Kategorie: Venedig

Legalität auf dem Campo Sant’Angelo. (Legalità sul Campo Sant’Angelo)

Freitag, 05. September 2008

Als ich heute morgen bei meinem Zeitungshändler am Campo Sant’Angelo meine Zeitungen kaufen wollte, steckten die Tageszeitungen nicht wie gewohnt in dem schmalen Metallständer, sondern stapelten sich auf der Verkaufstheke. Was etwas konfus wirkte. Der Metallständer (nicht breiter als eine Tageszeitung und schätzungsweise ein Meter fünfzig hoch) war verschwunden. Als ich nachfragte, sagte der Zeitungshändler, dass die Gemeindepolizisten eine Razzia gemacht und ihn nach der amtlichen Genehmigung für das Betreiben seines Zeitungsständers gefragt hätten.

Er habe nicht gewusst, dass ein Zeitungsständer eine Genehmigung brauche, sagte der Zeitungshändler. Was die Gemeindepolizisten nicht beeindruckte. Sie drohten ihm mit einer Geldstrafe, da sein Zeitungsständer illegalerweise öffentlichen Raum beanspruche. Also räumte der Zeitungshändler den Metallständer (der dort schon mindestens seit zwanzig Jahren gestanden und vor sich hin gerostet hatte) weg.

Ich will doch kein Gesetz brechen, sagte mein Zeitungshändler.

Dinge, die ich nie wieder erleben möchte (Filmfest II)

Samstag, 30. August 2008

Charlize Therons Tränensack-Offensive. Nix gegen Tränensäcke. Die von Anna Magnani sind unerreicht. Aber habe etwas dagegen, wenn ich von Tränensäcken belehrt werden soll, etwa, dass sich eine Frau, die mit mehr als einem Mann ins Bett geht, gerade an einem schweren Kindheitstrauma abarbeitet. So wie in dem Wettbewerbsbeitrag “The Burning Plain” (no, no, no)

Dinge, die ich nie wieder erleben möchte (Filmfest I)

Freitag, 29. August 2008

Brad Pitt. George Clooney.

Der Tod des Conte Targhetta (La morte del Conte Targhetta)

Donnerstag, 17. Juli 2008

Als ich ihn das letzte Mal anrief, tat er so, als würde er sich noch an meinen Namen erinnern. Dann sagte er: Ich bin nicht mehr da. Vielen Dank für Ihren Anruf. Und legte auf.

Vorgestern ist er gestorben, 94jährig: Conte Emilio Targhetta D’Audiffret de Greoux, Jahrgang 1914, gehörte zu den leidenschaftlichsten Karnevalisten, die Venedig je hervorgebracht hat. Ich habe ihm in meinem Venedigbuch ein kleines Denkmal gesetzt.

Der Conte Targhetta hielt im Florian Hof – wo er stets im orientalischen Salon saß, rechts vom Eingang, denn alles andere ist Niemandsland. Seine Hand ruhte auf dem goldenen Knauf seines Spazierstock, und wenn sein Blick darauf fiel, dann sagte der Conte: So können nur diejenigen die Hände halten, die nie gearbeitet haben! Oft kam er als Casanova, in altrosa Samt mit silbernen Litzen und Bordüren, Spitzen-Jabot und Brokatumhang. Sein Gesicht war weiß abgepudert, auf den Lidern lag türkisgrüner Schatten, der zu den Augenwinkeln leicht auslief, die Wangen betonte ein kräftiges Rouge, die Lippen waren herzförmig gemalt wie die einer Stummfilmschauspielerin. Am Kinn klebte eine Mouche.

