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PETRA RESKI

Venedig versinkt im Hochwasser: Die Flut ist keine Folge des Klimawandels, sondern des politischen Versagens. Ein Gastbeitrag.

Von PETRA RESKI

Die Journalistin und Schriftstellerin Petra Reski lebt seit 1991 fest in Venedig. Sie schrieb unter anderem über die Mafia, zuletzt erschien 2017 ihr Roman „Bei aller Liebe“ (Hoffmann & Campe).

So eine Apokalypse habe ich noch nie erlebt, nach 30 Jahren in Venedig, so viel Zerstörung, so viel Verwüstung, Wut, Trauer. Es ist, als tobte hier seit einer Woche ein Gigant, der tonnenschwere Vaporetti aufs Ufer wirft, Motorboote versenkt, Uferbefestigungen zerbricht, Boote in Gassen und Gondeln aufs Ufer schleudert – und der noch nicht zur Ruhe gekommen ist.

Am Freitagmorgen stieg das Hochwasser wieder auf 1,54 Meter an – drei Tage nach dem katastrophalen Acqua Alta, als die vom Schirokko aufgepeitschte Adria den Pegel auf 1,87 Meter hochschnellen ließ, dem höchsten Stand seit 53 Jahren. Und wieder wurden Läden, Werkstätten, Schulen, Kindergärten, Kirchen und Museen überschwemmt, alles, was sich in Venedig im Erdgeschoss befindet. Oder darunter, wie die Krypta des Markusdoms.

Deshalb hielten wir Venezianer es erst für eine Fotomontage, als wir dieses Bild von der lächelnden Politikerkaste in Gummistiefeln vor dem Markusdom sahen, umringt von Fernsehkameras, grimmig blickenden Leibwächtern und enthusiastischen Selfiejägern: der greise und vorbestrafte Berlusconi, der venezianische Forza-Italia-Abgeordnete und ehemalige Minister Renato Brunetta, der venezianische Unternehmer und Bürgermeister Luigi Brugnaro, mit dem beglückt grinsenden venezianischen Oppositionsführer der Partito Democratico Nicola Pellicani im Hintergrund.

Am Tag darauf zog dann der Selfie-König und Lega-Chef Matteo Salvini durch die Fluten des Markusplatzes, in sportlicher Daunenjacke und mit Basecap: ein Heerführer umringt von seinen Generälen. Kurz darauf folgte sein Parteifreund (oder -feind), der Regionalpräsident des Veneto, Luca Zaia.

Schaulaufen im Hochwasser (Foto: Werner Roskosch)

Politiker in Gummistiefeln auf dem Markusplatz

Wir konnten nicht fassen, dass diese italienischen Politiker tatsächlich die Stirn hatten, sich inmitten der größten Hochwasserkatastrophe Venedigs seit einem halben Jahrhundert allen Ernstes zu einem Fototermin vor den Dogenpalast zu stellen. Dass sie es wagten, sagt einiges über Venedig und viel über Italien aus.

Offenbar kalkulierten sie ein, dass niemand außer den Bürgern der Stadt die wahren Ursachen für das Hochwasser kennt. Nur die Venezianer wissen, dass die Flut keine Naturkatastrophe ist, sondern von Menschen gemacht. Aber für eine Politikerklasse, die Menschen nach Wählerstimmenpotential berechnen, stellen die 52.000 Venezianer eine quantité négligeable dar. Zumal eine, die in diesen Tagen vor allem damit beschäftigt ist, ihre Existenz zu retten. Also war von den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht zu befürchten, dass sie die Politiker wie einst Craxi mit Geldmünzen bewerfen oder Berlusconi als Hanswurst verhöhnen würden. Was sind schon die paar Venezianer gegen 60 Millionen Italiener, die keine Ahnung davon haben, dass der entscheidende Grund für dieses Hochwasser die Zerstörung der venezianischen Lagune ist?

