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PETRA RESKI

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Ach, Venedig

Ach, Venedig

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Wer besitzt eigentlich die Lagunenstadt? Benetton, Prada, chinesische Investoren. Seit Venedig die Privatisierung entdeckt hat, herrscht Schlussverkauf: Ob Palazzo, Krankenhaus oder Insel – alles muss raus.

Morgens gehört sich Venedig noch selbst. Wenn der Himmel sich porzellanrosa über der Stadt wölbt und man nichts anderes hört als das Kratzen der Reisigbesen auf dem Marmor, die Schreie der Mauersegler und die eigenen Schritte. Ich stand am Anleger an der Rialtobrücke, es war einer jener seltenen Augenblicke, in denen der Canal Grande wie ein Silbertablett daliegt und sich die Palazzi der Riva del Vin im Wasser spiegeln. Kein Vaporetto fuhr vorbei, kein Wassertaxi durchpflügte den Kanal, weit und breit war keine Gondel zu sehen, selbst die Müllschiffe waren noch nicht unterwegs. Ich blickte nach rechts und links, um mich zu versichern, dass es niemand sah, holte mein iPhone heraus und fotografierte. Danach schämte ich mich ein wenig. Denn eigentlich machen so etwas nur Touristen. Und mit denen will man ja nicht verwechselt werden, nach einundzwanzig Jahren in Venedig.

Einerseits. Aber andererseits sind die Momente, in denen die Stadt es noch wagt, ihre Seele blosszulegen, selbst für Venezianer selten geworden. Schon fuhr ein mit Wäschesäcken beladener Lastkahn durch das Bild, und seine Bugwellen zerstörten das Aquarell. Als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf einen Papierkorb, aus dem Zeitungspapier quoll, hinterlassen von den afrikanischen Taschenverkäufern, die damit ihre gefälschten Louis-Vuitton-Taschen ausstopfen. Daneben türmte sich ein Berg aus leeren Plasticflaschen, die über das Pflaster rollten, als ein leichter Wind aufkam. Jeder Tourist hier ist mit einer Mineralwasserflasche bewaffnet – weshalb die Stadt Venedig auf die Geschäftsidee kam, mit Coca-Cola einen millionenschweren Vertrag abzuschliessen, der dem Konzern erlaubt, an den Vaporettostationen exklusiv Automaten für Snacks und Getränke aufzustellen. Neuerdings hängen an den Anlegestellen der Vaporetti auch Plakate der venezianischen Verkehrsgesellschaft, auf denen zu lesen ist: «Now Venice costs less. On sale here.» Besser kann man die Lage nicht beschreiben. In dieser Stadt geht es zu wie am Grabbeltisch: Barockpalazzi, Renaissancejuwele, ganze Inseln – alles muss raus.

Das Herz der Finsternis schlägt im venezianischen Rathaus, in der Ca’ Farsetti, einem Adelspalast im venezianisch-byzantinischen Stil. Seit zwei Jahrzehnten herrscht hier die gleiche politische Kaste aus Linksdemokraten, deren einzige Vision lautet: «Kasse machen». Seitdem der langjährige und von den Medien gehätschelte «Philosophenbürgermeister» Massimo Cacciari die Zukunft Venedigs in der Privatisierung sah, wird das venezianische Rathaus auch «Ca’ Farsetti Real Estate» genannt. Cacciari bestimmte die Geschicke der Stadt am längsten – mit Unterbrechungen von 1993 bis 2010 –, und er war für Venedig so vernichtend wie Berlusconi für Ita­lien. Kaum an der Macht, entdeckte der ehemalige Kommunist die Segnungen des freien Marktes, und wie alle Konvertiten neigte er dabei zu Extremen – und das in jeder Hinsicht.