Fünfzehn Jahre lang hatte er dem Herzog von Genua als Kammerherr gedient, was erklärte, dass ihm der gute Ton zur zweiten Natur geworden war. Seitdem ich den Conte Targhetta getroffen habe, weiß ich, dass man beim Treppensteigen stets den Fuß ganz aufsetzt: Nur minderwertige Menschen treten mit der Fußspitze auf, ganz so, als schämten sie sich ihrer Existenz! Außerdem weiß ich, dass eine Person, die zu Beginn einer Mahlzeit „Guten Appetit“ wünscht, für immer diskreditiert ist: Weil sie deutlich macht, dass sie Essen nicht mit Genuss, sondern mit profaner Sättigung gleichsetzt!

Für den standesbewussten Conte war der venezianische Karneval nie jene volkstümliche Angelegenheit, für die ihn die Touristen halten: Die Leute glauben, dass es reiche, sich zu verkleiden, es habe jedoch keinen Sinn, sich ein teures Kostüm zu leihen, wenn man es nicht zu tragen verstehe! Schließlich sehe man sofort, ob sich jemand leisten könne, eine Schleppe aus Samt durch eine Pfütze zu ziehen. Seinerseits pflegte sich der Conte Targhetta von seinem äthiopischen Kammerdiener Michel über Pfützen tragen zu lassen, etwa, wenn der Conte als Mandarin verkleidet war und sich seine Stoffschuhe nicht ruinieren sollte.

Michel weinte auf der Beerdigung sehr.

Venedig im Rollstuhl (Venezia in sedia a rotelle)

Mittwoch, 16. Juli 2008

Meine tollkühne Freundin Susanne hatte beschlossen, mich an meinem Geburtstag zu besuchen. Tollkühn deshalb, weil sie im Rollstuhl sitzt. Nun sehe ich immer wieder Rollstuhlfahrer hier in Venedig – es ist sicher nicht naheliegend, Venedig im Rollstuhl sitzend zu besuchen, aber auch nicht unmöglich, zumal, wenn man wie Susanne von ihrem Mann begleitet wird. Dachte ich. Ich Idiotin. Denn schon als ich in völliger Verkennung der Tatsachen ein Wassertaxi bestellen wollte, sollte ich mich ein Hauch von dem streifen, was es bedeutet, die Welt im Rollstuhl sitzend zu erleben. Kein einziges der (ohnehin kriminell zu nennenden, da stets betrügenden) Wassertaxifahrerorganisationen akzeptierte den Transport. Nachdem ich mich auch mit dem fünften Wassertaxiunternehmen überworfen hatte, schrieb ich eine Mail an das venezianische Rathaus, und dann ging alles von ganz allein … Für alle Rollstuhlfahrer hier also die Mailadresse des venezianischen Rathauses, an die sie sich wenden sollten, falls sie eine Transportmöglichkeit vom Flughafen in die Stadt brauchen oder sonstwie Auskünfte über Venedig im Rollstuhl benötigen:

informahandicap@comune.venezia.it

Hier auch die Telefonnummern der beiden Taxiunternehmen, die über ein Taxi verfügen, das für die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern eingerichtet ist:

Venezia Turismo +39 041 240 27 71

und Consorzio Motoscafi Venezia: +39 335230896 (Mailadresse: info@motoscafivenezia.it)

Eine Fahrt kostet 100 Euro – und keinen Cent mehr!

Lido

Samstag, 31. Mai 2008

Heute wurde auf dem Lido die Badesaison eröffnet. Ich gehöre zu einer Badekabine am Strand des Hotels Des Bains, prima fila, erste Reihe, wohin ich mich erfolgreich vorgearbeitet habe, nachdem ich einige Jahre lang den Tort hinnehmen musste, mich mit der zweiten Reihe zu begnügen, von wo aus ich das Meer nur durch einen Spalt zwischen zwei Badekabinen sehen konnte und ertragen musste, dass mir die Enkelkinder meiner Badekabinengenossinnen auf die Füße pinkelten, amooore, amore mio!

