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PETRA RESKI

Morgen wird das Restaurant Antico Martini wieder öffnen, am Campo San Fantin, neben der Fenice. Es ist nicht irgendein Restaurant, sondern das älteste Restaurant Venedigs, dreihundert Jahre alt. Es hat Dynastien niedergehen, Revolutionen verpuffen und Bomben fallen sehen. Es hat den Niedergang der venezianischen Republik, den Einzug napoleonischer Truppen, die österreichische Besatzung und zwei Weltkriege überlebt. Es war Zeuge, wie das benachbarte Opernhaus La Fenice zwei Mal niederbrannte und aus der Asche wieder auferstand, es hat Könige und Prinzen verköstigt, Patrioten, Revolutionäre und Utopisten – und wird morgen eine Gedenkminute einlegen: für seinen Maître Davide.

Davide Iezzi hat 40 Jahre lang im Antico Martini gearbeitet, bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren. Er kam als junger Mann und hat sein Leben hier verbracht, erst als commis de rang wie man die Jungkellner nennt, dann als Chef de rang, als Stationskellner, zwischenzeitlich als Barmann in der Pianobar, dem einstigen Nachtclub des Martini und schließlich als Oberkellner – immer bereit, Freundlichkeit zu versprühen, um dem Gast den ersten Moment von Fremdheit zu nehmen, Kollegen zum Lachen zu bringen, das Leben zu feiern.

Antico Martini

Als ich vor einem halben Leben nach Venedig kam, und mich dieser Venezianer in die Piano-Bar des Antico Martini führte, (die, wie ich fand, aussah wie die Hotelbars in Warschau kurz vor dem Fall der Mauer) konnte ich nicht ahnen, wie oft ich im Martini essen und Davide dabei beobachten würde, wie er einen ankommenden Gast studierte, seinen Gang und Gesichtsausdruck, seine Haltung, Ausdrucksweise und Stimme: Davide war einer dieser Kellner mit Erfahrung, der errät, was ein Gast essen möchte, selbst wenn es der Gast noch gar nicht weiß.

Er wusste, das Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir immer an Tisch sieben saßen und alle so tun mussten, als wüssten sie nicht, wer sie sind, er hatte gesehen, wie Jack Nicholson für Harrison Ford Autogramme an die Fans verteilte, Danny De Vito nicht mehr aus der Küche zu kriegen war und von allem kosten wollte, er erinnerte sich an jenen einen Rotwein, den ein Gast bei seinem letzten Besuch vor zehn Jahren getrunken hatte, und kannte auch noch die Namen der festangestellten Animierdamen des Nachtclub des Martini, die sich in das Gedächtnis vieler Venezianer eingebrannt haben: die verführerische Giada, die faszinierende Emy – und nicht zuletzt die wunderschöne Kiki Schubert, die eigentlich Claudio hieß und aus Rimini kam. Wenn Davide davon erzählte, lachte er so ansteckend, dass man gerne dabei gewesen wäre.

Davide war einer dieser Kellner, die zwischen den Sälen und der Küche hin und her fliegen, Teller mit venezianischen Meeresfrüchtevorspeisen balancieren, aus dem Gesichtsausdruck eines unentschlossenen Gasts zu lesen versuchen, ob man ihm eher zur Fischsuppe oder zum hausgeräucherten Lachs raten soll und nebenbei Fragen nach dem Brand in der Fenice beantworten können.

Wie alle im Antico Martini erinnerte sich Davide auch an jene Nacht vom 29. Januar 1996 – als die Garderobiere Brandgeruch roch, in die Küche lief, hörte, wie draußen „Es brennt, es brennt alles“ geschrien wurde, und plötzlich Feuerwehrmänner mit Löschschläuchen über den Platz liefen. In den folgenden sieben Jahren blickte man vom Antico Martini nicht mehr auf den Campo San Fantin, sondern auf einen meterhohen Metallzaun, hinter dem das Opernhaus wieder aufgebaut wurde.

Im letzten Jahr ist Davide nach Las Palmas auf Gran Canaria gezogen, wo er mit seiner Frau den Ruhestand genießen wollte. Am 7. Februar ist er dort bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Er hinterlässt seine Ehefrau, zwei Töchter und seine 91jährige Mutter.


Ciao Davide, du fehlst uns allen. Möge Dir die Erde leicht sein.



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    Werner Roskosch
    19. Mai 2021

    Die Guten gehen halt oft zu früh….

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