Ein Mal empfing er mich zu einem Interview im Rathaus, in einem Rokokosalon in Pistaziengrün und Puderrosa. Als ich Cacciari mit niedergeschlagenen Augen fragte, was er denn gegen den Ex­odus der Venezianer und die Umwandlung von Venedig in ein gigantisches Luxushotel zu tun gedenke, war er kurz davor, mich aus dem Fenster zu werfen. Das sei doch alles Scheissdreck! brüllte er, obwohl ich noch gar nicht ausgesprochen hatte, was ich wirklich dachte, nämlich dass die Venezianer nach dem Willen der venezianischen Politiker gar nicht schnell genug aussterben können. Schliesslich sind sie die Einzigen, die noch gegen die Bauspekulation protestieren. Kaum hatte ich das schreckliche Wort «Exodus» ausgesprochen, führte sich Cacciari auf wie ein Wüterich. Es handle sich um ein Phänomen, das in allen Städten zu finden sei! Niemand beschwere sich darüber, dass das historische Zentrum von Mailand entvölkert sei, genau wie jenes von Rom oder Paris! Die Bewohner der Altstadt würden herausgedrängt in die Randgebiete der Stadt! Das sei völlig normal, und nur in Venedig beschwere man sich dar­über! Als ich fragte, ob es nicht etwas kühn sei, Venedig lediglich als Altstadt zu bezeichnen, dies umso mehr, als sich die historischen Zentren von Mailand, Rom oder Paris meines Wissens nicht im Wasser befänden und man sich in Venedig nicht einfach ins Auto setzen könne, um einen Bäcker oder Gemüsehändler zu finden, rüttelte er an einem Rokokostühlchen und schrie: Die menschliche Natur besteht aus Scheisse! Wir können die Stadt nicht blockieren!

Bevor er mich aus dem Zimmer schieben konnte, nahm ich meine ganze Kraft zusammen, hielt mich am Türrahmen fest und fragte: Und was wird aus dem Fondaco dei Tedeschi, der Hauptpost? Bleibt sie, oder wird sie auch ein Hotel? Worauf Cacciari schrie: Ich verteidige sie mit den Zähnen! Sie kostet 50 Millionen Euro – und ebenso viel die Renovierung! Und sie ist im Flächennutzungsplan bereits als Hotelgewerbe eingetragen! Und wer sonst würde denn so viel Geld ausgeben? Für ein Gebäude, das man nicht anrühren darf?

Wahrscheinlich waren da die Verhandlungen mit Benetton schon gelaufen. Vor kurzem wurde der Fondaco dei Tedeschi, die ehemalige Handelsniederlassung der Deutschen, für 53 Millionen Euro an das Unternehmen verkauft. Das Renaissancegebäude soll nun doch kein Hotel, sondern ein Einkaufszentrum werden. Was Venedig so dringend benötigt wie die Wüste Sand.

Den Benettons gehört bereits die Insel San Clemente, die in ein Luxushotel verwandelt und gewinnbringend weiterverkauft wurde, ihnen gehört das Rokokotheater Ridotto, das in einen Speisesaal des Benetton-eigenen Hotels Monaco verhext wurde, sowie der Bahnhof samt dem Gebäude der Eisenbahngesellschaft. Weshalb Venedig heute auch «Benettown» genannt wird.

Die Venezianer waren denn auch nicht erstaunt, als Bürgermeister Cacciari und sein Stadtplanungsdezernent Roberto D’Agostino über Nacht die Notwendigkeit einer neuen Brücke propagierten: der Calatrava-Brücke, die den Strom der Touristen von den Parkhäusern des Piazzale Roma direkt vor Benettons Eisenbahngebäude spült, in dem ein weiteres Einkaufszentrum entsteht. Die Brücke zum Benetton-Bahnhof wurde als Geschenk des spanischen Architekten Calatrava präsentiert, ein Schnäppchen für 3,6 Millionen Euro. Allerdings verrechnete sich der Architekt, weshalb es zu Statikproblemen kam und die Brücke am Ende 11,6 Millionen Euro kostete – und die vollmundige Ankündigung des Stadtplaners, mit der Brücke die Touristenströme zu entzerren, Lügen strafte. Denn über die preziöse Glasbrücke dürfen heute weder Rollkoffer noch Einkaufswägelchen gezogen werden.

