Nanni Moretti

.. ist ja auch so eine der Ikonen Italiens. Die irgendwann anfangen, rissig zu werden und abzublättern, egal wie dick die Schicht Gold ist, die man auf sie aufgetragen hat. Aus gegebenem Anlass hier mal wieder etwas aus eigenem Anbau, in diesem Fall meine ZEIT-Rezension des letzten Films von Nanni Moretti: Mia Madre.

„Sag etwas Linkes!“
„Mia Madre“, Nanni Morettis Film über den Tod seiner Mutter, handelt vor allem vom Selbstmitleid des Regisseurs.
Von Petra Reski

Margherita ist überfordert. Sie dreht einen Film, und ihre Mutter liegt im Sterben. In Margheritas Film geht es um die Schließung einer Druckerei, den Kampf um Arbeitsplätze und um einen hartherzigen amerikanischen Investor. In ihrem Leben geht es um die letzten Tage ihrer Mutter, einer Lateinlehrerin – von der Margherita, wie sie später spürt, nur wenig weiß.

Nanni Morettis neuer Film Mia Madre sei, wie es heißt, sein persönlichster, er habe damit Abschied von seiner kürzlich verstorbenen Mutter nehmen wollen. Autobiografische Züge sind durchaus beabsichtigt: Auch Morettis Mutter war Lateinlehrerin, auch Moretti ist ein Regisseur, der um sich selbst und seine Neurosen kreist. Schließlich hat er wie kein Zweiter den Egotrip zum Stilmittel erhoben – und das nicht erst, seitdem er mit Liebes Tagebuch 1994 den Regiepreis in Cannes gewann.

Seine Hauptfigur, die Regisseurin Margherita (Margherita Buy), wird genau wie er selbst für ihre sozialkritischen, neudeutsch „authentischen“ Filme gerühmt: eine Regisseurin, die echte Menschen mit echten, existenziellen Problemen zeige. Als Tochter sind es genau diese echten, existenziellen Probleme, die Margherita überfordern: Im Wechsel mit ihrem Bruder (gespielt von Moretti selbst) versucht sie sich um ihre todkranke Mutter zu kümmern – wenn da nicht gerade die zähen Dreharbeiten wären, der Wasserschaden in ihrer Wohnung, die Tochter, die ihr zu entgleiten droht, und der Lebensgefährte, von dem sie sich gerade getrennt hat. Der Amerikaner, der den Investor spielt (John Turturro), ist kein Star, sondern eine Knallcharge und vergisst ständig seinen Text. Und die Komparsen haben nicht die von Margherita erträumten echten, ehrlichen Arbeitergesichter, sondern aufgespritzte Lippen, meterlange Fingernägel und angeklebte Haare – so wie in der italienischen Wirklichkeit, von der Margherita nichts mehr mitkriegt.

„Margherita, mach was Neues, was anderes, versuch doch mal, wenigstens eins deiner zweihundert Muster zu brechen“, sagt ihr Bruder. Aber anders als ihr Bruder, den der bevorstehende Tod der Mutter dazu bringt, früher aus seinem Job als Ingenieur auszusteigen, sitzt Margherita in ihrem Leben wie in einer Endlosschleife fest. Kein Trost, nirgends. Nicht mal im Traum, da nimmt Margherita ihre Mutter nicht in den Arm, sondern zerreißt ihren Führerschein und fährt ihren Wagen gegen die Wand.

Moretti selbst wertet Mia Madre als Zeichen seiner Reife: „Vor zwanzig Jahren hätte ich so einen Film nicht gedreht“, sagte er. Vielleicht bezieht er sich damit auf die Selbstgerechtigkeit, die seine Egotrips stets begleitet hat – und der er jetzt zu entgehen versucht, indem er Margherita Buy sich selbst spielen lässt. Tatsächlich hat er sich durch diesen Kunstgriff noch mehr in den Vordergrund gedrängt: Mia Madre handelt nicht von seiner Mutter, sondern von Nanni Moretti – der sich selbst bemitleidet.