Weil die Miete einer Badekabine am Lido etwa so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt von Burkina Faso, teile ich mir die Kabine mit 15 weiteren Damen eines gewissen Alters – wie man in Italien sagt. In meiner neuen Badekabine sind Kinder verboten, Enkelkinder ebenso und Männer eigentlich auch, wir haben nur einen einzigen Mann in unserer Badekabinengesellschaft aufgenommen, und der gilt nicht, weil er schwul ist. Wobei ich aber nicht sagen möchte, dass die Damen meiner Badekabine männerfeindlich gesinnt wären, sie finden nur, dass es wenig Männer gibt, die zu uns passen.

Wie immer habe ich die Damen von den Kabinen nebenan begrüßt, Damen, die bereits in ihre Kreuzworträtsel vertieft waren oder Karten spielten. Und wie immer habe ich die Angebote der Strandverkäufer abschlägig beschieden, die mir Louis-Vuitton-Taschen und Ketten aus Halbedelsteinen verkaufen wollten. Wobei zu sagen ist, dass die Verkäufer zu den anderen Damen ein durchaus familiäres Verhältnis pflegen. Wenn der marokkanische Taschenverkäufer sein Bonjour Mesdames! schmettert, dann zirpen sie Bonjour, Bonjour! zurück, und wenn sich der srilankische Schmuckverkäufer nähert, dann fragen sie ihn mit großer Warmherzigkeit, wie es ihm im Winter zu Hause in Sri Lanka ergangen sei und beglückwünschen ihn so herzlich zur Geburt seines zweiten Kindes, als handele es sich um ihr eigenes Enkelkind (mit dem sie sich aber nie am Strand zeigen würden!) und versichern ihm, dass sie sich die Sache mit der Amethystkette überlegen würden.

Und das Schöne an diesem Badekabinenleben ist, dass mich, wenn ich wieder am Strand sitze, ein Hauch von Ewigkeit umweht. Weil sich dieser Tag nicht wesentlich von dem Tag vor einem Jahr unterscheidet und auch nicht von dem Tag vor drei Jahren und genauso wenig von dem Tag vor zehn Jahren. Meine Freundin Marisa sonnt sich wie immer mit nach außen gedrehten Armen, Maria Pia hat wie immer Obstsalat im Tuppertopf mitgebracht, Giuseppina liest den Gazzettino und regt sich wie immer über Berlusconi auf. Wenn es also ein ewiges Leben geben sollte, dann hier, am Strand des Des Bains.

Schlappen des Grauens (ciabatte dell’orrore)

Mittwoch, 28. Mai 2008

Ursprünglich waren Crocs für Gerichtsmediziner gedacht: Kein Schuh ist praktischer, wenn man im Blut steht und in Resten von Hirnmasse – nachdem Kopfhöhle, Brusthöhle und Bauchhöhle geöffnet und die inneren Organe entnommen werden mussten (eine Autopsie ist kein Sonntagsspaziergang). Man muss die Crocs selbst dann nicht ausziehen, wenn am Ende der Autopsie das Blut mit einem Schlauch weggespritzt wird. Ein ganz außerordentlich praktischer Schuh. Und was für den Sektionssaal richtig ist, kann für Venedig nicht falsch sein. Denken 59,5 Prozent aller Venedigbesucher.

Aber. Ich bin doch nicht allein auf der Welt.

Leben in Venedig

Dienstag, 20. Mai 2008

Früher habe ich noch Wasser runtergekippt.

P.S.: Das ist der Kanal unter unserem Fenster.

Metapher (metafora)

Sonntag, 11. Mai 2008

Und wie leben Sie so in Venedig?, fragte Frank A. Meyer, seines Zeichens Chefpublizist des Schweizer Pressehauses Ringier. Ganz gut, sagte ich – weil die Lebenserfahrung mich gelehrt hat, dass auf diese unverfänglich klingende Frage entweder ein Venedig-Delirium folgt oder ein Venedig-Bashing. Dazwischen gibt es nichts.