Im Schnitt ist die Lagune nicht tiefer als 1,50 Meter. Sie ist also nicht gemacht für Schiffe mit Tiefgang, für Kreuzfahrtschiffe und für Containerfrachter. Ins Wanken geriet das delikate Gleichgewicht der Lagune erstmals in der Zeit des Faschismus, als eine geschäftstüchtige Gruppe von Unternehmern Porto Marghera baute, den Industriehafen mit einer Petrochemieanlage. Gleichzeitig nötigten sie Venedig zur Zwangsehe mit dem Festland, die bis heute fortwährt. 180 000 Einwohner, der überwiegende Teil der Bevölkerung des Großraums Venedig, leben auf dem Festland, weshalb die 52.000 eigentlichen Venezianer in der Minderheit sind. Über sie rollt nicht nur die Flut, sondern auch jährlich der Tross von gut 30 Millionen Touristen hinweg, ohne dass sie sich dagegen zur Wehr setzen können: Bei Wahlen unterliegen die Inselbewohner regelmäßig der großen Mehrheit vom Festland.

Venedigs Lagune wurde ausgebaggert, für Öltanker und Kreuzfahrtschiffe

Seit der Grabung des Canale dei Petroli, der Fahrrinne, die für die Erdöltanker von Porto Marghera ausgebaggert wurde, haben sich die Strömungsverhältnisse und die Morphologie der Lagune radikal verändert. Wenn der Wind das Meer in die Lagune drückt, dringt schneller und mehr Hochwasser in die Stadt als je zuvor. Der Kanal hat auch die „Barene“ weggespült, jene sumpfartigen Inseln, die bei Hochwasser wie ein Schwamm wirkten. Schon bei der verheerenden Überflutung von 1966 wurde der Canale dei Petroli als eine entscheidende Ursache genannt.

Hinzu kommt, dass Venedig bekanntlich sinkt. Nicht nur aufgrund tektonischer Verschiebungen, sondern eben auch wegen der petrochemischen Anlage vor den Toren der Stadt. Seit damit begonnen wurde, deshalb das Grundwasser abzupumpen, sank Venedig zehn Mal schneller als gewöhnlich. Erst Anfang der 70er Jahre wurde die Grundwasserentnahme endlich verboten. Da war die Serenissima bereits um zehn Zentimeter gesunken.

Der Industriehafen wurde dennoch ausgebaut. Auch die Kanäle in der Lagune wurden immer tiefer ausgegraben, zuletzt vor allem für die Kreuzfahrtschiffe. Das befördert die Erosion: Durch die Fahrrinnen spült der Boden der Lagune ins Meer, so dass sie sich zunehmend in einen offenen Meeresarm verwandelt hat. Ungeachtet dessen wurde bis vor wenigen Tagen ernsthaft darüber diskutiert, welcher Kanal für die Kreuzfahrtschiffe noch tiefer auszubaggern sei.

Riesenskandal: Die MOSE-Schleuse ist wie der BER, nur im Wasser

Eine weitere gravierende Ursache für das Hochwasser ist der 2006 gestartete Bau der Hochwasserschleuse MOSE. Die beweglichen Wassertore am Meeresgrund sollen bei großer Flut wie Dämme funktionieren. Ein Megaprojekt im Wert von sieben Milliarden Euro, das eine Kaste von Unternehmern und Politikern reich gemacht hat – so etwas wie der Berliner Flughafen im Wasser. Seit 13 Jahren wird daran gebaut, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Durch die Schleuse wurden die Öffnungen zur Lagune verengt, hinzu kam der Bau einer gigantischen künstlichen Insel und von Stahlbetonmauern. Mit der Folge, dass das Wasser bei Flut schneller in die Lagune hinein- und langsamer abfließt.