Das allein spricht nicht gegen den Film – wenn Moretti bereit gewesen wäre, sein Übelstes preiszugeben. Vielleicht hätte der Film anstatt Reife eher Unreife gebraucht, vielleicht wäre der Film als Morettischer Egotrip interessanter gewesen. Stattdessen verbirgt sich Moretti hinter dieser verklemmten Konstruktion: Indem er Margherita Buy die Hauptrolle gibt, erzählt er die alte Geschichte der überforderten, hysterischen Frau – neben dem ruhigen, klugen und ausgeglichenen Bruder, der, anders als sie, ein Gespür für die wirklich wichtigen Momente im Leben hat.

Vor zwanzig Jahren sagte Moretti: „Die beste Art, die Zuschauer zu respektieren, ist, nicht an ihren Geschmack zu denken.“ In Mia Madre macht er genau das Gegenteil: Natürlich haben wir alle eine Mutter, natürlich verdrängen wir alle den Tod, und natürlich finden wir alle, dass wir uns mehr umeinander kümmern sollten. Und meist stellen wir das fest, wenn es dazu zu spät ist. „Liebe das Mutterherz, solange es schlägt, wenn es gebrochen ist, ist es zu spät!“, stand früher in den Poesiealben – und letztlich ist das die Botschaft von Mia Madre. Im Grunde nichts als eine Sentenz, die man in abgewandelter Form auch in Facebook-Posts lesen kann: Ja, natürlich, nur die Liebe zählt. Für jemanden, der über Jahrzehnte als mitleidsloser Chronist linker Befindlichkeiten galt, ist das natürlich etwas erstaunlich. In Liebes Tagebuch sagte Moretti noch: „Ich glaube an die Menschen, aber ich glaube nicht an die Mehrheit der Menschen. Selbst in einer Gesellschaft, die anständiger als diese hier ist, würde ich immer eher zur Minderheit gehören.“

Und deshalb galt Moretti in Italien lange als derjenige, dem es gelang, wie kein anderer gesellschaftliche Stimmungen in Filmzitate umzuwandeln: etwa in Die Nichtstuer, jener Gruppenbiografie der Generation linker bürgerlicher Söhne, deren einzige Sorge es ist, von den anderen auf der Party wahrgenommen zu werden: „Bemerkt man es mehr, wenn ich da bin und mich etwas abseits halte oder wenn ich nicht komme?“ Legendär auch der Satz aus Aprile: Moretti verfolgt eine Talkshow, der damalige linke Generalsekretär D’Alema sitzt Berlusconi gegenüber, und Moretti sagt stöhnend: „Sag etwas Linkes, sag etwas nicht Linkes, sag endlich etwas!“

Dieser Moretti leidet in Mia Madre an sich selbst. In einer Pressekonferenz fragt sich Margherita/Moretti: „Warum wiederhole ich seit Jahren die gleichen Sachen? Alle glauben, dass ich fähig wäre, zu verstehen, was passiert, die Wirklichkeit zu interpretieren, dabei verstehe ich überhaupt nichts mehr.“ Und vielleicht ist das Nanni Morettis größtes Problem.

Jahrzehntelang hat er gegen Berlusconi gekämpft, hat Ringelreihen gegen ihn angeführt, sogar Filme über ihn gedreht: Il Caimano – der den Italienern, die sich für Berlusconi fremdschämten, ein großer Trost war. Und heute muss er sehen, wie Matteo Renzi, dessen treuer Parteigänger Moretti ist, mit seinem Partito Democratico einen Berlusconismus ohne Berlusconi praktiziert: Kaum war Renzi zum Ministerpräsidenten ernannt, schloss er mit Berlusconi den „Pakt des Nazareno“, so genannt nach der Parteizentrale des P. D., in der Renzi sich mit Berlusconi traf, um die Basis für das zu schaffen, was heute in Italien stattfindet: mehr als ein Drittel der Verfassung zu ändern und den Senat mundtot zu machen – ohne Berlusconi hätte Renzi das nie geschafft.

Roberto Benigni, der sonst abendfüllend die Schönheit der italienischen Verfassung gerühmt hat, schweigt – wie auch die anderen einstigen Ikonen der Linken in Italien, Umberto Eco, Nanni Moretti. Man nennt sie in Italien heute: intellettuali embedded. Wenn man eingebettet ist, hat man natürlich ein Problem. Und als Regisseur womöglich auch ein Problem mit sich selbst.

(Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015)

 

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