorhandener Stuhl”) im Koffer hinterlegt, “in dem auf Haftungsausschluss bei Beschädigung oder Verlust einzelner Inhalte hingewiesen wird.” Das finde ich außerordentlich rücksichtsvoll.

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