Manchmal habe ich Cacciari danach noch auf der Strasse gesehen. Wir taten dann beide so, als seien wir uns nie begegnet. Am Ende unseres Interviews hatte er mir empfohlen, nun einen schönen Spaziergang über den Markusplatz zu machen. Venedigs Lokalpolitiker gehen immer davon aus, dass ausländische Journalisten über Venedig wie Fallschirmspringer abgeworfen werden, um dann zuckersüsse Reisereportagen zu schreiben, in denen die Stadt voller «urbanistischer Zukunftsvisionen» und «einheimischer Kultbars» steckt – und nicht voller Touristen mit Rollkoffern gross wie Tiefkühltruhen. Der ehemalige Stadtplaner und heutige Chef des Arsenale, Roberto D’Agostino, diktiert durchreisenden Journalisten gern in den Block, dass die undankbaren Venezianer das einzige Problem Venedigs seien, weil sie die Modernisierungsbestrebungen der Stadt ablehnten und für Bürgermeister Cacciaris Slogan «Thomas Mann vergessen!» unempfindlich blieben. Auch mir versuchte er einst klarzumachen, dass Venedig nicht aussterbe, sondern früher einfach nur überbevölkert gewesen sei. Er konnte nicht wissen, dass ich das Leben der letzten Venezianer seit zwei Jahrzehnten nicht nur beschreibe, sondern auch teile.

Unweit von der Rialtobrücke, am Campo San Bartolomeo, zeigt eine Leuchtanzeige im Schaufenster der Apotheke Morelli die Zahl der verbleibenden Venezianer an, heute morgen waren es 58 765. Als ich hier ankam vor zwanzig Jahren, waren es 20 000 mehr, aber trotzdem schon dreimal weniger als in den 1960er Jahren. Auf die verbleibenden 58 765 Venezianer kommen 83 000 Touristen täglich. Das macht im Jahr nicht die stets offiziell beschworenen 22 Mil­lionen Besucher, sondern 30,3 Millionen. Eine Zahl, die von der Denkmal- und Naturschutzgesellschaft Italia Nostra berechnet und veröffentlicht wurde und von der Stadt Venedig wie ein Staatsgeheimnis verschwiegen wird. Wäre ja kontraproduktiv. Nichts stört den Touristen so sehr wie andere Touristen.

Während die Venezianer in bezahlbare Wohnungen aufs Festland zogen, verdunstete der venezianische Alltag wie eine Pfütze in der Sonne. Früher hatte ich Mühe, mich beim Bäcker in der Calle XXII Marzo der Frezzeria gegen die sich geschickt vordrängelnden venezianischen Grossmütter durchzusetzen, heute sind sowohl die venezianischen Grossmütter als auch der Bäcker verschwunden. Früher reichte es, den Markusplatz und die Rialtobrücke zu meiden oder in Seitengassen auszuweichen, tagiar per le fodere, durchs Futter gleiten, wie das die Venezianer nennen. Nach sieben Uhr abends, wenn die Tagestouristen die Stadt verlassen hatten, herrschte Frieden. Heute aber sind selbst abgelegene Viertel wie Sant’Alvise erschlossen: Ein Drittel der venezianischen Wohnungen sind Fe­rienwohnungen – die schwarz vermietet werden. In unserem Haus begegne ich täglich anderen Gesichtern, mal einer russischen Familie, mal einem britischen Paar oder einem französischen Schwulenpärchen, die für drei Tage einziehen und so tun, als lebten sie hier seit Jahrzehnten. Und denen wir mit Merkzetteln auf englisch, deutsch und französisch klarzumachen versuchen, dass sie sich um ihre Mülltüten bitte selbst kümmern und nicht erwarten sollen, dass wir sie morgens in die Gasse stellen.

