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Irkutsk

Donnerstag, 14. August 2008

Eigentlich sieht es hier aus wie in Fargo ohne Schnee. Jedenfalls, wenn man im Morgengrauen vom Flughafen kommt. Breite, staubige Strassen, Stromleitungen, die von windschiefen Strommasten herunterhängen und ab und zu Neonlicht von einem Kentucky-Fried-Chicken-Drive-In, das gar keines ist, sondern nur ein Alkohol-Sonderverkaufsstand mit riesigen Parkplätzen davor. Je weiter man in die Stadt fährt, desto mehr Holzhäuser tauchen auf, so wie man sie aus Krieg+Frieden-Verfilmungen kennt. Dann kommen noch Plattenbauten, stalinistischer Zuckerguss und jede Menge Disney-Schlösser für Neureiche dazu. Über jeder Strasse hängen Girlanden aus bunten Glühbirnen, ganz so, als würde hier jeden Augenblick ein Volksfest ausbrechen. Ist aber nicht der Fall. Das ist Irkutsk.

Siberian Airlines

Donnerstag, 14. August 2008

Ich habe das Erstaunen, das meine Antwort auf die Frage “Wo bist du im August?” – “In Sibirien.” – “In Sibirien?” – auslöste, durchaus genossen, aber schon, als ich im Flugzeug von Moskau nach Irkutsk saß, ahnte ich, dass der Preis sehr hoch sein würde: Während des gesamten sechsstündigen Fluges balancierte eine schwergewichtige Matrioschka den randvoll gefüllten Pinkeltopf ihrer Kinder durch die schmale Gangway. Jedes Mal, wenn sie schwankend (ihre Füße waren zu klein für ihren Körperumfang) anrollte, warf ich mich über meine Sitznachbarin.

Heimweh (nostalgia)

Montag, 11. August 2008

Gestern traf ich hier zwei Italiener, die mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs waren. Ich weiß nicht, warum, aber kaum sprachen wir zwei Minuten, redeten wir über das Essen, wir träumten von Spaghetti mit Tomaten und Basilikum und sprachen darüber, dass pelmeni schwer verdaulich sind. Als ich die Italiener reden hörte, fiel mir der Einzug der italienischen Olympia-Mannschaft wieder ein, kaum ein Dutzend – und die einzigen, die nicht in der Lage waren, eine Schrittfolge einzuhalten, weil sie vor Freude außer sich waren. Als ich sie sah, wollte ich sofort Italienerin sein.

I-phone

Montag, 11. August 2008

Wäre ich auf das Ding angewiesen, ich hätte mich hier in Sibirien in den Baikalsee gestürzt. Jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme, fühle ich mich wie ein Modeopfer, als trüge ich Dreiviertelhosen, wohl wissend, dass Dreiviertelhosen kurze Beine machen.

Leni Riefenstahl in Sibirien

Freitag, 08. August 2008

Vielleicht liegt es daran, dass die Welt von einem sibirischen Hotelzimmer aus anders aussieht, hier jedenfalls, wenn das Neonlicht von der Straße hereinblinkt und auf die dicke Polstergarnitur fällt, werde ich schwach. Der Fernseher überträgt ein verschneites Bild von der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele – auf Russisch selbstverständlich und ich, was mache ich? Ich verschwende keinen Gedanken an Tibet oder Menschenrechte, mir ist auch jeder Dopingskandal egal, ich bin bewegt von fähnchenschwingenden Athleten.

Sommerlektüre

Montag, 21. Juli 2008

Wie es Yasmina Reza geschafft hat, in Frühmorgens, abends oder nachts zu zeigen, dass Sarkozy eine Romanfigur ist – mit dem kalten Auge des Schriftstellers, der dennoch immer mit seinen Figuren mitleidet – das verdient Respekt. Ein Buch voller messerscharfer Beobachtung, brilliant belauschten Dialogen und Sätzen, die man sich hinter den Spiegel stecken will, etwa über den Anti-Sarkozy-Aufruf linker intellektueller: “Warum, aufgrund welcher merkwürdigen Eingebung, wollen Menschen, deren Lebenssinn in der Fantasie liegt, deren Freiheit und manchmal Ruhm darin besteht, den Zwängen der Vernunft entkommen zu sein, unbedingt mit solch rasendem Ernst den Status von Intellektuellen zulegen?”

Träum von mir, wenn es schneit (Sognami se nevica)

Samstag, 24. Mai 2008

Ok, mein Palermitanischer Taxifahrer fand das Lied von Biagio Antonacci schon letztes Jahr überflüssig, als es ein Hit war. Aber wen juckt es, was Palermitanische Taxifahrer denken, ich finde es bis heute schön, weil es in Italien, wo es so selten schneit, das ultimative Lied von der unerfüllten Liebe ist.