Kurz: Mit MOSE wurde das Gegenteil von dem erreicht, was die Venezianer sich erhofft hatten. Statt weniger gibt es jetzt mehr Hochwasser. Was auch deshalb nicht verwundert, weil das Projekt unter Spezialisten schon vor dem Baustart als veraltet galt. Erst im April dieses Jahres war es zu einem besonders ungewöhnlichen Wasserstand gekommen: Zum ersten Mal stand das Hochwasser in der Lagune höher als im offenen Meer.

Der Bestechungsskandal rund um die MOSE-Schleuse wurde im Sommer 2014 bekannt, als der größte Skandal der Nachkriegszeit in Italien. Ermittelt wurde gegen hundert Personen, 35 Politiker, Unternehmer und Beamte wurden verhaftet. Sie kamen kurz hinter Gitter und sind heute bereits auf freiem Fuß, darunter der ehemalige Bürgermeister Venedigs, Giorgio Orsoni, und der ehemalige Regionalpräsident Giancarlo Galan. Gegen weitere hundert ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Amtsmissbrauch, Bestechung, illegaler Parteienfinanzierung und Geldwäsche. Von einer Milliarde Euro Bestechungsgeldern war die Rede. Beim MOSE.-Kartell, so der damalige Generalstaatsanwalt Nordio, ließen sich Beamte und Politiker systematisch bestechen – auf lokaler wie auf nationaler Ebene. Einschließlich der katholischen Kirche, die Geld für eine Stiftung bezog.

Ein schlechter Witz: Die Schleusentore sind schon verrottet

Verantwortlich für den Bau der Schleuse ist ein Zusammenschluss privater norditalienischer Bauunternehmer. Eine Aktiengesellschaft, ein Monopol, das den Auftrag zum Bau der Schleuse ohne jede Ausschreibung bekam. Vor einigen Monaten sollte die Schleuse getestet werden, anlässlich des 13. Jubiläums des Baubeginns: Sie funktionierte nicht. Eine Unterwasserdrohne zeigte, dass die unter Wasser liegenden Schleusentore bereits völlig verrottet sind.

Alleine für die Instandhaltung der Schleuse werden von Fachleuten wie dem Hydraulik-Ingenieur Luigi D’Alpaos 200 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt. Ohne Garantie, dass die Schleuse eines Tages funktionieren wird. Falls das Ding jemals in Betrieb geht, sagen die Venezianer, wird sie die Lagune in eine Kloake verwandeln, bei jeder Schließung wird der Sauerstoff der Lagune schnell verbraucht, erst sterben die Fische, dann die Vögel, und am Ende wir.

Deshalb ist es so erstaunlich, dass all die italienischen Politiker, die die politische Verantwortung für das Schleusenprojekt tragen, gerade jetzt ein Schaulaufen auf dem Markusplatz wagten – vor den Kameras der Welt. Auch angesichts der unzähligen neu beschädigten und bedrohten Kulturschätze der Stadt. „Welterbe Italiens und der Menschheit“, sagte Kulturminister Franceschini am Freitag. Es klingt wie ein Hohn.

Venedig kämpft mit einem Referendum für seine Unabhängigkeit

Ein Hohn auch, dass die Politik ausgerechnet jetzt die Fertigstellung der Schleuse fordert. Warum soll ein Projekt zu Ende gebaut werden, von dem alle wissen, dass es auf politischen und technischen Irrtümern basiert?

Am 1. Dezember werden die Venezianer übrigens zum fünften Mal versuchen, dem Zwangsbündnis mit dem Festland zu entkommen. Per Referendum wollen sie sich eine eigene Stadtverwaltung erstreiten – damit sie endlich wieder selbst über ihr Schicksal bestimmen können. Alle venezianischen Politiker, die für das Desaster der letzten Jahrzehnte verantwortlich sind, haben die Wähler aufgefordert, nicht an der Abstimmung teilzunehmen. Es könnte zum Bumerang für sie werden.

Originalartikel TAGESSPIEGEL vom 16.11.2019

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