Mein Käsehändler aus der Calle della Mandola verkauft jetzt Eis, der Metzger Muranoglas, der Bäckerladen gehört dem Juwelier Bulgari. Unzählige Bars und Restaurants wurden von Chinesen aufgekauft, und in den Gassen um den Campo San Luca reiht sich ein chinesischer Taschenladen an den anderen. Neuerdings kaufen die Chinesen auch ganze Palazzi, den Palazzo Gradenigo und den Palazzo Diedo etwa, um darin Einkaufszentren einzurichten. Es gibt keine Tageszeitungsredaktion mehr in Venedig. Der «Gazzettino» verkaufte seinen Palazzo an eine Bank und zog nach Mestre, die kleine «Nuova Venezia» unterhält nur noch ein Stadtteilbüro in San Lio, und das örtliche Studio des Fernsehsenders RAI wird demnächst aufs Festland umziehen, ihr Palazzo Labia ist zum Verkauf ausgeschrieben. Auch das venezianische Krankenhaus steht vor der Schliessung. Einmal wurde ich Zeugin, wie zwei Touristen eines Abends atemlos in eine Buchhandlung stürzten und nach dem schnellsten Weg zum Festland fragten. Der Buchhändler erklärte den Weg zum Piazzale Roma und schlug ihnen vor, ein Vaporetto zu nehmen anstatt zu Fuss zu laufen, die Vaporetti fahren schliesslich durch bis zum Piazzale Roma. Wie, fragten da die beiden Touristen, wird Venedig denn abends nicht geschlossen?

Der Tourismus hat Venedig nicht reich, sondern arm gemacht. Reich werden hier nur die Luxuslabels, die am Markusplatz auf Flächen in der Grösse von olympischen Schwimmbecken werben. Wo anders gibt es denn einen Showroom, der von dreissig Millionen Menschen jährlich besucht wird? Venedig lebt im permanenten Schlussverkauf: Allein in den letzten fünf, sechs Jahren wurden rund hundert Palazzi in Luxushotels verwandelt. Den spätbarocken Palazzo Ca’ Corner della Regina kaufte Prada der Stadt für 40 Millionen Euro ab, samt der klitzekleinen Änderung im Baunutzungsplan, die es erlaubt, den Palazzo nicht nur als Showroom für Prada-Kunst, sondern auch gewerblich zu nutzen – darin also Cafés, Restaurants und mindestens eine Prada-Boutique einzurichten. Den Palazzo Grassi hat man dem französischen Multimilliardär und Luxusgüterunternehmer François Pinault verpachtet, der dort seine Kunstsammlung ausstellt und so ihren Wert steigert; die Punta della Dogana, das ehemalige Zolllager der Stadt, wurde ihm ebenfalls überlassen, auf 30 Jahre kostenlos. Die Stucky-Mühle, immerhin Venedigs bedeutendstes Industriedenkmal, hat man an den kürzlich wegen Betrugs verhafteten sizilianischen Bauunternehmer Caltagirone verkauft – mit der Ankündigung, dass hier neue Wohnungen für Venezianer entstünden. Tatsächlich verwandelte sich die Stucky-Mühle, unterbrochen von einer kleinen Brandstiftung, in eine Luxushotelanlage samt angeschlossenem Kongresszentrum.

In einer Stadt, die so viele Besucher hat wie keine andere, schafften es die Stadtpolitiker dennoch, 400 Millionen Euro Schulden anzuhäufen. Ein Kunststück angesichts der Tatsache, dass allein das Ticket für das Vaporetto 7 Euro kostet. Die Subventionen aus Rom fliessen ausschliesslich in den Bau der Hochwasserschleuse Mosè. Ungeachtet der Proteste von Umwelt- und Denkmalschützern konnte das Consorzio Venezia Nuova mit Hochglanzbroschüren und Helikop­terflügen für geneigte Journalisten für sein umstrittenes Projekt werben und es durchsetzen. Dass sich hinter dem Consorzio Venezia Nuova nichts anderes als ein Zusammenschluss norditalienischer Bauunternehmer verbirgt, man somit den Bock zum Gärtner gemacht hat (ohne eine öffentliche Ausschreibung), wollten manche erst bemerkt haben, als die Rechnung präsentiert wurde: 5,5 Milliarden Euro Baukosten und 30 Millionen jährlich für den Erhalt einer Hochwasserschleuse – die an den Ursachen des Hochwassers nichts ändern, sondern vielmehr Venedigs Lagune in eine Kloake verwandeln wird.

