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PETRA RESKI

Die tote Ecke (l’angolo morto)

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Der Drang des Menschen, in eine Sackgasse zu laufen, ist ein Phänomen, das mir in Venedig schon an verschiedenen Stellen aufgefallen ist. Besonders ausgeprägt aber ist dieser Drang am Campo San Fantin, dort wo das Theater La Fenice steht. Wenn man im Antico Martini sitzt und isst, dann hat man Gelegenheit, unzählige Menschen dabei zu beobachten, wie sie in die Ausweglosigkeit laufen und zwar nicht zögerlich, nicht tastend, sondern zielstrebig, mit herausgestreckter Brust. Was keineswegs naheliegend ist, denn dieser Campo führt in sechs verschiedene Richtungen, nach San Marco, nach Rialto, in die Calle della Mandola, hinter die Fenice, in die Calle XXII Marzo – und erst zuletzt in diese tote Ecke, die sich links zwischen dem Theater und dem Antico Martini befindet.

Erst gestern sah ich einen Jogger über den Campo laufen, und als er näher kam, wusste ich: Gleich läuft er in die Ecke. Und so war es. Er trippelte dann kurz auf der Stelle, kehrte wieder um und lief beschämt weiter. Es hat etwas von candid camera, wenn man dasitzt und die Leute unbeirrt in die Sackgasse laufen sieht. Wenn sie merken, dass es nicht weiter geht, lachen sie meist etwas verlegen und machen dann ein Übersprungsfoto vor der Treppe – wodurch diese schöne, aber dennoch völlig durchschnittliche venezianische Treppe zu den meist fotografiertesten Treppen der Stadt gehört.

Jetzt könnte man sagen: Venedig ist ein Labyrinth, die Armen haben sich einfach nur verlaufen! Meine Feldstudien aber haben ergeben, dass sich dahinter keineswegs ein planloses Herumirren verbirgt, sondern Methode. Denn um sich nicht zu verlaufen, würde es reichen, dem Strom der Passanten zu folgen. Genau dies aber scheinen die Menschen, die so entschlossen in die Sackgasse laufen, abzulehnen. Man kann also davon ausgehen, dass es ein ganz bestimmter Menschentyp ist, den man in der toten Ecke wiederfindet: der Non-Konformist. Der auf keinem Fall mit dem Strom mitschwimmen will.



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