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PETRA RESKI

Hochwasser für Anfänger (Acqua Alta per principianti)

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Heute morgen lag das Hochwasser bei 1,30 Metern, beinahe eine quantité négligeable – bei 1,30 kann man sich noch mit kniehohen Gummistiefeln schützen. Weniger beruhigend ist die Aussicht, dass es in den nächsten Tagen noch steigen soll. Meine Gummistiefel sind eigentlich Reitstiefel und stehen selbst im Hochsommer neben unserer Haustür – als Zeichen der Beschwörung. Denn sobald ich sie in den Schrank räume, werden wir überschwemmt. Und das nicht mehr nur im November und März, den klassischen Hochwassermonaten, sondern auch Anfang Juni oder im Dezember. Die Venezianer sagen dann: Non c’è più religione!, was soviel heißt wie: Es gibt alles. Nicht mal das Hochwasser ist mehr glaubensfest: verlässlich einsetzend im Frühjahr und im Herbst.

Was anderswo ganze Armeen und Bundeskanzler auf den Plan ruft, ist in Venedig Alltag. Es beginnt mit der Sirene, die klingt, als stünde ein Bombenangriff bevor. Wenn das Signal ertönt, steht ein Hochwasser über 110 Zentimetern bevor und den Venezianern bleiben noch drei, vier Stunden Zeit, ihre Ware hochzustellen und ihre Büros zu sichern – was besonders dann nicht einfach ist, wenn die Stadt nachts vom Hochwasser heimgesucht wird. Ertönt die Sirene nach einiger Zeit noch mal, droht ein außergewöhnliches Hochwasser von über 1,40 Metern. Ab 1,60 Meter wird der Notstand ausgerufen – der zur Folge hat, dass die Venezianer die Schäden, die das Hochwasser verursacht hat, geltend machen können. Und weshalb Bürgermeister Massimo Cacciari gegenwärtig der meistgehassteste Mann in Venedig ist, weil er den Wasserstand des letzten katastrophalen Hochwassers auf 1,57 Meter runtergelogen haben soll.

Die venezianischen Geschäftsleute sind diejenigen, die am meisten unter dem Hochwasser zu leiden haben: Das Erdgeschoss wird in Venedig traditionsgemäß nicht bewohnt, sondern dient fast immer als Lager, Geschäftsraum oder Büro. Für den durch das Hochwasser entstehenden Schaden kommt keine Versicherung auf. Also stellen die Venezianer ihre Waren hoch, wenn die Alarmsirenen heulen, ziehen ihre Gummistiefel an, pumpen das Wasser aus ihren Läden, waschen schließlich alles mit Süßwasser ab – und hoffen, dass sich der Wind dreht.

Denn zu Hochwasser kommt es nicht, weil es zu stark geregnet hat, sondern weil Luftdruck und Wind aus Südost Wasser in die Lagune drücken – wie in jener Novembernacht im Jahre 1966, als sich dieses Zusammenspiel von Luftdruck und Wind für Venedig verheerend auswirkte: Eine vom Schirokko aufgepeitschte Sturmflut der Adria ließ das Wasser der Lagune bis auf 1,94 Meter über den normalen Pegelstand steigen. In den Gassen des Stadtzentrums stand das Wasser brusthoch. Strom, Gas und Telefon fielen aus.

Seit Jahrzehnten regnen über der Stadt ganze Generationen von Projekten, Absichtserklärungen und Plänen nieder, die gepriesen, bitter bekämpft, verworfen und wieder gefeiert werden. Je nach politischer Großwetterlage. Zuletzt brachte das Consortio Venezia Nuova, ein Zusammenschluss privater Industrie- und Baufirmen (!), ohne jede öffentliche Ausschreibung (!!) das Projekt “Mose” hervor: Bewegliche Wassertore am Meeresgrund, die bei einer großen Flut wie Dämme funktionieren sollen. Die Umweltverträglichkeit der teuren Schleusen (4,3 Milliarden Euro im Jahr 2008) ist jedoch noch keineswegs geklärt: der notwendige Wasseraustausch in der Lagune wird durch sie gefährdet. Hinzu kommt, dass „Mose“ lediglich Hochwasser ab 110 Zentimetern verhindern würde, alle anderen Hochwasser aber weiter ungehindert in die Stadt fließen.

Bis eines fernen Tages eine Lösung gefunden wird, balancieren die Venezianer also über die passarelle, die Hochwasserbänke. Und glücklicherweise dauert der Ausnahmezustand immer nur ein paar Stunden – bei Ebbe fließt das Hochwasser wieder ab. Bis dahin sollte der Venedigbesucher entweder mit einem guten Buch im Bett liegen bleiben oder den Portier darum bitten, Gummistiefel zu besorgen. Im Hotel weiß man auch genau, um wieviel Uhr das Wasser wieder abfließt.

Wer unterwegs vom Hochwasser überrascht wird, kann bei den fliegenden Händlern Wegwerf-Stiefel kaufen: Plastikstiefel, die über die normalen Schuhe gezogen werden und die im wesentlichen aus einer Plastiksohle und einer Plastiktüte bestehen. Droht abends vor dem Abendessen Hochwasser, so empfiehlt es sich, die Stiefel bereits mit ins Restaurant zu nehmen. Venezianer verstecken sie meist in Einkaufstüten.

Zu den Benimmregeln im Hochwasser gehört: Im Wasser langsam laufen, ohne zu planschen oder Bugwellen zu verursachen – mit Rücksicht auf die anderen Passanten, die vielleicht nicht ganz so hohe Gummistiefel tragen wie Sie – und mit Rücksicht auf die Venezianer, die das Hochwasser nicht wirklich lustig finden. Nie auf den Hochwasserbänken stehenbleiben! Egal wie schön das Fotomotiv ist. Man riskiert sonst, von den Bänken ganz gemein heruntergeschubst zu werden. Und weil die Touristen das Hochwasser so amüsant finden, denkt das venezianische Fremdenverkehrsbüro auch bereits darüber nach, aus der Not eine Tugend zu machen: Extra-Hochwasser-Pakete für die, die schon alles hatten – außer Wasser unterm Bett. Zehn Prozent Rabatt und ein paar Gummistiefel gratis für Hochwasser-Touristen.

Was meine Reitstiefel betrifft, so haben sie leider einen entscheidenden Nachteil: Sie sind nicht rutschfest. Falls Sie also wissen, wo es den ultimativen, eleganten, rutschfesten Hochwasser-Gummistiefel zu kaufen gibt: Geben Sie mir ein Zeichen!



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Leave a comment

  • PETRA   RESKI    Hochwasser
    29. Dezember 2009

    […] Basisinformationen fehlt, was das Hochwasser in Venedig betrifft. Und das, obwohl ich schon über Hochwasser für Anfänger und für Fortgeschrittene geschrieben habe. Da wieder Hochwasser droht (das letzte suchte uns an […]

  • Wellies for Venice « stylebus
    11. Dezember 2008

    […] 11. Dezember 2008 in Style, fashion La Reski leidet unter Acqua alta und darunter, dass es in Venedig trotz jahrhundertelanger Tradition an Hochwasser keine schicken […]

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