Die mit öffentlichen Mitteln gemästeten Unternehmer haben nur ein Problem: ihr Geld möglichst gut zu investieren. So kaufte die Immobilienfondsgesellschaft Est Capital, hinter der sich ein ehemaliger venezianischer Kulturstadtrat und ein dank der Hochwasserschleuse Mosè reich gewordener Bauunternehmer verbergen, nun auch den Lido auf. Nicht nur die historischen Hotels Des Bains und Excelsior und die Festung Malamocco – auch sie bald ein Hotel samt zugehöriger Ferienhaussiedlung –, sondern auch das ehemalige Krankenhaus des Lidos, in dem ebenfalls eine Hotelanlage entstehen wird. Das Tortenstück aber ist die Marina Grande di Venezia, ein Jachthafen mit mehr als tausend Liegeplätzen. Der Bau dieser künstlichen Insel von der Grösse der Giudecca wurde von der Stadt Venedig bereits abgesegnet, genau wie der dazu passende Parkplatz für mindestens 500 Autos samt neuer Strassenführung.

Diese Stadt ist dem Tod geweiht, sagen die Aktivisten der Umweltschutzorganisationen des Lidos, drei ältere Herren, die in der Bar Belvedere in der Abendsonne sitzen wie Pensionäre, die übers Abendessen nachdenken. Stattdessen halten sie Mahnwachen, demonstrieren, klagen.

Im Verhältnis zum notorisch tobsüchtigen Cacciari wirkt sein Nachfolger, der heutige Bürgermeister Giorgio Orsoni, nahezu leidenschaftslos. Orsoni tauchte 2010 nicht aus dem Nichts, sondern aus einer beeindruckenden Ämterfülle auf: Er war Schatzmeister der Stadt und bekleidet in Venedig 19 Ämter, vom Rotary Club bis hin zum Vermögensverwalter des venezianischen Patriarchats und der Markuskirche. Seine Selbstzufriedenheit schwand jedoch an jenem Tag Ende 2011, als er versuchte, den Venezianern den Verkauf des Fondaco dei Tedeschi an Benetton als Sieg zu verkaufen. In einer Stadt, in der man ohne Erlaubnis des Denkmalschutzamtes keinen Nagel in die Wand schlagen darf und auf Baugenehmigungen Jahrzehnte warten muss – den Restaurants an der Rialtobrücke hat man sogar verboten, die Terrasse im Winter mit Plasticplanen vor dem Regen zu schützen, andernfalls drohe die Schliessung –, empfanden es die Venezianer als schamlos, dass auch das Denkmalschutzamt dem Umbau des Renaissancegebäudes in ein Einkaufszentrum zugestimmt hatte. Dem Bürgermeister wehte ein kühler Wind ins Gesicht. Es war, als lösten sich die Italiener zum ersten Mal aus der Duldungsstarre, in der sie sich seit Jahrzehnten befunden hatten.

Die Bürgerinitiativen des Lidos, die den Ausverkauf ihrer Insel nicht hinnehmen wollen, protestierten, der französische Konsul, der seit einem Vierteljahrhundert in Venedig lebt, wagte es, den Tourismus in Venedig als Barbarei, den Karneval als Oktoberfest und die Stadtoberen als Schmierenkomödianten zu bezeichnen, die Bürgerinititative 40 × Venezia organisierte Diskussionsveranstaltungen, und die Bürgerbewegung Movimento 5 Stelle, die vor zwei Jahren in den Stadtrat einzog, tat das, was im venezianischen Rathaus als Worst Case gilt: Fragen stellen. «Sie fürchten uns wegen der Kontrolle», sagt Marco Gavagnin, der mit seinen Mitstreitern in einer Art Abstellkammer der Ca’ Farsetti sitzt. Von hier aus berichten sie in Blogs und auf Youtube über die Verschwendung von Venedigs öffentlichen Geldern, was die Stimmung im Rathaus, in dem sich genau wie im italienischen Parlament seit Jahrzehnten rechte und linke Politiker ungestört und in schönster Eintracht in die Hände arbeiten, etwas getrübt hat.