Auf dass dieses Lied bei dir ankommen
und dich dahin bringen möge,
wo nichts und niemand zuhören wird
ich werde das Lied mit wenig Stimme singen,
flüsternd, auf dass es bei dir ankommt, bevor du einschläfst

Und wenn du von mir träumen wirst
werde ich vom Himmel fallen
und wenn du fragen wirst
dann werde ich von hier oben antworten
und wenn du Traurigkeit und Leere fühlen wirst
werde ich sie von hier auslöschen

Träum von mir, wenn es schneit
Träum von mir, ich bin eine Wolke
Ich bin Wind und Sehnsucht
Ich bin da, wohin du gehst

Che questa mia canzone …. arrivi a te
ti porterà dove niente e nessuno l’ascolterà
la canterò con poca voce … sussurrandotela
e arrivirà prima che tu…… ti addormenterai….

E se…… mi sognerai
Dal cielo cadrò
E se …..domanderai….
Da qui risponderò
E se…… tristezza e vuoto avrai
da qui ………. cancellerò

Sognami se nevica
Sognami sono nuvola
Sono vento e nostalgia
Sono dove vai…..

E se mi sognerai
Quel viso riavrò
mai più..mai più quel piangere per me
sorridi e riavrò

Sognami se nevica
Sognami sono nuvola
Sono il tempo che consola
Sono dove vai…..

Rèves de moi amour perdu
Rèves moi, s’il neigera
Je suis vent et nostalgie
Je suis où tu vas

Sognami mancato amore
La mia casa è insieme a te
Sono l’ombra che farai
Sognami da li……….

Il mio cuore è li….

Freitag, 11. April 2008

Nachtrag zur Schicklichkeit: Auf Wunsch einer Dame hier die inkriminierten Beine. Etwas unscharf, aber besser ging es nicht.

Freitag, 11. April 2008

Nachtrag zur Schicklichkeit: Auf Wunsch einer Dame hier die inkriminierten Beine. Etwas unscharf, aber besser ging es nicht.

Barbari

Donnerstag, 21. Februar 2008

Kürzlich habe ich die Ausstellung “Rom und die Barbaren” im Palazzo Grassi besucht. Sie hat mich aus verschiedenen Gründen deprimiert. Vor allem, weil ich mich mit meinem germanischen Migrationshintergrund diskriminiert fühlte. Denn im Wesentlichen besteht die Ausstellung aus verrosteten Pfeilspitzen und jeder Menge sehr grober Fibeln, Tunikaschließen und  Gürtelschnallen – wenn man sie denn als solche erkennt: Die Ausstellungsmacher verstehen sich als Puristen und verdammen jede Erklärung als populistische Anbiederung. Wenn man also auf eine beliebige Vitrine blickt und nichts anderes sieht als rostige Metallstückchen oder, wenn man Glück hat, die Büste einer Germanengottheit, die den Eindruck erweckt, als hätte sie ein Kind aus Fimo geknetet – dann möchte man Türke sein oder Iraker, aber keine Person mit germanischem Migrationshintergrund. Die Römer tranken Wein aus irisierenden Kelchen und entspannten sich in den Thermen, und die Barbaren kriegten nicht mal eine Gürtelschnalle hin. Mich persönlich haben schon als Kind die Externsteine deprimiert. Als mich so eine plumpe germanische Gürtelschnalle anblickte, fiel mir glücklicherweise ein, dass ich im Grunde keine wirklich hundertprozentige Germanin bin, weil meine Mutter aus Schlesien kommt und mein Vater aus Ostpreussen, und in Ostpreussen lebten die Pruzzen, ein, wie ich den Quellen entnehme, sesshaftes, gastfreundliches und arbeitsames Volk. Es dachte nicht im Traum daran, sich an der Völkerwanderung zu beteiligen und ließ die germanischen Stämme, speziell die Goten und Vandalen, ungerührt an sich vorbeiziehen. 

Glücklicherweise kann diese niederschmetternde Ausstellung nicht von sich behaupten, erfolgreich zu sein – außer ein paar Schulklassen, die von ihren Lehrerinnen durch die Säle gepeitscht wurden, war außer mir kein einziger Besucher zu sehen. Was Segen ist und Fluch zugleich, denn wenn diese Ausstellung kein Erfolg wird, könnte Herr Pinault, der Besitzer des Palazzo Grassi, wieder auf die Idee kommen, einen weiteren Teil seiner schier unerschöpflichen und bedauerlichen Kunstsammlung auszustellen.
Wenn ich an Jeff Koons’ Luftballonhunde denke, waren die Barbaren eine Erleichterung.