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PETRA RESKI

Zu viel Wasser (troppa acqua)

Obwohl die segensreiche Wirkung des Mineralwassertrinkens unter Experten durchaus umstritten ist, hat sich diese Erkenntnis unter Venedig-Besuchern noch nicht durchsetzen können. Selbst unschuldige Kinder werden missbraucht und geistern mineralwasserflaschenbewaffnet durch die Gassen, angestiftet von der Mineralwassermafia, derzufolge der Mensch vertrocknet, wenn er sich ohne den Schutz einer Flasche Mineralwasser in die Fremde begibt. In Venedig kann man sogar vereinzelten, von exzessivem Mineralwasserkonsum schwer geschädigten Menschen begegnen, die sich für lebende Kunstobjekte halten. Als ich heute morgen zum Vaporetto in der Calle Vallaresso ging, kam mir eine Frau entgegen, die Lockenwickler trug und Joggingschuhe, um ihre Hüften wand sich ein Patronengürtel, in dem Mineralwasserflaschen wie kleine Handgranaten steckten. Sie trippelte auf der Stelle. Dann nahm sie einen Schluck Mineralwasser, trippelte und trank wieder. Sie trank und trippelte so lange, bis alle ihre kleinen Handgranaten geleert waren. Schließlich verschwand sie im Hotel Luna. Vermutlich musste sie mal.

Die Mineralwasserflasche stellt die Menschheit vor ein ähnlich großes Rätsel wie die schwarzen Löcher im Universum: Wie konnte dieser Irrglaube entstehen? Warum glaubt der Mensch, sobald er reist, sich mit einer Mineralwasserflasche bewaffnen zu müssen? Um den Durst zu löschen? Das kann keineswegs der Grund sein, schließlich nimmt niemand freiwillig abgestandenes, lauwarmes, nach Plastik schmeckendes Mineralwasser aus der Flasche zu sich, wenn sich alle zwei Meter die Möglichkeit bietet, in einem Café gegen ein geringes Entgelt kühles, frisches, sprudelndes Mineralwasser aus einem Glas trinken zu können.

Die Mineralwasserflasche muss einen höheren, gar spirituellen Sinn haben, sonst würden sich nicht ganze Völker mit ihr belasten, sobald sie sich auf Reisen begeben. Auffällig ist, dass sie selten freiwillig aus der Hand gegeben wird. Der Tourist trägt seine Mineralwasserflasche wie ein Schutzschild vor sich her, wie ein Amulett. Doch wovor soll sie ihn schützen? Vor dem bösen Blick der Einheimischen? Vor zu viel Schönheit? Es soll ja Menschen geben, die beispielsweise die Schönheit von Florenz verrückt macht. Eine florentinische Psychiaterin, die Professorin Graziella Magherini, hat 106 Patienten behandelt, die in Florenz unter Schwindel bis hin zu veritablen Nervenkrisen litten, was die Psychiaterin auf allzu intensiven Kunstgenuss zurückführte. Sie verschrieb ihnen leichte Psychopharmaka – und kann die Mineralwasserflasche nicht vielleicht Psychopharmaka ersetzen? Ein Schluck Mineralwasser – und schon lässt sich der Anblick von Michelangelos David leichter ertragen. Besonders, wenn man seinen Ehemann daneben stehen sieht.

Was empfindet man beim Anblick von Verrocchios geflügeltem Knaben, wenn man mit einen Sohn geschlagen ist, der aussieht wie ein Neufundländer, Schuhgröße 61 trägt und Hosen, die im Schritt bis zum Boden durchhängen? Ein Schluck Mineralwasser, und schon ist der Sohn weggeschwitzt. Was verspürt man beim Anblick der badenden Nymphen eines Palma Il Vecchio (Engelshaar, leuchtender Blick), wenn man selbst an einer geheimnisvollen Drüsenkrankheit leidet, die macht, dass einem Bermudashorts wachsen und weiße Socken in den Sandalen und eine Gürteltasche am Bauch? Ein Schluck Mineralwasser, und schon ist man unsichtbar. Heißt es nicht auch: „Eine Mineralwasserflasche in der Hand macht schlank“? Man muß nur genügend lauwarmes Mineralwasser zu sich nehmen, dann lässt sich im Urlaub alles ertragen.



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