Und dann ist da noch die Natur- und Denkmalschutzvereinigung Italia Nostra, eine gemeinnützige Organisation, die gegen den von Benetton geplanten Umbau des Fondaco dei Tedeschi Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft eingereicht hat. Sie wirft der Stadt Venedig vor, keinen Plan zu haben: weder für die Bewältigung der Touristenmassen noch für den Erhalt der Kulturdenkmäler. In Venedig wird Italia Nostra durch Paolo Lanapoppi vertreten, einen pensionierten Anglistikprofessor, der in einer winzigen Wohnung unweit des Arsenale wohnt – in einem Haus mit typisch venezianischen Statikproblemen, weshalb man aufpassen muss, wenn man in der Küche auf die lockeren Fliesen tritt.

Von seinem Fenster aus blickt Paolo Lanapoppi auf den stillen Campo der Chiesa di San Martino, der im Morgenlicht aussieht wie mit Goldstaub bedeckt. Lanapoppi dokumentiert die verpassten Chancen für Venedigs Wiederbelebung auf der Homepage von Italia Nostra: Reisegruppen zu zwingen, sich für einen Besuch in Venedig anzumelden. Das stillgelegte Gebiet des Arsenale, der ehemaligen Schiffswerft der venezianischen Republik, mit Einrichtungen aus Wissenschaft, Technologie und Kultur wiederzubeleben. Nicht auf einen Hafen für Kreuzfahrt- und Containerschiffe zu setzen, der lediglich Arbeitsplätze für Kranführer vorsieht, sondern auf Zukunftstechnologien. Das ehemalige Industriegebiet Marghera zu entsorgen und Firmen der Bio- und Nanotechnologie anzusiedeln, anstatt das Gelände den gleichen Firmen der Petrochemie zu überlassen, die den Boden bereits verunreinigt haben. Grossprojekte wie den Bau der Sub­lagunare abzublasen, einer Unterwasser-Metro zum Flughafen, die ausser Politikern und Bauunternehmern niemandem nützt. Den Ausverkauf Venedigs zu stoppen. «Wir befinden uns an einem Wendepunkt», sagt Lanapoppi. «Wenn jetzt nichts passiert, ist Venedig endgültig tot.»

Niemand verfolgt die Initiativen von Italia Nostra mit grösserer Aufmerksamkeit als Bürgermeister Giorgio Orsoni, jedenfalls gemessen am Tempo, in dem er mit Klagen droht. Worin er als Anwalt eine gewisse Routine hat: Sein Anwaltsbüro vertritt nicht nur die Interessen der Stadt Venedig, sondern auch die einiger norditalienischer Unternehmerfamilien, was einen gewissen Interessenkonflikt birgt – jedenfalls wenn diese in Venedig auf Einkaufstour sind. Auch Est Capital verklagte drei Umweltschützer des Lidos – allerdings glücklos: Die Richterin lehnte die Klage ab und verwies auf das Recht der Bürger, Grossprojekte «auch in grober Weise» zu kritisieren.

An dem friedvollen Morgen, an dem ich mit meinem iPhone ein Foto vom Canal Grande machte, kaufte ich mir die Zeitung, wie üblich bei meinem schlechtgelaunten Zeitungshändler am Campo Sant’Angelo. Und traute meinen Augen nicht. Da stand, dass das römische Ministerium für Kulturgüter die Genehmigungen für Rem Koolhaas’ Umbaupläne des Fondaco dei Tedeschi für null und nichtig erklärt hatte – samt der Rolltreppe, der Dachterrasse mit Blick auf Venedig, der schwimmenden Terrasse im Canal Grande. Was die Stadt Venedig um ihr Trinkgeld von 6 Millionen Euro bringt, mit denen die Garantie versüsst werden sollte, Benetton die nötigen Baugenehmigungen im Eiltempo innerhalb eines Jahres zu erteilen. Gibt es vielleicht doch noch Hoffnung? Als ich durch die Gasse nach Hause ging, die so schmal ist, dass man Entgegenkommende immer berührt, war ich jedenfalls kurz davor, einen Touristen zu umarmen.
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