Vermutlich leben Sie so wie Mickey Mouse in Disneyland, stellte er fest. Schönes Bild, sagte ich. Und während ich mir das Gewicht der riesigen Mickey-Mouse-Ohren vorzustellen versuchte und dachte, dass man unter der Mickey-Mouse-Maske sicher schnell zu schwitzen beginnt und auch leicht vornüber kippt, wenn man den schweren Mickey-Mouse-Kopf nur etwas neigt, erzählte er, dass er nicht mehr nach Venedig reise, weil es ihm zu teuer geworden sei, man würde schlechterdings beraubt, und das lasse er sich nicht mehr gefallen.

Wenn man in Venedig lebt, ist man mit zwei Flüchen geschlagen: Dass man sich nie über Venedig beklagen darf, weil man sonst als undankbar, verzogen und abnorm gilt. Und dass sich alle über Venedig beklagen, sobald sie wissen, dass man in Venedig lebt.

Frisör (parrucchiere)

Mittwoch, 07. Mai 2008

Nachdem bereits meine Nageltechnikerin und mein Pilates-Trainer in diesem Blog vorgestellt wurden, regte mich das Outing von Frau Bus als Frisurendesaster dazu an, über meinen Friseur Luca zu reden. Ein dünner Mann, der über gefährlich viel kreatives Potenzial verfügt. Wobei ich nicht allzu wählerisch sein darf: Die erste Schwierigkeit in Venedig besteht darin, in dem Meer von Bed&Breakfast, Karnevalsmasken und Pizza zum Mitnehmen überhaupt noch einen Friseur zu finden. Sie verstecken sich in Nebengassen, in Hintereingängen, und wer nicht jemanden kennt, der einen Friseur kennt, der muss sich die Haare bis zum Hintern wachsen lassen. Was in Italien ohnehin sehr weit verbreitet ist. Italienerinnen haben bis auf wenige, hormonell bedingte Ausnahmen, lange Haare. Dicke, lange Haare, die beim Föhnen gnadenlos über dicke Bürsten gezogen werden, weshalb die Frage nach einem Schnitt sich in der Regel erübrigt.

Die Lange-Haare-Manie hat mich vor einigen Jahren so infiziert, dass ich mir von dem Friseur hinter der Fenice-Oper Haare ankleben ließ, in einer viele Stunden dauernden Operation, an deren Ende ich aussah wie eine Mischung aus Ludwig dem XIV. und der Madonna von Loreto.

Nach einem Monat machte ich allerdings den Eindruck, als hätte ich knapp eine komplizierte Hirnoperation überlebt, denn auf meinem Kopf gab es jede Menge, zwei-Euro-große kahle Stellen – die entstanden waren, nachdem sich die angeschweißten Strähnen als zu schwer erwiesen hatten und nach und nach von mir abgefallen waren. Die Strähnen hatten überdies die Eigenart, sich nicht nur nachts im Bett von meinem Kopf zu lösen, sondern manchmal auch mitten am Tag, beim Zeitungskaufen auf dem Campo Sant’Angelo etwa, mein Zeitungshändler sah diskret beiseite, als ich meine abgefallene Strähne aufhob.

Neben den langen, dicken Haare liegt die zweite Stärke der Italienerinnen in dem Wagemut, mit dem sie sich ihre Haare färben. Ich kenne hier keine einzige Frau, die ihre Naturhaarfarbe trägt. Das ermunterte mich dazu, mir endlich die Haare blond färben zu lassen (Ich war in meinem Sportstudio die letzte Brünette) – und diese Entscheidung macht mich bis heute glücklich. Im Prinzip. Jedenfalls dann, wenn ich es geschafft habe, mit Luca, meinem Friseur, die Hermeneutik der Frage geklärt zu haben, welches Blond das richtige Blond ist. Mausgraublond, Rühreiblond, Sauerkrautblond, Wasserrattenblond?

Und den Schnitt? Den lasse ich in Deutschland machen.