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PETRA RESKI

Hochwasser für Fortgeschrittene (Acqua alta – corso superiore)

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Gestern Abend war ganz Venedig damit beschäftigt, zu retten, was zu retten ist, tonnenschwere Möbelstücke auf Getränkekisten zu hieven, weil das Holz noch vom letzten Hochwasser nass war, Stühle in höher gelegene Räumen zu tragen, Steckdosen abzukleben, weil es immer so lange dauert, wenn man sie nach dem Hochwasser mit dem Fön trocknet, Kühlschränke auf Obstkisten zu stellen. Heute morgen sollte das Hochwasser bis auf 1,40 Meter steigen. Und mehr.

Es war noch Nacht, als die Hochwassersirenen heulten. Auf die Sirenen folgt immer ein Geräusch, das sich anhört, als würde es die Landung von Außerirdischen ankündigen, ein Sirren, ein heller Ton, der jeden Schlaf durchdringt. Was dann folgt, ist Stille. Man hört nichts, keine Manöver der Müllboote, kein Schreien der Bootsleute, die sonst um diese Uhrzeit mit ihren Lastkähnen am Ufer gegenüber anlegen. Nichts. Selbst die Möwen sind verstummt. Die Stille, die sich bei Hochwasser ausbreitet, kriecht wie ein kalter Hauch in das Herz, es ist, als wäre man allein auf der Welt, als wäre Venedig verlassen worden. Als wären wir die letzten Überlebenden.

Wäre Tag gewesen, hätte ich auf das Fundament des Hauses gegenüber starren können: Wenn der istrische Marmor unter Wasser steht, ist auch unser Erdgeschoss überflutet. Aber es war Nacht. Und so lagen wir da und belauschten die Stille. Bis eine sms des Wasseramtes ankündigte, dass sich der angekündigte Hochwasserstand um zwanzig Zentimeter gesenkt hatte. Zwanzig Zentimeter, die glücklich machen können.

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